Am Wochenende waren die sozialen Medien voller Gerüchte, dass Boualem Sansal zu den etwa 2.400 Begünstigten der Neujahrsamnestie des algerischen Präsidenten Abdelmadjid Tebboune gehören würde. Aber bisher haben sich die Gerüchte nicht bestätigt (obwohl sie auch nicht verstummen, mehr hier in Mondafrique). Stattdessen hat Tebboune den Schrifsteller in seiner Neujahrsansprache scharf attackiert, berichtet Rachel Binhas in Marianne: "Vor dem Parlament griff der algerische Präsident den 80-jährigen Mann an. Die Tirade war heftig: 'Da ist ein Betrüger, dessen Identität und Vater unbekannt sind, der es wagt zu sagen, dass ein Teil Algeriens das Eigentum eines anderen Landes war.' Der Autor des 'Eids der Barbaren' (Gallimard, 1999) zahlt insbesondere für die historischen Grenzkonflikte zwischen Marokko und Algerien. Unter diesen Umständen ist es schwer zu glauben, dass der Literat zu den Gefangenen gehört, die von dieser 'Befriedungsmaßnahme' profitieren."
Die Initiativen für Boualem Sansal lassen unterdessen nicht nach. In Frankreich bildet sich eine Gruppe von Autoren und Universitätsleuten, die eine Internetseite für Sansal hochziehen wollen: Wenn Sansal gehindert wird, seine Fragen zu stellen, so ist es am Publikum, über sie zu debattieren, so die Idee. Im Aufruf der Gruppe, der in L'Expressveröffentlicht wurde, heißt es: "Es wurden vielleicht zu viele geostrategische Überlegungen angestellt und nicht genug über sein Werk gesprochen. In seinem Roman 'Dis-moi le Paradis' erklärt einer der beiden Erzähler, Tarik: 'Der Leser wird suchen, das ist sein Beitrag zu unserer Befreiung. Zu irgendetwas müssen Freunde ja gut sein'. Tatsächlich versteht Boualem Sansal seine Romane auch als Räume, als Übungsfeld für die demokratische Praxis. Um diese Utopie zu verwirklichen, bittet er immer wieder um die Hilfe des gutwilligen Lesers: des 'klugen Lesers, der sein Wissen vertiefen will, um sich seines Urteils zu versichern', des Lesers, der sich nach einer 'echten Debatte' sehnt, ohne vor 'den Einschüchterungen der einen oder anderen Seite' zurückzuschrecken ('Governing in the Name of Allah')." Unterzeichnen lässt sich der Aufruf hier. Die Gruppe stellt auch ein Plakat zur Verfügung, das - ähnlich wie in der deutschen Initiative - von Buchhändlern ausgehängt werden kann:
Plakat des Appells "Littérature et liberté".
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: "Der verkehrte Himmel" von MikaelRoss ist laut Tagesspiegel-Jury der beste Comic des Jahres. Die tazveröffentlichtMuriDaridas beim Berliner Open Mike mit dem Publikumspreis ausgezeichnete Erzählung "Neue Leichen braucht das Land". Jörg Wimalasena empfiehlt in der Welt die grotesken Kriminalromane von JohnSwartzwelder, der früher schon die Drehbücher zu mit den besten "Simpsons"-Folgen geschrieben hat und ansonsten die Öffentlichkeit scheut wie sonst nur Thomas Pynchon Kameras. Gerade in Zeiten wie diesen ist JohnMiltons "Paradise Lost" brandaktuell, findet Hannes Stein in der Welt: "Hier wird gezeigt, wie autokratische Herrschaft funktioniert." Die Schriftstellerin JaneS. Wondaklärt Manfred Rebhandl vom Standard im Gespräch über die Eigenheiten des "DarkRomance"-Genres auf, bei dem erotische Fantasien mit Schuften und Scheusalen im Vordergrund stehen.
