Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.03.2023 - Bühne

Juliana Zara als Lulu am Staatstheater Darmstadt. Foto: Nils Heck

Rundum zufrieden ist Judith von Sternburg in der FR mit Eva Maria Höckmayrs Inszenierung von Alban Bergs "Lulu" am Staatstheater Darmstadt. Die normalerweise durch den männlichen Blick verhandelten Geschlechterrollen dreht sie hier auf anregende Weise um: "Lulu, von Männern angestarrt, ist nicht nur nicht allein, es sind auf einmal auch die Männer, die wiederum von den Frauen gesehen werden. Als würde ein Gleichgewicht wiederhergestellt, mit dessen Hilfe sich die Geschichte jetzt - wie die Musik - natürlich und klassisch entwickeln kann. Innerhalb dieser klassischen Erzählung kann nun Lulu das Rätsel bleiben, das sie ist. Ensemblemitglied Juliana Zara, deren Sopran glasig klar, höhenrein und dabei völlig unangestrengt klingt, spielt das grandios unverbindlich und eben trotzdem mit jener einmalig luluhaften Art hingebungsvoll. Männer stören Lulu nicht."

Besprochen werden außerdem das Festival Radar Ost im Deutschen Theater Berlin (taz), das Dokumentartheaterprojekt "Letzte Station Torgau" im Schauspiel Leipzig (taz) und Sasha Waltz' Choreografie "Beethoven 7" im Berliner Radialsystem (meisterhaft findet FAZ-Kritiker Wiebke Hüster, wie Waltz Beethovens Musik "vom Bildungsbürgertum-Thron" herunterholt und jedem Zuhörer zugänglich macht).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.03.2023 - Bühne

Direkt von der front: Volodymyr Kravchuk in "Ha*l*t" am Deutschen Theater. Foto: Arno Declair

Wut und Entschlossenheit erlebt SZ-Kritiker Peter Laudenbach beim Festival Radar Ost am Deutschen Theater in Berlin, das in diesem Jahr mit Produktionen aus der Ukraine, Belarus und Georgien beeindruckt. Vor allem Tamara Trunovas Hamlet-Variation "Ha*l*t" des Kiewer Left Bank Theatres hat Laudenbach umgehauen. "Zwölf Schauspieler des Left Bank Theatre kämpfen seit Kriegsbeginn an der Front, darunter auch Volodymyr Kravchuk, der in der Inszenierung eigentlich den Fortinbras spielen sollte. Jetzt ist er in Kampfmontur per Video zugeschaltet, von wo, darf er nicht sagen. Ihm gehören die letzten Worte der Aufführung. Sie klingen wie die trotzige Antwort auf Hamlets Wahnsinnsausbruch, eine verzweifelte Hoffnung: 'Es sollen andere Tage kommen.' Vor diesem Epilog gehen die Schauspieler durch einen Fiebertraum, in dem sich die Grenzen zwischen Theater, Wahnzuständen, Erinnerungsfetzen und einer grauenvollen Wirklichkeit auflösen. Was eben noch das nüchterne Setting eines Publikumsgesprächs nach einer Theatervorstellung war, wird zum Zustand des Aus-der-Welt-Fallens: Sitzen wir in einem Theater oder träumen wir nur, dass wir in einem Theater sitzen? Oder sind wir schon tot und halluzinieren im Grab?" Auch Nachtkritikerin Sophie Diesselhorst bekennt, dass ihr die Front noch nicht so nahe gekommen sei.

