Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 27.10.2003 - New York Review of Books

Die New York Review of Books wird vierzig! Zur Geburtstagsfeier hat sie sich glänzend in Schale geworfen und in einer Sonderausgabe all ihre Autorinnen und Autoren von Rang versammelt.

Andrew O' Hagan nimmt den Rapper Eminem vor all den Politikerfrauen in Schutz, die dem Bad Boy am liebsten den Mund mit Seife auswaschen würden: "Eminem hat nicht das Pillen schluckende, Schule schwänzende, frauenhassende, Waffen schwenkende, Schwulen hetzende, Dope rauchende, Knast-freundliche Gangland Amerika erfunden, er macht nur Musik darüber - Lieder, die offensichtlich das Wahrheitsempfinden von Millionen Menschen ansprechen." Der Artikel ist garniert mit einigen gepfefferten lyrics von Eminem.

Es steht nicht gut um die Klassik: CDs müssen die Kosten einspielen, britische Universitätsverlage haben nicht mehr sämtliche Werke von Francis Bacon im Programm und Schweizer Waffenfabrikanten finanzieren nicht mehr die Edition deutscher Klassiker, seufzt Charles Rosen. "Doch nicht nur die Produktion, sondern auch die kritische Interpretation treffen die Gesetze des Marktes. Um Aufmerksamkeit zu erzielen, ist Neuigkeit hilfreich, doch notwendig scheint der Skandal. Wurden einige von Felix Mendelssohns Werken in Wahrheit von Schwester Fanny geschrieben? War Huckleberry Finn schwul? Das sind die großen Fragen, die eine Diskussion provozieren ...."

"Der Krieg bietet reichliche Gelegenheiten für die meisten Varianten der Dummheit. Unter ihnen ist eine Sorte des Wahnsinns, die im Krieg ganz besonders zum Tragen kommt: die Gier nach Ruhm." Steven Weinberg erläutert in einem Essay, der von der Seeschlacht bei Actium über den deutschen U-Boot-Krieg bis zum Raketenschild der USA führt, wie verheerend sich diese Form der "institutionalisierten Prahlerei" auswirkt. Untrügliche Anzeichen sind ihm dabei: "die Bereitschaft, unter ungünstigen Umständen zu kämpfen; die Vorliebe, unabhängig von den Alliierten oder Kollegen zu handeln; eine unvernünftige Neigung zum Angriff statt zur Verteidigung; der Ehrgeiz, eine entscheidende Rolle beim Erreichen des Sieges zu spielen."

Außerdem in dieser Prunk-Ausgabe: Joan Didion hat sich durch sämtliche Bände des fundamentalistischen Megasellers "The Left Behind" gearbeitet. Der Plot klingt toll: Die Rechtgläubigen sind bereits gen Himmel entrückt, nur Anwälte, Journalisten und andere liberale Stanford-Absolventen sind noch auf Erden, jüdische Organisationen halten verdächtig viele Konferenzen ab, und ein rumänischer Pazifist versucht, im Namen der UNO die Völker hinter sich zu scharen... Sage und schreibe 55 Millionen Mal wurden die Bände bereits gekauft - unter anderen von George W. Bush. Weiter schreiben Elisabeth Hardwick über Nathanael West, John Updike über den einzigartigen El Greco, Margaret Atwood über Studs Terkel, Tim Parks über Cesare Pavese, Luc Sante über das New York der Siebziger Jahre, Freeman Dyson über Einstein und Poincare, Ronald Dworkin protestiert einmal mehr gegen die Einschränkung der Bürgerrechte in den USA. Russel Baker huldigt dem New York Times-Kolumnisten Paul Krugman, der sämtliche journalistischen Tabus bricht und die Mitglieder der Regierung Bush als "Lügner" und "Betrüger" entlarvt, wozu er als ehemaliger Wirtschafts-Professor der Ivy League offenbar auch in der Lage ist, und und und.

