Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 15.08.2017 - New York Review of Books

Marcel Ophüls Dokumentation über die Nürnberger Prozesse "The Memory of Justice" wurde 1975 in Cannes gezeigt, kurz und heftig angefeindet und dann in die Archive abgeschoben. Nun zeigt HBO die restaurierte vierstündige Fassung, und Ian Buruma ist völlig fasziniert. Ophüls setze keineswegs die Verbrechen der Nazis mit denen der Amerikaner in Vietnam oder der Franzosen in Algerien gleich, betont Buruma, sondern zeige, dass Verbrechen nicht von hässlichen Ungeheuern begangen werden: "Das vielleicht verstörendste Interview in dem Film führt Ophüls nicht mit einem reuelosen Kriegsverbrecher, sondern mit dem geschätzten Anwalt Otto Kranzbühler. Während des Krieges war er Marinerichter, bei den Nürnberger Prozessen verteidigte er Admiral Dönitz und war in seiner Marineuniform eine schneidige Figur. Später machte eine erfolgreiche Karriere als Firmenanwalt und verteidigte unter anderem Alfred Krupp gegen den Vorwurf, er habe von Sklavenarbeit profitiert. Kranzbühler rechtfertigte niemals den Nationalsozialismus. Als er aber von Ophüls gefragt wird, wie er seinen Kindern die eigene Rolle im Dritten Reich erkläre, zitiert er die Formel, zu der er immer greife: 'Wer nicht Bescheid wusste , war ein Dummkopf; wer Bescheid wusste, aber wegsah, war ein Feigling; wer Bescheid wusste und mitmachte, war ein Verbrecher.' Ob das seine Kinder beruhigt hätte? Kranzbühler: 'Meine Kinder erkannten ihren Vater in keiner diesen Kategorien.' Eine brillante Ausflucht." Mithalten kann da höchstens Edgar Faure, der Frankreichs Ankläger in Nürnberg war und später als Premierminister über die Verbrechen in Algerien meinte: "Die Dinge gerieten ein wenig außer Kontrolle. Aber man kann Politiker nicht kritisieren, die mit der schwierigen Aufgabe betraut sind, eine Regierung zu führen." Ophüls Film findet man auf Deutsch auf Youtube: Teil 1, Teil 2.

Kann gut sein, dass die Wohnungsnot in New York schon die Kriterien für eine humanitäre Krise erfüllt, bemerkt Michael Greenberg. Über sechzigtausend Einwohner sind in New York bereits wohnungslos, oft Familien mit Kindern. Trotz weitgehender Mieterrechte, trotz Bestandsschutz und Preisbremse kommt die Stadt nicht gegen die Spekulationen der Investmentfonds an: "Ein Gebäude in Crown Heights mit hundert preisgebundenen Wohnungen und Mieteinnahmen von 1,2 Millionen Dollar im Jahr kann heute für 40 Millionen Dollar verkauft werden - aber damit sich die Investition lohnt, müssen alle Mieter raus. Die Käufer sind meist Private Equity Fonds, die einen begrenzten Pool von Investorengeldern managen: Ein Fonds, der in Central Brooklyn Geschäfte macht, beschreibt sich selbst als Vermögensbeteiligungsfirma, die sich in der Neupositionierung  von Mehrfamilienhäusern spezialisiert habe. Der aggressive Eintritt von hyperkapitalisierten Investoren auf dem Markt für die untere Mittelklasse hat nicht nur Central Brooklyn erreicht, sondern auch - wie ein Donnerschlag - die South Bronx, East Harlem, Washington Heights und jede andere Nachbarschaft mit Bestandsschutz. In den äußeren Bezirken gibt es damit einen neuen Eigentümertypus , der sich langwierige, rücksichtslose Räumungsverfahren und Mieterrauskauf leisten kann, wie es den früheren, meist individuellen Besitzern nicht möglich war."

Weiteres: Lang, aber ungeheuer gewinnbringend findet John Banville Rainer Stachs nun auch komplett auf Englisch vorliegende 3-teilige Kafka-Biografie. Lorrie Moore huldigt den Liedern Stephen Stills. Und Jessica Mathews fragt, warum sich Donald Trump jetzt doch auf Nordkorea statt auf den Iran einschießt.

