Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 14.04.2003 - New York Review of Books

Jason Epstein, früher Cheflektor bei Random House, fühlt sich durch den Irakkrieg an Käpt'n Ahabs präventiven Erstschlag gegen das Böse in Gestalt von Moby Dick erinnert, muss aber zugeben, dass der Vergleich zwischen der Pequod und George W. Bushs Weißem Haus ein wenig hinkt. "Ahabs fehlendes Bein und die Zerstörung der Twin Towers sind durchaus vergleichbare symbolische Verluste wie auch Dick Cheneys verpasste Gelegenheit, Saddam Hussein zu töten. Allerdings wird der Irak nicht die Vereinigten Staaten zerschmettern und untergehen lassen wie der Wal es mit der Pequod tat. George Bush ist auch kein ergrauter Monomane, dessen Blick allein Terror bedeutet, sondern ein unerfahrenes Instrument neokonservativer Ideologen, die seit dem Ende des Kalten Krieges von einem missionarischen Eifer besessen sind, die Welt zu amerikanisieren, so wie frühere Reiche auch einmal hofften, die Welt zu romanisieren, christianisieren, arabisieren, anglisieren, napoleonisieren, germanisieren und zu kommunisieren."

Einen nicht ganz aktuellen, aber dafür umso durchdachteren Bericht schickt Tim Judah aus Bagdad, wo er die Kriegswochen verbracht hat: "Was sich in Bagdad schnell herausstellte, war, dass die 'Schock und Schrecken' die Iraker überhaupt nicht schockte oder schreckte. Praktisch jeder, mit dem ich sprach, erklärte mir, dass die Iraker in den achtziger Jahren Krieg gegen den Iran geführt haben, in dem insgesamt eine Million Menschen starben. 1990 marschierte der Irak in Kuweit ein, 1991 führte er den Golfkrieg gegen die USA und ihre Alliierten, wobei Tausende von jungen Soldaten ums Leben kamen und Bagdad bombardiert wurde. 1998 wurde die Stadt erneut bombardiert. Seit der Invasion in Kuweit lebt das Land unter den Internationalen Sanktionen. Wenn Raketen in Saddams Palästen oder Ministerien im Stadtzentrum einschlugen, nun ja, dann sagten sie einfach: "Wir sind daran gewöhnt".

Weitere Artikel: Ian Buruma diskutiert Paul Bermans neues Buch "Terror and Liberalism", in dem der Mitarbeiter des New Republic den Krieg gegen den Terror (einschließlich gegen den Irak) als Behauptungskampfs des westlichen Liberalismus verteidigt, als ein Projekt Lincolnscher Größe. Elizabeth Drew stellt zwei Bücher vor, die sich einen weiteren Strippenzieher aus George Bush Entourage vorknöpfen: Karl Rove (mehr hier), den einflussreichsten Präsidenten-Berater, den das Weiße Haus je gesehen hat und dessen Karriere sich von Beginn an durch schmutzige Tricks auszeichnete.

Der Dichter Charles Simic (mehr hier) ist tief beeindruckt von Susan Sontags Buch über Kriegsfotografie, "Regarding the Pain of Others". Sie habe damit genau das Buch geschrieben, vor dem alle anderen gekniffen hätten. Und Michael Tomasky schwärmt von William Langewiesches Buch "American Ground: Unbuilding the World Trade Center": Hier klinge die Berichterstattung über ground zero endlich wieder nach Journalismus und nicht nach ausgedehnter Therapiesitzung (Auszüge hier und hier).

Magazinrundschau vom 24.03.2003 - New York Review of Books

Der Historiker Tony Judt (mehr hier) vermisst in der derzeitigen amerikanische Debatte nicht so sehr das Wissen um die Geschichte, sondern ein Gespür für ihre Tragik. "Dass die USA in der modernen Zeit eine solche Reihe von außenpolitischen Erfolgen vorweisen können, liegt in großem Maße daran, wie Dean Acheson einmal sagte, dass 'wir Glück mit unseren Gegnern hatten'. Das muss nicht so bleiben. Wir hatten auch Glück mit unseren Führern. Das ist definitiv nicht so geblieben. Es gibt im Moment viel zuversichtliches Gerede über das kommende Amerikanische Jahrhundert, doch vor hundert Jahren glaubten auch viele, dass Deutschland den Schlüssel für eine neue Ära in der Hand halten würde. Wie Raymond Aron bemerkte: Das zwanzigste Jahrhundert hätte das Deutsche Jahrhundert werden können."

