Schön die Zeit verschwenden mit Michael Endes "Momo": Foto: Eike Walkenhorst / Schauspielhaus Zürich Am Zürcher Schauspielhaus hat Alexander Giesche Michael Endes Kinderbuchklassiker "Momo" inszeniert, in dem die grauen Herren von der Zeitsparkasse das alterslose Mädchen Moma davon abhalten, ihre Zeit an die Menschen zu vergeuden. SZ-Kritikerin hat Christiane Lutz musste sich erst ins leichte Spiel einfinden, dann genoss sie es als wahre Verschnaufpause: "Man sucht nach Sinn beim Zuschauen und muss irgendwann feststellen, dass die Sache der Sinn ist. Damit lehnt sich Giesche auch gegen die Erwartung an einen Theaterabend auf. Denn das Theater ist in puncto Effizienzpflicht natürlich nicht besser als der Rest der Gesellschaft. Premiere jagt Premiere, Probenzeiten werden immer kürzer, ein Schauspieler krank? Darf nicht sein. Giesche nennt seine inzwischen unverkennbaren Arbeiten 'Visual Poem', und die sind umgesetzt viel weniger prätentiös, als es klingt. Denn er macht genau das: Er schafft poetische Bilder für Texte, die sich betrachten lassen wie Kunstwerke."
"Die Theaterzukunft gehört Alexander Giesche", jubelt in der NZZ auch Daniele Muscionico, die mit "Momo" das Theater an den "dramatischen Nullpunkt" geführt sah: "Die Inszenierung ist eine Performance von selbsttätigen Hightech-Tools und von dem, was das Ritual Theater seit Anbeginn sakral macht: die Ansprache unserer Sinne. Schmecken, tasten, riechen."
Besprochen werden Georg Friedrich Haas' Oper "Morgen und Abend" in Graz (Immo Karamans "stimmungsstarke" Inszenierung Stefan Ender findet im Standard preiswürdig, FAZ), Ersan Mondtags "Freischütz"-Inszenierung am Staatstheater Kassel (die Judith von Sternburg in der FR "fabelhaft oberflächlich", aber nicht unsubtil findet, Nachtkritik), Detlev Glanerts Oper "Caligula" am Nationaltheater Weimar ("ein Wurf", meint Joachim Lange in der NMZ), die Wiederaufnahme von Donizettis "Anna Bolena" mit Diana Damrau in der Titelpartie an der Wiener Staatsoper ("nobel im Klang", lobt Standard-Kritiker Ljubisa Tosic) und Sapir Hellers Adaption von George Orwells Fabel "Farm der Tiere" am Münchner Volkstheater (Nachtkritik).
In einem epischen Gespräch, das Albrecht Thiemann im Van Magazin mit Alexander Kluge zu dessen 90. Geburtstag geführt hat, kommt Kluge auch auf die "Macht der Musik", insbesondere bei Richard Wagner zu sprechen: "Ich mag Überwältigung nicht, weder in der Musik noch im Denken noch sonst. Man muss Wagner aufsplittern, den Blick auf die Einzelteile, die feine, präzise Struktur, die seiner Musik innewohnt, richten. (…) Auf das Genie des Kammermusikers Wagner stößt man erst, wenn man ihn auf das Gerüst, auf seine Grundelemente zurückführt, auf die 'Orchesterperspektiven', die großartigen Einzelheiten. (...) Wenn man in seinen Opern die Besonderheiten sucht, ist er genial; wenn man seine Musik mit Pomp und großem Gefolge zelebriert, taugt sie für Reichsparteitage."
Außerdem: In der tazberichtet Marius Ochs, wie Sascha Förster, neuer Museumsleiter, das Düsseldorfer Theatermuseum wiederbeleben will.
Besprochen werden Brit Bartkowiaks Inszenierung von Dominik Buschs "Der Chor" am Theater Luzern (nachtkritik), Martina Gredlers Inszenierung von Ödön von Horváths "Figaro lässt sich scheiden" am Stadttheater Klagenfurt (Standard), Mauro Balestrazzis Buch "La tournée del secolo. Toscanini e la straordinaria nascita dell'Orchestra della Scala" (NZZ) und der von Ursula Renner und Christiane Mühlegger-Henhapel unter dem Titel "Mit dir keine Oper zu lang" herausgegebene Briefwechsel zwischen Hugo von Hofmannsthal, Richard Strauss und Alfred Roller (NZZ).
