Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.11.2022 - Film

Blick aus dem Abgrund: "Il Buco" von Michelangelo Frammartino

Im taz-Gespräch erzählt Filmemacher Michelangelo Frammartino von den haarsträubenden Dreharbeiten zu "Il Buco", der die Expedition in die kalabrische Höhle Abissa del Bifurto aus dem Jahr 1961 nachstellt. Diese Höhle ist ein wahres Biest von einem Abgrund: Dem Regisseur wurde dabei "bewusst, dass es noch immer eine unsichtbare Grenze gibt zwischen der bekannten Welt und dem Unbekannten oder vielmehr Unbegreiflichen. Wir Menschen waren schon überall auf diesem Planeten, nur im Innersten gibt es noch Unentdecktes. ... Meine Co-Autorin Giovanna Giuliani und ich wollten die Höhle bis zum letzten Punkt sehen, 700 Meter tief, zumindest einmal. Das war 2017 nach einem Training von drei Monaten, und wir brauchten 20 Stunden. Es war eine furchtbare Erfahrung, weil wir nicht geübt genug waren."

Anlässlich der Veröffentlichung von Claudius Seidls Biografie über Helmut Dietl erinnert sich Filmproduzent Günter Rohrbach in der SZ ein wenig melancholisch an die Siebziger, als er als WDR-Filmredakteur zwar das komplette Film-München fürs eigene Programm abwerben konnte - nur eben diesen Dietl nicht. "Er, der Urmünchner, hatte nichts zu tun mit den ambitionierten, volltönenden, teils großmäuligen Matadoren." Er "verdingte sich in einer Nische des Bayerischen Rundfunks, dem Vorabendprogramm." Dort waren "große Bilder kaum möglich, aber um sie ging es Dietl da (noch) nicht. Es war die Sprache, die den Reiz ausmachte, diese wunderbare Schwerelosigkeit, die das Bayerische in seiner Münchner Domestizierung einnehmen kann."

Die Zeit des Berliner Filmhauses am immer schon unwirtlich gewesenen Potsdamer Platz geht sichtlich ihrem Ende entgegen: Die Verträge laufen 2025 aus, das altehrwürdige Kino Arsenal hat gestern angekündigt, künftig (und nach aufwändigen Umbauarbeiten) im Weddinger Kulturquartier Silent Green, wo bereits das eigene Filmarchiv lagert, Unterschlupf zu finden. "Das Arsenal im Wedding?", fragt sich Christiane Peitz im Tagesspiegel. "Warum nicht. ... Das auf Filmkunst und Klassiker spezialisierte Kino hätte dann wieder einen lebendigen Kiez drumherum, mit Kneipen, Ausgehmöglichkeiten und bestimmt auch filminteressierten Anwohner:innen in der Nachbarschaft - ähnlich wie in seinen Anfangsjahren in der Schöneberger Welserstraße." Zeitlich eng wird es übrigens für das Filmmuseum: Ob der Umzug in die Nachbarschaft des Gropius-Bau zeitlich hinhaut, ist mehr als fraglich. Das dafür nötige Gebäude müsste ja überhaupt erst noch gebaut werden.

Weitere Artikel: Shirin Neshat spricht im Interview mit dem Tagesspiegel  über ihren (in der FAZ besprochenen) Film "Land of Dreams" (mehr dazu bereits hier). Auf ZeitOnline porträtiert Julia Lorenz Saralisa Volm, die einst als Schauspielerin bei Klaus Lemke debütierte, sich seitdem als Produzentin eigenwilliger Filme einen Namen gemacht hat und mit "Schweigend steht der Wald" nun ihr Debüt als Regisseurin vorgelegt hat. Dem Wiener Publikum legt Standard-Kritiker Bert Rebhandl die Reihe zum Frühwerk von Hong Sangsoo im Filmmuseum ans Herz. Aus der Broschüre zum Hamburger Filmfest nimmt Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland eine Bemerkung des argentinischen Kurators Roger Koza mit, das lateinamerikanische, aber auch das globale Kino sei "zu kodifiziert und zu bequem geworden". Auf Artechock gratuliert Rüdiger Suchsland Edgar Reitz zum 90. Geburtstag. Im Filmdienst wirft Chris Schinke einen Blick auf 50 Jahre HBO.

