Daniel Behles: "Hopfen und Malz" Foto: Dirk Rückschloß / Erzgebirgisches Theater Die Operette, die lange zeit den Ruf der beschwipsten alten Tante genoss, erlebt gerade ihre Renaissance, stellt Michael Stallknecht in der SZ fest, und zwar nicht nur in Berlin, wo ihr Barrie Kosky queeres Flair einhauchte, sondern auf sämtlichen Bühnen von Wien bis ins Erzgebirge. Im Erzgebirgischen Theater etwa sah er beglückt das Stück "Hopfen und Malz" des Tenors Daniel Behle: "Die Operette ist ein unmoralisches Genre. Schon deshalb kann man sie wieder brauchen in Zeiten, in denen die öffentliche Moral in Gestalt sozialer Netzwerke oft nicht mehr allzu viel Raum für Ambiguitäten lässt." Aber sie sei nicht leicht zu inszenieren: "Der Ironie als Gratwanderung droht stets der Absturz in einen von zwei Abgründen: in den der bloßen Blödelei zur einen Seite, in einen sozusagen unfreiwilligen Ernst zur anderen. Dann wird die Sentimentalität larmoyant, wirkt die Moral affirmativ, mit der das Genre nur spielt wie die Katze mit einer halb toten Maus."
In einem Offenen Brief sprechen sich Theaterregisseur Milo Rau, Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und weitere Kulturgrößen für ein Bleiben der Zürcher Intendanten Benjamin von Blomberg und Nicolas Stemann (unsere Resümees). Der vom Tages-Anzeiger veröffentlichte Brief ist online nicht zu finden, dafür Ueli Bernays spöttische Replik in der NZZ: "Unter den Feinden des fortschrittlichen Intendantenduos werden, wen wundert's, vor allem auch die Medien ausgemacht. Man könnte meinen, das Repertoire von Stemann und von Blomberg sei nie kritisch gewürdigt worden. Stattdessen wird eine 'monatelange Pressekampagne gegen den vermeintlichen Woke-Wahn' angeprangert. Es scheint, dass die armen Intendanten schutzlos journalistischer Häme ausgesetzt waren. Gewiss haben die beiden ihr Fett abgekriegt. Aber wer ein Stadttheater leitet, muss mit Kritik umgehen und selbst Häme wegstecken können. Von Blomberg und Stemann hingegen wirkten oft betupft und beleidigt."
In der NZZberichtet Luzi Bernet zudem, dass Alexander Pereira als Intendant der Oper von Florenz hinschmeißt: "Die Erfahrung in Florenz war so traurig, dass ich mich nicht mehr imstand sehe, weiterzumachen", sagte er nach Vorwürfen der Fratelli d'Italia, seine Spesen überzogen zu haben: "Tatsache ist, dass Florenz ein sehr schwieriges Pflaster für Opernintendanten ist. Der Ehrgeiz der Stadt, in der ersten Liga der internationalen Opernwelt zu spielen, kontrastiert augenfällig mit den finanziellen Möglichkeiten."
Besprochen werden Eugen Suchoňs Oper über den großmährischen Herrscher "Svätopluk" (mit der nun auch die Slowakei dreißig Jahre nach ihrer Gründung eine monumentale Nationaloper bekommen hat, wie Reinhard Kager in der FAZ bemerkt) und Georges Bizets Oper "Ivan IV." in Meiningen (Welt).