Magazinrundschau vom 06.10.2003 - New York Review of Books

Charles Rosen schreibt, wie er Klavier spielt, jubiliert Robert Winter: "Muskulös und doch poetisch, hedonistisch und doch tief vergeistigt, spontan und doch peinlich genau durchdacht." Die Begeisterung gilt Rosens Buch über die Welt des Pianisten "Piano Notes". "Niemand ist meines Wissens besser geeignet als Rosen, die Erlebniswelt eines Pianisten darzustellen. Seine Generation (von der aber kein Mitglied das Talent zu spielen und zu schreiben vereint) repräsentiert die letzte lebende Verbindung zum Goldenen Zeitalter des Klavierspielens. Als sich der 76-jährige Moriz Rosenthal, ein Schüler von Franz Liszt, 1938 in New York niederließ, nahm er den 11-jährigen Charles Rosen zum Schüler. Liszt hatte als Kind bei Carl Czerny studiert, der ein Schüler von Beethoven war - das heißt der junge Rosen fand sich selbst nur vier Grad entfernt von dem meist bewunderten Komponisten aller Zeiten."

Präsidentschaftskandidat Wesley Clark rechnet mit der Kriegsführung der republikanischen Garde von Washington ab, die Effizienz über Effektivität gesetzt und dabei die Nachkriegsplanung nicht einberechnet habe. "Die Zerstörung der feindlichen Streitmacht in einer Schlacht stellt eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für einen Sieg dar." Arthur Schlesinger kann gar nicht fassen, wie sang- und klanglos George Bush die außenpolitische Containment-Strategie der USA über den Haufen geworfen hat, mit der sie immerhin den Kalten Krieg gewonnen haben. Zu Nahost stellt Tony Judt lapidar fest: "Der Friedensprozess ist nicht gestorben, er wurde ermordet."

Außerdem bespricht der frisch gekürte Nobelpreisträger J.M. Coetzee (mehr hier) Nadine Gordimers neuen Roman "The Pickup". "Es ist schwer, sich eine mitfühlendere, intimere Einführung in das Leben gewöhnlicher Muslime vorzustellen, als die hier vorgelegte, und das wohlgemerkt aus der Hand einer jüdischen Schriftstellerin." Anthony Lewis empfiehlt jedem Amerikaner, David Coles Buch "Enemy Aliens" zu lesen: denn die Behandlung, die bisher nur so genannte feindliche Ausländer erfahren, dürfte auch bald jedem feindlichen Inländer blühen. Und Martin Filler meint, dass Los Angeles mit Frank Gehry's Walt Disney Concert Hall endlich seinen Minderwertigkeitskomplex gegenüber New York loswerden kann.

Magazinrundschau vom 29.09.2003 - New York Review of Books

"Es gibt nur wenige Kreaturen, die einen erwachsenen Menschen töten können", erklärt der Zoologe Tim Flannery (mehr hier) leicht bedauernd, "Tiger und Löwen, Braun- und Eisbären, einige Haie und Krokodile, das sind sie schon". Doch "jeder, der schon mal an einer Safari teilgenommen oder einen Zoo besucht hat, wird etwas über die Beziehung zwischen uns und denen erfahren, die Futter aus uns machen wollen. Ihre Augen starren uns mit solcher Entschiedenheit, mit solcher Bereitschaft zum Handeln und so unverhohlen an, dass es fast unerträglich ist." Aber im Grunde unterscheide sich das gar nicht von den Verhältnissen in der Politik. "Wenn unsere Gegner uns nur lange genug kennen, und wir sie, kann sich eine unproblematische, sogar fruchtbare Zusammenarbeit ergeben." Es wird nur den Zoologen überrascht haben, dass alle seine Beispiele schlecht ausgehen.

Träume von Weltherrschaft kommen und gehen, stellt Brian Urquhart mit der Gelassenheit des Alters fest, das sich noch an Londons glorreiche Empire-Ausstellung von 1924 erinnert. So feiert er Niall Fergusons großartiges Buch "Empire" über Aufstieg und Fall des Britischen Empire und was man daraus lernen kann. Dabei frappiert ihn vor allem ein Unterschied zur derzeitigen US-Politik: Bei aller Überheblichkeit, mit der sich die Briten Teile der Welt unterwarfen, gab es in der britischen Regierung immer auch Kritiker: "So kommentierte Sir Edwin Montagu, der Indienminister, trocken die imperiale Politik, 'er würde doch gern einige Argumente gegen die Annexion der Welt durch Großbritannien hören'. Aus George Bushs Washington war bisher nichts dergleichen zu vernehmen."