In der SZ wirft Christian Zaschke einem neuen Broadway-Musical über Michael Jackson vor, "unterschwellig" Jackson von allen Vorwürfen des Kindsmissbrauchs freizusprechen: "Was man der Inszenierung besonders übel nehmen muss, ist die Tatsache, dass sie Jackson als einen Menschen zeigt, der allein deshalb eine prinzipielle Unschuld verkörpert, weil er zeit seines Lebens nie erwachsen geworden sei. In dem Musical schießt er mit einer Wasserpistole, er liebt Süßigkeiten so sehr, er spricht fast immer mit der Stimme eines unverstandenen Zwölfjährigen, und er will doch stets nur das Beste für alle. Damit wird insinuiert, dass man diesem Michael halt manches durchgehen lassen muss. Er kann gar nichts Böses tun, er ist doch immer Kind geblieben."
Außerdem: In der SZdenkt Reinhard J Brembeck - mit Blick auf die Oper unter den Linden nach Barenboims Abgang - darüber nach, welche Anforderungen heute an einen Opernintendanten gestellt werden.
Probenszene aus Eugen Engels Oper "Grete Minde" am Magdeburger Theater. Foto: Andreas Lander
Am Theater Magdeburg hat am Sonntag Eugen Engels Oper "Grete Minde" in der Inszenierung von Olivia Fuchs Uraufführung. Engel, im Brotberuf Kaufmann, wurde 1943 von den Nazis in Sobibor ermordet. Höchste Zeit, dass man sich endlich wieder an ihn erinnert, meint Hannah Schmidt in der Zeit: "Kaum etwas ist von diesem Mann und seiner Kunst erhalten geblieben. Kein Wort findet man über ihn im wohl wichtigsten Musik-Nachschlagewerk 'Die Musik in Geschichte und Gegenwart', keinen einzigen Treffer liefert die Suche in den großen musikwissenschaftlichen Datenbanken, es gibt keine Arbeiten oder Aufsätze über ihn, nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag bietet das Netz. Eugen Engel ist ein Gespenst der Musikgeschichte - zumindest war er das lange. Am 19. Oktober 2019, kurz vor Beginn der Corona-Pandemie, führten die Sängerin Fee Brembeck und die Pianistin Nanami Nomura bei der Verlegung seines Stolpersteins in der Berliner Charlottenstraße einige seiner Lieder zum ersten Mal in Deutschland auf. Ihr Konzert markiert rückblickend den Beginn einer ausgesprochen interessanten musikalischen Wiederentdeckungsreise."
Auch FAZ-Kritiker Clemens Haustein wartet gespannt auf die Premiere, die gewiss nicht leicht zu organisieren war: "Aufführungsmaterial wurde aus der handschriftlichen, sauberen Partitur des Komponisten extrahiert und eine gewaltige Bühnenmaschinerie organisiert. Zum Orchester in Richard-Strauss-Größe, mit dreifachen Holzbläsern, sechs Hörnern, Celesta und Glockenspiel kommt noch Bühnenmusik hinzu: Instrumentalgruppen, Kirchenglocken, Orgelspiel, dazu dreizehn Gesangsrollen nebst Chor, der zahlreiche Auftritte erhält. Auf einen außerdem vorgesehenen Kinderchor muss in Magdeburg coronabedingt verzichtet werden, es übernehmen die Soprane. Größenwahn eines Komponisten oder unbedingter Ausdruckswille? Die Uraufführung des knapp dreistündigen Werks ... wird bei der Beantwortung der Frage helfen. Beim Blick in die Partitur zeigt sich jedenfalls ein Komponist, der differenziert zu instrumentieren versteht, der sicher mit den Effekten des Musiktheaters umgeht".
Weitere Artikel: In der Welt staunt Manuel Brug über die Absage der eh nicht sehr regsamen Leipziger Oper zu einem geplanten "Lohengrin": "Wie bitte? Zwei Jahre lang hat keiner in die Container geschaut und sich überlegt, was da noch an Finish nötig war? Und in sieben Wochen ist das nicht mehr zu beheben? Da scheint ein sehr großer Theaterbetrieb sehr schwerfällig und antriebslos geworden zu sein." Im Standardporträtiert Daniel Ender den Komponisten Georg Friedrich Haas, dessen Oper "Morgen und Abend" am Samstag ihre österreichische Erstaufführung an der Oper Graz erlebt. In der nmzschreibt Wolf-Dieter Peter den Nachruf auf Hans Neuenfels, in der Zeit Christine Lemke-Matwey.
