Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 17.03.2015 - New York Review of Books

London, nicht Berlin oder Wien ist heute die Hauptstadt des Kunstlieds mit drei Konzerten wöchentlich in der Saison, schreibt Tenor Ian Bostridge einer einer Besprechung von Graham Johnsons fulminanter dreibändiger Enzyklopädie der Schubert-Lieder die gerade bei der Yale University Press herausgekommen ist. Johnson, so Bostridge, steht auch organisatorisch hinter dieser Blüte. Und Bostridge wird nicht müde, die Enzyklopädie zu preisen, etwa für die Illustrationen die großenteils aus Johnsons Schubertiana-Sammlung stammen und "die das Buch zu einer einzigartigen Quelle für die Fantasie der Interpreten macht, die in Schuberts Welt eintauchen wollen. Wir sehen Editionen der Gedichte, die Schubert selbst benutzt haben mag, Porträts der Dichter, Frontispize der veröffentlichten Lieder und visuelle Interpretationen der Lieder, die die Sentimentalität der Romantik oder Unheimlicheit des Fin de siècle ausstrahlen. Johnsons Eintrag zu "Erster Verlust" ist etwa illustriert mit der Vignette zu Czernys Klavierarrangement für das Lied, eine weibliche Figur, die sich gedankenvoll auf der Chaiselongue räkelt."

Weitere Artikel: Ein Besuch im Iran - der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt hatte es sich immer gewünscht, aber nie erwartet, dass der Traum für ihn, einen amerikanischen Juden, in Erfüllung gehen würde. Und dann reiste er doch - auf einem fliegenden Teppich, in den "Shakespeare-Kongress" eingewoben war. Und Martin Filler bespricht eine Ausstellung über Wolkenkratzer in New York

Magazinrundschau vom 10.03.2015 - New York Review of Books

Der große Castro- und Garcia-Marquez-Kritiker Enrique Krauze liest Marc Franks Buch "Cuban Revelations: Behind the Scenes in Havana", eine für seinen Geschmack etwas zu zuckrige Reportage aus Kuba, die ihn an Waldo Frank erinnert, Marc Franks Vater, einst selbst ein Castro-freundlicher Autor, der dennoch in Ungnade fiel und emigrieren musste. Gerade die kritischen Passagen bei Marc Frank überzeugen Krauze nicht: Er bemängele etwa das zu langsame Internet auf der Insel. Das eigentliche Problem aber liege woanders. "Blogger werden überwacht und von Behörden ausgefragt und zuweilen ins Gefängnis gesteckt. Eine spezialisierte Polizeieinheit kontrolliert auf dem Flughafen von Havanna die Einführung von Computern und Handies. Kuba hatte 2013 zwar 800 Internetcafés, aber der Preis (4,50 Dollar pro Stunde) ist für normale Kubaner unerschwinglich. Und der Nutzer muss die Nummer seines Personalausweises, seine Adresse und seine Suchanfragen angeben."

Michail Chodorkowski schreibt seine Gefängniserfahrungen auf und befasst sich in einem ersten Artikel mit den Wärtern. Die Gefängnisse sind für ihn ein Schlüssel zum Verständnis Russlands: "Mit der Zeit wurde ich von einem normalen Opfer zu einem interessierten Beobachter. Ich habe bemerkt, dass die Gefängniswelt für viele eine terra incognita bleibt. Und doch sitzt in unserem Land einer von hundert im Gefängnis, jeder zehnte (heute vielleicht schon jeder siebte) aus der männlichen Bevölkerung verbringt mindestens einmal in seinem Leben Zeit im Gefängnis. Das Gefängnis hat eine schreckliche Wirkung auf die Mehrheit der Gefangenen und der Wärter. Und man weiß noch nicht, welche de beiden Gruppen stärker betroffen ist."