Weiteres: Jonathan Mirsky hat das erhellendste Buch über den Vietnam-Krieg seit den Pentagon Papers gelesen: David Elliotts "The Vietnamese War", das mit der Legende aufräumt, der Vietcong sei so unglaublich clever, unerbittlich und an Entbehrungen gewohnt gewesen. Und: "Von den vielen Lektionen in Eliotts Buch ist vielleicht die wichtigste, dass der lange revolutionäre Kampf hausgemacht war und nicht Teil einer sowjetischen oder chinesischen Sratgie war."

Alexander Stille (mehr hierempfiehlt ein Buch über Silvio Berlusconi, in dem der britische Journalist Tobias Jones beschreibt, wie unter dem Medien-Tycoon das Umgehen, Biegen und Brechen von Gesetzen endemische Ausmaße angenommen hat. Avishai Margalit diskutiert Norman Podhoretz' These, nach der die biblischen Propheten ihren Ursprung in Mari haben, einem Königreich am Ufer des Eurphrats, nahe der syrischen Grenze zum Irak. Podhoretz' stärkstes Argument in Margalits Augen: "Der Begriff, mit dem die Mari ihre Propheten beschrieben, ähnelte dem Wort 'verrückt', das auch die Bibel benutzt: 'Der Prophet ist ein Narr, der Mann des Geistes ist verrückt (Hosea 9,7)'." David Hajdu erklärt, wer Elvis zu Elvis machte: sein Agent Tom Paker, genannt der Colonel.

Magazinrundschau vom 15.09.2003 - New York Review of Books

Keine Massenvernichtungswaffen, keine Neuordnung der Region, dafür täglicher Terror: Die USA sind nicht nur weit davon entfernt, ihre Kriegsziele im Irak zu erreichen, befindet Mark Danner, sie haben den Krieg noch nicht einmal gewonnen: "Der Krieg im Irak - in den Straßen von Bagdad nicht weniger als in den Hallen des Kongress' - ist in seinem Wesen politisch, nicht militärisch... Am Ende werden Sieg oder Niederlage im Irak nicht danach beurteilt werden, wer Bagdad kontrolliert, sondern ob der Krieg den Amerikanern größere Sicherheit gebracht hat. All die klingenden 'Mission erfüllt'-Verkündungen des Präsidenten werden nichts an der Realität ändern: Amerika kann diesen Krieg immer noch verlieren."

Timothy Garton Ash verzeiht George Orwell die Liste von "Krypto-Kommunisten", die dieser 1949 über Celia Kriwan an das britische Außenministerium geliefert hat, sucht aber noch nach Gründen: "Einsam, gefangen im Cotswold Sanatorium, voller Abscheu gegenüber dem Gedanken, dass er im Alter von 45 Jahren körperlich am Ende ist, sehnte er sich da, den nahenden Tod durch die Liebe zu einer schönen Frau zu bekämpfen?"

Weiteres: Im Irak werden weiterhin antike Kunstschätze geraubt, berichtet Timothy Potts, Direktor des Kimbell Art Museum in Fort Worth - und zwar in weitaus größerem Umfang als am Ende des Krieges. Nur treffe es jetzt nicht die Museen, sondern unbewachte Ausgrabungsstätten, die von "Kalaschnikows-schwingenden Banden" geplündert werden. H.D.S. Greenway erinnert an den CIA-gesteuerten Putsch des Shahs von Persien im Jahr 1953 - eben auch so ein Versuch, amerikanische Interessen im Mittleren Osten zu schützen. Überfällig sei David Garlands Studie "The Culture of Control" zur Verbrechensbekämpfung in den USA gewesen, lobt Jerome S. Bruner, die im wesentlichen aus harten Urteilen sowie schnellen und langen Haftstrafen besteht - mit dem Ergebnis, dass 500 von 100.000 Amerikaner hinter Gittern sitzen, "vier- bis zehnmal mehr als in jedem anderen zivilisierten Land dieser Welt".

Lewis B. Cullman rechnet mit dem hier als so vorbildlich angesehenen amerikanischen Stiftungswesen ab, das Stiftungen lediglich dazu verpflichtet, ihre Gewinne karitativen Zwecken zur Verfügung zu stellen, aber keinen einzigen Cent des Grundkapitals, wofür es ja eigentlich den Steuererlass gibt. John Golding würdigt mit der gleichnamigen Biografie von Hayden Herrera das Leben und Werk des verkannten Arshile Gorky (mehr hier), den immerhin Andre Breton zum "bedeutendsten Maler der amerikanischen Geschichte" erklärt hat.

