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Im Kino

Entschieden unweise

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Nikolaus Perneczky
18.12.2013. Von Sex besessen sind weniger die viel besprochenen Szenen in Abdellatif Kechiches Film "Blau ist eine warme Farbe" als gerade die Kritiken daran: Es wird in dem Film viel mehr gegessen als gefickt: und gerade hier beweist er seine Klugheit. Kleinformatig, großherzig, toll besetzt und kaum klebrig ist die Beziehungskomödie "Enough Said" von Nicole Holofcener.


Nach allem, was seit der Premiere in Cannes über "Blau ist eine warme Farbe", den dort mit der Goldenen Palme ausgezeichneten neuen Film Abdellatif Kechiches, geschrieben wurde, muss man wohl fast bei den Sexszenen anfangen. Bei jener langen, für die Verhältnisse des Arthauskinos recht expliziten Szene vor allem, die die beiden Hauptfiguren, die Schülerin Adèle (Adèle Exarchopoulos, eine pausbackige Newcomerin, der die Haarstränen wieder und wieder in überaus fotogener Manier übers Gesicht fallen) und die etwas ältere Kunststudentin Emma (Léa Seydoux, ihrerseits mit kurzem, blaugefärbtem Haar) zum ersten Mal gemeinsam im Bett zeigt. Die Szene markiert den Beginn einer Beziehung, deren langsames, schmerzhaftes Auseinanderbreichen der Film anschließend protokolliert. Auf die eine oder andere Art scheint diese eine Szene fast alle Zuschauer beeindruckt zu haben, angefangen bei der Cannes-Jury um Steven Spielberg, die den Hauptpreis ausnahmsweise nicht nur dem Regisseur, sondern gleichzeitig den beiden Darstellerinnen als Co-auteurs zusprachen. Dann aber auch einige Kritikerinnen und Kritiker, die wenig amused waren von der Art, wie sich da lesbisches Begehren einem "male gaze" ausliefert.

Oder so ähnlich
; es gibt inzwischen sehr unterschiedlich gelagerte Argumente - stellvertretend für einige andere sei auf den Text von Manohla Dargis in der New York Times verwiesen. (Insgesamt gibt es, das sei dazu gesagt, deutlich mehr Lob, zum Teil gar hymnisches Lob, als Kritik für den Film; komischerweise haben mich, obwohl ich den Film selbst mag, die Verrisse weit mehr interessiert als die Hymnen, die in dem Film vor allem eine "universelle" Liebesgeschichte sehen wollen, was wohl auch heißt: nicht nur eine lesbische, bitte sehr…)

Vorweg: Genau wie alle anderen Kritiker war auch ich nicht bei den Dreharbeiten dabei; sollte sich der Regisseur da ungebührlich verhalten haben - in diese Richtung wurden einige Aussagen der Schauspielerinnen in Interviews ausgelegt -, gibt es daran selbstverständlich nicht das geringste zu entschuldigen. Aber der fertige Film ist, wie jeder andere auch, auf seine Produktionsumstände eben gerade nicht durchsichtig. Also muss man sich zuerst einmal an das halten, was auf der Leinwand zu sehen ist. Und da beginnt die Uneinigkeit schon bei Grundsätzlichem.

Auf bis zu zwanzig Minuten Länge war in der Erinnerung einiger Reviewer die Szene angewachsen; tatsächlich sind es gerade einmal gute sechs Minuten. Zählt man zwei weitere, deutlich kürzere Sexszenen, eine ebenfalls lesbisch, eine heterosexuell, hinzu, summiert sich das auf allerhöchstens zehn Minuten "Porno" - in einem Dreistundenfilm. Dazu kommt: Trotz aller gegenteiliger Anrufungen sehe ich die Nähe auch dieser Szenen zu den Bildern der kommerziellen Pornografie schlicht und einfach nicht; oder höchstens im oberflächlichsten aller Sinne: es geht halt um Sex und erst einmal um nichts anderes. Aber Kechiche inszeniert den Sex gerade nicht ums "genitale Ereignis" (Linda Williams), nicht um klinische Großaufnahmen herum, meist bleibt er in der Totalen. Zumindest mir erschien die Kameraarbeit eher interessiert als aufdringlich, eher "dokumentarisch" als voyeuristisch. Wenn das anderen anders gegangen ist, könnte das in der Natur der Sache liegen - vielleicht stößt Filmkritik in ihrem Versuch, persönliche Seherfahrungen intersubjektiv zu vermitteln, bei diesen Szenen einfach an eine natürliche, intime Grenze.