Besprochen werden unter anderem Pola Becks Verfilmung von Olga Grjasnowas Roman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" (ZeitOnline)  und Hans-Christian Schmids "Wir sind dann wohl die Angehörigen" über die Reemtsma-Entführung (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.11.2022 - Film

In Berlin gab eine Veranstaltung Einblick in Wolf-Rüdiger Knolls und Andreas Malychas Recherchen zu Alfred Bauers Nazi-Vergangenheit. Wie die Zeit vor wenigen Jahren einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte, war der erste Berlinale-Leiter im nationalsozialistischen Film als Funktionär durchaus keine Randfigur. Immerhin in einer Hinsicht kann Entwarnung gegeben werden, berichtet Julia Hubernagel in der taz: Bauer habe kein braunes Festival aus der Taufe gehoben. "Das Filmprogramm habe der Tendenz der frühen Bundesrepublik entsprochen, unpolitische Filme zu zeigen, sagt er, auf die Blütezeit des Heimatfilms in den 1950er Jahren verweisend. Eine Ausnahme stelle der Fall Ritter dar. Bauer schlug in den Anfangstagen der Berlinale einen Film des Naziregisseurs Karl Ritter (die 'Nummer zwei hinter Veit Harlan', laut Knoll) vor; allerdings ohne Nennung des Namens. Die Senatsverwaltung lehnte das vehement ab."

Bemerkenswert ist dann aber doch der Befund, dass die Senatsverwaltung seinerzeit durchaus wusste, es mit einem Braunbär im Schafspelz zu tun zu haben, berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel. Interessant sei im weiteren "der Blick auf die Berlinale als Mikrokosmos der jungen Bundesrepublik. Wie arbeiteten sie in der Gründungsphase zusammen, NS-Funktionäre (zu denen auch die Filmfunktionäre Oswald Cammann und Günter Schwarz gehörten), Widerstandskämpfer wie Theodor Baensch, Holocaust-Überlebende, Remigranten und Vertreter der Siegermächte? ... Wie konnte die Berlinale mit einem NS-belasteten Direktor ein 'Schaufenster der freien Welt' werden, ein Leuchtturm der Demokratie und Weltoffenheit? Welches Leid, welchen Schmerz müssen die NS-Opfer bei der Kooperation mit NS-Tätern empfunden haben?"

Mit roten Ohren las Georg Seeßlen Quentin Tarantinos Filmbuch "Cinema Speculation", in dem der Filmregisseur erzählt, welche Filme und haarsträubenden Kinoerlebnisse ihn in den Siebzigern zu dem gemacht haben, der er heute ist: "Kino, das ist Heimat, und das ist Familie", schreibt Seeßlen auf ZeitOnline. "Aber es ist für Quentin Tarantino noch etwas ganz anderes. Die Wahrheit, 24-mal in der Sekunde. Filme müssen dorthin gehen, wo es wehtut, sonst taugen sie nichts. Und an diesem Leitfaden von Vertrautheit und Provokation sortiert der nun selbst erwachsene Regisseur seine Kino- und Filmerfahrungen. Zu lernen gibt es dabei immer was. ... Dieses Buch ist wie ein Tarantino-Film: scheinbar naiv und ein bisschen willkürlich an der Oberfläche, ziemlich raffiniert und gebrochen im Inneren." Übrigens, einen eigenen Podcast, in dem er mit Freunden Filme von VHS sichtet, hat Tarantino seit kurzem auch.

Weiteres: Endlich wird das Internet zum Privatfernsehen der Neunziger, denn die Streamingdienste werden sich künftig wohl mit Werbeblöcken finanzieren, glaubt Wilfried Urbe in der taz. Besprochen werden Pola Becks Verfilmung von Olga Grjasnowas Roman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" (Tsp), Lila Neugebauers "Causeway" mit Jennifer Lawrence' Comeback im Indiefilm (Freitag), Hans-Christoph Schmids "Wir sind dann wohl die Angehörigen" nach dem Buch von Johann Scheerer (Welt) und die Serie "The Bear" (BLZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.11.2022 - Film

Große Kunst im Angesicht des Ernsts der Lage: "Amsterdam"

Komödienspezialist David O. Russell "fährt in seinem Film 'Amsterdam' ein imposantes Starensemble auf, um eine faschistische Verschwörung gegen Amerika zu vereiteln", schreibt Thekla Dannenberg im Perlentaucher. Es geht um einen Plan im Jahr 1933, als Industrielle Roosevelt stürzen wollten. "Der Film ist Hommage an Lubitsch, aber auch Agententhriller und Film-Noir-Parodie, mit ein wenig Dada, aber auch Harlem-Spirit. Lange hat sich Hollywood nicht mehr zu einer Komödie aufgerafft, die sich mit so viel Verve, Sarkasmus und Slapstick dem Ernst der Lage stellt. ... Doch die Schlagfertigkeit und die Komik der Screwball-Comedy hat er nicht. Auch nehmen die vielen Großaufnahmen seines Starensembles dem Film das Tempo. Der Witz liegt diesmal in seiner grundsätzlichen Cleverness, der Doppelbödigkeit und dem Anspielungsreichtum."

