Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

582 Presseschau-Absätze - Seite 27 von 59

Magazinrundschau vom 14.03.2017 - London Review of Books

Jeremy Harding blickt auf den französischen Wahlkampf, der auf ein Duell zwischen Marine Le Pen und Emmanuel Macron hinauszulaufen scheint. Dass Macron den Kolonialismus als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet hat, hat dem Wahlkampf echten Zündstoff gegeben, doch in Hardings Augen macht das den ultraliberalen Macron noch nicht zu einem überzeugenden Kandidaten: "Alles an Macron zeugt mehr von Persönlichkeit als von einem Programm. En Marche! ist ganz auf seine Person zugeschnitten, dabei gar nicht nicht mehr nur eine Bewegung, sondern eine Partei (die Zahl ihrer Mitglieder wird mit 200.000 angegeben, liegt aber wahrscheinlich niedriger). Doch wie der Politikwissenschaftler Fabien Escalona kürzlich in Mediapart schrieb, ähnelt 'En Marche!' einem enthusiastischen Startup, das von den unternehmerischen Talenten seines Chefs und der 'Firmenkultur' zusammengehalten wird. Ein Vorbild für dieses Phänomen konnte Escalona in Frankreich allerdings nicht finden, ihn erinnert das stattdessen an die Gründung der Forza Italia 1993."

Theresa May erweckt stets den Eindruck, als würde sie jede Aufgabe, die ihr angetragen wird, gewissenhaft erfüllen. Nun hat man ihr den Brexit auf den Tisch gelegt, also erledigt sie den Brexit, Politik ist schließlich kein Spiel. David Runciman hat die gut recherchierte May-Biografie von Rosa Prince gelesen und entdeckt ganz andere Seiten an der Politikerin, die ihre Widersacher aus David Camerons Kabinett ziemlich kühl abservierte: "Durch den radikalen Bruch mit der Regierung ihres Vorgängers hat Theresa May den Eindruck geschaffen, sie sei nicht nur seine Nemesis, sondern sein Gegensatz. Cameron war ganz die charmant-jungenhafte Unbekümmertheit der Upperclass, mit sicherem Instinkt und der Hilfe seiner vernetzten Kameraden hielt er sich immer oben. May ist ernst und fleißig, sie scheint weniger opportunistisch und bereit, die Dinge nach ihrem Wert zu bemessen... Doch May ist eher Camerons Spiegelbild als seine Antithese. Politik ist für sie genauso eine persönliche Angelegenheit wie für ihn. Ihre Beziehungen gründen auf der Tugend der Beharrlichkeit, seine auf dem Vorteil, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Er brilliert bei der Abschlussprüfung, sie macht ihre Hausaufgaben. Das macht sie nicht zu einer Politikerin mit Substanz und ihn zu einem Mann der günstigen Gelegenheit. Beide sind Opportunisten. Ihr Führungsstil beruht sogar noch mehr auf Persönlichkeit. Denn wenn Politik ein Spiel ist, gelten immerhin einige Regeln."

Außerdem zu lesen ist Mary Beards LRB-Lecture, die in einem heiteren Mix aus Mythos, Politik und Geschichte über Frauen an der Macht erzählt: "Von Medusa bis Merkel".