Besonders verwundert mich, dass in vielen Verrissen, von Dargis und anderen, neben den Sexszenen ausgerechnet noch auf jenen Moment abgehoben wird, in der sich der Film für meine Begriffe am explizitesten von einem aufdringlichen male gaze distanziert. Gemeint ist die Partyszene, auf der Adèle mit der Kunstschickeria, deren Teil ihre Freundin ist, bekannt gemacht werden soll. Sie wird dann allerdings, im Großen und Ganzen zumindest, fürs Essenmachen und -servieren abgestellt, bei den hochtrabenden Gesprächen hat sie wenig zu melden.

Besonders unangenehm tut sich da eben jener Herr hervor, bei dem Eindruck zu schinden sich auch Emma Mühe gibt; er schwadroniert über die Mysterien des weiblichen Orgasmus und dessen Verhältnis zu Fragen der Ästhetik, kommt dabei auch auf jene griechische Sage zu sprechen, derzufolge der Seher Teiresias einen Streit zwischen dem Götterpaar Zeus und Venus entschied, indem er dem weiblichen Orgasmus eine neunmal höhere Gefühlsintensität zusprach.

In der Argumentation von Dargis und anderen fallen Teiresias, der großsprecherische Bekannte Emmas und Kechiche in eins: Der Film, heißt es dann, verschreibe sich ebenfalls der Suche nach dem Mysterium der weiblichen Lust und lande dadurch bei einer fragwürdigen Essentialisierung derselben; wodurch wiederum, wie auch immer das theoretisch gefasst werden könnte, weibliche Subjektivität negiert würde. Mir leuchtet schon der Anfang der Argumentationskette nicht ein: Wie kommt Dargis, wie kommt beispielsweise auch Julie Maroh, die Autorin des Comics, auf dem der Film basiert, darauf, dass Kechiche sich ausgerechnet mit dieser peripheren und zumindest weitgehend unsympathisch gezeichneten Figur identifizieren könnte - und nicht etwa mit Adèle, mit seiner Hauptfigur, die sich ihrerseits nach der Party und dem auftrumpfenden erotomanen Gequassel nicht nur vom Milieu ihrer Freundin, sondern schließlich auch von dieser selbst zu distanzieren beginnt?

Gerade jene Kritik an den Sexszenen, die sich an deren tatsächlich oder vermeintlich "mechanischen" Charakter stört, wird mir vor diesem Hintergrund verdächtig: Ist es vielleicht nicht eher so, dass sich in dieser Kritik viel mehr als im Film ein essentialistisches Verständnis von Sex artikuliert? Ist es nicht so, anders ausgedrückt, dass Sex schlicht und einfach auch einen "mechanischen", oder technischen Aspekt hat? Wenn die Sexszenen tatsächlich ein wenig aus dem Film herauszufallen scheinen, könnte das gerade daran liegen. Im restlichen Film schmeißt sich die Kamera regelrecht an die Körper der Schauspielerinnen heran, vor allem an ihre Gesichter, sucht nach Subjektivierungseffekten (mit der Art, wie sie das tut, habe ich dann wiederum gelegentlich Probleme, da sucht Kechiche, wenn auch nicht mehr so aufdringlich wie in seinen frühen Filmen, auf eher naive Art "das Leben selbst").

Beim Sex nimmt sie statt dessen ganz explizit eine Außenperspektive ein, die am Ende vielleicht einfach nur eine durchaus ehrliche Konsequenz der Aufnahmesituation ist: Ein - vermutlich - heterosexueller Regisseur und zwei - vermutlich - heterosexuelle Frauen überlegen sich, wie lesbischer Sex aussehen könnte.



