Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

3685 Presseschau-Absätze - Seite 37 von 369

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.12.2024 - Literatur

Dass Boualem Sansal von den algerischen Behörden gefangen gehalten wird, findet Sabine Kebir im Freitag zwar nicht so gut. Tadeln will sie ihn aber dennoch: "Wenn Schriftsteller keine Historiker sind, sollten sie sich auch nicht als solche betätigen oder gar instrumentalisieren lassen." Statt Sansal zu verhaften, "wäre es leicht gewesen, ein öffentliches Podium zu organisieren, wo er in der Diskussion mit anderen Intellektuellen von der schrägsten seiner Thesen vielleicht sogar abgerückt wäre." Was daran "schräg" ist, hat sie beim Historiker Benjamin Stora gelesen.

Weitere Artikel: Für den Standard wandert Gerhard Zeillinger mit dem Autor Julian Schuttinger durch Wien. Hilmar Klute stöbert für die SZ durch den Buchladen Capitol Hill Books in Washington D.C.

Besprochen werden unter anderem Han Kangs "Unmöglicher Abschied" (Standard, online nachgereicht von der FAZ, SZ), Olga Tokarczuks "E. E." (NZZ), Roman Ehrlichs "Videotime" (online nachgereicht von der FAZ), Jo Lendles "Die Himmelsrichtungen" (Presse), Hubert Fichtes und Peter Michel Ladiges' Briefband "In Gedanken unterhalte ich mich die ganze Zeit mit Dir" (FAZ), Franz Hohlers "Begegnungen mit Elias Canetti, Friedrich Dürrenmatt, Klaus Wagenbach u. v. a." (NZZ), Theresia Töglhofers "Tatendrang" (Standard), Alban Nikolai Herbsts "Briefe nach Triest" (Welt) und neue Hörbücher, darunter Jürgen Hentschs SWR-Lesung von "Doktor Shiwago" aus den späten Neunzigern (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Frieder von Ammon über Friederike Mayröckers "1 Gedicht das ist so 1 Atemzug":

"1 Gedicht das ist so 1 Atemzug : 1 Vögelchen auf der
Spitze des Baumes : kein Gewicht auf der Brust des
Dichters ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.12.2024 - Literatur

PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel zeigt sich im SZ-Gespräch mit Jens-Christian Rabe ziemlich getroffen von dem Wirbel rund um die Nahostresolution des Schriftstellervereins. Den rhetorischen Furor der Per-Leo-Fraktion, der es nicht israelkritisch genug zugehen kann, erklärt er sich auch mit Enttäuschung, innerhalb des Vereins zu wenig gehört zu werden. Aber "ich lade alle Ausgetretenen ein, sich zu fragen, ob sie ihre Enttäuschung über eine Resolution höher gewichten wollen als die Menschenrechtsarbeit dieses Vereins - und als die Chance, die wir hier haben: auf ein Gespräch im gemeinsamen Vertrauen auf die Kraft des besseren Arguments." Wer beim Thema Antisemitismus empfindlich ist, ist dies "zu Recht. Aber ich frage sie auch: Wie wichtig sind deine Differenzen mit einem arabischen Schriftsteller, der wenig überraschend auf den Nahostkonflikt eine andere Sicht hat als du, und der bestimmte Begriffe und Kategorien für passend hält, die du für falsch hältst? Und sind diese Differenzen wirklich größer als eure Gemeinsamkeiten in der Ablehnung von Antisemitismus und Rassismus außerhalb unseres kleinen Vereins?" Denn "das wahre Ausmaß der Verwerfungen in der deutschen Einwanderungsgesellschaft durch den 7. Oktober und den Gaza-Krieg, auch in meinem Herkunftsmilieu der türkischen Gastarbeiter, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen."

Mit großer Irritation verfolgen Saba-Nur Cheema und Meron Mendel die Turbulenzen beim PEN Berlin, dessen Aktivitäten in den zwei Jahren seines Bestehens eigentlich als "Erfolgsgeschichte" gewerten werden müssten. Doch was sich nun abspielt, hat "mit der Situation in Nahost wenig zu tun, vielmehr mit eigenen Befindlichkeiten, Eitelkeiten und Rechthaberei", schreiben sie in der FAZ. "Jeglicher Kompromiss wird als Verrat gewertet. Mit dem kollektiven Austritt zeigt sich ein merkwürdiges Demokratieverständnis: Ich bin Teil des demokratischen Spiels nur unter der Bedingung, dass meine Vorschläge verabschiedet werden. Sollte aber die Entscheidung anders fallen, dann steige ich aus. Der Austritt wird als 'Gebot der geistigen und moralischen Hygiene' erklärt. Am Ende des Tages geht es also doch nicht um die leidenden Kollegen in Nahost?" Darin zeigt sich die "narzisstische Ich-Bezogenheit der Verfasser des offenen Briefes. ... Die moralische Selbstüberhöhung, frei von jeglicher Selbstironie, weist satirische Züge auf."

Julia Encke kommt in der FAS auf ein pikantes Detail der Geschichte zu spechen: Gerade wurde Per Leo als Historiker "ein Forschungsprojekt zum Thema 'Konfliktstoff - Israel und Palästina an deutschen Schulen'" zugesprochen. "Angesichts der Auseinandersetzungen im PEN Berlin sowie der diffamierenden Äußerungen Per Leos in einem Interview im Deutschlandfunk Kultur stellt sich allerdings die Frage, wieso ausgerechnet ein begrenzt dialogbereiter ('rote Linie') und zu selbstgerechter Herabsetzung anderer neigender Schriftsteller geeignet sein sollte, eine Idee davon zu entwickeln, wie der 'Konfliktstoff Israel und Palästina' an Schulen verhandelt werden soll."

