
Marcel Ophüls Dokumentation über die
Nürnberger Prozesse "The Memory of Justice" wurde 1975 in Cannes gezeigt, kurz und heftig angefeindet und dann in die Archive abgeschoben. Nun zeigt HBO die restaurierte vierstündige Fassung, und
Ian Buruma ist völlig fasziniert. Ophüls setze keineswegs die Verbrechen der Nazis mit denen der Amerikaner in Vietnam oder der Franzosen in Algerien gleich, betont Buruma, sondern zeige, dass Verbrechen nicht von hässlichen Ungeheuern begangen werden: "Das vielleicht verstörendste Interview in dem Film führt Ophüls nicht mit einem reuelosen Kriegsverbrecher, sondern mit dem geschätzten Anwalt
Otto Kranzbühler. Während des Krieges war er Marinerichter, bei den Nürnberger Prozessen verteidigte er Admiral Dönitz und war in seiner Marineuniform
eine schneidige Figur. Später machte eine erfolgreiche Karriere als Firmenanwalt und verteidigte unter anderem
Alfred Krupp gegen den Vorwurf, er habe von Sklavenarbeit profitiert. Kranzbühler rechtfertigte niemals den Nationalsozialismus. Als er aber von Ophüls gefragt wird, wie er seinen Kindern die eigene Rolle im Dritten Reich erkläre, zitiert er die Formel, zu der er immer greife: 'Wer nicht Bescheid wusste , war ein Dummkopf; wer Bescheid wusste, aber wegsah, war ein Feigling; wer Bescheid wusste und mitmachte, war ein Verbrecher.' Ob das seine Kinder beruhigt hätte? Kranzbühler: 'Meine Kinder erkannten ihren Vater in keiner diesen Kategorien.' Eine
brillante Ausflucht." Mithalten kann da höchstens
Edgar Faure, der Frankreichs Ankläger in Nürnberg war und später als Premierminister über die Verbrechen in Algerien meinte: "Die Dinge gerieten ein wenig außer Kontrolle. Aber man kann Politiker nicht kritisieren, die mit der schwierigen Aufgabe betraut sind, eine Regierung zu führen." Ophüls Film findet man auf Deutsch auf Youtube:
Teil 1,
Teil 2.
Kann gut sein, dass die
Wohnungsnot in New York schon die Kriterien für eine
humanitäre Krise erfüllt,
bemerkt Michael Greenberg. Über sechzigtausend Einwohner sind in New York bereits wohnungslos, oft Familien mit Kindern. Trotz weitgehender Mieterrechte, trotz Bestandsschutz und Preisbremse kommt die Stadt nicht gegen die
Spekulationen der Investmentfonds an: "Ein Gebäude in
Crown Heights mit hundert preisgebundenen Wohnungen und Mieteinnahmen von 1,2 Millionen Dollar im Jahr kann heute für 40 Millionen Dollar verkauft werden - aber damit sich die Investition lohnt, müssen
alle Mieter raus. Die Käufer sind meist
Private Equity Fonds, die einen begrenzten Pool von Investorengeldern managen: Ein Fonds, der in
Central Brooklyn Geschäfte macht, beschreibt sich selbst als Vermögensbeteiligungsfirma, die sich in der Neupositionierung von Mehrfamilienhäusern spezialisiert habe. Der aggressive Eintritt von
hyperkapitalisierten Investoren auf dem Markt für die untere Mittelklasse hat nicht nur Central Brooklyn erreicht, sondern auch - wie ein Donnerschlag - die
South Bronx,
East Harlem,
Washington Heights und jede andere Nachbarschaft mit Bestandsschutz. In den äußeren Bezirken gibt es damit einen neuen Eigentümertypus , der sich langwierige, rücksichtslose Räumungsverfahren und Mieterrauskauf leisten kann, wie es den früheren, meist individuellen Besitzern nicht möglich war."
Weiteres: Lang, aber ungeheuer gewinnbringend
findet John Banville
Rainer Stachs nun auch komplett auf Englisch vorliegende
3-teilige Kafka-Biografie. Lorrie Moore huldigt den Liedern
Stephen Stills. Und Jessica Mathews
fragt, warum sich Donald Trump jetzt doch auf
Nordkorea statt auf den Iran einschießt.