Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 07.03.2014 - New York Review of Books

Der Historiker Timothy Snyder stellt klar, dass Janukowitschs Oligarchen das reaktionäre Regime war, vor dem die russische Propaganda so gern warnt. Die rechte Swoboda-Partei hat aber durchaus eine wichtige Rolle bei der Revolution gespielt, erklärt er in einem interessanten Hintergrundstück: "Als sie auf die Barrikaden ging, hat sie sich selbst von dem Regime befreit, dem sie als Bollwerk diente. Eine von Janukowitschs moralischen Grausamkeiten war es, die gemäßigt rechte Opposition zu zerschlagen und die Opposition der extremen Rechte zu unterstützen. Indem er seine größte Gegnerin Julia Timoschenko ins Gefängnis warf, konnte Janukowitsch die Demokratie zu einem Spiel machen, in dem nur noch er und die extreme Rechte mitspielten." Aber die Rechnung ging nicht auf: "Gegen den Willen ihrer Parteiführer kämpften jungen Swoboda-Mitglieder in großer Zahl an der Seite von Menschen mit ganz anderen Vorstellungen. Sie kämpften, brachten sich in Gefahr und starben, manchmal um andere zu retten. In postrevolutionären Situationen werden sich diese junge Männer eine neue Führung suchen."

Außerdem: Drew Gilpin Faust liest das voraussichtlich letzte Buch des Historikers David Brion Davis, "The Problem of Slavery in the Age of Emancipation". Und Edward Mendelson stellt den "geheimen Auden" vor.

Magazinrundschau vom 07.01.2014 - New York Review of Books

Tim Judah gibt eine wohlinformierte, wenn auch etwas pädagogisch zu lesende Einführung in die gegenwärtigen Wirren in der Ukraine, liefert aber auch eine Information, die EU-Skeptiker von Broder bis Gysi wird schlucken lassen. Sie betrifft die "diametral entgegengesetzten Wege Polens und der Ukraine. Im Jahr 1990 lag ihr statistisches Bruttoinlandsprodukt gleichauf, das gleiche galt für die Sterblichkeitsraten. Nun ist das Bruttoinlandsprodukt des EU-Mitglieds Polen dreimal so hoch wie das der Ukraine, und Polen haben eine um fünf Jahre längere Lebenserwartung als Ukrainer. Die polnische Bevölkerungszahl ist etwa gleich geblieben, während die alternde Ukraine 6 Millionen Einwohner verloren hat - 11 Prozent ihrer Bevölkerung."

Außerdem erklärt Alice E. Marwick in der neuen Nummer der NYRB, wie Privatunternehmen durch Big Data den Verhaltensweisen individueller Personen auf die Spur kommen - eine Technik, die besonders auch der NSA-Gläubige Barack Obama für seine erfolgreiche Wahlkampfkampagne 2012 nutzte. Und Paul Wilson liest die gut tausendseitigen, mit Essays über die Totalitarismen versetzten Lebenserinnerungen des tschechischen Dissidenten Ivan Klima (die auf Deutsch bisher nicht erschienen sind): "My Crazy Century".

Magazinrundschau vom 03.12.2013 - New York Review of Books

Marina Warner stellt zwei Publikationen vor, die sich mit der Darstellung von Seeungeheuern auf historischen Landkarten beschäftigen ("Sea Monsters on Medieval and Renaissance Maps" von Chet Van Duzer und "Sea Monsters: A Voyage Around the World's Most Beguiling Map" von Joseph Nigg), außerdem den Katalog zu einer Ausstellung über Hexen und andere böse Wesen. "Kartografen des Mittelalters und der frühen Neuzeit berufen sich auf Augenzeugen der Gattung, die auch heute noch über Sichtungen des Ungeheuers von Loch Ness berichtet. Es sind frühe Reisende wie Marco Polo, Seefahrer, Pilger, Kuriositätensammler und jene Scharlatane, die bei ihren Darbietungen in Amsterdam, Venedig und London Wunder und Missgeburten zur Schaus stellten. Petrarca ist eine dieser überraschenden Instanzen; er wird von dem Entdecker Sebastian Cabot als Quelle für den Schiffshalter genannt, ein Ungeheuer, das zwar klein ist, sich aber an ein Schiff heftet, es trotz Wind und Strömung zum Stillstand bringt und in die Tiefe zieht. Auf Illustrationen ähnelt es einer gigantischen Assel."

