Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 23.09.2014 - New York Review of Books

Es gibt keinen Ausweg aus dem schwarzen Loch, in das die arabische Welt nach dem arabischen Frühling hineingeraten ist, meint Robert F. Worth nach Lektüre zweier neue Bücher und vielen Gesprächen in der arabischen Welt. Die säkular-liberale Jugend, von der die die Revolte ausging, wird zwischen den Polen des gewaltsam kollabierenden Nationalismus und dem Islamismus zerrieben. Zugleich können sich Kräfte wie die Muslimbrüder nicht mäßigen, weil sie sich gegen heftigere Konkurrenz profilieren müssen. Mit Blick auf Nordafrika sagt Worth: "ISIS mag außerhalb Syriens oder des Iraks noch keine direkte Bedrohung darstellen. Aber viele seiner Kämpfer werden nach Hause zurückkehren, auch viele große Gruppen von Tunesiern und Ägyptern. Sie werden furchtlos und gut trainiert sein, und da sie jung sind, haben sie noch viele Jahre vor sich."

Außerdem: Anka Muhlstein liest Rhonda K. Garelicks Chanel-Biografie.

Magazinrundschau vom 11.09.2014 - New York Review of Books

In einem kühl argumentierenden Artikel spießt der israelische Philosophieprofessor Assaf Sharon den Misserfolg der Politik Netanjahus in der jüngsten Auseinandersetzung mit den Palästinensern auf: Die ganze Operation "Protective Edge" war ein strategischer Fehler, der Hamas aus der Isolation befreit und ihren Nimbus verstärkt hat, der das Leben israelischer Soldaten kostete und die Position von Abbas in Gaza schwächte. "Doch ist das kein versehentlicher Fehler. Israels Verhalten während der Krise basierte direkt auf Netanjahus Philosophie des "Konfliktmanagements", deren grundlegendes Versprechen lautet, der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern könne zwar nicht gelöst, aber über eine lange Zeit erfolgreich "gemanaged" werden. Diese schwache, um nicht zu sagen defätistische Auffassung ist nicht nur falsch, sondern gefährlich. Sie hält Israel in einer Illusion gefangen, die wieder und wieder zerstört wird. Denn "Kontrolle" und "Stabilität" existieren nur zwischen den unvermeidlichen Runden von Gewalt. Tatsächlich sind wiederkehrende Runden von Gewalt diesem Ansatz eingeschrieben." Sharon plädiert für eine Zweistaatenlösung.

Außerdem: Max Rodenbeck lernt aus neuen Büchern über den Irak, dass die atemberaubende Grausamkeit des IS viele Vorläufer hat. In Hillary Clintons Memoiren "Hard Choices" ist viel von "neuen Epochen" und "neuen Anfängen" die Rede, "neues Denken" zeigt sie dagegen weniger, ätzt Joseph Lelyveld. Lewis B. Cullman, der in den letzten zwanzig Jahren nach eigenem Bekunden selbst fast 500 Millionen Dollar für wohltätige Zwecke gespendet hat, ärgert sich über die Steuergeschenke für Philantropen und Stiftungen. Und Jed Perl nimmt mit den ersten zwei Sätzen seines Artikels den Kult um Jeff Koons auseinander: "Imagine the Jeff Koons retrospective at the Whitney Museum of American Art as the perfect storm. And at the center of the perfect storm there is a perfect vacuum."

Magazinrundschau vom 29.07.2014 - New York Review of Books

Sehr lesenswert ist Jonathan Freedlands Essay über Ari Shavits offenbar ebenfalls sehr lesenswertes Buch "My Promised Land - The Triumph and Tragedy of Israel" (Auszug). Die Frage ist schlicht, wie linker Zionismus heute noch möglich sei und welche Rolle er spielen kann. Freedland erkennt vor allem an, dass Shavit die Tiefe der Verletzung der Palästinenser schon durch die Gründung Israels nicht verschweigt, und er scheint Shavits Idee, dass sich Israel einseitig auf die Grenzen von 1967 zurückziehen sollte, zuzustimmen - obwohl auch durch einen solchen Rückzug kein Friede eintreten wird. Zum linken Zionismus sagt Freedland: "Was seine Gegner auf der Linken und der Rechten so wütend macht, ist das Beharren darauf, dass zwei Dinge, die als unvereinbar gelten, gleichzeitig richtig sein können. Während die Linke die Siedlungen anprangert und die Rechte das Sicherheitsbedürfnis Israels herausstellt, möchte der linke Zionist beides tun, oft gleichzeitig." Bereits gestern haben wir auf Fredlands Blogbeitrag zur jüngsten Entwicklung in Israel hingewiesen.