Tim Judah (mehr hier) berichtet aus den Autonomie-Gebieten im Norden Iraks, wo er vor Beginn des Krieges den kurdischen Vertreter der Stadt Shoresh, Hajar Mullah Omar, getroffen hat: "Omar sah nicht sonderlich besorgt aus. So weit ich sehen konnte, bestand seine einzige Vorbereitung auf den Krieg in einer Kalschnikow, die in Reichweite seines Schreibtischs lag. Draußen spielten Kinder weiterhin in der Sonne, Frauen erledigten die Wäsche und die Männer schienen gar nichts zu machen. Omar glaubt nicht, dass hier viel passieren wird. Seiner Aussage nach schlüpfen irakische Offiziere und Soldaten mehrmals in der Woche über die Grenze und bitten die Kurden, nicht anzugreifen, wenn der Krieg beginnt. Er behauptet: "Sie sagen, sie werden nicht kämpfen: 'Greift uns nur nicht an, sondern gebt uns Zeit, zu Euch überzulaufen oder zu entkommen.'"

Zu lesen ist auch der Brief des amerikanischen Diplomaten John Brady Kiesling an seinen Chef Colin Powell, mit dem dieser seinen Dienst quittiert hat: "Bis zu dieser Regierung habe ich glauben können, dass ich, wenn ich die Politik meines Präsidenten vertrete, auch die Interessen der amerikanischen Bevölkerung und der Welt vertrete. Das kann ich nicht mehr... Wir haben begonnen, dass größte und effektivste Netz internationaler Beziehungen zu zerreißen, das die Welt je gekannt hat. Unser gegenwärtiger Kurs wird Instabilität und Gefahr bringen, aber keine Sicherheit."

Etwas abseits vom Weltgeschehen blickt Doris Lessing (mehr hier) auf Zimbabwe, das einstige "Juwel Afrikas", das seit seiner Unabhängigkeit vom Mugabe-Regime stetig heruntergewirtschaftet wurde - unter dem Schweigen der liberalen Öffentlichkeit. "Welche Verbrechen wurden im Namen der politischen Korrektheit begangen! Ein Mann konnte mit Mord davonkommen, wenn er nur schwarz war. Mugabe tat dies viele Jahre lang."

Besprochen werden die Leonardo-Ausstellung im New Yorker Metropolitan Museum, Stuart Banners amerikanische Geschichte der Todesstrafe und Jospeh Roths Berlin-Report "What I saw" (deutsch: "Joseph Roth in Berlin").

Magazinrundschau vom 10.03.2003 - New York Review of Books

Norman Mailer (mehr hier) verzweifelt einmal mehr daran, wie korrupt die USA geworden sind. In einem herrlichen Rundumschlag bekommen sie alle ihr Fett weg: korrupte Manager, heuchlerische Pfarrer, bigotte Südstaaten-Anwälte - vor allem aber natürlich die kriegslüsternen, frömmelnden Konservativen. "Hinter der ganzen Kriegstreiberei gegen den Irak steckt das Verlangen, im Nahen Osten eine gewaltige militärische Präsenz aufzubauen, um von dort aus den Rest der Welt zu erobern. Die Wurzel von Bushs 'Banner-Konservatismus' ist nicht Wahnsinn, sondern eine versteckte Logik: Von einem militant christlichen Standpunkt aus ist Amerika nahezu verkommen: Die Unterhaltungsindustrie ist zügellos. Die Jugendlichen können inzwischen zwar alle nicht mehr lesen, aber sie können vögeln. Wenn die USA jetzt aber zu einer einzigen gigantischen Militärmschinerie würden, mit der sie all ihre Gegenspieler erobern könnten, dann würde Amerikas sexuelle Freizügigkeit, all dieses schwule, lesbische Transvestiten-Spektakel, wieder als Luxus angesehen werden, den man sich nicht mehr leisten kann. Verpflichtung, Patriotismus und Hingabe würden wieder die alles durchdringenden Werte werden - zusammen mit der ganzen dazugehörenden Heuchelei."

