Magazinrundschau

Hanna Schygulla: Ich pfeife auf die Kunst!

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
18.09.2007. In Le Point fordert der Anthropologe Malek Chebel, das Tabu der Sklaverei im Islam zu brechen. The Atlantic flirtet mit Facebook. Der Economist widmet sich dem Web 2.0 in China. Im Espresso konstatiert der Schriftsteller Suketu Mehta eine Machtverschiebung in Indien zugunsten der Dalit. In der New York Review of Books beobachtet der Rechtsphilosoph Ronald Dworkin eine jakobinische Revolution am Obersten Gerichtshof der USA. In der London Review nimmt der Historiker Perry Anderson die Selbstgefälligkeit der Europäer aufs Korn. In der Weltwoche pfeift Hanna Schygulla auf die Kunst. In Le Monde diplomatique kommt der Sinologe Wolfgang Kubin nach dem Genuss zweier Liangs nicht mehr auf sein Pferd.

Point (Frankreich), 13.09.2007

Der Anthropologe und Islamexperte Malek Chebel, Verfechter eines aufgeklärten Islam, engagiert sich in seinem jüngsten Buch gegen die in vielen islamischen Staaten herrschende Form moderner Sklaverei ("L'Esclavage en terre d'Islam. Un tabou bien garde", Fayard). Das Thema der vor allem aus Asien stammenden "Wirtschaftssklaven" etwa in Saudi-Arabien oder Dubai haben vor ihm schon andere thematisiert, Chabel glaubt aber, dass seine Stimme mehr Gewicht habe, weil er selbst Muslim ist. Im Gespräch erklärt er : "Das Thema ist ein Tabu im Islam. Die Sklaverei ist darin derartig verinnerlicht, dass sich die Versklavten selbst weigern zuzugeben, dass sie es sind. (...) Die Sklaverei steht im Widerspruch zu den Grundsätzen der islamischen Religion. Man könnte sagen, dass der Islam ein Opfer seiner Kultur der Sklavenhalterei ist. Es wird Zeit, die Heuchlerei derer anzuprangern, die sich zum Islam bekennen und gleichzeitig seinen Geist verletzen, indem sie andere Menschen auf Knechte reduzieren."

Auch im aktuellen Nouvel Observateur stellt Chebel seine Thesen vor, ergänzt um einen Appell an die muslimischen Führer, den "grauen" Markt der Sklaverei in ihren Ländern zu beenden. "Sie sollten wissen, dass wir viele sind, Intellektuelle und muslimische Bürger, entschlossen, Sie in Ihren Initiativen zu unterstützen."

Bernard-Henri Levy meldet sich aus der Sommerpause zurück und räsoniert in seinen Bloc-notes über den eigenwilligen Republikanismus-Begriff, den Regis Debray in seinem neuen Buch "L'obscenite democratique" (Flammarion) ausbreitet. Demnach sei dessen Traum eine Welt, "in der man endlich gemeinsam träumen, lachen und schaudern kann, Millionen Köpfe, ein Körper". Levy schaudert es tatsächlich: "Bei der Vorstellung von 'einem Körper' für 'Millionen Köpfe', diesem Gehabe, um jeden Preis 'gemeinsam träumen' zu wollen, also einer für den anderen, dieser Manie, unsere irreduzibelste Privatheit um jeden Preis kollektivieren zu wollen, läuft es mir kalt den Rücken runter."
Archiv: Point

