9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.07.2023 - Gesellschaft

Der Text Fabian Wolffs, in dem er behauptet, sich über seine Herkunft getäuscht zu haben (unsere Resümees), betreibt eine "Entpolitisierung seines Betrugs ", schreibt Tom Uhlig in der Jungle World. Auch die Umstände seiner Publikation bei Zeit online seien problematisch: "Üblicherweise wird Betrügern nicht überlassen, ihren Fall selbst in der Öffentlichkeit auszubreiten. Weder Claas Relotius noch Wolfgang Seibert, der ehemalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von Pinneberg, der seine jüdische Abstammung erfunden hatte, konnten ihre Sicht der Dinge über ein gutes Dutzend Seiten ausbreiten, nachdem sie aufgeflogen waren. Wolffs neuer Essay wirkt wie eine Fortsetzung des um seine Identität kreisenden Essays von 2021. Eine Entschuldigung findet sich in ihm nicht."

Auch Ralf Balke fragt sich in der Jüdischen Allgemeinen, warum die Zeit Wolff nochmal gut 50.000 Zeichen gab, um sich aus der eigenen Geschichte herauszuschwurbeln: "All das wirft Fragen auf, und zwar die nach einer Verantwortung gegenüber den Lesern, denen man einen Autor präsentiert hat und weiterhin präsentiert, der erwiesenermaßen ein Scharlatan und Betrüger ist."

taz-Redakteurin Erica Zingher, die  Wolff "aus dem Internnet" kannte, fühlt sich auch persönlich getäuscht, will aber den Fokus weiten: "Ich habe immer geglaubt, dass da ein Jude spricht... Eine Aufarbeitung ist sinnvoll. Sich an seiner Person endlos abzuarbeiten hingegen nicht. Entscheidender scheint mir, die Strukturen, die Verkommenheit gesellschaftlicher Debatten über jüdisches Leben und Antisemitismus, über Gedenkkultur und Israel, über die Frage, wer wie dazu sprechen und kritisieren darf, kritisch zu hinterfragen."

Die FAZ nimmt das Bekenntnis Fabian Wolffs jetzt ebenfalls zur Kenntnis. Paul Ingendaay kommentiert: "Seine mit achtzehn Jahren angenommene Überzeugung, er sei jüdisch, beruht, vorsichtig gesagt, auf äußerst wackligen Indizien. Sie fünfzehn Jahre lang nicht überprüft zu haben, sondern auf dem jüdischen Ticket zu reisen war eine lukrative Autosuggestion, die mit den Jahren wohl zur zweiten Haut wurde."

Zeit online, Screenshot. Die Präsentation des Wolff-Textes bei Zeit online wirkte, als würde hier eine Geschichte aus dem "Leben"-Ressort angekündigt, in der jemand erzählt, wie er mit dreißig entdeckte, dass er in Wirklichkeit adoptiert ist. Der Name des Autors fehlte in der Präsentation. Immerhin scheint der Text jetzt online freigeschaltet zu sein. Die älteren Texte Wolffs werden bei Zeit online inzwischen mit einem Vermerk versehen: "Der Autor hat im Jahr 2023... seine Familiengeschichte recherchiert. Aus seinen Nachforschungen geht hervor, dass er nicht aus einer jüdischen Familie stammt."

Der FDP-Abgeordnete Frank Müller-Rosentritt gehört zu den Politikern, die die BDS-Resolution des Bundestags angstoßen haben. In der Welt wendet er sich gegen die Behauptung Politologin Muriel Asseburg, der Beschluss sei auf Druck Israels zustande gekommen (unsere Resümees). Müller-Rosentritt bezeichnet das als "grobe Verleumdung der Abgeordneten, die im Mai 2019 mit einer breiten Mehrheit von CDU/CSU, SPD, FDP und in weiten Teilen auch der Grünen der BDS-Resolution zugestimmt haben... Auch wenn es sich einige offenbar nicht vorstellen können: Frei gewählte Abgeordnete können sich aus freien Stücken und voller Überzeugung gegen Antisemitismus und Israelhass aussprechen. Als Mitinitiator dieses und weiterer Anträge habe ich niemals im Auftrag irgendeiner Institution geschweige denn eines Staates gehandelt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2023 - Gesellschaft