Magazinrundschau vom 28.02.2017 - London Review of Books

Die interessantesten Beiträge zum Anthropozän kommen von Autoren, die den Begriff ablehnen, meint dagegen Benjamin Kunkel in seinem kilometerlangen Essay zum Thema: Für Ökomarxisten wie Jason Moore ("Capitalism in the Web of Life") und Andreas Malm ("Fossil Capital") sei die menschliche Spezies kein handelndes Subjekt, und anthropologische Konstanten wie Werkzeuge, Städte oder Schrift können den Klimawandel beschleunigen, aber sie sind nicht die Ursache. "Für Moore liegt der Fehler darin, dass die Rede vom Anthropozän die Menschheit als eine homogene Handlungseinheit darstellt, wo Menschen doch niemals in einem ursprünglichen Zustand auftreten. Es gibt sie nur in spezifischen historischen Gesellschaftsformen, die durch ihre jeweiligen gesellschaftlichen Besitzverhältnisse definiert sind und ganz unterschiedlich über die 'nicht-menschliche Natur' verfügen. Theorien, denen zufolge das Anthropozän vor zehntausend Jahren begonnen hat, sagen nichts über die ökologische Dynamik der letzten Jahrhunderte; Theorien dagegen, die das Anthropozän auf die Zeit des merkantilen, industriellen oder Nachkriegskapitalismus datieren, ignorieren entweder die spezifischen Ursprünge dieser Periode oder erkennen sie, analysieren sie aber nicht. Der Begriff vom Anthropozän ist nur vordergründig von Reiz, weil er zwar periodisiert, aber über den entscheidenden historischen Gehalt hinwegtäuscht. Moore schlägt vor, das Anthropozän in Kapitalozän umzubenennen, denn der Aufstieg des Kapitalismus nach 1450 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des menschlichen Verhältnis zum Rest der Natur, der einschlägiger ist als alle anderen historischen Wasserscheiden seit dem Beginn der Landwirtschaft."

Sehr dankbar liest Barbara Newman Leonora Nevilles Biografie der byzantinischen Kaisertochter Anna Komnene, die neben Roswitha von Gandersheim und Christine de Pizan eine der wenigen Historikerinnen des Mittelalters war. Allerdings wurde sie lange Zeit von ihren männlichen Kollegen diskrediert, die ihr seit dem Chronisten Niketas Choniates und ohne jeden Beleg vorwarfen, sich gegen ihren Bruder verschworen zu haben: "In Annas Fall war nicht das Problem, dass Edward Gibbon, Charles Diehl und andere versäumten, die Voreingenommenheit des Choniates' zu bemerken, sondern dass sie sie teilten. Eine Frau, die unerschrocken genug war, sich an die Geschichtsschreibung zu wagen, an die männlichste aller Gattungen, muss auch so machthungrig gewesen sein, dass sie sogar wünschte, wie Choniates behauptete, 'Glied und Hoden' zu haben."

Außerdem: Tony Wood beleuchtet das verkorkste Verhältnis zwischen Russland und dem Westen. Gavin Francis schreibt über das britische Gesundheitssystem in der Krise.

Magazinrundschau vom 14.02.2017 - London Review of Books

David Bromwich bekundet in einem ellenlangen, nicht immer ganz konsistenten Text seinen Abscheu vor Donald Trump, kommt am Ende aber doch noch zu einem wichtigen Punkt: "Die Demokraten haben vergessen, was es heißt, Opposition zu sein. In der Ära von Clinton, Bush und Obama zählte nur die Präsidentschaft. Selbst als die Partei ihre Mehrheit in einem oder beiden Häusern verlor, galten Dekrete und Vetos als genauso gut wie Gesetze oder zumindest als so gut wie eben möglich. Die politischen Talente der Partei wissen es besser - Senatoren wie Sherrod Brown und Sheldon Whitehouse, Elizabeth Warren und Chris Murphy -, aber viele anderen realisieren gar nicht, wie sehr sie kapituliert haben. 'Eine Mehrheit', sagte Lincoln in seiner ersten Antrittsrede, 'die durch verfassungsmäßige Kontrollen und Beschränkungen in Schach gehalten wird und sich mit wohlüberlegten Veränderungen der öffentlichen Ansichten und Empfindungen wandelt, ist der einzig wahre Souverän eines freien Volkes.' Sind Amerikaner nach dieser Maßgabe ein freies Volk?"

Weiteres: Sidney Blumenthal wirft einen Blick in die schmuddlige Ecke, aus der Donald Trump emporgestiegen ist: Trumps Vater war ein rassitsicher Schläger, sein Mentor ein Mafia-Anwalt: "Er repräsentiert vor allem den Triumph einer Unterwelt von Beutemachern, Schwindlern, Gangstern, Vereinspolitikern und Boulevardgrößen." David Trotter liest zwei neue Bücher über Orwell.
Stichwörter: Trump, Donald, Mafia, Schach