Besprochen werden Elsa-Sophie Jachs Adaption von Ottessa Mosfeghs Roman "Eileen" für das Theater Bremen (taz) und Hasti Molavians "Carmen"-Performance am Theater Bremen (nmz).
Katja Kollmann schickt der taz eine Reportage aus Moskau, wo noch einige Theater versuchen, sich der allgemeinen bellizistischen Propaganda entgegenzustellen. "Wie lange soll Putin mit Biden und Konsorten noch reden, bevor er loschlägt gegen die Ukraine?", dröhne es aus den Polit-Talks. Das kleine Teatr.doc etwa bringe mit Artur Solomows Stück "Wie wir Josef Stalin beerdigten" beißende Ironie in den Geschichtsdiskurs, freut sich Kullmann: "Bei Solomonow zieht Lenin Bilanz vor dem im Sterben liegenden Stalin: 'Du hast alles, was ich aufgebaut habe, in die Scheiße geritten.' Stalin bekommt die Chance einer Verteidigung auf dem Totenbett und verweist auf die Stabilität des Landes (im Jahr 1953). ei einem Besuch bei den Proben stehen Iwan Kaschin und Fjodor Kokorew in der Mitte der 20 Quadratmeter großen Probebühne und spielen zwei Schauspieler, die wiederum Nikita Chruschtschow (den späteren Generalsekretär der KPdSU) und Lawrenti Beria (den damaligen Chef der Geheimpolizei) darstellen, zwei Systemträger an Stalins Totenbett. Beide versuchen, Stalins Blick zu entschlüsseln, den sie völlig überbewerten, und werden fast wahnsinnig, weil es ihnen nicht gelingt. Das ist eine Szene voller entlarvender Situationskomik, die für das ganze Stück steht."
Schön, dass Arthur Hughes, ein Schauspieler mit angeborerer Behinderung, in London Shakespeares Richard III. spielen wird, findet Richard Kämmerlings in der Welt. Nicht so schön, dass er auch glaubt, es sei problematisch, wenn Menschen ohne Behinderung dies tun: "In der identitätspolitischen Debatte gibt es eine Schieflage: Einerseits sollen Menschen, die sich im falschen Körper fühlen, durch reine Deklaration ihr Geschlecht wechseln können. Andererseits werden Herkunft und die Erfahrung von Diskriminierung oder Benachteiligung zu unveränderlichen Merkmalen substanzialisiert, deren Anverwandlung auch als Rolle problematisch ist... Aus der aus historischen Gründen berechtigten Ablehnung des rassistischen Blackfacing hat sich ein identitätspolitischer Dogmatismus entwickelt, der das Wesen der Schauspielkunst missversteht."
In der tazverspricht Kultursenator Klaus Lederer Berlin einen Kultursommer. Besprochen wird Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel" in Stuttgart (FAZ).
Hans Neuenfels' legendäre Lohengrin"-Inszenierung. Foto: Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele In der SZschreibt Wolfgang Schreiber zum Tod des Regisseurs Hans Neuenfels, den er als den großen Intellektuellen und Poeten der Opernwelt verehrte und der den Mut zum Risiko lehrte: "'Eine Interpretation darf nicht ambivalent sein', sagte Neuenfels." In der NZZerinnert Christian Wildhagen an die "Schrei- und Buhorgien", mit denen Neuenfels' Bayreuther "Lohengrin"-Inszenierung in die Geschichte der Wagner-Festspiele einging: Der Schwanenritter umgeben von einer Schar von Ratten: "Neuenfels' radikale Bildsprache entsprang durchaus einer intellektuellen Lust an der Provokation. Doch Selbstzweck, wie bei weniger tiefgründigen Vertretern des 'Regietheaters', war sie für ihn nie. Er verband in der zugespitzten Ikonografie seiner Inszenierungen vielmehr scharfsinnige Textanalysen mit psychoanalytischem Denken - und mit visuellen Prägungen, die er während der 1960er Jahre als Assistent des Surrealisten Max Ernst empfangen hatte." In der FRdenkt auch Judith von Sternburg mit Wonne an den "Ratten-Lohengrin" zurück: "Auch gehört Oberflächenspannung zu den integralen Bestandteilen des Regietheaters, im Guten wie im Bösen. Aus der Aufregung, der Erregung, aus der Langeweile (die man dem Ratten-'Lohengrin' freilich nicht vorwerfen kann) und einer wie auch immer gearteten Quälerei soll etwas Neues entstehen, und wenn es ein Gespräch ist, bei dem die Fetzen fliegen."