New York Review of Books (USA), 27.09.2007

Der Rechtsphilosoph Ronald Dworkin beobachtet eine jakobinische Revolution, die George W. Bush mit der Ernennung erzkonservativer Richter am Obersten Gerichtshof der USA losgetreten hat. Ein Grundsatz nach dem anderen werde revidiert: "Diese Doktrinen zielten darauf, die Rassentrennung zu reduzieren, die Demokratie vom großen Geld zu emanzipieren, einen vernünftigen Rahmen für die Freiheit des Gewissens und der Rede zu etablieren, die Rechte der Frauen auf Abtreibung zu bewahren und zugleich Bedenken über die Ausübung dieses Rechts zu berücksichtigen, sowie schließlich faire und effektive Prozesse im Strafrecht zu ermöglichen. Wie Stephen Breyer in einer seltenen Klage von der Richterbank erklärte: 'Es kommt in der Justiz nicht oft vor, dass so wenige so viel so schnell verändert haben.' Es wäre falsch zu glauben, dass diese rechte Phalanx in ihrem Eifer von einer sehr konservativen juristischen oder politischen Ideologie getrieben ist. Sie scheint eher von überhaupt keinem juristischen oder politischen Grundsatz getrieben, sondern allein von parteilicher, kultureller und vielleicht religiöser Verpflichtung."

Weiteres: Janet Malcolm kann David Shipleys and Will Schwalbes Handbuch für den überlegten E-Mail-Gebrauch "Send" nur jedem dringend ans Herz legen, der mit diesem verhängnisvollen Hochleistungsgerät umgeht. Sanford Schwartz hat sich Neo Rauchs Ausstellung in New Yorks Metropolitan Museum angesehen und fühlt sich sehr an Bacon, Balthus und de Chirico erinnert, sieht aber auch Anklänge an Herge und Winsor McCay. Ian Buruma liest die Kampfschrift "World War IV: The Long Struggle Against Islamofascism" des neokonservativen Patriarchen Norman Podhoretz und findet darin eine "seltsame Sehnsucht nach dem Kriegszustand". Michael Tomasky ist sich zwar nicht sicher, ob Al Gore noch einmal als Präsidentschaftskandidat antreten sollte, aber über den neuen, von seinen politischen Beratern befreiten Citizen Gore (unter deren Ägide hatte er nicht einmal die Kreationismus-Lehre in den Schulen von Kansas kritisiert) kann er nur staunen.

Espresso (Italien), 14.09.2007

Falls die Bedürfnisse der Armen in Indien nicht befriedigt werden, warnt der Schriftsteller Suketu Mehta im Meinungsteil, könnte Indien explodieren. Das Kastensystem ist ein Opfer der Demokratisierung geworden und kann sie nicht mehr stillhalten. "In den vergangenen sechzig Jahren hat sich in Indien eine in der Weltgeschichte einmalige Machtverschiebung ereignet. Unaufhaltsam wird die Macht an die Mehrheit der eine Milliarde Inder weitergereicht. Mehr als fünftausend Jahre lang waren die niedrigen Kasten von jeglicher politischer Betätigung ausgeschlossen. Heute hat dieses Land, das zu 82 Prozent aus Hindus besteht, einen Sikh als Premierminister, eine weibliche Präsidentin (als Nachfolgerin eines Muslims), einen Justizminister aus den Reihen der Dalit (ehemals die 'Unberührbaren'), und eine katholisch-italienische Führerin der Regierungskoalition. Während die USA es nach 260 Jahren Unabhängigkeit noch nicht geschafft haben - selbst als Vizepräsident nicht - jemanden zu wählen, der nicht christlich, weiß und männlich ist."
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Archiv: Espresso
Stichwörter: Unabhängigkeit

The Nation (USA), 01.10.2007

Anders als in Europa nimmt man das mit der Wahrheit im amerikanischen Journalismus immer noch ernst. Darum wird dort die Frage, ob auch wirklich immer wahr ist, was in Ryszard Kapuscinskis Büchern manchmal zu schön klingt, um wahr zu sein, ernst genommen. Andrew Rice verweist auf John Ryles Kritik an Kapuscinski im Times Literary Supplement (die hier nachzulesen ist) und kommt zu einem zwiespältigen Schluss: "Kapuscinski war notorisch vage über den genauen Anteil der Erfindung in seinen Büchern. In 'Meine Reisen mit Herodot', verfällt er in die Verteidigung des Fabulierers, bemüht die Wandelbarkeit der Erinnerung, und sagt: 'Die Vergangenheit existiert nicht. Es gibt nur unendlich viele Arten, sie wiederzugeben.' Ich glaube, hier macht er einen Fehler, und dieser Fehler ist wichtig. Aber ich kann mich nicht dazu durchringen, ohne Kapuscinskis Wahrheiten auszukommen, nur weil einiges falsch ist."
Archiv: The Nation