Als eine "Tragödie von historischen Ausmaßen" beklagt der Historiker Tony Judt das Auseinanderfallen der westlichen Allianz: "Nach dem Krieg, in Irak wie in Afghanistan, in Palästina und anderswo werden die USA wieder die Hilfe und Kooperation ihrer größeren europäischen Verbündeten brauchen; und es wird auch keinen anhaltenden Sieg über Osama bin Laden ohne internationale Zusammenarbeit geben. Das, sollte man meinen, ist nicht der Moment, in dem sich unsere führenden Politiker begeistert an die Zerstörung der westlichen Allianz machen; doch genau dies tun sie." Und wenn Washington jetzt auf das "neue Europa" setze, sollte es seine Erwartungen nicht allzu hoch schrauben: Im "neuen Europa" sei der Anti-Amerikanismus wesentlich stärker als im alten, die Bereitschaft zum internationalen Engagement dagegen bedeutend geringer: "Wenn Bush nun in Polen, Großbritannien und Italien seine Hauptverbündeten sieht, dann stützt er sich - abgesehen von Tony Blair - auf eine Gummikrücke."

Weitere Artikel: Thomas Powers glaubt nicht, dass die Amerikaner es bei einem Krieg gegen den Irak belassen werden. Seine Einschätzung: "Zuerst Irak, dann Iran." Tim Judah schickt eine Reportage aus dem jordanischen Amman, wo das Warten auf den Krieg die Menschen - und zahllose irakische Flüchtlinge - mürbe gemacht hat.

Besprochen werden Ron Marschalls Film "Chicago", der so schön Godards Diktum beweise, dass alles, was man für einen Film braucht, "a girl and a gun" sei, eine Ausstellung zu Matisse und Picasso im New Yorker Museum of Modern Art und Robert Alan Brookey Buch "On Reinventing the Male Homosexual".

Magazinrundschau vom 03.03.2003 - New York Review of Books

Die New York Review diskutiert schon gar nicht mehr den Krieg selbst, sondern nur noch die Gründe, aus denen man dagegen sein muss. So dekretiert Michael Walzer, dass man den Krieg gegen den Irak ablehnen müsse, weil das System der Waffen-Inspektionen funktioniere.

Der israelische Philosoph Avishai Margalit lehnt dagegen den Krieg aus einem ganz anderen Grund ab: "Wenn Sie einen amerikanischen Regierungsvertreter nach dem 11. September gefragt hätten, wer der Feind ist, hätten Sie drei verschiedene Antworten bekommen: Internationaler Terrorismus, Massenvernichtungswaffen in der Hand solcher Übeltäter wie Saddam Hussein und radikaler Islam in der Art, wie ihn Osama bin Laden verficht. Ich glaube, das Wirrwar in den amerikanischen Überlegungen zum Irakkrieg rührt daher, dass diese Antworten miteinander vermischt werden, als ob sie alle ein und dasselbe wären. Tatsächlich sind sie sehr verschieden und ziehen sehr unterschiedliche und nicht miteinander vereinbare Konsequenzen nach sich. Meiner Ansicht nach sollte der radikale Islam als der Feind betrachtet werden. Ein Krieg gegen Saddam Hussein, wird diesem Feind eher helfen als ihm einen Rückschlag versetzen."

Bushs geplante Steuersenkungen werde gewohnt antimonetaristisch vom Ökonom und Nobelpeisträger Joseph Stiglitz zerpflückt. Die Idee, dass der Durchschnittsamerikaner aus Bushs Programm Nutzen ziehen könnte, entspringe einmal mehr der alten "Trickle-Down"-Theorie: Gib den Reichen Geld und eventuell werden die Armen etwas davon haben. Dies geschah nicht in den Achtzigern und es gibt keinen Grund zu glauben, dass es jetzt geschehen wird, erklärt Stiglitz.

Weitere Artikel: Peter Daily beklagt Haitis verlorene Jahre unter den Präsidenten Jean-Bertrand Aristide und Rene Preval, die keine der in sie gesetzten Hoffnungen erfüllen konnten, sondern das Land in immer größere Armut führten. Von Tim Flannery können wir lernen, welchen Einfluss Bäume auf unsere Vorstellungskraft und unser Sexualleben haben. Und John Leonard schmäht Norman Mailers Essays zur Literatur "The Spooky Art" als eine Sammlung von leerem Gerede und Wiedergekäutem.