Sehr instruktiv auch Hugh Eakins Reisebericht aus dem Emirat Oman, das an der Südostspitze der arabischen Halbinsel liegt und eine Äquidistanz zu Saudi-Arabien und Iran pflegt, die es zu eine Mittlerposition befähigt. Möglich wird das unter anderem dadurch, dass das Emirat weder dem schiitischen, noch dem sunnitischen Islam angehört, sondern der fast unbekannten Ibadi-Konfession. Das einzige Problem: Die Ölreserven sind recht begrenzt.

Magazinrundschau vom 01.07.2014 - New York Review of Books

In seinem Buch über Jeff Bezos und sein "Everything Store" beschreibt Brad Stone, wie Amazon die Verlage vor sich her treibt, um ihnen immer mehr Zugeständnisse abzuverlangen (in Bezos Worten: "wie ein Gepard eine lahme Gazelle"). Steve Coll sieht dennoch wenig Chancen für ein Antitrust-Verfahren, denn seit dem Verfahren gegen A&P, das mit ähnlichen Methoden agierte, habe sich die Ökonomie komplett verändert: "Auf der politischen Linken kam die Bewegung für die Rechte der Konsumenten als Reaktion auf unsichere Autos und die industrielle Umweltverschmutzung auf. Im Kampf gegen mächtige Konzerne setzte die Bewegung eher auf Konsumenten als auf kleine Firmen. Auf der Rechten bastelten die Ideologen des freien Markts an ihren Think Tanks und langfristigen Strategien, um Regulierungen aller Art zu verhindern und die Reichweite der einst fortschrittlichen Antitrust-Gesetze zu verringern. Große Konzerne perfektionierten ihr Lobbying in Washington, während kleine Buchläden und Einzelhändler mitansehen mussten, wie ihr Einfluss auf die Politik und die amerikanische Vorstellungswelt schwand. Heute spaltet sich die ökonomische Landschaft der USA in zwei Teile: die gestärkten, aber atomisierten, flatterhaften Konsumenten vor ihren Bildschirmen und die globalisierten, hochprofitablen Konzerne, die ihnen alle Wünsche erfüllen wollen."

Magazinrundschau vom 17.06.2014 - New York Review of Books

Ingrid D. Rowland feiert die große Ausstellung zu El Greco und erklärt, weshalb Toledo der beste Ort für solch ein Unternehmen ist: In Toledo, wo El Grecos Schaffen seinen Höhepunkt erreichte, kann der Besucher die im Museum ausgestellten Arbeiten des Künstlers mit den Fassaden, den Wolkengebilden, Farben und Stimmungen der Stadt abgleichen, die ihn derart inspirierte und somit das Werk nachempfinden, so Rowland. "Mit seinen erhabenen Decken ist das Museo de Santa Cruz der perfekte Ausstellungsort für die großen Gemälden - welche in den modernen Museumskomplexen von den niedrigen Decken und horizontal spaces erdrückt würden - dieses Meisters des Lichts, der Formen und Farben. El Grecos "Himmelfahrt der Jungfrau" gehört an den beabsichtigten Ausstellungsort, den Altarraum in Santa Domingo, und nicht in die dunkle, gedrungene und fensterlose Galerie des Art Institut of Chicago. Dahingehend ist es eine besondere Ehre die intakte Kapelle von San José, samt ihrem retablo, ihren Statuen und dem bewegenden Bild des Heiligen Josef mit dem jungen Jesus, der seinen Vater voller Hingabe umarmt, hier betrachten zu können." (El Greco: St. Joseph und das Jesuskind. Toledo Cathedral. Foto: Jaime Antonio Alvarez Arango, Flickr)

Außerdem schreiben in dieser Kunst-Ausgabe Andrew Butterfield über Veronese, Sanford Schwartz über Sigmar Polke, Jonathan Galassi über den Futurismus und Michael Kimmelman über verfemte Kunst im Dritten Reich. Nur im Print fragt David Cole, ob die NSA überhaupt kontrolliert werden kann.

