Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 24.04.2018 - New York Review of Books

Im aktuellen Heft erörtert Jessica T. Matthews die möglichen Ergebnisse eines Treffens zwischen Trump und Nordkoreas Kim Jong-un und rät, keine allzu großen Erwartungen zu haben: "Washington weiß, was Pjöngjang will: diplomatische Anerkennung, ein formales Ende des Koreakrieges durch einen Friedensvertrag mit den USA, Anerkennung seiner Nuklearmacht, Aufhebung der Sanktionen und evtuell. wirtschaftliche Unterstützung. Was die USA im Gegenzug fordern sollten und was Kim zu geben bereit ist, ist weit weniger klar. In zwei Punkten sollte es keine Konzessionen geben. Erstens darf Washington nichts zwischen sich und seine südkoreanischen und japanischen Alliierten kommen lassen. Es darf sich keine 'America-First-Haltung' erlauben, die die eigenen Risiken höher gewichtet als diejeingen Südkoreas und Japans. Zweitens muss, Nordkoreas Neigung, internationale Verträge zu brechen in Betracht ziehend, alles, was verhandelt wird, genau geprüft werden. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, doch im Fall Nordkoreas ein wichtiger Faktor. Überprüfung bedeutet, Nordkorea gibt eine genaue und ehrliche Deklaration seiner Waffen und allem, was damit zusammenhängt."

Anlässlich einiger Neuerscheinungen zeichnet Regina Marler ein umfassendes Bild der Fotografin Berenice Abbott, die als Autodidaktin und Assistentin von Man Ray begonnen hat: "Es muss ihren ehemaligen Arbeitgeber verärgert haben, dass einer von Abbotts frühen Porträt-Auftraggebern James Joyce war, der ihr mit seiner postoperativen Augenklappe in seiner Wohnung Modell saß (Fotos hier, hier und hier) und diese Erfahrung in 'Finnegans Wake' für die Ewigkeit festhalten würde. … Joyce hatte sich vorher auch von Man Ray fotografieren lassen - eine Werbekampagne für die Veröffentlichung von 'Ulysses' im Jahr 1922, im Auftrag von Sylvia Beach (Fotos hier, hier und hier). Man sucht vergeblich nach Anzeichen von Man Rays Einfluss auf Abbotts Werk. Ihre Porträts von Joyce (aus zwei verschiedenen Sitzungen) scheinen mehr von der Persönlichkeit des Schriftstellers zu vermitteln als Man Rays körniges, eng beschnittenes Profil und Dreiviertelansichten - vielleicht ein Effekt des natürlichen Lichts, das sie benutzte, oder ihrer größeren Tiefenschärfe. Die klassische Komposition ihres bekanntesten Bildes von Joyce (mit dem Hut) aus der zweiten Sitzung zeigt auch seine schönen, langen Hände, eine Offenbarung."

Magazinrundschau vom 10.04.2018 - New York Review of Books

Jan-Werner Müller analysierte bereits in der letzten Ausgabe mit Rückgriff auf Paul Lendvai (unser Resümee) das System Victor Orban - ein "Disneyland der extremen Rechten", so Müller: "Das Christentum herrscht, Muslime sind nicht erlaubt, die traditionelle Familie triumphiert." Dabei habe Orban verstanden, dass autoritärer Populismus niemals Bilder aus Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts hervorrufen darf: "Keine Gewalt auf den Straßen, keine Überfälle der Geheimpolizei spät in der Nacht und die Bürger werden nicht gezwungen, politische Loyalität in der Öffentlichkeit zu bekennen. Stattdessen wird die Macht durch eine weitreichende Kontrolle der Justiz und der Medien gesichert; und nachdem viel davon geredet wurde, bedrängte Familien vor multinationalen Konzernen zu schützen, gibt es einen Kumpanei-Kapitalismus, in dem man politisch auf der richtigen Seite sein muss, um wirtschaftlich voranzukommen."