Der eigentliche Streit um Israel und BDS tobt im Grunde innerhalb der jüdischen Gemeinde, meint Eva Menasse, deren Familie teils selbst jüdisch ist, in einem Zeit-Essay. An der Positionierung zum Holocaust ließen sich die Streitlinien profilieren: "Wem darf so etwas 'nie wieder' geschehen, den Juden (die partikularistische Sicht) oder egal welcher Gruppe (die universalistische)?" Die jüdische Gemeinde schlägt  Menasse der partikularistischen Seite zu, die "israelkritischen" Juden, die oft aus Israel eingewandert sind, und für die die Muslime "heute die meistdiskriminierte Gruppe in Deutschland" seien, seien die Universalisten. "Mit ihnen kommt es nun zum cultural clash. Für hiesige Juden klingt manch scharfe Kritik der Zuwanderer an israelischer Politik geradezu verstörend, die Israelis und andere 'linke' Juden halten hingegen die festgefahrene Politik der dortigen Regierung und die Situation in den besetzten Gebieten für unerträglich. Deshalb können sie der BDS-Bewegung im Vergleich mit Terror und Hamas-Raketen zumindest etwas abgewinnen. In Deutschland stoßen sie nun auf - in ihren Augen - Holocaust-fixierte Deutsche und deutsch-jüdische Funktionäre, die im selben Takt schwingen: unverbrüchlich loyal zu Israel, gleichzeitig in bequemer Distanz zur blutigen Realität des Konflikts. Deshalb ist es möglich, dass wie zuletzt sogar eine ausgewiesene Nahost-Expertin wie Muriel Asseburg zum Zentrum einer persönlich diffamierenden Kampagne werden konnte."

Fabian Wolff behauptet in einem endlosen Zeit-online-Artikel (unser Resümee) von seiner Mutter über die eigene Herkunft belogen worden zu sein, erst nach langer Recherche hätte er herausgefunden, dass er doch kein Jude sei. "Diese Geschichte ist schrecklich und tragisch, sollte sie stimmen", meint Sebastian Leber dazu im Tagesspiegel, "der Autor verdient Mitgefühl und großen Respekt für den Versuch einer Richtigstellung. Das Problem ist allerdings, dass Wolff in seinem sehr langen Essay zwar ausführlich eigene Ängste und Sorgen beschreibt, sein Verhältnis zur Mutter und deren Leben in der DDR ausbreitet, jedoch kein Wort darüber verliert, was er mit seinen provokanten politischen Äußerungen angerichtet hat. Wie er unter falschen Voraussetzungen auf den Diskurs einwirkte. Dass er eben kein deutscher Jude ist, der - warum auch immer - um Verständnis für den Al-Quds-Marsch wirbt. Sondern dass Fabian Wolff ein nicht-jüdischer Deutscher ist, der den Quds-Marsch als Ausdruck "friedlicher Palästinasolidarität" verharmlost. Ein sehr bedeutender Unterschied." Wolff hatte Kritikern des Al-Quds-Marschs nahegelegt, sie "sollten besser schweigen. Schließlich seien diese - im Gegensatz zu ihm - nicht jüdisch".