Saverio Mercadantes "Francesca da Rimini" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller Hans Walter Richter hat in FrankfurtSaverio Mercadantes selten gespielte Belcanto-Oper "Francesca da Rimini" auf die Bühne gebracht. In der FAZ stellt Wolfang Fuhrmann ein paar Startschwierigkeiten fest, hat sonst aber eine gelungene Inszenierung erlebt: "Stilistisch markiert die Partitur die Abwendung vom Modell Rossini hin zum melodramma romantico Vincenzo Bellinis: Koloraturen werden vom Selbstzweck zum Ausdruck seelischer Erregung, der liebende Paolo ist eine Hosenrolle für Mezzosopran, während der Tenor noch den wutschnaubenden Querschläger geben muss, aber es gibt kein aufgesetztes Happy End mehr - alles wie in Bellinis exakt gleichzeitigen 'I Capuleti ed i Montecchi'. Nach wie vor dominiert der Gesang, und wo man Bellini vorgeworfen hat, er verwandle sein Orchester in eine Riesenharfe, da setzt Mercadante in den Liebesszenen gleich die Harfe als einzige Begleitung ein." In der FRzeigt sich Judith von Sternburg ein wenig erschöpft von all dem Unglück und Liebesleid: "Aber vor allem nimmt die Musik selbst, hier nun unter der Leitung von Ramón Tebar, weniger Fahrt auf, als ihr gut tut. Das Elegische und die ganze Zerquältheit der unglücklichen Figuren ergibt sich schon von selbst, das leicht Breiige und Unentschlossene, das sich in der Premiere zum Teil hören ließ und mit Koordinationsproblemen zwischen Chor und Orchestergraben verband, bekommt ihr nicht."
Besprochen werden außerdem Thom Luz' Inszenierung von Franz Kafkas "Oktavheften" am Schauspielhaus Hamburg (die SZ-Kritiker Till Briegleb "höchstes Zuschauerglück" bescherte), zwei Inszenierungen von "Antigone": einmal in den Münchner Kammerspielen von Nele Jahnke und dem Münchner Residenztheater von Mateja Koležnik (NZZ) und Liz Ziemskas "The Mushroom Queen" in der Inszenierung von Marie Schleef am Schauspielhaus Hamburg (SZ).
Rainald Goetz' "Johann Holtrop. Foto: Tommy Hetzel/ Schauspiel Köln
Am Kölner Schauspiel hat Stefan Bachmann Rainald Goetz' Johann-Holtrop-Roman inszeniert. FAZ-Kritiker Patrick Bahners schwirrt der Kopf wie nach einem Balzac-Roman: "Adorno schrieb über Balzac: 'Die Parole enrichissez-vous bringt die Figuren Balzacs zum Tanzen.' In Adornos Bild liegt der Akzent darauf, dass das Tanzen eine Fertigkeit ist, die erlernt werden muss. Die an die industrielle Welt 'noch nicht Adaptierten' stellen das Personal von Balzacs Romanen; 'zusätzlicher Energien der Individuen' bedarf der 'expansive Kapitalismus' nach Adornos Vorstellung, 'solange er nicht ganz eingespielt ist'. Der Roman von Goetz, der 2012 erschienen ist, spielt nach der jüngsten Jahrtausendwende, zwischen Neuwirtschaftswunder und Misskreditepidemie. Auch diejenigen, die sich nicht bereichern können, sondern froh sind, wenn sie mit dem Mindestlohn über die immer gleichen Runden kommen, sind zum Weitertanzen verdammt, linksrum, rechtsrum, wie's befohlen wird..."
In der SZ denkt Alexander Menden leicht beschämt an jene Zeit zurück, in der ein Thomas Middlehoff, von dem Goetz' Johann Holtrop Züge aufweist, aufsteigen konnte: "Der Boom und Bust der Nullerjahre, die Zeiten, in denen 'Neue Medien' irgendwie zukunftsverheißend klangen und Paul Kirchhof eine Steuerrevolution ausrief - das ist die Welt, in der sich die Titelfigur bewegt."Nachtkritiker Andreas Wilink verehrt Rainald Goetz als großen Hasser, Stefans Bachmanns Bühnenfassung des "Johann-Holtrop"-Romans hat ihn allerdings enttäuscht: "Bachmann kehrt, als Goetz-Erfolgsregisseur gewiss unbeabsichtigt, die Schwächen hervor, indem er, nachgiebig, die vorgeblichen Stärken betont und - kammermusikalisch unterstützt von einem Salon-Quartett - das Satirische verabsolutiert. Aber er begnügt sich dabei mit schalen Kir-Royalitäten, Society-Sketchup, Operettenunseligkeit, bisschen Jerry-Lewis-Plingpling, rheinischem Schmu und Wiener Schmäh. Von der dramatischen Tiefe des Romans (doch, die gibt es auch) bleibt nur das Flachrelief."
