9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2020 - Geschichte

Einst war der Kniefall eine Geste der Demut (Willy Brandts historischer Warschauer Kniefall) -  seit der amerikanische NFL-Spieler Colin Kaepernick auf die Knie sank, statt aufzustehen und die amerikanische Nationalhymne zu singen, ist der Kniefall zum Symbol des Protests gegen Rassismus geworden, schreibt Joachim Güntner in der NZZ und blickt zurück auf die Geschichte der Geste: "Was ist der Kniefall, historisch betrachtet, nicht alles gewesen: bei Besiegten das Eingeständnis ihrer Niederlage, bei Vasallen ein Ritus der Verpflichtung gegenüber ihren Lehnsherren, bei Zaren, Kaisern und Königen der Moment vor der Selbstvergötterung, in der Gottesverehrung ein Zeichen hoher Demut, bei Gnaden- und Bittgesuchen eine Bekräftigung des Flehens. Ausdruck von Widerstand, Kampf, Oppositionsgeist war er nie und ist es erst nun."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2020 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Kaushik Roy daran, dass indische Soldaten im Zweiten Weltkrieg eine größere Rolle spielten, als ihnen oft zugebilligt wird. Und zwar auch von den eigenen Leuten, denn sie kämpften ja gewissermaßen für das Empire: Die Freiwilligenarmee, die die Briten in Indien aufbauten, "bestand zu fast 80 Prozent aus Soldaten, die zuvor als Bauern gelebt hatten. In dieser bäuerlichen Gesellschaftsschicht war der Nationalismus seinerzeit nicht sehr stark ausgeprägt. Viele Landwirte begaben sich ohne weiteres in die Kolonialarmee und waren bereit, den Krieg der Imperialisten zu fechten - weil diese sie gut und regelmäßig bezahlten. Liebe zu den Briten trugen diese Soldaten nicht im Herzen, sie waren aus ökonomischen Gründen zur Armee gegangen, das hatte schon Gandhi geschrieben. Aber Tatsache bleibt, dass es zwischen 1939 und 1945 zu keinen namhaften Meutereien kam und die meisten Soldaten also einigermaßen zufrieden waren mit dem Dienst." Das änderte sich erst nach dem Krieg.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2020 - Geschichte

Von der Verbreitung von Falschmeldungen über Ausgrenzung und Gewalt bis zur Überforderung der Staatsgewalt - der russische Umgang mit der Coronakrise weist erschreckende Parallelen zur Cholera im Zarenreich auf, schreibt der Osteuropahistoriker Stefan Kirmse in der NZZ. Damals wurde von Händlern und Reisenden das Gerücht verbreitet, die Krankheit sei komplett erfunden, Ärzte und Sanitäter wurden zusammengeschlagen. Heute erhalten Epidemiologen Morddrohungen: "Im russischen Fernsehen spielen Ärzte zwar eine untergeordnete Rolle. In vielen Landesteilen gab es aber bereits Angriffe auf Rettungssanitäter, die in Coronavirus-Verdachtsfällen herbeigerufen worden waren und von wütenden Nachbarn oder Angehörigen krankenhausreif geprügelt wurden. Hierbei war es zum Teil die Schutzkleidung, die den Betroffenen das Gefühl gegeben hatte, Aussätzige zu sein."

Wir sollten Russland mit "Respekt" begegnen, meint indes Alexander Kluge im Gespräch mit Michael Maier (Berliner Zeitung) - und man möchte ihm ein Taschentuch reichen, wenn er in seiner Eloge beklagt, dass Russland zum Feindbild des Westens wurde: "Das entsetzt mich. Es gibt eine Tendenz, nach Osten hin anzuschwärzen. Es ist wie ein Pawlowscher Reflex. Ich habe den früheren US-Außenminister James Baker interviewt, wie auch Gorbatschow. Baker ist wie ein kluger Notar durch das Bürgerkriegsland gereist. Er hat gesagt, man müsse aus der Demütigung des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns nach 1918 die richtigen Schlüsse ziehen. Er fürchtete, dass die Rache sonst den Westen in etwa 40 Jahren unvorbereitet treffen könnte."

