Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 16.01.2018 - New York Review of Books

Es lohnt sich immer, Daniel Ellsberg zu lesen. Der Mann hat in seiner Zeit bei der Rand Corporation ungeheuer viel mitbekommen und ist einfach verdammt intelligent. Was Ellsberg in seinem Buch "The Doomsday Machine" über Geheimhaltungsstufen, verrückte Generäle und die atomaren Strategien von Pentagon und Weißem Haus berichtet, hat Thomas Powers schier umgehauen. Besonders gruselig findet er die Kubakrise, bei der das Exekutivkomitee des Nationalen Sicherheitsrats auf Konfrontation setzte, obwohl ein Krieg nicht in Chruschtschows Sinn liegen konnte: "Das Exekutivkomitee hatte eine Politik betrieben, die seiner eigenen Einschätzung nach mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu zehn zu einem Atomkrieg führen konnte, mit Hunderten von Millionen von Toten. Das ist der entscheidende Punkt an 'Doomsday Machine' und das, was wir von Ellsberg lernen müssen: Anständige Menschen, mutig, intelligent und mit einem aufrichtigen Horror vor dem Krieg, waren bereit, sich bei einer Chance von eins zu zehn auf ein Spiel einzulassen, das Hunderte von Millionen Menschen das Leben kosten könnte. Wofür? 'Ich werde offen sein', sagte der Verteidigungsminister Robert McNamara bei einem frühen Treffen während der Krise zu Präsident Kennedy. 'Ich glaube nicht, dass wir ein militärisches Problem haben ... Wir haben ein innenpolitisches'. McNamara meinte damit, dass sowjetische Raketen in Kuba schlimm aussehen könnten, aber nicht wirklich das militärische Gleichgewicht veränderten. Vielmehr könnten sie so schlimm aussehen - wie er nicht zu sagen brauchte - dass Kennedy die nächsten Wahlen verlieren könnte. Dieser Punkt wurde in all den Jahrzehnten seit 1962 für Ellsberg immer bedeutender. Welche Hoffnung kann es langfristig geben, wenn Präsidenten oder andere Politiker willens sind, so viele Menschen zu töten, um die nächste Wahl zu gewinnen?"

Magazinrundschau vom 18.12.2017 - New York Review of Books

Harvey Weinstein hat in einigen Fällen auch Gewalt ausgeübt, aber meist hat er Frauen eingeschüchtert und manipuliert, hält Laura Kipnis fest. Und viele Frauen haben das mit sich machen lassen, weil Weinstein Macht hatte: nicht über die Person, sondern über ihre Karrieren. Kipnis will den Aufstand gegen die Torwächter des Showbiz nicht geringschätzen, aber sie bleibt auf Distanz zu dieser Celebrity-Revolte, die ausgerechnet von konservativen Frauen bei Fox News eingeläutet wurde: der Moderatorin Megyn Kelly und der früheren Miss America Gretchen Carlson, die erfolgreich gegen Roger Ailes geklagt hatten: "Das Patricharchat hat kein stehendes Heer (auch wenn einige Feministinnen meinten, Vergewaltiger seien dessen Kampftrupp), doch es hat kulturelle Institutionen wie den Sender Fox, der dessen Werte und Normen verbreitet. Egal ob der hochgesinnte linke Intellektuelle, der seine weiblichen Untergebenen anhält, engere Kleider zu tragen, tatsächlich Fox sieht - oder der nerdige Boss eines Public Radio, der einer Frau ungefragt die Zunge in den Mund steckte oder der dickliche Kommentator, der seine Erektionen herumzeigt -, Fox kulturelles Wirken besteht darin, ein bestimmtes Bild von weiblicher Empfänglichkeit zu verbreiten, das diese Männer teilen. 'Sexuelle Belästigung gedeiht in einer Atmosphäre, die Frauenrechte nicht würdigt', schreibt Carlson. Stimmt. Aber bei der körperlichen Selbstbestimmung geht es nicht nur ums Grapschen, es geht auch um den Zugang zu Verhütungsmitteln und das Recht auf Abtreibung, und hier sind die Frauen von Fox, so entschlossen sie sich auch gebärden, als Verbündete echter Mist."