Magazinrundschau vom 28.07.2003 - New York Review of Books

Max Rodenbeck zieht nach hundert Tagen eine negative Bilanz der amerikanischen Besatzung im Irak. So hätten die USA immer noch nicht offengelegt, was ihre Ziele im Irak sind, wie lange sie dort bleiben und was sie mit den gesuchten Baathisten machen wollen. Rodenbeck erzählt folgende Geschichte: Während er bei einem nicht näher genannten irakischen Gouverneur zu Besuch war, wurde dort Ezzat Ibrahim gesehen, als Saddams loyalster Stellvertreter der "Kreuz König" im Most-Wanted-Kartenspiel des Pentagons. "Der Gouverneur, der diesen Mann versteckte, hat auf der Flucht vor Saddams Häschern viele Jahre im Exil verbracht. Seine Freude über den Sturz der Baath-Partei war offensichtlich. Er beteuerte seine Dankbarkeit, die seiner Meinung nach alle Iraker gegenüber Amerika fühlen sollten. Er bezeugt großen Respekt für den amerikanischen Kommandeur seiner Region. Aber traut er den Amerikaner? Nein."

Was würde Scharon, Arafat und Abu Mazen durch den Kopf gehen, wenn sie an einem heißen Sommertag aus ihren Fenster sähen? Hussein Agha und Robert Malley (mehr hier und hier) vollführen dieses kleine Gedankenexperiment und kommen zu dem Schluss, dass die drei eigentlich keinen Anlass haben, mit ihrer derzeitigen Situation unzufrieden zu sein. Sharon zum Beispiel sei kurz davor, sein Lebensziel zu erreichen: die Vernichtung einer geeinten palästinensischen Nationalbewegung. "Nur zwei Hindernisse stehen diesem Ziel im Weg. Das erste ist Jassir Arafat. Für Sharon personifiert Arafat all das, was er zu unterdrücken versucht: militanten Nationalismus, Feindschaft gegen Israel, Gewalt, Terror und - bis vor kurzem zumindest - Legitimität in den Augen der Welt. Das zweite Hindernis ist Abu Mazen. Neben Arafat sieht Sharon ihn als den Letzten Palästinenser, den finalen Führer einer geeinten Nationalbewegung, als einen Mann, der in der Lage sein könnte, die Bewegung zusammenzuhalten. Noch wird Abu Mazen gebraucht. Abu Mazen soll erfolgreich sein, wenn es darum geht, Arafat zu marginaliseren, die Intifada zu beenden und Israel ein gewisses Maß an Sicherheit zu geben. Doch nur bis dahin - und keinen Schritt weiter."

Weitere Artikel: Allen Orr, nach eigenem Bekunden schon weidlich gelangweilt über die Debatte "nature versus nurture", freut sich über Matt Ridleys Buch über "Genes, Experience, and What Makes Us Human", das einen geradezu wittgensteinhaften Weg aus dem akademischen Dilemma ebnet: "Allem Gerede über den Unterschied zwischen Genen und Umwelt zum Trotz macht Ridley klar, dass bei Lernen, Intelligenz, Verhalten und Kultur - all den Ingedienzien der Erziehung also - Gene eine Rolle spielen." David Hajdu bricht eine Lanze für Erwachsenen-Comics. Garry Wills beteuert, wirklich bereit gewesen zu sein Hillary Clintons "Living History" als politisches Buch ernst zu nehmen - allein, sie hat ihm keine Chance gegeben. Ingrid D. Rowland vergleicht die beiden Tizian-Ausstellungen in London und Madrid.

Magazinrundschau vom 07.07.2003 - New York Review of Books

Norman Mailer (mehr hier) arbeitet sich wieder einmal - gewohnt unterhaltsam - am weißen Durchschnittsamerikaner ab, der in George Bush seine so treffliche Verkörperung gefunden habe. So sieht Mailer den simplen, aber wahren Grund für den Irakkrieg: "Wir wussten einfach, dass wir darin gut sein werden." Und einen solch einfachen Sieg habe die amerikanische Seele gebraucht, die nicht erst am 11. September Schaden genommen habe, meint Mailer. Vielmehr müsse der weiße Mann seit dreißig Jahren Prügel einstecken, woran nicht die Frauenbewegung Schuld sei, sondern die Tatsache, dass es keine weißen Sportstars mehr gebe.