Magazinrundschau vom 24.02.2015 - New York Review of Books

Im ersten Teil eines großen Reports über Frankreich beschreibt Mark Lilla die Schulen als den zentralen Ort, an dem das Land seine republikanische Idee verteidigen muss. Unter Berufung auf den Obin-Bericht von 2004 und die Bücher von Gilles Kepel verweist Lilla auf die zahlreichen Schikanen, denen Juden, Mädchen und moderate Muslime an den Schulen von Seiten fundamentalistischer Sittenwächter ausgesetzt sind: "Wir können nicht wissen, wie verbreitet diese Phänomene sind, obwohl seit den Massakern viele Lehrer aus den quartiers ihr Herz in den Zeitungen ausgeschüttet haben. Die reflexhafte Antwort vieler Journalisten und Wissenschaftler auf die Berichte - dass sie überhaupt nicht repräsentativ seien, dass sie stigmatisierten, dass sie dem Front National in die Hände spielten - sind einfach unangemessen. Der Obin-Report wirft die grundsätzliche Frage auf, ob das französische Schulsystem eine schlüssige Antwort auf solche Zwischenfälle hat. Die Inspektoren bemerken in ihrem Bericht, dass die Schulverwaltung die Lage oft herunterspielt und wenig tut, um Lehrern zu helfen, die solche Zwischenfälle melden, obwohl sie auch selbst keine Richtlinien von oben bekommt. Das meinte Najat Vallaud-Belkacem, als sie die Neigung kritisierte, "keine Wellen zu schlagen"."

Norwegen weiß seit Anders Breivik, dass es nur einen Extremisten braucht, um ein entsetzliches Massaker anzurichten. Und doch kann Hugh Eakin trotz kleinerer Spannungen kaum Anzeichen für eine ernsthafte Gefährdung des sozialen Frieden im Land ausmachen: "Während meines einmonatigen Aufenthalts in Norwegen, fand ich es oft schwer, die Geschichten über Rechtsextremisten oder Islamisten in Einklang zu bringen mit der angenehmen Umgebung und den außergewöhnlich sprachgewandten Menschen. Ich besichtigte eine Grundschule in Oslo, die zu 60 Prozent aus Migranten und 40 Prozent aus ethnischen Norwegern bestand, und sie schien genauso gut, wenn nicht besser integriert als jede Schule in einer größeren amerikanischen Stadt."

Magazinrundschau vom 03.02.2015 - New York Review of Books

Es war richtig und vielleicht sogar notwendig, die Mohammed-Karikaturen von Charlie Hebdo nachzudrucken, meint Timothy Garton Ash in der NYRB. Vorausgesetzt, man warnt den Leser vorher, dass er nach dem Umblättern ein Bild sehen wird, das ihn beleidigen könnte. Doch auch Ängste der Zeitungsredakteure kann Garton Ash verstehen. Er schlägt deshalb eine Art Piratenwebseite für "beleidigende" Inhalte mit Informationswert vor, auf die dann alle Zeitungen verlinken könnten: "Berücksichtigt man den weit verbreiteten Antiamerikanismus, vor allem in der islamischen Welt, dann sollte dieses Projekt nicht von Amerika aus geführt werden. Vielleicht von Island, dass mit seinem Internationalen Institut für Moderne Medien einen Ort für globale Meinungsfreiheit geschaffen hat. Internationale Medienorganisationen wären naheliegende Partner. Die Mitarbeiter der Webseite sollten anonym bleiben, ebenso der Vorstand, weil sie sonst die Aufmerksamkeit von Attentätern auf sich ziehen könnten. Wenn Anonymität für das Böse genutzt werden kann, warum soll man sie dann nicht mal benutzen, um das Gute zu schützen." (Island könnte auch seine Tourismusindustrie kräftig ankurbeln, mit internationalen Führungen zum letzten Refugium der Meinungsfreiheit auf einer kleinen Insel mitten im Atlantischen Ozean!)