Robert Kuttner rühmt Gareth Dales "A Life on the Left", eine Biografie, des ungarischen Wirtschaftswissenschaftlers Karl Polanyi, der in der "Großen Transformation" die immensen Umwälzungen des Kapitalismus im 19. Jahrhundert nachgezeichnet hatte: "Karl Polanyi glaubte, dass die einzigige Möglichkeit, die destruktive Wirkung des organisierten Kapitals und seine Ultra-Marktideologie politisch zu zügeln, in einer hochmobilisierten, klugen und gebildeten Arbeiterbewegung bestand. Er berief sich dabei nicht auf die ökonomischen Theorien von Marx, sondern auf  das erfolgreichste Experiment des städtischen Sozialismus in Europas Zwischenkriegszeit: das rote Wien, in dem er als Wirtschaftsjournalist in den zwanziger gearbeitet hatte. Und eine Zeit lang hatte der gesamte Westen eine egalitäre Form des Kapitalismus errichtet, die sich auf die Stärke des demokratischen Staates und der Arbeiterbewegungen stützte. Aber seit der Ära von Margaret Thatcher und Ronald Reagan sind diese Gegenmächte zerschlagen, mit vorhersehbaren Ergebnissen."

Weiteres: Ferdinand Mount gruselt es vor Rüdiger Safranskis Goethe-Biografie, die dem Dichtergenie als Superman huldigt, um nicht zu sagen Übermensch. Jackson Lears liest Mike Wallaces Geschichte New York Citys von 1898 bis 1919. Richard Holmes Julian Bell besucht eine David-Hockney-Ausstellung in der Tate Britain. Und J.M. Coetzee erzählt von "Lügen".

Magazinrundschau vom 21.11.2017 - New York Review of Books

Timothy Garton Ash erklärt dem internationalen Publikum den Erfolg der Rechtspopulisten in Deutschland und stellt die Führungsriege der AfD vor: die "schrille und unangenehme" Beatrix von Storch, die in der Schweiz residierende Bankerin Alice Weidel, und den Altkonservativen Alexander Gauland, der in seinen Tweed-Jackets "so englisch aussieht, dass er einfach deutsch sein muss". Anders als in den USA und Großbritannien geht es hier nicht um ökonomische Ungleichheit, meint Garton Ash, sondern um eine Ungleichheit der Aufmerksamkeit. "Es ist die Kultur, nicht die Ökonomie, Flachkopf!" Und dann kommt er auch auf Rolf Peter Sieferles Buch "Finis Germania" zusprechen: "Dass der Spiegel Sieferles Buch einfach von seiner Bestseller-Liste verschwinden ließ, ist das extreme Beispiel eines im zeitgenössischen Deutschland verbreiteten Vorgehens. Wer einen bestimmten Punkt überschreitet, der als rechts oder antisemitisch angesehen werden könnte, wird aus der respektablen Gesellschaft ausgeschlossen und mit einem leuchtend roten - oder eher braunen - Buchstaben gebrandmarkt. Nazi-Insignien, Holocaust-Leugnung und Volksverhetzung sind gesetzlich verboten (was Facebook gerade erfahren muss), aber es gibt auch eine breitere gesellschaftliche, kulturelle und politische Durchsetzung von Tabus. Viele würden sagen, dass dies entscheidend zu einer Politik der Mitte und zivilisierten Debatte in Deutschland beigetragen hat. Ich weiß, dass viele junge Deutsche diesen Ansatz aus vollem Herzen unterstützen. Fände es der Rest der Welt etwa besser, wenn Deutschland nicht jedes Anzeichen einer Wiederkehr des Schlimmsten, was die moderne Menschheit hervorgebracht hat, mit einem Tabu belegte? Doch dieser Ansatz fordert seinen Preis, und der Wahlerfolg der AfD zeigt, dass der Preis steigt. Sieferles 'Finis Germania' ist das späte, unbedeutende Werk eines traurigen, verwirrten und doch unbestreitbar großen Geistes. Nur zu sagen: 'Rechts, antisemitisch, revisionistisch - fort mit Dir, Satan, und raus aus der Bestseller-Liste!', ist eine beklagenswert unzulängliche Reaktion. Sieferle mit einem Tabu zu belegen, bestätigte tatsächlich seine Behauptung, dass es dieses Tabu gibt, also etwas, das außerhalb des rationalen Diskurses gestellt wird."

Besprochen werden außerdem Masha Gessens Russland-Buch "The Future Is History" (dem Robert Cottrell allerdings einen etwas lockeren Gebrauch des Totalitarismus-Begriffs vorwirft) und Karl Ove Knausgards Kataloge und Essays für Munch-Ausstellungen in Oslo, San Francisco und New York .