Outlook India (Indien), 24.09.2007

William Dalrymples Besprechung von V.S. Naipauls neuem Buch "A Writer's People" wird zu einem bitter enttäuschten Abgesang auf einen einstmals großen Autor: "Es ist schon eine Tragödie. Wie Philip Roth so eindrucksvoll gezeigt hat, muss das Alter nicht das Ende der Produktivität eines großen Schriftstellers bedeuten. Bescheidenheit, Energie und Ehrgeiz können noch den besten Autor dazu antreiben, nach immer größeren Leistungen zu streben. Naipaul dagegen ist als Autor tot: Je mehr er über seine Berufung schreibt, desto impotenter scheint seine Feder geworden zu sein. Keine Spur mehr der einstigen Weisheit, der Wärme, des Humors und vor allem des Mitgefühls in seiner Prosa. Alles was bleibt, ist die bittere und vertrocknete Hülse dieses einst so warmen und überraschenden Schriftstellers aus dem Dorf in der Nähe von Port of Spain."

Die Titelgeschichte widmet sich der indischen Haute Couture, Shefalee Vasudev fasst zusammen: "Ein bisschen Geschäft, viel Hype, einige furchtbare Kollektionen, einige wunderbare; eine Wiederbelebung indischer Textilien im Design, Manisha Arora und Anamika sind im nächsten Monat auf der Pariser Modewoche vertreten; ein wachsender lokaler Markt - und plötzlich ist das Glas der indischen Mode halb voll."

The Atlantic (USA), 01.10.2007

Eigentlich ist Michael Hirschorn, wie er versichert, in Sachen "Web 2.0" ja ein Skeptiker. Den großen Erfolg des social-network-Anbieters Facebook findet er allerdings nur zu begreiflich: "Mark Zuckerberg war 23 und studierte in Harvard, als er 2004 Facebook startete. Das Konzept lief darauf hinaus, das legendäre 'Facebook' der Studienanfänger in ein digitales Format zu bringen und Studenten zu ermöglichen, nicht nur die Fotos der anderen zu sehen, sondern auch zu flirten, sich zu vernetzen und zu interagieren. Als sich die Seite auf Anhieb als populär erwies, zeigte Zuckerberg eine erstaunliche Zurückhaltung und beschloss, sie erst einmal nur für andere Colleges und nicht für jedermann zu öffnen - zuerst die Elite-Schulen, dann weitere. Diese Ausweitungsstrategie selbst war schon genial, denn sie verzichtete auf bedingungsloses Wachstum zugunsten des Aufbaus wirklicher Gemeinschaften, deren untereinander wieder vernetzte Loyalitäten sie umso fester an Facebook banden. Schließlich wurde die Community auf High-Schools ausgedehnt, dann Firmen, nun steht sie jedermann offen."
Archiv: The Atlantic