In einem ausführlichen Report verfolgt Helen Epstein die Aids-Politik in Südafrika, wo sich jährlich immer noch eine halbe Million Menschen mit HIV infizieren. Epstein gibt der Regierung die Schuld daran, noch immer jegliche Bemühungen um Aufklärung und Bekämpfung zu unterminieren. So verschrieb der Gesundheitsminister jüngst Knoblauch als bestes Heilmittel.

Weiteres: Elizabeth Hardwick feiert den russischen Schriftsteller M.E. Saltykow-Schtschedrin (mehr hier), der so wunderbar öde Welten der Gier, Trägheit und Trunkenheit geschaffen hat. Jennifer Schuessler verneigt sich vor dem besten englischsprachigen Literaturkritiker James Wood (mehr hier), um dem Schriftsteller Wood gehörig gegen das Schienbein treten zu können, der mit "The Book against God" seinen ersten Roman vorgelegt hat. Schuessler hält ihn für blanke intellektuelle Protzerei. Luc Sante empfiehlt Arthur Kemptons Geschichte der populären schwarzen Musik "Boogaloo: The Quintessence of American Popular Music" und Andrew Butterfield bespricht die Ausstellung zu Jean-Antoine Houdon in der National Gallery of Art Washington.

Magazinrundschau vom 16.06.2003 - New York Review of Books

Ziemlich erschüttert zeigt sich Max Rodenbeck darüber, wie heruntergewirtschaftet der Irak in den vergangenen dreizehn Jahren geworden ist: "Als ich 1990 Bagdad sah, erinnert es mit seinem sauberen, palmengesäumten Boulevard an Riad oder Kuweit. Eine Dekade später sieht es eher aus wie Khartoum oder Kinshasa." Viel verheerender als die Kriegsschäden, meint Rodenbeck, dürfte dabei neben den Sanktionen die Tatsache gewesen sein, dass in der Zeit drei Millionen der wahrscheinlich begabtesten Iraker ins Exil gegangen sind.

Edward R.F. Sheehan ist auf seiner Reise durch Israel und die palästinensischen Gebiete erwartungsgemäß auf wenig Ermutigendes gestoßen, am depriemierendsten scheint jedoch die Aussicht auf einen ausgewachsenen Religionskrieg zu sein, wie ihn der Philosoph Avishai Margalit befürchtet: 'Die Intifada hat das Wesen des Konflikts völlig verändert. Er ist zu einer Blutfehde zwischen Arabern und Juden geworden, bei der Tag für Tag Rechnungen beglichen werden."

Weitere Artikel: Eine hübsche Anekdote erzählt John Banville, der in Paris auf Henri Cartier-Bresson traf und kurz vor der Eröffnung einer großen Werkschau in der Bibliotheque Nationale von ihm zu hören bekam: "Eigentlich habe ich kein Interesse an der Fotografie. Am Zeichnen, ja, das mag ich. Aber Fotografie?" Clifford Geertz setzt seine Tour d'horizon durch die Welt des Islam fort (den ersten Teil finden Sie hier). Larry Mc Murtry erinnert an Hollywood-Mogul Lew Wasserman (mehr hier), der als Chef von MCA-Universal seine Konkurrenten wie auch den gesamten amerikanischen Kongress mit "shock and awe" außer Gefecht setzte. Für Alison Lurie tut sich auf einem weiteren Gebiet die transatlantische Kluft auf, in der religiösen Architektur. Dort nämlich ist heiß umstritten, ob sich Gott in einem kleinen weißen Holzkirche oder in einer gotischen Kathedrale wohler fühlt.