Magazinrundschau vom 11.07.2017 - New York Review of Books

In der aktuellen Ausgabe der New York Review of Books befasst sich Matthew Cobb mit Neuerscheinungen zum Thema Gen-Editing (CRISPR). Cobb empfiehlt vor allem das von der Biochemikerin und CRISPR-Pionierin Jennifer A. Doudna in Zusammenarbeit mit Samuel H. Sternberg verfasste Buch "A Crack in Creation", für Cobb ein starker Mix aus wissenschaftlichen und ethischen Perspektiven, der helfen könnte, uns vor CRISPRs dystopischem Potenzial zu bewahren: "Die Notwendigkeit der Regulierung von CRISPR wird offenbar, wenn die Autoren die für sie gefährlichste Seite ihrer Technik vorstellen, die Entwicklung von sogenannten 'gene drives', Genantrieben (zur beschleunigten Ausbreitung von Genen in Populationen, d. Red.), vor allem bei Spezies mit kurzen Generationenfolgen, wie Insekten-Epidemien … Unter Verwendung eines Genantriebs wird die Frequenz des veränderten Gens exponentiell gesteigert und die gesamte Population in kürzester Zeit damit überflutet. Wissenschaftler wollten die Technologie nutzen, um Moskitos zu sterilisieren oder sie als Malariaüberträger unschädlich zu machen, was enorme Auswirkungen auf die Epidemiologie einiger der tödlichsten Krankheiten hätte … Das Problem ist, dass der Genantrieb im Grunde eine biologische Bombe darstellt, die alle möglichen ungewollten Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Haben wir den Moskito erst für den Malaria-Parasiten unattraktiv gemacht, könnte der Parasit mutieren, etwa so wie bei Antibiotika, um die Auswirkungen des 'gene drive' zu unterlaufen. Das wieder könnte bedeuten, dass er gegen unsere Antimalariamittel immun wird."

Weitere Artikel: Ein schwarzer Mann gilt in den USA immer als schuldig - bis zum Beweis seiner Unschuld, weiß der Anwalt Bryan Stevenson aus eigener Erfahrung und erklärt dies aus der Geschichte. Sue Halpern sah Laura Poitras' Doku über Julian Assange. Colm Tóibín las Édouard Louis' autobiografischen Roman "Das Ende von Eddy". Julian Bell besuchte zwei Pariser Pissarro-Ausstellungen, im Musée Marmottan Monet und im Musée du Luxembourg.

Magazinrundschau vom 06.06.2017 - New York Review of Books

Marcia Angell liest zwei Bücher, die sich mit dem "Schlachtfeld Abtreibung" in den USA auseinandersetzen: Karissa Haugebergs "Women Against Abortion" und Carol Sangers "About Abortion". Beide beschreiben den langen Kampf um das Recht auf Abtreibung und den Backlash, der in den letzten Jahren eingesetzt hat. Einer der Gründe, warum Abtreibung in Teilen der Bevölkerung verurteilt wird, ist laut Sanger das Geheimnis, das um Abtreibungen gemacht wird. "Obwohl Abtreibung legal ist, verschweigen viele Frauen ihre Abtreibung, meint sie. Sie halten sie vor Freunden geheim, so als befürchteten sie Schuldzuweisungen. ... Nach Ansicht Sangers sollten Frauen offen über eine Abtreibung sprechen, so wie sie heute offen über lange geheimgehaltene Dinge wie Depression, Homosexualität, Scheidung, Fehlgeburten oder Brustkrebs sprechen. 'Das Fehlen der privaten Diskussion verzerrt die öffentliche Debatte, was wiederum den politischen Diskurs verzerrt, der die Grundlage des legislativen Prozesses ist', schreibt Sanger. 'Geheimhaltung verhindert potentielle Solidarität oder Lösungen.'"

Außerdem: Schade, dass Hemingway sich nie von seinem Männlichkeitswahn befreien konnte, meint Fintan O'Toole.