Seit 2014 stellt die rechtskonservative, hindunationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) unter Ministerpräsident Narendra Modi die indische Regierung - ohne Koalitionspartner. Max Rodenbeck zeichnet im neuen Heft unter Rückgriff auf Prashant Jhas Buch "How the BJP Wins: Inside's Greatest Election Machine" den Triumphzug und die Manipulationsmechanismen der BJP nach: Neben einem mehrere Millarden teuren Wahlkampf, Stimmzettel-Manipulationen, Bestechung der Wähler durch Geld, Küchengeräte und Schnaps, sieht er den großen Erfolg auch in Modis Fähigkeit, die Ressentiments der 80-prozentigen hinduistischen Mehrheit gegenüber der 15-prozentigen muslimischen Minderheit subtil zu verstärken: "Jha zitiert einen Parteifunktionär, der zugibt, das Ziel sei, die Hindus zu vereinen, indem man sie sich wie Opfer fühlen lässt. Ein anderer gesteht: 'Wir wollen eine anti-muslimische Polarisierung. Warum so tun, als ob es anders wäre?"

Lindsey Hilsum hat einen gründlichen Blick auf die Kriegsberichterstattung in Zeiten von Twitter geworfen und warnt nun vor den Tücken des Labels Authentizität. Was ihr auch auffällt: Der westliche heroische Kriegskorrespondent, der vor zerbombten Häusern in die Kamera spricht, ist immer weniger gefragt. Dafür werden Reporter vor Ort mit ihren Videoaufnahmen und Fotos zur immer wichtigeren Informationsquelle: "Jüngere Zuschauer scheinen sich weniger für das Gesicht oder die Stimme des Reporters zu interessieren, wenn sie Nachrichten auf ihren Geräten ansehen. Oft setzen die sowieso auf Untertitel anstatt Voice-Over. Bei Informationen über Konfliktgebiete stehen rohe, dramatische Videos hoch im Kurs, die von lokalen Aktivisten und Journalisten aufgenommen wurden und zeigen, wie Bomben explodieren oder Kinder aus Trümmern gezogen werden, oft sogar von den Rettern selbst mit Helmkameras gefilmt - im Großen und Ganzen scheint es dem Online-Zuschauer nichts auszumachen, dass nichts davon von einem Reporter vermittelt wird."

Weitere Artikel: Claire Messud liest Caroline Frasers "Prairie Fires: The American Dreams of Laura Ingalls Wilder" . James Shapiro stellt sich der "Frage nach Hamlet". Und ein erstaunter Howard F. French lernt aus Lawrence James' Buch "Empires in the Sun: The Struggle for the Mastery of Africa", dass die britischen Kolonialherren alles in allem ganz honorig waren - jedenfalls gemessen an den anderen europäischen Invasoren.

Magazinrundschau vom 20.03.2018 - New York Review of Books

In der neuen Ausgabe des Magazins bespricht Tamsin Shaw Alexander Klimburgs Buch "The Darkening Web: The War for Cyberspace" und macht auf den fatalen Fehler aufmerksam, nationale Sicherheitsinteressen durch Outsourcing mit den profitgesteuerten Unternehmen im Silicon Valley zu teilen: "Nach Klimbergs Auffassung hat die nationale Sicherheitsgemeinschaft ihre offensiven Kräfte im Cyberspace auf unverantwortliche Weise überentwickelt. Was das Streben nach Dominanz auf dem militärischen und nachrichtendienstlichen Gebiet betrifft, mag dies wahr sein. Aber durch die unwiderstehlichen kommerziellen Anreize des Silicon Valley, militärische Technologien zu entwickeln, hat die Regierung gleichzeitig privaten Konzernen unvergleichliche Macht und Kontrolle überlassen, obskuren globalen Unternehmen, die nicht von der Wahrheit profitieren. Es ist zur Zeit lächerlich einfach, wie Wladimir Putin uns schamlos gezeigt hat, ausländische Propaganda über die einschlägigen Plattformen zu verbreiten. Und selbst wenn die Unternehmen Mechanismen entwickeln, um die Ausbreitung von ausländischer Propaganda zu verhindern, werden wir immer noch auf den guten Willen einer Handvoll Milliardäre angewiesen sein. Sie sind und werden auch weiterhin dafür verantwortlich sein, das Vertrauen der Öffentlichkeit in Informationen zu erhalten und die für die Gesundheit und den Erfolg unserer liberalen demokratischen Institutionen notwendigen Formen der Glaubwürdigkeit zu bewahren."