Besprochen werden unter anderem OlgaTokarczuks "E.E." (Standard), RomanEhrlichs "Videotime" (NZZ), EvaIllouz' "Explosive Moderne" (online nachgereicht von der FAZ), ToreRenbergs "Die Lungenschwimmprobe" (NZZ), TheaSternheims "Die Pariser Jahre. Aus den Tagebüchern 1932 -1949" (online nachgereicht von der FAZ), PhillipB. Williams' "Ours. Die Stadt" (FR), DavidWagners "Verkin" (Standard), GüntherWessels "Alfred Wegener. Universalgelehrter, Polarreisender, Entdecker" (NZZ), und DanielaSeels Lyrikband "Nach Eden" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hubert Spiegel über SebastianBrants "Von unnützen Büchern":
"Man hat mir den Platz des Vortänzers gegeben, weil ich ohne jeden Nutzen viel Bücher besitze, die ich nicht lese und nicht verstehe ..."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Paul Ingendaay ist in "Bilder und Zeiten" der FAZ restlos begeistert von FritzSenns im Laufe von Jahrzehnten aufgebauter James-Joyce-Spezialbibliothek in der Augustinergasse 9 in Zürich - einem lebendigen Ort der Joyce-Forschung und Joyce-Liebhaberei. Über zehntausend Bücher gibt es hier. Doch "das pochende Herz der Stiftung aber sind die Lesegruppen. ... Hier treten internationale Joyce-Forscher auf, die nicht vom Blatt lesen, sondern in kleiner Runde und im informellen Rahmen sprechen - zum Nutzen aller." Vor allem die Lesegruppe zu "Finnegans Wake", Joyces wohl undurchdringbarstem Roman, regt Ingendaay an: "Man sitzt mit dreizehn Leuten an einem langen Tisch. Einer liest einen Satz vor, während die anderen zuhören. Dann verstummt der Vorleser, und das Grübeln beginnt. Jemand wirft eine Idee in die Mitte, die andere aufnehmen. Man hangelt sich von Wort zu Wort, Klang zu Klang. Je mehr Sprachen gemeinsam am Tisch versammelt sind, desto besser. Einer spielt mit einem Wort, verfremdet es oder macht einen Hintersinn hörbar. Manlacht, manseufzt, jenachdem. Irgendwann stellt jemand eine Flasche Whiskey auf den Tisch, Jameson Black Barrel, und der eine oder andere schenkt sich einen Schluck ein. Die meisten trinken sonst nie Whiskey, nur hier. ... Es herrscht große Vertrautheit unter diesen Literaturbegeisterten. Einer sagt dem Besucher: 'Das ist besser als Psychotherapie.'" Im FAZ-Bücherpodcast hat Ingendaay mit Senn gesprochen.
Weiteres: Die vorislamischearabischeDichtung biete den Schlüssel zum Verständnis der Hamas wie überhaupt des ganzen Nahostkonflikts, ist der Arabist Stefan Weidner in der NZZüberzeugt: "Die Dichtung, nicht die Religion, liefert die Geschichten, welche die heutigen Konflikte in der arabischen Welt lesbar machen."
Die SZ hat sich Autorinnen und Autoren nach den für sie wichtigsten Romanen des Jahres befragt - und sie haben in großer Zahl mit Notizen geantwortet. MaximBiller etwa erfreut sich an WolfgangKoeppens endlich vorliegendem Konvolut "Romanfragmente", MartinaHefter legt uns JannaSteenfatts"Mit den Jahren" ans Herz, EckhartNickel lobt FrankWitzels"Die Möglichkeit einer Micky Maus" und SigridLöffler ist fasziniert von TejuColes"Tremor" (unsere Kritik). Christian Milz liest für "Bilder und Zeiten" nach, wie ÉmileZola und Franz Werfel die angeblichen Marienerscheinungen von Lourdes literarisch verarbeiteten: "Konträrer als diese beiden Autoren kann man den Blick auf die Ereignisse in der Stadt gar nicht werfen." Alexander Mionskowski erzählt im "Literarischen Leben" der FAZ von seiner Reise nach Litauen auf den Spuren des DichtersJohannesBobrowski. "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert die Laudatio der Germanistin SaskiaFischer auf MaximBiller anlässlich der Auszeichnung des Schriftstellers mit dem Nicolas-Born-Preises. Im Dlf Kultur diskutiert Jan Drees mit ThomasSteinfeld über dessen Goethe-Biografie.