Max Czollek, der tatsächlich jüdische Ahnen hat, erhält aber auch viel Solidarität:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2023 - Gesellschaft

Noch so ein Israelkritiker, der auf das falsche "Judenticket" setzt, seufzt der Historiker Michael Wolffsohn in der NZZ nach dem Outing Fabian Wolffs (unser Resümees), nur milde erstaunt darüber, dass sich hier jemand als Jude ausgegeben hat, der keiner war. Offenbar erfüllte Wolff damit ein Bedürfnis: "Als zentraler Störfaktor gilt in der öffentlichen Meinung Deutschlands und des Westens Israel. Israel-Bashing ist daher außen- und geschichtspolitisch willkommen, besonders wenn von Juden vorgetragen. Diese Juden gelten als die richtigen Juden, jüdische Israel-Freunde als die falschen Juden. Von nichtjüdischen Israel-Freunden und -Fans ganz zu schweigen. Sie gelten als 'unterbelichtet' oder unethisch. So gesehen, hat das Judenticket jüdischer Juden- und Israel-Kritiker einen besonders hohen Wert an der deutschen und gesamtwestlichen Beliebtheitsbörse. Von diesem sowohl strukturellen als auch konjunkturellen Hoch im Hauptstrom profitierte bislang offenbar auch Fabian Wolff. Nur Weltfremde wie ich, die vorzugsweise in Nebenströmen schwimmen, ließen sich das Vergnügen solcher, freilich nicht aller, jüdischen Juden- und Israel-Kritiker entgehen."

Dass Fabian Wolff ein "Kostümjude" ist, wusste man eigentlich schon seit September 2021, bekennt Philipp Peyman Engel in der Jüdischen Allgemeinen, in der Wolff zuvor jahrelang als Autor veröffentlicht hatte. Man wollte es nur nicht bekannt machen, weil sich in einem ähnlichen Fall eine Bloggerin umgebracht hatte. Aber der Text in der Zeit lässt Engel doch den Kamm schwellen: Keine Entschuldigung, nirgends. "Fabian Wolff war jahrelang Autor der Jüdischen Allgemeinen, bis es zum öffentlichen Bruch seinerseits mit unserer Redaktion kam. Diesen Bruch verkündete er auf seinen Social-Media-Kanälen ebenso lautstark und wortgewaltig. Er 'als Jude' fände es unerträglich, dass die Redaktion neben dem Antisemitismus von rechts, links und der Mitte der Gesellschaft auch vor dem Judenhass unter der muslimischen Community warnte. Der Applaus eines bestimmten politischen Spektrums war ihm fortan gewiss. ... Besonders perfide: Juden, die andere politische Positionen als er vertreten, brandmarkte er als rechts, rassistisch und blind pro-israelisch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2023 - Gesellschaft

Gestern stellte Zeit online ihrem Autor Fabian Wolff für die Meldung, dass er gar nicht Jude ist, ausgedruckt 19 Seiten zur Verfügung (unser Resümee) - in dem ausufernden Text erzählt er unter anderem, wie er sich auf Ahnenforschung begab, um am Ende festzustellen, dass seine Urgroßmutter mütterlicherseits evangelisch getauft war. Eine kleine Chance, dass sie jüdisch war, besteht natürlich dennoch, merkt er an: "Schließlich hatten sich seit dem 19. Jahrhundert viele Jüdinnen und Juden taufen lassen, ohne wirklich ihre Jüdischkeit zu verlieren". Die Medien schweigen heute, ob aus Schock, Gleichgültigkeit oder weil sie noch recherchieren, sei dahingestellt. Aber auf Twitter und in den sozialen Medien ist einiges los.

Die Schriftstellerin Mirna Funk hatte schon bei der Diskussion über Max Czollek und seinen jüdischen Großvater eine Rolle gespielt (unser Resümee). Auf Fabian Wolffs Bekenntnis reagiert sie mit einer zornigen Insta-Story, hier ein Screenshot:



Philipp Peyman Engel von der Jüdischen Allgemeinen reagiert in einem Twitterthread: "Schon der Fall Max Czollek war ein sehr unangenehmes Beispiel für kulturelle Aneignung, was nur Dank der Entschlossenheit von Maxim Biller und des Zentralrats der Juden öffentlich wurde. Immerhin hatte Czollek noch einen jüdischen Großvater. Bei Fabian Wolff ist es noch extremer. Er ist ein Hochstapler und Lügner, der sich jahrelang - Zeit-Essay von heute hin oder her - wider besseres Wissens als Jude ausgegeben hat. Und obendrein jeden Nichtjuden, der nicht seine extrem antiisraelischen Position teilte, als 'Kartoffel' et cetera abwertete."