Magazinrundschau vom 31.01.2017 - London Review of Books

Patrick Cockburn prangert die seiner Ansicht nach einseitige Berichterstattung der Medien über die Kämpfe in Aleppo an, die natürlich vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass das Assad-Regime keine Journalisten nach Syrien lässt, während die islamistischen Rebellen mehrere Reporter ermordeten. Trotzdem: "Dass die mit al Qaida verbundenen Gruppen ein Monopol auf die Verbreitung von Nachrichten aus dem Osten Aleppos hatten, heißt gar nicht mal, dass die Berichte über die verheerenden Bombardements nicht stimmten. Die Bilder von zerstörten Gebäuden und Zivilisten im Zement waren nicht fabriziert. Aber sie waren selektiv. Wir sollten uns daran erinnern, dass sich laut UN-Angaben 8.000 bis 10.000 Rebellen im Osten Aleppos befanden, aber kein einziges Video im Fernsehen zeigte bewaffnete Männer. Westliche Sender bezeichneten die Gruppen, die Ost-Aleppo verteidigten als die Opposition, ohne al Qaida und ihre Verbündeten zu erwähnen. Auch herrschte die implizite Annahme, dass die Bewohner im Osten Aleppos gegen Assad sind und die Aufständischen unterstützen, doch am Ende wollte nur ein Drittel - 36.000 - in das von den Rebellen evakuierte Idlib evakuiert werden. Die meisten - 80.000 - bevorzugten die von der Regierung gehaltenen Gebieten im Westen Aleppos. Nicht dass sie erwarteten, dort gut behandelt zu werden - sie glaubten nur, dass das Leben unter den Rebellen noch gefährlicher wäre. Im syrischen Bürgerkrieg gibt es nur die Wahl zwischen dem kleineren und dem größeren Übel."
Kaum ein Wort verlieren die Medien dagegen über Mossul, das irakische Truppen und ihre westlichen Alliierte bereits seit vier Monaten vom IS zurückzuerobern versuchen: "Am 11. Januar erklärte die UN-Gesandte Lise Grande, die Stadt erlebe einen der heftigsten Häuserkämpfe seit dem Zweiten Weltkrieg."

John Lanchester ahnt, warum die Sprachassistenten Siri, Alexa und Echo das neue große Ding geworden sind: "Es ist kaum vorstellbar, dass wir noch mehr Zeit als bisher an Bildschirmen und Tastaturen verbringen, aber es gibt noch so viel mehr Stunden am Tag, und die Tech-Konzerne würden auch gern in dieser Zeit Geld machen." Tim Cross erklärt zudem im Guardian, dass Moores Gesetz, nach dem Prozessoren ihre Leistung verdoppeln alle zwei Jahre, ausgereizt ist.

Weiteres: Hilary Mantel schreibt über Margaret Pole, englische Adlige und Gegenspielerin Heinrich VIII. John Lahr liest Bruce Springsteens Memoiren.

Magazinrundschau vom 17.01.2017 - London Review of Books

Es war Frauenverachtung, die Donald Trump nach oben gebracht hat, hält Rebecca Solnit in einem zornigen Text fest. Sie erinnert noch einmal daran, dass Trumps Aufstieg und der Niedergang wahrheitsgetreuer Medien in großem Maße vom Sender Fox News befeuert wurde, den Trumps Medienberater Roger Ailes wie ein Ein-Mann-Bordell geführt hatte. Aber die Misogynie zeigt sich für Solnit vor allem darin, dass Hillary Clinton machen konnte, was sie wollte, sie war immer schuld: "Allein Hillary Clinton stand zwischen uns und einem rücksichtslosen, instabilen, ignoranten, geistlosen, unendlich vulgären, den Klimawandel leugnenden, weiß-nationalistischen Frauenfeind mit autoritären Ambitionen und kleptokratischen Plänen. Doch viele Leute, besonders weiße Männer, konnten sie nicht leiden, und das ist eben auch ein Grund für Trumps Sieg. ... Nie gaben sich diese Männer selbst die Schuld, dass sie Donald Trump nicht aufgehalten haben, auch nicht den Wahlmännern und nicht dem System."

