9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2020 - Geschichte

Die Deutschen sollen den Russen für die Befreiung 1945 endlich danken, verlangte Götz Aly neulich (unser Resümee). Aber das Unterfangen ist schwierig angesichts von Wladimir Putins jüngster Geschichtspolitik, die Russland als einzigen Akteur dieser Befreiung darstellt und zugleich den Hitler-Stalin-Pakt, Stalins Kollaboration mit Hitler und andere störende Details komplett ausblendet, schreibt Richard Herzinger in einem Essay für die Internationale Politik: "Die ganze Perfidie dieser 'antifaschistischen' Camouflage des Kremls wird deutlich, wenn man bedenkt, dass er heute der wichtigste finanzielle, propagandistische und ideologische Förderer der extremen Rechten in Westeuropa ist. Putin und seine Desinformationsspezialisten haben damit ein neues Genre kreiert - den 'faschistischen Antifaschismus', wie der Historiker Timothy Snyder das Doppelspiel des Kremls charakterisiert hat: politische Gegner wahllos als 'Faschisten' zu brandmarken, zugleich aber gemeinsam mit real existierenden Faschisten und Neonazis gegen die liberale Demokratie Front zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2020 - Geschichte

In der SZ erinnert Alexander Menden an einen ganz Großen der Aufklärung: den Ingenieur Joseph Bazalgette, der Mitte des 19. Jahrhunderts in London ein modernes Abwassersystem baute, dass die Stadt von Seuchen befreite - in einer Zeit, als viele Menschen noch glaubten, der Gestank der Themse löse Cholera oder Typhus aus: "Aus heutiger Sicht ist nicht nur die Präzision und Geschwindigkeit der Bauarbeiten bemerkenswert, sondern vor allem die weit in die Zukunft blickende Planung. Joseph Bazalgette legte die Kapazitäten der Kanalisation für eine um die Hälfte größere Stadtbevölkerung aus, also etwa viereinhalb Millionen. Mit welcher bewundernswerten Nachhaltigkeit hier konstruiert wurde, lässt sich daran ablesen, dass Bazalgettes Infrastruktur auch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts noch immer die Hauptlast der Entwässerung Londons trägt - einer Stadt mit mittlerweile annähernd neun Millionen Einwohnern."

Stalin ist keineswegs der Erfinder der Gedenkrituale zum 9. Mai, schreibt der Historiker Mischa Gabowitsch in der FAZ, das kam erst später, unter Chruschtschow und Breschnew, denn ihnen versprach "die Rückbesinnung auf den Krieg auch eine neue Legitimitätsgrundlage. Die direkte Erinnerung an die Revolution verblasste, der Krieg jedoch hatte jede Familie getroffen. Die Mitglieder der neuen Parteiführung um Leonid Breschnew konnten - mal mehr, mal weniger wahrheitsgetreu - von ihrer kriegswichtigen Rolle erzählen."

Außerdem: In einem kurzen Interview mit der Berliner Zeitung wünscht sich der Historiker Julien Reitzenstein eine umfassende Studie zu NS-Verstrickungen der Bundesministerien.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2020 - Geschichte

Die taz widmet einem Schwerpunkt dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor fünfundsiebzig Jahren. In einem Gespräch mit Jan Pfaff unterhalten sich die Historikerin Silke Satjukow und der Historiker Ulrich Herbert über unterschiedliche Deutungen des 8. Mais 1945 in Ost und West als Tag der Befreiung, der Kapitulation oder des Sieges der Sowjetunion.