Szene aus Bizets "Ivan IV". Foto: Christina Iberl
Als eine echte Grand Opéra hat FR-Kritikerin Judith von Sternburg im Meininger StaatstheaterHinrich Horstkottes Inszenierung von George Bizets Oper "Ivan IV." erlebt. Zu Unrecht sei dieses Werk über Iwan den Schrecklichen fast vergessen: "Es ist einfach, sich über 'Ivan IV' lustig zu machen, aber das Lachen vergeht einem angesichts der Meininger Großtat. Musikalisch hält Philippe Bach ein glänzend aufgelegtes Orchester - nun, es ist die berühmte Meininger Hofkapelle, was erwartet man, die Legende lebt -, den großen, vorzüglich vorbereiteten und spielfreudigen Chor (unter der Leitung von Manuel Bethe) und das fitte Ensemble glänzend zusammen. Regisseur und Ausstatter Hinrich Horstkotte findet einen packenden Zugang, der nach einem selbst bei ihm noch etwas mühevollen Beginn seine Klugheit entfalten kann." Ebenso angetan ist Achim Heidenreich in der FAZ und lobt auch den Umgang des Theaters mit dem heiklen Timing angesichts der politischen Situation: "Horstkottes schauspielerfahrene Personenregie, der Darstellungsdrang der wunderbaren Besetzung, allen voran die expressive Sopranistin Mercedes Arcuri als Maria, der mental wie auch stimmlich starke Bass Tomasz Wija als Ivan und immer wieder der hervorragend eingestimmte Chor ließen letztlich dem Werk seinen Kunstrang über dem tatsächlichen Toben der heutigen Welt. Vergessen wurde Letzteres nicht. Das war auch gut so."
Weiteres: Bewegt berichtet Annette Ramelsberger von den Geschichten jesidischer Frauen, die Regisseurin Tea Tupajìc an den Münchner Kammerspielen von Versklavung und Gefangenschaft erzählen lässt.
Außerdem besprochen werden Liz Ziemskas Inszenierung von "The Mushroom Queen" am Schauspielhaus Hamburg (nachtkritik), die Uraufführung von Tine Rahel Völkers "Frauen der Unterwelt. Sieben hysterische Akte" (nachtkritik), Milena Michaleks "Anna Karenina"am Staatstheater Cottbus (nachtkritik) Kay Voges Inszenierung von August Strindbergs "Totentanz" am Berliner Ensemble (nachtkritik, BZ), Harald Poschs Abschiedsaufführung von Tschechows "Onkel Wanja" (Standard) am Wiener Werk X, Michael Lakners "Carmen" am Stadttheater Baden (Standard) und Thomas Luz' Adaption der "Oktavhefte" Franz Kafkas am Schauspielhaus Hamburg (FAZ).
Foto: Sima Dehgani Ronya Othmann besucht für die FAS die Proben zu dem Theaterstück "Licht" über den Genozid an den Jesiden. Inszeniert wird es von der bosnischen Regisseurin Tea Tupajić, aufgeführt an den Münchner Kammerspielen. Wobei "aufgeführt" das falsche Wort ist: Auf der Bühne stehen zwei jesidische Frauen, die von ihrer IS-Gefangenschaft erzählen. Das ist schon beim Lesen schwer auszuhalten: "Nach der Pause steht Najlaa hinter dem Vorhang, Awaz davor. Awaz zählt: 20, 19, 18. Najlaa sagt: Als ich in der Gefangenschaft war, sagte ich ihm, wenn ich überlebe, werde ich der ganzen Welt erzählen, was du mir und anderen Frauen angetan hast. Er sagte, Scht, wenn du noch ein Wort sprichst, werde ich dir die Zunge abschneiden. Dann tritt Najlaa hinter dem Vorhang hervor, beginnt zu erzählen: In der Nacht vom dritten August, um drei Uhr, habe ich Schüsse gehört. Wie die Mutter noch Brot backt, obwohl vor Angst niemand mehr essen kann. Wie sie ihren Vater das erste Mal weinen sieht. Wie ihr Onkel, der Bürgermeister, nach Hilfe ruft, vergeblich. Najlaa spricht und schweigt. Sie ist in Koco, während sie spricht, und gleichzeitig auf der Bühne. Die zwei Löffel Joghurt, wegen denen ihre Mutter sie zur Nachbarin schickt. Man spürt den Schmerz über diese zwei letzten Löffel Joghurt, die Najlaa ihr nicht mehr besorgen konnte. Und die Angst."