Mir scheint, dass "Blau ist eine warme Farbe" auch in den Sexszenen, vor allem aber in den sexologischen Diskursen an den vorherigen Film des Regisseurs anschließt: An "Venus noir", ein ungemein bedrückendes Biopic über das Leben der Südafrikanerin Sarah Baartman, die von einem britischen Schausteller erst in London, dann in Paris als exotisches Spektakel vorgeführt wird, sich schließlich als Prostituierte verdingen musste und in bitterer Armut starb. Kechiche reinszenierte nicht nur ausführlich die Jahrmarktshows (deren Äquivalent im neuen Film die Sexszenen wären), sondern zeigte auch auf, dass Baartmans Körper nicht nur Objekt des offen voyeuristischen Interesses der Jahrmarktbesucher, sondern auch eines wissenschaftlich verbrämten voyeuristischen Interesses zeitgenössischer Anthropologen war, die in ihrer Schädelform einerseits einen Beweis für die Überlegenheit der kaukasischen "Rasse" gefunden zu haben glaubten, andererseits aber auch unbedingt unter ihren Lendenschurz, in ihren Genitalbereich vordringen wollten. Deutlich macht dieser - großartige - Film nicht zuletzt, dass der "male gaze" keine zeit- und ortlose, quasinatürliche Konstante ist, sondern in erster Linie eine diskursive Formation darstellt, die an jeweils spezifische historisch-politische Bedingungen anschließt. Aktualisierungen dieser Formation macht Kechiche in seinem neuen Film unter anderem in den kunstsinnigen Partygesprächen Pariser Hipster sichtbar.

Über den Film selbst ist mit all dem, zugegeben, noch nicht allzu viel gesagt. Was schon daran liegt, dass in "Blau ist eine warme Farbe", und das würde man sich nach den meisten bisherigen Texten und nun leider auch nach dem bisher hier Geschriebenen eher nicht denken, deutlich mehr gegessen als gefickt wird. Wie schon in seinem früheren Film "Couscous mit Fisch" inszeniert Kechiche gleich mehrere zentrale Momente seiner Geschichten um Mahlzeiten herum - das sind jeweils komplex gebaute Anordnungen, in denen sich Gesellschaft über geteilte Praxis vermittelt, zum Beispiel im Abgleich von zwei aufeinander folgenden Abendessen-mit-Eltern, zunächst bei Emma (Austern schlürfen als sexualpolitisches Disktinktionsmerkmal, das aber erst dechiffriert und eingeübt werden muss), dann bei der eher proletarisch sozialisierten Adèle (Nudeln mit Tomatensoße, in obszönen Großaufnahmen in Münder eingeführt); oder eben, eine weitere Schlüsselszene, auf jener erwähnten Party, die einen Kipppunkt in der Beziehung von Adèle und Emma markiert.

Was mir an dem neuen Film gefällt (neben vielem anderen, hier Unerwähnten - in den drei Stunden bringt Kechiche sehr viele, sehr unterschiedliche Sensationen unter), ist, dass die Mahlzeiten die diversen sozialen Spannungen, von denen der Film nur ganz knapp unter seiner Oberfläche handelt, zwar artikulieren, aber nicht lösen. In "Couscous mit Fisch" hatte man noch den Eindruck, dass alles irgendwie wieder gut werden kann, wenn wir uns nur alle gemeinsam an einen Tisch setzen, miteinander essen und dabei ins Gespräch kommen. "Blau ist eine warme Farbe" macht es sich nicht mehr so einfach: was uns satt - oder auch geil - macht, macht uns noch lange nicht klüger. Und das ist am Ende wahrscheinlich auch besser so.

Lukas Foerster


Blau ist eine warme Farbe - Frankreich 2013 - Originaltitel: La vie d"Adèle - Regie: Abdellatif Kechiche - Darsteller: Adèle Exarchopoulos, Léa Seydoux, Salim Kechiouche, Aurèlien Revoing, Catherine Salèe, Banjamin Siksou, Mona Walravens - Laufzeit: 179 Minuten.

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"Enough Said" von Nicole Holofcener ist ein kleiner Beziehungsfilm mit einem großen Herz für seine Figuren, dabei überraschend sachlich, klug und fast gar nicht klebrig. Schauplatz ist Los Angeles, also eines der geografischen Zentren der amerikanischen Unterhaltungsindustrie, mit der die Figuren des Films jedoch nur vermittelt zu tun haben. Sie leisten Reproduktionsarbeit im weitesten Sinn, als Masseurin, Therapeutin, Fernseharchivar oder als Lyrikerin. Über letztere macht sich "Enough Said" in leiser, mitunter aber trotzdem unangenehmer Weise lustig, davon abgesehen findet der Film eigentlich immer das richtige Verhältnis zu seinen Figuren: einfühlsam, doch unapologetisch. Vom Stoff (und vom vergeigten Soundtrack) her neigen sich Abgleitflächen ins süßlich Menschelnde, dennoch hält der Film konstant Kurs. Neben dem strategischen mismatch von Julia Louis-Dreyfus und dem dieses Jahr verstorbenen James Gandolfini, die untereinander und mit ihren Genre-Rollen (als Romcom-Leads) auf produktive Weise fremdeln, sind es vor allem die Outfits, Orte und Einrichtungsgegenstände - der Sinn fürs Umfeld - worin sich "Enough Said" von den üblichen Dysfunktionalitätserzählungen abhebt. Je länger der Film hinschaut, desto mehr zeigt sich das Spezifische dieser eigentlich unspezifischen Welt.