Jene Twitter-Prominenten, die vor zwei Wochen noch mit Hingabe die Rechtschreibfehler auf Ahmad Mansours HU-Diplom überprüften um zu klären, ob es gefälscht sein könnte (mehr hier), schweigen bisher. Manche Twitter-Nutzer stellen sich dennoch verwundert Fragen:


Dass nicht alle Muslime zwangsläufig und pauschal Verbündete Linker oder Liberaler sind, wissen Frauen und Schwule schon lange. Auch im Berliner Columbiabad, das nach Angriffen auf Frauen, Homosexuelle und Bademeister mehrere Tage geschlossen war, konnte man das gerade lernen. "Es ist bizarr", findet Philip Eppelsheim in der FAZ. "Auf der einen Seite kämpfen vor allem linke Kreise für das Recht der Frau, auch oben ohne zu baden, auf der anderen Seite verschließen sie die Augen vor den Problemen mit Milieus, in denen Frauen schon im Bikini als Freiwild gelten und es Mädchen verboten wird, schwimmen zu gehen. Es scheint, als ob der Traum vom Multikulti noch über den Frauenrechten steht."

Ähnliches erlebte die homosexuelle Community im Städtchen Hamtramck, in Michigan, USA. Dort war man sehr stolz, als 2015 erstmals ein Stadtrat mit muslimischer Mehrheit gewählt wurde. Doch die Freude der Liberalen währte nicht lange. Letzte Woche hat der Stadtrat, inzwischen ausschließlich mit muslimischen Männern besetzt, beschlossen, keine Regenbogenflaggen mehr auf öffentlichem Grund flattern zu lassen, berichtet Tom Perkins im Guardian: "Die muslimischen Einwohner, die das Rathaus füllten, brachen nach dem einstimmigen Votum des Stadtrats in Jubel aus, und auf den Social-Media-Seiten von Hamtramck war der Spott unerbittlich: 'Fagless City', hieß es in einem Beitrag, unterstrichen mit Emojis eines angespannten Bizeps. In einem angespannten Monolog vor der Abstimmung rief Stadtrat Mohammed Hassan den LGBTQ+-Anhängern seine Rechtfertigung zu: 'Ich arbeite für die Menschen, für das, was die Mehrheit der Menschen will.'"

In der Welt würde der Germanist Horst Haider Munske, der als Experte an der Rechtschreibreform beteiligt war, mit dem Gendersternchen am liebsten auch gleich die Rechtschreibreform einkassieren: "Die entscheidende Parallele zwischen Rechtschreibreform und Gendern: die Festlegung auf sprachwidrige Regeln, begründet mit vermeintlichen sozialen Verbesserungen. Solche Missachtung der gemeinsamen Sprache hat den Widerstand in der Bevölkerung ausgelöst." In der FR bricht Arno Widmann indes eine Lanze für den Genderstern: "Wer sich heute über das * aufregt, der wird später einmal, wenn wieder die regieren, die alles in Schwarz und Weiß einteilen wollen, der Zeit nachtrauern, in der er/sie/* bereit gewesen war, nicht nur die Vielfalt der menschlichen Sexualität, sondern auch seine/ihre/* eigenen 'überkonträren und ambivalenten Empfindungen' zu akzeptieren."