In der FAZ betont Irene Bazinger, dass Neuenfels auch mit seinen Inszenierungen in Frankfurt und Berlin das Opernpublikum aufschreckte: "Unvergessen seine von Generalmusikdirektor Michael Gielen dirigierte 'Aida' in Frankfurt am Main 1981, in der er die verschleppte äthiopische Prinzessin als Putzfrau zeigte, die in ägyptischer Sklaverei mit niedrigen Tätigkeiten gedemütigt wird. Buhstürme und Bombendrohungen waren die Folge. Seinen Ruf als aufgeklärter, anarchischer Freigeist bestätigte der Skandal um Mozarts 'Idomeneo' (2003) an der Deutschen Oper Berlin. Neuenfels plädierte darin für die Freiheit des Menschen und ließ die Religionsstifter Jesus, Mohammed und Buddha köpfen, weshalb 2006 die Wiederaufnahme nach einer Warnung des Berliner Innensenators vor islamistischen Anschlägen zunächst abgesagt wurde." Weitere Nachrufe in Tsp, Standard.
Besprochen werden Sebastian Nüblings Adaption von Rasha Abbas' Syrien-Geschichten "Eine Zusammenfassung von allem, was war" Gorki-Theater (taz), Alice Birchs "Blank" am Staatstheater Karlsruhe (FR), Wolfgang Korngolds "Tote Stadt" als Wiederaufnahme an der Wiener Staatsoper (Standard) und der Tacitus-Abend "Germania. Römischer Komplex" des italienischen Anagoor-Kollektivs im Theater an der Ruhr in Mühlheim (FAZ).
"The Ecstatic" von Jeremy Nedd & Impilo Mapantsula. Bild: Swiss Dance days Als das Spannendste was in den letzten Jahren aus der freien Schweizer Tanzszene heraus entstanden ist feiert Lilo Weber in der NZZJeremy Nedds Stück "The Ecstatic", das bei den Swiss Dance Days in Basel zu sehen war. Der Choreograf hat es zusammen mit der südafrikanischen Organisation Impilo Mapantsula erarbeitet: "Jeremy Nedd und seine sechs südafrikanischen Tänzer verbinden Pantsula mit Praise-Break. Pantsula entstand während der Apartheid in den Townships Südafrikas. Es ist der Tanz der schnellen Füße und wütenden Herzen, beeinflusst später auch durch den Hip-Hop. Praise-Break kommt aus den Gottesdiensten, da die Gläubigen sich in Trance singen und tanzen. Und die Verbindung sitzt, wie nun an den Swiss Dance Days in Basel zu sehen war. 'The Ecstatic' hat die Zutaten für ein großes Tanzstück: blitzschnelle Füße, umwerfendes Tempo, leidenschaftliche Energie, Relevanz, verbunden mit Virtuosität. Es wird seinen Weg um die Welt machen."
In der SZbilanziert Peter Laudenbach nicht ohne Sympathie, aber doch recht nüchtern die Bilanz des neuen Volksbühnen-Intendanten René Pollesch, der im Januar auf der großen Bühne gerade mal acht Theatervorstellungen präsentierte, im Februar sollen es zwölf sein: "Dafür, dass pandemiebedingt immer wieder Vorstellungen abgesagt werden müssen, kann Pollesch nichts - das erleben gerade alle Theater. Am Deutschen Theater Berlin liest Wolfram Koch bei freiem Eintritt Tschechow-Erzählungen, weil sein Bühnenpartner Ulrich Matthes erkrankt ist. Nichts davon an der Volksbühne. Das Minimalprogramm scheint dort aber niemanden weiter zu stören. 'Wir machen's für uns', hatte Pollesch zu Beginn seiner Intendanz erklärt. Das klang trotzig: Wir sind Künstler, keine Servicekräfte. Heute wirkt das Statement angesichts des runtergefahrenen Spielbetriebs eher borniert."
