Susanne Kennedys "Angela" bei den Wiener Festwochen. Foto: Julian Roeder Bei den Wiener Festwochen wurde Susanne Kennedys neue, wieder hyperartifizielle und verstörende Produktion "Angela (a strange loop") gezeigt. Nachtkritiker Martin Thomas Pesl nimmt immerhin einen schauerlichen Albtraum mit nach Hause und erkennt in Kennedy den David Lynch des Theaters: "Sie will, dass wir ihr weiter und weiter in absonderliche Abgründe folgen, weil wir meinen, noch nicht ganz verstanden zu haben. Bis wir merken, dass es nichts mehr zu verstehen gibt, ist es zu spät." Worum es geht, kann SZ-Kritiker Egbert Tholl auch nicht unbedingt sagen, aber er fand das nur am Anfang nervig: "Doch dann wird's toll. Angela (Ixchel Mendoza Hernández) hat eine mysteriöse Krankheit, vielleicht Long Covid, vielleicht eine Art Internet-Autoimmunitätsstörung, auf jeden Fall ist ihr, influenced, die Realität abhanden gekommen. Die Wohnung hermetisch, die Einrichtung einschließlich Einbauküche digital, die Besucher - Freund, Freundin, Mama - somnambule Worthülsenträger. Ein digitales Plüschtier weiß im Bildschirm mehr als alle anderen, eine seltsame Besucherin (Diamanda La Berge Dramm) kommt, bleibt und macht auf ihrer Elektrogeige Musik, sie singt auch sehr schön." Verstörend schön findet Ronald Pohl im Standard die ontologische Rätsel, die ihm Kennedy mitgibt.
Außerdem bilanzieren die Kritiker das Berliner Theatertreffen, das mit Mateja Koležniks Bochumer Gorki-Inszenierung "Kinder der Sonne" zu Ende gegangen ist. Die Inszenierung hat Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitungumgehauen: "Wir hocken im Theater und hoffen auf gesellschaftliche Relevanz, doch hier schlägt uns eine Inszenierung genau diese selbstgefällige, rein akademische Hoffnung demonstrativ um die Ohren. Ein kalter Hieb." Auch für SZ-Kritiker Peter Laudenbach war das Stück ein Highlight, das ihn über Tiefpunkte wie Stefanie Dvoraks Wiener Nazi-Katholizismus-Folklore "Die Eingeborenen von Maria Blut" und die Performance "Bus nach Dachau" hinwegtrösten musste. Sein Fazit: "Von solch unerfreulichen Ausnahmen abgesehen scheint die verrätselte Konzeptkunst-Hermetik, die das Festival im vergangenen Jahr über weite Strecken zu einer Trendstreber- und Insider-Angelegenheit gemacht hatte, für's Erste abgehakt. Nimmt man diese Theatertreffen-Ausgabe als Gradmesser, zielen die Bühnen mit großen Geschichten und kraftvollem Schauspieler-Theater energisch auf ein breiteres Publikum - wohl auch, um nach dem Pandemie-Einbruch ihre Zuschauer von Netflix zu entwöhnen und für das Theater zurückzugewinnen." Im Tagesspiegel teilt Rüdiger Schaper ordentlich aus und bezeichnet das Gesamtbild als "alarmierend trostlos": "Das Theatertreffen lahmt bedenklich. Dieser Eindruck wurde durch das Extraprogramm "10 Treffen" nur verstärkt. Hier ging es in seltsamen Performances um die ganz großen Probleme der Welt. Fatal: So spricht das immer noch beliebte Festival seiner eigenen Auswahl das Misstrauen aus."
