Am heutigen Donnerstag lädt das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Berlin zum 25-jährigen Jubiläum der Washingtoner Erklärung ein, aber noch immer hängt in deutschen Museen und in privaten Villen Raubgut, konstatiert Tobias Timm, der in der Zeit nicht viel Grund zum Feiern sieht. Denn "die Washingtoner Erklärung war rechtlich nie bindend. Private Sammler müssen Naziraubkunst in Deutschland wegen der hier geltenden Verjährungsfristen nicht herausgeben. Selbst dann nicht, wenn ihre Eltern oder Großeltern beim Kunstkauf bewusst die Not jüdischer Menschen ausgenutzt haben. In Deutschland sollte eine 'Handreichung' der Bundesregierung dafür sorgen, dass sich zumindest die öffentlichen Museen an die Washingtoner Vereinbarung halten. Doch weigern sich manche große Museen - wie etwa die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen im Fall des Picasso-Gemäldes Madame Soler - noch immer, zumindest die Beratende Kommission NS-Raubgut anzurufen. Diese Kommission gibt in strittigen Fällen eine Empfehlung ab, auch die ist bisher allerdings rechtlich nicht bindend. Und nur wenn beide Seiten, Anspruchsteller und Museen, zustimmen, darf die Kommission überhaupt beraten. In den vergangenen 20 Jahren hat sie gerade einmal 23 Fälle entscheiden können." "Dürftig" nennt auch Nicola Kuhn im Tagesspiegel das Ergebnis der letzten 25 Jahre.
Statt Fakten Bekenntnisse, statt politischer Perspektiven persönliche Verantwortung - nie war der Kulturkampf im progressiven Lager größer als mit Blick auf den Nahostkonflikt, meint Hanno Rauterberg angesichts aberkannter Preise oder abgesagter Ausstellungen in der Zeit: "Insbesondere im kulturellen Milieu, das jetzt die Nahost-Debatten in offenen Briefen vorantreibt, gibt es eine erkennbare Neigung, das eigene Leben als permanente Gewissensprüfung zu verstehen: Die MeToo-, die Gender-, die Rassismus-, auch die Klimadiskussionen, sie alle tendieren dazu, das Private zu politisieren." Dabei braucht es "die Kultur als Freiraum, für das Unentschiedene und auch fürs Unentscheidbare. Museen, Theater, Bibliotheken müssen auch scharfe Gegensätze ertragen, im Rahmen einer allein juristisch, nicht staatlich eingegrenzten Meinungs- und Kunstfreiheit. Wenn aber ein Metadiskurs wie der über den Nahostkonflikt primär von einem Drang zur Ambiguitätsreduktion getrieben wird, lässt das für alle anderen Fragen, auch für die ästhetischen Diskurse, nichts Gutes hoffen."
Außerdem: In der Berliner Zeitungfragt Ingeborg Ruthe, weshalb Turner-Preisträger Jesse Darling zwar eine palästinensische Flagge hervorzog, aber kein einziges Wort über die Verbrechen der Hamas-Terroristen gegen Israel und die eigene Bevölkerung verlor: "Warum nur ist auch derart engagierte Kunst auf einem Auge blind?" In der FAZ kommentiert Eva Lapido: "Die Tatsache, dass Jesse Darling nicht allen als Favorit galt und dass die Times seine Installation als mit Abstand schwächsten Beitrag 'ohne visuelle Wirkung' bezeichnet hat, hilft dem Ruf des Preises gewiss nicht." Für den Guardian hat Charlotte Higgins mit Darling gesprochen. Auf Hyperallergicporträtiert Mekka Boyle den in Jerusalem lebenden 76-jährigen palästinensischen Künstler Sliman Mansour, der die Geschichte der Palästinenser in Gemälden und Skulpturen festhält.
