Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

301 Presseschau-Absätze - Seite 20 von 31

Magazinrundschau vom 05.05.2015 - Eurozine

Recht harsch liest sich Lukasz Pawlowskis Gespräch mit Anne Applebaum aus Kultura Liberalna, das auf Englisch in Eurozine erscheint. Die beiden analysieren das Paradox der russischen Stärke, die aus einer Schwäche erwächst: Putin ist auch Krisentreiber, weil ihn die Krise im eigenen Land vor sich hertreibt. Aber "ein kranker Mann mit Kanone ist immer noch ein Mann mit Kanone. Wenn Putin auf dem Weg nach unten beschließt, dass nur eine reale Krise ihn an der Macht halten kann, wird er das tun. Wir hoffen, dass er seine Macht verliert, bevor er etwas wirklich Schreckliches tut. Wenn wir Glück haben, läuft das so. Wenn nicht, können Spannungen jenseits unserer Vorstellungskraft entstehen."

Außerdem neu in Eurozine: Mikhail Rozhanskiy schreibt über die wirtschaftliche Bedeutung Sibiriens für Russland, die sehr zwiespältig gesehen werden kann. Und Manuel Arias Maldonado macht sich auf die Suche nach den ideologischen Wurzeln der stark von Politologen gepägten Podemos-Bewegung in Spanien.

Magazinrundschau vom 26.05.2015 - Eurozine

Allen rechten und linken Putin-Freunden bringt der ehemalige Guardian-Korrespondent Luke Harding in New Eastern Europe (online auf Eurozine) in Erinnerung, dass der spektakuläre Mord an Boris Nemzow inzwischen in einer ehrwürdigen putinistischen Tradition steht und wohl niemals aufgeklärt werden wird: "Mehrere Tschetschenen wurden zwar für den Mord an Anna Politkowskaja verurteilt, aber der Hintermann wurde nie gefasst und es wurde nie ein plausibles Motiv für den Mord genannt. In Abwesenheit neutraler Untersuchungen, eines klaren legalen Prozesses oder gar offizieller Distanzierungen bleibt der Verdacht staatlicher Komplizenschaft. Was man mit Gewissheit sagen kann, ist, dass störende Kritiker des Kreml die unheimliche Angewohnheit haben, tot zu enden."

Magazinrundschau vom 21.04.2015 - Eurozine

In Krisenzeiten droht Totalitarismus, warnt Mykola Rjabtschuk in Eurozine. Da Extremisten keine Skrupel kennen, erreichen sie schnelle Siege. Die Situation ist in der Ukraine nicht neu: "In dem klassischen Film "Arsenal" von Oleksandr Dowschenko aus dem Jahr 1929 gibt es eine anschauliche Szene, in der ein Beamter der Ukrainischen Volksrepublik, ein Intellektueller der alten Schule mit runder Brille, den Versuch unternimmt, einen bolschewistischen Saboteur zu exekutieren, es aber nicht über sich bringen kann, ihm ins Gesicht zu schießen, und ihn daher auffordert, sich mit dem Gesicht zur Wand zu drehen. Der Bolschewik spürt die Schwäche des Intellektuellen und weigert sich hartnäckig, ihm den Rücken zuzudrehen. "Schieß mir ins Gesicht!", verlangt er, und da sein potenzieller Exekutor noch immer zögert, geht der Bolschewik auf ihn zu, nimmt ihm die Pistole aus der Hand und sagt verächtlich: "So ist es also, du kannst nicht? Ich aber schon!" Er tötet seinen Gegenspieler, ohne Reue, ohne zu zögern und ohne einen einzigen Gedanken an den absoluten Wert des menschlichen Lebens zu verschwenden."

Außerdem in Eurozine: Der Osteuropaforscher Nikolay Mitrokhin erzählt, wie russische Intellektuelle auf die Charlie-Hebdo-Massaker reagierten. Und Simon Davies fürchtet stärkere Überwachung in Europa nach den Terrorattentaten von Paris und Kopenhagen.