Sehr verrätselt blicken Bernhard Malkmus, Ludwig Fischer und Jan Röhnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ auf den Umstand, dass im englischsprachigen Ausland "Nature Writing" ein so ehrenwertes wie erfolgreiches Genre der Gegenwartsliteratur ist, wohingegen in Deutschland diesbezüglich das große Achselzucken herrscht. Das Klima ist zwar durchaus Thema, doch "insgesamt herrscht eine erschreckende Lebenskälte: Tiere sind Seltenheit, Wildtiere praktisch abwesend, Pflanzen und andere Naturerscheinungen allenfalls Kulisse. Ausnahmen wie Esther Kinsky" oder "Wulf Kirsten ... bestätigen die Regel. Die bestürzende Leere unserer ausgeräumten Landschaften, die fortschreitende Zerstörung der Böden, die erbarmungslose Artenausrottung um uns - die zeitgenössische Literatur schweigt sich dazu aristokratisch aus. Menschen leben in der Gegenwartsliteratur in allen möglichen Räumen, auf allen fünf Kontinenten, im Weltraum gar, nur nicht in der Natur. Die Biosphäre als ihre eigene Heimat - das klingt ihr pathetisch und ewiggestrig. Dabei ist sie die einzige Zukunft, die wir haben."

Weitere Artikel: Der in Berlin lebende, guatemalische Schriftsteller Eduardo Halfon denkt in der NZZ darüber nach, was es heißt als Schriftsteller in der jüdischen Tradition zu stehen. Theo Stemmler erinnert in der FAZ an den vor hundert Jahren geborenen, französischen Schriftsteller Michel Tournier. In "Bilder und Zeiten" dokumentiert die FAZ die Laudatio des Schriftstellers Michael Kleeberg zur Verleihung des Rainer-Malkowski-Preises an den Lyriker Wilhelm Bartsch. Der aktuelle Run auf Barbourjacken macht Christian Krachts Debütroman "Faserland" von 1995 wieder schlagartig aktuell, schreibt Marc Reichwein in der WamS.

Außerdem empfehlen wir "25 Bücher, um das Jahr 2025 zu verstehen" - die Perlentaucher wünschen viel Freude beim Stöbern und Lesen!

Besprochen werden unter anderem Han Kangs "Unmöglicher Abschied" (taz, FAZ, FAS), Samantha Harveys mit dem Booker Prize ausgezeichneter Astronauten-Roman "Umlaufbahnen" (Welt), Serhij Zhadans Lyrikband "Chronik des eigenen Atems" (FR), Enrico Palandris Debütroman "Lichter auf der Piazza Maggiore" (taz), Tatjana Tönsmeyers Studie "Unter deutscher Besatzung. Europa 1939 - 1945" (taz), neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Eva Rottmanns "Fucking fucking schön" (taz), der Band "Trinken wie ein Dichter. 99 Drinks mit Jane Austen, Ernest Hemingway & Co." (NZZ), Friederike Mayröckers "Gesammelte Gedichte 2004-2021" (WamS) und Monika Rincks Lyrikband "Höllenfahrt & Entenstaat" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.12.2024 - Literatur

Kamel Daoud kommt in seiner Kolumne für Le Point auf ein Verdikt der mélenchonistischen Politikerin Sandrine Rousseau über Boualem Sansal zurück. In einem Radiointerview hatte sie gesagt: "Ich betone, dass die Äußerungen von Boualem Sansal in den Bereich des Rechtsextremismus und der 'White Supremacy' fallen. Er ist kein Engel, auch wenn er nicht im Gefängnis stecken sollte." Daoud ruft dazu aus: "Wie schwierig es ist, ein Schriftsteller und zugleich ein freier Algerier zu sein!" Denn ein solcher Schriftsteller entkommt den Zuschreibungen der Linken nicht, die ihn als "rechts" qualifizieren, sobald er etwas sagt, das ihr nicht passt. "Wer frei spricht, riskiert, auf dem Scheiterhaufen der eigentlichen Supremacists zu landen, die Ihnen erklären: 'Unser Kampf gegen die Islamophobie ist wichtiger als Ihr Elend als Überlebende der islamistischen Massaker in Ihrem Land!' Was also tun? Einfach nur schweigen? Das ist unmöglich, denn einerseits erleben Sie in Frankreich eine Art 'zweite Chance' (die letzte) und andererseits sind Sie ein Rückkehrer, der den Preis für Kompromisse mit jenen Faschisten kennt, die hier ihr Lächeln als postkoloniale Opfer aufsetzen."

Martina Meister fasst in der Welt den gemeinsamen Auftritt von Antoine Gallimard, Kamel Daoud und des Anwalts François Zimeray für Boualem Sansal vor der französischen Presse zusammen (hier bereits unser erstes Resümee). "Sansals Verleger und Anwalt machten deutlich, dass sie nicht Klartext reden könnten. Alles, was an diesem Ufer des Mittelmeers gesagt werde, könne gegen Sansal verwendet werden, hieß es. 'Im Kontext der mehr als angespannten franko-algerischen Verhältnisses kann ihm jede offizielle Reaktion aus Frankreich nur schaden', ergänzte Zimeray." Er "plädierte stattdessen für eine Art 'universelle Mobilmachung' und lancierte einen Appell an 'die Intellektuellen aus aller Welt', gegenüber den algerischen Behörden ihr Gefühl auszudrücken, welche die 'brutale, unvorhergesehene, unerwartete Inhaftierung eines achtzig Jahre alten Schriftstellers bei ihnen ausgelöst hat'. Er sprach von einer 'Schriftstellerfront für die Meinungsfreiheit'." Hier zum Mitzeichnen unser gemeinsam mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und dem Merlin Verlag gestarteter Aufruf an die Deutsche Bundesregierung.

Weitere Artikel: Arno Widmann spricht für die FR mit Wolfgang Rüger über den Nachlass des 2020 verstorbenen Underground-Schriftstellers Jürgen Ploog. Iris Radisch (Zeit Online) und Gerrit Bartels (Tsp) berichten von einem Berliner Abend mit der palästinenischen Autorin Adania Shibli und Eva Menasse. Und die FAZ kürt die wichtigsten Sachbücher 2024.

