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Im Kino

Jederzeit genussbereit

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Thomas Groh
31.10.2013. Alan Tylers "Thor: The Dark Kingdom" ist glatter Bestandteil eines Franchise-Masterplan, entwickelt dabei aber einen gewissen Charme, der nicht zuletzt Kat Denning zu verdanken ist. So sexy wie Wikileaks in Bill Condons gleichnamigem Film war der CCC nie.


Was man an den Superhelden-Filmen der Marvel Studios, der derzeit vielleicht erfolgreichsten Geldfabrik Hollywoods, mögen kann: Dass sie der vor allem von Christopher Nolans humorloser "Dark Knight"-Trilogie befeuerten Tendenz zur Hochrüstung und Übersteigerung der Comic-Erzählungen ins Schicksalsschwere, Todernste, Politmetaphernhafte weitgehend widerstehen. In ihren besten Momenten geben die Filme aus dem Avengers-Universum, ihren sauteuren und natürlich trotzdem hoffnungslos aufgeblasenen Blockbusteroberflächen zum Trotz, eine Ahnung vom naiven Charme klassischer Pulp-Comics.

Die meisten dieser besten Momente finden sich in den beiden "Thor"-Filmen. Während sich Joss Wheedons letztjähriges "Avengers"-Gipfeltreffen als eine eher sterile Materialschlacht entpuppte, die "Iron Man"-Trilogie von Film zu Film mehr zur narzisstischen Robert-Downey-Jr.-Nabelschau ausartet und Nebenwerke wie "Captain America: The First Avenger" ohnehin höchstens von knallharten Camp-Afficionados goutiert werden können, bestechen die Abenteuer des nordischen Donnergottes durch eine fast ungebremste Fabulierfreude: Bizarre Fabelwesen prügeln sich in knallbunten Fantasiewelten um esoterische kristalline oder, im neuen Film, ätherische Substanzen; auf dem Spiel steht selbstverständlich immer das Überleben des ganzen Universums.

Der erste Film litt noch ein wenig unter dem Missverhältnis zwischen dem leichtfüßigen Drehbuch und der eher wuchtigen Regie des Shakespeare-gestählten Kenneth Branagh. Der Nachfolger "Thor: The Dark Kingdom" fühlt sich ein wenig flüssiger und beschwingter an, die komödiantischen Szenen fügen sich organischer in das natürlich von Anfang an nicht besonders grimmige Doomsday-Szenario (ganz kurz zum Plot: ein Elfenvolk droht mit Weltverdunklung, Thors Nemesis Loki entkommt aus dem Knast und Natalie Portman hat als Astrophysikerin Jane Foster diesmal immerhin etwas mehr zu tun; ähnlich wie in Doug Limans unterschätztem Meta-Blockbuster "Jumper" werden außerdem am laufenden Band Gegenstände und sogar Personen wild durch die Gegend gebeamt).



Was andererseits auch heißt, dass "Thor: The Dark Kingdom" noch ein wenig unpersönlicher heruntergefilmt ist, als es die anderen Avengers-Filme ohnehin schon waren. Inszenatorische Extravaganzen in irgendeine Richtung braucht man bei den Marvel Studios nicht zu erwarten, dort perfektioniert man seit ein paar Jahren ein Produzentenkino, das die einzelnen Filme nur als funktionale Bestandteile eines Franchise-Masterplans fasst und deshalb die persönlicher gefärbten Schönheiten zum Beispiel von Sam Raimis "Spiderman"-Filmen von Anfang an ausschließt. Verantwortlich ist diesmal ein gewisser Alan Taylor, der in den letzten zehn Jahren, vielleicht ist das kein Zufall, ausschließlich fürs amerikanische Fernsehen gearbeitet hat. Tatsächlich sieht sein souverän mit diversen Handlungssträngen jonglierender Film streckenweise wie überproduziertes Quality-TV aus.