Besprochen werden Cecilia Bartolis Salzburger Pfingstfestspiele, bei denen die Operndiva als Orpheus in Glucks Oper "Orfeo ed Euridice" und als Eurydike in Haydns "L'anima del filosofo" betört, wie Jan Brachmann in der FAZ jubelt, Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" an der Wiener Staatsoper (Standard), Franz Schuberts "Schöne Müllerin" an der Berliner Staatsoper in einer "experimentellen Zurichtung" der Musicbanda Franui aus Osttirol (taz), Milo Raus "Antigone im Amazonas" bei den Wiener Festwochen (taz), Thomas Manns "Zauberberg" im Wuppertaler Theater am Engelgarten (FAZ), André-Ernest-Modeste Grétrys Oper "Zemira e Azor" in Schwetzingen (FR), und Axel Ranischs Inszenierung von Händels "Saul" an der Komischen Oper (BlZ).
Szene aus "Barocco". Foto: Fabian Hammerl 2018 noch in Moskau aufgeführt, hat der russische Regisseur Kirill Serebrennikow am Hamburger Thalia Theater sein Stück "Barocco" nun neu inszeniert, aber so ganz wird Till Briegleb in der SZnicht klar, worauf Serebrennikow hinauswill, wenn er Barockmusik von Monteverdi, Purcell, Rameau oder Bach mit den Vorgängen im Protestjahr 1968 kurzschließt: "Ein begeisterndes Gesangsensemble um die russische Sopranistin Nadezhda Pavlova und den Countertenor Odin Biron überwältigt die Emotionen mit tragischen Arien. Die politischen Spielszenen leiden aber vielfach an einem Grundproblem von Serebrennikovs Regiestil, dem Hang zum Plakativen und Pathetischen. Da werden viele Statisten mit den Parolen der 'Letzten Generation' aufgestellt, während das Ensemble die Sponti-Sprüche der 68er aufsagt."
"Der Abend ist bewegend, großartig und aufrüttelnd", jubelt indes Wiebke Hüster in der FAZ, die hier auch einen "Schrei nach Freiheit" zu vernehmen meint: "Das Körperliche, die musikalisch phrasierte Bewegung in Serebrennikows 'Barocco' ist konstitutiv für das Organisationsprinzip des Abends als einer prachtvollen assoziativen Entfaltung. Hier kommt Andy Warhol ebenso vor wie die Pariser Studentenrevolten und die Klima-Aktivisten der Gegenwart. Bereits William Forsythe entlehnte seine Ideen der choreographischen Bewegungsorganisation seinem inneren Bild barocker Fülle und ihrer Ausbreitung im Raum. Die atemberaubenden neuen Perspektiven des postmodernen Tanzes von Forsythe hatten mitunter etwas Blendendes. Serebrennikows Choreografen Ivan Estegneev und Evgeny Kulagin gelangen vom selben Ausgangspunkt zu ganz anderen, viel inklusiveren, anschaulicheren Körperbildern." Zu einer "Flucht in die Schönheit" lässt sich hingegen Nachtkritiker Stefan Forth hinreißen, auch wenn es ihm gelegentlich an "Tiefenbohrung" mangelt.
Außerdem: Nach allerhand Skandalen und identitätspolitischen Debatte fragt René Hamann in der taz nach der Daseinsberechtigung des Theaters: "Bleibt das Theater im Erstarrungsmodus? Ist der Weg der radikalen Repolitisierung der Richtige, wenn eh immer nur dieselben sich das anschauen, ein reines Bestätigungs- und Selbstbestätigungstheater?" In der tazstellt Anna Schors den Verein Bühnenmütter e. V. vor, der sich für Künstlerinnen mit Kind am Theater einsetzt.
Besprochen werden das Tanzfestival "Leisure & Pleasure" in den Berliner Sophiensälen (Tsp), Stefan Bachmanns Inszenierung von Lion Feuchtwangers Roman "Erfolg" am Residenztheater (FAZ), Milo Raus Inszenierung der nach Brasilien verlegten "Antigone" bei den Wiener Festwochen (SZ, Standard), George Petrous Inszenierungen "Semele" und "Hercules" bei den Händel-Festspielen in Göttingen (FAZ) und Christoph Mehlers Inszenierung von Finegan Kruckemeyers Stück "Der lange Schlaf" am Theater Oberhausen (nachtkritik).