Ferner stellt Adam Hochschild Bücher vor, die sich mit den Waffenrechten in den USA befassen. Colm Toibin liest Lorcas "Poet in Spain". Und Thomas Nagel vertieft sich in Kwame Anthony Appiahs "As If: Idealization and Ideals ".

Magazinrundschau vom 13.03.2018 - New York Review of Books

Jason Faragos kurzer Essay über den Maler Jasper Johns ist viel mehr als eine Besprechung einiger Neuerscheinungen und Ausstellungen Johns'. Er denkt zugleich höchst intelligent über Johns' Flaggen nach, die zugleich ein Objekt und ein Bild sind und damit auch eine Loslösung von den Gesten des abstrakten Expressionismus. Er reflektiert die Symbolik dieser Flagge, die auch als Bebilderung des Risses zwischen amerikanischem Traum und Realität des Objekts gesehen werden kann. Und er reflektiert, was das eigentlich heute heißt, im Zeitalter eines tief empfundenen amerikanischen Niedergangs im Zeichen Trumps. Noch wichtiger ist ihm aber, dass Johns mit Robert Rauschenberg, John Cage und Merce Cunningham zu einer Generation homosexueller Künstler gehörte, die zwar kein Coming out zelebrierten - aber das, was Kunst war, neu definierten: "Dies geschah fünfzehn Jahren vor den Homosexuellen-Protesten in New York. Als homosexuell bekannt zu sein, war bereits eine gefährliche Sache, selbst Klatsch konnte einen schon zerstören. In dieser erstickenden Atmosphäre traten Johns und sein Lover (Rauschenberg, d.Red.) als die wichtigsten Künstler ihres Jahrzehnts hervor, Nachfolger der Abstrakten Expressionisten, deren heftige Spritzer und Wunden als Ausdruck extremer Männlichkeit gelesen wurden. Noch 1965 durften die Leser die spitzen Bemerkungen des Kritikers Harald Rosenberg in Esquire lesen, der von einem 'Trend der letzten vier oder fünf Jahre' sprach, der 'Kumpelei von homosexuellen Malern und ihren nichtmalenden Gehilfen in Musik, Schriftstellerei und Museumsarbeit'." 

Magazinrundschau vom 20.02.2018 - New York Review of Books

In der aktuellen Ausgabe der Review beschreibt Enrique Krauze Venezuelas (Lebensmittel-)Krise und beschuldigt Präsident Maduro, der aus Angst vor den Imperialisten handele und die Zucht von Kaninchen anrege: "Ein Drittel der Bevölkerung hängt von importierten Essenspaketen mit Pasta, Reis, Milchpulver und Tunfisch ab. Maduro hat die Verteilung vom Verhalten der Menschen an den Wahlurnen abhängig gemacht. Wer nicht die richtigen Kandidaten wählt, verliert seine Essensmarken. Anstatt die Bolivianische Revolution von Chavez und ihre dickköpfige Statik zu beenden, verlegt sich Maduro darauf, externe Schulden zu bezahlen, den Import von Waren und Dienstleistungen zu beschränken und die Inflation anzutreiben, indem er Geld druckt. Die Menschen müssen wählen zwischen Essen und Medizin. Maduro und seine Anhänger halten die Krise für das Resultat eines Wirtschaftskrieges des US-Imperiums gegen Venezuela. Aber die USA waren stets der Hauptabnehmer des Öls. Verantwortlich sind die Regime Chavez und Madura, die 15 Jahre lang die Einkünfte aus dem profitablen Ölgeschäft vergeudet haben. Maduro ist nicht der glücklose Erbe des Chavismo, sondern sein natürliches Fazit, der Kater nach dem Fest … Eine mögliche Exit-Strategie müsste die sofortige Genehmigung von Lebensmittel- und Medizinimporten beinhalten, den Schuldenabbau und die Stundung der übrigen Verpflichtungen sowie die Öffnung gegenüber Importen. Diese Schritte müssten von radikalen politischen Veränderungen begleitet werden. Maduro müsste freie und faire Wahlen garantieren, politische Inhaftierte freilassen und die Nationalversammlung als einzige legitime Parlamentskörperschaft anerkennen."