Besprochen werden unter anderem Maylis de Kerangals "Weiter nach Osten" (taz), JessicaKnolls Krimi "Bright Young Women" (taz), ThomasPigors "La Groete - Sag nicht Kleinkunst" (FAZ) und OlgaGrjasnowas "Juli, August, September" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" legt Simon Strauß dem CDU-Kanzlerkandidaten Friedrich Merz Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman "Der Leopard" ans Herz, den laut Gerüchten im Berliner Politikbetrieb Wolfgang Schäuble Merz bereits 2022 geschenkt haben, dieser aber zurückgegeben haben soll, weil er mit Romanen nichts anfangen könne. Ja, "was soll einer wie er mit dem 'Leoparden' anfangen? Mit einem Buch, das vom Wandel der traditionellen sizilianischen Gesellschaftsordnung handelt und sich am Beispiel einer alteingesessenen Adelsfamilie die Frage stellt, was durch politischen Umbruch gewonnen wird und was verloren geht. ... Es geht aber auch um die Frage, wie Neuerung und Tradition miteinander in einen Ausgleich gebracht werden können, darum, welche entgegengesetzten Kräfte das Bewusstsein einer Gemeinschaft prägen und wie darauf klug reagiert werden kann."
Weiteres: Christine Knödler spricht für die SZ mit der KinderbuchautorinSybille Hein darüber, wie man mit Kindern über die Krisen und Herausforderungen der Gegenwart redet. Besprochen werden unter anderem MargaretAtwoods "Hier kommen wir nicht lebend raus" (NZZ), der Briefwechsel zwischen MartinHeidegger und Hans-GeorgGadamer (FR), IsabelleMarogers Comic "Lebensborn" (FAZ.net), der zweite Band aus Luz' Comic-Adaption von VirgineDespentes' "Vernon Subutex"-Romanzyklus (Intellectures) und Erika Dycks "Rausch" über die Kulturgeschichte der Psychedelika (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Volker Weidermann hat für die Zeit ein Email-Interview mit der LiteraturnobelpreisträgerinHanKang geführt. Unter anderem spricht sie darüber, welche Rolle Träume für ihr Schreiben spielen. "Ich versuche, die Träume aufzuschreiben, die ich für wichtig halte. Manche Träume sagen mir etwas Entscheidendes. Das geschah, als ich begann, 'Unmöglicher Abschied' zu schreiben. Es gibt diesen Traum, in dem es schneit, der auf den ersten beiden Seiten beschrieben wird. Ich wollte, dass das Buch selbst irgendwann in den Traum eintritt. Ich wollte, dass der Schnee von Anfang bis Ende fällt. Und ich hatte einen anderen Traum über das Buch - in diesem Traum gibt es einen Vogel, der als Schatten an der Wand fliegt. Ich wollte diese beiden Träume in den Roman einbringen. Es geht darin um die Lebenden und die Toten, um Zeit und Erinnerung. Natürlich geht es in diesem Buch auch um das Massaker von Jeju - was sehr schwer ist. Aber ich wollte mich auch mit ganz leichten und weichen Dingen beschäftigen. Schwerelosen Schatten. Dem flackerndenLichteinerKerze. Schneeflocken."