In der NZZ hält Ayaan Hirsi Ali den Wokeismus für eine ebenso große ideologische Gefahr für die westliche Zivilisation wie den Islamismus: "Ihre größte Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie die westliche Zivilisation verachten und durch etwas noch Unbekanntes ersetzen wollen. Diesen zerstörerischen Utopismus und vieles andere mehr teilen die Anhänger des Wokeismus mit den Islamisten. Für Klima-Apokalyptiker, Gender-Fanatiker und Vertreter der Critical Race Theory war und ist der Westen ein unterdrückerisches Gebilde, das die Schwachen ausbeutet und darum zerstört werden muss. (…) Der moderne Nationalstaat besteht auf der Trennung von Kirche und Staat, während die Woken ihren eigenen Gottesstaat anstreben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2023 - Gesellschaft

Wilkomirski lebt! Wie war Fabian Wolffs großer Zeit-online-Essay vor zwei Jahren im Kontext der Mbembe-Debatte von der postkolonialen Fraktion begrüßt worden (unsere Resümees)! "Meine Familiengeschichte hat mir zwei Gepäckstücke vererbt: den berühmten gepackten Koffer unterm Bett. Und eine Reisetasche, ausgepackt im 'Hotel Deutschland'", erzählte er damals, und doch mochte der kritische, linke, deutsche Jude Fabian Wolff, Abkömmling einer Familie aus der DDR-Aristokratie, BDS nicht verurteilen, im Gegenteil. Nun stellt sich heraus, dass er ein bisschen wie Max Czollek doch nicht jüdisch ist. Nachdem in letzter Zeit vermehrt Stimmen aus der jüdischen Community laut wurden, die eben das anzweifelten, entschied er sich, seine Familiengeschichte genauer zu recherchieren und fand heraus, dass seine Großmutter wohl keine Jüdin war. Wolff erfuhr erst in seiner Abitur-Zeit und ziemlich nebenbei von seinen, vermeintlich, jüdischen Vorfahren. In einem langen Essay auf Zeit online erklärt er, warum er die doch recht vage Erzählung seiner Mutter über seine jüdische Herkunft nie angezweifelt hat und versucht, seinen Kritikern zuvorzukommen: "Ich verstehe schon die erwartbare Ironie: Ein früherer Anprangerer prangert das Prangern an, als seine eigene Stunde in der Mitte des Dorfplatzes gekommen ist. Das nehme ich an." Naja, und das mit dem Koffer?

Die Wirtschaftspsychologin Maria-Christina Nimmerfroh hat sich intensiver mit der "Letzten Generation" beschäftigt. Die Organisation ist alles andere als basisdemokratisch, erklärt sie im Interview mit der FAS-Reporterin Julia Schaaf, sondern im Gegenteil extrem hierarchisch gegliedert. Dennoch schaffe sie es, eine starke Bindung bei ihren Aktivisten zu erzeugen. Dabei agieren sie offenbar wie eine Avantgarde, denn mehr als 120 Aktivisten gebe es in Deutschland nicht. Und die "Letzte Generation" sei auch keine Klimaschutzorganisation, "die Konzepte vergleicht oder eigene Stellungnahmen zu Ernährung und Energieversorgung erarbeitet. Damit beschäftigen die sich gar nicht, das wollen sie auch nicht. Sie sehen sich als Speerspitze einer revolutionären Idee. Die wollen eine gesellschaftliche Veränderung, natürlich in der Hoffnung, dass sich damit auch Klimaschutzmaßnahmen verändern. Aber die Protestformen, der zivile Widerstand, ist zum Selbstzweck geworden. Der Preis eines ÖPNV-Tickets ist für die Letzte Generation gar nicht so wichtig".