Anastasiia Kosodii, Mitbegründerin des Theaters Zaporizka nova drama im ukrainischen Saporischschja, spricht im Interview mit der nachtkritik über ihr neues Stück "Wie man mit Toten spricht - Як говорити з мертвими", das im April am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt wird und über ihr Leben zwischen Deutschland und der Ukraine: "Gerade war ich einen Monat lang in Lviv und habe für das Dramatische Lesja Ukrainka Theater ein Stück auf der Grundlage von Platon-Texten erarbeitet. Das Thema ist der Dialog innerhalb der ukrainischen Gesellschaft, denn es gibt eine Menge Irritationen. Diejenigen, die geblieben sind, sind wütend auf die, die gegangen sind. Diejenigen im Osten sind verärgert über diejenigen, die im Westen in einer sichereren Umgebung leben. Es gibt eine Menge unausgesprochener Gefühle in der Gesellschaft, und die Aussprache wird immer wieder verschoben auf den Zeitpunkt 'nach dem Sieg', nach dem Sieg. Aber wir müssen jetzt darüber sprechen." Sie selbst hofft, halb in Deutschland und halb in der Ukraine leben zu können. "Ich fahre schon, wann immer ich kann, denn ich habe große Angst, den Sinn für die Realität in meinem Heimatland zu verlieren. Ich sehe das bei vielen Menschen, die seit einem Jahr nicht mehr dort waren. Ich sehe es auch bei mir selbst. Jedes Mal, wenn ich fahre, habe ich mehr Angst. Aber dann fahre ich trotzdem, und was auch immer passiert, passiert. Denn wie kann ich darüber schreiben, wenn ich nicht dort gewesen bin."
Weiteres: Regisseurin Oksana Taranenko spricht im Interview mit Van über die Oper "Kateryna" des ukrainischen Komponisten Alexander Rodin, deren Uraufführung sie im September 2022 an der Oper Odessa inszeniert hat, über den russischen Angriff und die Arbeit in Kriegszeiten. Besprochen werden Claudia Bauers Adaption von Robert Harris' Bestseller "Vaterland" am Staatsschauspiel Dresden (nachtkritik), Lily Sykes' Adaption von Yasmina Rezas Roman "Serge" am Burgtheater (nachtkritik, FAZ) und die Strauss-Oper "Daphne" an der Staatsoper Berlin (Van).
Als Nachtrag zur Hundekot-Attackeplädiert Roman Bucheli in der NZZ für mehr Unerschrockenheit und weniger Lobhudelei in der Kritik: "Vielleicht hätte Goecke nicht zu tun gewagt, was er getan hat, wenn Wiebke Hüster weniger allein auf weiter Flur stünde. Wenn da noch viele andere Kritiker ihre Aufgabe so ernst nähmen, wie es ihnen ihr Selbstverständnis gebietet und wie es die Kunst verdient. Leute wie Goecke sind entwöhnt von der Kritik. Sie haben von den Direktionen ihrer Häuser gelernt, Kritiker wie zuverlässige Mitarbeiter im Aussendienst zu betrachten, als wären sie der verlängerte Arm der Werbeabteilung. Vergessen wir Goecke. Er hat sich von seiner abstoßendsten Seite gezeigt. Aber er steht nicht symptomatisch für eine Verluderung der Sitten. Der Vorfall müsste vor allem als Mahnung an die kritische Zunft verstanden werden, sich auf ihren Anspruch zu besinnen. Sie hat sich einlullen lassen. "
Weitere Artikel: Ulrich Seidler berichtet in der Berliner Zeitung, dass einige Institutionen die Arbeit mit Goecke weiterführen wollen, darunter das Bayrische Staatsballett. Die Münchner Lach-und Schießgesellschaft ist Pleite, bedauert Patrick Guyton im Tagesspiegel: Grund sind interne Streitigkeiten, lesen wir. Mathias Alexander von der FAZ ist nicht ganz überzeugt von Kulturdezernentin Ina Hartwigs Vorschlag für den neuen Standort der Städtischen Bühne in Frankfurt. Besprochen wird Simon Sollbergs Inszenierung von Henryk Ibsens "Peer Gynt" am Schauspiel Bonn (nachtkritik).
