Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

570 Presseschau-Absätze - Seite 26 von 57

Magazinrundschau vom 14.02.2017 - London Review of Books

David Bromwich bekundet in einem ellenlangen, nicht immer ganz konsistenten Text seinen Abscheu vor Donald Trump, kommt am Ende aber doch noch zu einem wichtigen Punkt: "Die Demokraten haben vergessen, was es heißt, Opposition zu sein. In der Ära von Clinton, Bush und Obama zählte nur die Präsidentschaft. Selbst als die Partei ihre Mehrheit in einem oder beiden Häusern verlor, galten Dekrete und Vetos als genauso gut wie Gesetze oder zumindest als so gut wie eben möglich. Die politischen Talente der Partei wissen es besser - Senatoren wie Sherrod Brown und Sheldon Whitehouse, Elizabeth Warren und Chris Murphy -, aber viele anderen realisieren gar nicht, wie sehr sie kapituliert haben. 'Eine Mehrheit', sagte Lincoln in seiner ersten Antrittsrede, 'die durch verfassungsmäßige Kontrollen und Beschränkungen in Schach gehalten wird und sich mit wohlüberlegten Veränderungen der öffentlichen Ansichten und Empfindungen wandelt, ist der einzig wahre Souverän eines freien Volkes.' Sind Amerikaner nach dieser Maßgabe ein freies Volk?"

Weiteres: Sidney Blumenthal wirft einen Blick in die schmuddlige Ecke, aus der Donald Trump emporgestiegen ist: Trumps Vater war ein rassitsicher Schläger, sein Mentor ein Mafia-Anwalt: "Er repräsentiert vor allem den Triumph einer Unterwelt von Beutemachern, Schwindlern, Gangstern, Vereinspolitikern und Boulevardgrößen." David Trotter liest zwei neue Bücher über Orwell.
Stichwörter: Trump, Donald, Mafia, Schach

Magazinrundschau vom 31.01.2017 - London Review of Books

Patrick Cockburn prangert die seiner Ansicht nach einseitige Berichterstattung der Medien über die Kämpfe in Aleppo an, die natürlich vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass das Assad-Regime keine Journalisten nach Syrien lässt, während die islamistischen Rebellen mehrere Reporter ermordeten. Trotzdem: "Dass die mit al Qaida verbundenen Gruppen ein Monopol auf die Verbreitung von Nachrichten aus dem Osten Aleppos hatten, heißt gar nicht mal, dass die Berichte über die verheerenden Bombardements nicht stimmten. Die Bilder von zerstörten Gebäuden und Zivilisten im Zement waren nicht fabriziert. Aber sie waren selektiv. Wir sollten uns daran erinnern, dass sich laut UN-Angaben 8.000 bis 10.000 Rebellen im Osten Aleppos befanden, aber kein einziges Video im Fernsehen zeigte bewaffnete Männer. Westliche Sender bezeichneten die Gruppen, die Ost-Aleppo verteidigten als die Opposition, ohne al Qaida und ihre Verbündeten zu erwähnen. Auch herrschte die implizite Annahme, dass die Bewohner im Osten Aleppos gegen Assad sind und die Aufständischen unterstützen, doch am Ende wollte nur ein Drittel - 36.000 - in das von den Rebellen evakuierte Idlib evakuiert werden. Die meisten - 80.000 - bevorzugten die von der Regierung gehaltenen Gebieten im Westen Aleppos. Nicht dass sie erwarteten, dort gut behandelt zu werden - sie glaubten nur, dass das Leben unter den Rebellen noch gefährlicher wäre. Im syrischen Bürgerkrieg gibt es nur die Wahl zwischen dem kleineren und dem größeren Übel."
Kaum ein Wort verlieren die Medien dagegen über Mossul, das irakische Truppen und ihre westlichen Alliierte bereits seit vier Monaten vom IS zurückzuerobern versuchen: "Am 11. Januar erklärte die UN-Gesandte Lise Grande, die Stadt erlebe einen der heftigsten Häuserkämpfe seit dem Zweiten Weltkrieg."

John Lanchester ahnt, warum die Sprachassistenten Siri, Alexa und Echo das neue große Ding geworden sind: "Es ist kaum vorstellbar, dass wir noch mehr Zeit als bisher an Bildschirmen und Tastaturen verbringen, aber es gibt noch so viel mehr Stunden am Tag, und die Tech-Konzerne würden auch gern in dieser Zeit Geld machen." Tim Cross erklärt zudem im Guardian, dass Moores Gesetz, nach dem Prozessoren ihre Leistung verdoppeln alle zwei Jahre, ausgereizt ist.