Magazinrundschau vom 13.06.2017 - New York Review of Books

Zu seiner Überraschung muss Adam Kirsch feststellen, dass es so etwas wie eine posthabsburgische Moderne gab. Die Information dazu entnimmt er dem Buch "Edge of Irony: Modernism in the Shadow of the Habsburg Empire" der großen amerikanischen Kritikerin Marjorie Perloff, die als 13-jährige mit ihren Eltern aus Wien emigrierte. Sechs Autoren macht sie als Gründerväter dieser Moderne aus: Paul Celan, Joseph Roth, Elias Canetti, Karl Kraus, Ludwig Wittgenstein und Robert Musil (die größte Irritation für einen deutschen Leser ist, dass Sigmund Freud und Franz Kafka nicht dabei sind). Kirsch muss lernen, dass sie seinen Göttern Ezra Pound oder Virginia Woolf gleichkommen und einiges mit ihnen gemein haben: "Die Bevorzugung des Fragments gegenüber einem Ganzen, der Widerstand gegen 'Geschlossenheit', die zersetzende Kraft der Analyse. Diese Eigenschaften, die wir in Eliots 'The Waste Land' oder Pounds 'Cantos' finden, verortet Perloff auch in Werken wie denen Wittgensteins oder den 'Letzten Tagen der Menschheit' von Karl Kraus. Der Unterschied ist, dass die Austromodernisten anders als Eliot oder Pound, die sich reaktionären Doktrinen hingaben, um die Schäden des 20. Jahrhunderts zu reparieren, in Skepsis verharren. Um ein Wort zu benutzen, das Perloff vermeidet - es ist etwas Liberales - im Sinne des Anti-Utopischen, Anti-Ideologischen - um diese Autoren."

Außerdem: David Shulman wirft anlässlich einiger Neuerscheinungen zum Sechstagekrieg einen sehr kritischen blick auf die israelische Politik seit 1967. Und Charles Simic erinnert an den Lyriker Philip Levine.

Magazinrundschau vom 23.05.2017 - New York Review of Books

Brillant und kenntnisreich wie alle seine Texte liest sich Enrique Krauzes Besprechung einer Neuausgabe von "A Visit to Don Otavio", Sybille Bedfords Band mit Impressionen aus Mexiko. Die Genauigkeit ihrer Wahrnehmung lobt er - allerdings nicht so sehr, was die Ereignisse im 20. Jahrhundert angeht. Mit Gewinn liest er eher die Passagen über den tragischen Kaiser Maximilian und über frühere Phasen der mexikanischen Geschichte, die ihn zum höchsten denkbaren Lob greifen lässt: "'Dies ist kein westliches Land', sagt ein spanischer Flüchtling bei einer Begegnung in Coyoacán zu Bedford. Drei Jahrhunderte spanischer Kolonisierung von 1521 bis 1821 hatten es tatsächlich nicht völlig verwestlicht, aber es war auch keine Kopie des obskurantistischen, dem Geist der Wissenschaft und Aufklärung versperrten Spanien, das Bedford als gute Linke von Herzen verabscheute. 'Sie waren allein', schreibt Bedford über die Mexikaner, 'abgetrennt von der etablierten Welt… und doch waren sie hilflos über Hunderte bürokratische Regeln an Spanien gekettet.' Ihr Eindruck deckt sich auf seltsame Art mit den Ideen, die Octavio Paz in seinem 'Labyrinth der Einsamkeit' in der selben Zeit formulierte."

Weitere Artikel: Ingrid Rowland besucht mehrere amerikanische Ausstellungen zum Luther-Jahr. Und Sue Halpern liest zwei Bücher über Trumps Wahlkampf auf Facebook.

Magazinrundschau vom 09.05.2017 - New York Review of Books

Die Syrer sind so erschöpft vom Krieg, dass sie Frieden um fast jeden Preis ersehnen, berichtet Charles Glass aus Damaskus. Doch selbst wenn die Kämpfe von heute auf morgen eingestellt werden: die soziale Zusammensetzung der Gesellschaft ist schwer beschädigt: "Während wir im Westteil in einem geschäftigen Restaurant sitzen, erzählt mir ein Mitarbeiter des armenischen Patriarchen von Aleppo, dass die armenische Vorkriegsbevölkerung auf ein Drittel von 45.000 auf 15.000 geschrumpft ist. 'Die im Libanon kommen vielleicht zurück', sagt er. 'Die in Montreal nie mehr.' Die Armenier waren Aleppos größte christliche Gemeinde. Ihr Niedergang weist auch auf das Verschwinden anderer hin - und damit auf das Schwinden eines wesentlichen Teils des kosmopolitischen Charakters der Stadt. Der protestantische Pastor Ibrahim Nseir sagt, dass seine presbyterianische Gemeinde von 500 Familien vor dem Krieg auf 50 geschrumpft sei."

Außerdem: James Fenton sah zwei Ausstellung über Kunst und Krieg. Priyamvada Natarajan liest Bücher über Mathematikerinnen in der Raumfahrt.