Magazinrundschau vom 26.05.2003 - New York Review of Books

Stanley Hoffman stimmt einen erbarmungswürdigen Klagegesang auf die Bush-Regierung an: "Die USA sind immer noch eine liberale Demokratie, aber all denjenigen, die auf eine fortschrittliche Innenpolitik und eine aufgeklärte Außenpolitik gehofft hatten, sollte vergeben werden. Sie müssen heillos entmutigt sein von einem gar nicht so freundlichen Soft-Imperialismus, von einer Steuer- und Sozialpolitik, die sich bestens um die Reichen kümmert, aber - weit entfernt von einem 'mitfühlenden Konservatismus' - die Armen vernachlässigt; und von einem Konformismus, der von der Regierung ebenso diktiert wie spontan von der Öffentlichkeit ausgelebt wird, wie es schon Tocqueville vor 130 Jahren beobachtet hat. Einige werden sagen, dass es noch schlimmer hätte kommen können, aber eine brutalere Form der Herrschaft hätte wahrscheinlich zu einer schärferen und organisierteren Opposition geführt."

Elizabeth Drew befasst sich ausführlich mit den Neokonservativen an der Macht, die dort offenbar kein so leichtes Spiel haben: "Der Konflikt innerhalb der Bush-Regierung über den Nachkriegs-Irak hat in den vergangenen Monaten viel Verwirrung hervorgerufen und den Wiederaufbau beträchtlich geschädigt. Sie haben viel aufs Spiel gesetzt, nicht für die USA und die Menschen im Irak, sondern für den gesamten Nahen Osten und den Rest der Welt. Fast von Beginn der Bush-Regierung an gab es Kämpfe zwischen dem State Department und dem Pentagon, doch die Kontroverse über den Irak hat eine Bitterkeit und ein Messerstechen hervorgebracht, wie es Washington bis dahin selten erlebt hat."

Weitere Artikel: Clifford Geertz stellt aus Sorge um die Trefflichkeit des islamischen Feindbilds eine ganze Reihe von Büchern vor, die die "vagen Vorstellungen von Hengsten, Harems, Wüsten und Palästen" ein wenig ergänzen können. Russell Baker fragt sich, warum David Rockefeller seine Memoiren unbedingt selbst schreiben musste. Ein anständiger Autor hätte aus diesem schillernden Leben bestimmt ein gutes Buch gemacht. John Updike hat sich in die Skulpturen des polnisch-amerikanischen Bildhauers Elie Nadelmann verliebt, dem das New Yorker Whitney Museum gerade eine Ausstellung widmet. Am meisten haben es ihm die dicken, sich nachlässig räkelnden Zirkusfrauen angetan, die für Updike schlichtweg göttlich sind. Und der in Schuldfragen versierte J.M. Coetzee (mehr hier) findet ausgesprochen lobende Worte für Günter Grass' Novelle "Krebsgang", die jetzt von Krishna Winston ins Englische übersetzt worden ist. "Günter Grass ist nie ein großer Stilist oder Pinonier der fiktionalen Form gewesen. Seine Stärke liegt woanders: In der Genauigkeit, mit der die deutsche Gesellschaft auf allen Ebenen beobachtet, seinem Sinn für die tieferen Abläufe in der nationalen Psyche und seiner ethischen Standfestigkeit."

Magazinrundschau vom 12.05.2003 - New York Review of Books

Der kanadische Journalist und Schriftsteller Russell Smith (mehr hier) hält die gesamte Kriegsberichterstattung von CNN und Fox News schlichtweg für "widerwärtig" und fragt, warum selbst die kanadischen Medien den Newsspeak des Pentagon übernommen haben. "Warum haben die Kanadier Angst, der PR-Maschinerie des Pentagon zu widersprechen? Haben wir Angst vor einem Tyrannen wie dem amerikanischen Botschafter Paul Cellucci? Oder vor Tyrannen zu Hause? Schrecken wir alle so sehr davor zurück, als Anti-Amerikaner bezeichnet zu werden, dass wir die grundlegenden journalistischen Prinzipien vergessen? Vor wem haben wir Angst?"

Michael Messing stellt fest, dass jeder im Fernsehen den Krieg bekommen hat, den er wollte - oder zumindest den, von dem die Sender glaubten, dass ihre Zuschauer ihn wollten. Frappierend die Unterschiede nicht nur zwischen den europäischen und amerikanischen Medien, sondern auch innerhalb CNNs. "CNN International wies mehr Ähnlichkeit mit BBC auf als mit der amerikanischen Fassung: Ein Unterschied, der zeigt, wie marktorientiert Ton und Inhalt der Sendungen war."