Teresa Feodorowna Ries: "Hexe bei der Walpurgisnacht", 1895. Foto: Birgit und Peter Kainz, Wien Museum Olga Kronsteiner und Katharina Rustler rekonstruieren im Standard den Lebensweg der Künstlerin Teresa Feodorowna Ries, deren Statue "Hexe bei der Toilette für die Walpurgisnacht" demnächst im Wien-Museum ausgestellt wird. Ihr "jedwedem Klischee von lieblicher Weiblichkeit" trotzendes Werk brachte ihr nicht nur Bewunderung ein: "Eine Künstlerin, die in der 'männlichen' Disziplin ihr Talent unter Beweis stellte, galt manchen, aber bei weitem nicht allen Zeitgenossen als Affront. 'Als ich am Firnistage in die Ausstellungshalle kam, wurde ich gleich beim Eingang von Kollegen stürmisch begrüßt', erinnerte sie sich in ihrer 1928 publizierten Autobiografie. 'Irgendjemand nannte dabei laut meinen Namen, und im selben Moment erscholl von der Stiege, die in den Saal hinaufführte, eine donnernde Stimme: 'Das ist die Ries?! Man sollte ihr den Eintritt verbieten. Wie kann sie sich unterstehen, aus einem edlen Marmor eine so scheußliche Fratze zu machen?!''"
Der in Berlin lebende britische Künstler Jesse Darling wurde mit dem Turner-Preis ausgezeichnet, meldet Lanre Bakare im Guardian: Nach der Preisverleihung "zog Darling eine palästinensische Flagge aus seiner Tasche. Als wir ihn später fragten, warum, erklärte er: 'Weil dort ein Genozid geschieht und ich wollte dazu etwas in der BBC sagen.'"
Weitere Artikel: Rose-Maria Gropp bespricht in der FAZUwe Flecklers Roman "Im Schatten der Blauen Pferde", der sich um das berühmte verschollene Gemälde Franz Marcs ("Turm der blauen Pferde") annimmt. In England heißt, weil sonst die Etikette verletzt wäre, die Queen's Gallery nun King's Gallery, weiß unter anderem Monopol. Der Kunstsammler Rafael Jablonka hat die in seinem Besitz befindlichen Werke aus der Wiener Albertina abgezogen, berichtet der Standard. Caspar David Friedrichs Skizzenbuch wurde in die offizielle Liste der national wertvollen Kulturgüter aufgenommen und kann deshalb nicht außerhalb Deutschlands verkauft werden, meldet Annegret Erhard in der Welt. Emil Noldes Gemälde "Palmen" wird versteigert, weiß Marcus Woeller, ebenfalls in der Welt.
Die Fotografin Eva Häberle hat für die taz den Bildgenerator"Midjourney" geprüft, das "derzeit führende Programm für Kreative" und staunt über die fantastischen Ergebnisse. Vor allem beim Suchbegriff "Frau": Angezeigt werden schöne junge Frauen mit ausdruckslosen Gesichtern, aber langen Haaren, die im luftleeren Raum schweben. Und: "Ist unsere Realität bereits männlich und weiß dominiert, so ist die der KI noch weißer, noch männlicher. Eine Studie von Bloomberg zum Generator 'Stable Diffusion' vom Juni 2023 zeigt Folgendes: Frauen haben kaum lukrative Jobs oder bekleiden Machtpositionen. Im Test wurden beim Begriff 'judge' 3 Prozent Frauen generiert, während in der echten Welt 34 Prozent der US-Richter Frauen sind. 'Doctors' in den USA sind zu 40 Prozent weiblich, in der Welt von 'Stable Diffusion' sind es aber nur 7 Prozent. Hier waren Frauen insgesamt nicht nur in gut bezahlten Berufen unterrepräsentiert, sondern auch in schlecht bezahlten Berufen überrepräsentiert. Ergebnis: Als schwarze Frau brät man Burger oder macht sauber. Praktisch keine Rolle spielen Frauen ab Mitte 40. Während Männer bis zum Greisenalter dargestellt werden, ist die Frau so gut wie immer unter 35. 'Fuckable' nennt man das."
Weiteres: Der Tagesspiegel meldet mit dpa, das am 9. Februar 2024 der Bau des neuen Museums "berlin modern" neben der Neuen Nationalgalerie beginnen soll. Britische Museen reagieren auf den Thronwechsel und ändern ihre Namen von "Queens-" in "Kings Gallery", kann man ebenfalls dort lesen.
Besprochen werden die Ausstellung "Nicht müde werden. Felix Nussbaum und künstlerischer Widerstand heute" im Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück (FAZ), Edite Grinbergas Soloschau "Am weißen Steg" in der Galerie Friedmann-Hahn in Berlin (tsp).