Weiteres: Hilary Mantel schreibt über Margaret Pole, englische Adlige und Gegenspielerin Heinrich VIII. John Lahr liest Bruce Springsteens Memoiren.

Magazinrundschau vom 17.01.2017 - London Review of Books

Es war Frauenverachtung, die Donald Trump nach oben gebracht hat, hält Rebecca Solnit in einem zornigen Text fest. Sie erinnert noch einmal daran, dass Trumps Aufstieg und der Niedergang wahrheitsgetreuer Medien in großem Maße vom Sender Fox News befeuert wurde, den Trumps Medienberater Roger Ailes wie ein Ein-Mann-Bordell geführt hatte. Aber die Misogynie zeigt sich für Solnit vor allem darin, dass Hillary Clinton machen konnte, was sie wollte, sie war immer schuld: "Allein Hillary Clinton stand zwischen uns und einem rücksichtslosen, instabilen, ignoranten, geistlosen, unendlich vulgären, den Klimawandel leugnenden, weiß-nationalistischen Frauenfeind mit autoritären Ambitionen und kleptokratischen Plänen. Doch viele Leute, besonders weiße Männer, konnten sie nicht leiden, und das ist eben auch ein Grund für Trumps Sieg. ... Nie gaben sich diese Männer selbst die Schuld, dass sie Donald Trump nicht aufgehalten haben, auch nicht den Wahlmännern und nicht dem System."

Sehr lesenswert erzählt Adam Shatz die Geschichte Frantz Fanons nach, dessen Schriften in Frankreich gerade neu herausgegeben wurden. Shatz erinnert an Fanons Theorie der Entkolonialisierung, seine Zeit als Psychiater im Algerienkrieg, seinen Glauben an die Gewalt und kommt dann zu einem Schluss, der sehr typisch ist für die amerikanische Linke: "Der Universalismus ist als Währung entwertet: Bei allem Gerede von Transnationalismus sind die einzigen beiden postnationalen Projekte, die derzeit im Angebot stehen, die flache Welt der Globalisierung und die islamistische Tabula Rasa des Kalifats: Davos und Dabiq. Doch Fanon wird nicht verschwinden. Den Glauben an die reinigende Kraft der Gewalt teilt nicht nur der Islamische Staat, dessen spektakuläre Attacken und aufgeschlitzte Kehlen einer Low-Tech-Variante von 'Shock and Awe' gleich kommen, sondern auch die Architekten des Dronenkriegs und der humanitären Intervention. Die von Fanon aufgeworfenen Fragen über die Grenzen des westlichen Humanismus und die Kluft zwischen Arm und Reich, sind noch immer relevant."

Weiteres: Seit die USA auch europäische Firmen belangen, wenn diese im Ausland bestechen oder korrumpieren, betonen vor allem Ölkonzerne ihre strengen Compliance-Regeln. Alexander Briant erzählt, wie er von einem "britischen Ölkonzern" als Anwalt nach Nigeria geschickt wurde, um intern in Port Harcourt zu ermitteln.

Magazinrundschau vom 20.12.2016 - London Review of Books

Schriftsteller rufen gern dazu auf, vor die Stadt- und Gemeinderäte zu ziehen, um gegen die Schließung von Büchereien zu protestieren. Sie sollten sich lieber an die Tore von Downing Street ketten, meint Tom Crewe und zeichnet in einem nicht ganz leicht konsumierbaren Text nach, wie Englands Städte und Gemeinden von der Zentralregierung zu Tode gespart werden. Denn kein Land ist so zentralistisch und dirigistisch wie Großbritannien. Seit 2010 wurden die Ausgaben der lokalen Behörden um 37 Prozent reduziert und sollen über die nächsten Jahre weiter gesenkt werden: "Hunderte von Freizeit-Zentren, Schwimmbädern und Spielplätzen wurden geschlossen oder verkauft. Vier von fünf Städte haben die Ausgaben für öffentliche Toiletten gekürzt, 1782 Anstalten wurden geschlossen. Viele Städte unterhalten jetzt wie Manchester nur noch eine öffentliche Toilette, andere wie Newcastle gar keine. Investitionen in Kunst und Kultur wurden seit 2010 um 17 Prozent gesenkt: Jedes fünfte regionale Museum wurde geschlossen oder wird es demnächst; jedes zehnte will wieder Eintritt verlangen, die Besucherzahlen sind rückläufig. Im März berichtete die BBC, dass seit 2010 mindestens 343 Büchereien (von 4290) geschlossen wurden, mindestens 111 weitere Schließungen sind für dieses Haushaltsjahr geplant ... Die Pflege-Budgets in England wurden zwischen 2010 und 2015 um 4,6 Milliarden Pfund gekürzt. Die verbleibenden Dienste sind heillos überlastet: die Bezahlung ist katastrophal und die Ausbildung begrenzt. 2014 waren Englands Städte und Gemeinden nicht mehr in der Lage, Menschen mit 'geringem oder mittlerem Pflegebedarf' zu unterstützen."

