Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

306 Presseschau-Absätze - Seite 20 von 31

Magazinrundschau vom 07.07.2015 - Eurozine

In einem etwas komplexen und mäandernden, aber letztlich sehr interessanten Text aus der polnischen Zeitschrift Respublica (von Eurozine ins Englische übersetzt) zieht Oksana Forostyna eine Parallele zwischen der Erfahrung von Dissidenten des Islam wie Salman Rushdie und Ayaan Hirsi Ali und der Ukraine. Beide werden von ähnlichen Fraktionen der westlichen Öffentlichkeit mit Häme überschüttet, während Islamismus oder Putinismus auf einen Diskurs der "Toleranz" stoßen, der ihnen eine "Andersheit" zubilligt und laut Ayaan Hirsi Ali nur ein "Rassismus der geringen Erwartungen" ist. "Zusammen mit heuchlerischen Ideologien moderner Diktaturen hat die westliche Nachsicht zu einer giftigen Konvention geführt: Einige Gemeinwesen scheinen geeigneter, freie demokratische Gesellschaften aufzubauen als andere mit ihren "kulturellen Besonderheiten". Und noch andere verharren in der Grauzone der "souveränen Demokratie" oder des "Staatskapitalismus". Aber da "alle Kulturen gleich" sind, gelten die "kulturellen Besonderheiten - ob sie in der Religion, der Tradition oder Kulten und Helden liegen - als heilig und unveränderlich, und jeder Versuch, sie zu kritisieren oder dekonstruieren, macht aus dem Kritiker einen Kolonialisten, westlichen Imperialisten, rechten Konservativen oder gar Faschisten."

Magazinrundschau vom 30.06.2015 - Eurozine

Nicht allein die Ukraine, ganz Europa befindet sich im Krieg, sagt der Historiker Andrij Portnov im Gespräch mit Ketevan Kantaria, denn Putin ziele auf eine grundlegende Veränderung des internationalen Gefüge. Zugleich ist Portnovs Diagnose mit Blick auf Europa, das den Ukrainern nicht mal Einreisefreiheit biete, und Deutschland, das seine Führungsrolle nicht akzeptiere, pessimistisch: "Viele Menschen sind sich heute bewusst, dass Europa kein reales Angebot für die Ukraine hat. Und das ist ein Problem. Und dann ist da das Problem des Vertrauens. Wenn die Ukraine keine klare Perspektive für eine EU-Mitgliedschaft hat, ist die Frage: Was nun? Was ist die Alternative? Da ist keine Alternative. Ich sehe in den Diskussionen jedenfalls keine Alternative für die Zukunft dieses Landes."
Stichwörter: Ukraine, Portnov, Andrij

Magazinrundschau vom 23.06.2015 - Eurozine

Den Preis für die "Finnlandisierung", die Neutralität während des Kalten Krieges, bezahlt Finnland bis heute, sagte die Schriftstellerin Sofi Oksanen in einem Vortrag in der lettischen Nationalbibliothek, der bei Eurozine zu lesen ist. Die willfährige Selbstzensur, zu der sich das Land damals verpflichtete, hält noch immer an. "Die Sprache dieser Zeit schien einem zahnlosen Mund ohne Zunge zu entstammen. Die Sowjetunion richtete Finnland darauf ab, gehorsam allen unerwünschten Äußerungen gegenüber Russland auszuweichen, und dieses Verhalten hat sich in unser Unterbewusstsein eingeschrieben. (...) Das finnlandisierte Finnland war eine Erfolgsgeschichte der Sowjetunion, ein Fallbeispiel, das der Welt bewies, dass die Sowjetunion friedlich mit seinem Nachbarn koexistieren konnte. Gleichzeitig hielt sie Finnland an der Leine. Angesichts des Erfolgs dieses Projekts ist es nicht verwunderlich, dass das heutige Russland weitere Länder finnlandisieren möchte - wenn es nach dem Nationalisten Alexander Dugin geht, sollte ganz Europa finnlandisiert werden."