Magazinrundschau vom 28.11.2017 - New York Review of Books

Als dunkle Unterströmung zieht sich der Ku-Klux-Klan durch die amerikanische Geschichte: Sehr aufschlussreich und klug findet es Adam Hochschild, wie Linda Gordon in ihrem Buch "The Second Coming of the KKK" die Expansion des Klans in den zwanziger Jahren beschreibt, als er es auf vier Millionen Mitglieder brachte. Denn mit seiner Kombination aus Rassismus, Populismus und Geschäftemacherei bediente er sich der gleichen Instinkte wie heute Donald Trump, und nichts brachte ihm mehr Zulauf ein als die Verachtung der liberalen Medien. Und weiter erzählt Hochschild: "Der Gründer des reinkarnierten Klans von 1915 war ein Arzt aus Atlanta namens William Joseph Simmons, der fünf Jahre später an zwei ausgewiesene PR-Profis geriet: Elizabeth Tyler und Edward Young Clarke. Um mehr Mitglieder zu gewinnen, überzeugten sie ihn, Juden, Katholiken, Einwanderer und städtische Eliten mit auf die Schwarze Liste zu setzen. In den nächsten Jahren führten Tyler und Clarke de facto den KKK, als zwei Bannons für den Trump'schen Simmons. Die beiden hatten einen Vertrag, der ihnen achtzig Prozent der Beiträge und anderer Einnahmen von neuen Mitgliedern zusprach. Vermutlich haben sie in den ersten fünfzehn Monaten ihres Jobs 850.000 Dollar eingenommen - was heute elf Millionen Dollar entspräche. Das ganze Unternehmen war auf Kommissionsbasis organisiert: Alle Anwerber, die Kleagles, bis zu den höheren Rängen (King Kleagles, Grand Goblins und andere) behielten einen Prozentsatz der Beitrittsgebühr (von zehn Dollar, heute 122) und der monatlichen Mitgliedsbeiträge. Die Bewegung war enorm lukrativ. Linda Gordon spricht den Erfolg vor allem Elizabeth Tyler zu: 'Die Organisation wäre auch ohne diese getriebene, forsche, korrupte und unternehmerische Frau gewachsen, aber nicht so.' Über die anderen Frauen im Klan, etwa die 'Ladies of the Invisible Empire', notiert Gordon trocken: 'Leser sollten den Glauben ablegen, dass Frauen in der Politik freundlicher, sanfter und weniger rassistisch als Männer sind."

Magazinrundschau vom 14.11.2017 - New York Review of Books

Charles Simic blickt auf das Leben des polnischen Dichters, Diplomaten, Exilanten und Nobelpreisträgers Czeslaw Milosz, dessen Lebensgeschichte die gesamten Verwerfungen des 20. Jahrhunderts erfasst, wie er auch in Andrzej Franaszeks Biografie nachlesen kann: die beiden Weltkriege, die Russische Revolution, den Nationalsozialismus, das besetzte und das kommunistische Polen. Dass Milosz dichterisch auf Distanz zur Moderne blieb und auf den Realitätsgehalt eines Gedichts pochte, kann Simic bei einer Biografie nur zu gut verstehen, in der es immer ums Ganze ging: "Ich erinnere mich, mit meiner Frau bei einem älteren, sehr kultivierten polnischen Paar in new Hampshire vor ungefähr vierzig Jahren. Wir verstanden uns hervorragend, bis mir entfuhr, wie sehr ich Czeslaw Milosz liebe. Sie erstarrten. 'Er war Abschaum', knurrte der freundliche alte Herr, sichtlich erregt. Ich hatte gehört, um die Reaktion zu verstehen: dass Milosz sich geweigert hatte, 1944 am Warschauer Aufstand gegen die Nazis teilzunehmen, und dass er nach dem Krieg Diplomat für die kommunistische Regierung wurde und als Kulturattaché in New York, Washington und Paris diente. Für die meisten Polen war der Aufstand, den die polnische Exilregierung in London angeordnet hatte, ein heroisches Aufbegehren, nobilitiert durch den Kult patriotischer Tapferkeit. Aber der Aufstand führte zum Tod von zweihunderttausend Menschen in Straßenkämpfen und zur Zerstörung Warschaus. Für Milosz war er ein sinnloser Akt, der unschuldige Menschen das Leben kostete. Aber mehr noch, er glaubte, ihm sei ein anderes Schicksal beschiedene. Laut einem Freund hatte er zu seiner Frau gesagt, 'dass es für ihn darauf ankomme, den Krieg zu überleben: Seine Aufgabe sei es zu schreiben, nicht zu kämpfen.' Da auch meine Familie wie so viele in Osteuropa gespalten, die einen wollten überleben, die anderen kämpfen. Heute verstehen ich nur zu gut die unmögliche Situation der Polen und denke, dass beide auf tragische Weise recht und unrecht hatten."