Außerdem: Im Tagesspiegelgratuliert Sophia-Caroline Kosel dem DDR-ComicmagazinMosaik zum 70-jährigen Bestehen. Besprochen werden unter anderem BrigitteReimanns "Franziska Linkerhand" (taz), ElkeSchmitters "Alles, was ich über Liebe weiß, steht in diesem Buch" (FR), ChristianeNeudeckers Erzählungsband "Die Welt wartet" (FAZ), LyndalRopers "Für die Freiheit. Der Bauernkrieg 1525" (Zeit) und ClemensJ. Setz' "Das All im eignen Fell" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Die FAZ hat Marta Kijowskas Porträt der polnischen Reporterin und SchriftstellerinHannaKrall online nachgereicht. Mara Delius und Marc Reichwein blicken für die Welt zurück auf die Aufreger im Literaturbetrieb 2024. In der FAZgratuliert Jan Wiele dem SchriftstellerDonaldRayPollock zum 70. Geburtstag. Der Standardbringt eine Weihnachtsgeschichte von StephanEibelErzberg.
Besprochen werden JoachimMeyerhoffs "Man kann auch in die Höhe fallen" (FR), PaulLynchs "Das Lied des Propheten" (Standard), JanHafts "Unsere Wälder" (online nachgereicht von der FAZ), der Briefwechsel zwischen OttoNeurath und RudolfCarnap (FR) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter TrevorNoahs "Into the Uncut Grass" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hans-Albrecht Koch über HugovonHofmannsthals "Stille":
"Trübem Dunst entquillt die Sonne Zähen grauen Wolkenfetzen . . Hässlich ist mein Boot geworden ..."
Der ukrainische SchriftstellerSergej Gerassimowwirft in der NZZ Schlaglichter auf Weihnachten im dritten Kriegsjahr im umkämpften Charkiw. Seine Beobachtungen sind bitter, vom Krieg zermürbt. "Weihnachten 2024 ist in der Ukraine die Zeit, in der sich uns nicht ein von einem Rentier mit roten Nasen gezogener Schlitten nähert, sondern die Frontlinie. Es ist die Zeit, in der wir statt Glockengeläut Luftangriffssirenen hören. Es ist die Zeit, in der anstelle von Schnee Bomben vom Himmel fallen und anstelle von Kerzenpracht Häuser voller lebender Menschen in Flammen aufgehen. Weihnachten in der Ukraine ist die Zeit, in der das beste Geschenk, das der Weihnachtsmann den Kindern bringen kann, das Leben ist, denn nicht alle ukrainischen Kinder, die heute 'Das Lied der Glocken' hören, werden das Ende des Krieges erleben."
Die SchriftstellerinLeaStreisand erzählt in einem FAS-Essay von Weihnachten in den Wendejahren und kritisiert eine Sparkultur, die sie in Dickens Scrooge aufs beste dargestellt sieht: "In den ehemaligen Pionierhäusern Ostberlins entstanden nach der Wende Jugendclubs und Freizeitzentren, die Kurse für Schüler anboten. Die Rettung für viele von uns. Denn obwohl wir alle Bürgerkinder waren, konnte kaum jemand auf materielles Erbe zurückgreifen. Akkumulation von Geldmitteln stand in der DDR unter Strafe, und das kulturelle Erbe unserer Eltern galt als wertlos. Sprechen, schreiben, lesen lernen, spielen bedeuten Teilhabe an der Gesellschaft. Wem die Teilhabe an der Gesellschaft verweigert wird, der findet andere Wege, um dem Gefühl der Ohnmacht zu entkommen. Viele meiner damaligen Freunde haben sich mit Drogen geholfen, mehrere überlebten nicht."
Weitere Artikel: Die vor kurzem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete SchriftstellerinMartinaHefterschenkt den taz-Lesern ihre schönstenBuchstaben, während sie für den Dlf eine Kurzgeschichte geschrieben und vorgelesen hat. Richard Kämmerlings erinnert an die 2021 verstorbene SchriftstellerinFriederikeMayröcker, die vor 100 Jahren geboren wurde, im Perlentauchergratuliert Marie Luise Knott. In der tazerzählt Julia Hubernagel, dass sich heute auch eine jüngere rechtsextremeSzene für die Bücher von YukioMishima interessiert. Stefan Siller porträtiert in der taz den Krimi-AutorWolfgangSchorlau. Nadine A. Brügger hat für die NZZ das Schriftsteller-Ehepaar Heike und Wolfgang Hohlbeinbesucht, das mit seinen Fantasy-Romanen einen Bestseller nach dem nächsten schreibt.