Weiteres: Richard Seymour untersucht die Psychopathologie von Trollen. Mary Wellesley widmet sich dem deutlichen aristokratischeren Spleen, exotische Tiere auf seinem Anwesen zu halten.

Magazinrundschau vom 29.11.2016 - London Review of Books

Nein, die USA sind keine gescheiterte Demokratie, betont David Runciman, der mit einigen paradoxen Wendungen selbst Trump-Wählern ein hohes Maß an demokratischer Vernunft zubilligt: "Die Leute haben ihn gewählt, weil sie nicht an ihn glaubten. Sie wollten, dass sich etwas ändert, aber sie hatten auch Vertrauen, dass die grundlegende Anständigkeit und Beständigkeit der politischen Institutionen sie vor den schlimmsten Auswirkungen dieser Veränderungen bewahrt ... Die Leute, die ihn gewählt haben, glaubten nicht, dass sie viel aufs Spiel setzen, sie wollten nur ein System abstrafen, auf das sie für grundlegende Sicherheiten noch immer angewiesen sind. Das hat Trumps Wahl mit dem Brexit gemein. Als sie für ein Verlassen der Europäischen Union stimmten, mögen die britischen Wähler den Eindruck außergewöhnlicher Rücksichtslosigkeit erweckt haben. Doch tatsächlich zeugt ihr Verhalten auch von einem grundlegenden Vertrauen in das politische System, von dem sie so ostentativ angewidert sind: Es würde sie vor den Konsequenzen ihrer Entscheidung beschützen."

Weiteres: Jan-Werner Müller hält fest, dass es Trump nicht ins Weiße Haus geschafft hätte, ohne die Unterstützer in der Republikanischen Partei: "So wie Nigel Farage Johnson und Gove brauchte, hing Trumps Sieg entscheidend von Männern ab, die bereit waren, das ganze politische System aufs Spiel zu setzen." Frederick Wilmot-Smith diskutiert die jetzt am Supreme Court hängende Frage, ob das britische Parlament über den Brexit entscheiden.

Magazinrundschau vom 15.11.2016 - London Review of Books

Theresa May wird Großbritannien nicht nur aus der EU führen, sondern aus der Welt, fürchtet Neal Ascherson, dafür wird die politische und ökonomische Macht der Londoner Eliten noch größer werden. Das Parlament wird sie bestimmt nicht aufhalten. "Mit heruntergelassenen Hosen stand die parlamentarische Demokratie da, bis Anwälte des High Court, nicht Politiker ihr zu Hilfe kamen und die Hosen wieder hochzogen. Das Versagen der Parlamentarier, ihre so oft gepriesenen Rechte zu verteidigen, wird nicht so schnell vergessen werden. Nichts von dem, was May vorschlug, war verfassungswidrig. Es gibt ja keine Verfassung. Sie verstieß gegen eine uralte Konvention: Englands Glauben an die 'parlamentarische Souveränität'. Der Slogan im Referendum lautete: 'Take Back Control.' Aber Kontrolle worüber und von wem? Die, die unbedingt das Establishment hinter sich lassen wollten, riefen: 'Gebt dem Parlament seine Souveränität zurück, dem Unterstand des englischen Bundes. England ist nicht mehr England, wenn sein Parlament überstimmt werden kann - vor allem von Ausländern.' Aber das Gros der eher plebejischen Leaver fragte sich noch etwas anderes: Warum sollen sie Gesetzen folgen, die sie nicht mögen, die von Politiker erlassen wurden, die sie nicht gewählt haben? Es waren die imaginierten Rechte der Nation, die sie zurückforderten, nicht die von Westminster. Sie wollten nicht die parlamentarische Souveränität zurück, sondern etwas paradox Unenglisches, etwas Europäisches: Die Souveränität des Volkes."

Besprochen werden Colson Whiteheads Sklaverei-Roman "The Underground Railroad", Stefan Buczackis Venetia-Stanley-Biografie "My Darling Mr Asquith" und Peter Parkers Dichterleben "Housman Country".