Magazinrundschau vom 17.02.2003 - New York Review of Books

Jede Theorie, die den Kommunismus, Feminismus, die moderne Architektur und Erziehungsberatung elegant unter einen Hut bringen kann, verdient Beachtung, meint Allan Orr und diskutiert deshalb ausführlich Steven Pinkers neues Buch "The Blank Slate: The Modern Denial of Human Nature". Darin zieht der MIT-Psychologe Pinker gegen all jene zu Felde, die glauben, der Mensch wäre bei seiner Geburt eine Tabula Rasa. Denn laut Pinkers "evolutionärer Psychologie" stecken Persönlichkeit, Intelligenz, Geschlecht und Moral in den Genen. "Geschichte und Kultur", so Pinker, "basieren auf Psychologie, die wiederum auf Neurowissenschaft, Genetik und Evolution basiert". Das sei jedoch keine moralische Katastrophe. Im Gegensatz zur linken Propaganda bedeute die Anerkennung der "menschlichen Natur" nicht, dass wir etwa Gewalt oder Ungleichheit akzeptieren müssen. "Biologie ist nicht Moral", zitiert Orr aus dem Buch, "wenn diese Tatsache erst einmal einsinkt, erkennen wir, dass wir beides können - die dunkle, biologische Seite der Menschheit verstehen und verdammen. Die neuen Wissenschaften von der menschlichen Natur sind moralisch neutral." Orr findet das alles bedenkenswert und lobt Pinkers "flotte" und "witzige" Sprache. Dennoch hat er ein ernsthaftes Problem mit dem Buch: Pinker vereinfache die Dinge und biege sie so zurecht, dass sie zu seinen Schlussfolgerungen passen. (Das Video zu Pinkers Vorlesung am MIT finden Sie hier. auf den Button "View" klicken.)

Schon lange wird China vorgeworfen, seine Dissidenten in psychiatrische Anstalten wegzusperren, allein es fehlen handfeste Beweise für diese schwere Menschrechtsverletzung. Jonathan Minsky verweist daher auf eine ausfschlussreiche Studie: "Dangerous Mind", die Robin Munro im Auftrag von Human Rights Watch verfasst hat, belegt für Minsky, "dass seit 1950 nicht nur chinesische Dissidenten, sondern auch einfache Bürger, die bei den Behörden eine Petition eingereicht haben, von der Polizei festgesetzt wurden, von Psychiatern untersucht und schließlich für krankhaft kriminell erklärt wurden".

Weitere Artikel: Finton O'Toole betrachtet anlässlich Ed Moloneys Biografie des Sinn-Fein-Chefs Gerry Adams dessen erstaunliche Zähmung vom "Paten des Terrors" und internationalen Pariah zum weintrinkenden Politiker, der die Titelseiten von Celebrity-Magazinen schmückt. Robert Gottlieb blickt noch einmal auf den Fall Bruno Bettelheim, der sich zu Lebzeiten so viele Feinde gemacht hat, dass diese sich auch dreizehn Jahre nach seinem Tod noch an ihm abarbeiten - vorher haben sie es sich offenbar nicht getraut. John Updike widmet sich dem Maler Marsden Hartley anlässlich einer umfangreichen Retrospektive im Wadsworth Atheneum in Hartford.

Als Leserbrief ist außerdem ein Editorial der New Yorker Zeitung Newsday zu lesen, in der sich die Redaktion gegen den Irak-Krieg ausspricht. Darin heißt es unter anderem, dass es von der Regierung Bush "unverantwortlich, arrogant und politisch stumpfsinnig", wäre, einen Krieg gegen den Irak zu beginnen, ohne zu begründen, warum die finanziellen und menschlichen Kosten eines Krieges geringer sein sollten als die Fortsetzung der Inspektionen.