Für Bert Rebhandl von der FAZ "liegt gerade in dieser im Detail ungeheuer präzise choreografierten Unfertigkeit das Genie" des Films, für ihn "ein Beweis dafür, dass zwischen all den Superheldenfilmen und viel dramatischer Dutzendware immer noch genuine Begabungen im amerikanischen Kino existieren." So ist dieser Film "eine moderne Komödie, ein großartiges Spiel mit der Form, auch ein lustvolles Versagen vor der unlösbaren Aufgabe, den heutigen politischen Verhältnissen in Amerika gerecht zu werden. Ein Akt von Zivilcourage vielleicht sogar, dabei im Detail in jeder Sekunde unterhaltsam, und immer wieder richtig große Kunst." SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh hat viel Freude an diesem "Gesamtkunstwerk aus Klang und Esprit, wundersamen Bildern und Schauspielern in Höchstform". Und Zeit-Kritiker Daniel Moersener sah "ein Plädoyer für filmemacherischen Eigensinn und solidarische Politik in schwer durchschaubaren Zeiten".

Bildgewaltig und minimalistisch: "Land of Dreams"

Shirin Neshats "Land of Dreams" wandelt auf Luis Bunuels Spuren, schreibt Daniel Kothenschulte in der FR - was auch damit zu tun haben könnte, dass hier das letzte Drehbuch von Jean-Claude Carrière verfilmt wurde, der oft mit dem spanischen Surrealisten zusammenarbeitete: In einer dystopischen Variante der USA geht hier die iranischstämmige Simin auf von den Behörden gesteuerte Traumjagd: "Was für eine finster-poetische Idee ist diese Diktatur der Traumsammler. So gewaltlos die Behörde auch vorgeht, wenn sie ihre Außendienstmitarbeiterin an Wohnungstüren klopfen lässt, so radikal ist die Grenzüberschreitung. Vermutlich sind die Träume bald das Einzige, was digital organisierte Tyranneien wie etwa die Volksrepublik China nicht von ihren Untertanen kennen. Man muss nicht an das US-Pendant der russischen Oligarchen denken, an die milliardenschweren Informations-Monopolisten Bezos und Musk, um diese surreale Komödie bei aller Leichtigkeit bitter ernst zu nehmen." Die Filmemacherin hat sich am Ende vielleicht ein wenig überhoben, findet Perlentaucher Fabian Tietke. Dennoch: "Über weite Strecken ist "Land of Dreams" ein eindringlicher, bei allem Minimalismus bildgewaltiger Film."

Außerdem: Taz und Dlf Kultur sprechen mit Hans-Christian Schmid über dessen (in FR und FAZ besprochenen) Film "Wir sind dann wohl die Angehörigen" über die Reemtsma-Entführung. In der Welt fasst Hanns-Georg Rodek die Nachforschungen zum ersten Berlinale-Leiter, Alfred Bauer, zusammen, die nötig geworden waren, weil Bauers Rolle im Film des Nationalsozialismus nach Zeit-Recherchen auch einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden war: Unter anderem geht aus den Recherchen wohl hervor, dass Bauers Nazivergangenheit bis hinauf zu Willy Brandt wohl mehr oder weniger ein offenes Geheimnis gewesen sein dürfte - und 1953 und 1960 auch angesprochen wurde. Stefan Weiss fragt sich im Standard, ob der Netflix-Film "Athena" in Linz Halloween-Randale inspiriert habe und dazu im Vorfeld auf TikTok aufgerufen wurde.