Besprochen werden Simone Derais hochkonzentrierte Gedankenperformance "Germania. Römischer Komplex" im Theater an der Ruhr mit dem italienischen Theaterkollektiv ANAGOOR (Nachtkritik), Sebastian Nüblings Inszenierung von Rasha Abbas' syrischen Kurzgeschichten "Zusammenfassung von allem, was war" im Maxim Gorki Theater (die grelle Schlaglichter auf Gewalt und Traumata, Überlebenswillen und Schuldgefühlen werfe, wie Elena Philipp in der Nachtkritik schreibt, Abbas' Geschichten aber auch oft ins Komische wendet, im Tsp verortet Christine Wahl den Abend unter performativen Gesichtspunkten auf höchster Energiestufe), Tracy Letts' Stück "The Minutes" am Staatstheater Wiesbaden (FR).
In der nmz ist Roland H. Dippel hin und weg von Mikaël Serres krimihafter Inszenierung der Paul-Dukas-Oper "Ariane et Barbe-Bleue" am Opernhaus Nancy. Die Oper folgt der Vorlage von Maurice Maeterlincks gleichnamigem Drama von 1910, das uns in Blaubarts verschlossene Kammer führt, die nur Ariane verlassen kann. Aber warum? "Hier gelingt es der eiskalten Inszenierung gerade durch das bedrückend fragwürdige Ende, den Paradoxien der Partitur, deren subtiler Brutalität und pulsierender Wärme annähernd ähnlich Bizarres entgegenzusetzen. Nina Wetzel hat ein Raumgebilde mit Salon, Keller, Treppen und Terrasse gebaut. Glas, Metall, Neonröhren wirken funktional und geheimnislos. Dieser Schein trügt. Auf den Gazeschleier projiziert Sébastien Dupouey seine Videos: Zum Prélude schießt ein Auto mit hellen Strahlern durch dunkle Wälder. Scharf wie für einen Polizeibericht konkretisiert Dupouey Maeterlincks poetische Metaphern. Und mehr als das. Die Rebellen (Benjamin Colin, Ill Ju Lee, Christophe Sagnier, Ju In Yoon) stehen im Rang und drohen von dort gegen die abgeschirmte Villenfestung. Später machen sie den vermögenden Barbe-Bleue mit Gelbwesten und anderen Vermummten fast kalt." Wenn Ariane am Ende geht, gibt Mikaël Serre der Oper "damit ein gefährlich böses Ende, an dem die Dialektik von Gehorsam und Verbotsübertretung zur essenziellen Frage wird".
Weitere Artikel: Regisseur Hendrik Müller erklärt im Interview mit der nmz, warum "Santa Chiara", eine Oper von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha, durchaus eine Wiederentdeckung wert ist: ein Meisterwerk wie "Falstaff" oder "Don Giovanni" sei sie zwar nicht, aber "durch 'Santa Chiara' erfährt man vielleicht mehr über das Theaterschaffen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als aus dem gesamten 'Ring'." Demnächst zu hören am Meininger Theater. Im Interview mit der tazbeklagen die queeren Schauspieler Oska Melina Borcherding und Martín Peñaloza Cecconi, dass sich seit "ActOut" noch nicht genug für queere Schauspieler geändert habe.
Besprochen werden die Aufführung von Wolfgang Rihms Kammeroper "Jakob Lenz" am Stadttheater Klagenfurt (Standard), Eric Assous' Komödie "Ein Satz zu viel" in der Frankfurter Komödie (FR), Marie Schleefs und Anne Tismers Adaption von Kate Chopins feministischer Kurzgeschichte "Die Geschichte einer Stunde" am Ballhaus Ost Berlin (nachtkritik) und Martina Gredlers Inszenierung von Horváths "Figaro lässt sich scheiden" am Stadttheater Klagenfurt (nachtkritik).
Szenen aus "24 Preludes": Rebecca Horner, Marcos Menha. Bild: Wiener Staatsballett/Ashley Taylor Daran, wie schön echte Begegnungen sein können, wirdStandard-Kritiker Helmut Ploebst beim gleichnamigen Ballettabend des Wiener Staatsballetts in der Volksoper erinnert, wo unter anderem eine Choreografie des Russen Alexei Ratmansky gezeigt wurde: "Ratmansky hat zu Frédéric Chopins Spitzenwerk der 24 Préludes op. 28 aus den 1830er-Jahren eine 'Psychologie' der Begegnung choreografiert. Männer und Frauen kommen einander in unterschiedlichsten Konstellationen nahe, oft in die Quere. Da spielen Erwartungen mit und Störungen, Freude, Stolz, Abneigung - oder man tanzt schlicht aneinander vorbei. Wobei das Psychologische nur einen Teil dieses Balletts ausmacht. Das ganze Spiel wird erst sichtbar, wenn sich die Feinheiten der Formulierung treffen, zum Beispiel: wer wann welche Nuancen in ihre oder seine Bewegungen legt und wie das mit dem Licht (Wolfgang Könnyü), der Musik - es spielt das Volksopernorchester unter Gerrit Prießnitz -, den Kostümen (Keso Dekker) und dem Timing kommuniziert."