Tim Judah berichtet aus Bagdad, wo die Iraker seiner Meinung nach mit größerer Furcht in die Vergangenheit blicken als in die Zukunft. "An den Toren des berüchtigten Abu-Ghraib-Gefängnisses, am westlichen Stadtrand von Bagdad, ist noch immer die Inschrift zu lesen: 'Es gibt kein Leben ohne die Sonne. Es gibt keine Würde ohne Saddam Hussein.' Doch im leeren Zellenblock traf ich hilflos herumirrende Iraker, die nach den Leuten suchten, die vor fast einem Menschenleben spurlos verschwunden waren. Das Gefängnis ist jetzt leer; die meisten, aber nicht alle Gefangenen wurden bereits vor dem Krieg im Oktober amnestiert. Aber einige wollten die Hoffnung nicht aufgeben. Amir Khadi etwa sucht dort noch immer seinen Bruder Rabbiyah, der als zwanzigjähriger Medizinstudent verschwand - das war 1980."

Joseph Levyveld beklagt an Sidney Blumenthals Hofbericht "The Clinton Wars" zu viel Nähe und zu wenig Biss. Sue M. Halpern bespricht eine ganze Reihe von pädagogischen Bücher und muss festellen, dass sich die Erziehungswissenschaftler noch immer so uneinig sind wie einst Locke und Rousseau. Und Sanford Schwartz führt in die Kunst des geisteskranken Malers Adolf Wölfli ein, dem das American Folk Art Museum New York gerade eine Ausstellung widmet.

Magazinrundschau vom 28.04.2003 - New York Review of Books

Reporter Tim Judah tut, was er nur kann, um mit zweiwöchentlichen Berichten aus dem Irak halbwegs aktuell zu bleiben. Trotzdem hat er gerade mal den 10. April verarbeitet, und damit den Fall von Bagdad: "An diesem Tag waren die meisten Menschen in Bagdad völlig perplex. Tagelang hatte die Regierung lautstark den glorreichen Sieg über die Amerikaner angekündigt, und dann waren plötzlich die Amerikaner hier und die irakischen Streitkräfte verschwunden. Am Morgen des 9. April, erzählte mir ein Mann, konnte man über Saddam Hussein 'noch nicht einmal einen schlechten Traum träumen', ohne Gefängnis oder Schlimmeres zu riskieren, und am Nachmittag war schon alles vorbei. Im einem Moment schien es, als würden die Menschen die Amerikaner begrüßen, und im nächsten wurden sie schon ängstlich und verärgert, weil die Amerikaner nicht die Plünderer stoppten."

Ronald Dworkin befasst sich mit der anstehenden Entscheidung des US Supreme Courts zu den affirmative actions. Verhandelt werden zwei unterschiedlich strenge Reglements, die die Universität von Michigan für ihre Colleges und für ihre juristische Fakultät gefunden hat. "Eine geteilte Entscheidung wäre keine Katastrophe für die affirmative-actions-Programme, denn Universitäten, die ein (personenunabhängiges) Punktesystem nutzen, könnten zu flexibleren Plänen übergehen wie dem der juristischen Fakultät. Aber wenn das Gericht auch dieses Programm als verfassungswidrig einstufen sollte, würde dies das Ende effektiver affirmative-actions-Programme an amerikanischen Colleges und Universitäten bedeuten - und deutlich weniger Schwarze und andere Angehörige von Minderheiten in Positionen mit Prestige und Einfluss. Dann würde sich die Entscheidung als die unglücklichste und teuerste erweisen, die der Supreme Court jemals getroffen hat."

Der Diplomat Brady Kiesling, der aus Protest gegen den Irakkrieg seinen Posten in Griechenland aufgegeben hat, bemerkt, dass von den Straßen Athens aus die Welt ein kälterer und weniger hoffnungsvoller Ort geworden ist. Peter Singer blickt gar nicht so unzufrieden auf den dreißigjährigen Kampf seiner Organisation Animal Liberation zurück. Immerhin werde er jetzt halbwegs ernst genommen: Damals sei "das Wohl von Tieren eine Sache für Katzen- und Hundeliebhaber" gewesen, "bestenfalls ignoriert von den Leuten, die über wichtigere Dinge zu schreiben hatten".

Besprochen werden Vaclav Smils Studie "The Earth's Biosphere: Evolution, Dynamics, and Change" und Aryeh Neiers Rückblick "Taking Liberties: Four Decades in the Struggle for Rights".