Magazinrundschau vom 06.06.2014 - New York Review of Books

Ahmed Raschid empfiehlt in der New York Review of Books nachdrücklich Carlotta Galls Buch über den Afghanistankrieg "The Wrong Enemy: America in Afghanistan, 2001-2014". Die New-York-Times-Reporterin macht seiner Ansicht nach ganz richtig die pakistanische Armee als den eigentlich Feind Amerikas aus, nicht die Afghanen. Aber die Pakistanis sind nicht allein Schuld am Aufstieg der muslimischen Extremisten, auch Bush und Obama haben versagt, eine Strategie für den Konflikt zu finden. Und es gibt noch mehr Schuldige, so Raschid: "Gall ignoriert den afghanischen Bürgerkrieg nach 1989, als alle Warlords internationale Hintermänner hatten. Sie erwähnt nicht, dass Pakistan und Saudiarabien die Taliban unterstützten, während Russland, Iran, Indien, die Türkei und Zentralasiatische Republiken die Nordallianz unterstützten. Erst kürzlich gab Iran den Taliban und Al Kaida Unterschlupf, Indien finanziert den Aufstand der Separatisten in Belutschistan und Afghanistan gewährt den Führern der pakistanischen Taliban Zuflucht. Die Amerikaner haben dabei versagt, die Bevölkerung der Region zu schützen. Die meisten Afghanen erklären einem heute, sie fürchteten sich am meisten davor, dass nach dem Abzug der Amerikaner die Einfälle aus den Nachbarländern wieder anfangen. Doch Gall gibt von allen Nachbarn nur Pakistan die Schuld."

Außerdem: Claire Messud liest eine englische Neuübersetzung von Camus" "Der Fremde". Cass R. Sunstein bespricht einen Band über die Verfassungszusätze der USA. Und Ian Johnson bespricht zwei neue Bücher über die Ereignisse auf dem Platz des himmlischen Friedens vor 25 Jahren.

Magazinrundschau vom 02.05.2014 - New York Review of Books

In der New York Review of Books liest die Historikerin Anka Muhlstein bewegt Georges Prochniks Buch "The Impossible Exile" über Stefan Zweigs letzten Jahre. Und sie versteht, wie den Autor trotz anhaltenden Erfolgs der Mut verließ, bis er sich 1942 zusammen mit seiner Frau das Leben nahm: "Ein Weg, Stefan Zweig zu verstehen, ist der Gegensatz zu Thomas Mann, der ungefähr zur selben Zeit in die USA kam und dabei kraftvoll erklärte, dass er das bessere Deutschland repräsentiere: "Wo ich bin, ist Deutschland. Ich trage meine deutsche Kultur in mir. Ich lebe im Kontakt mit der Welt und ich betrachte mich selbst nicht als gefallenen Menschen." Zweig fehlte es an derlei Selbstvertrauen, er beklagte, dass sich mit der Emigration auch das eigene Gravitationszentrum verlagert." Der Hauptunterschied zwischen beiden Männern bestand darin, dass Mann zum deutschen Großbürgertum gehörte, seine Wurzeln reichten über Generationen hinweg tief in die Geschichte des Landes, während Zweig, ein Jude, der den Zionismus ablehnte, vor allem eines schätzte: "Den Wert absoluter Freiheit, unter den Nationen zu wählen, sich selbst überall als Gast zu fühlen". Prochnik besitzt ein genaues Gespür dafür, wie schmerzlich sich die Selbstwahrnehmung von Menschen im Exil ändert, er zeigt, wie der elegante Wiener Autor - berühmt, frei zu gehen, wohin er möchte, so wenig an jüdische Tradition gebunden, dass seine Mutter ihn fälschlich verdächtigte, konvertiert zu sein - verzweifelt, als er sich selbst zurückversetzt fand in die Rolle des Wandernden Juden."

Außerdem: Hermione Lee liest Updike. Paul Krugman bespricht den schon überall besprochenen Thomas Piketty. Und Wendy Doniger schildert den Nachhall auf das Einknicken Penguins vor Hindu-Nationalisten, die das Einstampfen von Donigers Buch über den Hinduismus gefordert hatten. Eins vor allem hat Doniger daraus gelernt: Nicht nur in Indien, auch in den USA und überall auf der Welt muss man Blasphemiegesetze bekämpfen.