Magazinrundschau vom 14.02.2017 - New York Review of Books

Trotz seiner Bilanz eines Schlächters - gerade kam der Amnesty-Bericht, dass er 13.000 Menschen heimlich hingerichtet hat (unser Resümee) - wird Baschar al Assad den Krieg wohl gewinnen, unter anderem, weil die gegnerischen Rebellen so zersplittert sind und weil Assad diese Lage auszunutzen wusste, schreibt Charles Glass: "Die Regierung zeigte trotz ihrer krassen Menschenrechtsverletzungen mehr Flexibilität als ihre Gegner. Die Staatssicherheit besaß Daten über ganze Generationen und kannte ihre Feinde und ihre verletzlichen Stellen. Sie entdeckte, dass keine Taktik überall funktioniert, und so schlossen die Verhandler des Regimes mit einigen Rebellen und Zivilisten Deals ab, während sie auf andere Fassbomben abwarf. In manchen Stadtvierteln gestattete die Regierung, dass die Verletzten herausgebracht und Medikamente hineingebracht wurden, in anderen verschärfte sie die Belagerung."

Außerdem: Donald Trump hat seit Beginn seiner Präsidentschaft durch die Mischung privater und politischer Interessen die Verfassung verletzt, meint David Cole. Jackson Lears lernt aus Stephen Kinzers Band "The True Flag: Theodore Roosevelt, Mark Twain, and the Birth of American Empire", wie das amerikanische Imperium entstand. Sanford Schwartz bereitet das New Yorker Publikum ausführlich und liebevoll auf die erste große Picabia-Schau im Moma vor. Und Geoffrey O'Brien bespricht Molly Haskells Biografie "Spielberg: The Inner Lives of a Genius".

Magazinrundschau vom 24.01.2017 - New York Review of Books

Das ist mal nützliche Wissenschaft: Benjamin K. Bergen und Michael Adams untersuchen in ihren Büchern "What the F" und "In Praise of Profanity" den Nutzen von Schimpfwörtern und Obszönitäten, freut sich Joan Acocella. Sie lernt zum Beispiel, dass sich das Schockmoment vom Religiösen zum Sexuellen verlagert hat oder dass Menschen selbst dann noch fluchen können, wenn sie alle anderen Sprachfunktionen längst verloren haben. Auch sonst haben Schimpfwörter viele Vorteile: "Zum Beispiel helfen sie uns, Schmerz auszuhalten. In einem vielfach zitierten Experiment, waren die Probanden aufgefordert, eine Hand in eiskaltes Wasser zu tauchen und sie dort zu lassen, solange sie konnten. Einer Hälfte wurde gesagt, sie könnten dabei Schimpfwörter ausstoßen, den anderen wurde gesagt, sie könnten harmlose Wörter wie Holz sagen. Die fluchenden Probanden konnten ihre Hände deutlich länger im Wasser halten als die sittsamen. Damit verbunden ist die schmerzlinderne Funktion des Schimpfens. Wenn einem die Einkäufe in eine Pfütze fallen oder die Finger beim Schließen ins Fenster geraten, dann wird einem 'Gute Güte' nicht viel helfen. Da braucht man 'Scheiße' (Fuck), und zwar, meint Adams, weil es nicht nur eine Emotion ausdrückt, sondern eine philosophische Wahrheit. In seiner Extremheit sagt es, 'dass man das Ende der Sprache erreicht hat und nicht weiter kann. Profanität ist also keine Zeichen von Engstirnigkeit. Sie ist Einspruch gegen die conditio humana'."

Weiteres: Keinerlei Bestand haben in Charlie Savages Augen die wilden Theorien, die Edward Epstein in seinem Buch "How America Lost Its Secrets" über Edward Snowden ausspinnt. Jessica T. Mathews wird ganz anders, wenn sie rekapituliert, wie fahrlässig Donald Trump die Grundsätze amerikanischer Außenpolitik über Bord geworfen hat. James Fenton recherchiert in den Philippinen zu dem gespenstischen Tötungsprogramm, das Präsident Duterte in Manila gegen die Drogenbanden exikutieren lässt.