Benjamin Nathans liest Yuri Slezkines Saga der Russischen Reolution "The House of Government". Frances FitzGerald bespricht noch einmal Ken Burns und Lynn Novicks Dokumentation "The Vietnam War".

Magazinrundschau vom 07.11.2017 - New York Review of Books

Der Krieg in Syrien scheint zu Ende zu gehen, Lindsey Hilsum rekapituliert die Ereignisse, liest von Dissidenten, die sich wünschten, nie rebelliert zu haben, und blickt auf die aktuelle Lage: "Der Kampf gegen den Islamischen in Syrien ist fast vorbei - nach den Angriffen des Regimes und seiner Alliierten auf der einen und der von den USA unterstützten Koalition ist seine Führung auf der Flucht. Sein Territorium wird von Tag zu Tag kleiner. Anderswo in Syrien werden auf Russlands Geheiß die Feindseligkeiten eingestellt. Die Revolution ist gescheitert, und die Kriege, die ihr folgten, verändern entweder ihre Gestalt oder schleppen sich zu ihrem bitteren, kläglichen Ende. Die Fronten auf der Karte verschieben sich noch, doch auch wenn Syrien niemals mehr so vereint werden wird, wie es vor 2011 war, konsolidiert die Regierung Assad wieder mit russischer und iranischer Hilfe ihre Macht in den städtischen Zentren. Neue Konflikte brauen sich zusammen. Die Kurden hoffen, die Kontrolle über den Nordosten wieder zu erlangen, doch ihre Eintracht mit arabischen Kämpfern im Kampf gegen den IS wird den Sieg nicht überstehen: Rakka ist trotz allem eine arabische Stadt. Die Türkei beginnt aus Furcht vor einem kurdischen Staat an ihren Grenzen, zu drohen und arabische Milizen zu unterstützen. Die Amerikaner könnten jetzt da die Schlacht gewonnen ist, aufhören, die syrischen Kurden zu unterstützen, um die Türkei nicht weiter vor den Kopf zu stoßen. Israel wird keine iranische Basis im südlichen Syrien akzeptieren und hat bereits sporadische Luftschläge verübt. Saudi Arabien fürchtet den Aufstieg seines regionalen Rivalen Iran und ist entschlossen, sich dem schiitischen Halbmond zu widersetzen, der sich durch Syrien bis in den Irak und den Libanon zieht."


Kara Walker: Slaughter of the Innocents (They Might be Guilty of Something), 2017. Sikkema Jenkins & Co., New York

Bewundernswert, dass Kara Walker nie die Nerven verloren hat und allen Anfeidungen zum Trotz ihre verstörende Arbeit fortgesetzt hat, meint Darryl Pinckney, der vor ihrer Sphinx aus weißem Zucker am liebsten in die Knie gegangen wäre: "Von schwarzer Kunst oder schwarzen Künstler wird erwartet, dass sie die Würde und die Schönheit schwarzer Menschen wieder herstellen beziehungsweise anerkennen. Doch Walker bleibt bei den überzeichneten Gesichtern und den krausen Haaren. Sie sind nicht hübsch. Elizabeth Hardwick schrieb einmal, dass sie in ihrer Kindheit in den zwanziger Jahren in Kentucky Weiße sagen hörte, sie könnten nicht verstehen, warum sich Schwarze fotografieren ließen. Das Gemetzel in Walkers Arbeit fragt Weiße: Was ist an Euch denn so hübsch? Doch bei aller Gewalt sind Schwarze bei ihr keine Opfer. Sie werden verletzt und getötet, aber sie sind nicht machtlos, ihre Bilder fügen sich zu einer Armee der Seltsamen, es sind die Grotesken und Comicfiguren, die Weiße erfunden haben, um sich selbst - und auch Schwarze - zu überzeugen, dass Schwarze nur für niedere Dienste taugen, dass sie unfähig und unwillig zur Revolte sind. Walker richtet gegen Weiße, was Weiße erfunden haben: Die lustigen Gesichter kommen, um Massa zu töten. Jetzt sind sie nicht mehr so lustig, und tatsächlich haben Walkers Arbeiten in der Sikkema Jenkins Ausstellung einen Hauch von Wildheit und Vergeltung."