Magazinrundschau vom 27.01.2015 - New York Review of Books

Nach Syrien dürfen westliche Journalisten nicht, in die Gebiete des Islamischen Staats können sie nicht. Sarah Birke hat also im türkischen Grenzgebiet Flüchtlinge befragt, um sich ein Bild vom Leben in der vom IS kontrollierten Stadt Raqqa zu machen: "Obwohl der IS nicht in der Lage ist, Telefone und Internet zu überwachen, weil sie vom syrischen Regime kontrolliert werden, sammelt die Gruppe Informationen über jeden, überwacht die öffentliche Plätze, greift sich einzelne Handys heraus und lässt jedem den Kopf abschlagen, der beim Filmen erwischt wird (daher der Mangel an Bildern aus der Stadt). Viele Syrer erzählten mir, dass sie aus Angst, erwischt zu werden, Fotos und Musik auf ihren Telefonen gelöscht hätten. Schon vor Monaten beschrieben die Leute, wie ausländische Dschihadisten ihre Familien nach Raqqa holten und syrische oder ausländische Frauen heirateten - die, ebenso wie Männer, in weit größerer Zahl vom IS angelockt wurden als von jeder anderen dschihadistischen Bewegung. Viele waren beeindruckt vom Aufbau des "Kalifats" und den Vorteilen des dortigen Lebens. Der Islamische Staat verteilt Häuser an Kämpfer, und laut einigen Berichten erhalten Witwen Unterstützung gemäß der Zahl ihrer Kinder ... In einer Stadt, in der vormals ein Nachbar den anderen kannte, sprechen nur noch wenige dieselbe Sprache, sagt mir eine Ärztin: "Als ich Raqqa verließ, war es als syrische Stadt nicht mehr zu erkennen.""

Michael Greenberg erklärt den Aufstand der New Yorker Polizei gegen Bürgermeister Bill di Blasio auch damit, dass die Cops den stillschweigenden Pakt aufkündigt sehen, laut dem sie die Drecksarbeit erledigen und dafür die Politik bei übermäßiger Gewalt ein Auge zudrückt.

Magazinrundschau vom 23.12.2014 - New York Review of Books

Michael Greenberg beschreibt, wie die New Yorker sich allmählich darüber klar werden, dass die Polizisten ihrer Weltmetropole offenbar genauso ungestraft Schwarze töten dürfen wie Polizisten im ökomomisch und politisch depravierten Ferguson in Missouri. Andererseits hatten einige das schon immer geahnt, wie Greenberg an einer Schule in Brooklyn erfuhr: "Schwarze Schüler sprachen von ihrer lebenslangen Angst vor der Polizei, und davon, wie ihre Eltern ihnen als eine Angelegenheit von Leben und Tod beibrachten, die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen, wenn sich ihnen ein Polizist nähert, "Ja, Sir" und "Nein, Sir" zu sagen, und unter allen Umstanden abrupte Bewegungen zu vermeiden."

Darryl Pinckey porträtiert die Führer der Protestbewegung in Ferguson, die noch immer gegen Rassismus und Polizeigewalt auf die Straße gehen, darunter den charismatischen Baptisten Reverend Osagyefo Sekou: "In Sekous Augen haben die Schwarzen zu viel politisches Kapital auf Wahlen verschwendet. Wahlen sind Thermometer, soziale Bewegungen Thermostate, sagt er in Anlehnung an Martin Luther King. Sie setzten die Agenda, die Wahlen messen sie nur."

Weiteres: Marcia Angell lernt aus Atul Gawandes Buch "Being Mortal", dass die die Medizin die wenigsten Atworten auf Fragen zum Altern und Sterben hat. James Romm besucht eine Ausstellung zur assyrischen Antike im Metropolitan Museum.

