Im Kino
Wichtiger ist, was sein wird
Die Filmkolumne. Von Sebastian Markt
08.05.2026. Auf das Fehlen einer nationalen Erzählung des Libanons reagiert die Essayfilmerin Lana Daher nicht, indem sie eine solche entwirft. Vielmehr wird ihr "Do You Love Me?" zu einem Archiv der Emotionen.
Eine Kaskade von Inserts eröffnet den Film: Jahreszahlen und Ortsangaben, Erklärungen zu fiktiven Geschichten und realen Begebnissen, auf englisch oder arabisch, typische Hinweise, wie sie oft den Anfang von Filmen markieren: kleine geschichtliche Abrisse, die die Zuseher*innen eines Films für gewöhnlich situieren sollen; und hier, in der schnellen Montage, das Gegenteil bewirken: Desorientierung und Überforderung. So beginnt Lana Dahers von 70 Jahren libanesischer Geschichte erzählender archivalischer Essayfilm "Do You Love Me", der, was er erzählt, aus 20.000 Fundstücken zusammensetzt: Werken des unabhängigen libanesischen Kinos vor allem, Fernseh- und Radiosendungen, Fotos und private Videoaufnahmen. (Auf der Website des Films findet sich ein kommentiertes Verzeichnis einiger seiner Quellen.)
Das erste Insert ist noch "Primärtext" und erklärt genau das: dass der Film aus unterschiedlichen Archivmaterialien zusammengesetzt ist, und damit versucht, auf eine Abwesenheit zu reagieren; auf die Abwesenheit der jüngeren libanesischen Geschichte im Schulunterricht und auf das Fehlen eines nationalen staatlichen Archivs. Die desorientierende Wirkung eines nicht-linearen, a-chronologischen Fortschreitens, wird noch vorrausgeschickt, ist Teil des Konzepts.
Auf das Fehlen einer institutionalisierten nationalen Erzählung reagiert "Do You Love Me" nicht dadurch, dass er eine solche substituiert. Der Film rekonstruiert keine Geschichte, sondern eröffnet einen audiovisuellen Gedächtnis- und Erfahrungsraum, der an populärer Kultur stärker interessiert ist als an staatlichen Repräsentationen. Wie schon der Filmtitel von einem Song geliehen ist, nimmt Popmusik einen guten Teil des Soundtracks ein.

Dabei sind die prägenden Erfahrungen einer immer wieder von Gewalt geprägten Geschichte - der 15-jährige Bürgerkrieg, die wiederkehrernden israelischen Invasionen - präsent, ebenso wie die religiös-konfessionellen Bruchlinien der libanesischen Gesellschaft, die der Film allerdings nicht analytisch ordnet. Vielmehr zeichnet er ihre verästelten Ressonanzen auf. In einer Szene erzählt ein Mädchen, dass ihr Vater in ihrer Kindheit seinen Revolver im Auto gerne in ihrem Gepäck versteckt, wo er ihn vor Durchsuchung am sichersten wähnte, während sie sich Sorgen machte, dass er ihre Kleider schmutzig machen würde. Die unheimliche Präsenz von Waffen im Alltag ist dem Film wichtiger, als ein Register bewaffneter Fraktionen.
"Wir verstehen Geschichte nicht als eine bestimmte Wahrheit, Geschichte ist nicht vollumfänglich, es gibt keine absolute Wahrheit. Wir sammeln Geschichten, Geschichten, die für jemanden ein Stück Wahrheit in sich tragen." zitiert die Tonspur an einer Stelle, das darf man durchaus programmatisch für Dahers Film nehmen, der ein Archiv, nicht zuletzt, von Emotionen ist. Inmitten wiederkehrender Destruktion verhält sich der Film nicht einfach nostalgisch, die Spannung zwischen der trauernden Erinnerung an Gewesenes und dem Wunsch, die Last der Vergangenheit abzuschütteln, ist konstitutiv. In einer eindrücklichen Sequenz steht ein Künstler vor den Ruinen eines Gebäudes, in dem er noch vor kurzem ausgestellt hat, und gerät in einen emotionalen Streit mit seinem Gesprächspartner. Er insistiert, dass hier einmal ein Museum stand, was sein Gegenüber anzweifelt, und darauf, dass was war, nebensächlich ist, gegenüber dem, was sein wird.
Fast im Gegensatz zur Texteinblendung am Anfang fügt sich das Material in der Montage (Qutaiba Barhamji) zu einem flüssigen Text, der ohne dass seine Autorin jemals direkt das Wort ergreift, auch sehr persönlich wirkt. Die zyklischen, spiralenhaften Bewegungen verdichten sich zu einem melancholischen Grundton, dessen stärkster politischer Impetus darin besteht, in der Fragilität einer gewalterfahrenden Gesellschaft Momente der Zärtlichkeit zu rekonstruieren. Das ist am Ende auch eine Möglichkeit, den Titel des Films zu lesen: Angesichts der Liebeserklärung an ein Land bzw. eine Stadt - hauptsächlich bewegt sich der Film durch Beirut - stellt er nicht ganz unbang die Frage, ob diese Liebe eine gegenseitige ist.
Sebastian Markt
Do You Love Me - Libanon 2025 - Regie: Lana Daher - Laufzeit: 75 Minuten.
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