
Der
Autor Emmanuel Carrère ist mit
Emmanuel Macron in die Karibik gereist, wo der Präsident die vom Hurrikan verwüsteten Überseegebiete Frankreichs besuchte. Einmal in
Jupiters Orbit, kann man sich ihm kaum noch entziehen,
lernt der Schriftsteller: "Es taucht eine verärgerte Frau namens Lila auf, verstellt ihm den Weg und beschuldigt ihn, sich keinen Deut um das Leid der Opfer zu scheren und nur hier zu sein, um vor den Fernsehkameras eine gute Figur zu machen, mit seinem gebügelten Hemd und seiner Krawatte, die nicht nach viel aussieht, aber
ein Vermögen gekostet haben muss. Sie tritt so vehement auf, dass die Inselbewohner um sie herum zu murren beginnen, so könne sie doch nicht mit dem Präsidenten reden. Jeder andere hätte seinen Vorteil aus der Situation gezogen und gesagt: 'Sehen Sie, die Leute sind auf meiner Seite.' Nicht Macron. Für ihn ist Lila eine Herausforderung. Er nimmt ihre Hand, und
sein Gesicht teilt sich in zwei. Ich habe schon oft gesehen, wie er das macht: die rechte Hälfte, mit gerunzelter Braue, ist entschlossen, ernst, fast streng und macht den Eindruck, dass alles, was er tut, im Angesicht der Geschichte geschieht. Die linke Hälfte ist herzlich, optimistisch, ein wenig verschmitzt und sagt, jetzt ist er hier, jetzt wird alles gut. Fünf, zehn Minuten lässt er
Lilas Zorn über sich ergehen. Er hat einen Zeitplan, sein Team drängt zur Eile, sorgt sich um Verspätung - und sie werden sich verspäten, wie immer. Doch er hat alle Zeit der Welt: Er ist ja der Boss. Die Frage ist, ob er oder ob Lila gewinnen wird, die nun selbstsicher verkündet: 'Ich kann ganz schön nerven.' Woraufhin er mit dem charmantesten Lächeln antwortet: 'Das ist mir nicht entgangen.' Nicht schlecht. Sie grinst,
sie wird klein beigeben, sie gibt klein bei. Dann im letzten Moment, als sie zum Abschied die Hände schütteln, überlegt sie es sich anders und ruft: 'Lassen sie meine Hand los. Lassen Sie
meine verdammte Hand los.' Für mich war das wie der verzweifelte Versuch, an ihrem Ärger festzuhalten - an ihrer Integrität. Und dem hypnotischen Griff des Präsidenten zu entkommen, seiner Überzeugungskraft, die dem Rattenfänger von Hameln gleicht, seiner geradezu
Furcht erregenden Verführungskunst."