Besprochen werden unter anderem Samantha Harveys mit dem Booker-Prize ausgezeichneter Astronautenroman "Umlaufbahnen" (NZZ), GrzegorzRossoliński-Liebes Biografie über StepanBandera (taz), FlorianGantners "Eternal Partner" (Presse), AndreasRödders "Der verlorene Frieden. Vom Fall der Mauer zum neuen Ost-West-Konflikt" (FR), ElkeSchmitters "Alles, was ich über Liebe weiß, steht in diesem Buch" (taz), QuynhTrans "Schatten und Wind" (taz), JulianVolojs und JörgHartmanns Comic "Lady Liberty" über die Geschichte der Freiheitsstatue (Tsp) und DoloresPratos "Unten auf der Piazza ist niemand" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Jean-Pierre Lledo ist ein Filmemacher jüdisch-algerischer Herkunft, der heute in Tel Aviv lebt. Er ist ein Freund Boualem Sansals, den er für einen seiner Filme interviewt hat. Im Gespräch mit Laurent Cudkowicz in einem Blog der Times of Israel vermutet er, dass Sansal auch seine Israel-Reisen übelgenommen werden. Eigentlich gehe es dem algerischen Regime aber nicht um Sansal, sondern um eine Erpressung Frankreichs, vermutet er. "Es gab eine Verkettung von Umständen: Macron beschloss, den marokkanischen Anspruch auf die Westsahara zu unterstützen, und einige Zeit später kamen die Äußerungen von Boualem Sansal über die Grenzen zwischen Marokko und Algerien. Was Macrons Äußerungen betraf, so wurde der algerische Botschafter zurückgerufen, aber kein weiteres Aufhebens darum gemacht. Ich war erstaunt über die schwache Reaktion der algerischen Regierung, denn ich wusste, wie viel sie in die Westsahara-Frage investiert hatten. Und dann genügte es, dass Boualem von den Grenzen zwischen Algerien (das damals noch nicht Algerien war) und Marokko sprach. Diese Grenzen waren immer im Fluss, bis zu dem Zeitpunkt, als das koloniale Frankreich Gebiete annektierte, die zu Marokko gehörten. Das unabhängige Algerien erbte diesen für es günstigen Grenzverlauf und weigerte sich, mit Marokko darüber zu verhandeln, wie es die FLN gegen Ende des Unabhängigkeitskrieges zugesagt hatte."
Mit ein paar Tagen Abstand fasst Julia Hubernagel in der taz nochmal die PEN-Berlin-Kontroverse der letzten zwei Wochen zusammen. Dabei "aus dem Blick geraten ist" die eigentliche "Aufgabe eines PEN: sich für verfolgteAutor:innen einzusetzen. Wenn nun eine Gruppe ihren PEN verlässt, weil man zum Gespräch mit Andersdenkenden nicht mehr bereit ist, fragt man sich, wie man sich das vorgestellt hat, inhaftierteSchriftsteller:innenausdenFängen repressiverRegimeherauszuverhandeln. Najem Wali, Writers-in-Prison-Beauftragter des anderen deutschen PEN, hatte kürzlich bei einer Solidaritätslesung für den inhaftierten algerischen Schriftsteller BoualemSansal in Leipzig erzählt, wie vorsichtig man gezwungen sei, mit Diktatoren zu sprechen. Dass es keinen Spaß macht, brutalen Machthabern die Hand im Samthandschuh zu reichen, ist klar. Dass es nötig ist, wenn es um Leben und Tod geht, ebenso."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Außerdem: Die FAZ-Kritiker küren die wichtigsten Romane des Jahres, darunter RonyaOthmanns"Vierundsiebzig". Der Schriftsteller Clemens J. Setz (SZ), mehrere Autoren im Standard und Paul Jandl (NZZ) erinnern an die 2021 verstorbene SchriftstellerinFriederikeMayröcker, die heute 100 Jahre alt geworden wäre. Die Welt hat GeorgStefans TrollersErinnerung an seine Begegnung in jungen Jahren mit Céline online nachgereicht. Laetitia Feddersen blickt in der SZ zurück auf die Geschichte von e.o. plauens "Vater und Sohn"-Comicstrip, der vor 90 Jahren zum ersten Mal erschienen ist.