Besprochen werden unter anderem Clemens J. Setz' "Das All im eigenen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie" (NZZ), Heinz Strunks "Zauberberg 2" (online nachgereicht von der Welt), Giorgio Agambens Autobiografie (online nachgereicht von der FAS), Maren Aminis Comic "Ahmadjan und der Wiedehopf" (Tsp), die Ausstellung "Access Kafka" im Jüdischen Museum in Berlin (Tsp) und Elisabeth Wagners "'Die Mosse-Frauen'. Deutsch-jüdische Lebensgeschichten" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.12.2024 - Literatur

Boualem Sansal bleibt weiter im Gefängnis. So lautet der Beschluss eines algerischen Gerichts, bei dessen Verkündung der Angeklagte nicht anwesend sein durfte. Sein Anwalt, François Zimeray, durfte nicht nach Algerien einreisen, obwohl es laut Le Point ein Rechtshilfeabkommen zwischen Frankreich und Algerien gibt, das es Anwälten erlaubt, bei entsprechenden Fällen im jeweils anderen Land mitwirken zu können. Gestern hielt der Gallimard-Verlag eine Pressekonferenz in Gegenwart Zimerays und Kamel Daouds ab, in der sich Zimeray äußerte, berichtet Raphaëlle Leyris in Le Monde. Zimeray plädierte dafür, Sansal nicht als Symbol, sondern als Person zu sehen, deren Rechte zu verteidigen seien. In seiner Strategie beziehe er sich auf die berühmte Anwältin Gisèle Halimi (1927-2020), "die, als sie während des Algerienkriegs Mitglieder der Nationalen Befreiungsfront (FLN) verteidigte, sagte: 'Die Sache Algeriens ist die Sache der Gerechtigkeit, der Freiheit und der Würde'. So will er das Land an eine Geschichte erinnern, die es auf die Seite der Emanzipation stellte und nicht einer Willkür, für die die Verhaftung Sansals und die Anschuldigungen gegen ihn stehen."

Am 16. Dezember findet im Théâtre libre in Paris ein Abend für Boualem Sansal statt. Anmeldung erforderlich unter comite.soutien.boualem.sansal@gmail.com.



Die im Vorstand des PEN Berlin tätige Schriftstellerin Simone Buchholz ärgert sich in der taz über das eitle Getöse, mit dem die anti-israelische Gruppierung um Per Leo nun, nachdem sie ihre Nahostresolution durch eine diplomatische Kompromisslösung entwertet sah, die Schriftstellervereinigung nicht nur verlassen, sondern auch dessen Führungspersonal attackiert hat (hier dokumentiert in der FR). "So eine DIY-Organisation ist eine Zeitverdichtungsmaschine, da müssen Entscheidungen innerhalb von Minuten getroffen werden, auch mal morgens um halb sechs, und da geht es um wichtige Dinge, um Aus- und Einreise und Grenzkontrollen, um Visum oder Knast. Da kann man schon mal die Nerven verlieren und sich im Gerangel eine blutige Nase holen. ... Diese Art zu arbeiten wurde gerade als 'Machtapparat' mit 'Selbsterhaltungslogik' bezeichnet, gestützt von einer 'Kamarilla aus Vertrauensleuten'. Nee, komm - Macht haben üblicherweise nicht die, die sich nächtelang Beine ausreißen, um etwas möglich zu machen. ... Muss man das wirklich beschädigen? Wozu? Auf die Frage 'Was hast du getan, als die Welt brannte?' mit 'Ich bin sehr laut aus einem Verein ausgetreten!' zu antworten, finde ich nicht zufriedenstellend." Dlf Kultur hat hier mit Thea Dorn und dort mit Per Leo über den Konflikt gesprochen.

Jörg Phil Friedrich hat an der Resolution mitgeschrieben. Der ursprünglich von der Gruppe um Per Leo eingereichte Antrag auf eine Resolution war so nicht veröffentlichbar, erläutert Friedrich im Freitag: Nur vordergründig sah er nach einer Solidarisierung mit Journalisten aus, die im Nahostkrieg für ihre Arbeit ihr Leben hinhalten, doch zeigte sich rasch, dass der Text "Israel allein für den Tod der Journalisten und Autoren verantwortlich machen wollte." Auch wurden eher zwielichtige Leute "als unsere Kollegen und als Journalisten bezeichnet", darunter auch Leute wie "Refaat Alareer, der die Berichte sexualisierter Gewalt an israelischen Frauen während des Terrorangriffs der Hamas am 7. Oktober 2023 als israelische Propagandalügen bezeichnet hat. ... Menschen, die aktiv Terrorpropaganda betrieben haben, statt sich um objektive Berichterstattung über das Geschehen zu bemühen, und die sich lautstark an Dehumanisierung beteiligten, waren nie unsere Kolleg:innen, sie genießen nicht den Schutz der PEN Charta. ... Was heißt es für diejenigen unserer Kollegen, die tatsächlich in den Kriegen dieser Welt unterwegs sind, um uns mit Fakten und Informationen zu versorgen, wenn hier Terrorpropagandisten als unsere und ihre Kollegen genannt werden? Schutz der Pressefreiheit, das heißt immer und überall auch, Journalismus von Propaganda zu unterscheiden."