Und wie nicht selten auch an Quality-TV gefällt an den Marvel-Filmen vor allem anderen die Besetzung. Das Marvel-Universum hat sein eigenes Starsystem, eine ganze Reihe von Schauspielerinnen und Schauspielern haben langfristige Verträge mit dem Studio und schauen, immer im selben Kostüm, in diversen Filmen vorbei, oft nur für eine kurze Stippvisite; das schafft eine angenehme Vertrautheit. Chris Hemsworth, der zuletzt auch als Formel-1-Charmeur James Hunt in Ron Howards "Rush" brillierte, ist die Rolle des blondgelockten Hammerkriegers buchstäblich auf den muskulösen Oberkörper geschrieben; die leise Melancholie, der er sich zu Filmbeginn hingeben darf, steht ihm besonders gut. Natalie Portman ist zwar tendenziell weiterhin an eine eher uninteressante Rolle verschwendet; aber dafür hat Kat Dennings ("2 Broke Girls") als ihre vorlaute Assistentin Darcy Lewis gleich eine ganze Reihe schöner Szenen; ihr schaut man gerne zu, weil sie das richtige Verhältnis zu dem Spektakel findet, das sich um sie herum entfaltet, weil sie zwar einerseits die abgeklärte und lässige Aura einer Frau kultiviert, die alles schon einmal gesehen und fast alles schon einmal getan hat; die aber andererseits unbedingt und jederzeit genussbereit ist, die sich jeder vermeintlich neuen Attraktion, die sich ihr bietet, vorbehaltlos hingibt, als wäre es das erste Mal.

Lukas Foerster

Thor: The Dark Kingdom - USA 2013 - Originaltitel: Thor: The Dark World - Regie: Alan Tyler - Darsteller: Chris Hemsworth, Natalie Portman, Tom Hiddleston, Stellan Skarsgård, Idris Elba, Christopher Eccleston, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Kat Dennings, Ray Stevenson - Laufzeit: 112 Minuten.

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Fast schon faszinierend, wie unbeholfen Hollywood vor dem großen Beben steht, das die Whistleblower-Plattform WikiLeaks vor wenigen Jahren auslöste, wie es ratlos mit den Schultern zuckt und sich so irgendwie um ein Verhältnis dazu müht. Schon auf den ersten Blick spielt die Geschichte um ein paar idealistische Hacker rund um die so charismatische wie rätselhafte Galionsfigur Julian Assange dem Verwertungszusammenhang der großen Filmindustrie, wie Tobias Kniebe kürzlich schon in der Süddeutschen schrieb, kaum verwertbare Bilder zu. Entsprechend rettet sich der Film zum Buch über die Leaking-Plattform in nerdig überwucherndes Setdesign und etwas subversiv angestrichenen Rebellions-Chic: So sexy geeky wie hier sah wohl noch kein realer Chaos Communication Congress- lange Zeit im Berliner Haus des Lehrers, mittlerweile wieder in Hamburg ansässig - aus, so bis ins Detail ziseliert auf Verfall gestylt waren auch Horte der Subversion wie das mittlerweile geschlossene Kunsthaus Tacheles zu ihren brummendsten Zeiten kaum.

Und wie überhaut den Einschnitt, den umfassenden Kontrollverlust, die Krise, die WikiLeaks bei seinem kurzen Höhenflug darstellte, adäquat ins Kino übersetzen? Doch wohl am besten unter Rückgriff auf den zuhandenen Politthriller mit internationalem Flair, der von Berliner Kaschemmen und schlamperten Hacker-Buden atemlos zu den kristallin auf hip getrimmten Redaktionsstuben des Guardian und den höchsten Büros kurz vor dem Oval Office hetzt, während hier wie dort pathosschwangere Sentenzen fallen und irgendwie coole Zeitgenossenschaft für sich beanspruchende Inserts hektisch eingeschnitten werden. Und wie überhaupt das Internet, gar den Cyberspace am besten visualisieren? Vielleicht ja auf eher beknackte Art, mittels der visuellen Qualitäten des einstmals zentralen Orts der Daten- und Informationsspeicherung und -verarbeitung, des Großraumbüros mit seinen endlosen Aktenschränken und -bergen, in das sich der Film immer dann vor der Menschensinnen entzogenen Realität flüchtet, wenn er etwas allegorisch zum Ausdruck bringen will.