Besprochen werden Oleg Senzows "Rhino" (Tsp, mehr dazu hier und dort), Quentin Tarantinos essayistisches Filmbuch "Cinema Speculation" (NZZ), Yvan Attals Gerichtsdrama "Menschliche Dinge" (Tsp), und die DVD-Ausgabe von Charline Bourgeois-Tacquets "Der Sommer mit Anais" (taz) und . Außerdem weiß die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.11.2022 - Film

Die Kerle mit den Fäusten: "Rhino" über die Ukraine der Neunziger


In der SZ spricht der ukrainische Filmemacher Oleg Senzow über seinen Gangsterfilm "Rhino", der diese Woche startet. Der lange in Russland inhaftierte und derzeit im Krieg an der Front kämpfende Regisseur spricht über seine Erfahrungen: "Es ist ein Film über unsere Vergangenheit, die Neunzigerjahre in der Ukraine, das hat sich nicht verändert. Aber ich habe mich verändert, mein Blick. Ich habe im Gefängnis so viele Jahre mit echten Killern, echten Gangstern zusammengelebt, dass ich diese Menschen jetzt sehr gut verstehen kann. Der Film ist realistischer geworden. ... Es ist ein Grundgedanke des Films, dass die Nation dieser Zeit verdammt war. Weil starke Männer wie Rhino keine Wahl hatten, weil das eine Land, die Sowjetunion, zusammengebrochen war, und das andere Land, die Ukraine, noch im Aufbau. Das war keine Zeit für Vertrauen und Verständnis. Als die eine Macht in sich zusammenfiel, in dieser großen Leere kamen die Kerle mit den Waffen und Fäusten an die Macht."

Außerdem: In der Deutschen Kinemathek wurde vergangene Woche über die Darstellung von Gewalt an Frauen in Film und Fernsehen diskutiert, berichtet Susan Vahabzahdeh in der SZ: Den Anlass bot eine Studie zum Thema, die den Anstalten und Produzenten ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis ausstellte: Zu oft sei die Gewalt selbstzweckhaft oder zu fetischisiert. In der FAS erinnert Claudius Seidl an Helmut Dietl, über den er gerade eine Biografie verfasst hat. Besprochen werden Hans-Christian Schmids "Wir sind dann wohl die Angehörigen" über die Reemtsma-Entführung (online nachgereicht von der FAS) und der Agatha-Christie-Spaß "See How They Run" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.11.2022 - Film

Peter Beddies spricht für die Welt mit der iranischen Schauspielerin Donya Madani, die gerade bei den Hofer Filmtagen ihren Kurzfilm "Noghreh" vorstellt. Ausreisen durfte sie aus ihrem Heimatland nur unter der Auflage, dass sie in Deutschland mit Kopftuch auftreten würde - was sie zusagte, um bei ihrem Auftritt den Hof die Auflage zu brechen. "Es war keine Aktion, die ich lange vorher geplant hatte. Als mir der Ausweis weggenommen wurde, da machte es in mir Klick! Da wusste ich, dass ich nicht länger eine Person sein kann, die sich an solche Auflagen hält. Ich sollte mein Leben ändern. Ich sollte kämpfen! ... " Aber: "Ich will auf jeden Fall zurück in mein Land. Hoffentlich werde ich es überleben." Ihr Film steht im kostenpflichtigen Video-on-Demand-Angebot des Festivals.

Edgar Reitz wird neunzig Jahre alt. Seine durchaus autobiografisch angefärbte "Heimat"-Saga steht wie ein einsamer Monolith in seinem Schaffen, aber auch in der deutschen Film- und Fernsehgeschichte, schreibt Sandra Kegel in der FAZ. In der 3sat-Mediathek ist zumindest der erste Zyklus aus den Achtzigerjahren zu finden. "Den dieser Chronik innewohnenden Widerspruch, dass der junge Reitz so schnell wie möglich wegwollte aus der Enge dieser Provinz, um sich dann filmisch ein halbes Leben lang damit auseinanderzusetzen, macht er seit fast so lange und auf ähnliche Weise produktiv wie die französische Autorin Annie Ernaux in ihrem autofiktionalen Werk." Christiane Peitz würdigt Reitz im Tagesspiegel als einen, der "mit seiner unverwechselbaren Mischung aus Unbekümmertheit und Geduld Barrieren überwand - für Serien lange vor dem Streaming, für einen archaischen Dialekt, den das Publikum versteht, oder ein Filmset, für das ein komplettes historisches Dorf gebaut wurde". Dlf Kultur hat mit dem Filmemacher ein aktuelles Geburtstagsgespräch geführt. In den Archiven der Sender finden wir außerdem Gespräche beim SWR, WDR und BR. Vor kurzem erschien auch seine Autobiografie.