Susanne Lenz hat für die Berliner Zeitung unter anderem bei Deniz Yücel nachgefragt, was beim PEN Berlin eigentlich los ist: "Man habe sich immer als ein in jeder Hinsicht diverser Verein verstanden, auch in politischer Hinsicht. 'Und das fanden alle auch gut.' Der furchtbare Konflikt im Nahen Osten sei für viele PEN-Berlin-Mitglieder nicht nur ein Thema, sondern er berühre ihr Leben, weil sie aus der Region kommen. 'Aber in einem diversen Verein kann es dazu kommen, dass eine Mehrheit etwas beschließt, mit dem man selbst nicht einverstanden ist. Und das kann dann insofern kathartische Wirkung haben, dass die einen sagen, das ist nichts für mich und die anderen sagen: Das ist Demokratie.'" Sehr genervt beobachtet Marc Reichwein in der Welt den Streit: "Was Vereine und ihre Mitglieder bei ihrer Resolutionitis nicht mehr merken: dass der eigentliche Inhalt von Botschaften längst banales Hintergrundrauschen geworden ist, wenn 'Haltungen zu' und 'Distanzierungen von' den Diskurs dominieren." Daniel Cohn-Bendit fühlt sich auf Nachfrage von Michael Hesse für die FR an einstige Grabenkämpfe der APO unter Politsektenmitgliedern verschiedener Coleur erinnert.

Weitere Artikel: In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Holger Kreitling daran, wie Goethe auf seiner italienischen Reise einmal für einen Spion gehalten wurde. Und der Tagesspiegel kürt die besten Comics des Quartals. Auf Platz Eins: "Ahmadjan und der Wiedehopf" von Maren Amini.

Besprochen werden unter anderem Ayana Mathis' "Am Flussufer ein Feuer" (NZZ), der letzte Band aus Luz' Comicadaption von Virginie Despentes' "Vernon Subutex"-Romanzyklus (Standard), Christoph Nix' Gramsci-Biografie (FR), Han Kangs "Unmöglicher Abschied" (Zeit), Ada d'Adamos "Brief an mein Kind" (FAZ) und Wolfram Siebecks postume Memoiren "Ohne Reue und Rezept" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.12.2024 - Literatur

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der Merlin Verlag und der Perlentaucher erhöhen am heutigen Tag der Menschenrechte den öffentlichen Druck, um auf eine Freilassung des Schriftstellers Boualem Sansal hinzuwirken. Der deutsche Appell für Sansal ist von vielen Medien weitergetragen worden. Inzwischen haben fünf NobelpreisträgerInnen und AutorInnen wie Anne Applebaum, Margaret Atwood und Salman Rushdie unterzeichnet - auch sehr viele deutschsprachige Autoren von Robert Menasse bis Monika Maron sind dabei. Der Börsenverein nutzt seine Verankerung in der Buch- und Verlagsszene und wird in Buchhandlungen Plakate aushängen. Auch Unterschriftenlisten für Leser liegen bereit. Und auch hier kann man unterzeichnen.

Dieses Plakat bietet der Börsenverein Buchhandlungen zum Aushängen an. Hier lässt sich auch eine Unterschriftenliste herunterladen, damit Leser den im Perlentaucher veröffentlichten Aufruf herunterladen.

Plakat für Sansal



Heute befindet auch die algerische Staatsanwalt über Boualem Sansals Antrag auf Freilassung. Sein Anwalt François Zimeray hat per Twitter gestern mitgeteilt, dass ihm die Einreise nach Algerien verweigert worden sei.


Amnesty International hat sich im Fall Boualem Sansal noch nicht mit Ruhm bekleckert, notiert Boris Enet im Online-Magazin lejournal.info. Die französische Sektion gibt auf ihrer Homepage zwar ihrer Sorge Ausdruck, aber man wisse halt nicht, was dem Schriftsteller, der vom Regime tagelang versteckt worden war, vorgeworfen wird. Enet spricht von einer "moralischen Niederlage, die darin besteht, dem algerischen Präsidenten Abdelmadjid Tebboune und seinen Diensten die Verurteilung für die Verletzung elementarer Menschenrechte zu verweigern. Man meint eine halb ausgeprochene Missbilligung herauszulesen darüber, dass der Schrifteller sich im rechtsextremen Magazin Frontières äußerte, als würde das aureichen ihn in den Kerkern des Polizeistaats schmoren zu lassen. Sein notwendig komplexes Werk und Denken würde dann also auf auf seinen Beitrag für eine nationalistische Dreimonatsschrift reduziert."

Im politischen Teil der FAZ stellt Madrid-Korrespondent Hans-Christian Rößler die Festnahme Sansals in einen geopolitischen Kontext. Sansal hatte die Rolle Algeriens im Westsahara-Konflikt kritisiert. Und "angesichts der Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus wächst die Unruhe in Algier. Während seiner ersten Amtszeit hatte er 2020 nicht nur die marokkanischen Ansprüche auf die Westsahara anerkannt. Er brachte Marokko im Gegenzug dazu, diplomatische Beziehungen zu Israel aufzunehmen. Algerien, das fest auf der Seite der Palästinenser steht, sieht durch Marokkos Allianz mit Israel seine eigene nationale Sicherheit gefährdet."

"Ob die Schriftstellervereinigung PEN Berlin eine Resolution zum Nahostkonflikt veröffentlicht oder nicht, ist für den Kriegsverlauf so bedeutend wie der berühmte Sack Reis, der in China umfällt", schreibt Adam Soboczynski in der Zeit. Dennoch zerlegt sich der gerade einmal zwei Jahre alte PEN Berlin derzeit vor laufender Kamera selbst mit einer Nahostresolution, die als Kompromiss verabschiedet wurde, den aber offenbar keine Fraktion tragen will. Eine ganze Reihe aus dem propalästinensischen Flügel um Per Leo, der den Resolutionsantrang ursprünglich gestellt hatte, erklärte nun mit einem offenen Brief (dokumentiert bei der FR) ihren Austritt - dies unter anderem "mit absurd wüsten Attacken gegen den Führungsstil der PEN-Sprecher Thea Dorn und Deniz Yücel", so Soboczynski, der sich bei diesem Furor "an die K-Gruppen-Auseinandersetzungen der Siebzigerjahre erinnert" fühlt. Diese "Selbstbeschädigung des PEN Berlin ist ausgesprochen ärgerlich", zumal der Verein "auf eine erfolgreiche Arbeit zurückblicken kann - unter anderem auf die aufsehenerregende Gesprächsreihe in Ostdeutschland 'Das wird man ja wohl noch sagen dürfen', die Solidaritätslesung für Salman Rushdie und die tatkräftige Unterstützung anderer verfolgter Autoren weltweit. Diejenigen, die nach den Querelen dem PEN weiter die Treue halten, sollten in Zukunft von Resolutionen allgemeinpolitischen Zuschnitts Abstand nehmen. Sie nutzen niemandem und zielen zumeist nur auf eine ideologische Reinheit."