Magazinrundschau vom 27.01.2003 - New York Review of Books

Es gibt nicht nur Anti-Amerikanismus, sondern auch einen manifesten Anti-Europäismus, wie Timothy Garton Ash (mehr hier) bei seiner jüngsten Reise durch die USA erfahren hat. Was die Amerikaner von uns halten lässt sich laut Garton Ash ziemlich einfach zusammenfassen: Wir sind Schlappschwänze: "Europäer sind Weichlinge. Sie sind schwache, verdrießliche, heuchlerische, zerstrittene, doppelzüngige, manchmal antisemitische, oft antiamerikanische Beschwichtiger. Mit einem Wort: Euro-Weenies. Ihre Werte und ihr Rückgrat haben sich in einem lauwarmen Bad aus multilateralem, transnationalem, säkularem und postmodernem Unsinn aufgelöst. Sie geben ihre Euros für Wine, Urlaub und aufgedunsene Wohlfahrtssysteme aus statt für die Verteidigung." Am schlechtesten gelitten sind offenbar die Franzosen; denn die Frösche, heißt es über sie, waschen sich nicht. (Brauchen sie nicht, die haben Chanel No. 5.)

Von einem gespenstischen Besuch in Nord-Korea berichtet die amerikanisch-koreanische Autorin Suki Kim. Eigentlich wollte sie ihren Onkel besuchen, wurde jedoch prompt zur amerikanischen Kulturdelegation ernannt, die die Feiern zu Kim Jong Ils Geburtstag besuchen sollte. Die durfte sie denn auch tagelang genießen: "Der Große Führer war nirgends zu sehen. Er nehme an den Feiern seines Geburtstages niemals teil, wurde mir von Consul Bae gesagt, einem Mitglied des Komittees für kulturelle Beziehungen mit dem Ausland, der mein ständiger Begleiter werden sollte und sogar in meinem Nachbarzimmer schlief. Um Zeit zu sparen, ließ er mich wissen, schlafe der Große Führer höchstens im Auto und esse nur Reisbällchen. Unermüdlich reise er, um den Arbeitern zu helfen, wo er nur könne. Daher auch das Lied "Lieber geliebter General, wo bist Du?"

Weitere Artikel: Anthony Lewis geht mit Bob Woodwards neuestem Buch "Bush at war" über die ersten hundert Tage nach dem 11. September hart ins Gericht. Zwar gesteht Lewis dem in die Jahre gekommenen Starjournalisten zu, dem Westflügel des Weißen Hauses so nah wie niemand zuvor gekommen zu sein. Doch fehle dem Buch ansonsten alles, was Geschichte ausmache: Kontext, Analyse, Standpunkt. Und die wichtigsten Fragen - etwa wie aus dem Krieg gegen den Terror ein Krieg gegen den Irak wurde - würden nicht einmal erwähnt, geschweige denn beantwortet.

Weitere Artikel: Freeman J. Dyson fragt mit Michael Crichton, wie gefährlich Nanotechnologie ist. Daniel Mendelsohn hat sich zwei mal Euripides angesehen: einmal die "Medea" und zum zweiten "Die Kinder des Herakles". Und Jennifer Schuessler blickt zurück auf die Geschichte mechanischen Lebens.

Magazinrundschau vom 06.01.2003 - New York Review of Books

Die New York Review of Books blickt in dieser äußerst lesenswerten Ausgabe auf das amerikanische Jahr der Vertuschung zurück.

"Das ist das Buch des Jahres!", ruft Daniel Mendelsohn und meint Alice Selbolds Roman "The Lovely Bones" (Leseprobe), der die Geschichte eines vergewaltigten und ermordeten Mädchens aus dessen Perspektive - aus dem Himmel - erzählt. Doch mit "Buch des Jahres" meint Mendelsohn etwas völlig anderes als die einstimmig hymnische Kritik. Denn literarisch und vor allem stilistisch gesehen sei dieser Roman einfach "zu viel des Guten". Warum das Buch auf so viel begeisterte Resonanz gestoßen sei, erklärt sich für Mendelsohn durch dessen Ausweichen vor dem Schmerz und dem Bösen, in dem er das "Symptom einer größeren kulturellen Funktionsstörung" sieht, die "in unserer andauernden Handhabung der Katastrophe des 11. September unterschwellig vorhanden" ist. "In seiner vorgreifenden Sehnsucht nach Erleichterung, in dem mit Nachdruck formulierten pathetischen Reiz des Opferseins, in seinem pseudo-therapeutischen Geplauder über Heilung und dem Beharren darauf, dass alles wirklich in Ordnung ist, dass wir nicht wirklich traurig sein brauchen, dass letztendlich nichts wirklich furchterregend ist, ist Sebolds Buch in der Tat zeitgemäß - ist es tatsächlich 'der Roman des Jahres' - allerdings auf eine Weise, die keiner von denen, die jetzt vom Zauber seiner beispiellosen Zustimmung erfasst sind, sich vorzustellen in der Lage wären."