Magazinrundschau vom 01.11.2016 - London Review of Books

Jenny Turner hat Edmund Gordons Biografie über Angela Carter gelesen und erzählt gleich noch einmal selbst das aufregende Leben der britischen Feministin und Autorin nach, die sich ganz der politischen und sexuellen Revolution verschrieben hatte und als Autorin das Schreiben als öffentlichen Akt begriff: "Rick Moody erinnerte sich an seine erste Begegnung mit ihr in einem Seminar für Kreatives Schreiben: Hinten meldete sich ein junger Typ und fragte mit skeptischer Stimme, was ihr Schreiben denn nun wirklich sei. Es folgte einige Ähs und Öhs, dann antwortete sie: Meine Arbeit schneidet wie die Stahlklinge am Schaft eines Penis.' Rushdie erinnerte sich, dass die Polizisten, die ihn in Zeiten der Fatwa beschützten, sie von all seinen Freunden am liebsten mochten. 'Sie stellte immer sicher, dass sie versorgt wurden, etwas Gutes zu Essen bekamen und einen Fernseher.'"

Owen Bennett-Jones vergleicht die Terrortruppen Al Qaida und dem Islamischen Staat und stellt fest, dass der IS mit seiner direkten aggressiven Strategie militärisch erfolgreicher war als Osama bin Laden mit seinen Angriffen auf die USA. Das liegt laut Bennett-Jones aber auch daran, dass der IS viel Unterstützung bekam. Einerseits von Saddam Husseins alten Offizieren aus Militär und Geheimdienst, andererseits von etlichen Regierungen: "Der Iran hat Zarqawi im Irak unterstützt und toleriert, dass die Schiiten von ihm abgeschlachtet werden, weil er die effektivste Opposition zum amerikanischen Besatzung im Irak darbot. Syrien sah das ähnlich und erlaubte seinen Al-Qaida-im-Irak-Kämpfern die Grenzen zu überqueren. Eine der geleakten Depeschen von Hillary Clinton enthüllte, dass sie bis 2014 fürchtete, Katar und Saudi-Arabien würden heimlich dem IS finanzielle und logistische Hilfe gewähren. Auch die Türkei half beiden Organisation in Syrien in de Hoffnung, dass sie Assad vertreiben würden. Selbst Assad half ihnen. In der Annahme, dass die Dschihadisten nicht die Stärke aufbrächten, ihn zu stürzen, entließ er sie aus dem Gefängnis, kaufte ihr Öl und bombardierte die Freie Syrische Armee, während er die IS-Stellungen in Ruhe ließ. Assads Idee war, entweder den Amerikaner oder den Russen so viel Angst einzujagen, dass sie sein Regime verteidigen würden. Russland hat angebissen."

Magazinrundschau vom 18.10.2016 - London Review of Books

Das Drama des Kongo, dem die eigenen Reichtümer nur Ausbeutung und Armut gebracht haben, kennt viele Akte. Einen besonders dunkel leuchtenden verfolgt Bernard Porter in Susan Williams Buch "Spies in the Congo": Wie sich die Amerikaner während des Zweiten Weltkriegs unter absoluter Geheimhaltung daran achten, Uranerz aus Katanga zu bekommen, das später auch eine entscheidende Rolle spielte bei der Sezession Katangas, dem Tod von Dag Hammarskjöld und der Ermordung von Patrice Lumumba 1961: "Es ist ein cleveres Buch, denn es gibt fast keine expliziten Beweise. Bekanntlich war das Manhattan-Projekt das bestgehütete Geheimnis während des Krieges (aus Angst vor den Russen, die gute Spione hatten) und das gilt nicht nur für Los Alamos. Die Shinkolobwe-Mine wurde von Landkarten getilgt, Uran wurde niemals namentlich in den Depeschen erwähnt. Williams - die sehr gekonnt die wenigen Indizien analysiert - glaubt, auf etwas gestoßen zu sein, wenn es um Diamanten geht. Als die Amerikaner erkundeten, wie sie Uran schmuggeln konnten, tarnten sie es als Untersuchung zum illegalen Diamantenhandel: Indem sie studierten, wie Diamanten geschmuggelt wurden, lernten sie, wie Uran geschmuggelt wird. Überfragt zeigt sie sich allerdings bei einem Satz, auf den sie in der Meldung eines Agenten vom August 1944 stieß: 'Ich habe keinen eisgekühlten Hummer bekommen, aber Information Nr. 295, die Angella aufgebrüht hat, wird Ihnen eine Ahnung geben - Duft oder Butter?'"