London Review of Books (UK), 20.09.2007

Der in Los Angeles lehrende marxistische Historiker Perry Anderson staunt über das in den letzten Jahren wachsende, sich bis zur Selbstgerechtigkeit steigernde Selbstbewusstsein der Europäer. Er sieht dazu gar keinen Anlass und macht entschlossen die Gegenrechnung auf: "Das Paradox besteht darin, dass Europa, als es weniger eine Einheit war, in vieler Hinsicht unabhängiger war. Die Politiker, die in der Frühphase der Integration regierten, waren alle in einer Welt vor der globalen Hegemonie der Vereinigten Staaten groß geworden, als die wichtigsten europäischen Staaten selbst imperiale Mächte waren, mit einer selbstbestimmten Außenpolitik... Bis in die 70er lebte dieser Geist sogar bei Giscard und Schmidt noch in Teilen fort, wie Carter feststellen musste. Mit der neoliberalen Wende der 80er und dem Aufstieg der Nachkriegsgeneration in die Machtpositionen, war kaum noch etwas davon zu spüren. Die neuen ökonomischen Doktrinen zogen den Staat als Agenten politischen Handelns in Zweifel und die neuen Führer hatten nie etwas anderes gekannt als die 'Pax Americana'. Die traditionellen Quellen der Autonomie waren verschwunden."

Weitere Artikel: Der Übersetzungsexperte Tim Parks bespricht den nun in englischer Sprache erschienenen Roman "That Awful Mess on the Via Merulana" von Carlo Emilio Gadda, Hal Foster hat neue Bücher über den Star-Architekten Renzo Piano gelesen, Hilary Mantel schreibt über zwei Studien zum Umgang mit Aids in Afrika. Michael Woods hat Filme von Bergman und Antonioni wiedergesehen und findet, dass die Kino-Ära, für die die beiden standen, schon vor langer Zeit zuende ging. Elisabeth Ladenson denkt über Marie Darrieussecqs Roman "Tom est mort" und die Fallstricke der "Autofiktion" (also der Vermischung von Fiktionalem und Autobiografischem) nach.

Weltwoche (Schweiz), 13.09.2007

"Ich halte nicht viel vom Denken, denn durch das Denken wird unser Dasein unendlich verkompliziert", sagt die große Schauspielerin Hanna Schygulla in einem Interview mit Andre Müller, in dem es auch ums Altern, Rainer Werner Fassbinder und die völlige Überflüssigkeit von Verzweiflung geht: "Ich brauche - diese Vergötterung des Weltschmerzes nicht. Mich nervt dieses Rumgesabbere, dieses ewige Verneinen und Kritisieren. Wenn die Verzweiflung der Nährboden der Kunst ist, dann pfeife ich auf die Kunst. Wenn Sie sich vorgenommen haben, mich so lange zu fragen, bis ich gestehe, dass ich verzweifelt bin, dann sind Sie an die Falsche geraten... Der Fassbinder hat auch immer gesagt, die Verzweiflung sei die einzige Wahrheit, die er anerkenne. Da sind Sie also in einer Tradition. Das ist absolut nichts Originelles, sondern unser ganzer abendländischer Kladderadatsch. Das ödet mich an. Können Sie sich nicht vorstellen, Herr Müller, dass jemand in einem anderen Kräftequadrat als dem Ihrigen existiert?"

Aus dem Irak berichtet Urs Gehriger vom Aufstand der Stämme im Irak gegen al Qaida: "Auslöser war ein Streit um eine Frau. Um in einer Region Fuß zu fassen, hat al-Qaida sich angewöhnt, die eigenen Führer mit Frauen aus den führenden lokalen Stämmen zu verheiraten. So tat sie es in Somalia, Indonesien und besonders erfolgreich in Pakistan und Afghanistan. Damit knüpfte sie eine Verbindung mit der traditionellen Gesellschaft, mit der Zeit wurde al-Qaida Teil der sozialen Landschaft, was ihr erlaubte, lokale Leute und Politik zu manipulieren. Im Irak jedoch verfing al-Qaidas Heiratstaktik nicht... Als ein Scheich in der Provinz Anbar sich weigerte, seine Tochter mit einem Al-Qaida-Kommandanten zu verheiraten, töteten die Terroristen den Scheich. Dies verpflichtete den Stamm zur Blutrache. Die Terroristen wiederum antworteten mit immenser Brutalität, töteten die Kinder eines prominenten Stammesführers. Dies war das Fanal für den Aufstand."
Archiv: Weltwoche