Magazinrundschau vom 24.03.2015 - Eurozine

Almir Koldzic und Áine O"Brien schreiben in der neuesten Nummer von Index on Censorship, online auf Eurozine, über Medienprojekte in Flüchtlingslagern, die immer wichtiger werden, um Flüchtlingen selbst Medien zu geben und die internationale Öffentlichkeit wach zu halten: "Mehr als 50 Millionen Menschen sind heute laut UNHCR auf der Flucht. Aber wenige Medienbilder zeigen die Details und täglichen Herausforderungen eines Lebens im Flüchtlingscamp. Darum gibt es immer mehr Versuche von Flüchtlingsorganisationen, Flüchtlingsgeschichten zu erzählen und ihre Erfahrungen zur Sprache zu bringen. Wie der britische Autor AA Gill sagt, der für seine Artikel aus Lagern ausgezeichnet wurde: "Heiß ist immer nur die Geschichte der Konflikte selbst, aber der komplexe, gnadenlose Kopfschmerz, den diese nicht gewollten, deplazierten, verarmten Leute bereiten, hat nicht die Dynamik globaler Politik und den Glamour von Rauch und Leichen und Kalaschnikows.""

Magazinrundschau vom 31.03.2015 - Eurozine

Ganz anregend liest sich Gisle Selnes" bei einem Kolloquium an der Uni Bergen geführtes Gespräch mit dem Philosophen und Badiou-Freund Alberto Toscano über sein Buch "Fanaticism - The Uses of an Idea", wenn er nicht auf linke Platitüden zurückfällt, wie etwa die, dass der Islamismus eine bloße Reaktion auf Kapitalismus und amerikanische Intervention sei. An manchen Stellen gräbt er tiefer, etwa wenn er von der "kuriosen Obsession" spricht, Fanatiker als "Subjekte von perfekter - geradezu exzessiver - Kohärenz anzusehen. Ein wirklich interessanter europäischer Text, eine der wenigen wirklichen Anleitungen, ein Fanatiker zu werden, ist Sergei Netschajews "Revolutionärer Katechismus": Du musst dich zu etwas Ganzem und zu etwas Kaltem machen." Allerdings entsprächen moderne Fanatiker wie Anders Breivik mit ihrem "cut-and-paste-Fanatismus" nicht mehr diesem Bild: Lächerlich schon die Art, wie Breivik während seiner Tat "versuchte, all seine moralischen Reflexe abzuschneiden, indem er mit seinem Ipod die pseudoklassische und kitschige Musik von Clint Mansell hörte - Musik, die man aus der Werbung und dem Kino kennt". Das Gespräch ist ursprünglich in der norwegischen Zeitschrift Vagant erschienen.

Magazinrundschau vom 17.03.2015 - Eurozine

Im russisch-ukrainischen Krieg versuchen die Russen nicht einfach nur die Ukraine unter ihrem Einfluss zu halten, sie fürchten die Auflösung einer orthodox-slawischen "Ummah", die ihre Wurzeln im 10. Jahrhundert hat, erklärt der ukrainische Schriftsteller Mykola Rjabtschuk in New Eastern Europe (online gestellt von Eurozine): "Der andauernde Krieg, euphemistisch als "Krise" bezeichnet, markiert den Anfang, nicht das Ende eines schmerzhaften und mühsamen Emanzipationsprozesses beider Nation von einer vormodernen "imaginierten Gemeinschaft" östlicher Slawen (der mittelalterlichen Slavia Orthodoxa), neu belebt und überpolitisiert in einem höchst zweideutigen Konzept der "Russischen Welt". Die Ukrainer haben aus einer Reihe von Gründen die größeren Fortschritte in diesem Emanzipationsprozess gemacht, während andere slawische Nationen - wie Russland (oder noch mehr Weißrussland) - zu einem gewissen Grad immer noch einer quasireligiösen Identität anhängen, die sie immer noch zu vormodernen, nicht bürgerlichen Werten und Klientelismus treibt. Diese Art von Identität, Ergebnis eines bestimmten imperialen Diskurses, wurde in abgewandelter Form unterstützt von den herrschenden Mächten in den drei Ländern, die einer radikalen de-Sowjetisierung ihres Machtbereichs widerstanden, vor allem weil sie begriffen, dass die Verwandlung des Sowjets - oder des imperialen, schwer mythologisierten "orthodoxen Slawen" - in Ukrainer, Russen und Weißrussen vor allem bedeutete, dass aus ihren gehorsamen, quasifeudalen Subjekten freie und selbstbewusste Bürger werden würden."