Sehr lesenswert erzählt Adam Shatz die Geschichte Frantz Fanons nach, dessen Schriften in Frankreich gerade neu herausgegeben wurden. Shatz erinnert an Fanons Theorie der Entkolonialisierung, seine Zeit als Psychiater im Algerienkrieg, seinen Glauben an die Gewalt und kommt dann zu einem Schluss, der sehr typisch ist für die amerikanische Linke: "Der Universalismus ist als Währung entwertet: Bei allem Gerede von Transnationalismus sind die einzigen beiden postnationalen Projekte, die derzeit im Angebot stehen, die flache Welt der Globalisierung und die islamistische Tabula Rasa des Kalifats: Davos und Dabiq. Doch Fanon wird nicht verschwinden. Den Glauben an die reinigende Kraft der Gewalt teilt nicht nur der Islamische Staat, dessen spektakuläre Attacken und aufgeschlitzte Kehlen einer Low-Tech-Variante von 'Shock and Awe' gleich kommen, sondern auch die Architekten des Dronenkriegs und der humanitären Intervention. Die von Fanon aufgeworfenen Fragen über die Grenzen des westlichen Humanismus und die Kluft zwischen Arm und Reich, sind noch immer relevant."

Weiteres: Seit die USA auch europäische Firmen belangen, wenn diese im Ausland bestechen oder korrumpieren, betonen vor allem Ölkonzerne ihre strengen Compliance-Regeln. Alexander Briant erzählt, wie er von einem "britischen Ölkonzern" als Anwalt nach Nigeria geschickt wurde, um intern in Port Harcourt zu ermitteln.

Magazinrundschau vom 20.12.2016 - London Review of Books

Schriftsteller rufen gern dazu auf, vor die Stadt- und Gemeinderäte zu ziehen, um gegen die Schließung von Büchereien zu protestieren. Sie sollten sich lieber an die Tore von Downing Street ketten, meint Tom Crewe und zeichnet in einem nicht ganz leicht konsumierbaren Text nach, wie Englands Städte und Gemeinden von der Zentralregierung zu Tode gespart werden. Denn kein Land ist so zentralistisch und dirigistisch wie Großbritannien. Seit 2010 wurden die Ausgaben der lokalen Behörden um 37 Prozent reduziert und sollen über die nächsten Jahre weiter gesenkt werden: "Hunderte von Freizeit-Zentren, Schwimmbädern und Spielplätzen wurden geschlossen oder verkauft. Vier von fünf Städte haben die Ausgaben für öffentliche Toiletten gekürzt, 1782 Anstalten wurden geschlossen. Viele Städte unterhalten jetzt wie Manchester nur noch eine öffentliche Toilette, andere wie Newcastle gar keine. Investitionen in Kunst und Kultur wurden seit 2010 um 17 Prozent gesenkt: Jedes fünfte regionale Museum wurde geschlossen oder wird es demnächst; jedes zehnte will wieder Eintritt verlangen, die Besucherzahlen sind rückläufig. Im März berichtete die BBC, dass seit 2010 mindestens 343 Büchereien (von 4290) geschlossen wurden, mindestens 111 weitere Schließungen sind für dieses Haushaltsjahr geplant ... Die Pflege-Budgets in England wurden zwischen 2010 und 2015 um 4,6 Milliarden Pfund gekürzt. Die verbleibenden Dienste sind heillos überlastet: die Bezahlung ist katastrophal und die Ausbildung begrenzt. 2014 waren Englands Städte und Gemeinden nicht mehr in der Lage, Menschen mit 'geringem oder mittlerem Pflegebedarf' zu unterstützen."

Weiteres: Richard Seymour untersucht die Psychopathologie von Trollen. Mary Wellesley widmet sich dem deutlichen aristokratischeren Spleen, exotische Tiere auf seinem Anwesen zu halten.