Trotz kleinerer Schwächen verbringt SZ-Kritikerin Christine Dössel einen "finster strahlenden" Abend im Münchner Residenztheater mit Stefan Bachmanns Adaption von Lion Feuchtwangers imposantem 800-Seiten-Roman "Erfolg": "Wer eine Nacherzählung des Romans, zünftiges bayerisches Lokalkolorit oder hartes München- und Politik-Bashing erwartet, eine zornige, schmerzende Abrechnung, wird von dieser Inszenierung enttäuscht sein. Weh tut sie nicht. Sie ist auch nicht wutgetrieben und nicht politisch-progressiv. Aber sie erzeugt Unbehagen, eine albtraumhaft gespenstische Atmosphäre, die auch uns Heutige aufschrecken kann. Und sie schafft etwas, woran andere Romanadaptionen auf der Bühne oft scheitern: künstlerische Eigenständigkeit und Verdichtung. Bachmann und sein hervorragendes Ensemble tanzen auf der Vorlage, drehen darauf Pirouetten, machen daraus ihr eigenes ästhetisches Ding: eine dunkel dräuende Zwanziger-Jahre-Revue mit Grusical-Charakter und Anleihen bei Cabaret, Kabarett, Stummfilm und Expressionismus, bisschen auch bei 'Babylon Berlin'."
Auf dem Bild: Saskia Wagner und Publikum. Foto: Melanie Zanin Regisseur Bassam Ghazi hat für das Schauspielhaus Düsseldorf eine "theatrale Busreise" nach Solingen organisiert, zu Erinnerungsorten für die Opfer der rassistischen Anschläge 1993. taz-Kritiker Volkan Agar ist mitgefahren und versucht sich dabei so zu erinnern, dass es ihm wirklich weh tut: "Wird ein Gedenken den Opfern gerecht, von dem aus man geschmeidig zum Tagesgeschäft zurückkehren kann? Oder muss sich gerechtes Gedenken auch körperlich spürbar machen, weil einem ein kalter Schauer über den Rücken läuft, der Hals sich zuzieht und ganz trocken wird, die Augen nass? So wie bei einigen Teilnehmenden dieser Zeitreise, bei denen mit türkischen, aber auch bei solchen mit deutschen Namen. Vermutlich muss Gedenken wehtun, einem selbst und den anderen, wenn man nicht bei der ritualisierten Wohlfühl-Sorte des Gedenkens landen möchte, die in der Hitlist der deutschen Vergangenheitsbewältigung auf Platz 1 steht." Wie bitte?
Besprochen werden: Ein "theatralischer TED-Talk" von Isabella Rosselini bei den Ruhrfestspielen (Welt, FAZ), die Oper "Lessons in Love and Violence" von George Benjamin, inszeniert von Evgeny Titov am Opernhaus Zürich (SZ), Kirill Serebrennikovs Inszenierung "Barocco" am Thalia Theater Hamburg (nachtkritik), Milo Raus Inszenierung der nach Brasilien verlegten "Antigone" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik) und die Performance "Parasite Parking" des Aktivisten Jakob Wirth, der verschiedene Berliner Parkplätze besetzt - ohne Genehmigung (taz).
Das Berliner Gorki Theater will mit dem Festival "Gezi - Ten Years After" den freiheitlichen Geist der Gezi-Proteste in Istanbul weitertragen, erklären Gorki-Intendantin Shermin Langhoff und der Kurator Erden Kosova im Interview in der taz. Langhoff erzählt, warum die Proteste gegen die Regierung Recep Tayyip Erdoğans 2013 einen Wendepunkt darstellten: "In den 1980er Jahren war durch den Militärputsch alles auf Stillstand gestellt. Ich gehöre zu der Generation, die sich in den 1990er Jahren nochmals politisierte. Aber wir waren nicht so revolutionär wie die Menschen der 1970er Jahre. Wir haben uns an die traditionelle Linke und deren Ästhetik, Rhetorik und Diskurs angeschlossen und auch gekämpft, den Taksim-Platz zu okkupieren, mit 1.-Mai-Protesten und Ähnlichem. Aber wir haben nie gedacht, dass wir das schaffen könnten. Gezi aber machte das in einer sehr spontanen Gegenbewegung möglich. Und diese Sprache war für uns total neu."