Sehr eindrücklich beschreibt die Journalistin und Schriftstellerin Joan Didion ihre zweiwöchige Lesereise nach dem 11. September und ihre anschließende Rückkehr nach New York, die sie regelrecht fassungslos machte angesichts der Vertuschung im Umgang mit den Attentaten. Denn anstatt das Ereignis "lesbarer" zu machen, seien alle Anstrengungen darauf verwandt worden, es "weniger lesbar" zu machen. "In der ständigen Wiederholung des Wortes 'Held' begannen wir das zu hören, was im folgenden Jahre zur verschanzten Vorliebe werden würde, die Bedeutung des Ereignisses zu ignorieren, zugunsten einer undurchdringlich verflachten Zelebrierung seiner Opfer und einer beunruhigend angriffslustigen Idealisierung geschichtlicher Ignoranz. 'Guter Geschmack' und 'Taktgefühl', wie uns wiederholt nahe gelegt wurde, verlangten, dass wir nicht untersuchten, was passiert war. Bilder von unversehrten Türmen wurden bereits aus der Werbung entfernt, als könnten wir bequemerweise vergessen, dass sie je dagewesen waren."

Avishai Margalit versucht das religiös-politische Gewebe um die palästinensischen Selbstmordattentate zu entwirren. In erster Linie gehe es um Märtyrertum und erst dann um den heiligen Krieg, den Dschihad. In der Gewaltspirale werde auch Vergeltung zur Triebkraft, jedoch eine Vergeltung besonderer Art: "Vergeltung durch Selbstmordattentate hat, wie ich es verstehe, einen zusätzlichen Wert, nämlich den, sich selbst zum Opfer seines eigenen Handelns zu machen und so seinen Peinigern die moralische Schande zuzuschieben. Die Idee des Selbstmordattentats, im Unterschied zu einer herkömmlichen Angriff, ist perverserweise eine moralische Vorstellung, in dem die Mörder dadurch, dass sie ein Schauspiel bieten, dessen letztes Opfer sie selbst sind, für ihre Sache die moralische Hoheit beanspruchen."

Weitere Artikel: Rudolph Giulianis Buch "Leadership" (mehr hiernimmt sich für Joseph Lelyveld wie ein Leitfaden in Regierungsangelegenheiten aus, gespickt mit "platten" Weisheiten, die wie "Glückskekse" daherkommen. Bei der Lektüre zahlreicher Henry-Louis-Mencken-Biografien ist Russell Baker aufgefallen, dass niemand so ausführlich über das Baltimorer Aushängeschild geschrieben hat wie Mencken selbst. Zur Barnett-Newman-Austellung in der Tate Modern Gallery in London porträtiert John Golding den "radikalsten" und "unproduktivsten" der abstrakten Expressionisten und findet den Katalog der Ausstellung "extrem wichtig" und sehr erhellend.

Nur im Print zu lesen ist unter anderem Alan Ryans Artikel, der sich mit Büchern von und um Jürgen Habermas beschäftigt.

Magazinrundschau vom 02.12.2002 - New York Review of Books

Für Christian Caryl zeigen die Ereignisse der Moskauer Geiselnahme, wie es um die russische Demokratie steht. "Wladimir Putin ist ein wirklicher Glückspilz. Er lebt in einem Land mit einer passiven Öffentlichkeit, einer schwachen und entmutigten unabhängigen Presse und einer unterwürfigen politischen Elite. All dies erklärt, warum er und seine Regierung es geschafft haben, ohne ersichtlichem Glaubwürdigkeits- oder Beliebtheitsverlust, der russischen Bevölkerung nicht genau sagen zu müssen, was während der katastrophalen Geiselrettung (...) passiert ist." Dabei handele es sich um eine "spezifisch russische Tradition mystischen Autoritarismus, in dem der höchste Führer als eine Art unfehlbarer Gott auf Erden angesehen wird, während alle irdischen Verfehlungen seinen Untergeordneten anhaften - en Gedanke, den ein Sprichwort, das man in letzter Zeit öfter hört, hübsch ausdrückt: 'Tsar khorosh, boyary plokhi' - 'der Zar ist gut; die Adligen sind schlecht'."