New Statesman (UK), 17.09.2007

Salman Rushdie preist das in einer Londoner Ausstellung zu sehende Werk der Fotografin Taryn Simon, die ihre Bilder in schwer zugänglichen Zonen der Gesellschaft schießt: "Dass es ihr gelungen ist, Zugang zu - um nur Beispiele zu nennen - Scientology zu bekommen und zu MOUT, einer abgeriegelten Stadtsimulation in Kentucky, die zum Zwecke militärischer Übungen als städtisches Schlachtfeld genutzt wird; oder zum Imperialen Büro der Weltlichen Ritter des Ku Klux Klan..., die aussehen wie Charaktere in einem Film der Coen-Brothers; oder auch zum Operationssaal, in dem an einer Palästinenserin eine Wiederherstellung ihres Hymen vorgenommen wird - all das belegt, dass Simons Überzeugungskraft ihrem fotografischen Können in nichts nachsteht."

Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 15.09.2007

Der Sinologe und Lyriker Wolfgang Kubin berichtet von einer Reise durch die Landstriche der Uiguren und Kirgisen in China. "Wer bei Kirgisen 'von einem Pferd absteigt', hat auch von Kirgisen beköstigt zu werden. Wir wissen, was das bedeutet. Während des Essens werden wir, die wir auf dem Boden hocken, in Zehnergruppen eingeteilt und sollen mit den Herren des Hauses im Wechsel große Schnapsschalen leeren. Jede Schale, gefüllt mit zwei Liang, ist auf einem Tablett in Empfang zu nehmen, ex zu trinken und wieder auf das Tablett zurückzustellen. Ich bin der Einzige, der in kleinen Schlucken trinkt. Bei der zweiten Runde geben die Ersten auf und müssen sich verziehen. Wer jetzt noch keine Probleme hat, wird noch welche bekommen. Doch wir wissen noch nicht, wann dies der Fall sein wird, da wir nie daran gedacht haben, dass, wer von einem Pferd steigt, auch wieder auf ein Pferd aufsteigen muss."

Außerdem resümiert Ana Maria Sanjuan acht Jahre Herrschaft von Chavez in Venezuela, während Pierre Daum französische Marokkaner auf den Jahresurlaub in der Heimat begleitet.
Stichwörter: Wolfgang Kubin, Venezuela

DU (Schweiz), 01.09.2007

Diese Ausgabe widmet sich einer urdeutschen Erscheinung - dem Tatort. Christian Buß dekliniert die diversen Ermittlerteams der Republik durch und entdeckt ausgerechnet in München die Moderne. "In kaum einem zweiten Tatort-Spot werden so unreißerisch ethnische Konflikte und Flüchtlingsproblematiken eingearbeitet. Vorschub für diese Entwicklung könnte die Tatsache geleistet haben, dass mit der Figur des kroatischstämmigen Hauptkommissars Batic 1991 erstmalig an prominenter Stelle ein Ermittler mit Migrationshintergrund im deutschen Fernsehen tätig war. Das öffnete auf ganz natürliche Weise die enge bajuwarische Sicht auf die Welt. Und auch wenn nach sechsundvierzig Folgen des Teams Batic und Leitmayr die Stadt längst vermessen ist und die Konflikt- und Erkundungsfreude gelegentlich etwas nachgelassen hat, besitzt der Münchner Tatort weiterhin seinen Reiz: Er strahlt noch im knarzigsten Biergartenambiente etwas aus, was anderen, verkrampft um Urbanität ringenden Revieren abgeht: Modernität."