Weiteres: Im Umgang mit Epidemien war die DDR besser gerüstet, schreibt der DDR-Sozialmediziner Heinrich Niemann ebenfalls in der Berliner Zeitung: "Das DDR-Gesundheitswesen war fast ausschließlich öffentliches Eigentum, wurde staatlich organisiert und in der Regel ärztlich geleitet." In der Welt erinnert der Germanist Dieter Richter an "Mamma Lucia", jene Frau, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Gebeine deutscher Soldaten in einem Bergort bei Neapel beerdigte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2020 - Geschichte

Die stark militaristisch geprägte Erinnerungskultur in Russland ändert sich, seit die Menschen Tagebuchaufzeichnungen und Briefe, etwa aus der Zeit der Leningrader Blockade, ins Netz stellen, erzählt in der NZZ die Osteuropahistorikerin Ekaterina Makhotina. "In den vergangenen Jahren sind in Russland verschiedene zivilgesellschaftliche Initiativgruppen entstanden, die in Online-Archiven Ich-Dokumente sammeln, ordnen und öffentlich zugänglich machen. Dazu gehören zum Beispiel das Forschungszentrum Prozhito ('Erlebt'), die Datenbank der Kriegstoten der Gesellschaft Memorial, die Datenbanken 'Unsterbliches Regiment' und 'Unsterbliche Baracke' (der Gulag-Opfer). Diese Archivquellen sind die Grundlage vieler neuer Erinnerungsformen in Russland, wie etwa der Aktion 'Letzte Adresse' und 'Rückkehr der Namen' in Erinnerung an Opfer des Stalinismus oder 'Leningrader Namen' für die Opfer der Blockade."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2020 - Geschichte

Harte Worte. Frank-Walter Steinmeier hat bei seiner Rede zum 8. Mai versagt, findet Götz Aly in seiner Kolumne in der Berliner Zeitung. Nicht nur habe er den alliierten Soldaten nicht für die Befreiung gedankt. Er sprach auch nicht "von den Deutschen, die dem Ruf Hitlers millionenfach gefolgt waren. Wir, die Nachgeborenen, kennen sie: Verstört, rechthaberisch, traumatisiert oder eisig schweigend geisterten sie nach 1945 durch unsere Familien. Wir können sie nicht ignorieren oder für immer verdammen. Die meisten Deutschen sind ihre Kinder oder Kindeskinder - und ihre Geschichtserben. Das macht es nicht einfach, darüber verständig zu sprechen, und überforderte nun auch den Bundespräsidenten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2020 - Geschichte

Ein sehr großer Teil der osteuropäischen Juden ist nicht in Vernichtungslagern, sondern vor Ort durch Erschießungen umgebracht worden, besonders in der heutigen Ukraine. Diesem "Holocaust durch Kugeln" widmet sich der Band "Leben und Tod in der Epoche des Holocaust in der Ukraine" des ukrainischen Historikers Boris Zabarko, den Christoph Brumme bei libmod.de vorstellt. Der Band bringt viele Berichte Überlebender: "Dass diese beklemmenden Berichte so spät erscheinen, viele Jahrzehnte nach den Massenmorden, liegt auch daran, dass in der Sowjetunion der Holocaust verschwiegen wurde. Über den Genozid an den sowjetischen Juden wurde weder gesondert berichtet noch geforscht. Auf den Denkmälern und Mahnmalen aus jener Zeit war immer nur zu lesen, dass dort friedliche Sowjetbürger von den Faschisten ermordet wurden, ohne Hinweise darauf, dass es sich um Juden handelte. Sowohl in der Ukraine als auch in Deutschland ist über den 'Holocaust durch Kugeln' viel zu wenig bekannt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2020 - Geschichte

Frank-Walter Steinmeier hat auf dem fast menschenleeren Platz vor der Neuen Wache seine Rede zu einem besonderen 8. Mai gehalten, in der er vor allem die Idee des Gedenkens mit der europäischen Idee assozierte. taz-Redakteur Stefan Reinecke ist aus anderem Grund mit der Rede zufrieden: "Die Klimax der Rede lautet: 'Wir denken an diesem 8. Mai auch an die Opfer von Hanau, von Halle und Kassel.' Dies ist ein kühner, fast pathetisch anmutender Bogen ins Jetzt. Er schließt bundesdeutsche Normalität mit der moralischen Trümmerlandschaft 1945 kurz".

