9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2020 - Geschichte

Keine Generation muss dankbar sein für die Denkmäler, die ihr hinterlassen wurden, konstatiert Gustav Seibt in der SZ: Walhalla und die Bismarcktürme tun zwar niemandem mehr weh, aber was ist mit den Hindenburgstraßen? Und welche Denkmäler hinterlassen wir außer den Mahnmale und Lernorte eigentlich? "Diese Mahnmalkultur trägt schwerblütig-didaktische, oft tragische Züge. Leichtfüßige Lösungen wie die Glaswand mit den eingravierten Grundrechten am Reichstagsufer, in der die vorbeispazierenden Bürger sich spiegeln können, sind rar. Wie wird die 'Wippe' geraten, das lange geplante Nationaldenkmal am Berliner Schloss? Auch sie ist nicht figürlich, allerdings soll sie auf ihrer Unterseite historische Bilder zeigen. Sie soll als 'soziale Plastik' das Mittun der Bürger stimulieren, die mit ihrem verteilten Körpergewicht immer von neuem zwischen 'Wir sind das Volk' und 'Wir sind ein Volk' wippen können. Stefan Heym nannte die Politkunst der Nachwendezeit einmal 'pfiffig', und er meinte das nicht nett."

Mit dem "Curatoral turn", der aktuell Rathäuser, Stadtparlamente, soziale Netzwerke und Redaktionen erfasst, ist Boris Pofalla in der Welt nicht einverstanden: Denkmäler müssen ja nicht gleich zerstört werden, man kann sie auch in Museen ausstellen, meint er und fordert neue Formen der Erinnerung: "Man muss ja nicht lebenslang mit den Möbeln wohnen, die man mal geerbt hat. Das vielleicht schönste Denkmal der jüngeren Zeit ragt nicht über das Straßenniveau hinaus - es sind die Stolpersteine des Gunter Demnig. 75.000 gibt es mittlerweile, sie erinnern an Menschen, die im Nationalsozialismus ermordet oder in den Tod getrieben wurden. Die Stolpersteine sind ein antimonumentales zeitgenössisches Denkmal, das aus seiner formalen Bescheidenheit Größe zieht und weiter wirkt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2020 - Geschichte

Seit längerem wird darüber diskutiert, wie Deutschland der polnischen Opfer an einem gesonderten Ort des Zweiten Weltkriegs gedenken kann. In der FAZ plädiert der Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel gegen das von Aleida Assmann oben angesprochene Dokumentationszentrum (mehr hier), auch gegen den Kompromissvorschlag aus Denkmal und Lernort: "Die Spezifik des polnischen Opfers und der mit Preußen-Deutschland tiefgreifend verflochtenen Geschichte lässt es sinnvoll erscheinen, für Polen einen eigenen Ort des Gedenkens und Erinnerns zu schaffen. Aber was ist das dafür geeignete Mittel? Das Denkmal gilt, gerade unter Geschichtsdidaktikern, oft als unzeitgemäß. Keine andere Vermittlungsform verfügt jedoch über eine so starke zeichensetzende Kraft wie das Denkmal. Es verweist auf die Vergangenheit und hat zugleich eine Zukunftsbedeutung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2020 - Geschichte

Die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 wird Jahr für Jahr im türkischen Fernsehen durch eine große nationalistisch-frömmlerische Show gefeiert, die einiges über das Erdogan-Regime aussagt. Der Berliner Soziologe Aydin Süer untersucht in geschichtedergegenwart.ch die Bildsprache der Übertragungen aus der Hagia Sophia, die einst bekanntlich die größte Kirche des Christentums war, dann eine Moschee und nun (noch) ein Museum. Aber die Bilder "setzen die Hagia Sophia dezidiert als Moschee in Szene. Stets werden die islamischen Bauelemente in den Fokus gerückt. Die byzantinisch-christlichen Mosaiken im Innenraum des Gebäudes werden bis auf ein einziges Mal im weit entfernten Hintergrund nicht gezeigt. Vor der Hagia Sophia ist eine den byzantinischen Stadtmauern nachempfundene Leinwand aufgebaut, auf der per Videoprojektion deren Einstürzen simuliert wird. Nach einem gigantischen Feuerwerk ertönt schließlich der islamische Gebetsruf."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2020 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Bernd Stöver an den Koreakrieg, der vor siebzig Jahren begann und den Kalten Krieg maßgeblich beeinflusste. "Die Frage, wer angegriffen hatte, blieb bis zur Öffnung der Archive 1991 ein Streitfall. Heute ist klar: Seit März 1949 verhandelte Kim Il Sung mit Stalin, um von ihm die Genehmigung für eine militärische Wiedervereinigung zu erhalten. Stalin gab am 9. Februar 1950 grünes Licht, allerdings mit dem Hinweis, dass direkte militärische Hilfe nur von Mao geleistet werden könne, der dies dann auch zusagte. Ironischerweise hielten die USA Rhee Syng Man ebenfalls für willens, einen solchen 'Befreiungskrieg' zu führen, weswegen sie ihm keine schweren Waffen lieferten. Das hatte zur Folge, dass der Norden den Süden im Sommer 1950 schnell fast ganz überrannte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2020 - Geschichte