Magazinrundschau vom 09.06.2015 - Eurozine

Warum, fragt die kroatische Autorin Slavenka Drakulic, haben die Frauen in Osteuropa nach der Wende eigentlich ihre Emanzipation nicht verteidigt? Weil sie ihnen von oben auferlegt war? Weil auch sie in unsicheren Zeiten lieber an alten Werten festhalten? "Für Frauen in Osteuropa brachte die 1989 wiedergewonnene Freiheit unerwartete Einschränkungen ihrer ökonomischen, sozialen und reproduktiven Rechte mit sich. Dass besonders Frauen von den Kürzungen der öffentlichen Ausgaben betroffen waren und als Angestellte niederer Kategorie betrachtet wurden, führte zu weiblicher Massenarbeitslosigkeit. Armut wurde weiblich. Bei einem politischen Schwerpunkt auf wirtschaftlicher Transformation und dem Aufbau demokratischer Strukturen, hatten Frauenrechte keine vordringliche Priorität. Im Ergebnis arbeiteten weniger und weniger Frauen (auch wenn wir wissen, dass 30 bis 50 Prozent im informellen Sektor Geld verdienten). Überzeugt, das Richtige zu tun, blieben mehr und mehr Frauen zu Hause und hielten sich aus Politik und öffentlichem Leben heraus. Es entstand keine Frauenbewegung. Es gibt keinen Sinn mehr für gegenseitige Interessen. Die Vorstellung, dass Frauen andere Frauen unterstützen sollten, um gemeinsame Ziele zu verfolgen, existiert schlicht und einfach nicht. Die Ideologie kollektiver Solidarität gehört der Vergangenheit an."

Außerdem übt der weißrussische Schriftsteller Artur Klinau die postmoderne Neugestaltung der Minsker Museumslandschaft, die sozialistischen Realismus, Big Business und Disneyland-Fantasien unter einen Hut bringt.

Magazinrundschau vom 02.06.2015 - Eurozine

Eurozine bringt ein kleines Dossier zur Charlie-Hebdo-Debatte. Jens-Martin Eriksen und Frederik Stjernfelt untersuchen das häufig gegen die Zeichner vorgebrachte Argument, ihr Humor richte sich gegen eine machtlose Minderheit. Wo die Macht liege, so die Autoren, müsse nun mal durch öffentliche Debatte ermittelt werden. Und "das Argument, dass Meinungen einer Minderheit a priori geschützt werden müssten, ist seltsam, denn in demokratischen Gesellschaften besteht die Mehrheit der Organisationen und Gruppen faktisch aus natürlichen Minderheiten. Eine Minderheit der dänischen Bevölkerung unterstützt die dänische Arbeiterpartei (ihr Anteil liegt in den letzten Jahren bei 24 Prozent). Bedeutet das, dass es kein Recht gibt, sie zu kritisieren?"

Sehr gut hierzu passt Dmitry Uzlaners Artikel "Fifty shades of Russian fetishism", der zeigt, wie die Rede von beleidigten Kategorien der Gesellschaft (meist orthodoxen Gläubigen) zu einem Instrument politischer Unterdrückung wird - virtuos praktiziert in Russland: "Interessant ist an diesen Kategorien zunächst, dass sie so unpersönlich sind. Wir sind weder mit realen Personen, noch mit deren persönlichen Meinungen konfrontiert, sondern mit etwas sehr Abstraktem, Vagem und Unpersönlichem. Wir haben es mit gesichtslosen "Anderen" zu tun, die "wirklich glauben" oder sich "zutiefst beleidigt" fühlen."

Außerdem in Eurozine: Brian Whitacker stellt einige Erkenntnisse aus seinem Buch über Atheismus in der arabischen Welt vor (wir haben hier bereits aus einem Interview mit Whitaker zitiert).

Magazinrundschau vom 05.05.2015 - Eurozine

Recht harsch liest sich Lukasz Pawlowskis Gespräch mit Anne Applebaum aus Kultura Liberalna, das auf Englisch in Eurozine erscheint. Die beiden analysieren das Paradox der russischen Stärke, die aus einer Schwäche erwächst: Putin ist auch Krisentreiber, weil ihn die Krise im eigenen Land vor sich hertreibt. Aber "ein kranker Mann mit Kanone ist immer noch ein Mann mit Kanone. Wenn Putin auf dem Weg nach unten beschließt, dass nur eine reale Krise ihn an der Macht halten kann, wird er das tun. Wir hoffen, dass er seine Macht verliert, bevor er etwas wirklich Schreckliches tut. Wenn wir Glück haben, läuft das so. Wenn nicht, können Spannungen jenseits unserer Vorstellungskraft entstehen."

Außerdem neu in Eurozine: Mikhail Rozhanskiy schreibt über die wirtschaftliche Bedeutung Sibiriens für Russland, die sehr zwiespältig gesehen werden kann. Und Manuel Arias Maldonado macht sich auf die Suche nach den ideologischen Wurzeln der stark von Politologen gepägten Podemos-Bewegung in Spanien.

Magazinrundschau vom 26.05.2015 - Eurozine

Allen rechten und linken Putin-Freunden bringt der ehemalige Guardian-Korrespondent Luke Harding in New Eastern Europe (online auf Eurozine) in Erinnerung, dass der spektakuläre Mord an Boris Nemzow inzwischen in einer ehrwürdigen putinistischen Tradition steht und wohl niemals aufgeklärt werden wird: "Mehrere Tschetschenen wurden zwar für den Mord an Anna Politkowskaja verurteilt, aber der Hintermann wurde nie gefasst und es wurde nie ein plausibles Motiv für den Mord genannt. In Abwesenheit neutraler Untersuchungen, eines klaren legalen Prozesses oder gar offizieller Distanzierungen bleibt der Verdacht staatlicher Komplizenschaft. Was man mit Gewissheit sagen kann, ist, dass störende Kritiker des Kreml die unheimliche Angewohnheit haben, tot zu enden."