In einem sehr offenen Text erinnert sich die Schriftstellerin Manja Präkels in der taz an die kriegerischen Traditionen, mit denen sie in Brandenburg aufwuchs: "Die Tränen der alten Kommunisten in den Klubs der Volkssolidarität galten ihren Erinnerungen und Träumen aus anderen Zeiten, die wir singend beflügelten: 'O lasset uns im Leben bleiben, weil jeden Tag ein Tag beginnt. O wollt sie nicht zu früh vertreiben, alle, die lebendig sind.' Wenn sie von Lagern und Widerstand erzählten, konnten wir den Krieg fühlen. Den Stacheldraht. Die Angst. Manchmal spielten wir ihn auch nach. An den Gepettos. Einem alten Ehepaar, das aufgrund des fremd klingenden Namens, seiner ärmlichen Behausung und des zurückgezogenen Lebens die missbilligende Neugier der Provinzbewohner auf sich zog, sodass wir Kinder straffrei unsere makabren Späße mit ihnen treiben konnten. Kleine Vollstrecker. Wir warfen Steine auf die hölzernen Fensterläden. Wenn der Alte dann, vor Empörung und Angst zitternd, hinaustrat, lachten wir. Gemein und skrupellos."

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Auf NZZOnline liest Martin Flashar Thukydides' Beschreibung der Pest, die in Athen um 430 v.u.Z. wütete, als einen der großen Seuchentexte der Weltliteratur. Die Altphilologin Melanie Möller nagt in der NZZ daran, dass bereits die Römer ihre Bürgern mit Steuern und Gesetzen behelligten: "Trotz diesem eher kargen Apparat versuchte der römische Staat ziemlich rigoros, in das Privatleben seiner Bürger hineinzuregieren, mit Gesetzen und Ordnungsmaßnahmen, indem er sich als moralischer Wegweiser betätigte und bis in die Intima hinein Schranken setzte: Unter Strafe standen beispielsweise Bordellbesuche, und der Weinkonsum unterlag zeitweise strengen Beschränkungen, vor allem für Frauen (gemäß dem alten Cato galten diese als besonders maßlos). Eine allgemeine Schutzpolizei, die für die Durchsetzung sorgte, gab es hingegen nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2020 - Geschichte

"Historisch betrachtet, waren Muslime schon immer schwerer als Christen davon zu überzeugen, Quarantäneregeln zu akzeptieren, insbesondere im Osmanischen Reich", schreibt der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk, der sich für seinen im Herbst erscheinenden Roman "Pestnächte" derzeit mit historischen Seuchen beschäftigt, unter anderem in der SZ: "Die wirtschaftlichen Gründe, aus denen Händler und Bauern aller Konfessionen sich gegen die Quarantäne wehrten, mischten sich in islamischer Umgebung mit Vorstellungen von weiblicher Sittsamkeit und häuslicher Privatsphäre. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich das Dampfschiff als Verkehrsmittel durchsetzte und man billiger reiste, wurden die Pilger, die nach Mekka oder Medina unterwegs waren oder von dort zurückkamen, zu den effektivsten Verbreitern ansteckender Krankheiten in der Welt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2020 - Geschichte

In der NZZ erinnert Marc Tribelhorn an den Tod Hitlers und Mussolinis vor 75 Jahren - und den Umgang mit ihren Leichen. Etwas bizarr mutet Stalins Reaktion auf Hitlers Selbstmord an: Er hatte zwar mit den Zähnen Beweise dafür, dass die beiden verbrannten Leichen in einem Grab im Garten des Führerbunkers die von Hitler und Eva Braun waren, dennoch wollte er Hitler nicht von der Fahndungsliste nehmen: "Wohl auf seine Anweisung behauptet Marschall Schukow im Juni 1945, es sei keine Leiche als Hitler identifiziert worden: 'Er mag im letzten Moment noch mit einem Flugzeug entkommen sein.' Auf der Potsdamer Konferenz Ende Juli äußert Stalin die Vermutung, Hitler halte sich in Spanien oder Südamerika verborgen. Und im November erzählt er in Moskau dem ehemaligen Roosevelt-Berater Harry Hopkins, der deutsche Diktator sei wahrscheinlich in einem Unterseeboot nach Japan geflüchtet. Wittert der Kreml-Chef eine Verschwörung oder setzt er zur Verwirrung des Westens auf Desinformation?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2020 - Geschichte