Besprochen werden Hans-Christian Schmids "Wir sind dann wohl die Angehörigen" über die Reemtsma-Entführung aus Sicht des Sohns (Tsp, Jungle World), die in Görlitz entstandene Serie "Ze Network" mit David Hasselhoff (ZeitOnline), Tom Georges Agatha-Christie-Parodie "See How They Run" (Tsp), Parker Finns Horrorfilm "Smile" (NZZ), die Netflix-Serie "The Playlist" über die Geschichte von Spotify (taz) und die von der ARD online gestellte Heimatserie "Höllgrund" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.10.2022 - Film

Das Dowschenko-Zentrum in Kiew ist das bedeutendste Filmarchiv der Ukraine - und nun nicht nur der Gefahr durch russische Bomben ausgesetzt, sondern auch durch Angriffe seitens der Politik, berichtet Valeriia Semeniuk im Tagesspiegel: Das in den letzten Jahren international erfolgreiche Zentrum solle umstrukturiert werden, im Zuge aber auch seine Sammlung verlieren. "Bei dem Konflikt geht es um tiefgreifende Umstrukturierungen und Eigentumsrechte am Gebäude", so "wurde kürzlich bekannt, dass der Staatliche Eigentumsfonds zwei der vier Gebäude des Zentrums privatisieren will. Das Grundstück, auf dem sich die Gebäude befinden, ist für Bauherren attraktiv, in unmittelbarer Zentrumsnähe entsteht derzeit ein luxuriöses Hochhaus. ... Offiziell geht es 'nur' um die Reorganisation, nicht um die Auflösung des Zentrums. Die Beamten glauben, dass es viel mehr Geld ausgibt, als es einnimmt. Aber die finanziellen Gründe leuchten nicht ein, denn statt des Zentrums soll es künftig drei Organisationen für das Filmerbe geben, das dürfte den Staat kaum weniger kosten."

Weiteres: In der FAS legt uns die Schriftstellerin Ronya Othmann Mano Khalils kurdisches Drama "Nachbarn" ans Herz, in dem sie auch ihre eigenen Lebenserfahrungen wiedererkennt. Fatih Akins von deutschen Kritikern fast einhellig verrissenes Xatar-Biopic "Rheingold" ist "deutscher, als ihnen lieb ist", findet Andreas Scheiner in der NZZ. In der Berliner Zeitung empfiehlt Claus Löser das Berliner Festival "Litauisches Kino Goes Berlin". David Steinitz portätiert in der SZ die Schauspielerin Léa Seydoux, die ab 10. November in David Cronenbergs "Crimes of the Future" zu sehen ist. Die Berliner Zeitung dokumentiert Peter-Michael Diestels Grabrede für Wolfgang Kohlhaase. In der SZ gratuliert Philipp Stadelmaier Edgar Reitz zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden Sara Dosas Vulkanologenporträt "Fire of Love" (Tsp, unsere Kritik), die neue Staffel von Mike Whites Serie "The White Lotus" (FAZ), die HBO-Fantasyserie "House of the Dragon" (NZZ), die Netflix-Horrorserie "Midnight Mass" (ZeitOnline) und George A. Romeros Horrorklassiker "Die Nacht der lebenden Toten" aus dem Jahr 1968, der nun restauriert wieder in die Kinos kommt (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.10.2022 - Film

Auch Rüdiger Suchsland auf Artechock ist von Saralisa Volms Regiedebüt "Schweigend steht der Wald" (hier unser Resümee) umgehauen und überzeugt, dass das "einer der besten deutschen Filme dieses Jahres ist. Vielleicht sogar der allerbeste. Gerade auch, weil er nicht perfekt ist, weil er gar nicht perfekt sein will, weil er aber mit sich im Reinen ist, sich treu ist und weil er alle möglichen Türen aufmacht zu weiteren Filmen, die ich zumindest wahnsinnig gerne sehen würde. ... Dieser Film zeigt, was fehlt, und verzichtet ganz auf jene gesittete bürgerliche Langeweile, in der es sich der deutsche Film sonst so gern gemütlich macht."