Viele Regionen der nördlichen Hemisphäre sind von nie da gewesenen Hitzewellen betroffen. Schon 2022 soll es in Europa 61.000 Hitzetote gegeben haben. Die Hitzeexpertin Henny Annette Grewe erklärt im Gespräch mit Nick Reimer von der taz, wie diese Zahlen ermittelt werden: "Die wenigsten Menschen werden nach ihrem Tod obduziert, weshalb die exakte Todesursache nicht immer bekannt ist. Zur Ermittlung der Hitzetoten wird daher ein statistisches Verfahren angewandt. Ganz vereinfacht gesagt: Es gibt Erfahrungswerte, wie viele Menschen in einem Bundesland oder einer Stadt pro Tag sterben. Wenn nun eine Hitzewelle über das Land zieht, registrieren die Behörden eine Übersterblichkeit: Mehr Menschen verlieren ihr Leben, als es 'normal' wäre, und das sind dann - mit etlichen Kontroll- und Sicherungsfaktoren überprüft - die hitzebedingten Todesfälle."

Der Deutsche Rechtschreibrat hat sich neulich vorsichtig gegen das Gendern ausgeprochen (unsere Resümees). Nun müsste das Gendern an Schulen und Universitäten eigentlich unterbunden werden, meint Heike Schmoll im Leitartikel der FAZ. Aber "an den Universitäten herrscht mancherorts geradezu ein Genderzwang. Das gilt etwa für eine Berliner Universität, die Anträge auf universitätseigene Gelder nur annimmt, wenn sie gegendert sind. Einzelne Dozenten und Professoren drohen mit Punktabzug in Klausuren, wenn nicht gegendert wird, oder sie verlängern befristete Verträge nicht, weil ein Mitarbeiter sich irgendwo schriftlich gegen das Gendern geäußert hat. Das ist Gesinnungsterror und hat mit Wissenschaftsfreiheit nichts zu tun."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2023 - Gesellschaft

Der Rat für deutsche Rechtschreibung (Website) hat bei seiner Sitzung am gestrigen Freitag zum Thema Gendern entschieden, lieber nichts zu entscheiden. (Unser Resümee) In der SZ ist Marie Schmidt genervt, hätte sie sich doch gewünscht, dass der Rat Klarheit geschaffen und den Kulturkampf ums Gendern beendet hätte: "Die Diskussion sei kontrovers gewesen, sagte der Vorsitzende Josef Lange nach der Sitzung des Rates, die ja nun auch kaum ein Ergebnis gezeitigt hat. Das könnte man als Zeichen verstehen, dass sich der Rat ebenso blockiert zeigt wie die Gesellschaften des Westens in ihren Kulturkämpfen insgesamt." Auf ZeitOnline wäre auch Johannes Schneider für eine Entscheidung dankbar gewesen: "Eine Verbannung des Gendersterns aus öffentlich-offiziellen Schreiben hätte auch diejenigen entlastet, die ihn eigentlich befürworten. So wäre nicht jede Entscheidung eines Fachreferats zu einem Statement im Kulturkampf geworden, so hätte sich niemand beim Verfassen einer Abi-Klausur bemüßigt gefühlt, im Graubereich ein progressives Zeichen zu setzen. Keinem Menschen kann schließlich abverlangt werden, guerillamäßig am Arbeits- und Ausbildungsplatz gegen einen klar gefassten Common Sense anzugehen, der nicht explizit menschenfeindlich ist, egal als wie reaktionär und ausschließend man den auch sonst empfinden mag."

Gut so, dass keine Entscheidung getroffen wurde, meint indes Matthias Heine, der das Gendern in der Welt ohnehin für "Politjargon" hält: "Wer gendert, beurkundet damit seine Fortschrittlichkeit, seine feministische Linientreue und ganz generell die Zugehörigkeit zu jenem Lager, das bis vor Kurzem glaubte, es hätte die unbestrittene kulturelle Hegemonie errungen. Die Frage, ob Sternchen, Doppelpunkt oder Unterstrich die beste orthografische Genderpraxis sind, ist im Grunde nur die Frage nach dem besten Parteiabzeichen des beschriebenen politischen Lagers. Darüber zu entscheiden ist nicht Aufgabe einer politisch neutralen Instanz, wie es der Rechtschreibrat sein sollte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2023 - Gesellschaft