In einem dringenden Appell an europäische Solidarität erinnert die Historikerin Ulrike von Hirschhausen im Tagesspiegel daran, wie  französische Ärzte gegen den Willen ihrer Regierung 1831 quer durch Europa reisten, um gegen die von russischen Soldaten eingeschleppte Cholera in Polen zu bekämpfen: "Das Schicksal Polen ist nicht die Sache einer Nation, sondern Sache der ganzen Menschheit: Mit dieser Botschaft wollte das 1830 in Paris gegründete französisch-polnische Komitee die Politik der europäischen Mächte umgehen, die nicht das geringste Interesse hatten, ihr Verhältnis zu Russland durch Hilfe für polnische Revolutionäre zu gefährden."

Außerdem: In der SZ nimmt der Historiker Norbert Frei die Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren und den Wiederaufbau Deutschlands zum Anlass, um Euro-Bonds zu fordern. Nochmalss im Tagesspiegel rät auch der Historiker Martin Sabrow zum Blick in die Geschichte - bei der Spanischen Grippe 1918 gab es in der zweiten Welle mehr Tote als in der ersten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2020 - Geschichte

Die Zeit veröffentlicht einen ersten Bericht der Forschergruppe, die in den Archiven des Vatikan überprüfen soll, was der Vatikan wann über die Judenvernichtung wusste, und wie er reagierte. Obwohl die Arbeiten der Forscher wegen der Coronakrise unterbrochen wurden, konnten sie bereits einige wichtige Details zu Tage fördern. Der Vatikan wusste bereits sehr früh, nämlich 1942, Bescheid, gab aber auf Nachfragen der amerikanischen Botschaft nur äußerst lückenhaft Auskunft. Da die Informationslage damals noch sehr dünn war, hätten die Amerikaner das Wissen des Vatikans sehr gut gebrauchen können: "Erst im weiteren Verlauf des Jahres 1942 erhielt man von der polnischen Exilregierung in London eine Dokumentensammlung, die den Massenmord an den Juden als Tatsache erkennen ließ und zu einem öffentlichen Protest der alliierten Mächte am 17. Dezember 1942 führen sollte. Der Heilige Stuhl wollte sich trotz nachhaltiger Bitten der USA diesem Protest nicht anschließen." Einige der Dokumente, die die Forscher gefunden haben, werden im Zeit-Dossier dokumentiert. Außerdem unterhält sich Evelyn Finger  mit dem zur Forschergruppe gehörenden Kirchenhistoriker Hubert Wolf, der die Attacken deutscher Intellektueller auf Pius XII auch als eine Entlastungsstrategie sieht.

Die Gedenkfeiern zum 75. Jahrestag des Siegs der Sowjetarmeen fallen wegen Corona ebenfalls aus, berichtet die Zeit-Korrespondentin Alice Bota, die zugleich schildert, wie das Bild vom Ende mit dem vom Anfang des Krieges verwoben wird: "Putin behauptet, Polen habe den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mitzuverantworten. Oder dass die Sowjetunion notgedrungen sich auf einen Pakt mit Hitler einließ, aber erst nachdem alle anderen schon einen geschlossen hatten. Das Außenministerium findet, das Baltikum sei nicht annektiert, sondern 'angeschlossen' worden... Und die Verantwortung des sowjetischen Geheimdienstes für die Verbrechen von Katyn, für die Exekution von mehr als 20.000 polnischen Offizieren, wird in den russischen Staatsmedien zwar nicht geleugnet; aber gelegentlich erlaubt man sich die Diskussion, ob es nicht womöglich doch Hitler war."