Weitere Artikel: In der Berliner Zeitungblickt Ulrich Khuon im Gespräch mit Ulrich Seidler zurück auf seine Intendanz am Deutschen Theater Berlin und erklärt, warum Theater nicht laut sein muss: "Es gibt schon genug Aggressionen in den sozialen Medien und in der Gesellschaft, da ist es schon ganz gut, wenn einem nicht auch noch das Theater an die Gurgel springt oder auf den Kopf haut. Andererseits gibt es Theater und auch Stadtgesellschaften, in denen die Konflikte schön überdeckt sind und in denen eine Scheinharmonie herrscht. Da fehlt dann eine laute Stimme, um die Probleme erkennbar zu machen." Im Standardannonciert Stefan Weiss das Freiluftfestival "Theater im Park" in Wien.
Besprochen werden die Performance der brasilianischen Künstlerin Anna Maria Maiolino in der Neuen Nationalgalerie Berlin (tsp), Lucia Bihlers Adaption des Romans "Die Eingeborenen von Maria Blut" von Maria Lazar beim Berliner Theatertreffen (BlZ), Riccardo Zandonais Oper "Francesca da Rimini" an der Deutschen Oper Berlin (nmz), Franz Schrekers "Der singende Teufel" an der Oper Bonn (nmz) und Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Beaumarchais' "Figaros Hochzeit" am Düsseldorfer Schauspielhaus (FAZ).
Peter Laudenbach windet sich in der SZ vor Scham angesichts der Peinlichkeiten, die das Berliner Theatertreffen in diesem Jahr von der ersten Minute an begleiteten, als die Leiterinnen das Publikum baten, den blühenden Kastanien zu applaudieren (und dann auch noch einige dieser Bitte folgten). Verheerend findet er aber, dass das traditionelle Begleitprogramm mit Osteuropa-Schwerpunkt quasi als eigenes Festivals abgekoppelt wurde: "Das ist nicht besonders klug, schließlich ist die Jury-Auswahl die Geschäftsgrundlage des Theatertreffens, die es zu einem Gradmesser des deutschsprachigen Gegenwartstheaters macht. Diese Tollpatschigkeit ist zwar unhöflich, wäre aber nicht weiter schlimm, wenn das Rahmenprogramm zumindest halbwegs interessante Veranstaltungen bieten könnte. Doch davon kann keine Rede sein. Zu den Peinlichkeiten gehört etwa ein 'Emptiness Treffen' mit dem verlockenden Angebot, einfach mal gar nichts zu machen und 'gemeinsam alleine zu sein'."
Besprochen werden Peter Konwitschnys "Siegfried"-Inszenierung an der Oper Dortmund (FR) und Franz Schrekers Oper "Der singende Teufel" an der Oper Bonn (die Welt-Kritiker Manuel Brug arg fad erschien, auch wenn er die Reihe "Fokus 33" ausgesprochen verdienstvoll findet, die sich untergegangenen Werken verschrieben hat).