Sehr zufrieden nimmt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung die Auswahl zur Kenntnis, die die Jury für das Theatertreffen 2022 getroffen hat: "Toll ist jedenfalls von Berlin aus gesehen, dass es Yael Ronens 'Slippery Slope. Almost A Musical' auf die Liste geschafft hat und damit der Machtmissbrauchsdiskurs in humorvoller Brechung. Und es gibt noch eine zweite Berliner Produktion vom Hebbel am Ufer (HAU), nämlich: 'All Right. Good Night', das Demenzstück von Helgard Haug. Auch Hamburg ist mit zwei Produktionen eingeladen: vom Thalia 'Doughnuts' von Toshiki Okada und vom Schauspielhaus Signas (Signa Köstlers) Performance-Installation 'Die Ruhe'." Glücklich kommentiert auch Patrick Wildermann im Tagesspiegel die Auswahl, bei der die Frauenquote mehr als erfüllt ist.
"Klassisches Erzähltheater hat in Berlin längst keine Chance mehr", meint indes Christine Dössel in der SZ: "Alles, was irgendwie nach Mainstream, großen Namen und gefälligen 'Crowd-Pleasern' riecht, meidet die Jury, als sei es anrüchig oder per se unbedeutend. Angesagt ist der hippe, wokeGenre-Mix, der Textflächentanz, das musikalisch-choreografische Systemsprengertum. Entsprechend wenig Breitenwirkung haben die meisten der ausgewählten Inszenierungen bisher gezeitigt, fast alles Uraufführungen, Bearbeitungen, performative Erkundungen. Spezialisten-Fundstücke, die in Berlin hoffentlich überraschen können und nicht zu Insider-Festspielen in einer sich selbst befriedigenden Theater-Bubble führen."
Außerdem: In der Welt erinnert Reinhard Wengierek an den Schauspieler und früheren Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin, Dieter Mann, der im Alter von 80 Jahren gestorben ist: Seine "hohe Sprechkunst war das eine. Das andere der Spieltrieb. Seine Agilität, sein Charisma bis in die Fingerspitzen; seine schier sensationelle Präsenz (nicht nur auf der Bühne). Doch hatte seine Verwandlungskunst stets etwas von kalkulierter Diszipliniertheit. So bekamen seine Figuren eine feine, oft ironiedurchwehte Distanz. Hinzu kam sein scheinbar beiläufiges Insistieren auf den tragischen Punkt - oder das tragische Pünktchen - einer Rolle." Im Tagesspiegelschreibt Kerstin Decker.
Besprochen werden Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung der Tschaikowski-Oper "Pique Dame" am Staatstheater Wiesbaden (FR) und Sarah Lecarpentiers Filmtheaterabend "XXI" am Schauspiel Magdeburg (FAZ).
Adolphe Binder, vom Tanztheater Wuppertal geschasste Intendantin, übernimmt ab Sommer 2023 für zunächst zwei Spielzeiten die Leitung des Balletts am Theater Basel, meldet die nachtkritik. Im Van Magazinrät Antonia Munding dazu, sich auch mal Kulturstätten jenseits der großen Metropolen anzuschauen und besucht das Theater Ulm. In der SZ staunt Renate Meinhof über die kurzfristige radikale Umbesetzung, die bei der Inszenierung der "Ariadne auf Naxos" an der Berliner Staatsoper vorgenommen wurde.
Besprochen werden Philipp Stölzls Inszenierung von Matthew Lopez' "Das Vermächtnis" am Münchner Residenztheater ("Dies Vermächtnis dürfte das erste sein, das Komik wie Tragik derart geschickt, ja überwältigend ineinander verstrickt", meint Michael Skasa in der Zeit). Außerdem Ezio Toffoluttis Inszenierung von Giacomo Puccinis "Madame Butterfly" in Lübeck (nmz), Paul Georg Dittrichs Inszenierung von Guiseppe Verdis "Falstaff" in Bremen (nmz).
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