Magazinrundschau vom 10.03.2015 - Eurozine

Pawel Pawlikowskis Film "Ida" hat letzten Monat einen Oscar als bester ausländischer Film erhalten, aber in Polen ist darum eine erbitterte Debatte entstanden, die Filip Mazurczak in der Zeitschrift Respublica (englisch in Eurozine) analysiert. Der Film spielt in den Sechzigern. Eine junge Nonne, die als Waise ins Konvent kam, erfährt, dass sie Jüdin ist. Ihre Eltern wurden von einem polnischen Bauern umgebracht. Und sie erfährt, dass sie eine Schwester hat, die eine böse kommunistische Richterin ist. Angegriffen wird der Film von rechts und links - von rechts, weil der einzige Judenmörder im Film ein Pole ist, während Zehntausende Juden von Polen unter Lebensgefahr gerettet wurden. Von links, weil die rächende kommunistische Jüdin ein antisemitisches Klischee sei. Mazurczak plädiert dafür, den Film nicht als ein historisch repräsentatives Bild, sondern als eine individuelle Geschichte zu sehen: "Was die Mehrheit der Polen angeht, so hatten manche Mitleid mit den Juden und andere empfanden Schadenfreude... Es ist überliefert, dass es es polnische Bauern gab, die Juden, die bei ihnen untergebracht waren, umgebracht haben. Und darum ist der Film nicht als solcher antipolnisch. Nie wird in dem Film suggeriert, dass das Verhalten des Bauern die polnische Gesellschaft repräsentiert."

Magazinrundschau vom 24.02.2015 - Eurozine

Die Architektin Arna Mackic schreibt sehr lesenswert über den Wiederaufbau der Stadt Mostar, die vor zwanzig Jahren zwischen katholischen Kroaten und muslimischen Bosniern umkämpft war. Sie beschreibt den Zustand der Stadt zwischen Kriegsruinen und neu errichteten Gebäuden mit aufdringlich ethnisch-religiöser Note. Und sie macht einen Vorschlag zu einer gemeinsamen Institution, die das berühmteste Bauwerk der Stadt, die Brücke über die Neretva, mit einbindet. Hier gab es seit eh und je eine Tradition des Turmspringens - junge Männer sprangen von der Brücke in den Fluss, um ihre Bräute zu beeindrucken: "Um eine neue Architektursprache in der "neutralen" Zone zu entwickeln schlage ich eine Schule vor, in der Bürger Schritt für Schritt Turmspringen lernen - mit dem Sprung von der Brücke als letztem Schritt. Diese Aktivität stünde allen Bewohnern offen, unabhängig von Nationalität, Relgion oder Geschlecht. Turmspringen ist eine uralte Tradition, etwas Atavistisches. Es ist vorreligiös. Historiker fragen, ob die Turmspringer in vorchristlichen Darstellungen überhaupt schwimmen konnten. vielleicht wurde das Springen sogar vor dem Schwimmen erfunden."

Der Artikel ist Teil eines ganzen Dossiers über "New urban topologies", in dem unter anderem Rania Sassine über Beirut schreibt.

Dass Britannien das Asyl für die Unterdrückten dieser Welt sei, ist ein frommer Mythos, den sich Britanien selbst erzählt und den schon der politische Flüchtling Karl Marx einst widerlegte, schreibt Imogen Tyler: "Wie Marx zeigt, lebten zwar 2.000 wohlhabende und Mittelschichtflüchtlinge (wie er) relativ frei in London und genossen nicht nur die Duldung der britischen Regierung, sondern wurden als Beweis für den britischen Liberalismus vorgeführt. Aber die große Mehrheit der Mirgranten wurde mit Misstrauen beäugt und vom Industriekapital skrupellos ausgebeutet. Migranten aus Irland waren die am meisten verachtete, kriminalisierte und stigmatisierte Gruppe in dieser Zeit."