Roger de La Fresnaye, The Conquest of the Air (La Conquête de l'Air), 1913. Oil on canvas, 235.9 x 195.6 cm, Museum of Modern Art, New York.NZZ-Kritikerin Uta Appel Tallone entdeckt im Museo d'Arte in Mendrisio die Kunst eines "singulären Exoten": während Picasso und Konsorten in Paris das Bohème-Leben zelebrierten, trat der "Salonkubist" Roger de la Fresnaye als nobler Dandy "mit akkurat gefaltetem Einstecktuch, einem Stock mit Elfenbeinknauf und seinem in melancholischem Gestus zurückgekämmten silbergrauen Haar auf", weiß die Kritikerin zu berichten. Fresnaye gehörte damals zu den bekanntesten Malern, heute kennt ihn kaum jemand mehr, bedauert Appel Tallone und begeistert sich um so mehr für diesen Künstler, der eine ganz eigene Weise fand, sich mit dem Kubismus auseinderzusetzen: "Nicht die Aufgabe der Perspektive, die Vielansichtigkeit oder das Auseinanderbrechen der Formen interessierten den Künstler primär. Er war auf der Suche nach Ausgewogenheit in der Komposition, nach Delikatesse in der Farbgebung, nach Harmonie im Ganzen. Der Kunsthistoriker Federico De Melis verweist in seinem Katalog-Essay auf das dekorative Element in den Werken La Fresnayes. So ordnen sich im Stillleben 'Diabolo' (1913) die auf ihre geometrischen Formen reduzierten Gegenstände - Papierrolle und Bögen, eine runde schwarze Platte, ein brauner Winkelmesser, ein schwarz-weisser Diabolo (Jonglierelement) - zu einer ausgewogenen und dennoch spannungsvollen Komposition."
Weiteres: Jörg Häntzschel resümiert in der SZ die Schwierigkeiten, denen Erben bei der Rückforderung von NS-Raubkunst in Deutschland begegnen: "Deutschland macht es den Nachfahren der beraubten Sammler so schwer wie nur irgend möglich, die Kunst, die ihren Familien gehörte, zurückzubekommen. Nach allem Unheil, das Deutschland ihnen angetan hat, demütigt es sie erneut, indem es sie zu Bittstellern macht und ihnen jahrelange juristische Kämpfe auferlegt."
Besprochen werden die Ausstellungen "El espejo perdido: Judíos y Conversos en la España Medieval" im Prado in Madrid (FAZ), "Discover Liotard & the Lavergne Family Breakfast" in der National Gallery, London (FAZ) und "Reincarnation of Shadows" von Thao Nguyen Phan im HangarBicocca in Mailand (Tsp).
FAZ-Kritiker Stefan Trinks steht im Frankfurter Städel staunend vor "zwanzig gewaltigen, bis zwei mal drei Meter messenden Aquarellen ..., überzogen von Pflanzengeflechten, die es so in der Natur gar nicht gibt. Sie hängen auf dunklem Aubergine, der Farbe einer Pflanze, als wüchsen sie aus der Wand". Gemalt hat diese Bilder der rumänisch-deutsche Künstler Miron Schmückle. Wer hätte gedacht, dass Pflanzen solche kosmischen Verführer sind? "Tatsächlich finden sich in den lianenhaften Gespinsten Adern, lungenförmige oder gehirnartige Partien, immer wieder auch Organe oder skelettartige Formationen, die stets saftig, glatt und fleischig sind und zusammen mit ihrer leuchtenden Farbigkeit die verlockende Anziehungskraft der Begattungsikonografie ins scheinbar harmlose Pflanzenreich verlegen, weshalb das Billy-Idol-Zitat 'Flesh for Fantasy' als Titel zutrifft. Das Reich der Flora aber ist seit Darwins Forschungen nicht eins des Überlebens der Robustesten, sondern der Schönsten und Bestangepassten, eins von Anziehung und Bezirzung, weshalb die neue Serie 'Cosmic Attractors' heißt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Julian Weber unterhält sich für die taz mit Marie Arleth Skov, die ein Buch über Punk in der bildenden Kunst geschrieben hat. Sie ist überzeugt, dass eine Punk-Haltung wie sie etwa der Künstler Asger Jorn verkörperte, gerade heute wieder wichtig sein könnte: "Die Idee, eine Überraschung zu kreieren, indem man etwas Disruptives unternimmt, um den Morast des Alltags aufzuwirbeln und die Langeweile aufzuwerfen, ist archetypisch punk. ... Punk ist meist links, aber nicht auf Parteilinie, es hat libertäre Seiten. Wenn man sich an diese Wurzeln erinnert, minimieren sich Falschauslegungen. Es ist eine Bewegung von unten, gegen Macht, gegen Bigotterie, gegen Kapitalismus, gegen Protz, und trotzdem kann es Glam sein. Das ergibt nach wie vor Sinn und bleibt wichtig. So wichtig wie seit 1977 nicht mehr."