Das abrupte Ende der Intendanz von Nicolas Stemann und Benjamin van Blomberg am Schauspielhaus Zürich kritisieren Apiyo Amolo und Thomas Schmidt in einem Gastbeitrag bei nachtkritik und fühlen sich an die Berliner Kulturpolitik um 1900 erinnert, "einer Zeit, in der Otto Brahm und später Max Reinhardt den Berliner Zuschauer*innen mit den Naturalisten und Realisten ein völlig neues Programm vorgestellt haben, das anfangs in Arbeiter-Theatervereinen gezeigt werden musste, weil es die bisherige Sicht auf das Programm und das Bild des Theaters völlig zu sprengen schien und die Zensur des preußischen Standes nicht überstand. In zwanzig Jahren wird der Schritt, die Intendanz am Schauspielhaus Zürich nicht verlängert zu haben, auch in bürgerlichen Kreisen sicher ganz anders bewertet werden als heute", sind die zwei sicher. Etwas irritierend an ihrem Text ist allerdings, dass sie auf das Theater von Stemann und Blomberg mit keinem Wort eingehen, es geht eigentlich nur um Management, für das ein "Kompass" erstellt wurde: "Der Kompass besteht aus zwei Teilen, er verweist im ersten Teil auf fünf große Wertegruppen und im zweiten Teil auf eine Toolbox, in der sich die Instrumente befinden, die nötig sind, um die Werte zu leben und das innere Klima und das soziale Gleichgewicht im Theater so aufrechtzuerhalten, dass keine Schieflagen und Asymmetrien entstehen." Uff.
Weiteres: Der Bayreuther Freundeskreis denkt darüber nach, die Bayreuther Festspiele mit weniger Geld zu unterstützen, von einer Million ist die Rede, berichtet Egbert Tholl in der SZ. Ob das wirklich passieren wird, steht aber in den Sternen, da der Verein dann deutlich an Einfluss verlieren würde und auch mal progressiveren Konzepten nachgeben müsste. Besprochen werden außerdem die Wiederaufnahme von Andreas Schagers "Tristan und Isolde"-Inszenierung an der Wiener Staatsoper (Standard) und Jonathan Meeses "Monosau" an der Volksbühne Berlin (taz).
Lucia Martin-Carton und Yuriy Mynenko. Foto: Felix Grünschloß Barocke Leidenschaft und subtilen Charme erlebtFR-Kritikerin Judith von Sternburg in Carlos Wagners' Inszenierung von Händels selten gespielter Oper "Ottone, Re di Germania" bei den Händel-Festspielen in Karlsruhe: "Liebesleid und Jammerei dominieren das Geschehen und die Musik, es ist eine Freude, wie schön und subtil gewitzt Wagner das aufnimmt - wenn beispielsweise der grandiose Countertenor Raffaele Pe als Adelberto beim Singen nur so über die Bühne kullert, von Gram und Erfolglosigkeit allenthalben niedergestreckt...Besonders schön ist aber, wie fein und leicht sich Wagners Bewegungssprache gestaltet. Barockopern und ihre oft und auch hier behände agierenden Vertreterinnen und Vertreter sind dazu geeignet, überkandidelte Szenarien zu entwerfen. In Karlsruhe bleibt alles dezent. Ein Raum für den schönen Jammer, große Gesten, feine Mimik und das maßvolle, aber von Wagner nicht ernstlich in Frage gestellte Happyend."