Leider löst die neue Edition der Briefe Leonard Bernsteins das, was Robert Gottlieb das "Lenny problem" nennt, ganz und gar nicht. Das Problem definiert er aber schon mal ganz schön: "Ist er echt oder spielt er nur? Lieben wir ihn oder wollen wir ihn in den Hintern treten? Und reagieren jene, die ihn zum ersten Mal ohne Vorprägungen und Erwartungen erleben, genauso auf ihn wie wir, die ihn in allen seinen Verkleidungen live erlebten?" Aus den Briefen geht für Gottlieb noch mal neu hervor, was wir schon wussten: "Er ist ein Performer. Und seine Briefe sind Performances."

Außerdem: Die Autorin Lorrie Moore bespricht Abdellatif Kechiches Film "Blau ist eine warme Farbe" ("La Vie d'Adèle"), der in Cannes letztes Jahr wegen seiner lesbischen Liesbesszenen Riesenaufsehen erregt: "Sie sind zu lang, emotional belanglos, schauspielerisch unvorteilhaft und trübe anzusehen, wie die meisten langen Sexszenen." Joyce Carol Oates hat sich dagegen ziemlich gut mit der Autobiografie des Boxers Mike Tyson amüsiert, der ein überraschend gesundes Verhältnis zu seiner Karriere zu haben scheint.

Magazinrundschau vom 19.11.2013 - New York Review of Books

Zadie Smith denkt über die italienische Renaissance, das Menschsein und den toten Körper nach und kommt schließlich auf Karl Ove Knausgards megalomane Lebensbeschreibung zu sprechen, die im Original und in allen Sprachen "Mein Kampf" heißt und das Leben des Autors en detail festhält. In New York, erzählt Smith, vergeht keine Literati-Party, ohne dass über Knausgard diskutiert werde: "Wenn wir beim Essen über ihn reden - wie Groupies über ihre Lieblingsband - erscheinen mir die meisten Leute genauso wie ich überwältigt von der Zeit, die sie in Karl Oves Haut gesteckt hatten. Doch es gibt immer einen Einspruch. Einspruch gegen die Langeweile, die wahrscheinlich nicht einmal Knausgard selbst leugnen würde. Wie Warhol versucht er nicht mal, interessant zu sein. Aber es ist nicht die gleiche Langeweile, wie Warhol sie feierte, diese reine Form der Sinnlosigkeit, die einen "besser und leerer" macht. Knausgards Langeweile ist barock. Sie kommt in vielen Ausprägungen: die Langeweile Kindergeburtstag zu feiern, Bier zu kaufen, verheiratet zu sein, eine Familie zu haben, zu schreiben, man selbst zu sein. Es ist eine Kathedrale der Langeweile. Und wenn man sie betritt, sieht sie fast genauso aus wie diejenige, in der man selber lebt."

(In n+1 preist Sophie Pinkhams Knausgards Opus als überwältigend kunstloses und wahrhaft skandinavisches Meisterwerk, das in Norwegen auch sehr konkret eingeschlagen hat: "Viele seiner Verwandten waren empört, einige haben jeden Kontakt zu ihm abgebrochen. Seine Frau verfiel in manische Depressionen, als sie das erste Manuskript las.")

Weiteres: Michael Tomasky staunt, dass die Republikaner nach ihrem großen Debakel schon wieder Oberwasser in Washington haben. Graham Robb vergnügt sich mit Richard Holmes' Geschichte der Ballonfahrt "Falling Up".

Magazinrundschau vom 05.11.2013 - New York Review of Books

"Privatsphäre ist Diebstahl", lernt Margaret Atwood aus Dave Eggers Roman "The Circle", der in die eisige Glaswelt von Google und Facebook führt: Jede Wahl wird aufgezeichnet und bewertet, jeder Geschmack gnadenlos bewertet. Der Kunstkritiker John Ruskin - von dem das berühmte Diktum stammt: ' Sagen Sie mir, was Sie mögen, und ich sage Ihnen, wer Sie sind' - betrachtete schlechten Geschmack als moralischen Angriff, und die jungen Leute aus dem Circle unterschreiben dieses Dogma umstandslos: Nichts lässt einen schneller abblitzen als ein Paar uncooler Jeans. Utopia ist offenbar ziemlich genau wie Highschool, nur mit noch mehr Hausaufgaben."

Außerdem u.a.: Kenneth Roth fragt, wie Syriens Diktator Assad eigentlich das Signal verstehen soll, das ihm der Westen gegeben hat: "Rotes Licht für Chemiewaffen, grünes Licht für konventionelle?" Masha Gessen schreibt über die russische Küche. Mark Lilla bespricht den Hannah-Arendt-Film von Margarete von Trotta.