Der Rat für deutsche Rechtschreibung will heute ein Empfehlungspapier zur Verwendung von Genderzeichen vorlegen. Im Interview mit dem Tagesspiegel erklärt Geschäftsführerin Sabine Krome, warum in der Empfehlung Zeichen wie Doppelpunkt, Unterstrich oder Sternchen abgelehnt werden: "Die Sonderzeichen im Inneren des Wortes stören in vielen Fällen die Wortbildung und können das Lesen und Verstehen von Texten erschweren. Ein Beispiel: Das Wort 'Bauer'. Die männliche Pluralform ist 'Bauern'. Gegendert mit Sonderzeichen würde daraus 'Bäuer:innen' - die männliche Pluralform wird nicht korrekt darstellt. Auch die Satzbildung kann sich verändern, wenn zum Beispiel mehrere Artikel oder Pronomen nötig sind, um mehrere Geschlechtsidentitäten abzubilden ('der/des Präsident*in')". In jedem Fall brauche es eine amtliche Rechtschreibung, "das ist sinnvoll vor dem Hintergrund von Textverständnis, Rechtsverbindlichkeit und Lernbarkeit der Orthografie, vor allem für Deutschlernende. Wenn wir das nicht beachten, grenzen wir große Gruppen von Lesenden und Schreibenden aus, und eine solche Ausgrenzung ist ja gerade nicht im Sinne einer diskriminierungsfreien gerechten Sprache und Schreibung." Krome plädiert statt dessen für die Verwendung "geschlechtsübergreifende Formulierungen wie etwa 'Gäste', 'Publikum', 'Lehrkräfte' oder Partizipformen wie 'Studierende'. Solche Formulierungen sind von der Rechtschreibung her korrekt und deshalb auch zu empfehlen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.07.2023 - Gesellschaft

Im Februar 2020 hatte das Bundesverfassungsgericht das 2015 beschlossene Verbot der "geschäftsmäßigen Tötung" für verfassungswidrig erklärt und in der Begründung auf die grundgesetzlich verankerte Würde des Menschen verwiesen. Aber weder der christliche noch der kantische Würdebegriff tauge dafür, das Recht auf Suizid zu verteidigen, meint in der Welt der Philosoph Sebastian Ostritsch: "Der kantische Begriff der Würde wurzelt in der Autonomiefähigkeit des Menschen. Landläufig mag heute unter Autonomie oder Selbstbestimmung verstanden werden, dass man tun und lassen könne, was man wolle. Aber das ist nicht das, was Kant darunter versteht. Autonom oder selbstbestimmt verhält sich ihm zufolge eine Person nur dann, wenn sie vernünftig, das heißt: auf Basis verallgemeinerungsfähiger Gründe handelt. Gerade für die Selbsttötung sind aber, wie Kant unmissverständlich deutlich macht, solche Gründe nicht denkbar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2023 - Gesellschaft

Politisch gesehen ist die Cancel Culture von links "weniger gefährlich als der Kulturkampf der Rechten", sagt Ian Buruma im Tagesspiegel-Gespräch mit Daniel Bax: "Der zielt darauf, liberale Institutionen zu zerstören und durch etwas Autoritäreres zu ersetzen. Den sogenannten 'woke'-Diskurs führt dagegen eine progressive Kulturelite. In dieser Sphäre, der Welt der Medien und Filmstudios, der Museen und der Kulturstiftungen, ist er aber wirkmächtig. Und er ist gefährlich, weil er die liberale Linke unterminiert. Die Zielscheiben der Cancel Culture, wenn man sie so nennen will, sind Linksliberale: Universitätsprofessoren, Schriftsteller und Redakteure, so wie ich. Nicht Konservative. Wenn man andere Linksliberale bekämpft, schwächt man aber die Opposition gegen die Rechte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2023 - Gesellschaft