Besprochen werden außerdem Romeo Castelluccis Inszenierung von Richard Strauss' "Daphne" an der Berliner Staatsoper (FAZ), Armin Petras' Inszenierung von David Grossmans Roman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" am Deutschen Theater in Berlin (Tsp) und Schorsch Kameruns "Der diskrete Charme der Reduktion" im Vollgutlager Berlin (taz).
Vera-Lotte Boecker als Daphne. Foto: Monika Rittershaus
Romeo Castellucci hat an der Berliner StaatsoperRichard Strauss' Spätwerk "Daphne inszeniert. Im Tagesspiegel ist Sybill Mahlke so hingerissen von Castelluccis Regiezauber, dass sie über das "schwülstig-krause" Wassernymphen-Libretto hinweg sieht: "Musikalisch ist die Aufführung ein Juwel." In der FR ist Judith von Sternburg vor allem von der Sängerin Vera-Lotte Boeckerverzaubert, "die sich Castelluccis Einfällen hingebungsvoll widmet, im Schnee herumspringt, sich die Kleider vom Leibe reißt, fröhlich, verwirrt, mit einer umwerfenden Zärtlichkeit dieser eisigen Weite und dem lachhaften armen Bäumchen gegenüber, das hier aus dem Schnee steht. Nachher wird sie es ausreißen - und sich selbst schließlich nach unten weggraben, vielleicht wirklich der Anfang eines neuen Baums. Man muss Boecker nicht verstehen, um ihr hingerissen zuzuschauen, und ihr makelloser, jugendlicher und doch golden glänzender Sopran ist über alle Zweifel erhaben."
Ganz große klasse findetSZ-Kritiker Peter Laudenbach Jonathan Meeses regiefrei entgrenzten Abend "Die Monosau", in der Martin Wuttke als Todesengel mit schwarzen Flügeln mit dem Henkersbeil Luftgitarre spielt. Damit sei die Volksbühne wieder ganz vorn: "Dieser immer hochtourig freilaufende Meese-Wahnsinn wirkt in Zeiten der Moral-Domestizierung der Kunst erfrischend. In der Verteidigung des Theaters als eines Orts des Spektakels und des Spiels als Selbstzweck ist die Volksbühne gerade ziemlich weit vorne. Und das ist sie natürlich, weil sie sich so in den denkbar größten Kontrast zum Zeitgeiststreber-Theater der Thesenträger katapultiert ... Wenn außerhalb des Theaters die Krise herrscht, koppelt sich die Volksbühne davon ab und besteht darauf, dass Kunst keine Fortsetzung der Sozialpädagogik mit anderen Mitteln ist, sondern sich ihre eigene Wirklichkeit schafft." Ganz anders siehtMonopol-Kritiker Tobi Müller den Abend: "Zweieinhalb Stunden rudernde Arme und Dauergebrabbel".
Besprochen werden Armin Petras' Bühnenfassung von David Grossmans Roman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" am Deutschen Theater Berlin (FAZ), das Musical "Tom Sawyer" nach Kurt Weill an der Komischen Oper Berlin (FAZ) und Ewald Palmetshofers Tragödie "Vor Sonnenaufgang" am Linzer Landestheater (Standard).
Caption Der deutsch-dänische Komponist Søren Nils Eichberg hat für das Staatstheater Wiesbaden Margaret Atwoods postapokalyptischem Roman "Oryx und Crake" zu einer Oper vertont, in der FRhört sich Judith von Sternburg das mit Interesse, wennn auch nicht ganz überzeugt an: "Atmosphärisch ist die postapokalyptische Welt hingegen stets und auch hier wieder eine perfekte Grundlage für das Musiktheater, das mit und ohne Menschen schon immer zuständig gewesen ist für Tristesse und Graus jeglicher Couleur... Das Ende der Zeiten gehört zu den Kernkompetenzen von Musik. 'Oryx and Crake', eine Auftragsarbeit für das Staatstheater, bietet finstere, aber nicht unzugängliche Klänge vom ersten dräuenden Ton an. Klassische Orchesterinstrumente werden mit Elektronik kombiniert, das wirkt über weite Strecken tonal, teils vertrackt, teil sphärisch, es gibt süße Streichermelodien, leitmotivische Elemente, tanzbare Momente, veritablen Operngesang (in englischer Sprache). Es gibt keine Berührungsängste zur Verve von Filmmusik."