Magazinrundschau vom 02.12.2014 - New York Review of Books

Nach Lektüre von Karen Dawishas Buch "Putin"s Kleptocracy verabschiedet Anne Applebaum das Bild von einem Russland, das vom Westen in die Ecke gedrängt wird. Eigentlich will sie nicht einmal mehr an ein Russland glauben, das sich um Reformen bemüht. Dawisha hat ihre Sicht gründlich geändert: "Die wichtigste Geschichte der vergangenen zwanzig Jahre wäre dann nicht eine über gescheiterte Demokratisierung, sondern der Aufstieg eines neuen russischen Autoritarismus. Anstatt die Fehler der Reformer und Intellektuellen zu erklären, die den radikalen Wandel versuchten, sollten wir uns auf die bemerkenswerte Geschichte einer Gruppe von unverbesserlichen, entschlossenen und revanchistischen KGB-Offizieren konzentrieren, die mit Entsetzen den Kollaps der Sowjetunion und ihren eigenen Machtverlust beobachteten. Zusammen mit dem organisierten Verbrechen in Russland planten sie ab Ende der 80er Jahre ihre Rückkehr an die Macht. Mit Hilfe eines skrupellosen internationalen Offshore-Bankensystems stahlen sie dem russischen Staat das Geld, brachten es ins Ausland in Sicherheit, reinvestierten es in Russland und übernahmen dann, Stück für Stück, den Staat selbst."

Absolut in den Bann geschlagen ist der irische Autor Colm Toibin von der Goya-Ausstellung in Boston. Natürlich haben ihn die Selbstporträts und die Bilder des Krieges erschüttert. Aber am stärksten scheint ihn die Familie des Infante Don Luis beeindruckt zu haben: "Gemalt im Profil, ist er alt geworden, in scharfem und dramatischen Kontrast zu seinem jungen Sohn, der hinter ihm steht und, ebenfalls im Profil, das gleiche Gesicht hat, nur eben jünger, zart und unschuldig, das gleiche stille Wesen. Der Infante steht in Kontrast zu seiner Frau, die größer, wacher und lebendiger als ihr Mann erscheint. Das Auge gleitet über die drei, und wird doch am meisten von der Melancholie des Infante angezogen. Sein Blick ist körperlos, aber nicht leer, voll Wissen und Trauer. Als Goya das Bild malte, hatte der Infante die Gunst seines Bruders, des Königs verloren, doch das Gefühl des Verlustes und der schwindenden Macht ist nicht weltlich, es rührt von der Zeit, von der Erfahrung des Lebens, und diese Erfahrung ist das Schwinden der Zeit."

Weiteres: David Cole empfiehlt dringend Bryan Stevensons Buch "Just Mercy", in dem der Anwalt vieler schwarzer Todeskandidaten sehr genau die rassistischen Tendenzen der amerikanischen Strafjustiz aufzeige, aber auch die Möglichkeiten, dagegen zu kämpfen, etwa die Equal Justice Initiative. Rachel Donadio preist das Werk der großen Elena Ferrante.

Magazinrundschau vom 11.11.2014 - New York Review of Books

Beim Internet der Dinge geht es nicht um Dinge, sondern um billige Daten, schreibt Sue Halpern und warnt davor, diese Entwicklung weiter zu ignorieren, nur weil so vieles davon gruselig oder überflüssig erscheint: "Jüngste Enthüllungen von Glenn Greenwald bezifferten die von der Regierung überwachten Amerikaner auf sagenhafte 1,2 Millionen. Wenn das Internet der Dinge erst einmal installiert ist, könnte sich diese Zahl leicht auf alle anderen ausweiten, denn ein System, das den Menschen daran erinnert, im Supermarkt noch Joghurt zu kaufen, weiß auch, wer und wo er ist und und mit wem er gerade was getan hat. Diese Informationen geben wir dann unwissentlich oder freiwillig heraus, meist ohne zu fragen oder zu klagen, aus reiner Bequemlichkeit. Mit anderen Worten: Wenn menschliches Verhalten nachverfolgt und in gewaltigem Maße vermarktet wird, dann schafft das Internet der Dinge die perfekten Bedingungen für die Ausweitung und Stärkung des Überwachungsstaats. In der Welt des Internets der Dinge können das Auto, die Heizung, der Kühlschrank, die Fitness-App, die Kreditkarte, der Fernseher, die Jalousie, die Medikamente, die Kamera, das EKG, die elektrische Zahnbürste und die Waschmaschine - vom Telefon ganz zu schweigen - einen kontinuierlichen Datenstrom erzeugen, über den die Individuen keine Kontrolle mehr haben, dafür aber diejenigen, die dafür bezahlen oder ihn sich in anderer Weise aneignen."