Besprochen werden unter anderem AlexanderKluges Essay "Der Konjunktiv der Bilder. Meine virtuelle Kamera (K. I.)" (taz), ThomasMeineckes "Odenwald" (FR), LukasKummers Comic "Das Kind" über Thomas Bernhard (FAZ.net), EmiliaRoigs "Lieben" (online nachgereicht von der FAZ), FlorianNeuners "Die endgültige Totalverramschung" (Standard), die Neuauflage von GernotWolfgrubers 1985 erschienenem Roman "Die Nähe der Sonne" (Standard) und StephanThomes "Schmales Gewässer, gefährliche Strömung" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Boualem Sansal scheint ernstlich krank zu sein und wurde erneut verlegt. Das hatten laut einem AFP-Ticker (hier in Le Monde) Sansals Verleger Antoine Gallimard und sein französischer Anwalt François Zimeray "bei der Solidaritätsveranstaltung für Sansal am Montagabend mitgeteilt. 'Wir haben erst vor kurzem erfahren, dass er auf seinen Wunsch hin heute erneut in einer Krankenstation des Strafvollzugs untergebracht wurde', sagte der Direktor des Verlagshauses Gallimard. Diese Einheit befinde sich in einem Krankenhaus in Algier, erklärte er. 'Es ist das zweite Mal und auf seine Bitte hin. Daraus kann man immerhin ableiten, dass die Verantwortlichen verstanden haben, wie schwach seine Gesundheit ist und dass sein Ableben auch für sie sehr ernst wäre', fuhr er fort."
Weitere Artikel: Thomas Combrink befasst sich in der taz mit den Radio-Hörspielen der 2021 verstorbenen SchriftstellerinFriederikeMayröcker, an die wiederum anlässlich ihres 100. Geburtstags Iris Radisch in der Zeit erinnert. Stefan Michalzik resümiert in der FR einen Abend mit MaxGoldt in Frankfurt. Arno Widmann erinnert in der FR an ErichMühsam.
Besprochen werden unter anderem neue Westerncomics (taz), UnaMannions "Sag mir, was ich bin" (FAZ), ColsonWhiteheads "Die Intuitionistin" (Zeit) und TomHillenbrands "Lieferdienst" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
"In Zeiten, in denen sich jeder ungefragt aufgefordert fühlt, die Weltlage zu kommentieren, und der Mangel an Sachkenntnis die Bekenntniswut nicht bremst, sondern eher befördert, sind die Debatten im PENBerlin bezeichnend", meint Paul Jandl in der NZZ: "Was sich gerade im Berliner PEN abspielt, ist intellektuell beschämend und erinnert an die sektenhaften Auseinandersetzungen in den linkenK-Gruppen der siebziger Jahre."
Dorothee Nolte erzählt im Tagesspiegel von ihrem Besuch bei dem Verleger-Ehepaar Angelika und Bernd Erhard Fischer, die sich auf bibliophile Broschüren über Schriftsteller und ihre Schreiborte spezialisiert haben. Dazu inspirierte sie einst in der Nachwendezeit ein Zufallsfund beim Spazieren im Berliner Umland: Sie stießen "im Süden Berlins auf ein heruntergekommenes Herrenhaus mit verkrautetem Park voller Skulpturen und Brücken: Blankensee, einst der Wohnort des Theaterautors und zu seiner Zeit viel gelesenen, heute vergessenen Schriftstellers HermannSudermann. Fasziniert von dem verwunschenen Ort begannen sie, seine Geschichte zu erforschen. 'Wir hatten ein Loch in der Zeit entdeckt', erzählt Bernd Erhard Fischer." Geschrieben werden die Veröffentlichungen "von verschiedenen Autoren, die Fotos sind stets von Angelika Fischer und haben einen ganz eigenen, stimmungsvollen Charakter. Mit ihrer Hasselblad-Kamera wartet die Künstlerin manchmal stundenlang auf das richtige Licht, sucht die passende Perspektive, um, über die Fotos der Räume und Objekte, ein 'indirektes Porträt' des Menschen zu schaffen, der sie einst bewohnte und benutzte."