Amos Elon passiert die Geschichte der israelischen Staatsgründung Revue und macht klar, wie schwierig schon die Ausgangslage war: "Andere Nationalismen zielten auf die Befreiung unterdrückter Menschen ab, die die gleiche Sprache sprachen und auf dem selben Boden lebten." Die Zionisten jedoch riefen Menschen nach Israel, "die in Dutzenden von Ländern lebten und Dutzende von verschiedenen Sprachen sprachen." Allein der Vorsicht und der Bedachtheit der ersten politischen Führer Israels sei es zu verdanken, dass es nicht schon früh zu nennenswerten Eskalationen gekommen sei. "Vielleicht ist Israels größte Tragödie die sich über die Jahre verschlechternde Qualität der israelischen Führung", die die Spannungen nunmehr verschärft anstatt sie zu lösen.

Weitere Artikel: Brian Urquhart geht ausführlich auf Kenneth Pollacks Buch "The Threatening Storm" ein, in dem Pollack die These vertritt, dass den USA nur die Wahl bleibt zwischen einem jetzt geführten und wohlmöglich kostspieligen Krieg gegen den Irak und einem erheblich schlimmeren Krieg in nächster Zukunft. Jennifer Homans' hohe Erwartungen an Charles M. Josephs Buch über die kongeniale Zusammenarbeit von Komponist Igor Stravinsky und Ballettmeister George Balanchine sind enttäuscht worden. Der Musikspezialist Joseph verstehe eben nichts vom Tanz. Ian Buruma findet, dass die reisende Max Beckmann-Ausstellung (Centre Pompidou, Tate Britain und MoMA) dem Maler alle Ehre macht. Gut, meint Anne Barton, dass Byron die nach seinem Tode einsetzende Flut mehr oder weniger mythisierender Darstellungen um seine Person nicht mehr erleben musste. Dazu zählt Barton auch David Cranes Byron-Buch, in dem man vergeblich versuche, Biografie von Fiktion zu unterscheiden. Fiona McCarthys Biografie allerdings könne es mit Leslie Marchands großer Byron-Biografie aufnehmen (ein wunderbares Dossier mit Artikel zu Byron - u.a. von Harriet Beecher Stowe - findet sich bei Atlantic Monthly).

Magazinrundschau vom 18.11.2002 - New York Review of Books

Viel Ärger um den Irak-Konflikt und das, was um seinetwillen unterschlagen wird.

Zum Beispiel die Präsidentschaftswahlen in Brasilien, wie Kenneth Maxwell fassungslos schreibt: "Die Vereinigten Staaten feierten keineswegs diesen bemerkenswerten Beweis demokratischen Bürgersinns in einer Region, in der weder Bürgersinn noch Demokratie gut verankert sind, und in einem Land, das bis vor gar nicht langer Zeit von einer 22 Jahre dauernden Militärdiktatur regiert wurde." Im Gegenteil, man höre in Washington, dass der gewählte Lula, um das Vertrauen der Märkte und damit der amerikanischen Regierung zu erlangen, "erst beweisen müsse, dass er kein Verrückter sei". Eine solche Haltung, die man laut Maxwell wohl eher für verrückt halten könne, verkenne den großen Gewinn, den Lulas Wahl für sein Land darstelle. "Ironischerweise riskieren die Vereinigten Staaten, während sie darüber beraten, wie nach einem Krieg im Irak eine Demokratie 'aufzubauen' sei, aus Unaufmerksamkeit und falsch gesetzten Prioritäten die Probleme zu verschlimmern, die die größte und erfolgreichste Demokratie, von der die USA gerne als ihrem 'Nachbarn' sprechen", zerfressen könnten."

Ian Buruma hat die Westbank besucht und betrachtet traurig die israelischen Tauben - die es immer noch gibt. "Die Art und Weise, wie mit den Palästinensern umgegangen wird, ist natürlich unvertretbar, doch es hatte auch etwas Trauriges, wenn nicht sogar Tragisches mit ihren wohlmeinenden Sympathisanten auf sich. Denn sie sind die Überbleibsel der alten linksliberalen Elite, der Labour-wählenden Ashkenasischen Intellektuellen, die gehofft hatten, eine anständige, tolerante, demokratische und weltliche Gesellschaft im Mittleren Osten aufzubauen. Manche wurden in Israel geboren, andere kamen später. Doch alle haben für das Überleben ihres Landes gekämpft und in mehreren Kriegen Freunde verloren. Und nun sind sie zwischen fanatischen Siedlern, palästinensischen Selbstmordattentätern und einer von armen orientalischen Juden und halsstarrigen Russen unterstützten rechten Regierung eingeklemmt, und es ist, als lebten sie in einem fremden Land."