Außerdem: Jed S. Rakoff beschreibt in einem interessanten Hintergrundartikel, wie die starke Position der Staatsanwaltschaft und ein System von drakonischen Mindeststrafen in den USA dazu geführt hat, dass nur noch drei Prozent der Fälle tatsächlich vor Gericht verhandelt werden, in 97 Prozent werden Absprachen getroffen: Rund zehn Prozent der Angeklagten, die sich bei solchen forcierten Deals schuldig bekannt haben, waren tatsächlich unschuldig. David Shulman blickt auf den Gaza-Krieg dieses Sommers zurück, der Israel keinen Schritt weit aus seinem militärischen, politischen und moralischen Dilemma herausgeführt habe.

Magazinrundschau vom 28.10.2014 - New York Review of Books

Während sich die Berichterstattung über Syrien weitgehend auf den Vormarsch des IS im Norden und Osten des Landes konzentriert, ist im Ballungsraum um Damaskus wieder so etwas wie Normalität eingekehrt. "Es ist leicht geworden, so zu tun, als gäbe es gar keinen Krieg", berichtet Charles Glass in einer sehr interessanten Reportage. Dazu schließen die Befehlshaber der Armee lokale Vereinbarungen mit Rebellenführern, sich nicht anzugreifen: ""Für die Regierung sind lokale Abmachungen nur ein Bestandteil ihrer militärischen Strategie", erläutert ein UN-Mitarbeiter, der an den Gesprächen zwischen den verfeindeten Parteien beteiligt ist. "Zerstückele Gegenden. Isoliere sie. Belagere sie, bis die Leute einsehen, dass sie den Krieg nicht gewinnen werden und sich auf Verhandlungen einlassen. Die Opposition nennt diese Strategie "Geh in die Knie oder Verhungere". Die Regierung gebraucht den Begriff "Aussöhnung". Wir nennen es "Kapitulation"."

Weitere Artikel: Vor dreißig Jahren führte New York gnadenlose und rassistische Richtlinien zum Vorgehen der Polizei ein, die bis heute gelten, schildert Michael Greenberg und hofft nun mit dem neuen Bürgermeister Bill de Blasio und seinem Polizeibeauftragten Bill Bratton auf einen Kurswechsel. Und George Soros ermahnt Europa, sich nicht von Putin an der Nase herumführen zu lassen.

Magazinrundschau vom 07.10.2014 - New York Review of Books

In London leben oder in New York? Zadie Smith braucht beide Städte: "Wenn ich in England bin, wie jeden Sommer, sehe ich die Grenzen meines Lebens. Das Hirn, das eine Haarbürste in den Kühlschrank legt, das Bein, in dem Schmerzen von der Hüfte bis zu den Zehen strahlen, die reizenden Kinder, die meine ganze Zeit fressen, die ungelesenen und ungeschriebenen Bücher." New York ist dann immer wieder ein Schock: alles Energie und Aggressivität. "Man würde hier nicht leben, wenn der Wahn einer Realität, die sich um die eigenen Wünsche herum bildet, nicht ein starker Teil der eigenen Persönlichkeit wäre. "Eine Realität, die sich um die eigenen Wünsche herum bildet" - es liegt etwas soziopathisches in diesem Ehrgeiz. Es beschreibt auch angemessen, was Literatur schreiben ist. Und in einer Stadt zu leben, in der jeder denselben Tunnelblick und obsessiven Focus hat wie ein Schriftsteller, bedeutet, die eigenen Verhaltensstörungen in der Herde zu verstecken. Objektiv gesehen bin ich in Manhattan genauso begrenzt wie in England. Ich gehe jeden Tag zehn Blocks weit, bin in den gewöhnlichen Alltag verstrickt, reduziert über das zu schreiben, was vor meiner Nase ist. Aber Tatsache bleibt, dass ich hier schreibe. Die Arbeit wird gemacht."
Stichwörter: London, New York, Smith, Zadie