George Benjamins "Lessons in Love and Violence. Foto: Herwig Prammer / Opernhaus Zürich Großereignis in Zürich mit George Benjamins Oper "Lessons in Love and Violence". Angelehnt an Christopher Marlowes Geschichtsdrama "Edward II." erzählt sie von Macht und Missbrauch, wie Marco Frei in der NZZerklärt: Während das Volk hungert, vergnügt sich der König mit seinem Günstling Gaveston, bis beide vom Liebhaber der König grausam ermordet werden. Die sängerische Leistung sei überragend und Dirigent Ilan Volkov mache die Höĺlenfahrt geradezu körperlich spürbar, jubelt Frei. Und dann dann die Musik: "Benjamin ist ein Meister der Orchestrierung, der ohne austauschbare 'Deko-Klänge' auskommt; er zählt ohnehin nicht zu den Vielschreibern, die stets mit denselben Versatzstücken jonglieren. Benjamin sucht in seinem Schaffen immer schon nach sehr individuellen und bezwingenden Lösungen für jedes einzelne Werk. Er verfolgt dabei seit langem beharrlich einen ganz eigenen Weg, ohne irgendwelchen Moden und Trends zu erliegen. In seiner Musik hat der heute 63 Jahre alte Brite nie mit seriellen Techniken, Elektroakustik oder Geräuschaktionen gearbeitet. Das avanciert Moderne erreicht Benjamin durch die Erneuerung der Instrumentation und einen staunenswerten Umgang mit Klangfarben. Das mag er einst von seinem großen Lehrmeister Olivier Messiaen gelernt haben, seine Lösungen aber sind ureigen."
Katja Kolllmann berichtet in der taz von der Reihe 10 Treffen, das im Rahmen des Theatertreffens ukrainischen und belarussischen Künstlern eine Bühne gibt. Besonders bedrückt erzählt sie von Igor Shugaleevs Performance "375 0908 2334 The body you are calling is currently not available": "Besonders bewegend ist der Teil des Textes, in dem er erklärt, dass man als Belarusse/Belarussin von Schuldgefühlen geplagt wird, weil es einem besser geht als anderen. Zum Beispiel: Man wurde (noch nicht) verhaftet, man wurde in der Haft nicht so schlimm gefoltert wie andere und vor allem, man ist im Exil in Sicherheit. Ein Schuldsyndrom, das bei Holocaust-Überlebenden das erste Mal umfassend analysiert wurde. Shugaleev erläutert, dass die Haltung, die er einnimmt, typisch ist für eine Zwangsstellung, die die in Belarus Verhafteten in der Regel über Stunden einnehmen müssen. Er illustriert das durch ein kurzes Video aus einem belarussischen Polizeigewahrsam und kommt nun auf die symbolische Telefonnummer im Titel seiner Performance zu sprechen: 375 ist die Landesvorwahl von Belarus, 0908 steht für den 9. August 2020, den Tag der Präsidentschaftswahl und den Beginn der Proteste, 2334 bezeichnet ein Gesetz in Belarus, nachdem Demonstrierende strafrechtlich verfolgt werden können. (Bis heute wurden so über 40.000 Belaruss*innen verurteilt.)"
Besprochen werden Damiano Michielettos Inszenierung von Verdis "Aida" an der Bayerischen Staatsoper (die bei Welt-Kritiker Manuel Brug keine Opernstimmung aufkommen lassen wollte: "Wieder so eine dieser "Ja mei geht scho"-Premieren, wie sie sich in München gegenwärtig häufen"), Antú Romero Nunes' Zürcher Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" beim Berliner Theatertreffen (Tsp), Francis Poulencs düstere Oper "Dialogues des Carmélites" an der Wiener Staatsoper (Standard) und Heike Goetzes Bühnenfassung von Jovana Reisingers Roman "Spitzenreiterinnen" am Staatstheater Kassel (FR).
Jacopo Godani hat als Chef der Dresden Frankfurt Dance Company mit "Symptoms of Development" seine letzte Premiere gehabt. In der FRerinnert Sylvia Staude mit Bitterkeit an die Ruinierung der Tanzstadt Frankfurt zur Jahrtausendwende, als William Forsythe' Ballett, der Mousonturm, das S.O.A.P. Dance Theatre oder die Kompagnien von Marie Luise Thiele und Vivienne Newport nicht mehr finanziert wurden. Dass Godani jetzt geht, kann Staude allerdings nicht mehr betrüben, seine Ernennung war ein Fehler, meint sie: "Stück um Stück, so haben wir es in Erinnerung, arbeitete sich das Ensemble ab, die Beine wie Zirkel, bei den Frauen überdehnt, die Arme unermüdlich wirbelnd, die Hüfte sich verschiebend, der Oberkörper sich wellend. Oft schien am Rücken nur die Schraube zum Aufziehen zu fehlen. Dabei konnte das Thema der Choreografien nicht groß und wichtig genug sein - die Entwicklung des Menschen, die Zukunft des Menschen, nichts weniger -, doch da das Bewegungsmaterial mehr oder weniger das gleiche blieb, waren die Choreografien bald schwer zu unterscheiden."