Szene aus Sasha Waltz' "Beethoven 7". Bild: Sebastian Bolesch

Sasha Waltz hat Beethovens "Siebte Sinfonie" choreografiert. Dorion Weickman bewundert in der SZ diese hervorragende Kombination. Auch das vorgeschaltete E-Beat Präludium des chilenischen Komponisten Diego Noguera, das das Publikum im Radialsystem in Berlin in den ersten dreißig Minuten in "riesigen Schockwellen" erschüttert und die Beethoven-Einspielung von Teodor Currentzis passen perfekt zueinander: "Sie hat zu Souveränität und gestalterischer Freiheit gefunden. Zu einer Energie, die selbst Beethovens 1813 auf dem Höhepunkt der Befreiungskriege uraufgeführte Symphonie mühelos im Techno-Taumel der Gegenwart spiegelt - und umgekehrt." BLZ-Kritikerin Michaela Schlagenwerth hat die Performance besonders genossen, als die ersten Beethoven-Klänge einsetzten:"die Tänzer finden sich leichtfüßig, verspielt und durchaus auch selbstverliebt zu vielfältigen Reigen zusammen. Eine Gesellschaft im Glück, und doch schwebt eine Bedrohung über ihnen und schwingt hinein in diese lichten, ahnungslosen Körper. Eine Bedrohung, die durch den Prolog ganz und gar präsent ist. Wie Sasha Waltz hier zum ersten Satz die verschiedenen Klangmotive mit ihren vielen Varianten und Umkehrungen in Tanz verwandelt, ist meisterhaft." Im Tagesspiegel ist Sandra Luzina nicht ganz überzeugt von der Techno-Klassik-Kombi, findet dafür aber das Ensemble umso überzeugender.

Besprochen werden Barrie Koskys pointenreiche Mozart-Inszenierung "Figaro" an der Wiener Staatsoper (Standard), das Opera Forward Festival in Amsterdam (das Welt-Kritiker Manuel Brug mit Produktionen zu Josephine Baker und George Orwell zeigte, wie die Oper von morgen aussehen könnte), eine Bühnenfassung von Swetlana Alexijewitschs Dokumentarroman "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" am Theater Freiburg (taz), Tschechows "Der Kirschgarten" mit dem Theater Willy Praml in Frankfurt (FR), Kirill Serebrennikows Inszenierung von Mozarts "Così fan tutte" an der Komischen Oper Berlin (Tsp), Wim Vandekeybus' Choreografie "Traces" beim Tanzmainz-Festival (FR), ein Rachmaninow-Liederabend mit Asmik Grigorian in Zürich (NZZ), Marie Ndiayes "Die Rache ist mein" am Schauspiel Stuttgart (Nachtkritik) und das Dokumentarprojekt "Letzte Station Torgau" am Schauspiel Leipzig (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.03.2023 - Bühne

Szene aus "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht". Bild: Rainer Muranyi

"Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" ist Malgorzata Warsickas Inszenierung nach der gleichnamigen Textcollage von Swetlana Alexijewitsch benannt, die Dokumentation der belarussischen Literatur-Nobelpreisträgerin hat die polnische Regisseurin für das Theater Freiburg allerdings um Teile von Euripides' "Iphigenie in Aulis" ergänzt, berichtet Valeria Heintges, der der Abend in der nachtkritik allerdings ein wenig zu "weichgespült" erscheint: "als würde man eher einem ambitionierten, engagierten Aktionsabend gegen den Krieg beiwohnen und nicht einer von langer Hand geplanten, durchdachten Inszenierung. Spannend wird es, wenn das Ästhetische gebrochen wird, etwa wenn die vier Akteurinnen vom 'Vögelchen im Lindenbaum' singen, aber so zackig und beinahe schrill, dass es nicht wie ein Frühlingslied, sondern wie Militärmusik klingt. Solche Momente sind aber insgesamt zu selten."

Anlässlich seiner heutigen Figaro-Premiere an der Wiener Staatsoper spricht Regisseur Barrie Kosky im Standard-Interview mit Ljubiša Tošic auch darüber, wie die Zusammenarbeit mit Philippe Jordan verlief: "Der Figaro ist unsere vierte Arbeit. Und obwohl ich ihn als Dirigenten und Menschen sehr schätze, bin ich nicht seiner Meinung, dass es eine Krise der Oper wegen des sogenannten Regietheaters gibt. Ich habe ihm gesagt, dass es komplexer ist. Ich bin auch kein Fan des Wortes Regietheater, Theater ohne Regie gibt es ja nicht. Natürlich gibt es problematische Regie. Es gibt aber auch Abende, an denen ich mich frage: Warum singen die, warum dirigiert der? Ich habe Philippe aber bei Proben als sehr offen erlebt. Er ist professionell, neugierig und kollegial. Natürlich hat er eine sehr starke Meinung, wir diskutieren, es ist dann ein bisschen wie im Basar."