Außerdem in Auszügen online zu lesen ist Mareike Fuchs Interview mit Tatort-Erfinder Günter Witte, der sich immer noch königlich über einstige Coups amüsiert. "Manchmal waren wir sehr zufrieden. Franz Josef Strauss hatte nach dem sfb-Tatort 'Tod im U-Bahn-Schacht' richtiggehend Schaum vorm Mund. Da ging es um einen Gastarbeiter." Jana Scheerer von ihrer persönlichen Tatort-Konfrontationstherapie. Nur im Print kritisiert Mark Terkessidis die Darstellung der Provinz als unauthentisch, und Maxim Biller lernt etwas über die Demokratie.
Archiv: DU

Guardian (UK), 15.09.2007

David Grossman denkt in einem ausführlichen Essay über die Frage nach, wie der Holocaust sein Schreiben prägt. Dabei erinnert er sich auch an seine Kindheit in den Fünfzigern und Sechzigern, als über den Holocaust noch geschwiegen wurde: "Für Leute wie mich, die in Israel in den Jahren nach dem Holocaust geboren wurden, war das Grundgefühl - über das wir nicht sprechen konnten und für das wir zu dieser Zeit vielleicht noch keine Worte hatten -, dass der Tod für uns Juden ein unmittelbarer Gesprächspartner war, dass Leben, selbst in einem gerade neu gegründeten Land voller Energie und Hoffnung, stets eine riesige Kraftanstrengung beinhaltete, um der Drohung des Todes zu entkommen."
Archiv: Guardian
Stichwörter: David Grossman

Magyar Narancs (Ungarn), 13.09.2007

Die Tschechen sind unfähig, die Geistesgrößen ihres Landes zu anerkennen, meint der Regisseur Jiri Menzel im Interview: Bohumil Hrabal (mehr hier), dessen Roman "Ich habe den englischen König bedient" er gerade verfilmte, "ist in seinem Heimatland bei weitem nicht so kultig, wie in Ungarn und Polen. Hierzulande interessiert man sich höchstens für die Umstände seines Todes. Die Tschechen sind dumm, nicht nur, wenn es um Hrabal, sondern insgesamt was ihre Beziehung zur eigenen Kultur, zum Beispiel was die Wertschätzung Milos Formans oder Vaclav Havels angeht. Die Tschechen können nicht damit umgehen, wenn einer unter ihnen besser ist, als sie. Ihr Ungarn seid stolz auf Eure Künstler, aber die Tschechen meinen: 'Mein Gott, was gefällt der Welt so an diesem Kundera?' Wenn ich einen Auftrag als Produzent bekomme, fragen viele: 'Warum gerade Menzel?'" Trotzdem fühle er sich wohl in seinem Land, denn "ich bin ja auch nicht besser, als alle Tschechen. Ich frage auch immer: 'Warum gerade Forman, warum nicht ich?'"
Stichwörter: Bohumil Hrabal

Times Literary Supplement (UK), 14.09.2007

Gar nicht einverstanden ist Paul Duguid mit Andrew Keens Klage "The Cult of the Amateur" über die Auswüchse des Laienjournalismus im Internet. In Keens Augen ist der "kollektive Ruf nach demokratisierten Medien ein Angriff auf unsere Ökonomie, unsere Kultur und unsere Werte": "Der einstige Chef eines Musik-Startups scheint entdeckt zu haben, dass sich Pornografie und Piraterie im Netz ausbreiten, während vulgäre Amateure, ohne Rücksicht auf Autoritäten oder Experten respektierte Institutionen wie die Encyclopaedia Britannica oder die New York Times unterminieren. Keen ist wütend, und durch sein Buch zieht sich die Sehnsucht, mit der Macht des Programmierers alles auf einmal zu löschen. Weil das nicht geht, macht er im letzten Kapitel eine Reihe von Vorschlägen für staatliche Interventionen. Davon sind wenig neu, und wahrscheinlich noch weniger effektiv. Doch ob nun effektiv oder nicht - die Erfahrung sagt uns, dass staatliche Interventionen im Netz dazu tendieren, den Interessen derer zu dienen, die ihre Lobby-Arbeit im Kongress gemacht haben."