Besprochen werden Milo Raus "Antigone in the Amazon" und Stas Zhyrkovs "Antigone in Butscha" (die Welt-Kritiker Jakob Hayner auch als hoch politisierte Aktualisierungen beeindrucken), Peter Konwitschnys "Siegfried" an der Oper Dortmund (SZ, FAZ), weitere Inszenierungen vom Berliner Theatertreffen (taz), Andreas Kriegenburgs unterhaltsame Inszenierung von Beaumarchais' Komödienklassiker "Figaros Hochzeit" für das Düsseldorfer Schauspielhaus (Nachtkritik), Christa Winsloes "Sylvia und Sybille" am Staatsschauspiel Dresden (Nachtkritik) und Sidi Larbi Cherkaouis Doppelabend "Faun/VIA" bei den Maifestspielen in Wiesbaden (FR).
Wenig Freude hatte Doris Meierhenrich (Berliner Zeitung) bisher beim Begleitprogramm des Berliner Theatertreffens. Kunst findet man hier nicht, erklärt sie, im Gegenteil: Sie kann "in dem nun '10 Treffen' betitelten Beiprogramm kaum etwas anderes erkennen als dezidiert antiästhetische Gegenentwürfe zu der ambitionierten Zehner-Auswahl der Kritikerjury. Dabei war eine Frontstellung dieser Art nie Absicht der drei neuen Leiterinnen, denen es gerade im Gegenteil um den Ausbau des 'Sich Treffens', der Begegnungen ging, wie Co-Leiterin Joanna Nuckowska betont." In der nachtkritikberichtet Christine Wahl vom Theatertreffen.
Weitere Artikel: Antonio Fian hat sich für den Standard ein kleines Dramolett über künstliche Intelligenzausgedacht. In der FRtrauert Judith von Sternburg um das Fritz Rémond Theater, das schließt, weil Claus Helmer offenbar keinen Nachfolger gefunden hat. Obwohl eine Mehrheit der Studenten im Fach Musiktheaterregie weiblich ist, werden immer noch kaum Stücke von Frauen inszeniert. Intendantinnen gibt es noch weniger, berichtet Anna Schors im van Magazin.
Besprochen werden Alban Bergs Oper "Lulu" als kapverdisches Tanztheater, choreografiert von Marlene Monteiro Freitas, bei den Wiener Festwochen (Standard), Keyvan Sarreshtehs Performances "Timescape" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik), Robert Gerloffs Inszenierung von Svenja Viola Bungartens Eastern "Garland" am Oldenburgischen Staatstheater (nachtkritik), De Warme Winkels Inszenierung von "Der Bus nach Dachau" beim Berliner Theatertreffen (nachtkritik), drei große Premieren an der Bayerischen Staatsoper (die NZZ-Kritiker Marco Frei zeigen, dass die "führende Bühne in der Opernwelt endlich wieder ein starkes und klares Profil" hat), Florian Zellers "Die Kehrseite der Medaille" in der Frankfurter Komödie (FR) und Felix Kriegers Inszenierung der "Dalinda" von Donizetti im Berliner Konzerthaus mit einer hinreißenden Lidia Fridmann in der Titelrolle ("Die Stimme der erst 27-jährigen Sopranistin aus Samara mit dem betörend gutturalen Tiefenregister hat ein Aroma von Harz und karfunkelt in faszinierenden Rubinfarben). Fridman erinnert ein bisschen an die junge Iano Tamar, hat vibrierende Nervenspannung wie früher Leontyne Price und kommt in edler Schönheit einem vokalen Urerlebnis ziemlich nahe", schwärmt Roland H. Dippel in der nmz).