Besprochen werden Roberto Castellos "Inferno" und Moritz Ostruschnjaks "Tanzanweisungen" beim Tanzmainz-Festival (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.03.2023 - Bühne

Besprochen werden das Tanzmainz-Festival am Staatstheater Mainz (FR), Martina Gredlers Inszenierung von Mithu Sanyals Roman "Identitti" am Theater Phönix in Linz (Standard), das Stück "Bye, bye, bye" des Berliner Theaterkollektivs "copy&waste" im Ballhaus Ost (FAZ) und Thomas Ostermeiers Inszenierung von Tschechows "Die Möwe" (Welt, SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.03.2023 - Bühne

Szene aus Anton Tschechows "Die Möwe". Bild: Gianmarco Bresadola

Thomas Ostermeier hat Tschechows "Möwe" für die Schaubühne kurzerhand vom "russischen Irgendwo in ein brandenburgisches Ungefähres" verlegt - und Nachtkritikerin Esther Slevogt hat ihre Freude an dem "visionlosen Getöne", das die "zum Spießertum heruntergekommenen" Bildungsbürger hier von sich geben: "Es ist ein kunstvoll in die Karikatur getriebenes Personal, dem wir in der Schaubühne begegnen, das einerseits Tschechow spielt und andererseits ironisch auch das eigene Tun befragt. Was und wie spielen wir hier eigentlich? Wie relevant ist das Theater überhaupt noch? 'Noch nie war es schwerer, irgendetwas zu bewirken!', sagt der gefeierte Schriftsteller Trigorin einmal, der an einer anderen Stelle des Abends Einblicke in die Werkstatt seiner Kunstproduktion gibt: wie er da auf Karteikarten klischeehafte Eindrücke von der Welt zu den immergleichen Büchern zusammenschraubt. Will sagen: So kann das mit der Relevanz natürlich nichts werden."

Joachim Meyerhoff spielt die "Rolle seines Lebens", jubelt Simon Strauss in der FAZ, der hinter dem Trigorin auch den Erfolgsautor Meyerhoff erkennt: Er "spricht über seinen Schreibzwang, die Manie, ständig literarisch verarbeiten zu müssen, was die eigene Wahrnehmung ihm vorsetzt: 'Alles ist Material. Alles könnte Motiv sein.' Erzählt auch von seiner Angst davor, dass alles Lob nur Lüge sein, sich sein Riesenerfolg eines Tages als große Täuschung herausstellen und man ihm 'von hinten eine Zwangsjacke' überwerfen könnte. Da ist Meyerhoff, der Psychiater-Sohn, ganz bei sich und weit weg von Tschechows Figur." Einen "schillernd boulevardesken Schauspielerabend", in dem Ostermeier seine Helden sehr subtil gegen ihre "vertrackten Lebensrollen" kämpfen lässt, erlebt Doris Meierhenrich (Berliner Zeitung), während taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller, den Abend "etwas zerfleddert" findet: Einzelne Szenen wirken "wie hineingeklebt, um etwas Gegenwartsbezug hineinzubringen". Das Stück ist "moderat dem Heute angepasst", kommentiert Rüdiger Schaper im Tagesspiegel die Inszenierung: "Die Gangart wirkt erstaunlich traditionell und damit zuweilen etwas erwartbar. Aber ist es nicht genau das, wonach sich so viele sehnen im Theater - eine Geschichte, Emotionen, ausgespielte Dialoge, Drama, Komik? Menschen, mit einem Wort."

Nadezhda Bey: Data Death. Berliner Hebbel am Ufer.