"Die erst vor zwei Jahren als Alternative zum Deutschen PEN-Zentrum gegründete Vereinigung steht nun selbst vor der Spaltung", hält Andreas Platthaus in der FAZ angesichts dieser "Selbstzerfleischung" fest. "Die Gräben scheinen mittlerweile unüberbrückbar. ... Die vorbildlich geleistete eigentliche Arbeit - die Unterstützung wegen ihrer Tätigkeit gefährdeter Autoren weltweit durch den PEN - wird mehr als bloß behindert. Zu viel Energie fließt in die Grabenkämpfe."

Ruhrbaron Stefan Laurin ist einer der Autoren der "Distanzierung", in der sich die andere, mit Israel solidarische Fraktion äußerte. Immerhin, schreibt er in der Jüdischen Allgemeinen, ist der jetzt vom PEN Berlin angenommene Resolutionsentwurf ein Kompromiss, der auch die Taten der Hamas deutlich benennt. Dem gegenüber stand ein Entwurf, der von Per Leo und andern verfasst wurde. "Wäre diese an Einseitigkeit kaum zu übertreffende Erklärung angenommen worden, hätte es nicht nur eine öffentliche Distanzierung gegeben, sondern zahlreiche Austritte. Der PEN-Berlin, in Fragen des Umgangs mit Israel fast von Beginn an zutiefst zerstritten, stand vor dem Scheitern. Was bedauerlich gewesen wäre, denn mit seinem Einsatz für verfolgte Autoren, Debattenreihen über Meinungsfreiheit oder der Unterstützung für die Ukraine kann er in den wenigen Jahren seines Bestehens auf eine erfolgreiche Zeit zurückblicken."

Besprochen werden unter anderem Lucy Frickes "Das Fest" (online nachgereicht von der Zeit), Carlo Levis "Die doppelte Nacht. Eine Deutschlandreise im Jahr 1958" (NZZ), Selma Kay Matters "Muskeln aus Plastik" (taz), Ulrich Rüdenauers "Abseits" (Tsp), Quynh Trans "Schatten und Wind" (Jungle World), Franz Friedrichs "Die Passagierin" (FR), Ronald Pohls "Der gewendete Handschuh" (FAZ) und John le Carrés "Ein diskreter Spion" mit Briefen des Thrillerautors (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.12.2024 - Literatur

"In der vergangenen Dekade wussten die Syrer nicht, was es bedeutet, Sehnsucht nach der Familie zu empfinden", schreibt der 2012 nach Deutschland geflohene Schriftsteller Ahmad Katlesh auf Zeit Online unter den Eindrücken des Assad-Sturzes zur Lage der Syrer in Deutschland. "Das Gefühl, das unser Bewusstsein beherrschte, war die Angst um sie: Angst vor Verhaftung, Bombardierung, vor Scharfschützen. ... Die Schuldgefühle der Überlebenden hinderten uns daran, Gedanken, Ängste oder Träume über das Land auch nur mit unseren Partnern oder Freunden zu teilen." Doch jetzt "erlaubte ich mir zum ersten Mal seit zwölf Jahren, zu denken - nur zu denken -, dass ich bald nach Syrien reisen könnte. Es kam mir auch dieser Gedanke: Wenn mich jetzt ein älterer Deutscher fragt, warum ich nicht zurückgehe, kann ich ihm antworten: 'Nun, ich kann zurückgehen, und wenn Sie möchten, können Sie mitkommen, um auf dem Kasiun-Berg in Damaskus zu wandern, syrisches Essen zu genießen, und vielleicht hören Sie dann auf, solche Fragen an Syrer und andere zu stellen.'"

Die in einem längeren internen Prozess ausgearbeitete, es nach Möglichkeit allen Seiten recht machen wollende Resolution des PEN Berlin zum Nahostkostkonflikt sorgt nach Verabschiedung weiterhin für Unmut unter den Mitgliedern, berichtet Christiane Lutz in der SZ. Gestern "distanzierte sich eine ganze Gruppe von der Resolution, in der Unterzeichnerliste Namen wie Ralf Bönt, Alexander Estis oder Ronya Othmann. Die Resolution lege eine Solidarisierung 'auch mit Autor:innen nahe, die gegen Jüd:innen gehetzt haben und/oder als Propagandist:innen des Terrors von Hamas und Hisbollah tätig waren.' ... Diese Autoren begreife man nicht als 'Kollegen und Kolleginnen'. Aber auch die andere Seite jener ist nicht zufrieden, die diese Resolution initiiert haben. Tomer Dotan-Dreyfus, ein aus Israel stammender und die dortige Regierung oft und heftig kritisierender Autor, deutete seinen Unmut auf Instagram an. Der PEN Berlin habe sich von Kollegen aus Gaza 'distanziert'."

Die "Distanzierung" unter dem Titel "Journalismus von Propaganda unterscheiden" ist im Perlentaucher publiziert.

Weitere Artikel: Sehr interessiert liest Paul Jandl die von der Schriftstellerin Charlotte Gneuß herausgegebene neue Ausgabe der Neuen Rundschau, die sich um die Frage dreht, wie sich von der DDR erzählen lässt. Thomas Hahn ist für die SZ nach Gwangju gereist, der Heimatstadt der Schriftstellerin Han Kang, die heute mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird und in "Menschenwerk" über das Massaker geschrieben hat, das 1980 hier stattfand (mehr dazu hier). Andrea Pollmeier berichtet in der FR vom Frankfurter Festival Textland.

