Die
New York Review of Books blickt in dieser äußerst lesenswerten Ausgabe auf
das amerikanische Jahr der Vertuschung zurück.
"Das ist das Buch des Jahres!",
ruft Daniel Mendelsohn und meint
Alice Selbolds Roman
"The Lovely Bones" (
Leseprobe), der die Geschichte eines vergewaltigten und
ermordeten Mädchens aus dessen Perspektive - aus dem
Himmel - erzählt. Doch mit "Buch des Jahres" meint Mendelsohn etwas völlig anderes als die
einstimmig hymnische Kritik. Denn literarisch und vor allem stilistisch gesehen sei dieser Roman einfach
"zu viel des Guten". Warum das Buch auf so viel begeisterte Resonanz gestoßen sei, erklärt sich für Mendelsohn durch dessen
Ausweichen vor dem
Schmerz und dem Bösen, in dem er das "
Symptom einer größeren
kulturellen Funktionsstörung" sieht, die "in unserer andauernden Handhabung der Katastrophe des 11. September
unterschwellig vorhanden" ist. "In seiner vorgreifenden
Sehnsucht nach Erleichterung, in dem mit Nachdruck formulierten pathetischen Reiz des
Opferseins, in seinem pseudo-therapeutischen
Geplauder über Heilung und dem Beharren darauf, dass alles wirklich
in Ordnung ist, dass wir nicht wirklich traurig sein brauchen, dass letztendlich nichts wirklich furchterregend ist, ist Sebolds Buch in der Tat
zeitgemäß - ist es tatsächlich 'der Roman des Jahres' - allerdings auf eine Weise, die keiner von denen, die jetzt vom
Zauber seiner beispiellosen Zustimmung erfasst sind, sich vorzustellen in der Lage wären."
Sehr eindrücklich
beschreibt die Journalistin und Schriftstellerin
Joan Didion ihre zweiwöchige Lesereise nach dem
11. September und ihre anschließende
Rückkehr nach New York, die sie regelrecht fassungslos machte angesichts der
Vertuschung im Umgang mit den Attentaten. Denn anstatt das Ereignis
"lesbarer" zu machen, seien alle Anstrengungen darauf verwandt worden, es
"weniger lesbar" zu machen. "In der
ständigen Wiederholung des Wortes
'Held' begannen wir das zu hören, was im folgenden Jahre zur verschanzten Vorliebe werden würde, die Bedeutung des Ereignisses zu
ignorieren, zugunsten einer undurchdringlich verflachten
Zelebrierung seiner Opfer und einer beunruhigend angriffslustigen
Idealisierung geschichtlicher Ignoranz. 'Guter Geschmack' und
'Taktgefühl', wie uns wiederholt nahe gelegt wurde, verlangten, dass wir nicht untersuchten, was passiert war. Bilder von unversehrten Türmen wurden bereits aus der Werbung entfernt, als könnten wir
bequemerweise vergessen, dass sie je dagewesen waren."
Avishai Margalit
versucht das
religiös-politische Gewebe um die
palästinensischen Selbstmordattentate zu entwirren. In erster Linie gehe es um
Märtyrertum und erst dann um den heiligen Krieg, den
Dschihad. In der Gewaltspirale werde auch
Vergeltung zur Triebkraft, jedoch eine Vergeltung besonderer Art: "Vergeltung durch Selbstmordattentate hat, wie ich es verstehe, einen
zusätzlichen Wert, nämlich den, sich selbst zum Opfer seines eigenen Handelns zu machen und so seinen Peinigern die
moralische Schande zuzuschieben. Die Idee des Selbstmordattentats, im Unterschied zu einer herkömmlichen Angriff, ist
perverserweise eine moralische Vorstellung, in dem die Mörder dadurch, dass sie ein Schauspiel bieten, dessen letztes Opfer sie selbst sind, für ihre Sache die
moralische Hoheit beanspruchen."
Weitere Artikel:
Rudolph Giulianis Buch "Leadership" (mehr
hier)
nimmt sich für Joseph Lelyveld wie ein
Leitfaden in Regierungsangelegenheiten aus, gespickt mit
"platten" Weisheiten, die wie "Glückskekse" daherkommen. Bei der Lektüre zahlreicher
Henry-Louis-Mencken-Biografien ist Russell Baker
aufgefallen, dass niemand so ausführlich über das
Baltimorer Aushängeschild geschrieben hat wie Mencken selbst. Zur
Barnett-Newman-Austellung in der
Tate Modern Gallery in London
porträtiert John Golding den "radikalsten" und "unproduktivsten" der
abstrakten Expressionisten und findet den Katalog der Ausstellung
"extrem wichtig" und sehr erhellend.
Nur im Print zu lesen ist unter anderem Alan Ryans Artikel, der sich mit Büchern von und um
Jürgen Habermas beschäftigt.