Der Historiker Felix Heinert beleuchtet in der taz den sehr verworrenen Konflikt um die Gedenkstätte von Babyn Jar, wo deutsche Einsatzgruppen 1941 innerhalb von 36 Stunden mehr als dreißigtausend jüdische Männer, Frauen und Kinder erschossen. Der hochkarätig besetzte Stiftungsrat des Babyn Yar Holocaust Memorial Center hat ausgerechnet den russischen Regisseur Ilya Khrzhanovsky zum künstlerischen Leiter gemacht, der seither die ukrainische Öffentlichkeit mit immer neuen Ideen schockiert: "Nach Chrschanowskis - angeblich später verworfener - Idee sollte sich das Publikum des Museums die Rolle von Opfern, Tätern oder Mitläufer*innen auswählen, mit dem Versprechen, dass sie nach Computeranalysen ihrer Gesichtsprofile und Eindrücke ihr historisches Doppelgängerprofil auf der Grundlage der Bilder und Daten kennenlernen, und sich selbst. Einmal soll Chrschanowski vorgeschlagen haben, Babyn Jar umzugraben, woraufhin erwidert worden sei, dass man den Ort nicht umgraben könne. Darauf hätte er - so die in die Öffentlichkeit getragenen Zitate - gemeint, dass man nicht umgraben müsse, nur die Idee öffentlich machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2020 - Geschichte

Eine "Orgie der Gewalt, bei der sadistische Reflexe ausgelebt werden", sieht FAZ-Autor Arnold Bartetzko im Denkmalsturz von Bristol, mit dem der Sklavenhändler Edward Colston vom Sockel gerissen wurde. Aber Bartetzko weiß auch, dass ein Denkmalsturz in Umbruchszeiten auch ein wichtiges Mittel sei, um einen Machtwechsel in Szene zu setzen. Was wird noch kommen?, fragt er sich: "Über eine Beseitigung von Goethe- oder Schiller-Standbildern dürfte vorerst zwar niemand reden. Wenn aber die Tendenz zur Säuberung des öffentlichen Raums von allen Geschichtszeugnissen, die heute Anstoß erregen oder von jemandem als beleidigend empfunden werden könnten, anhält, steht ein großer Teil des Denkmalbestands auf dem Spiel. Besser ist es, gerade die belastenden Denkmäler als Anstoß zur Auseinandersetzung mit der Geschichte zu nutzen - und zwar nicht in Museen, sondern gerade im öffentlichen Raum, vor vollem Publikum. Das einfachste Mittel dazu bietet eine kommentierende Inschrift, die eine historische Einordnung vornimmt und damit Distanz zum Ausdruck bringt."

Natürlich war Immanuel Kant ein Rassist, schreibt der Soziologe Floris Biskamp im Tagesspiegel. Er habe in seiner Anthropologie die Menschheit in vier Rassen eingeteilt, ihnen verschiedenen Eigenschaften zugeschrieben und diese Theorie aktiv etwa gegen Herder vertreten. Seine Vernunft verstand er als weiße Vernunft. Aber soll man ihn deshalb vom Sockel stoßen? "Das kommt ganz darauf an, was man darunter versteht. Wenn damit gemeint ist, ihn aus dem Kanon zu entfernen, dann sollte man diese Bilderstürmerei unterlassen. Wer so mit der philosophischen Tradition umgeht, wird weder über Philosophie noch über Rassismus viel lernen können. Wenn 'vom Sockel stoßen' aber heißt aufzuhören, Kant als einen über jeden Zweifel erhabenen Heiligen zu verehren, dann sollte man den Bildersturm besser heute als morgen vollziehen - und wenn man dabei ist, könnte man auch darüber nachdenken, ob man überhaupt irgendwen in solcher Weise auf Sockel stellen muss."

Die New York Times meldet, dass die Statue, die Theodore Rossevelt flankiert von zwei indianischen Amerikanern vor dem New Yorker Museum of Natural History zeigt, abgenommen wird.