Weitere Artikel: Wer sich für die Ausstellung von John Akomfrah in der Schirn begeistert, kann gleich weiter nach Plymouth fahren, wo Akomfrah in "The Box" eine zweite Ausstellung hat, meldet Adrian Searle im Guardian. Boris Pofalla trifft sich für die Welt mit dem Maler Bernhard Martin in Zeitz (Sachsen-Anhalt) um über dessen Kunstwerk "Holobionten" zu sprechen. In der FAZ schreibt Freddy Langer zum Tod des Fotografen Elliott Erwitt, in der SZ schreibt Marc Hoch. Im Interview mit der SZ bekennt der Museumsmann Eike Schmidt, dass er sich durchaus vorstellen könne, Bürgermeister von Florenz zu werden - wenn er nicht als Museumsdirektor nach Neapel berufen wird. In "Bilder und Zeiten" (FAZ) stellt Andreas Platthaus die Kunstvermittlerin Galka Scheyer vor, deren Biografie der Theatermacher Gilbert Holzgang gerade veröffentlicht hat.
Alex Rühle ist in der SZ froh, dass dem Werk Lotte Lasersteins die Ausstellung "A Divided Life" im Moderna Museet Stockholm gewidmet wird, wurde die Künstlerin als Jüdin doch doppelt vertrieben, aus Deutschland und aus der Kunstgeschichte. "Lasersteins Bilder aus den Weimarer Jahren sind durchpulst von einer enormen Kraft des Neuen, des weltstädtischen Aufbruchs. Insbesondere ihre Frauenbilder zeigen ein radikal gewandeltes Rollenverständnis, sei es in den großformatigen, androgynen Akten, die damals viel Aufsehen erregten, oder in Alltagsszenen wie der 'Tennisspielerin' oder 'Im Gasthaus', in denen Frauen so selbstbewusst wie selbstverständlich eigenes Terrain besetzen. Man würde sich nicht wundern, inmitten dieser Frauen Charlotte Ritter aus 'Babylon Berlin' zu entdecken." Die Emigration frisst eine Schneise in das Werk Lasersteins: Ihre "Mutter starb im KZ Ravensbrück, die Schwester überlebte in einem Versteck, aber hat sich nie mehr davon erholt. Laserstein selbst konnte sich mit Fleiß und Pragmatismus ein neues Leben aufbauen - allerdings zu einem hohen Preis: Um finanziell zu überleben, wurde sie zur Porträtmalerin der besseren Stände. Industrielle ließen den Nachwuchs porträtieren, das Resultat sind Bilder, die dem elterlichen Narzissmus schmeicheln, Stupsnäschen, Rehauge, niedlicher Fratz." Nicht nur deshalb eine so wichtige und lohnenswerte Ausstellung, weil sie den einschneidenden Schrecken der NS-Zeit für ein künstlerisches Leben so deutlich macht, so Rühle.