Besprochen werden unter anderem Serhij Zhadans Gedichtband "Chronik des eigenen Atems" (NZZ), der zweite Teil von Reinhard Kleists Comicbiografie über David Bowie (Standard), Christian Hallers "Das Institut" (NZZ), Max Gross' "Das vergessene Schtetl" (FR), Niels Schröders Comic "Widerstand. Tony Sender, Julius Leber, Theodor Haubach - Im Kampf für Freiheit und gegen Diktatur" (Tsp) und Nancy Mitfords "Schöne Bescherung" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.12.2024 - Literatur

Am Samstagabend hat Han Kang ihre Literaturnobelpreisrede gehalten (hier die englische Übersetzung als PDF, die FAZ dokumentiert die Rede auf Deutsch). Morgen wird ihr der Preis offiziell verliehen. Für die taz spricht David Bieber mit der Literaturwissenschaftlerin Marion Eggert über Han Kangs Werk und im Zuge unter anderem auch auf die zentrale Bedeutung von Gewalt und Trauma darin. "Sie hat als Kind indirekt das Massaker in der Stadt Gwangju miterlebt, mit dem sich die Militärdiktatur zunächst gefestigt und zugleich den Widerstand angestachelt hat. ... Gewalt zieht sich aber durch die koreanische Geschichte des gesamten 20. Jahrhunderts: die Kolonialisierung durch Japan, das einen sehr repressiven Kolonialapparat eingerichtet hat, die brutale Niederschlagung der Unabhängigkeits- und Widerstandsbewegungen in dieser Zeit, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dann der unglaublich grausame Koreakrieg, in dessen Vorfeld der Partisanenkrieg in unzugänglicheren Gebieten Südkoreas und das Massaker von Cheju 1948, über das Han Kang in 'Unmöglicher Abschied' schreibt. All das sind wichtige Gegenstände und prägende Faktoren der südkoreanischen Literatur insgesamt."

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Verarbeitet hat Han Kang das Massaker von Gwangju in ihrem Roman "Menschenwerk" von 2014 - dass sie in ihrem Schaffen überhaupt einmal darauf zu sprechen kommen würde, hatte sie zuvor jahrelang nicht gedacht, sagt sie in ihrer Rede, in der sie sich auch an diese Zeit erinnert: "Im Januar 1980 verließ ich die Stadt mit meiner Familie, und weniger als vier Monate später ereignete sich dort ein Massaker. Ich war damals neun. Drei Jahre später entdeckte ich zufällig ein Gwangju-Fotobuch, das verkehrt herum in einem Bücherregal steckte, und las es heimlich. Es war ein Buch, das im Verborgenen von den Hinterbliebenen und Überlebenden erstellt und verbreitet wurde, die gegen die Medienzensur der damaligen Militärregierung und die Verzerrung der Wahrheit Beweise zusammentrugen. Es enthielt Fotos von Bürgern und Studenten, die durch Knüppel, Bajonette und Schüsse getötet worden waren, als sie den Putschisten des neuen Militärregimes Widerstand geleistet hatten. Als Kind konnte ich die politische Tragweite der Bilder nicht vollständig erfassen. Doch die entstellten Gesichter formten sich in meinen Gedanken zu einer grundlegenden Frage über die Menschheit: Sind Menschen wirklich bereit, anderen so etwas anzutun? Gleichzeitig gab es weitere Bilder, die eine ganz andere Frage in mir aufkommen ließen. Die Aufnahmen zeigten Menschen, die sich vor einem Krankenhaus in einer endlosen Schlange anstellten, um Blut für die Schussverletzten zu spenden. Sind Menschen wirklich bereit, so etwas füreinander zu tun? Diese beiden Fragen, deren Antworten mir unvereinbar schienen, prallten aufeinander und bildeten ein unlösbares Rätsel."

Von einem kuriosen (und mittlerweile behobenen) Fehler in ChatGPT berichtet der Schriftsteller Clemens J. Setz (von dem der Standard außerdem ein neues Gedicht veröffentlicht) online nachgereicht in der FAZ: Die KI weigerte sich aufs Hartnäckigste, den Namen David Mayer auszuschreiben, was im Netz sofort zu allerlei Wildwuchs an Theorien führte: "Was aber, so musste ich während dieser Zeit immer wieder denken, wenn man nicht bloß nach 'David Mayer' sucht, sondern David Mayer ist? Es gibt sie ja, überall. ... Mehr und mehr Menschen verwenden heute ChatGPT, so, wie sie früher Google verwendeten. Sie bewegten sich bis zu dem Zeitpunkt, da der Fehler von Open AI korrigiert wurde, in einer Welt ohne David Mayer - jahrelang unwissentlich, und lediglich eine Woche lang im vollen Bewusstsein der bizarren Leerstelle. David Meyer, David Meier usw. waren nie betroffen, bloß der mit a und y fehlte, über ihn durfte nicht gesprochen werden."

Außerdem: Jette Wiese berichtet in der taz von einer Tagung über rechte Kulturstrategien und die Rolle der Literatur. Der Poetry-Slammer Nils Frenzel zeigt sich auf Zeit Online als enttäuschter Liebender: Die Poetry-Slam-Szene, die ihm in den Zehnerjahren eine kulturelle Heimat geboten hatte, hat seitdem zum großen Teil ihren Biss verloren: "Man schreibt keine Texte mehr, die einem selbst etwas bedeuten, sondern beginnt mit seinen Gedanken beim vermeintlichen Zuschauerinteresse." Außerdem empfiehlt die NZZ die zwölf schönsten Bücher des Winters für den Gabentisch. Wir empfehlen dazu passend unsere aktuelle Zusammenstellung mit den Büchern der Saison - hier als komfortable Büchertische zum Durchstöbern.