Online ist jetzt auch Sue Halperns Text über Big Data, Soziale Medien und die schwindende Privatsphäre. Nach Lektüre mehrerer Bücher zu dem Thema kann sie immer noch nicht glauben, wie unbekümmert wir das "größte Überwachungssystem aller Zeiten" mitgeschaffen haben: "Aus freien Stücken verwenden die Leute Mobiltelefone, obwohl die Ortungssysteme sie zu erstklassigen Geräten des Aufspürens machen. Wie erstklassig, das wurde deutlich, als der Spiegel berichtete, dass die NSA den Großteil aller sensiblen Daten anzapfen kann, die auf Smartphones gespeichert sind, inklusive Kontakten, SMS, Notizen und Informationen darüber, wo sein Nutzer sich aufgehalten hat. Aber wen kümmert die NSA - GAP weiß, dass wir in der Nähe sind und bietet uns 20 Prozent Rabatt auf einen Kaschmir-Pullover!"

Magazinrundschau vom 22.10.2013 - New York Review of Books

Die New York Review of Books feiert fünfzigsten Geburtstag! Erst wenige Artikel aus dieser Jubiläumsausgabe sind online. Lesen darf man aber schon die Besprechung von Thomas Pynchons Roman "Bleeding Edge" über den 11. September durch den Schriftsteller Michael Chabon. Er sieht darin alle von Pynchon bekannten Motive und Topoi versammelt: seinen Kampf gegen das, was Jack Kirby die "Antilebens-Gleichung" nannte, Verschwörungstheorien und Ironie als dramaturgisches Mittel. „"Seit 'V.'’ sind fast alle seine Romane auf einer Basis von Kriminalliteratur angelegt, unterlegt mit Science Fiction, Jungsabenteuer, Western, Spionageroman und anderen Genres, die sich wie Verschwörungsstheorien auf geheime Pläne stützen. Seine gebrochenen Plots enthüllen die erkenntnistheoretische Gebrochenheit paranoider Systeme, die im Grunde nichts weiter als Versuche sind, hochfliegend, jedoch nicht weniger dazu verurteilt genau wie alle anderen daran zu scheitern, aus einer kaputten Welt schlau zu werden.“"

Zu lesen ist außerdem die Erzählung „"Love in the Gardens“" von Zadie Smith.

Magazinrundschau vom 29.10.2013 - New York Review of Books

Fünfzig Jahre nach der Entkolonialisierung geraten die arabischen Revolutionen in eine tragische Sackgasse. Vielleicht erklärt dieser Hintergrund das große Interesse, das die Übersetzung von Albert Camus' Schriften zu Algerien in den amerikanischen Kulturzeitschriften auslöst. Auch damals steckte Algerien in einem Dilemma, dessen Grausamkeit niemand genauer empfinden konnte als Camus - und das ihm von linken Intellektuellen bis heute hämisch vorgehalten wird. Claire Messud, selbst Tochter eines pied noir beschreibt es in knappen Sätzen: "Schon seit den dreißiger Jahren hat Camus die moralischen Rechte der indigenen algerischen Bevölkerung anerkannt und verlangt, dass diese Rechte gewährt wurden. Aber sein Beharren auf Gerechtigkeit erlaubte ihm nicht, die andere algerische Bevölkerung im Stich zu lassen: Er versuchte Lösungen zu präsentieren, die die Rechte aller Algerier schützen sollten. Da er nicht durchdrang, fiel er in Schweigen."

Außerdem: Stephen Breyer, Richter am Supreme Court, spricht über seine Liebe zu Marcel Proust, mit dessen Recherche er Französisch gelernt hat.

Magazinrundschau vom 08.10.2013 - New York Review of Books

John Banville hat mit angehaltenem Atem die neuen Kafka-Bücher von Saul Friedländer ("Franz Kafka") und Reiner Stach ("Die Jahre der Entscheidungen" und "Die Jahre der Erkenntnis") gelesen. Friedländers These zu Kafkas Homosexualität lässt er stehen, ohne näher auf sie einzugehen, aber Stachs bisher zweibändige Biografie preist er in höchsten Tönen: "Dies ist eine der großen literarischen Biografien, die im Bücherregal neben oder vielleicht sogar noch über Richard Ellmanns 'James Joyce', George Painters 'Marcel Proust' und Leon Edels 'Henry James' gehört. In seinem Werk gelingt Stach eigentlich etwas wahrhaft Originelles: In einer Kombination aus unermüdlicher Gelehrsamkeit, frappierender Empathie und einem Stil, den man vielleicht am besten als leidenschaftlich flüssig bezeichnet, gibt er wirklich eine Ahnung davon, 'was es bedeutete, Kafka zu sein'. Er hat sich selbst die Proustsche Aufgabe gesetzt, eine ganze Welt heraufzubeschwören und darzulegen, und er hat diese Aufgabe mit bemerkenswerten Erfolg gemeistert. Das Ergebnis ist ein unheimlich direktes Porträt von einem der beständigsten und rätselhaftesten Meister der Literatur."