Magazinrundschau vom 06.02.2018 - New York Review of Books

In der aktuellen Ausgabe des Magazins lädt der Sänger Ian Bostridge zu einer Reise durch die Geschichte englischer Kirchenmusik. Der Autor gedenkt seiner Zeit als jugendlicher Psalmensänger und sinniert über die Bedeutung von Händels Oratorium "Der Messias": "Zu den ersten Solisten des Stücks gehörte die Schauspielerin Susanna Cibber … eine skandalöse Figur im London des frühen 18. Jahrhunderts. 'Frau, für diesen Gesang seien dir alle Sünden vergeben', soll der damalige Kanzler von St. Patrick in Dublin gesagt haben. Händel war zweifellos von tiefen religiösen Instinkten geleitet, als er das Oratorium schuf. Von der Komposition des Halleluja-Chors sprach er in visionären Worten: 'Als hätte ich den Himmel und den Wahrhaftigen selbst geschaut.' … Und doch zeichnet das Werk im Kern eine unlösbare Dissonanz aus, ein mysteriöser ideologischer Graben, den es auch in Chorstücken von William Byrd und Britten gibt. 'Der Messias' gilt als Oratorium, unterscheidet sich aber von Händels anderen Oratorien, indem es die Geschichte von Christus selbst erzählt, nicht die irgendeines Helden des Alten Testaments. Der Text stammt hauptsächlich aus den Prophetischen Schriften des Alten Testaments über das Erscheinen des Messias. Aber trotz aller Dramatik der Musik dient die Zusammenstellung der Texte einem sehr speziellen ideologischen Zweck, indem sie das 'Mysterium der Gottesfurcht' und die Realität der Fleischwerdung betont. Es handelt sich, zumindest teilweise, um ein anti-deistisches Traktat."

Hier eine Aufnahme des "Messias" mit Christopher Hogwood und der Academy of Ancient Music, 1982 in Westminster Abbey:



Weitere Artikel: Yasmine El Rashidi berichtet aus Ägypten, wo die Leute - selbst ehemalige Aktivisten - unter Sisi in eine Art Apathie gefallen sind: "Wir hätten auch wie die Syrer enden können", wird die allgemeine Enttäuschung über den gescheiterten arabischen Frühling ins Positive gewendet. Michael Tomasky liest zwei Bücher - von Michael Wolff und David Frum - über Donald Trump. Craig Brown vertieft sich in die "Vanity Fair Diaries 1983-1992" von Tina Brown.

Magazinrundschau vom 30.01.2018 - New York Review of Books

In Großbritannien tobt eine Kontroverse über die Frage, ob der britische Kolonialismus all den bedauernswerten Eingeborenen nicht doch viel Gutes gebracht habe. Ausgelöst wurde sie durch einen Text des Politologen Bruce Gilley unter dem Titel "The Case for Colonialism" in der Third World Quarterly (hier als pdf-Dokument) und durch einen Artikel des britischen Theologen Nigel Biggar in der Londoner Times. Kenan Malik nimmt deren Argumente im Blog der NYRB auseinander und kommt auf die Sklaverei und die vielen grausamen Kriege auch des britischen Kolonialismus zu sprechen. Dennoch plädiert er dafür, diese Debatte auch an den Unis zuzulassen, statt - wie viele offene Briefe es verlangten - die Debatte und deren Protagonisten an den Unis auszuschließen: "Der Rat, 'eher zu widerlegen als zu verbieten' ist um so wichtiger, weil der Kolonialismus nicht nur das akademische Leben, sondern eine viel weitere politische Kultur betrifft. Nach einer Meinungsumfrage denken 43 Prozent der Briten, dass das British Empire eine 'gute Sache' war und 44 Prozent, dass man auf den britische Kolonialismus stolz sein könne (verglichen zu 19 Prozent, die das Empire für schlecht halten und 21 Prozent, die den Kolonialismus 'bedauern'). Andere Umfragen haben eine noch größere Zustimmung zum britischen Kolonialismus ergeben. Diese Unterstützung zeigt zumindest teilweise das Fehlen einer großen und ernsthaften Debatte zum Thema. Vor diesem Hintergrund sollten die Argumente Gilleys und Biggars am besten als Anlass zu einer Debatte gesehen werden."