Magazinrundschau vom 29.11.2016 - London Review of Books

Nein, die USA sind keine gescheiterte Demokratie, betont David Runciman, der mit einigen paradoxen Wendungen selbst Trump-Wählern ein hohes Maß an demokratischer Vernunft zubilligt: "Die Leute haben ihn gewählt, weil sie nicht an ihn glaubten. Sie wollten, dass sich etwas ändert, aber sie hatten auch Vertrauen, dass die grundlegende Anständigkeit und Beständigkeit der politischen Institutionen sie vor den schlimmsten Auswirkungen dieser Veränderungen bewahrt ... Die Leute, die ihn gewählt haben, glaubten nicht, dass sie viel aufs Spiel setzen, sie wollten nur ein System abstrafen, auf das sie für grundlegende Sicherheiten noch immer angewiesen sind. Das hat Trumps Wahl mit dem Brexit gemein. Als sie für ein Verlassen der Europäischen Union stimmten, mögen die britischen Wähler den Eindruck außergewöhnlicher Rücksichtslosigkeit erweckt haben. Doch tatsächlich zeugt ihr Verhalten auch von einem grundlegenden Vertrauen in das politische System, von dem sie so ostentativ angewidert sind: Es würde sie vor den Konsequenzen ihrer Entscheidung beschützen."

Weiteres: Jan-Werner Müller hält fest, dass es Trump nicht ins Weiße Haus geschafft hätte, ohne die Unterstützer in der Republikanischen Partei: "So wie Nigel Farage Johnson und Gove brauchte, hing Trumps Sieg entscheidend von Männern ab, die bereit waren, das ganze politische System aufs Spiel zu setzen." Frederick Wilmot-Smith diskutiert die jetzt am Supreme Court hängende Frage, ob das britische Parlament über den Brexit entscheiden.

Magazinrundschau vom 15.11.2016 - London Review of Books

Theresa May wird Großbritannien nicht nur aus der EU führen, sondern aus der Welt, fürchtet Neal Ascherson, dafür wird die politische und ökonomische Macht der Londoner Eliten noch größer werden. Das Parlament wird sie bestimmt nicht aufhalten. "Mit heruntergelassenen Hosen stand die parlamentarische Demokratie da, bis Anwälte des High Court, nicht Politiker ihr zu Hilfe kamen und die Hosen wieder hochzogen. Das Versagen der Parlamentarier, ihre so oft gepriesenen Rechte zu verteidigen, wird nicht so schnell vergessen werden. Nichts von dem, was May vorschlug, war verfassungswidrig. Es gibt ja keine Verfassung. Sie verstieß gegen eine uralte Konvention: Englands Glauben an die 'parlamentarische Souveränität'. Der Slogan im Referendum lautete: 'Take Back Control.' Aber Kontrolle worüber und von wem? Die, die unbedingt das Establishment hinter sich lassen wollten, riefen: 'Gebt dem Parlament seine Souveränität zurück, dem Unterstand des englischen Bundes. England ist nicht mehr England, wenn sein Parlament überstimmt werden kann - vor allem von Ausländern.' Aber das Gros der eher plebejischen Leaver fragte sich noch etwas anderes: Warum sollen sie Gesetzen folgen, die sie nicht mögen, die von Politiker erlassen wurden, die sie nicht gewählt haben? Es waren die imaginierten Rechte der Nation, die sie zurückforderten, nicht die von Westminster. Sie wollten nicht die parlamentarische Souveränität zurück, sondern etwas paradox Unenglisches, etwas Europäisches: Die Souveränität des Volkes."

Besprochen werden Colson Whiteheads Sklaverei-Roman "The Underground Railroad", Stefan Buczackis Venetia-Stanley-Biografie "My Darling Mr Asquith" und Peter Parkers Dichterleben "Housman Country".

Magazinrundschau vom 01.11.2016 - London Review of Books

Jenny Turner hat Edmund Gordons Biografie über Angela Carter gelesen und erzählt gleich noch einmal selbst das aufregende Leben der britischen Feministin und Autorin nach, die sich ganz der politischen und sexuellen Revolution verschrieben hatte und als Autorin das Schreiben als öffentlichen Akt begriff: "Rick Moody erinnerte sich an seine erste Begegnung mit ihr in einem Seminar für Kreatives Schreiben: Hinten meldete sich ein junger Typ und fragte mit skeptischer Stimme, was ihr Schreiben denn nun wirklich sei. Es folgte einige Ähs und Öhs, dann antwortete sie: Meine Arbeit schneidet wie die Stahlklinge am Schaft eines Penis.' Rushdie erinnerte sich, dass die Polizisten, die ihn in Zeiten der Fatwa beschützten, sie von all seinen Freunden am liebsten mochten. 'Sie stellte immer sicher, dass sie versorgt wurden, etwas Gutes zu Essen bekamen und einen Fernseher.'"