Verzaubert kehrt Patrick Wildermann (Tagesspiegel) vom HAU-Festival "Geister, Dschinns und Avatare - Über das Magische im digitalen Zeitalter" zurück, bei dem ihn nicht nur der französische Regisseur Phillipe Quesne durch eine zeitgenössische Laterna magica blicken lässt. Auch digital lässt sich einiges erleben: "Wie das Virtual-Reality-Requiem 'Data Death' von Nadezhda Bey, das mittels Headset in eine leuchtend animierte Welt aus Ikonendarstellungen und Datenvisualisierungen einlädt. Hier liegen Körper aufgebahrt, während eine wehmütige, elektronisch verzerrte Komposition vor sich hin singt, die von einer Künstlichen Intelligenz komponiert wurde. Die Installation widmet sich unter anderem der Frage, was eigentlich mit den Daten Verstorbener geschieht."

Besprochen werden die dritte Ausgabe der Programmreihe "Diskurssalon" unter dem Titel "Macht - Strong enough" im Berliner Museum für Kommunkation (Tagesspiegel), Sandra Schüddekopfs österreichische Erstaufführung von Miroslava Svolikovas "Gi3F (Gott ist drei Frauen)" in der Wiener Drachengasse (Standard), Andreas Homokis Inszenierung von Richard Wagners "Siegfried" am Zürcher Opernhaus ("Eine Sternstunde", jubelt Lotte Thaler in der FAZ: "Wie ein Komet am Wagnerhimmel kündet er von einer grundlegend veränderten Sicht auf die Tetralogie"), Dmitri Tschernjakows Inszenierung von Sergej Prokofjews "Krieg und Frieden" an der Bayerischen Staatsoper München (VAN Magazin, Zeit) und Leander Haußmanns und Sven Regeners Familiendrama "Intervention!" am Hamburger Thalia Theater (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.03.2023 - Bühne

Für die meisten Theater kommt eine Arbeit mit dem Choreografen Marco Goecke nach der Hundekot-Attacke nicht mehr in Frage. Aber was passiert mit seinem Werk, fragen Christiane Lutz und Dorion Weickmann in der SZ: "Auf so jemanden künstlerisch zu verzichten, kann schmerzhaft und unter Umständen teuer sein. Und schade fürs Publikum. Goeckes Kunst wegzuschließen, käme einer Selbstamputation des Balletts gleich. Auch nach München wird Marco Goecke wohl erst mal nicht kommen, auch dort wird die Einstudierung seines Stücks jetzt von jemand anderem durchgeführt. Auch dort ist das gängige Praxis - doch meint man fast das Aufatmen der Beteiligten zu hören bei diesem Satz. Wirklich zu tun haben will gerade niemand so recht etwas mit der Person Marco Goecke, mit seiner Kunst hingegen schon." Wie der Tagesspiegel meldet, hält die Intendanz des Berliner Staatsballetts weiter an der Premiere von Goeckes Stück "Petruschka" fest.

Weiteres: Paul Jandl bedauert in der NZZ mit der Insolvenz der Münchner Lach- und Schießgesellschaft das Ende des Kabaretts: "Weil selbst der politische Gegner die Bühne irgendwann heftig umarmt hat, ist sie einen langsamen Erstickungstod gestorben." FR und die nachtkritik melden, dass mit dem Fritz-Rémond-Theater das älteste und größte private Theater Frankfurts Ende Mai schließt.

Besprochen werden Christopher Rüpings Inszenierung von Sarah Kanes "Gier" (FAZ), Prokofjews Tolstoi-Oper "Krieg und Frieden" an der Bayerischen Staatsoper (NZZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.03.2023 - Bühne