Weitere Artikel: In der NZZ nimmt Judith Leister den 300. Geburtstag des jüdischen Schriftgelehrten Gaon von Wilna zum Anlass, um zu schildern, wie schwer sich Vilnius bis heute mit seiner jüdischen Vergangenheit tut.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2020 - Geschichte

Am 24. April wird des Völkermords an den Armeniern vor 105 Jahren gedacht, an den Ronya Othmann und Cemile Sahin in ihrer taz-Kolumne erinnern. Und daran, dass auf dem Friedhof der Sehitlik-Moschee in Neukölln, die zur türkischen Religionsbehörde Ditib gehört, zwei Mitorganisatoren des Genozids liegen. Auf der Website der Moschee werden sie  als "'wichtige und bekannte Persönlichkeiten' des Friedhofs gelistet. Kein Wort darüber, welche Rolle sie beim Völkermord spielten, dafür die Notiz, dass alle drei von Armenier*innen ermordet worden sind. Auch einige türkische Interessenverbände in Deutschland (Türkische Gemeinde, Ditib, UETD) erkennen den Genozid nicht an oder drücken sich um klare Benennung. Doppelte Standards: hier Rassismus beklagen, aber selbst Genozid relativieren."

Die Deutschen sollen zum 8. Mai (nach russischer Lesart zum 9. Mai) endlich den Russen dafür danken, dass die Sowjetarmee Deutschland befreite, schreibt Götz Aly in der Berliner Zeitung: "Man mag von Präsident Putin halten, was man will, aber in diesen historischen Zusammenhängen vertritt er die Völker Russlands, die Familien, die Jungen und die Alten... Am 27. Januar 2020 hatte man ihn von der Gedenkfeier zur Befreiung von Auschwitz vorsätzlich ausgeschlossen. Und das, obwohl sowjetische Soldaten diese urdeutsche Mordstätte unter unermesslichen Opfern befreit hatten."

In der NZZ erinnert Claudia Mäder an den Bau der Bastille vor 650 Jahren: "Der politische Albtraum der Ordnung bleibt indessen nicht auf diesen einen Ort beschränkt, und er ist an keine spezifische Zeit gebunden. Wer heute in Frankreich gebüßt wird, weil er das Haus laut Ausgehformular zum Joggen verlässt, dabei aber kein ausreichend sportlich wirkendes Tenue trägt, lebt weder in einer Haftanstalt noch im absolutistischen 17. Jahrhundert. Aber er bekommt eine Ahnung von der Kontrollutopie, die in der politischen Macht auch heute grassiert."

Besprochen wird die Ausstellung "Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter" im Landesmuseum Zürich (NZZ).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2020 - Geschichte

Im taz-Interview mit Sabine am Orde betrachtet der in Münster lehrende Historiker Malte Thießen Epidemien als einen Verstärker sozialer Verhaltensweisen. Wenig überraschend also, dass Ausgrenzung und Isolation derzeit als probates Heilmittel gelten, meint er: "Selbst in Europa werden Grenzen hochgezogen. Das ist falsch. Seuchen agieren immer global - und müssen global bekämpft werden. Das erfolgreichste Beispiel sind dafür die Pocken, eine hochansteckende Krankheit, die auch in den 50er und 60er Jahren in Deutschland immer wieder aufgetreten ist. In den siebziger Jahren, mitten im Kalten Krieg, ist es gelungen, sie weltweit auszurotten. Mit Hilfe der WHO und eines koordinierten globalen Impfprogramms. Dahinter fallen wir jetzt zurück."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2020 - Geschichte

Ironie der Globalisierung: Die Historikerin Elife Bicer-Deveci schreibt bei geschichtedergegenwart.ch über die Geschichte des Alkoholverbots in der Türkei und die Paradoxie, dass sich die Autoritäten in der Türkei auf den Koran berufen, während die "Forderung eines staatlichen Alkoholverbotes eigentlich aus dem Ideenkatalog der westlichen Moderne" komme: "Bis zum frühen 20. Jahrhundert beschäftigte das 'Alkoholproblem' die osmanische Öffentlichkeit .. kaum, ganz im Gegensatz zu Europa und den USA, wo Alkohol in jener Zeit als Grundübel aller sozialen Probleme hingestellt wurde. Mit dem Erstarken der internationalen Antialkoholbewegung begannen auch in der osmanischen Öffentlichkeit Diskussionen um die Schädlichkeit des Alkohols."