Juliane Liebert berichtet in der SZ von ihrem Treffen mit Werner Herzog in Berlin, der ihr unmissverständlich klar macht, wo in Deutschland das wilde, ungeschlachte Leben pulsiert: "Anarchie ist in Bayern zu Hause, nicht im Ruhrgebiet und nicht in Halle an der Saale und auch nicht in Berlin." Auch ansonsten ist er rustikal auf Krawall gebürstet: Er findet fast alles, was einem in Kino und TV geboten wird, schlecht. "Wenn Sie mit der Fernbedienung zappen... Sie erkennen sofort: Das ist Werbung, das ist ein Fußballspiel, das ist ein Heimatfilm, das ist eine 'Tatort'-Serie. Innerhalb von fünf Zehntelsekunden wissen Sie, was es ist, und Sie wissen: Ich bleibe nicht dabei, es ist schlecht. In fünf Zehntelsekunden wissen Sie es. Und wir wissen es alle. Nur wenn es einer ausspricht, wie ich, dann werden die Medien auf einmal ganz emsig, wie Bienenschwärme. Da sagt ja jemand etwas ganz Ungebührliches!" Filmdienst und Artechock besprechen dazu passend Thomas von Steinaeckers Porträtfilm "Werner Herzog - Radical Dreamer", der diese Woche anläuft.

Weitere Themen: Marius Nobach berichtet im Filmdienst von den Hofer Filmtagen. Rüdiger Suchsland erzählt auf Artechock von seinen ersten, eher filmfernen Eindrücken von der Viennale: "Massage im Hotelzimmer; ist das, wenn sechs Leute dabei sind, eine Orgie, oder ein kontrollierter Safe Space?" Axel Timo Purr spricht für Artechock mit dem Kinobetreiber Claus Hadenfeldt, der in der rheinhessischen Provinz tapfer der Kinokrise trotzt. Und auch in Frankreich ist man entsetzt über den Sinkflug des Kinos - unser Resümee in der Debattenschau.

Besprochen werden  neue Architektur-Filmessays von Heinz Emigholz, die beim Festival Dok.Leipzig gezeigt wurden (critic.de), eine Publikation zum Kongress "Zukunft Deutscher Film" (Artechock), Sara Dosas Porträtfilm "Fire of Love" über das Vulkanologen-Ehepaar Katia und Maurice Krafft (Filmdienst, unsere Kritik hier), Halina Reijns Horrorfilm "Bodies Bodies Bodies" (Artechock, unsere Kritik hier), Fatih Akins Biopic "Rheingold" über den Rapper Xatar (Standard, Artechock, mehr dazu hier), Nicholas Stollers schwule RomCom "Bros" (Artechock, critic.de, mehr dazu hier), Carlota Peredas "Piggy" (Artechock) und Edward Bergers auf Netflix gezeigte Remarque-Verfilmung "Im Westen nichts Neues", die laut SZ-Kritiker Hubert Wetzel der Vorlage "leider nur auf eine sehr flüchtige Art nahekommt".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.10.2022 - Film

Als würde die Welt gleichzeitig auf- und untergehen: "Fire of Love" von Sara Dosa

Das Vulkanologen-Ehepaar Katia und Maurice Krafft, 1991 bei einem Ausbruch ums Leben gekommen, hinterließ ein umfangreiches Archiv mit teils schier überwältigenden Aufnahmen. Gleich zwei Filmemacher schöpfen mit vollen Händen daraus: Werner Herzog in "Die innere Glut" (derzeit online bei Arte) und die Anthropologin Sara Dosa, der mit "Fire of Love" der "schönere und umfassendere Film gelungen" ist, wie Patrick Holzapfel im Perlentaucher schreibt, nachdem er sich mit dem Enthusiasmus eines jugendlichen "Was ist Was"-Lesers in den Magmafluss dieser Bildwelten gestürzt hat. "Tatsächlich kann man manchmal kaum fassen, was man da sieht und vor allem, wie nah die beiden Forscher an dieses Unfassbare treten. Die Kraffts dokumentierten die Naturerscheinungen und ihre Arbeit, um besser zu verstehen und anschaulicher kommunizieren zu können. Das wird klar in einem in der Originalversion von Miranda July eingesprochenen Voice-Over, der immer so klingt, als würde die Welt gleichzeitig auf- und untergehen."