Gleich vierJelinek-Stücke an einem Abend hat das Wiener Werk X aufgeführt, bevor es geschlossen wird. Nun ja, "wen könnte man für die Schlussparty besser als verbale Abrissbirne verwenden als Elfriede Jelinek?", denkt sich Welt-Kritiker Joachim Lottmann, der den Abend genossen zu haben scheint, auch wenn nicht immer alles gleich gut gelungen war. Miloš Lolićs Inszenierung von Jelineks Langtext "Aber sicher!" zum Beispiel: Die Schauspieler schreien sich an und ziehen sich dabei aus. Nicht so originell, findet Lottmann. "Da das aber in waghalsiger, verdammt gekonnter Artistik geschieht, wirkt es alles andere als peinlich. Überhaupt muss man anerkennen, dass kein anderer Autor der Gegenwart es wie Elfriede Jelinek schafft, ein so abstraktes Thema wie die internationalen Finanzströme (und ihre Auswirkungen beim 'Endverbraucher') in konkrete Vorstellungen zu transformieren. Sie tut es mit einem Bombardement von Sprachfetzen. Das macht ihre Genialität aus. Und selbst hier, wo man die meisten Worte akustisch gar nicht versteht, ahnt man noch die Wirkung des Originaltextes."
Szene aus Knausgards "Der Morgenstern". Foto: Thomas Aurin
So ganz überzeugt ist Klaus Irler in der taz nicht von der Inszenierung und gleichzeitigen Live-Verfilmung von Karl Ove Knausgards für die Bühne vielleicht zu vielschichtigem Roman "Der Morgenstern" am Hamburger Schauspielhaus, verantwortet von Armin Kerber. Das können auch die technischen Raffinessen nicht mehr rausreißen: "Das Konzept der Live-Verfilmung schadet nicht, liefert aber auch keinen Mehrwert. Von Zeit zu Zeit hält der Budenzauber Lücken bereit für schauspielerische Soli auf leerer Bühne; Monologe, die die Oberfläche verlassen und das Innere der Figuren zur Sprache bringen. Da wird es ernst - und schwer nachvollziehbar: Zu viel Material, textlich und technisch, ist zuvor die Bühne rauf- und runtergegangen; schwierig, sich einzufühlen, nichts durcheinanderzubringen, zu folgen. Der Weltuntergang, er bleibt am Ende letztlich eine Show im Schauspielhaus. Alles ist nur Theater, nur Film, nichts, das man allzu ernst nehmen muss. Es ist ein Abend, der beeindruckt durch das Viele, das er zu bieten hat. Aber was ihm fehlt, ist eine suggestive Kraft, um fortzuwirken."
Weiteres: Ulrich Khuon wird für ein Jahr Intendant des Zürcher Schauspielhauses, meldenBerliner Zeitung und NZZ. Besprochen werden Felicia Zellers "Antrag auf größtmögliche Entfernung von Gewalt" im Theater Oberhausen (nachtkritik), und die Inszenierungen "Beautiful Thing" und "Total!Normal?" an den Theatern Parkaue und Strahl (Tsp).
Besprochen werden die politisch auf die Ukraine und Belarus ausgerichtete Nebensparte "10 Treffen" beim Berliner Theatertreffen (taz), Damiano Michielettos Inszenierung von Verdis Kriegsoper "Aida" (die Helmut Mauró in der SZ ausgesprochen dröge fand, aber die Gesangspartien fand er großartig), Johan Simons' "Macbeth"-Inszenierung mit Jens Harzer in Bochum (Zeit) und der Abend "Ein Fisch wird nur so groß wie sein Aquarium" im Jungen Staatstheater Wiesbaden (FR).