Wert im Gewöhnlichen

Die Filmkolumne. Von Katrin Doerksen
09.11.2022. Hong Sang-soos "Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall" folgt einer Schriftstellerin mit Schreibblockade, die einen Kurzfilm in einem Take drehen will - mit Schauspielern, die sich kennen und echte Gefühle füreinander hegen. Dabei entstehen, wenn die Einzelteile sich richtig zusammenfügen, Momente von zarter Schönheit.


Sitzen drei Leute mit Ferngläsern auf einem berühmten Aussichtsturm und rühmen den grandiosen Panoramablick auf den Han-Fluss. Die Pointe: Man sieht von der schönen Aussicht kein Fitzelchen. Weil die Belichtungszeit der Digitalkamera auf das verschattete Innere des Turms eingestellt ist, erscheinen die Fenster im Bildhintergrund lediglich als strahlend weiße Flächen. Ein bisschen ist der Moment ein Scherz auf Kosten des Publikums, zu mindestens gleichen Teilen aber auch Ausdruck des engen Rahmens, in dem Hong Sang-soo seine Filme dreht. Ohnehin visuell, erzählerisch und produktionstechnisch minimalistisch bis karg, ist "Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall" auch deutlich sichtbar unter den Bedingungen einer Pandemie entstanden. Viele Schauplätze unter freiem Himmel, häufig tragen die Figuren Masken und gegen Ende gibt es eine Szene in einem Kinosaal, in dem Absperrbänder die meisten Sitze blockieren.

Dass der fast vollständig in Schwarzweiß gedrehte Film, vielleicht sein bisher persönlichster, sich im Großen und Ganzen trotzdem nicht anders anfühlt als die vorherigen, spricht für die Konstanz der Hong-Sang-soo-Formel. "Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall" erzählt von der unter einer Schreibblockade leidenden Autorin Jun-hee (Lee Hye-young), die sich für einen Ausflug in einer fremden Stadt aufhält, um die Buchhandlung ihrer ehemaligen Studienfreundin zu besuchen. Es folgt eine Reihe zufälliger Begegnungen, unter anderem mit einem Regisseur, der einmal eines ihrer Bücher verfilmen wollte, und einer branchenmüden Schauspielerin (Kim Min-hee), die sie überredet, gemeinsam an einem Kurzfilm zu arbeiten.

Jun-hee hat noch nie einen eigenen Film gedreht, aber sie hat klare Vorstellungen: Die Schauspieler sollen einander persönlich kennen und echte Gefühle füreinander empfinden, um sich miteinander wohlzufühlen bei dem Dreh, den sie in einem einzigen Take mithilfe einer einfachen Digitalkamera über die Bühne bringen will. Auf diese Weise könne etwas Echtes entstehen, erklärt sie, auch wenn es sich nicht um einen Dokumentarfilm handele. Die Geschichte sei dabei nicht so wichtig. Nun lässt sich bei Hong Sang-soos Ausstoß von durchschnittlich zwei eigens verfilmten Drehbüchern pro Jahr schwerlich von einer Schreibblockade sprechen, abgesehen davon gibt Jun-hee jedoch so gut wie eins zu eins seine Prinzipien wieder. Die exakten Plotpoints sind in "Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall" weniger bedeutsam als die Tatsache, dass sich aus einer Situation immer irgendwie gleich die Nächste ergibt.



Dabei strahlen die Figuren alles andere als Leichtigkeit oder inhärente Freude am Schaffensprozess aus. Die kettenrauchende Schriftstellerin lebt mit ihrer kreativen Blockade und die Buchhändlerin schreibt schon lange nicht mehr selbst. Permanent liegen in ihren Gesprächen Andeutungen an frühere Streitigkeiten in der Luft, gescheiterte Zusammenarbeiten, finanzielle Zwänge, menschliche Schwächen, deren Nachwehen bis in die Gegenwart hinein die Verhältnisse prägen. Möchte man diesen Aspekt des Films biografisch lesen (auch vor dem Hintergrund des in Südkorea medial aufgeblasenen Skandals um die Beziehung von Hong Sang-soo und Kim Min-hee), erscheint einem das Ganze auf einmal furchtbar pessimistisch.

Aber Hong hat ein paar Ostereier eingebaut: Bei einem gemeinsamen Trinkgelage im Laden sind in der Auslage hinter dem Tisch deutlich sichtbar eine Reihe Bücher ausgestellt. Darunter Maria Semples "Today Will Be Different", die Geschichte einer Frau, die sich eines Tages vornimmt, sich Zeit für all die Kleinigkeiten zu nehmen, die üblicherweise im Alltagsstress untergehen: ein Outfit jenseits von Jogginghosen, Gedichte schreiben, Yoga-Stunde, einen Tag lang nicht fluchen. Was natürlich grandios scheitert. Daneben: "No Time To Spare", ein Band mit Auszügen des Blogs, den Ursula K. Le Guin in ihren letzten Jahren führte und in dem sie für ihre Verhältnisse ungewohnt irdische Themen beackert: ihren Umgang mit dem Altern, das Verspeisen von Frühstückseiern, kleine Vignetten aus dem Alltag. Ich betrachte das als zwei direkte Leseempfehlungen von Hong Sang-soo; eine Einladung, wenn schon nicht direkt Schönheit, so doch etwas von Wert im Gewöhnlichen zu finden, im Wissen darum, dass man selbst als Künstler nur jeden Tag aufsteht und versucht, sein Bestes zu geben.

Dann entstehen, wenn die Einzelteile sich richtig zusammenfügen, Momente von zarter Schönheit. Das Echte, nach dem Jun-hee/Hong sucht, und dabei ist es egal, wo die Grenze zwischen der Intention des Regisseurs und der Dynamik des Augenblicks verläuft. Die Szene mit den überbelichteten Fenstern im Aussichtsturm gehört dazu. In einer anderen Szene in einem Restaurant drückt sich ein kleines Mädchen von außen die Nase an der Fensterscheibe platt und starrt verständlicherweise Kim Min-hee an. Sie könnte dort absichtlich platziert, aber genauso gut eine zufällige Passantin sein. Und dann gibt es noch eine Sequenz am Ende des Films: Möglicherweise Jun-hees Kurzfilm. Vielleicht aber auch einfach ein Clip, der einen privaten Moment zwischen Hong und Kim einfängt, von dem ich mir vorstellen möchte, dass er der glückliche Zufall war, der den Film inspiriert hat.

Katrin Doerksen

Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall - Südkorea 2022 - OT: So-seol-ga-ui Yeong-hwa - Regie: Hong Sang-soo - Darsteller: u.a. Lee Hye-young, Kim Min-hee, Seo Young-hwa, Park Mi-so - Laufzeit: 92 Minuten.