Kurz: "Inside WikiLeaks", der Film über Aufstieg und Fall der Whistleblower-Plattform (und direkt daran geknüpft: Julian Assanges), ist ein heilloses Durcheinander, dem man beinahe schon dabei zuschauen kann, wie er sein Sujet krampfhaft ins eigene Form- und Wertsystem einzugliedern versucht, während es ihm in Wahrheit gehörig um die Ohren fliegt.



Alles, was an WikiLeaks politisch wie historisch spannend sein könnte, blendet der Film aus - zugunsten einer Rivalitätsgeschichte zwischen Julian Assange (Benedict Cumberbatch) und Daniel Domscheit-Berg (Daniel Brühl), auf dessen Buch wiederum weite Teile des Filmes fußen, gerade so, als ob Spekulationen darüber, ob Assange - hier eine Art geisterhaft durchs verschneite Berlin wandelnder Gandalf zwar ohne Bart, doch mit (wie der echte Assange behauptet: frei erfundener) schwerer Kindheit - womöglich manipulativ oder gar ein verkappter Sektenguru ist, tatsächlich von gehobenem Interesse wären oder gar zum historischen Narrativ taugten. Ist WikiLeaks womöglich auch deshalb in die Bredouille geraten, weil hinter den Kulissen eine Entscheidung zwischen Revolution oder einer Frau getroffen werden musste? Wird man der in dem ganzen Spiel tatsächlich ja interessantesten Figur - Chelsea, bzw. damals noch Bradley Manning - wirklich schon dadurch gerecht, indem man sie als bloßes plot device nutzt und im zügigen Vorbeigehen als mehr oder weniger geisteskrank hinstellt? Und wer kam auf die sonderbare Idee, für etwas mehr emotionale Durchschlagskraft noch einen reichlich dürftigen Subplot einzubauen, in dem ein durch die WikiLeaks-Veröffentlichungen in Lebensgefahr geratener US-Doppelagent unter Anleitung einer mit diesem auch noch freundschaftlich verbandelten Geheimdienstlerin (Laura Linney) außer Landes flieht?

Gibt es an der WikiLeaks-Geschichte also wirklich nichts Interessanteres als solche Griffigkeiten aus der Mottenkiste des Groschenheftromans? Und was soll uns diese eindeutige Parteinahme sagen? Dass diese Internettypen mal lieber nicht in die Tasten gehauen hätten? Und warum feiert der Film dennoch unbekümmert sein hohles Revolutionspathos, bis hin zu einem völlig lächerlich im Raum stehenden Schlussappell eines Guardian-Journalisten, der WikiLeaks, nach anfänglicher Skepsis, in den Rang einer fünften Macht nach der vierten, der Presse, erhebt? Man ahnt: Die Macher wissen selbst nicht so genau und vielleicht sogar überhaupt nicht, was sie hier eigentlich wollen - dafür aber am liebsten von allem ein bisschen. "Inside WikiLeaks" ist eine blanke, reichlich wirre Spekulation vom heißen Sujet auf volle Kassen, die sich bei allem, was sie tut, ein bisschen smart vorkommt, ohne dabei verbergen zu können, wie viel Dummheit mit im Spiel ist.

Thomas Groh

Inside Wikileaks - USA 2013 - Originaltitel: The Fifth Estate - Regie: Bill Condon - Darsteller: Benedict Cumberbatch, Daniel Brühl, David Thewlis, Moritz Bleibtreu, Laura Linney, Anthony Mackie, Alicia Vikander - Laufzeit: 128 Minuten.

Archiv: Im Kino

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