Von Franz Kafka inspirierte Kunst kann die ob der beklemmenden und wortwörtlich kafkaesken Exponate begeisterteFAZ-Kritikerin Brita Sachs in der Ausstellung "Kafka: 1924" in der Münchner Villa Stuck kennenlernen: "Sozusagen gnadenlos führt die Schau mit Tötungsapparaten in medias res, mit der grausigen Hinrichtungsmaschine aus der Erzählung 'In der Strafkolonie', die dem Verurteilten das übertretene Gebot mit einer Unzahl spitzer Nadeln immer tiefer bis zum Exitus in den nackten Körper schreibt. Der monströse Apparat, den die Kuratorenlegende Harald Szeemann nach Kafkas penibler Beschreibung 1975 für seine Ausstellung 'Junggesellenmaschinen' nachbauen ließ, steht jetzt in der Stuck-Villa und gleich nebenan die 'Killing Machine' von Janet Cardiff & George Bures Miller. Auf Knopfdruck beginnen Roboterarme zu schriller Musik und Discokugelblitzen ihren mörderischen Nadeltanz um einen Zahnarztstuhl mit Armfesseln." Sie fragt sich: "Ob er sich in allen Beiträgen dieser Schau wiedererkannt hätte? In Andreas Gurskys Fotografie 'Passkontrolle' jedenfalls, sie zeigt zwei bis auf die Gesichter der Beamten deckungsgleiche, abweisend wirkende Schalter, könnte er ein perfektes Label für bürokratische Absurditäten und Zwänge finden, die ihm, dem Versicherungsangestellten, bestens vertraut waren."
Weiteres: Der Fotograf Elliott Erwitt ist im Alter von 95 Jahren gestorben, meldetZeitOnline. Endlich gibt es ein Werkverzeichnis des jüdischen Malers Ludwig Meidner, besorgt vom Jüdischen Museum, das seinen Nachlass verwaltet, freut sich die FAZ.
Katarina Janeckova Walshe, Givers, 2022, Acryl auf Leinwand, 182 x 279 cm. Courtesy Dittrich & Schlechtriem, Berlin Was ist eigentlich eine gute Mutter - beziehungsweise eine schlechte? Das fragt sich taz-Kritikerin Sophie Jung bei ihrem Rundgang durch die Ausstellung "The Bad mother" im Haus am Lützow-Platz in Berlin. Elf Künstlerinnen haben sich hier "schonungslos" mit dem Thema auseinandergesetzt, so Jung, und eröffnen eine ganz neue, auch schmerzhafte Perspektive auf Mutterschaft: "In dem Stop-Motion-Video des Duos Nathalie Djurberg & Hans Berg wird die Mutter nur noch zum biologischen Wirt. Sie, als Knetfigur mit Kugelbrüsten und wulstigen Lippen vom Duo typisch überzeichnet, liegt nackt auf dem Bett, während sich ihre drei Kinder peu à peu und offenbar unter geburtsartigen Schmerzen durch ihre Vagina in das Körperinnere zurückarbeiten. Irgendwann steht die schmerzzerrissene Mutterfigur auf, nunmehr als krakenhafter Zombie, aus dessen Bauch und Beinen die Extremitäten des eigenen Nachwuchses wuchern."
SZ-Kritiker Marc Beise steht staunend im Gewölbekeller der Grabkapellen der Medici in Florenz. Zum ersten Mal wurde Michelangelos stanza segreta geöffnet, eine Geheimkammer, in der man 1975 Kohlezeichnungen entdeckte, die vom Meister selbst stammen sollen, wie der Kritiker berichtet. 1530, als die Medici aus Florenz vertrieben wurden, habe sich Michelangelo hier zwei Monate versteckt gehalten, heißt es. So ganz sicher weiß man das nicht, aber das ist auch nicht so wichtig, meint Beise, denn beeindruckend ist der Raum allemal: "Die sich teils überlagernden Zeichnungen haben erkennbar Bezüge zur Arbeit des Meisters, sind offenkundig Skizzen bereits fertiger und künftiger Werke. Man erkennt Figuren aus der Medici-Sakristei gleich oben oder Fresken der Sixtinischen Kapelle im Vatikan."
Weiteres: Der Schauspieler MatthiasBrandtschreibt auf Zeit Online einen sehr persönlichen Nachruf auf den Kanzlerfotografen Konrad R. Müller, der auch seinen Vater Willy Brandt porträtiert hat. Trotz Krieg und Zensur gibt es in Moskau gerade einige große Kunstausstellungen zu sehen, berichtet Kerstin Holm berichtet in der FAZ. Aber die Museen müssen sich vorsehen: "Schwer hat es die zeitgenössische Kunst. Die Tretjakow-Galerie habe mehrere fest mit ihr verabredete Ausstellungen abgesagt, ereifert sich eine gut vernetzte Galeristin, die ich besuche." Das Museum für Zeitgenössisches zeigt fast gar keine Ausstellungen mehr, so Holm, aus Angst vor Denunziation.