Magazinrundschau vom 19.04.2014 - New York Review of Books

In der Ausgabe vom 3. April der New York Review of Books berichtete Helen Epstein unter der Überschrift "Mord in Uganda" über die groteske Korruption in Uganda, die das Gesundheitssystem um Jahrzehnte zurückgeworfen hat. Im zweiten Teil ihrer dreiteiligen Serie erzählt sie am Beispiel des heute in London lebenden Generals David Sejusa, wie Präsident Yoweri Museveni und seine Familie mit Kritikern umspringen. "Er war ein Befehlshaber in der Nationalen Widerstandsarmee, die Musevenin 1986 an die Macht brachte und hatte seitdem verschiedene hohe Posten in der Armee und der Regierung. Als Geheimdienstkoordinator war er verantwortlich dafür, viele Missetaten der Regierung zu vertuschen - durch hartes Durchgreifen gegen die Medien zu zum Beispiel oder einen Militäreinsatz gegen das Oberste Gericht 2005. Doch hat er auch bei zahlreichen Gelegenheiten mit Museveni gestritten und versucht, das Militär zu verlassen. Im Mai 2013 floh er nach Britannien, nachdem er erfahren hatte, sagt er, dass er und andere führende Offiziere, die gegen Musevenis Geheimplan opponierten, seinen 39-jährigen Sohn als Nachfolger einzusetzen, ermordet werden sollten. Als er einige Monate in UK war, erzählte er einem ugandischen Journalisten, dass [die oppositionelle Abgeordnete] Cerinah Nebanda und viele andere prominente Ugander "im Auftrag von oben" ermordet worden waren. Ich war wollte unbedingt mit ihm sprechen."

Magazinrundschau vom 21.03.2014 - New York Review of Books

Zadie Smith macht sich Sorgen um den Klimawandel. In England, schreibt sie, hat sich das Wetter jedenfalls massiv geändert. "Menschen in Trauer tendieren zu Euphemismen, ebenso die Schuldigen und Beschämten. Der melancholischste aller Euphemismen ist: "Die neue Normalität." Es ist "die neue Normalität", denke ich, wenn ein geliebter Birnbaum, halb ertrunken, seine Verankerung in der Erde verliert und umstürzt. Die Bahnlinie nach Cornwall ist weggewaschen - die neue Normalität. Wir könnten nicht einmal mehr das Wort "unnormal" laut aussprechen: Es erinnert uns daran, was vorher war. Besser vergessen, was einmal normal war, die Art, wie Jahreszeit auf Jahreszeit folgte, mit einem temperierten Charme, den nur die Dichter zu schätzen wussten."

Magazinrundschau vom 28.03.2014 - New York Review of Books

Maya Jasanoff bespricht Rose Georges Buch "Ninety Percent of Everything" über die faszinierende, komplett rationalisierte, aber halb gesetzlose Welt der Container-Schifffahrt. Jasanoff selbst ist, weil sie an einem Buch über Joseph Conrad arbeitete, auf einem Container-Schiff von Hongkong durch den Suez-Kanal nach Southampton gefahren: "Wenn heute ein Container-Schiff in einem Hafen einläuft, gleitet es in einen rund um die Uhr laufenden Prozess, der von Logistik-Experten in weit entfernten Büros gesteuert wird. An Bord des Schiffes prüft der Erste Offizier, ob die Dinge alle nach dem computerisierten Plan der Logistiker laufen. Als wir an Bord der Christophe Colomb in Hongkong beobachteten, wie die Container auf das Schiff gestapelt wurden, fragte ich den Ersten Offizier, ob er wüsste, was darin sei. Völlig desinteressiert zuckte er mit den Schultern. Alles, was er weiß - was überhaupt jemand weiß, ist, ob die Container gekühlt werden müssen oder ob sie gefährliche Materialien enthalten und in einem sicheren Lagerbereich untergebracht werden müssen. Ein Frachter liegt heute nur sechs bis vierundzwanzig Stunden in einem Hafen, die Matrosen gehen nur noch selten von Bord. Die Container errichten eine Wand zwischen Land und Meer und machen jede Seite für die andere weniger zugänglich."

Harlems Tragödie besteht nicht darin, dass jetzt die Stadtentwickler kommen, sondern dass der Bezirk jahrzehntelang herunterkommen konnte, meint Darryl Pinckney. "Wenn wir uns heute darüber aufregen, dass die schwarze Bevölkerung von Stadtplanern aus Harlem vertrieben wird, vergessen wir, was für ein verlassener und heruntergekommener Ort Harlem zuvor geworden war. Harlem verlor über Jahrzehnte an Bevölkerung, während Brooklyn zur größten schwarzen Stadt in den USA und der Geburtstort des HipHop wurde. Das Problem besteht nicht darin, dass die Armen plötzlich vertrieben werden, sondern dass die Schwarzen über all die Jahre keine Kredite bekommen haben, mit deren Hilfe sie etwas aus Harlem hätten machen können."