Welt-Autor Thomas Schmid schreibt sich dagegen in seinem Blog fast in Rage gegen die formelhafte Gedenksprache deutscher Politiker. Und er macht einen Punkt, der in deutschen Gedenkreden tatsächlich fast nie angesprochen wird: "Steinmeier hat die Auseinandersetzung der Deutschen mit der NS-Vergangenheit einen 'langen, schmerzhaften Weg' genannt. Lang war er sicher, aber schmerzhaft? Zum deutschen Elend gehört auch, dass sich dieses Gedenken an den Nationalsozialismus und seine Opfer erst dann wirklich Bahn brach, als es fast niemanden mehr gab, der hätte zur Rechenschaft gezogen werden können. Als es eben nicht mehr schmerzhaft war. Kein Wort des Bundespräsidenten dazu, dass in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik in allen gesellschaftlichen Bereichen NS-Täter und -Mitläufer ihre Karrieren unbehelligt fortsetzen konnten."

Auf Twitter ist Steinmeiers Rede übrigens bestens angekommen, besonders im Ausland. Hier etwa die Reaktion Jonathan Freedlands, eines der klügsten Kommentatoren des Guardian:


Die Amerikaner haben von der Eroberung ihres Landes über Sklaverei, Bürgerkrieg und Segregation so einiges in ihrer Geschichte, das eine Vergangenheitsbewältigung nach deutschem Muster gebrauchen könnte, meint die in Berlin lebende Philosophin Susan Neiman in einer Nachbetrachtung zum 8. Mai in der taz: Dabei heißt "von der deutschen Vergangenheitsaufarbeitung zu lernen .. nicht, diese Aufarbeitung zur Erfolgsgeschichte zu erklären. Vor allem können andere von den Deutschen lernen, wie schwer der Weg zu diesem Perspektivwechsel ist. Selbst bei den schwersten Verbrechen wird es Widerstand geben, die eigene Schuld zu erkennen. Es wird immer Menschen geben, die Entlastung suchen, indem sie auf die Sünde der anderen zeigen, um die eigene vergessen zu können."

Außerdem: Im Tagesspiegel schreibt Paul Nolte über die immer wieder gerühmte Rede Richard von Weizsäckers vor 35 Jahren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2020 - Geschichte

Dmytro Kuleba, Außenminister der Ukraine, sowie Linas Linkevičius, Edgars Rinkevičs und Urmas Reinsalu, die Außenminister der blatischen Staaten, veröffentlichen in der FAZ einen gemeinsamen Text zum 8. Mai und wehren sich gegen die Geschichtslügen Wladimir Putins: "Das brutale Sowjetregime nutzte den Sieg im Krieg für viele Jahre als Rechtfertigung für seine Politik. Es eignete sich so die Taten von Millionen alliierter Soldaten und auch Soldaten der Roten Armee an, die selbst multinational war. Sowohl die sowjetischen als auch die russischen Bemühungen, das Leid und die Rolle anderer Nationen bei der Beendigung des Krieges zu verkleinern, sind inakzeptabel."

Der polnische Schriftsteller Artur Becker benutzt im Gespräch mit Christian Thomas in der FR drastische Begriffe:  "Es verbietet sich, das Wort Holocaust zu übertragen, aber gegenüber den Polen wurde eine zweite Völkervernichtung versucht." Becker beklagt in dem leider etwas chaotischen Gespräch das deutsche Unwissen über den Krieg gegen Polen und über den Warschauer Aufstand.