Prokofjews "Krieg und Frieden" an der Bayerischen Staatsoper. Foto: W.Hoesl

Am Ende von Dimitri Tcherniakovs Inszenierung von Sergej Prokofjews monumentaler Oper "Krieg und Frieden" an der Bayerischen Staatsoper München treten Olga Kuchynska, die Sängerin der Natascha Rostowa, und Andrei Zhilikhovsky, der Sänger des Andrej Bolkonski in Ukraine-T-Shirts auf die Bühne: Auch sonst ist die heikle Gratwanderung zwischen Kunst und Politik in diesem Stück gelungen, stellt Jan Brachmann in der FAZ fest. Das liegt an bewussten Streichungen, so wurde unter anderem der monumentale russische Schlusschor am Ende des Stücks ausgelassen, zum anderen am Fokus, den Vladimir Jurowski bei der Musik gelegt hat: "Jurowski legt das Schwergewicht auf den Lyrismus, den Pazifismus, den Humanismus in diesem Werk, die das Erbe Tolstois seien, während der stalinistische Hurra-Patriotismus - so Jurowski - aufs Konto der Librettistin, Prokofjews zweiter Ehefrau Mira Mendelson, gehe. Was man dann hört, in der Frühlingsnacht der Eingangsszene, später beim stillen Sterben Bolkonskis, ist ernst, zärtlich, liebevoll, sorgfältig musiziert. Und selbst in den Massenszenen geht es Jurowski im Orchester mehr um Schärfe als um Kraft."

Joachim Lange hebt im Standard die symbolische Bedeutung des Bühnenbildes hervor, das Tcherniakov dem Säulensaal des Moskauer Hauses der Gewerkschaften nachempfunden hat: "Es ist der wohl geschichtsträchtigste Saal Russlands. Es war der Ort von Kongressen, Lenin-Reden, Schauprozessen und Aufbahrungen von berühmten Toten wie Lenin, Stalin und etlichen Nachfolgern bis hin zu Michail Gorbatschow. Dass dieser berühmte Saal auf der Münchener Bühne die Anmutung einer Notunterkunft für Flüchtlinge (oder Bedrängte) von heute hat, ist wohl die zentrale Pointe, mit der Tcherniakov Position bezieht." Ganz bezaubert von den Sängern ist Eleonore Büning im Tagesspiegel: "Wie zwei weiße Tauben tauchen sie auf aus der buntgescheckten Menge. Wie Runen fliegen ihre Parlandoworte aneinander vorbei. Ihr Sopran: sonnig, kokett, stark, seelenvoll. Sein Bariton: samtwarm, rund, hell, verführerisch. Ein Sängertraumpaar." Auch SZ-Kritiker Reinhard Brembeck findet die Inszenierung gelungen.

Im Tagesspiegel kann Rüdiger Schaper verstehen, dass sich das Berliner Staatsballett schwer mit der Choreografie "Petruschka" tut, die es von Choreograf Marco Goecke schon vor Jahren eingekauft hat. Goeckes Hundekot-Attacke auf die FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster bekommt hier eine besondere Resonanz: "Zum Beispiel gab Wiebke Hüster in der FAZ dem designierten Intendanten des Berliner Staatsballetts Christian Spuck keine Chance. Spuck sei 'so geeignet, das Staatsballett Berlin zu führen, wie Justin Bieber, das Amt des Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker auszufüllen'. Der Choreograf werde der Ballett-Tradition nicht gerecht, könne nur 'Fragmente des bildungsbürgerlichen Kanons' schick und postmodern verpacken. Das weiß aber vorher niemand. Wiebke Hüster ist eine gefürchtete, oft überharte Rezensentin. Und die Tanzwelt ist klein. Da heilen Wunden schlecht. Animositäten gedeihen dafür umso besser."