Weiteres: Im amerikanischen Wahlkampf zählen ja nur noch Gruppen, Eliot Weinberger listet auf, welche Donald Trump bisher gegen sich aufgebracht hat. Jean McNicol liest neue Veröffentlichungn über den Kriegspoeten Rupert Brooke und sein Liebesleben. Inigo Thomas versinkt in Turners "Rain, Steam and Speed".

Magazinrundschau vom 04.10.2016 - London Review of Books

Bei Marguerite Duras waren die Türen immer weit geöffnet, schreibt Joanna Biggs bewundernd, auch die italienische Journalistin Leopoldina Pallotta della Torre wurde eingelassen und durfte ein Interview mit der Autorin führen. Das Buch ist bereits 1989 erschienen, aber erst 2013 ins Französische und jetzt ins Englische übersetzt worden. Biggs kann gar nicht genug bekommen, wenn Duras schön erratisch über die Liebe, die Literatur und die Mandarine von Paris spricht: "Duras mochte andere Frauen, wenn sie Schauspielerinnen waren; Simone de Beauvoir konnte sie nicht leiden, Nathalie Sarraute war eine ihrer engsten Freundinnen. Dem Feminismus misstraute sie als einem 'blanken Aktivismus, der nicht zwangsläufig zur weiblichen Emanzipation führt'. Sie verließ die Kommunistische Partei in den späten Fünfzigern und sah im Marxismus ein Instrument, 'um Erfahrung und Sehnsucht zu zensieren'. Sie las meistens nachts bis drei oder vier Uhr früh - 'Tageslicht zerstreut die Intensität' - und zwar immer wieder 'Die Prinzessin von Clèves', 'Der Mann ohne Eigenschaften' und 'Moby Dick'. Zeitgenossen? 'Wer liest die denn? Ich glaube, die sind langweilig...'"

Weiteres: Adam Mars-Jones widmet sich ausführlichst Ian McEwan Roman "Nutshell", Jon Day liest Bücher über den tschechischen Langstreckenläufer Emil Zátopek. Außerdem schreibt Marina Warner über ihre Eltern.

Magazinrundschau vom 20.09.2016 - London Review of Books

In einem ungeheuer langen, sehr lesenswerten Essay bringt David Bromwich sein ganzes Unbehagen an der amerikanischen Debattenkultur zum Ausdruck, in der die Meinungsfreiheit mehr und mehr einem postulierten Recht weichen muss, nicht gekränkt zu werden: Die Gefühle der Zuhörer werden zur entscheidenden Instanz, während der Sprecher selbst seine Emotionen unterdrücken soll. "Das heroische Bild des Häretikers, der allein gegen die Kirche steht, des Dissidenten gegen den Staat, des Künstlers gegen die Massenkultur, verblasst immer mehr, einen Ersatz haben wir bisher nicht dafür. In einem späten Interview über seinen Abfall vom Katholizismus sagte Graham Greene, er sei durch Argumente bekehrt worden, die er irgendwann vergessen hatte. Etwas Ähnliches widerfährt gerade den Linksliberalen mit der Meinungsfreiheit. Vergangene Generationen wurden dazu gebracht, ihren Wert zu erkennen, jetzt sind die Argumente vergessen. Wenige fühlten sich durch die Zwänge der Zensur in ihren Rechten beschnitten; mehr jedoch zeigen ein Interesse daran, unangenehme Reden von Politikern und Angehörigen der 'dominanten Kultur' (die auch Weiße mit bescheidenem Einkommen umfasst) zu zensieren." Mit Verweis auf einen Artikel des Soziologen Jonathan Cole im Atlantic erklärt sich Bromwich die neue Repression an amerikanischen Elite-Universitäten damit, dass die Tugend- und Redenwächter bisher ein Leben "in sehr engen und geraden Bahnen" geführt haben: "Sie waren immer gut in Betragen und haben es nicht bereut. Sie sind schlecht gerüstet, irgendetwas zu verteidigen, das bei Autoritäten oder aktivistischen Kommilitonen als schlechtes Betragen zählt."

Passend dazu bespricht Jacqueline Rose Eimear McBrides aufwühlenden Roman "The Lesser Bohemian", der ihr das Wesen der modernen Literatur deutlich vor Augen führt: "Sie macht der Illusion ein Ende, dass die Welt oder die Sprache ein sicherer Platz sein können."