Erst seit 2017 gedenkt man in Israel - am 9. Mai - offiziell des Sieges über Nazi-Deutschland, denn aus jüdisch-israelischer Sicht war das relevante historische Ereignis nicht der Krieg, sondern die Shoah, eine Debatte über den Zusammenhang zwischen Krieg und Shoah blieb lange aus und die Opferrolle stand im Vordergrund, schreiben Shimon Stein und Moshe Zimmermann im Tagesspiegel. Seither galt: "Staatlichkeit, Nationalismus, Militär als Garanten des Überlebens des Volkes. Während die Europäer nach 1945 auf die Überwindung des Nationalismus setzten und das Projekt EU lancierten. (…) Dabei geht es um mehr als nur eine Gefühlslage, es geht um Politik. Israel blickt auch deshalb mit tiefer Skepsis auf die EU, weil diese transnational eingestellt ist. Man ist voller Schadenfreude, wenn das 'Experiment EU' ins Wanken gerät - wie schon beim Brexit, der Flüchtlingsproblematik und momentan im Umgang mit dem Virus."

Im SZ-Gespräch mit Detlef Esslinger erklärt der Journalist Wolf Schneider, einst Unteroffizier der Wehrmacht, weshalb er die Rede Weizsäckers "kurios" fand: "Ich selber fühlte mich durchaus nicht 'befreit', sondern einer unberechenbaren fremden Herrschaft unterworfen - wie vermutlich die meisten Deutschen. Ein Volk, das in seiner Mehrheit so was wünschte, ist noch nicht erfunden. Mein Kronzeuge ist Marcel Reich-Ranicki, der 2005 sagte, dass die Deutschen den Tag als Zusammenbruch erlebt haben."

Im großen NZZ-Interview mit Hansjörg Müller spricht der Historiker Heinrich August Winkler über die Folgen des ostdeutschen Antifaschismus bis in die Gegenwart hinein, die "neue deutsche Arroganz", die Verletzung der Grundlagen des Rechtsstaates in Ungarn und Polen und die Verharmlosung des Nationalsozialismus durch die 68er: "Die Judenvernichtung spielte in den Debatten der Achtundsechziger so gut wie keine Rolle. Sie belebten die alte, kommunistische oder vulgärmarxistische Faschismustheorie wieder, die den Nationalsozialismus lediglich als eine Erscheinungsform des Faschismus begreift und diesen wiederum vor allem als ein Regime zur Sicherung der spätkapitalistischen Gesellschaft. Die Bundesrepublik galt als spätkapitalistisch, und vieles, was dort geschah, wurde mindestens als faschistoid, wenn nicht gleich als modernisierte Neuauflage faschistischer Praktiken denunziert. Im Grunde wurde der Nationalsozialismus dadurch verharmlost."

Außerdem: In der Welt formuliert Aleida Assmann fünf Thesen zum 8. Mai - unter anderem schlägt sie vor, im Sinne der "transnationalen europäischen Erinnerung" auch den 9. Mai zu feiern, den Tag, an dem im Jahr 1950 die EWG gegründet wurde. Die Deutsche Welle bringt einen nicht sehr tiefschürfenden Text von Herfried Münkler zum Thema. In der Berliner Zeitung berichtet Ingeborg Ruthe über eine Initiative, ein Denkmal für den Stadtkommandanten Nikolai Bersarin zu errichten. Und im Perlentaucher denkt Richard Herzinger über die Aktualität des Faschismusbegriffs nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.05.2020 - Geschichte

Katja Gloger widmet sich auf einer Seite in der Zeit dem besonders dunklen Los der sowjetischen Kriegsgefangenen, das - nach einem Wort Joachim Gaucks - bis heute im "Erinnerungsschatten" liegt: "Zwischen 5,3 und 5,7 Millionen Rotarmisten, unter ihnen auch einige wenige Frauen, gerieten nach 1941 in deutsche Kriegsgefangenschaft, um eine genauere Zahl ringen Historiker noch immer. Rund drei Millionen, mehr als jeder Zweite, kamen in deutscher Gefangenschaft ums Leben. Damit sind die sowjetischen Kriegsgefangenen die zweitgrößte Opfergruppe nach den europäischen Juden." Weder im Westen, noch im Osten wurden diese Verbrechen nach dem Krieg thematisiert: Im Westen, weil Unternehmer profitiert hatten, im Osten, weil ein Gedenken der Heroisierung der Roten Armee widersprochen hätte. Und Stalin schickte die Überlebenden schließlich in ein zweites schwarzes Loch: "Viele der rund zwei Millionen repatrianty wurden anschließend in Fabriken, im Uranbergbau, in Kohleminen oder Holzfällkommandos erneut als Zwangsarbeiter eingesetzt. Als 'Sondersiedler ohne das Recht, den Wohnort zu verlassen', schickte man sie in entlegene Gebiete Sibiriens oder Kasachstans. Vermeintliche oder tatsächliche 'Kollaborateure' deportierte man in die Lager des Gulag."