Magazinrundschau vom 21.04.2015 - Eurozine

In Krisenzeiten droht Totalitarismus, warnt Mykola Rjabtschuk in Eurozine. Da Extremisten keine Skrupel kennen, erreichen sie schnelle Siege. Die Situation ist in der Ukraine nicht neu: "In dem klassischen Film "Arsenal" von Oleksandr Dowschenko aus dem Jahr 1929 gibt es eine anschauliche Szene, in der ein Beamter der Ukrainischen Volksrepublik, ein Intellektueller der alten Schule mit runder Brille, den Versuch unternimmt, einen bolschewistischen Saboteur zu exekutieren, es aber nicht über sich bringen kann, ihm ins Gesicht zu schießen, und ihn daher auffordert, sich mit dem Gesicht zur Wand zu drehen. Der Bolschewik spürt die Schwäche des Intellektuellen und weigert sich hartnäckig, ihm den Rücken zuzudrehen. "Schieß mir ins Gesicht!", verlangt er, und da sein potenzieller Exekutor noch immer zögert, geht der Bolschewik auf ihn zu, nimmt ihm die Pistole aus der Hand und sagt verächtlich: "So ist es also, du kannst nicht? Ich aber schon!" Er tötet seinen Gegenspieler, ohne Reue, ohne zu zögern und ohne einen einzigen Gedanken an den absoluten Wert des menschlichen Lebens zu verschwenden."

Außerdem in Eurozine: Der Osteuropaforscher Nikolay Mitrokhin erzählt, wie russische Intellektuelle auf die Charlie-Hebdo-Massaker reagierten. Und Simon Davies fürchtet stärkere Überwachung in Europa nach den Terrorattentaten von Paris und Kopenhagen.

Magazinrundschau vom 24.03.2015 - Eurozine

Almir Koldzic und Áine O"Brien schreiben in der neuesten Nummer von Index on Censorship, online auf Eurozine, über Medienprojekte in Flüchtlingslagern, die immer wichtiger werden, um Flüchtlingen selbst Medien zu geben und die internationale Öffentlichkeit wach zu halten: "Mehr als 50 Millionen Menschen sind heute laut UNHCR auf der Flucht. Aber wenige Medienbilder zeigen die Details und täglichen Herausforderungen eines Lebens im Flüchtlingscamp. Darum gibt es immer mehr Versuche von Flüchtlingsorganisationen, Flüchtlingsgeschichten zu erzählen und ihre Erfahrungen zur Sprache zu bringen. Wie der britische Autor AA Gill sagt, der für seine Artikel aus Lagern ausgezeichnet wurde: "Heiß ist immer nur die Geschichte der Konflikte selbst, aber der komplexe, gnadenlose Kopfschmerz, den diese nicht gewollten, deplazierten, verarmten Leute bereiten, hat nicht die Dynamik globaler Politik und den Glamour von Rauch und Leichen und Kalaschnikows.""

Magazinrundschau vom 31.03.2015 - Eurozine

Ganz anregend liest sich Gisle Selnes" bei einem Kolloquium an der Uni Bergen geführtes Gespräch mit dem Philosophen und Badiou-Freund Alberto Toscano über sein Buch "Fanaticism - The Uses of an Idea", wenn er nicht auf linke Platitüden zurückfällt, wie etwa die, dass der Islamismus eine bloße Reaktion auf Kapitalismus und amerikanische Intervention sei. An manchen Stellen gräbt er tiefer, etwa wenn er von der "kuriosen Obsession" spricht, Fanatiker als "Subjekte von perfekter - geradezu exzessiver - Kohärenz anzusehen. Ein wirklich interessanter europäischer Text, eine der wenigen wirklichen Anleitungen, ein Fanatiker zu werden, ist Sergei Netschajews "Revolutionärer Katechismus": Du musst dich zu etwas Ganzem und zu etwas Kaltem machen." Allerdings entsprächen moderne Fanatiker wie Anders Breivik mit ihrem "cut-and-paste-Fanatismus" nicht mehr diesem Bild: Lächerlich schon die Art, wie Breivik während seiner Tat "versuchte, all seine moralischen Reflexe abzuschneiden, indem er mit seinem Ipod die pseudoklassische und kitschige Musik von Clint Mansell hörte - Musik, die man aus der Werbung und dem Kino kennt". Das Gespräch ist ursprünglich in der norwegischen Zeitschrift Vagant erschienen.