Magazinrundschau vom 04.10.2017 - New York Review of Books

Schön, dass alle genau wissen, wie Europa zu helfen wäre, meint Anne Applebaum nach Lektüre von James Kirchick, Ivan Krastev, Giles Merritt und Loukas Tsoukalis. Aber hat jemand auch einen Plan, wie all die Ideen umgesetzt werden können? "Um eine parlamentarische Reform durchzudrücken, eine echte europäische Armee aufzubauen, Unterstützung für ein größeres Budget oder eine Zentralbank zu gewinnen, braucht Europa Institutionen, denen gegenüber die Leute loyal und gebunden sind. Kleine europäische Nationen mit genug Vertrauen auszustatten, dass sie in einer globalen Welt gut bestehen können, genug Wachstum zu erzeugen, damit es auch den Menschen im ländlichen Spanien und Bulgarien gut geht, eine richtige Grenzbehörde aufzubauen, mit der sich die Leute sicher fühlen, die Südeuropäer zu überzeugen, dass sie die russische Bedrohung ernst nehmen, und die Osteuropäer die Flüchtlingskrise - all das erfordert einen Grad an politischer Energie, der auf europäischer Ebene komplett fehlt, und in vielen europäischen Ländern auch auf nationaler."

Weiteres: Linda Greenhouse lässt sich von der Historikerin Marjorie J. Spruill daran erinnern, wie Ende der siebziger Jahre das von der National Women's Conference unter der großen Bella Abzug in die Wege geleitete Equal Rights Amendment gekippt wurde: Obwohl beide Parteien im Kongress dafür waren, tyranniserte die Christian Coalition den Kongress so lange, bis er einknickte. James Fento widmet sich dem mexikanischen Barockmaler Cristóbal de Villalpando. Hayden Pelliccia liest Übersetzungen von Homers "Ilias".

Magazinrundschau vom 05.09.2017 - New York Review of Books

Rei Kawakubo for Comme des Garçons. Blood and Roses, spring/summer 2015; MoMA, Courtesy of Comme des Garçons. Photograph by © Paolo Roversi
Die Rei-Kawakubo-Ausstellung im Moma ist bei uns schon mehrere Male vorgekommen. Trotzdem sollte man unbedingt noch David Salles Text zur Ausstellung lesen, der mit Abstand der beste ist. Das japanische No-Theater ist für Salle erster Anknüpfungspunkt für eine Annäherung an die japanische Modedesignerin, deren erstaunliche Kleidung künstlerische Einflüsse von überall her spielend aufnimmt, zerlegt, auf den Kopf stellt bis sie ganz neu vor einem erstehen. Den "Frank Gehry des Stoffs", nennt Salle sie einmal und ein andermal - noch besser - den "Arcimboldo des Stoffs". Aber am Ende kommt es nicht darauf an, was sie nimmt, sondern was sie daraus macht: "Es gibt eine Art von Kunsterfahrung, die unsere Reaktionen voraussieht und, darüber hinaus, unsere Sehnsucht nach einem bestimmten Gefühl, vor allem dem, zu einem verfeinerteren Ort gelangt zu sein. Die Kunst ist zuerst dort angekommen. Ja, denken wir, wie haben es vorher nicht bemerkt, aber so fühlt es sich an, in diesem Moment lebendig zu sein. Es mag ausgelöst werden durch eine überraschende Nebeneinanderstellung, den neuen Gebrauch eines alten Materials, kombiniert mit einem Griff zurück, einer rudimentären Erinnerung an eine fast verlorene klassische Vergangenheit. Das Gefühl ist kompliziert. Es kann einem den Magen umdrehen, wegen dem, was es von uns verlangt, oder schneidend sein, wenn es, sagen wir, mit einer Kombinierten Malerei von Rauschenberg verbunden ist."