Vom Kleinkriminellen zum Rapstar: Fatih Akins "Rheingold"

Fatih Akins "Rheingold", ein lose an der historischen Realität orientiertes Biopic über den Gangster und Rapper Xatar, fällt bei der Kritik durch. "Kinoästhetisch belanglos und erzählerisch lapidar", findet FAZ-Kritiker Daniel Haas den Film. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte vermisst den aufbrausenden Kinomaniker Akin, dem früher alle Festivals zu Füßen lagen: Dem Film fehle "bei allem Unterhaltungswert eben über weite Strecken jene besondere Freiheit im Ausdruck, dieser beißende Glanz, der Akin zu einem der wenigen Weltstars unter deutschen Regisseuren gemacht hat. Bevor erst im letzten Akt des Films Hip-Hop überhaupt ein Thema wird, überhöht der Film mit großen Gesten den nicht wirklich interessanten Karrierismus eines aufstrebenden Kleinkriminellen." Es "vermischt sich das Banale mit dem gewollt Heroischen". In der Welt führt Hanns-Georg Rodek durch das Straftatenregister des Rappers und sieht "einen Film übers Flüchten, übers Erwachsenwerden, übers Dealen, übers Musikmachen, über einen großen Coup. Darin liegt letztlich auch das Unbefriedigende an Akins Film, dass er zu verliebt in seine Action-Elemente ist, um den Musiker zu erklären".

Weitere Artikel: Andreas Scheiner spricht für die NZZ mit Werner Herzog, über den diese Woche ein Porträtfilm von Thomas von Steinaecker in den Kinos anläuft. Besprochen werden Halina Reijns Horrorfilm "Bodies Bodies Bodies", an dessen Humor Perlentaucher Rajko Burchardt sehr viel Freude hat, Nicholas Stollers schwule RomCom "Bros" (ZeitOnline, mehr dazu bereits hier) und die auf Amazon gezeigte SF-Serie "Peripherie" nach dem gleichnamigen Roman von William Gibson (Freitag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.10.2022 - Film

When Bobby met Aaron: "Bros"

Mit "Bros" legt Nicholas Stoller vielleicht nicht unbedingt die erste schwule romantische Komödie der Filmgeschichte vor, aber die erste im Kontext einer Hollywood-Produktion. "Nie zuvor dürften sich nichtheterosexuelle Figuren im Mainstreamkino derart konsequent innerhalb eigener Sinnzusammenhänge, einem eigenen queeren Kosmos, bewegt haben", schreibt Arabelle Wintermayr in der taz und lobt die Selbstverständlichkeit des Films, die sie damit allerdings auch wieder ein bisschen unterwandert. Unklar ist dem Publikum ihrer Ansicht nach allerdings, "ob es sich grundsätzlich um eine erstrebenswerte Entwicklung handelt, dass queere Liebesgeschichten in den gleichen Kontexten verhandelt werden wie heterosexuelle. Man kann darin einen Schritt in Richtung begrüßenswerter Gleichbehandlung sehen. Oder aber bedauern, dass sie damit letztlich weiter genauso trivialisiert, in gleichem Maße kommerzialisiert werden."

Nur die Liebe zählt, das ist das Hollywood-Credo schlechthin, schreibt Bert Rebhandl in der FAZ - und in "Bros" ist es bei den beiden Hauptfiguren Liebe auf den ersten Blick: "Zwischen Bobby und Aaron funkt es ein bisschen, sie sehen sich tief in die Augen, und dann macht die Kamera einen Schritt zurück, um offenzulegen, dass sich gleichzeitig zwei weitere Männer gerade oral bei Bobby betätigen. Gruppensex und zweisame Intimität müssen danach erst allmählich zueinander in ein Verhältnis gebracht werden. Das ist zwar keine Herausforderung, vor der nur schwule Männer stehen, aber Eichner macht mit vielen geschickt platzierten Details deutlich, wie stark in einer Stadt wie New York die Promiskuität alles durchwirkt." Im Tagesspiegel fragt sich Jan Künemund, warum der Film in den USA an den Kassen gefloppt ist - was ihn wundert, denn der Film ist einfach "wahnsinnig witzig". Nicht nur als Genrefilm läuft die Gagmaschinerie des Films gut geölt, der eigentliche "Witz liegt in 'Bro' woanders: Die Prämisse des Genres RomCom ist niemals queer." Komiker Billy Eichner ist denn auch "zu sehr brillanter Analytiker der queeren Szenen, deren Sehnsüchte nach gesellschaftlicher Teilhabe durch Anpassung er freilegt, als dass er solche heteronormativen Genrevorgaben eins zu eins umsetzen würde."