Weitere Artikel: In einem umfangreichen Artikel ärgert sich William D. Nordhaus darüber, dass eine finanzielle Einschätzung des Irak-Krieges ausbleibt, und somit die Kongress-Debatte einer wesentlichen Grundlage beraubt wurde. Auch Elizabeth Drew ist über die amerikanische Kriegs-Diskussion verärgert und zeigt, wie die Befangenheit des Kongresses, einerseits vereinnahmt von Beratern und andererseits gebunden an wahlstrategische Überlegungen, den Kriegsbefürwortern dient.

Nach der Lektüre von Timothy Ferris' Lob auf die Amateur-Astronomie hofft Freeman J. Dyson, dass die Wissenschaft bald in ihre dritte Phase eintreten möge, nämlich die, in der Amateure und Profis sich gegenseitig in ihrer Forschung befruchten. (Informationen und Leseproben zu Ferris' "Seeing in the Dark" hier). Gabriele Annan misst Milan Kunderas Roman "Ignorance" (Die Unwissenheit) an seinen theoretischen Schriften und findet ihn literarisch eher nostalgisch als innovativ.

Nur im Print zu lesen ist unter anderem Doris Lessings Besprechung von D. H. Lawrence "The Fox".

Magazinrundschau vom 04.11.2002 - New York Review of Books

Amerikanische Herausforderungen und revolutionäre Liebe in der New York Review of Books: Felix G. Rohatyn, der schon verschiedene hohe Ämter in New York innehatte, vergleicht die aktuelle finanzielle Krise der Stadt New York mit der großen Krise der frühen siebziger Jahre. Damals wie jetzt habe ein Krieg bevorgestanden, doch heute sei es schwieriger, das Sanierungsprogramm von damals anzuwenden. Ein solches Programm könne allerdings nur auf Zuspruch bei der Bevölkerung stoßen, wenn es die "schmerzlichen Kosten" fair verteile und den Problemen mit "Demut" und "geistiger Offenheit" begegne. Doch "leider können wir keine wirkliche Debatte über diese Fragen erwarten, da eine Mehrheit im Kongress beschlossen hat, dass es wünschenswerter ist, der Regierung in ihrer Forderung nach Kriegsermächtigung schnell zuzustimmen, als die Risiken und Konsequenzen eines Krieges gründlich zu erforschen."

Wie eng Liebe und Revolution miteinander verflochten sind, dafür hat Stephen Kinzer in Gioconda Bellis Autobiografie den erneuten Beweis vorgefunden, und das nicht nur in der Szene, in der sich Belli und Sandinisten-Führer Modesto im vom Diktator verlassenen Bunker unter dem Tisch lieben. Dieses Buch der ehemaligen Sandinisten-Aktivistin "erzählt zwei Geschichten. Eine handelt von einem reichen Mädchen in einem armen Land, das davongetragen wird von politischer und körperlicher Leidenschaft. Die andere handelt davon, was sich hinter der offiziellen Fassade des Sandinistischen Regimes abspielte."

Weitere Artikel: Caroline Fraser bespricht zwei Bücher, die sich mit dem Mountain Meadows Massacre beschäftigen, bei dem am 11. September 1857 120 Mormonen unter noch unklaren Umständen starben. James Chase ist begeistert von Warren Zimmermanns Buch "First Great Triumph: How Five Americans Made Their Country a World Power" über den amerikanischen Imperialismus und dessen fünf herausragende Verteter. Marshall Frady findet im zweiten von zwei Artikeln über Lyndon B. Johnson, dass Robert A. Caro in seiner Johnson-Biografie den "Prospero des Senats" in allzu dramatisches Pathos tunkt, - und doch wartet er gespannt auf die nächste Folge von Caros biografischem Projekt. Und Sanford Schwartz hat die George-Catlin-Ausstellung in der Renwick Gallery in Washington besucht und ärgert sich über Ausstellungsräume, in denen Catlins Werke wie Wandtapeten aussehen.