Weiteres: Jennifer Homans lobt Elizabeth Kendalls Balanchine-Biografie, die neue Einblick über die Jugend und georgische Herkunft des Choreografen gewähre. Malise Ruthven diskutiert Akbar Ahmeds Buch "The Thistle and the Drone", das nachzeichnet, wie der Krieg gegen den Terror zu einem Krieg gegen den tribalistischen Islam in Afghanistan und Pakistan wurde. Timothy Snyder liest mehrere Bücher, die sich mit Herschel Grynszpan befassen, der 1938 in Paris ein Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath verübte, was die Nazis wiederum zum Vorwand für die Novemberpogrome benutzten.

Magazinrundschau vom 24.09.2013 - New York Review of Books

Nach der Gruppenvergewaltigung ist in Indien einiges passiert, um sexuelle Angriffe auf Frauen - auch in der Ehe - schneller und konsequenter zu ahnden, stellt der Ökonom und Nobelpreisträger Amartya Sen fest. Beim Frauenhandel, von dem besonders die Armen betroffen sind, hat sich dagegen ebenso wenig getan wie beim Problem des Mädchenmords. Während im Süden und Osten des Landes das Verhältnis (ganz wie in der EU) 935 Mädchen auf 1000 Jungen kommen, sind es im Norden und Westen nur 900, mitunter nur 850 Mädchen auf 1000 Jungen: "Wir müssen fragen, warum die Bildung von Frauen und ihr damit gewachsener Einfluss auf Familienentscheidungen nicht dazu beigetragen hat, die selektive Abtreibung weiblicher Föten zu unterbinden. Gebildete Mütter vernachlässigen in der Regel Mädchen gegenüber Jungen weniger, sobald sie erst einmal geboren sind; aber sie sind genauso erpicht darauf, einen Jungen statt eines Mädchens zu bekommen wie unausgebildete Mütter. Hier müssen wir einen genaueren Blick auf die Familienwerte werfen, der über die Rolle der Frauen und ihren Einfluss auf Familienentscheidungen hinausgeht. Es scheint an jedem Bewusstsein darüber zu mangeln, wie verquer es ist, ein Mädchen gegenüber einem Jungen für minderwertig zu halten, aber auch am Wissen darüber, wie es an Orten aussieht, wo diese Diskriminierung gegen Mädchen nicht stattfindet."

Weiteres: Die Schriftstellerin A.S. Byatt huldigt ihrem Kollegen Sjon, der Island mit seinen Romanen fest auf der literarischen Weltkarte verankert habe. Hugh Eakin und Alisa Roth schildern die katastrophale Situation der syrischen Flüchtlinge, deren Zahl auf mittlerweile zwei Millionen angestiegen ist.

Magazinrundschau vom 10.09.2013 - New York Review of Books

Amerikas Juden sind einfach nicht wirklich informiert über Israel, weil sie so gut wie nie mit Palästinensern sprechen. Darum fehlt ihnen oft sogar das grundlegendste Wissen, und das ist gefährlich, meint Peter Beinart, dessen Buch "Die amerikanischen Juden und Israel" im Frühjahr bei uns erschienen ist. "1989 fragte der Soziologe Steven M. Cohen amerikanische Juden, ob 'arabische Israelis und jüdische Israelis generell auf die selben Schulen gehen'. Nur ein Drittel der Befragten wusste, dass die Antwort nein lautet. In einer Umfrage des Arabisch-Amerikanischen-Instituts 2002 erklärten zwei Drittel der amerikanischen Juden, sie wünschten sich, dass Jerusalem Israels ungeteilte Hauptstadt bleiben solle. Aber als sie über Ras al-Amud und Silwan befragt wurden, zwei der palästinensischen Viertel, die vom Rest Jerusalems getrennt würden, um eine palästinensische Hauptstadt zu bilden, erklärten mehr als zwei Drittel der amerikanischen Juden entweder diese Viertel für unwichtig oder gaben zu, nicht zu wissen, wo sie sind."

Außerdem: Yasmine El Rashidi fasst in einem gut informierten Artikel die Ereignisse in Ägypten in den letzten Monaten zusammen, und sie fragt sich, wann die "richtige Revolution", die Islamisten und Generäle gleichzeitig wegfegt, kommen wird. Inzwischen übernehmen Quallen die Meere und wir sind selbst daran schuld, lernt Tim Flannery aus Lisa-ann Gershwins Buch "Stung! On Jellyfish Blooms and the Future of the Ocean".