Weitere Artikel: Die im Spiegel in einer Reportage artikulierten Vorwürfe gegen Ulrich Seidl könnten von Seilschaften lanciert worden sein, kann sich Manfred Klimek nach seiner auf Welt+ veröffentlichten Recherche in der (sich allerdings sehr verschlossen gebenden) österreichischen Filmszene zumindest vorstellen und wünscht sich, dass Seidl "seine Recherchen in eigener Sache, zu welchen auch die Tonaufnahmen mit den betroffenen Roma-Familien zählen, mit der Öffentlichkeit teilt". Andreas Kilb (FAZ) und Maurizio Ferraris (NZZ) gratulieren dem Schauspieler und Regisseur Roberto Benigni zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Thomas von Steinaeckers Porträtfilm "Werner Herzog - Radical Dreamer" (Tsp, taz), Faith Akins Biopic "Rheingold" über den Rapper Xatar (FAZ), Halina Reijns Meta-Millenial-Horrorfilm "Bodies Bodies Bodies" (Tsp), eine Berliner Ausstellung mit Fotos und Film Stills des Underground-Filmers Lothar Lambert (Tsp), Sebastian Mitres' "Argentinien 1985" (Freitag), der kollektive Dokumentarfilm "Rise Up" über linke Bewegungen (Freitag), David Wagners Coming-Out-Film "Eismayer" (Standard), Tom Georges Krimikomödie "See How They Run" (taz), zwei Bücher von Rainer Dick und Norbert Aping über Stan Laurel und Oliver Hardy (Filmdienst) und ein von Joachim Valentin und Karsten Visarius herausgegebener Aufsatzband über die Faszination des Bösen im Film (Filmdienst). Außerdem weiß die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Und große Freude beim Perlentaucher: Gleich zwei bei uns veröffentlichte Kritiken sind in diesem Jahr für den Siegfried-Kracauer-Preis für Filmkritik nominiert - Carolin Weidner mit ihrer Kritik zu Saskia und Ralf Walkers "Der Siebzehnte" und Patrick Holzapfel für seine Kritik zu Ulrike Frankes und Michael Loekens Dokumentarfilm "We are all Detroit". Wir drücken alle Daumen!

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.10.2022 - Film

Henriette Confurius im schweigenden Wald

In Saralisa Volms Regiedebüt "Schweigend steht der Wald", einer Adaption von Wolfram Fleischhauers Thriller gleichen Namens, geht es um "die Mechanismen kollektiven Verdrängens", schreibt Sofia Glasl in der SZ. Im Oberpfälzer Wald deckt eine junge Frau mit dem sprechenden Namen Anja Grimm dunkle Geheimnisse auf. Der Film "baut geduldig ein Unbehagen beim Zusehen auf", mit Volms "beeindruckend selbstsicherem Regiedebüt" lässt sich gar "eine neue Märchenerzählerin im Land" ausrufen: Der Film "ist immer dann besonders effektiv, wenn die Symbolebenen ineinander verschwimmen. Die assoziative Bildsprache zwischen mikroskopischen Naturaufnahmen und Erinnerungsfetzen aus Anjas Kindheit beschwört unaussprechliche Dämonen, die nicht nur mit Anjas eigener Geschichte zu tun haben. So deutet sie Zusammenhänge an, die unterhalb der Ebene des Erzählbaren liegen."

Außerdem: David Schmitz ärgert sich in der SZ darüber, dass die Netflix-Serie "The Crown" künftig wohl mit einem Warnhinweis versehen wird, dass die gezeigten Schilderungen von der jüngeren Geschichte des britischen Königshauses lediglich inspiriert sind, aber nicht in allen Details der Wahrheit entspricht. Andreas Mayer wirft für den Standard einen Blick auf das Leben und Werk von Werner Herzog, der in diesen Tagen die Viennale mit einem Besuch beehrt. Denise Jeitziner wirft für den Tagesanzeiger einen Blick auf die in den USA geführte Debatte, ob es legitim ist, wenn Dünne Dicke mittels eines Fatsuits spielen.

Besprochen werden die ZDF-Reihe "Himmel und Erde" mit Kurzfilmen ukrainischer Filmschaffender im deutschen Exil (FAZ), die zweite Staffel der Netflix-Serie "Barbaren" (SZ), die Serie "The Bear" (Zeit), die Arte-Doku "Das Rote Imperium" über die Geschichte der Sowjetunion (FAZ), die 3sat-Doku-Reihe "Futur Wir" (taz) und die "Star Wars"-Serie "Geschichte der Jedi" (Welt).