Besprochen wird die Ausstellung "A space of Empathy" mit Werken von John Akomfrah in der Schirn Kunsthalle Frankfurt (taz) und die Ausstellung "Renaissance im Norden. Holbein, Burgkmair und die Zeit der Fugger" im Städel Museum Frankfurt (NZZ).
!Mediengruppe Bitnik und Sven König, Download Finished. The Art of Filesharing, 2006, Copyleft: !Mediengruppe Bitnik & Sven König
Großartig, jubelt Clemens J. Setz auf ZeitOnline, dass die Münchner Pinakothek der Moderne sich mit der Ausstellung "Glitch. Die Kunst der Störung" der Welt der Computerspielefehler widmet. Also Momenten, in denen der Code nicht so funktioniert wie er soll, und plötzlich zum Beispiel Mammuts grundlos vom digitalen Himmel fallen. Solche Zufallsschönheiten verschwinden meist spurlos, sobald der Fehler behoben ist, ärgert sich Setz. Umso schöner, dass in der Pinakothek nun erste Versuche einer künstlerischen Archivierung unternommen werden. "Einer der atemberaubendsten Glitches, dessen simple Beschreibung sich bereits wie eine literarische Parabel liest, fand sich ebenfalls in einer älteren Version von Skyrim. Dort konnte es, wie einige Spieler glücklicherweise auf Video festgehalten haben, mitunter geschehen, dass sich der Spieler plötzlich, ohne dass er erklären konnte, weshalb, in einem kleinen kreuzförmigen Raum wiederfand, aus dem es kein Entkommen gab. Dieser Raum ist eine sehr genaue Darstellung der Hölle. Der Spieler kann den Raum nicht mehr verlassen, er kommt immer wieder zurück, wenn er einen der vier Ausgänge des Raumes benutzt. Nichts existiert mehr außerhalb des Raumes. Und das Schlimmste: Der kreuzförmige Raum ist voll mit all jenen Figuren, die der Spieler selbst während des bisherigen Gameplays umgebracht hat. Einige der Figuren bewegen sich sogar noch und reden vor sich hin, wiederholen, in klassisch jenseitiger Manier, einen einzigen oder eine Handvoll Sätze. So machen es auch die Verdammten in Dantes Hölle."
Seit dem 7.10. und dem Terrorangriff der Hamas ist das Tel Aviv Museum of Art praktisch geschlossen, weiß Johanna Adorján in der SZ. Ein paar Besucher dürfen theoretisch mit Voranmeldung hinein, doch kaum jemand hat gerade viel Gedanken für Kunst übrig. Die Museumsdirektorin Tania Coen-Uzzielli und die Chefkuratorin Mira Lapidot machen derweil Erfahrungen, die man auch aus deutschen Debatten zu kennen meint: "Tania Coen-Uzzielli, die in Rom geboren wurde, und die gebürtige Israelin Mira Lapidot wirken nachhaltig geschockt darüber, wie die Kunstwelt auf die Massaker des 7.Oktober reagierte. Nämlich: gar nicht. Empathiebekundungen blieben aus. Die Stille war sehr laut. Bald zeigte sich, was während dieser Stille geschehen war: Die Kunstszene hatte Unterschriften für einen offenen Brief gesammelt, den Artforum am 19. Oktober veröffentlichte. 'Wir fühlen uns von der Kunstszene total im Stich gelassen', sagt Tania Coen-Uzzielli: 'Ich meine, das ist unser Milieu. Man kennt sich.'"