Im FAZ-Interview mit Sandra Kegel erläutert der Politologe Jan Vogler, welchen Folgen die Pest von 1348 für Europa hatte, die ungefähr ein Drittel der damaligen Bevölkerung tötete. Sie stärkte die Menschen gegenüber traditionellen Eliten, ist das Ergebnis seiner Studie: "In Gegenden, die massiv von der Pest betroffen waren, kollabierte schlicht das ganze System. Zwar gab es in verschiedenen Teilen Europas seitens der Aristokratie verzweifelte Versuche, etwa durch königliche Erlasse die Leibeigenschaft zu bewahren und die Löhne auf dem vormals niedrigen Niveau zu halten. Aber das Gesetz von Angebot und Nachfrage war so stark, dass ein regelrechter Wettbewerb um Arbeiter zwischen Landesherren und Angehörigen des niederen Adels ausbrach, der am Ende das System zusammenbrechen ließ."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2020 - Geschichte

In der Zeit erinnert die amerikanische Historikerin Jill Lepore daran, dass die Schwarzen Amerikas ihren Kampf um Gleichberechtigung seit zweihundert Jahren führen, und nach jedem kleinen Fortschritt wieder vertröstet wurden: "Seit den 1960er-Jahren hat das 'Law and Order'-Regime, das mit Richard Nixon begann, die Macht des Staates über schwarze Menschen in Form unverhältnismäßig hoher Verhaftungs- und Verurteilungsraten und härterer Strafen ausgeweitet. Um genau diese Ungerechtigkeit geht es Black Lives Matter. Als man ihm einmal zur Geduld riet, wies Martin Luther King das energisch zurück. Vielleicht verstehen die Amerikaner endlich, warum die Zeit des Wartens vorbei ist, warum es nie Zeit zum Warten gab."

In der Welt stellt Matthias Heine klar, dass aus einem einzigen Grund "die ganzen Hitler-Denkmäler" auch nicht mehr stehen: "Es gab gar keine Hitler-Denkmäler."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2020 - Geschichte

Die Frage der Reparationen hat sich sofort nach dem Ende der Sklaverei gestellt, bemerkt Thomas Piketty in seiner Kolumne für Le Monde. Nur waren es die Sklavenhalter, die entschädigt wurden, nicht die Sklaven: "Sowohl im Vereinigten Königreich als auch in Frankreich wurde die Abschaffung der Sklaverei von einer Entschädigung für die ehemaligen Besitzer durch die öffentliche Hand begleitet. Für die 'liberalen' Intellektuellen wie Tocqueville oder Schoelcher lag das auf der Hand: Wenn man die Besitzenden ihres Besitzes entledigte (der ja in einem legalen Rahmen erworben worden war), ohne ihnen eine faire Kompensation auszuzahlen, wie würde das sonst noch eskalieren? Was die ehemaligen Sklaven anging: Sie sollten die Freiheit lernen, indem sie hart arbeiten."

Außerdem: In der FAZ erinnert der Historiker Joachim Tauber an die Okkupation der baltischen Staaten durch Stalins Truppen vor achtzig jahren und konstatiert, dass "Russland die Legende vom freiwilligen Beitritt der drei Länder zur Sowjetunion wieder aufleben lässt".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2020 - Geschichte

Einst war der Kniefall eine Geste der Demut (Willy Brandts historischer Warschauer Kniefall) -  seit der amerikanische NFL-Spieler Colin Kaepernick auf die Knie sank, statt aufzustehen und die amerikanische Nationalhymne zu singen, ist der Kniefall zum Symbol des Protests gegen Rassismus geworden, schreibt Joachim Güntner in der NZZ und blickt zurück auf die Geschichte der Geste: "Was ist der Kniefall, historisch betrachtet, nicht alles gewesen: bei Besiegten das Eingeständnis ihrer Niederlage, bei Vasallen ein Ritus der Verpflichtung gegenüber ihren Lehnsherren, bei Zaren, Kaisern und Königen der Moment vor der Selbstvergötterung, in der Gottesverehrung ein Zeichen hoher Demut, bei Gnaden- und Bittgesuchen eine Bekräftigung des Flehens. Ausdruck von Widerstand, Kampf, Oppositionsgeist war er nie und ist es erst nun."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2020 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Kaushik Roy daran, dass indische Soldaten im Zweiten Weltkrieg eine größere Rolle spielten, als ihnen oft zugebilligt wird. Und zwar auch von den eigenen Leuten, denn sie kämpften ja gewissermaßen für das Empire: Die Freiwilligenarmee, die die Briten in Indien aufbauten, "bestand zu fast 80 Prozent aus Soldaten, die zuvor als Bauern gelebt hatten. In dieser bäuerlichen Gesellschaftsschicht war der Nationalismus seinerzeit nicht sehr stark ausgeprägt. Viele Landwirte begaben sich ohne weiteres in die Kolonialarmee und waren bereit, den Krieg der Imperialisten zu fechten - weil diese sie gut und regelmäßig bezahlten. Liebe zu den Briten trugen diese Soldaten nicht im Herzen, sie waren aus ökonomischen Gründen zur Armee gegangen, das hatte schon Gandhi geschrieben. Aber Tatsache bleibt, dass es zwischen 1939 und 1945 zu keinen namhaften Meutereien kam und die meisten Soldaten also einigermaßen zufrieden waren mit dem Dienst." Das änderte sich erst nach dem Krieg.