Besprochen werden Andreas Homokis Inszenierung von Wagners "Siegfried" an der Oper Zürich (NZZ), Christopher Rüpings Inszenierung von Sarah Kanes "Gier" in Zürich (die für SZ-Kritiker Egbert Tholl "zum Faszinierendsten" gehört, was er seit Langem im Theater sah), Sven Regeners und Leander Haußmanns "Intervention!" am Thalia-Theater (deren Absurdität FAZ-Kritiker Jan Wiele auch dank Jens Harzer genießen kann),  Sebastian Hartmanns Inszenierung von Schnitzlers "Traumnovelle" in Frankfurt (taz), das Stück "Knast" im Theaterhaus Jena (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.03.2023 - Bühne

Wiebke Mollenhauer in Sarah Kanes "Gier": Foto: Orpheas Emirzas/Schauspielhaus Zürich

Tosenden Applaus meldet Nachtkritikerin Valerie Heintges nach Christopher Rüpings Inszenierung von Sarah Kanes "Gier" am Schauspielhaus Zürich. Sie selbst ist ebenfalls bewegt und begeistert, vor allem von Hauptdarstellerin Wiebke Mollenhauer: "Man kann die Augen nicht abwenden von dieser Schauspielkunst der Extraklasse. Fast immer schaut Mollenhauer ruhig und mit unbewegtem Kopf in die Kamera. Wenn sie dann den Kopf dreht, erschrickt man fast. Wenn sie aus dem Bild herausschaut oder gar ihr Haar löst oder geschminkt wird, bekommt das - so gegensätzlich zum stillen Schauen - eine ungeheure Bedeutung, wirkt wie ein Beben, ein Ausbruch. Was dieses stumme Gesicht von den vier Stimmen zu hören bekommt, ist harter Tobak. Von sexuellem Missbrauch ist die Rede, an einem Kind, im Beisein des Vaters. Immer wieder geht es um Vergewaltigung, um Schmerzen, um Gewalt. Um Brutalitäten, die die Eltern einander zufügen, Traumata, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden, bis keiner mehr weiß: Habe ich das erlebt, geträumt, gehört?" In der NZZ springt Ueli Bernays vor allem auf den musikalischen Umgang mit Sprache an: "Es erinnert an die freie Improvisation, wo sich einzelne Geräusche, Töne und rhythmische Aktionen erst allmählich zur Form verfestigen. Aber auch an die klassische Sonate, wo Themen erst einzeln vorgestellt werden, bevor sie sich in der Modulation gegenseitig affizieren."

Singend, tanzend und liegend: Sandra Hüller im "Würgeengel". Foto: Armin Smailovic / Bochumer Schauspielhaus

Johan Simons hat in Bochum Luis Buñuels "Würgeengel" von 1962 mit einer formidablen Sandra Hüller auf die Bühne gebracht. Allein schon ihretwegen konnte FAZ-Kritiker Hubert Spiegel die Melange aus Mystik und Moral bestens verkraften: "Ein Weltuntergangshauch weht durchs Bochumer Schauspielhaus. Er kommt aus dem sanften Süden, vom Surrealismus her, und weht in den strengen Norden, Richtung Protestantismus. Er beginnt bei Buñuel, Luis, und endet bei Bach, Johann Sebastian. Bochums Intendant Johan Simons inszeniert 'Der Würgeengel' als Abgesang auf unsere Epoche, die lange Ära der Ausweglosigkeit, von der es dereinst heißen könnte, sie habe nur fünf Minuten gedauert, die letzten Minuten vor zwölf. Aber diese fünf Minuten fühlen sich an wie eine Ewigkeit." In der SZ folgt Martin Krumbholz dem Schaupsiel gebannt: "Dem Regisseur und seinem Team ist ein aufregender, außergewöhnlicher Theaterabend gelungen, kurz und bewegend. Am Schluss singt der Chor beklemmend und erschütternd 'Liebster Jesu, wir sind hier', und Sandra Hüller intoniert 'My Future' von Billie Eilish."

Weiteres: Im Tagesspiegel kündigt Patrick Wildermann das am Mittwoch startende Festival "Radar Ost" im Deutschen Theater an, mit dessen Ukraine-Schwerpunkt es ans Eingemachte gehen dürfte: "Für viele der ukrainischen Theaterschaffenden bedeutet Kunst aktuell Kampf."