Das Kunstmuseum Odessa wiederum wurde am 6.11. dieses Jahres von einer russischen Rakete getroffen. Kateryn Botanova erzählt in der NZZ, wie sich die Bevölkerung der Stadt sofort um den Wiederaufbau bemühte. Auch das Museum selbst wurde aktiv: "Noch am Morgen des Raketeneinschlags in Odessa dokumentierten Museumsmitarbeiter und Unterstützer den Tatort, überprüften und sicherten die Kunstwerke in Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz. In den nachfolgenden Tagen reinigten sie bereits gemeinsam mit Gemeindebeamten das Museum und die umliegenden Strassen von Schutt. Als Reaktion auf die Lawine von Solidaritätsbekundungen bot das Museum Artikel aus seinem Shop online an, und innerhalb weniger Tage waren sie ausverkauft." Tatsächlich wird in der Ukraine gerade die Rolle von Museen neu bestimmt: "Auf der letzten Versammlung des Internationalen Museumsrats (Icom) bestand die ukrainische Delegation darauf, die Definition des Museums zu ändern. Neu soll dessen Rolle nicht allein darin bestehen, Kunstwerke zu sammeln, zu bewahren, zu erforschen und auszustellen, sondern auch darin, Gemeinschaft zu stiften. Was sich insbesondere dann aufdrängt, wenn Sammlungen wegen des Kriegs ausgelagert und nicht verfügbar sind."
Die taz bringt unter der Überschrift "Osteuropa: Krieg und Kunst" eine Beilage zum titelgebenden Themenkomplex, das auf eine Initiative der taz Panter Stiftung zurückgeht. Im Editorial schreibt Tigran Petrosyan: "Was wird in der Zukunft einmal stellvertretend für unsere heutige Zeit, für die Rezeption des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine stehen? Welches Kunstwerk, welche Illustration, welches Bild und welche Skulptur auch immer diese Symbolkraft entwickeln wird - Journalist:innen werden darüber schreiben, kontroverse Diskussionen abbilden und den jeweiligen Kontext schaffen. Wir, als Journalist:innen, als Künstler:innen, als Zivilgesellschaft müssen weiter genau hinsehen und hinhören. Wir dürfen, auch wenn es manchmal sehr schwer fällt, nicht kriegs- und krisenmüde werden." Außerdem in der Beilage: ein Gespräch mit Marija Petrovic, Kuratorin der Ausstellung "All the Dots Connected Form an Open Space Within" im Berliner Kunstverein KVOST sowie Texte über den belarussischen Künstler Sergey Shabohin, die georgische Künstlerin Tamuna Chabashvili, das Internationale Kulturforum in St. Petersburg ("In Russland ist die Kunst wieder Cheferzieher für die Massen"), kulturpolitische Auseinandersetzungen in Kasachstan und ein kurzes Interview mit der ukrainischen Illustratorin Olga Yakubouskaya.
Weitere Artikel: Der Streit zwischen Großbritannien und Griechenland um eine Rückgabe des Parthenon-Frieses setzt sich fort. Sebastian Borger berichtet in der FR. Stefan Trinks besucht für die FAZ das Hortensia Herrero Art Center in Valencia, ein neueröffnetes Museum, das in einem umgebauten Renaissancepalast in Valencia eröffnet wurde. Ein wichtiges Warhol-Gemälde aus der Sammlung Marx wurde verkauft und wandert vom Berliner Hamburger Bahnhof in die USA, berichtet Bernhard Schulz in Monopol.
Edvard Munch: Sternennacht, 1922-24. Öl auf Leinwand. Foto: Munchmuseet, Oslo Als einem "Verherrlicher des Sichtbaren" begegnet FAZ-Kritiker Andreas Kilb dem Maler Edvard Munch in der Ausstellung "Lebenslandschaften" im Museum Barberini in Potsdam. Munch, den man eher mit Düsternis assoziiert, erscheint hier als Landschaftsmaler in einem ganz neuen Licht, stellt Kilb erstaunt fest: "Auf der 'Sternennacht' von 1901 liegt Schnee in dicken Schichten am Waldrand, von schwarzen Felsen interpunktiert, und auf dem Bild gleichen Titels von 1924 wölbt er sich ebenso schwer und bläulich zum nächtlichen Himmel - nur dass jetzt die Sterne, groß und blinkend, einen breiteren Streifen des Horizonts einnehmen und der Blick sich zur Ebene hin weitet, in der die Lichter der Häuser als gelbe Farbtupfer erscheinen. Auf anderen Bildern, etwa den Ackerlandschaften, die Munch 1906 bei einem seiner Klinikaufenthalte in Thüringen malte, oder dem 'Winter in Kragerø' von 1912, erscheint der Schnee in blau, grün und violett getönten, von Schmutzrändern eingefassten Fladen, aber stets hat er eine Konsistenz, die weit über bloßes Augenspiel hinausreicht. Munch hat sich in ihn hineingemalt."