Außerdem besprochen werden Clive James' Notate "Cultural Amnesia", Diana Pavlac Glyers Doppelporträt von C.S. Lewis und J.R.R. Tolkien "The Company They Keep" und eine Ausgabe von Harriet Martineaus "Collected Letters".

al-Sharq al-Awsat (Saudi Arabien / Vereinigtes Königreich), 12.09.2007

"Und schließlich wurde die Fatah zu einer islamischen Bewegung" - so lautet der lapidare Titel eines Berichts aus Gaza und Ramallah. Osama Alaysa schildert die dramatischen Veränderungen, die sich in der jüngeren Vergangenheit in der palästinensischen Gesellschaft abzeichneten. Sowohl die Hamas als auch die Fatah setzen auf massive Repressionen des politischen Gegners. Zeitungen, Forschungseinrichtungen und Kulturzentren, die dem anderen Lager zugeschrieben werden, werde oft kurzfristig jede weitere Arbeit untersagt. In diesem Konflikt bezieht sich die Fatah immer öfter auch auf die Religion als Argument gegen die Hamas, die als Handlanger des Iran dargestellt wird: "Das deutlichste Zeichen für das Aufweichen der säkularen Identität der Fatah und ihrer linken Bündnispartner könnte der Slogan sein, den ihre Anhänger während der Protestveranstaltungen gegen die Hamas rufen: 'Schia, Schia!' (?) Bei vergangenen Gelegenheiten, als der Konflikt zwischen Hamas und Fatah noch in den Anfängen steckte und noch nicht militärisch ausgetragen wurde, sind Führer der Fatah wie Mahmud Abbas eingeschritten, um die Menge aufzufordern, mit dem Rufen dieser Slogans aufzuhören. Die Menge hat nicht darauf gehört. Mittlerweile gibt es niemand mehr, der sie auffordert, diesen spalterischen Slogan zu unterlassen."
Stichwörter: Mahmud Abbas, Hamas

Economist (UK), 13.09.2007

In China blüht das "Web 2.0", wenn auch nicht alle Ideen so ganz originell sind: "XIAONEI.COM sieht nicht nur genauso aus wie Facebook, die erfolgreiche Website für soziales Networking. Der Anbieter hat neben dem Design gleich die ganze Strategie nach China transplantiert. Damit steht er nicht allein. Von allen großen 'Web 2.0'-Websites - jenen also, die den Menschen das Teilen von Informationen, die Zusammenarbeit und den Zusammenschluss mit Freunden ermöglichen - gibt es chinesische Versionen. YouTube, der Videoanbieter, der jetzt zu Google gehört, hat mehr als 200 Nachahmer in China, etwa zehn Prozent von ihnen haben Risiko-Kapital im Hintergrund."

Außerdem geht es um aus Russland eingewanderte Neo-Nazis in Israel, den Boom der Journalistenausbildung in den Entwicklungsländern, die arabischen Wurzeln der türkischen Musik, Sex-Erziehung in Indien, überwundene Mietprobleme für die Londoner Gelehrten-Gesellschaften, den neuen Karikaturenstreit in Schweden. Besprochen werden Martin Bells Buch "The Truth that Sticks", eine kritische Einschätzung der Ära Blair, Melvyn Pl. Lefflers Geschichte des Kalten Krieges mit dem Titel "For the Soul of Mankind" und Ann Patchetts neuer Roman "Run". Luciano Pavarotti wird eines Nachrufs gewürdigt.

Die Titelgeschichte widmet sich dem Irak-Krieg mit der programmatischen Überschrift: "Warum sie bleiben sollten".
Archiv: Economist
Stichwörter: Irak, Entwicklungsländer