Außerdem besprochen werden: Sebastian Hartmanns Adaption der "Traumnovelle" von Arthur Schnitzler am Schauspielhaus Frankfurt (nachtkritik, FAZ, FR), "Intervention!" von Leander Haußmann und Sven Regener am Thalia-Theater in Hamburg (taz, SZ, Welt), Maria Milisavljević' Stück "Nicht ohne meinen Colt" in der Adaption von Lisa Pauline Wagner am Hauptmann-Theater Zitau (nachtkritik). Alma Deutschers Oper "Des Kaiser neue Walzer" am Salzburger Landestheater (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.03.2023 - Bühne

Ida Luise Krenzlin unterhält sich für die Berliner Zeitung mit den Schauspielerinnen Julia Thurnau und Margarita Breitkreiz, die gerade im Roten Salon der Volksbühne zur Revolution der faulen Frauen aufrufen. Opernintendant Alexander Pereira tritt in Florenz als Intendant der Opera di Firenze, dem Teatro del Maggio Musicale Fiorentino zurück, meldet die SZ.

Besprochen werden Cyril Testes Inszenierung von Ambroise Thomas' Grand opéra "Hamlet" in Liège (nmz), Johan Simons' Inszenierung von Buñuels "Würgeengel" am Schauspielhaus Bochum (nachtkritik), die Uraufführung von Guillermo Calderòns "Bavaria" Residenztheater München (nachtkritik), eine dekonstruierte "Zauberflöte" am Kasseler Staatstheater (nmz) und Favia Costes "astreines" Boulevardstück "Nein zum Geld!" im Frankfurter Fritz Rémond Theater (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.03.2023 - Bühne

Szene aus Karol Szymanowskis "König Roger" an der Oper Kiel. Foto: Olaf Struck


In Karol Szymanowskis Oper "König Roger" hat die Stimme "bei aller instrumentalen Dichte immer den Vorrang", erkennt Arndt Voß (nmz) in der Oper Kiel. "Antiphonale Chormusik erklingt gleich anfangs, unterlegt mit tiefen Paukentönen, ein ehrwürdiges Schreiten imitierend. Sie schafft eine eigene Welt, die durchaus leitmotivische Bedeutung erhält und nachdrücklich und dramatisch anderen Sphären begegnet. Das Klangliche lässt assoziativ einen Kirchenraum entstehen, der eine strenge Welt mit seiner theologisch gebundenen Ordnung umhüllt. Sie wird schnell durch Kräfte behelligt, die die Welt der Tradition stören wollen und einen anderen Glaubensansatz bevorzugen. Ihr Repräsentant ist ein Hirte. 'Mein Gott ist jung wie ich', verkündet er und schafft damit den starken Gegensatz zu der alten Ordnung." Schade, dass die Inszenierung von Dirk Schmeding nicht mit der Musik mithalten kann, bedauert Voß.

Das Puppentheater war immer schon "Piraterie an der Hochkultur", erklärt der Puppentheaterkünstler Atif Mohammed Nour Hussein in der nachtkritik. Dabei vergaßen die Kleinkunstbühnen "niemals ihre plebejische Herkunft. Die Stoffe, die sie sich eroberten, dienten nicht selten als Karikatur der herrschende Klasse - weniger als offensive politische Stellungnahme, eher als Selbstvergewisserung. Wenn der Obrigkeit eine Nase gedreht werden sollte, waren Kasper und seine Brüder Hanswurst, Punch, Guignol nicht weit weg. Nicht so elegant wie ihre italienischen Kollegen Pulcinella und Harlekin oder so melancholisch wie Petruschka, aber dennoch gewitzt, arrogant, nicht selten rüde auf den eigenen Vorteil bedacht, auch grausam, anarchistisch … bis Franz von Pocci kam, um Kasperl zu kultivieren. Was für ein Verrat!"

Besprochen werden Barbora Horákovás Inszenierung der "Hochzeit des Figaro" in Schwetzingen (FR), Thom Luz' Adaption von Kafkas Fragmentsammlung "Die acht Oktavhefte" im Schauspielhaus Hamburg (taz) und Martin G. Bergers Inszenierung von  John Adams' Oper "Nixon in China" in Dortmund (nmz).