Weiteres: Griechenlands Premier Kyriakos Mitsotakis fordert in Londen eine Rückgabe des Parthenon-Frieses, meldet Sebastian Borger in der FR. Labour-Oppositionsführer Keir Starmer verkündete, er "wolle einer geplanten Vereinbarung des British Museum mit den griechischen Kulturbehörden nicht im Wege stehen", gibt Borger wieder. Eine einfache Lösung ist allerdings nicht in Sicht, so Borger, seit Jahren wird über einen Deal verhandelt, der für beide Seiten akzeptabel ist, erinnert der Kritiker.
Besprochen werden die Ausstellung "Modigliani: Moderne Blicke" in der Staatsgalerie Stuttgart (tsp) und die Ausstellung "Perfectly Imperfect - Makel, Mankos und Defekte" im Gewerbemuseum Winterthur (NZZ).
Eine Hommage an Sigmund Freud und seinen Einfluss auf die Kunst sieht Alexandra Wach für die FAZ in der Ausstellung "Innenwelten" in der Kunsthalle Tübingen. Etwa bei "Raphaela Vogel, die 2017 ein anatomisches Brustmodell in monumentaler Größe fabriziert hat. Es zeigt eine zergliederte weibliche Brust, aus der sich auf wundersame Weise ein Milchstrahl aus Polyurethan zum Pferd formt, der zum 'Uterusland' reitet." Auch das Thema Trauma verhandele die Ausstellung sehr eindrücklich, etwa im Video-Triptychon 'Between Listening and Telling: Last Witnesses, Auschwitz, 1945-2005' von Esther Shalev-Gerz: "Sechzig Überlebende berichteten für das Projekt in Videointerviews über ihre Erfahrungen in dem Lager sowie über ihr Leben vor und nach der Internierung. Shalev-Gerz erstellte daraus eine Montage der Momente zwischen den gestellten Fragen und den Antworten. Man sieht die Zeugen und Zeuginnen zu den unsichtbaren Erfahrungen zurückkehren, die ihr Leben ins Wanken gebracht haben. Es vergeht unendlich viel Zeit, bis sie sich von ihrem inneren Film lösen, im Schmerz erstarrt, das Grauen vor den Augen. Die Vergangenheit kapert so die Gegenwart, man vermag sich nicht zu bewegen, überwältigt von diesen Gesichtern, die im Schweigen dem 'Verdrängten' so nah sind, wie es Bilder nie vermögen."
Eine Menge abgesagte Veranstaltungen, Documenta-Skandale, offene Briefe und Verunsicherung auf allen Seiten - wie soll es in der Kunstszene weitergehen, fragt Harry Nutt in der Berliner Zeitung. Was wir auf jeden Fall nicht brauchen, ist mehr Polemik und Streit, hält Nutt fest: "Entgegen der Häme, mit der zuletzt genüsslich auf einen sich selbst provinzialisierenden deutschen Kulturbetrieb geblickt wurde, sollte dringend nach vermittelnden Positionen und Instanzen gesucht werden, denen künstlerische Artikulation wichtiger ist als momentanes Rechthaben in einem Konflikt, in dem es scheinbar schwerfällt, dem Phänomen des Antisemitismus die gleiche Aufmerksamkeit einzuräumen wie anderen Formen der Diskriminierung und Ausgrenzung."
Im Tagesspiegel kommentiert Nicola Kuhn die Pläne zur Verschiebung der Documenta 16. Das hält sie für keine gute Idee, die Kunstschau muss sich jetzt mit ihren Problemen auseinandersetzen und nicht erst in ein paar Jahren. Vielleicht geht's ja etwas überschaubarer, fragt sie: "Oder doch lieber eine Nummer kleiner? Kassel klammert sich an die Idee einer Weltkunstschau im Hessischen und wäre doch besser bedient, wenn es eine eigene Großausstellung auf die Beine stellt. Vielleicht ist die Zeit der übergreifenden Betrachtung durch die Kunst vorbei. Die Zentrifugalkräfte sind in einer globalisierten Welt zu stark, als dass sie sich in hundert Tagen bündeln ließen."
Weiteres: Im Tagesspiegelfreut sich Michael G. Gromotka über die neue Beleuchtung in der Berliner Gemäldegalerie.