Warum ist es so schwer, Ungleichheit zwischen ethnischen Gruppen zu beseitigen, fragt Kenan Malik im Observer angesichts der Entscheidung des Supreme Courts, Affirmative Action zu streichen, mit der amerikanische Regierungen seit den 1960er Jahren unterrepräsentierte Gruppen wie Frauen und nicht weiße Amerikaner in Universitäten und öffentliche Einrichtungen holen wollte, und der Ausschreitungen in Frankreich, das immer einen Kurs der Farbenblindheit vertreten hat. Beide Ansätze sind gescheitert, meint Malik: Affirmative Action habe immer nur der schwarzen Mittelklasse genützt und dazu beigetragen, dass Afroamerikaner heute "die ungleichste rassische oder ethnische Gruppe in der Nation sind. Weiße Amerikaner im obersten Einkommensquintil verfügen über das 21,3-fache des Vermögens von Weißen im untersten Einkommensquintil. Bei den Schwarzen liegt diese Zahl bei erschütternden 1.382. Die ärmsten Schwarzen verdienen nur 1,5 Prozent des Medianeinkommens der Schwarzen. ... Affirmative Action ist vor allem eine Aktion für die schwarze Elite." Frankreichs universalistischer Ansatz der Farbenblindheit wiederum sei zwar ein "ein wertvoller Grundsatz. In der Praxis hat die französische Politik jedoch dazu geführt, im Namen der 'Farbenblindheit' blind für Rassismus zu sein", so Malik. "Der französische Staat weigert sich nicht nur, Rassenunterschiede anzuerkennen, sondern verbietet auch die Erhebung rassenbezogener Daten, was die Bewertung des Ausmaßes der Rassendiskriminierung erheblich erschwert und gleichzeitig einen Freifahrtschein für die Leugnung dieser Diskriminierung darstellt."

Der niederländische Autor Arnon Grünberg ist für die NGO von Joanna Sarnecka in ein polnisches Festhaltelager gereist und hat dort mit zwei Flüchtlingen gesprochen, einem Iraker und einem Kameruner, die dort festgehalten werden, erzählt er im Standard: Spencer, dessen Vater in Kamerun ermordet wurde, "ist von Kamerun nach Belarus geflogen und von dort nach Donezk weitergereist. Dort wollte er Informatik studieren und hat ein paar Wochen in einer Jugendherberge gelebt. Als der Krieg ausbrach, verließ er Donezk, ging zurück nach Belarus und landete in einem Lager. 'Es war die Hölle. Wir bekamen nur Brot und Wasser', sagt er. Dann ging er über die Ukraine nach Polen, allein und zu Fuß. In Polen schloss er sich einer Gruppe an, die Deutschland erreichen wollte: 'In der Nähe der deutschen Grenze wurden wir verhaftet.' Auf der Polizeiwache legten sie ihm Handschellen an. 'Wie ist das möglich?', fragt sich Spencer, 'ich bin freiwillig mitgegangen. Und jetzt legen sie mir Handschellen an.' Sein Stottern wird schlimmer."

Im SZ-Interview mit Peter Laudenbach spricht der Soziologe Wilhelm Heitmeyer über den Wahlerfolg der AfD. Mit ihrer Agenda eines "autoritären Nationalradikalismus" grenze sie sich scheinbar vom Rechtsextremismus ab und wird dadurch für eine breitere Öffentlichkeit attraktiv: "Dadurch ist sie anschlussfähig und akzeptabel für ein Milieu, das ich rohe Bürgerlichkeit nenne. Hinter einer glatten Fassade bürgerlicher Respektabilität wird dort ein Jargon der Verachtung gepflegt. Der autoritäre Nationalradikalismus verstärkt und bedient dieses Ressentiment gegen Fremde, aber auch zum Beispiel gegen sozial Schwache, gegen Homosexuelle und andere Minderheiten."