Weitere Artikel: Der JugendbuchautorMartinSchäubleerzählt im taz-Interview davon, wie schwierig es ist, einen Roman über sexuellen Missbrauch im Sport zu schreiben. Tilman Spreckelsen spricht für die FAZ mit der JugendbuchautorinKerstin Gier über deren "Vergissmeinnicht"-Trilogie.
Besprochen werden unter anderem ChristophRansmayrs "Egal wohin, Baby" (FR), DanielClowes' Comic "Monica" (taz), CraigThompsons Comic "Ginsengwurzeln" (Intellectures), IsabelleGraws "Angst und Geld" (FR), SibylleAnderls und ClausLeggewies "Die Sonne. Eine Entdeckung" (NZZ, online nachgereicht von der FAZ), FriederikeMayröckers "1 Nervensommer" mit Illustrationen von AndreasGrunert (FAZ) und InesGeipels "Fabelland. Der Osten, der Westen, der Zorn und das Glück" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
"Rainald Goetz ist zurück", jubelt Gerrit Bartels im Tagesspiegel, nachdem ihm der Algorithmus das aktuell am besten gehütete Geheimnis des Literaturbetriebs preisgegeben hat: Der Schriftsteller, der um 2000 herum mit seinen Internet-Tagebüchern für Aufsehen gesorgt hatte, bloggt seit ein paar Wochen wieder - und zwar still und heimlich auf Instagram. "Das erinnert sehr an Goetz' frühes Internet-Tagebuch 'Abfall für alle', aus dem später der 'Roman eines Jahres' wurde, an die vielen Ordnungssysteme seines Werkes und überhaupt an den Umgang von Goetz mit Fotos. Diese waren für ihn schon immer ein wichtiger erzählerischer Zugang zur Welt und zu sich selbst, mit oder ohne Text, man denke nur an den vierten 'Schlucht'-Band 'Elfter September 2010. Bilder eines Jahrzehnts'. Instagram erscheint da urplötzlich wie das Idealmedium für Goetz. Warum erst jetzt?"
Außerdem: Bernhard Heckler unterzieht für die SZ Sebastian "ElHotzo" Hotz' gerade für sehr viel Aufsehen sorgendes Bekenntnis, in Beziehungsfragen wohl eher ein Aas als ein Vorbild zu sein, einer literaturkritischen Betrachtung und schließt: "Treffender hat die komplette Gegenwartsliteratur die Dilemmata der Liebe in den Generationen der Millennials und der Generation Z noch nie beschrieben."
Besprochen werden unter anderem HanKangs "Unmöglicher Abschied" (Welt), SamanthaHarveys mit dem Booker-Prize ausgezeichneter Astronautenroman "Umlaufbahnen" (FR), NavidKermanis Reisereportage "In die andere Richtung jetzt" (FR), HeinzStrunks "Zauberberg 2" (FR), NicolasMahlers Comicadaption von FriederikeMayröckers "Larifari" (Standard), LutzHachmeisters "Hitlers Interviews. Der Diktator und die Journalisten" (NZZ), AnaBlandianas "Der Wille des Menschen ist antastbar" (NZZ), die von EdithAnderson herausgegebene Anthologie "Blitz aus heiterm Himmel" (FR), neue Krimis von DeonMeyer und ThomasKnüwer (FR), SallyRooneys "Intermezzo" (FAZ) sowie ColumMcCanns und DianeFoleys "American Mother" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.