Besprochen werden außerdem Ihsan Othmanns Bühnenfassung von Bachtyar Alis Roman "Die Besetzung der Dunkelheit" über kurdisches Leben in der Türkei am Staatstheater Wiesbaden (die mit stehenden Ovationen bedacht wurde, wie Björn Hayer in der taz festhält), Armin Petras' Bühnenfassung von David Grossmans Roman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" (Nachtkritik), Sophokles' "Antigone" in leichter Sprache an den Münchner Kammerspielen (SZ, Nachtkritik), ein Ballettabend mit "Force Majeure" und "Boléro" am Hessischen Staatsballett (FR) und eine szenische Collage über den Maler Franz Radziwill am Staatstheater Oldenburg (Nachtkritik, FAZ).
Vera-Lotte Boecker als "Daphne". Foto: Staatsoper Berlin
SZ-Kritiker Egbert Tholl sieht im Schneetreiben den Frühling auf der Bühne - in Gestalt der Sopranistin Vera-Lotte Boecker als "Daphne", die morgen Premiere hat. Boecker singt "die Titelpartie der Oper von Richard Strauss hier an der Staatsoper Berlin. Singt mit betörender Präzision, mit einer quecksilbrigen Stimme, die aber stets über Kontur verfügt, heller Klang, fast schon irritierend leichte Koloraturen, wie nebenbei eingeflochten in Strauss' lange Monologe. Alles an dieser Stimme wirkt selbstverständlich, nichts wirkt gemacht, sondern ist stets der authentische Ausdruck der Figur, die auf der Bühne steht. Nach dieser Generalprobe kommt Boecker in die Kantine, durchquert diese ohne viel Aufhebens, doch [Regisseur Romeo] Castellucci sieht sie, springt auf und kniet sich vor sie auf den Boden, voller Bewunderung und vielleicht auch, weil er weiß, dass das, was er hier, an der Staatsoper unter den Linden, inszeniert, nur funktioniert, weil Vera-Lotte Boecker die Daphne singt, spielt." Boecker hat im übrigen auch ein eindrucksvolles Repertoire: von Henze bis Bizet.
Gina la Mela besucht für die FAZ die Proben zu "Kampf um Augsburg", eine Wrestling-Show, die im Rahmen des Brecht-Festivals im Augsburger Veranstaltungssaal der Alevitischen Gemeinde aufgeführt werden soll. "Und was hat das nun mit Brecht zu tun? Das klassische Wrestling folgt einer einfachen Gut-gegen-Böse-Logik. Selina Nowak tritt sonst als 'Face' an, so nennen sich die Guten. Jazzy Gabert machte Karriere als 'Heel', ging also immer wieder als Bösewicht in den Ring. Die klare Rollenverteilung sorgt für unmissverständliche Reaktionen. Applaus und Gejubel für die einen, Buhrufe für die anderen. Im Ring gibt es keine Grautöne. Selina Nowak gefällt diese Spannung: Als 'Nature Girl' soll sie zwar eine der Guten darstellen. Aber nicht alle Bewohner Augsburgs unterstützen das Klimacamp. Für [Festivalleiter] Julian Warner beginnt bei der Wrestling-Logik von 'Face' und 'Heel' die Überschneidung mit der Brecht'schen Idee des dialektischen Theaters: 'Wir fragen uns: Was passiert eigentlich, wenn ich versuche, die Probleme einer Stadt durch zwei völlig unvereinbare Linsen zu betrachten? Ist das produktiv?'"
Außerdem: Ingeborg Ruthe schreibt in der Berliner Zeitung zum Tod des Theaterregisseurs Friedo Solter.
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