Nepszabadsag (Ungarn), 11.09.2007

"Liebe Machos, die internationale Isolierung droht!", schreibt Balint Magyar, Staatssekretär für Entwicklung und Mitinitiator der Einführung einer Frauenquote bei den ungarischen Parlamentswahlen und parodiert die Gegner der Frauenquote: "Die internationale feministische Verschwörung hat mit Hilfe der knechtischen UN einen erbarmungslosen Angriff gegen die Männer unseres Landes gestartet. Ihrer ausdauernden Intrige zufolge hat sie sich unmanierlich in die Verfassungsordnung eingemischt und fordert unsere Regierung auf, die Frauenquote einzuführen. Unsere Politiker bewahren die tausendjährigen patriarchalischen Traditionen unerschütterlich, beschützen das Parlament und unseren hart erkämpften, EU-weit vorletzten Platz in der Gleichberechtigung. Aber mehrere westeuropäische Länder sind inzwischen der antidemokratischen, antiliberalen, verfassungswidrigen und kommunistischen Frauenquote zum Opfer gefallen. Spanien, Frankreich, Portugal - um nur einige besonders patriarchalische Länder zu erwähnen - sind schon im heroischen Kampf gegen die Gleichberechtigung gefallen, aber auch Pakistan, Tunesien und die Vereinigten Arabischen Emirate sind auf dem schicksalsschweren Weg wesentlich weiter, als wir."
Archiv: Nepszabadsag

Das Magazin (Schweiz), 15.09.2007

Warum erregt sich die westliche Friedensbewegung über den Irak-Krieg, aber nicht über den den Völkermord in Darfur?, fragt Peter Haffner. Dabei wäre Druck auf die UNO entscheidend: "Die Uno ist selten mehr als die Summe ihrer Teile, das heißt der im Sicherheitsrat vertretenen Großmächte. Diese müssen willens sein, wenn gehandelt werden soll, und das sind sie meist nur, wenn ihre vitalen Sonderinteressen gefährdet sind. Dazu gehören die allgemeinen Menschenrechte nicht. Damit sich diesbezüglich etwas bewegt, braucht es Druck von unten. Auf solchen Druck durfte die Bevölkerung von Darfur als Opfer nichtamerikanischer Bösewichter nicht zählen. Es ist müßig zu spekulieren, wie viele noch am Leben wären, hätte diese Katastrophe die Gemüter so erregt wie der Krieg im Irak."
Archiv: Das Magazin
Stichwörter: Friedensbewegung, Irak, UNO

New Republic (USA), 10.09.2007

Ted Nordhaus und Michael Shellenberger vom Sozialforschungsinstitut American Environics und Autoren des Buchs "Break Through - From the Death of Environmentalism to the Politics of Possibility" legen in der TNR Online ein Manifest vor, in dem sie vom Katastrophismus a la Gore in der Klimadebatte abraten und stattdessen eine Verzehnfachung der staatlichen Forschungsgelder auf 300 Milliarden Dollar in zehn Jahren fordern, um Formen sauberer Energie zu entwickeln: "Einiges von diesem Geld sollte genutzt werden, um einen neuen militärisch-industriellen-wissenschaftlichen Komplex zu gründen, ähnlich dem Informatik-Komplex, der in den Fünfzigern und Sechzigern geschaffen wurde. Der Wandel von Silicon Valley von einer schläfrigen Ansammlung von Obstgärten und Kleinstädten zum heutigen Machtzentrum der Informationstechnologie war Ergebnis massiver Investitionen der Bundesregierung in eine Reihe miteinander verknüpfter militärischer, industrieller und akademischer Institutionen in der Region - eine Tatsache, die von vielen Hightechmanagern, die glauben wollen, dass alles in Bill Hewletts Garage anfing, lieber ignoriert wird."

Aufmacher der letzten Printausgabe ist ein Kapitel aus einem Buch des TNR-Redakteurs Jonathan Chait, das beschreibt, wie die amerikanische Politik unter den Bann einiger Superreicher geriet: "Die amerikanische Politik ist von einem winzigen Klüngel rechter Wirtschaftsextremisten gekapert worden, einige von ihnen sind Fanatiker, andere nur gierig, und manche womöglich verrückt."
Archiv: New Republic
Stichwörter: Geld, Silicon Valley