Eva (Julia Louis-Dreyfus) ist Mitte 50, geschieden und verdingt sich als selbstständige Masseurin. Eingeführt wird sie in einer Montagesequenz, die sie mit verschiedenen Klienten bei der Arbeit zeigt. Von Berufs wegen hat Eva Zutritt zu den Wohnräumen einer gut situierten Mittelschicht, der sie selbst eher zuarbeitet als angehört. Mehr noch: Als Masseurin kann sie die psychosozialen Vibes in diesem Umfeld gewissermaßen in den Fingerspitzen fühlen. Das Sorgerecht für ihre Tochter Ellen (Tracey Fairaway) teilt Eva mit ihrem Exmann, mit dem sie ansonsten absolut nichts mehr verbindet: "Enough Said" ist eine Komödie über das reife Beziehungsleben nach dem Ende der großen romantischen Erzählung. Auf einer Party lernt Eva Albert (James Gandolfini in seiner vorletzten Rolle) kennen. Ein zögerlicher Flirt führt bald zu mehr. Vor allem aber gibt er den Anlass zu einer komischen Abhandlung über Partnerwahl und -werbung unter erwachsenen Menschen, denen die Unwahrscheinlichkeit geglückter Intimität bei jedem Schritt schmerzlich bewusst ist.



"It"s better when everyone"s older and wiser", sagt die neue Frau von Evas Ex einmal über die zweiten und dritten Chancen, die das Leben für manche bereithält. Die Situation von Eva und Albert ist damit aber nur ungenügend beschrieben, eher schon eröffnet diese Feststellung einen ironischen Resonanzraum für Evas entschieden unweise Verrenkungen. Als sie realisiert, dass die Klientin, die immerzu von ihrem schrecklichen Exmann erzählt, damit niemand anderen als Albert meint, behält Eva dies zunächst für sich. Zu verlockend ist es, den Tiraden von Alberts Ex jetzt schon zu entnehmen, was später alles schief gehen könnte. "She"s like a human "Trip Advisor"," erklärt Eva einer Freundin. "If you could avoid staying in a bad hotel, wouldn"t you?"

Ein Satz (und eine Erzählprämisse) wie aus "Seinfeld", der Sitcom, die Julia Louis-Dreyfus Anfang der 1990er berühmt gemacht hat. Tatsächlich erscheint Eva als eine entfernte Verwandte der unvergleichlichen Seinfeld-Figur Elaine. Auch im Problembefund kommen Sitcom und Film weitgehend überein, obschon die asozialen Spitzen, die "Seinfeld" seinen egomanen Figuren zutraut, von Holofceners Sanftheit und Geduld aufgefangen bzw. entschärft werden. Wie für Jerry Seinfeld & Company, so geraten auch für Eva, angestachelt durch den anatomischen Blick von Alberts Ex, die kleinsten Verhaltensidiosynkrasien zum deal breaker. Aber während Larry David - Autor nicht nur von "Seinfeld", sondern auch von "Curb Your Enthusiasm", das ebenfalls in Los Angeles, in einem nicht unähnlichen Milieu angesiedelt ist - die Zwangsneurosen seiner Figuren als komisches Spektakel inszeniert, ist "Enough Said" auch und gerade dann noch um Empathie bemüht, wenn Eva sich ernstlich darüber echauffiert, wie Albert seine Guacamole isst. Dass es ihr nur momentweise gelingen will, Albert in seiner (von James Gandolfini mit großem Understatement verkörperten) Besonderheit zu begegnen, ist nicht allein ihre Schuld, sondern rührt auch von der Welt, durch die sich "Enough Said" an Evas Seite bewegt. Am Ende gibt es die Möglichkeit von Versöhnung. Nur wollen muss man sie.

Nikolaus Perneczky


Enough Said - USA 2013 - Regie: Nicole Holofcener - Darsteller: Julia Louis-Dreyfus, James Gandolfini, Tracey Fairaway, Toni Collette, Ben Falcone, Michaela Watkins - Laufzeit: 93 Minuten.

Archiv: Im Kino

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