Besprochen werden unter anderem Thomas Meineckes "Odenwald" (Freitag), Jessica Knolls "Bright Young Women" (online nachgereicht von der FAZ), Mascha Kalékos "Ich tat die Augen auf und sah das Helle" mit von Daniel Kehlmann zusammengestellten Gedichten der Lyrikerin (online nachgereicht von der Zeit), Tom Hillenbrands Krimi "Lieferdienst" (online nachgereicht von der Zeit), Dora Kaprálovás "Winterbuch der Liebe" (Freitag), Marco Meiers Biografie über die Journalistin Inge Feltrinelli (NZZ) sowie Keanu Reeves' und China Miévilles Fantasyroman "Das Buch Anderswo" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Stephan Opitz über Lars Gustafssons "Menschen verschwinden langsam":

"Menschen verschwinden langsam
unter dem Horizont.
Bei einigen dauert es Stunden Tage Monate ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.12.2024 - Literatur

Der von Börsenverein und Perlentaucher initiierte Aufruf für Boualem Sansal zieht weitere Kreise. Inzwischen hat auch Salman Rushdie unterzeichnet.

Der Schriftsteller Hans Christoph Buch erinnert sich mit Schlaglichtern in "Bilder und Zeiten" der FAZ daran, wie zu Zeiten des Kalten Krieges Geheimdienste aus Ost und West um Schriftsteller buhlten - wobei sich der Osten hier wesentlich ungeschickter, weil durchsichtiger anstellte, während die andere Seite nebenbei immerhin tatsächlich Literatur förderte: "Selten wurde Geld aus Reptilienfonds besseren Zwecken zugeführt als im von Höllerer gestarteten Versuch, Westberlin zum Schaufenster kultureller Freiheit zu machen: Nicht bloß das legendäre Living Theater, auch Avantgarde-Poeten wie Friederike Mayröcker, Ernst Jandl, Robert Creeley und Andrej Wosnessenski folgten Lockrufen in die geteilte Stadt." Oder in Iowa das International Writing Program: Das wurde "nicht nur vom Großkonzern John Deere gesponsert, sondern auch von der Farfield Foundation, einer Tarnorganisation der CIA. Schwarze Kassen auch hier, obwohl oder weil Engle bevorzugt linksstehende, nonkonformistische Autoren einlud." Die Kritik geht also fehl, "in Iowa wäre eine unpolitische, CIA-affine Ästhetik und Poetik vermittelt worden, zu der auch der lateinamerikanische Magische Realismus zählt. Dieser verqueren Logik zufolge wäre der Castro-Anhänger und Kuba-Freund Gabriel García Márquez ein Produkt des Geheimdienstes CIA!"

Bestellen Sie bei eichendorff21!
"Nie war Pädagogik poetischer, unterhaltsamer, abenteuerlicher", schreibt Jens Nordalm in der Literarischen Welt über Thomas Manns vor 100 Jahren erschienenen "Zauberberg", für den Historiker im übrigen "auch eines der komischsten Bücher der Weltliteratur". Der Roman wirkt auf ihn mitunter "wie ein Urknall deutsch-bürgerlichen Jahrhunderthumors." Nordalm denkt hier insbesondere an Robert Gernhardt und Loriot. "Ikonische Momente von Loriots komischem Schaffen scheinen in der Welt Mynherr Peeperkorns zu wurzeln. Der Monumentalismus der bannenden Kulturgebärden des Holländers, die andere verstummen machen, ist geschrumpft zur unterbrechenden Geste des 'Nein, sagen Sie jetzt nichts', im Restaurant mit der Nudel. Die unter gewaltigem Gebärdenspiel sich ereignende großartige Undeutlichkeit, bedeutsame Abgerissenheit und klaffende Lückenhaftigkeit der Peeperkorn'schen Äußerungen ist verschoben in die Rede jenes Loriot'schen Bundestagsabgeordneten, der minutenlang nur den Auf- und Abgalopp erregter politischer Rumpfsätze bietet, ohne die klaffenden inhaltlichen Lücken zu füllen; was allerdings gar nicht wirklich stört und die Wirkung nicht vermindert - wie bei Peeperkorn." Für die FAS wirft Tobias Rüther derweil einen Blick auf allerlei Aktivitären rund ums Thomas-Mann-Jubiläum - 2025 jährt sich ja auch dessen Geburtstag zum 150. Mal - und stößt auf zahlreiche Buchveröffentlichungen, aber auch auf Thomas Mann als Playmobil-Figur.

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Weitere Artikel: Die Agenturen melden, dass der belarussische Schriftsteller Alhierd Bacharevič für seinen Roman "Europas Hunde" im kommenden März den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhält. Der Schriftsteller Colum McCann erzählt im Literarischen Leben der FAZ, warum es Jahre dauerte, bis er gemeinsam mit Diane Foley die Geschichte ihres Sohnes Jim erzählt, der 2014 von irrsinnigen IS-Schergen vor laufender Kamera enthauptet wurde. In der Literarischen Welt erinnert sich Georg Stefan Troller an eine jugendliche Begegnung mit Louis-Ferdinand Céline. "Bilder und Zeiten" der FAZ bringt eine Erzählung von Feridun Zaimoglu. Mara Delius und Marc Reichwein machen in der Literarischen Welt den Sack zu und bündeln das Literarische Jahr 2024 in 20 Phänomenen.