Magazinrundschau vom 03.01.2017 - New York Review of Books

In der New York Review of Books stellt J.M. Coetzee den argentinischen Autor und Borges-Zeitgenossen Antonio Di Benedetto vor, dessen Roman "Zama" er gerade gelesen hat: Ende des 18. Jahrhunderts träumt Don Diego de Zama auf einem untergeordneten Provinzposten von einem Aufstieg, der ihm als Kreole in der spanischen Verwaltung verwehrt bleibt. Seine andere Besessenheit sind weiße, spanische Frauen. "'Zama' nimmt als Thema unverblümt argentinische Tradition und den argentinischen Charakter auf: was sie sind, was sie sein sollten. Er beschreibt die Kluft zwischen Küste und Innerem, zwischen europäischen und amerikanischen Werten. Naiv und irgendwie traurig sehnt sich der Held nach einem unerreichbaren Europa. Und doch benutzt Di Benedetto die komische Hispanophilie seines Helden nicht, um regionale Werte zu propagieren oder das literarische Vehikel, das mit Regionalismus assoziiert wird, den altmodischen realistischen Roman. Der Flusshafen, an dem 'Zama' spielt, ist kaum beschrieben; wir haben kaum eine Vorstellung, wie die Menschen sich kleiden oder womit sie sich beschäftigen. Die Sprache des Buchs evoziert manchmal, bis an den Rand der Parodie, den Gefühlsroman des 18. Jahrhunderts, aber noch öfter erinnert er an das Theater des Absurden des 20. Jahrhunderts (Di Benedetto war ein Bewunderer von Ionesco und Pirandello). In dem Maße, in dem Zama kosmopolitische Hoffnungen satirisch beschreibt, tut er das auf eine durch und durch kosmopolitische modernistische Art."

Und: Nach dem jüngsten Wahlskandal in den USA - Hillary Clinton hat die Präsidentschaftswahl trotz einer Mehrheit von über 2,8 Millionen Stimmen verloren - fordern Eric Maskin und Amartya Sen ein neues Wahlsystem.

Magazinrundschau vom 10.01.2017 - New York Review of Books

Dass Amerikaner und Briten das Internet absaugen, wissen wir inzwischen. Aber die Schweden? Hugh Eakin rekonstruiert in einem aufschlussreichen, wenn auch etwas umständlichen Text, wie das skandinavische Vorzeigeland mit seinem FRA-Geheimdienst zum Vorreiter der digitalen Überwachung wurde. Die Schweden sind "Feldherren im Cyber-Krieg" geworden, und das nicht nur wenn es um die durch die Ostee verlaufenden russischen Kommunikationkanäle geht, so Eakin: "Anders als in den USA und Großbritannien war nationale Sicherheit nie von überragender Bedeutung. Seit mehr als zweihundert Jahren verfolgt Schweden eine Politik offizieller Neutralität, es gehört nicht zur Nato, und im Krieg gegen den Terror spielt es nur eine untergeordnete Rolle. In den vergangenen zehn Jahren setzte sich die schwedische Regierung für ein freies Internet in Entwicklungsländern ein, als einem Kernelement der Demokratie. Mit dem Aufstieg des Internet drohte die FRA - ein Spionagedienst für Radio, Radar und andere Signalaufklärung -, überflüssig zu werden. In den frühen Nullerjahren, entwickelte es eine Technologie, die unterseeischen Glasfaserkabel anzuzapfen, über die fast alle interkontinentalen E-Mails und Telefonanrufe verlaufen, und 2007/2008 brachte die damals von der Moderaten Partei geführte Regierung das Gesetz ein, das der FRA Zugriff auf die Kabel erlaubte. Dem Spionagedienst wäre damit auch ermöglicht worden, die herausgezogenen Metadaten für ein Jahr zu speichern - angeblich in einer riesigen Datenbank mit dem Namen Titan. Zu jener Zeit gab es öffentliche Proteste auf den Stufen des Parlaments und Gruppen wie die amerikanische Electronic Frontier Foundation erklärten, dass solche weitreichende Überwachungsbefugnisse beispiellos seien. Doch nachdem die Regierung einige Zugeständnisse gemacht hatte, inklusive einer geheimen juristischen Aufsicht, wurde das Gesetz Juni 2008 verabschiedet und die Debatte beendet."

Um nachzuvollziehen, wie Europa in nur zehn Jahren vom glücksverwöhnten Kontinent zur auseinanderbrechenden Krisenregion werden konnte, empfiehlt Timothy Garton Ash die beiden ins Englische übersetzten Europa-Bücher von Philipp Ther ("Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent") und Jan-Werner Müller ("Was ist Populismus").