Ganz anders als in Russland wird in der Ukraine des Kriegsendes gedacht, erzählt der Übersetzer und Journalist Bernhard Clasen in der taz: "Nicht hinnehmbar ist für die Ukraine der in Russland gebräuchliche Begriff 'Großer Vaterländischer Krieg', begann dieser doch erst 1941 mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion. In der Westukraine herrschte schon 1939 Krieg. Und der war ein Ergebnis des Hitler-Stalin-Paktes, bei dem Deutschland und die Sowjetunion Polen unter sich aufgeteilt hatten. Das damals polnische Lemberg war der Sowjetunion zugeschlagen worden."

Ebenfalls in der taz kommt Jochen Schimmang nochmal auf Richard von Weizsäckers berühmte Rede von 1985 zurück. Im Tagesspiegel analysiert der Historiker Paul Nolte die Rede. In der Jüdischen Allgemeinen wirft Samuel Salzborn einen kritischen Blick auf die deutsche Vergangenheitsbewältigung, auf die man hier doch so stolz ist, und schreibt über die Diskrepanz zwischen offiziellem Gedenken und dem Erinnern in Familien.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2020 - Geschichte

Die taz bringt mehrere Seiten zum 75. Jahrestag des Kriegsendes. Alles in allem stimmt Klaus Hillenbrand Richard von Weizsäckers Formulierung in seiner berühmten Rede vor 35 Jahren zu. Aber der Begriff der "Befreiung" hat Tücken, gibt er zu bedenken, und zwar besonders auch für uns Nachgeborene: "Denn der Begriff impliziert ganz selbstverständlich, dass wir alle 1945 sinnbildlich befreit worden sind. Das bedeutet folglich, dass sich die Deutschen damit unauffällig auf die Seite der Sieger geschlagen haben. Hurra, wir haben gewonnen! Das festzustellen ist mehr als nur eine Wortklauberei. Denn es bedeutet zu Ende gedacht, dass auch niemand der Nachgeborenen mehr Verantwortung für die Verbrechen der Nationalsozialisten übernehmen muss. Schließlich haben Befreite nichts gemein mit denjenigen, die sie zuvor unterdrückt haben, den Nazis also."

Im taz-Interview mit Stefan Reinecke wendet sich der ehemalige Bürgerrechtler und Leiter der Deutschen Kriegsgräberfürsorge Markus Meckel gegen ein Denkmal für die polnischen Opfer in Berlin - auch weil die Deutschen viel zu wenig über das Grauen dort wüssten: "Ein Denkmal erinnert an etwas, das bekannt ist. Das Leiden der Polen unter der deutschen Besatzung ist eher unbekannt, ebenso die Leiden der östlichen Nachbarvölker. Daher ist ein Dokumentationszentrum, das über die deutsche Besatzung in Europa aufklärt, die bessere Wahl. Das kann den Vernichtungskrieg im Osten differenziert darstellen und auch den Unterschied zu der Besatzung in Westeuropa."

Außerdem schreibt Russland-Korrespondent Klaus-Helge Donath über das durch Corona behinderte Gedenken an den "Großen Vaterländischen Krieg", der propagandistisch immer noch so präsent sei, "als wäre er erst gestern zu Ende gegangen". Und Sabine am Orde beleuchtet das Verhältnis der AfD zur deutschen Vergangenheit.