Magazinrundschau vom 23.01.2018 - New York Review of Books

In der New York Review of Books denkt Masha Gessen über Entscheidungen nach: Die Entscheidung als 13-Jährige für das Jüdischsein, die sich gar nicht wie eine anfühlte. Die Entscheidung, von Russland in die USA auszuwandern, die die Eltern für die damals 14-Jährige mit trafen. Und das Gefühl als 15-Jährige, auf einer Tanzparty für Homosexuelle zu erkennen, dass sie eine Wahl hat: Das ist, wer ich sein könnte. "Die Synkope der Emigration bedeutete für mich den Unterschied zwischen der Entdeckung, wer ich war - eine Erfahrung, die ich in den Wäldern bei Moskau [unter jüdischen Sängern] machte - und der Entdeckung, wer ich sein könnte - eine Erfahrung, die ich bei dem Tanz machte. Es war ein Moment der Wahlmöglichkeit und dank der 'Unterbrechung meines Schicksals' [durch die Emigration] war mir das bewusst. Hier trennt sich meine persönliche Geschichte von der amerikanischen Schwulen- und Lesbenbewegung. Letztere gründete darauf, keine Wahl zu haben. Eine Wahl kann man verteidigen müssen - auf jeden Fall muss man bereit sein, sein Recht auf eine Wahl zu verteidigen - während die Behauptung, man sei eben so geboren an die Sympathie der Menschen appelliert oder zumindest an einen Sinn für Anstand. Sie dient auch dazu, die eigenen Zweifel zu besänftigen und zukünftige Optionen auszuschließen. Wir sind meistens zufriedener, wenn wir weniger Wahlmöglichkeiten haben".
Stichwörter: Gessen, Masha, Emigration, Anstand

Magazinrundschau vom 02.01.2018 - New York Review of Books

Der palästinensische Autor und Anwalt Raja Shehadeh erzählt ausführlich, wie das Land in Palästina zunächst von der britischen Kolonialverwaltung und dann vom israelischen Staat palästinensischen Bauern weggenommen und dann dem Staat beziehungsweise Siedlungen in der West Bank zugeschlagen wurde. Diese Entwicklung hat sich laut Shehadeh, der in der West Bank lebt, in den letzten Jahren nochmals verschärft: "Straßen sind gebaut worden, die Palästinenser nicht benutzen dürfen. Wenn ich heute in der Hügeln der Westbank umherstreife, gelte ich in den meisten Fällen als einer, der das Land unerlaubt betreten hat. Die Einzäunung des Landes führt zu einem System der Diskriminierung in Bezug auf die natürlichen Ressourcen Land und Wasser, das der Apartheid nahe kommt. Wo früher eine Interaktion zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen möglich war, leben diese nun komplett getrennte Existenzen in dem kleinen Raum, der für sie ungleich aufgeteilt ist."

Magazinrundschau vom 09.01.2018 - New York Review of Books

Die Vertreibung der Rohingyas aus Myanmar reiht sich für Mukul Kesavan in ein politisches Denken, das in Südostasien immer weiter um sich greift und mörderische Gestalt annimmt: Die Hoheit der ethnischen Mehrheit, die bereits in Pakistan, Bangladesch und Sri Lanka gilt und auch Indien allmählich erfasst: "Dieses Denken der Mehrheit behauptet verschiedene Ränge der Staatsbürgerschaft. Die Angehörigen der Mehrheitsreligion oder Mehrheitskultur werden als die wahren Bürger einer Nation angesehen. Der Rest sind Bürger mit freundlicher Genehmigung der Mehrheit, sie sollen sich anständig und respektvoll verhalten. Doch in modernen Demokratien kann eine Duldung kein Ersatz für eine volle Staatsbürgerschaft sein. Sie hält die Menschen in einem Limbo, mit einem chronisch instabilen Status. Eine politische Gemeinschaft, die ihren Minderheiten die volle Staatsbürgerschaft vorenthält, wird diese früher oder später entrechten oder ausweisen, mit eben dem Argument, dass sie, obwohl Bewohner, keine Bürger seien und anderswohin gehörten - nach Indien, Pakistan, Tamil Nadu oder, wie im Fall der Rohingya, nach Bangladesch. Myanmar hat drei Kategorien von Staatsbürgerschaft: Staatsbürger, naturalisierte und assoziierte Bürger. Die Rohingyas sind klassifiziert als Ausländer."