Owen Bennett-Jones vergleicht die Terrortruppen Al Qaida und dem Islamischen Staat und stellt fest, dass der IS mit seiner direkten aggressiven Strategie militärisch erfolgreicher war als Osama bin Laden mit seinen Angriffen auf die USA. Das liegt laut Bennett-Jones aber auch daran, dass der IS viel Unterstützung bekam. Einerseits von Saddam Husseins alten Offizieren aus Militär und Geheimdienst, andererseits von etlichen Regierungen: "Der Iran hat Zarqawi im Irak unterstützt und toleriert, dass die Schiiten von ihm abgeschlachtet werden, weil er die effektivste Opposition zum amerikanischen Besatzung im Irak darbot. Syrien sah das ähnlich und erlaubte seinen Al-Qaida-im-Irak-Kämpfern die Grenzen zu überqueren. Eine der geleakten Depeschen von Hillary Clinton enthüllte, dass sie bis 2014 fürchtete, Katar und Saudi-Arabien würden heimlich dem IS finanzielle und logistische Hilfe gewähren. Auch die Türkei half beiden Organisation in Syrien in de Hoffnung, dass sie Assad vertreiben würden. Selbst Assad half ihnen. In der Annahme, dass die Dschihadisten nicht die Stärke aufbrächten, ihn zu stürzen, entließ er sie aus dem Gefängnis, kaufte ihr Öl und bombardierte die Freie Syrische Armee, während er die IS-Stellungen in Ruhe ließ. Assads Idee war, entweder den Amerikaner oder den Russen so viel Angst einzujagen, dass sie sein Regime verteidigen würden. Russland hat angebissen."

Magazinrundschau vom 18.10.2016 - London Review of Books

Das Drama des Kongo, dem die eigenen Reichtümer nur Ausbeutung und Armut gebracht haben, kennt viele Akte. Einen besonders dunkel leuchtenden verfolgt Bernard Porter in Susan Williams Buch "Spies in the Congo": Wie sich die Amerikaner während des Zweiten Weltkriegs unter absoluter Geheimhaltung daran achten, Uranerz aus Katanga zu bekommen, das später auch eine entscheidende Rolle spielte bei der Sezession Katangas, dem Tod von Dag Hammarskjöld und der Ermordung von Patrice Lumumba 1961: "Es ist ein cleveres Buch, denn es gibt fast keine expliziten Beweise. Bekanntlich war das Manhattan-Projekt das bestgehütete Geheimnis während des Krieges (aus Angst vor den Russen, die gute Spione hatten) und das gilt nicht nur für Los Alamos. Die Shinkolobwe-Mine wurde von Landkarten getilgt, Uran wurde niemals namentlich in den Depeschen erwähnt. Williams - die sehr gekonnt die wenigen Indizien analysiert - glaubt, auf etwas gestoßen zu sein, wenn es um Diamanten geht. Als die Amerikaner erkundeten, wie sie Uran schmuggeln konnten, tarnten sie es als Untersuchung zum illegalen Diamantenhandel: Indem sie studierten, wie Diamanten geschmuggelt wurden, lernten sie, wie Uran geschmuggelt wird. Überfragt zeigt sie sich allerdings bei einem Satz, auf den sie in der Meldung eines Agenten vom August 1944 stieß: 'Ich habe keinen eisgekühlten Hummer bekommen, aber Information Nr. 295, die Angella aufgebrüht hat, wird Ihnen eine Ahnung geben - Duft oder Butter?'"

Weiteres: Im amerikanischen Wahlkampf zählen ja nur noch Gruppen, Eliot Weinberger listet auf, welche Donald Trump bisher gegen sich aufgebracht hat. Jean McNicol liest neue Veröffentlichungn über den Kriegspoeten Rupert Brooke und sein Liebesleben. Inigo Thomas versinkt in Turners "Rain, Steam and Speed".