Magazinrundschau vom 12.09.2017 - New York Review of Books

In der aktuellen Ausgabe der New York Review of Books schaut sich Simon Kuper David Conns "The Fall of the House of FIFA" genauer an, eine Rekapitulation des Multimillion-Dollar Korruptionsskandals im Weltfußball, und stellt fest: "Blatters Abgang war kathartisch, so wie der Niedergang Saddams im Irak 2003. Aber die alten Pfade der FIFA sind weiterhin intakt. Im Februar 2016 wurde mit Gianni Infantino ein weiterer Schweizer Bürokrat zum Präsidenten gewählt, nachdem er vor 209 nationalen Federations-Präsidenten verlauten ließ: 'Das Geld der FIFA gehört Ihnen'. Ein Satz, der laut Conn spontanen Applaus bekam. Vieles an Infantino lässt an Blatter denken: Seine Begabung in der Vetternwirtschaft, seine multilinguale Bonhomie und sein Anspruchsdenken. Nach Blatter hat die FIFA nur wenige Reformen angestrengt, aber die Verträge der beiden Vorsitzenden des Ethikrates nicht verlängert. Das klingt vertraut. Der Rat hatte Infantino mit verschiedenen Fällen von Misswirtschaft in Verbindung gebracht. Und Infantino hatte Kritik an seiner Person als 'fake news' abgetan. Trotz der in diesem Herbst anstehenden Verfahren in den USA und in der Schweiz - der Fall FIFA ist merklich abgekühlt. Kaum ein Journalist befasst sich regelmäßig mit der Organisation."

Fintan O'Toole denkt über die irische Frage nach, die mit dem Brexit wieder hochkommt: Denn das Belfast Abkommen versöhnte den irischen und den britischen Nationalismus. Doch Britannien gibt es so nicht mehr: "Jede einzelne Region von England-ohne-London stimmte für den Austritt aus der EU, von den Cotswolds bis Cumbria, von den sanften Hügeln bis zu zerklüfteten Bergbautälern. Das war ein genuin nationalistischer Aufstand, eine Nation überwand ihre soziale und geografische Spaltung und versammelte sich hinter dem Ruf 'Take back control'. Doch die Nation, um die es hier geht, ist nicht Britannien. Es ist England."

Weitere Artikel: David Cole besteht auf der Meinungsfreiheit, auch angesichts der Hassreden von Trump-Anhängern. Geoffrey O'Brien liest Jonathan Goulds Otis-Redding-Biografie "An Unfinished Life".

Magazinrundschau vom 08.08.2017 - New York Review of Books

Im aktuellen Heft der New York Review of Books erfährt Annette Gordon-Reed, woher die Amerikaner ihr verkrampftes Verhältnis zum Sex haben, vom Christentum nämlich. Geoffrey R. Stones Buch 'Sex and the Constitution' klärt sie auf: "Das amerikanische Verständnis von Sex ist über Jahrhunderte von religiösen, namentlich christlichen Überzeugungen von Sex, Sünde und Scham geprägt worden. Diese Geschichte, so Stone, wirft eine irritierende Frage für die Praxis des Verfassungsrechts auf. Jahrelang haben sich Gerichte in Sachen Sex an christlichen Traditionen orientiert, obwohl die Trennung von Kirche und Staat gilt. Bei den Themen sexuelle Orientierung, Abtreibung, Verhütung, Pornografie haben Richter immer wieder religiöse Prinzipien in ein säkulares Gewand gekleidet, und zwar, indem sie zwischen ihren moralischen und den religiösen Ansichten unterschieden. Kenntnisreich über mehrere Jahrhunderte amerikanischer Rechtssprechung in Sachen Sex schreibend, zeigt Stone, dass die Linie zwischen moralischer und religiöser Argumentation eigentlich immer illusorisch war, da Gesetzgebung und Richter sich auf religiöse Überzeugungen beriefen, um zu entscheiden, was moralisch und richtig für alle Bürger und was legal, was illegal war. Das Christentum als dominante Religion war der Quell für moralische Doktrin. Diese Vorstellungen, glaubt Stone, sind so tief in der US-amerikanischen Kultur verankert, dass man zum Beginn des Christentums zurückgehen muss, um amerikanische Haltungen zum Thema Sex verstehen zu können … In einem Überblick über das Verständnis von Sex in der Antike macht Stone die frühen Christen dafür verantwortlich, dem Sex jeden Spaß genommen zu haben."