Besprochen werden unter anderem Navid Kermanis "In die andere Richtung jetzt. Eine Reise durch Ostafrika" (taz), António Lobo Antunes' "Am anderen Ufer des Meeres" (Standard), der zweite Band von Emil Ferris' Comic "Am liebsten mag ich Monster" (Tsp), Clemens Böckmanns "Was du kriegen kannst" (online nachgereicht von der Zeit), Volker Kutschers Krimi "Rath" (taz), die Neuübersetzungen der italienischen Nachkriegsromane "Die Haut" von Curzio Malaparte und "La Storia" von Elsa Morantes (online nachgereicht von der FAZ), der Briefwechsel "Über fallenden Sternen" zwischen Christine Lavant und Werner Berg (FAZ), Han Kangs "Unmöglicher Abschied" (LitWelt) und Samantha Harveys mit dem Booker Prize ausgezeichneter Astronautenroman "Umlaufbahnen" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.12.2024 - Literatur

"Die französische Académie Goncourt hat ihre internationale Auszeichnung für Literatur aus Algerien - die 'Choix Goncourt de l'Algérie' - für das kommende Jahr ausgesetzt", meldet die FAZ unter Berufung auf Berichte in französischen Medien. Die Akademie "akzeptiere nicht, dass 'Houris' von Kamel Daoud, einer der Romane auf der Liste, über die die Juroren abstimmen müssen, in Algerien verboten sei und sein Verleger von der Buchmesse verbannt wurde, sagte sie in einer Erklärung."

Besprochen wird unter anderem Katja Lange-Müllers "Unser Ole" (online nachgereicht von der FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.12.2024 - Literatur

Bestellen Sie bei eichendorff21!
In Algerien werden zwei Schriftsteller zugleich schikaniert (eigentlich noch mehr, aber das sind die bekanntesten Fälle), Boualem Sansal und Kamel Daoud. Sansal hatte in einem Interview die heikle Identität Algeriens angesprochen, Daoud thematisiert in seinem jüngsten Roman "Houris" die neunziger Jahre in Algerien, als Islamisten und das Regime im Clinch lagen und 150.000 bis 200.000 Tote zurückließen, viele Journalisten wie Daoud darunter. Heute haben Regime und Islamisten auf Kosten der Bevölkerung einen Burgfrieden beschlossen, der darin besteht, dass die Täter amnestiert sind und man über das "schwarze Jahrzehnt" zu schweigen hat. Seit "Houris" erschien und erst recht, seit der Roman den Prix Goncourt bekommen hat, ist Daoud einer Hasskampagne ausgesetzt. Hunderte Artikel gegen ihn sind in der algerischen Presse erschienen, schreibt er in Le Point. Eine Frau behauptet, er habe ihr ihre Geschichte gestohlen. Auch sie hat einen Messerangriff der Islamisten überstanden, lebt mit einer Narbe quer über ihren Hals und muss durch eine Kanüle atmen. "Die Gleichung kehrt sich um: Tausende von Menschen zu töten ist akzeptabel, während das Schreiben eines Buches zu einem Verbrechen wird. Die gleichgeschalteten, verängstigten algerischen Eliten beschuldigen Schriftsteller, Mörder zu sein, wie Orwell es vorausgesagt hatte. Mein Buch 'Houris' wurde auf der Messe in Algier verboten und mein Verleger, Gallimard, wurde aus Algerien verbannt. Auf der Messe im November durchsuchte die Polizei die Stände meiner Verleger und fand zwei Exemplare meines Romans 'Meursault, contre-enquête'. Sie befragten alle, durchsuchten die Buchläden... Ich sah aus der Ferne einer Bücherverbrennung zu."

Das Literaturhaus Leipzig hat einen Abend für Boualem Sansal abgehalten. Julia Hubernagel resümiert ihn in der taz geradezu betont sachlich, aber vollends wohl ist ihr mit Sansal offenbar nicht: Unklar sei etwa, "was der sich eigentlich hat zuschulden kommen lassen" (nicht etwa "angeblich"?). "Najem Wali glaubt, dass der Zeitpunkt für seine Verhaftung entscheidend war. Sansal habe mit seinen jüngsten Äußerungen zur Grenzziehung zwischen Algerien und Marokko den Streit zwischen Frankreich und Algerien weiter angeheizt, der aktuell über die Westsahara-Frage entbrannt ist, sagt er. Sansal ... hatte zuletzt in Frankreich ausgerechnet dem als rechtsextrem geltenden Onlineformat Frontières ein Interview gegeben. Seine seit Jahren vorgetragene Kritik am Islamismus sei für die französische Rechte ein gefundenes Fressen, sagt Wali. Und auch Alfonso del Toro erzählt, dass Sansals Freunde immer wieder in ihn drangen, doch keinen Applaus von der falschen Seite zu akzeptieren."

Auch Marc Reichwein kommt in seinem Resümee in der Welt auf die im Publikumsgespräch diskutierte Frage zu sprechen, "wie sehr Sansal als Schriftsteller politisch rechts stehe. ... Dieses Statement, das suggerierte, dass Sansal seine Verhaftung irgendwie mit provoziert haben könnte, wurde entschieden beantwortet. PEN-Mann Najem Wali sagte: Egal ob ein Schriftsteller rechts oder links stehe, ob er diplomatisch oder undiplomatisch spreche, er müsse sich frei äußern dürfen, Beifall von der falschen Seite verwirke keine Meinungsfreiheit. Saalapplaus dafür."

Außerdem: Aldo Keel erinnert in der NZZ daran, wie es dazu kam, dass Thomas Mann den Literaturnobelpreis 1929 explizit nicht für den "Zauberberg", sondern lediglich für die "Buddenbrooks" erhielt. Gerade in diesen Zeiten ist Erich Kästners "Konferenz der Tiere" wieder hochaktuell, schreibt Jens-Christian Rabe in der SZ: Es ist "nur insoweit ein Kinderbuch, als es sich die Erwachsenen von den Kindern vorlesen lassen sollten".

Besprochen werden unter anderem Tezer Özlüs "Suche nach den Spuren eines Selbstmords" (FR), Joachim Meyerhoffs "Man kann auch in die Höhe fallen" (online nachgereicht von der FAZ), der zweite Teil von Reinhard Kleists Bowie-Comicbiografie (FAZ.net), Heinrich Schmidingers "Toleranz - auch eine Geschichte Europas" (NZZ), Ron Winklers Gedichtband "Unterwegs in der Verformung" (FAZ), Bruno Franks Essay "Lüge als Staatsprinzip" aus dem Jahr 1939 (SZ) und Lucy Frickes "Das Fest" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.