Magazinrundschau vom 17.02.2015 - Eurozine

Die perverseste Kehrseite des europäische Projekts ist die Flüchtlingspolitik, aber paradoxerweise sind alle jene wohlmeinenden Menschen, die Schlange stehen, um gegen Pegida zu demonstrieren, für dieses Thema kaum zu mobilisieren. Auch die Linke, so sagt Fabrizio Gatti in einem bestürzenden Gespräch mit Göran Dahlberg und Linn Hansén von Glänta (englisch in Eurozine) treibt Populismus gegen Flüchtlinge, aus Angst vor Rechtspopulisten. Gatti kennt sich aus - seit zehn Jahren begleitet er Flüchtlinge und verkleidet sich dabei zum Teil selbst als einer (so für sein Buch "Bilal - Als Illegaler auf dem Weg nach Europa"). Dass das Problem für Europa nicht so gravierend wäre, wie getan wird, zeigt er an einer einfachen Rechnung: Es gelangen etwa 125.000 Menschen jährlich nach Europa. "Ungefähr das Äquivalent einer europäischen Stadt. Einer Großstadt! Aber die Bevölkerungszahl der Europäischen Union, die man in der Flüchtlingsfrage wegen der gemeinsamen Außengrenze als Nation betrachten muss, liegt bei 507 Millionen Menschen. Was heißt, dass auf jede europäische Stadt in der Größe Göteborgs mit 500.000 Einwohnern 125 Flüchtlinge pro Jahr entfallen. Es wäre doch sehr seltsam, wenn eine reiche europäische Stadt nicht 125 Menschen zeitweilig oder permanent Unterschlupf geben könnte."

Weitere Artikel zur Lage der Flüchtlinge in Europa: Imogen Tyler kritisiert die britische Flüchtlingpoltik. Und Peo Hansen denkt über "Migration im Zeitalter der Austerität" nach.

Magazinrundschau vom 03.02.2015 - Eurozine

Roman Schmidt unterhält sich sehr anregend mit David Marcus, dem neuen Chefredakteur der Zeitschrift Dissent über die Blüte neuerer, in den letzten zehn Jahren gegründeter politischer und literarischer Zeitschriften in den USA: "Wirklich, es gibt eine schöne politische Vielfalt in all diesen kleinen Magazinen. Jacobin (Website) ist wahrscheinlich marxistischer als die anderen und stärker an einer Art Zweiten Internationalen oder Volksfront ausgerichtet. N+1 (Website) ist literarischer und versucht eine kulturelle Analyse, die sich an der Frankfurter Schule orientiert, aber es gibt auch eine Menge radikalen Feminismus dort. The New Inquiry (Website) ist vielleicht am schwierigsten festzunageln - was ich als eine ihrer größten Stärken betrachte. Aber viele ihrer Autoren scheinen zum Anarchismus und anderen nicht-sozialistischen Spielarten des Radikalismus zu neigen."

In einem leidenschaftlichen Text attackiert die Osteuropahistorikerin und Ukraine-Spezialistin Anna Veronika Wendland ihr eigenes Fach, aber auch abgehalfterte SPD-Politiker wie Gerhard Schröder, Erhard Eppler und Helmut Schmidt, die bereit sind, halb Osteuropa auf dem Lotterbett ihrer posthumen Entspannungspolitik zu opfern, und den Historiker Jörg Baberowski, der den ukrainischen Nationalmythos auseinandernahm - etwas einseitig, wie Wendland findet: "Vor allem aber vergaß Baberowski, seine Werkzeuge aus der Kiste des Dekonstruktivismus auch auf den großrussischen Nationalismus und seine Mythologien anzuwenden, der sich gerade auf der Krim und in der Ostukraine gewaltsam breitmachte und sich von der Idee des Russländischen Imperiums ja gerade dadurch unterscheidet, dass er ethnozentrisch argumentiert. Aber der russische Mythos erscheint von jeder Analyse enthoben. Kiew sei nun mal der mythische Ur-Bezugspunkt der Russen - jener der Ukrainer offensichtlich nicht? - und das erkläre die russische Reaktion, die man gefälligst zu verstehen habe."