Leonardo da Vinci, Adorazione dei Magi, ca. 1482. Uffizien
FAZ-Kritikerin Karen Krüger lässt sich in den Uffizien vom scheidenden Direktor Eike Schmidt dessen Lieblingsbilder zeigen. Leonardos frisch renovierte "Anbetung der Heiligen Drei Könige" gehört dazu: "Man wird sofort in die in Braun- und Blautöne gehaltene Szenerie hineingezogen: Die Heiligen Drei Könige bringen dem Jesuskind Geschenke dar - und um sie herum sind gut achtzig Figuren mit unterschiedlichen Posen und emotionalen Ausdrücken sowie Dutzende Tiere versammelt. 'Je nach eigener Gemütslage findet hier jeder Betrachter ein Gegenüber', sagt Schmidt, und seine Hand fährt über das Gemälde wie die Hand des Wettermanns über die Wetterkarte. 'Beispielsweise der Kahlköpfige dort mit den aufgerissenen, verschatteten Augen; oder hier, das Pferd, das den Kopf zurückwirft und wie in Zeitlupe in drei verschiedenen Bewegungen gezeigt wird - eigentlich sogar in vier, aber die vierte sieht man nur in der Infrarotreflektographie gut.' Er redet nun immer schneller. 'Eine weitere Figur, die ich auch immer wieder mit großer Freude betrachte, ist dieser Junge. Er zieht sich mit beiden Armen hoch, um besser sehen zu können. Ich stelle mir gern vor, wie er die Szene beobachtet. Ich denke, Leonardo verkörperte mit ihm den Wunsch vieler Menschen, mehr zu verstehen.'"
Besprochen werden die große Caspar-David-Friedrich-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle (taz, Welt), Henrik Martin Dahlsbakkens Biopic "Munch" zusammen mit der Ausstellung "Munch. Lebenslandschaft" im Museum Barberini in Potsdam (FAZ) und die Ausstellung "Holbein und die Renaissance im Norden" im Frankfurter Städelmuseum (SZ).
Der "unlängst restaurierte Prunksaal der Nationalbibliothek" Wiens ist nicht der richtige Ort für die Fotografien des Amerikaners Yoichi Okamoto, die hier unter dem Titel "Bild Macht Politik. Yoichi Okamoto - Ikone der Nachkriegsfotografie" ausgestellt sind, ärgert sich Hannes Hintermeier in der FAZ. Der opulente Saal überstrahle fast die Auswahl aus dem aus 22.000 Negativen bestehenden Nachlass, den die ÖNB 2019 vom Sohn des Fotografen übernommen hat. Wer dann aber doch genau hinsieht, kann das Nachkriegswien aus der Perspektive eines asiatisch-amerikanischen Soldaten kennenlernen: Immer sei ihm die Fotografie "schöpferisches Mittel zur Verständigung, die eine Verpflichtung zur Wahrheit in sich trägt. Ein Berufsethos, das in fake-geplagten Zeiten tröstlich wirkt."
Für monopolärgert sich Saskia Trebitz darüber, dass Künstler wie Gerhard Richter, Anselm Kiefer und Georg Baselitz so eine unglaubliche Marktdominanz halten, aber sie weiß auch, dass diese Entwicklung nicht nur die bildende Kunst betrifft: "Wenn Kunst den Weg in den Mainstream findet, sind es meist die großen Namen, die seit Jahrzehnten etabliert sind (nicht ganz zufällig standen dieses Jahr die Beatles wieder auf Platz eins der Charts). Und das Phänomen verstärkt sich selbst: Nach der Pandemie müssen Kulturhäuser ihr Programm auch wieder anhand von Publikumszahlen rechtfertigen, also wird mehr von dem eingeplant, was Erfolg verspricht. Und da sich in der Nahost-Debatte die ideologischen Fallstricke politisch aufgeladener Kunst zeigen (und viele Museen darauf eher hilflos reagieren), besteht durchaus die Gefahr, dass man sich noch mehr auf das Erprobte, vermeintlich Ungefährliche konzentriert, um Kontroversen zu vermeiden." Ihr Appell: "Es ist unerlässlich, dass die Institutionen mutig bleiben und sich einem zu befürchtenden konservativen backlash entgegenstellen."
Die Schau "Sand. Ressource, Leben, Sehnsucht" im Bad Homburger Museum Sinclair zeigt Sylvia Staude in der FR dieses beeindruckende Material aus nächster Nähe: "Durch eine Lupe kann die Besucherin ein einzelnes Sandkorn betrachten, in der Tat würde man es, hätte es die vielfache Größe, einfach für ein Steinchen halten. Es folgt eine ganze Wand mit Sand in Glas(!)röhrchen, es handelt sich um 1680 Sedimentproben aus den Sandsammlungen des Museums Wiesbaden und der Stadt Aulendorf. Nicht nur ist die Körnchengröße unterschiedlich, vor allem die Farbnuancen bezaubern."
Besprochen wird: Die Ausstellung "Flooding" des Ukrainers Nikita Kadan in der Einundneunzig Galerie in Frankfurt, die damit ihre Eröffnung feiert (FAZ).
Bild: Verena Dengler: Sponsors. 2001-2014. MAK GK 666. Bild: Georg Mayer Schlicht "phänomenal" nennt Katharina Rustler (Standard) die Ausstellung "Hard/Soft" im Wiener Museum für Angewandte Kunst, die sich Textil und Keramik in der zeitgenössischen Kunst widmet und mit historischen Werken kontrastiert: Zahlreiche Werke beschäftigen sich "mit dem Körperlichen und beziehen sich auf die oft als weiblich konnotierten Techniken des Webens und Töpferns. Mit ihren archaisch anmutenden Keramikvasen, die mit Brüsten bestückt sind, greift die polnische Künstlerin Agnieszka Brzeżańska genau das auf und setzt sich mit matriarchalen Ritualen auseinander. Besonders beeindruckend sind die monumentalen Arbeiten, die von der Höhe der Mak-Ausstellungshalle profitieren - wie jene meterlangen hängenden Figuren aus schwarzem Stoff von Magdalena Abakanowicz oder die aus Dämmmaterial bestehenden XXL-Skulpturen von Klára Hosnedlová."
Im FR-Gespräch erzählt Eva Raabe, scheidende Direktorin des Weltkulturen Museums in Frankfurt, wie sich das Museum weiter dekolonisieren wird: "Ich glaube, ganz egal, wer meine Nachfolge antritt, wird weiterführen, dass wir bei jedem Projekt die indigenen Nachfahren der Urheberkultur kontaktieren. Dass wir weiterhin sehr stark mit indigenen Künstlern zusammenarbeiten. Rückgabe wird auch ein großes Thema sein. Wir haben eine Kamerun-Sammlung von über 2.000 Objekten und ein großer Teil davon stammt aus militärischem kolonialem Kontext. Es werden auch indigene Gruppen mit uns Kontakt aufnehmen, weil sie von der Sammlung wissen und sie sehen möchten. Es gibt Objekte, die gibt es nur noch in Europa und nicht in den Museen der Ursprungsländer."
Außerdem: Berlins Staatliche Museen erhöhen die Preise um 2 Euro, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Hermann Parzinger betont in einer Mitteilung dazu, wie erfreulich es sei, dass die Museen inzwischen wieder an das Vor-Corona-Niveau anknüpfen können und 2023 bislang knapp vier Millionen Besucher:innen aus der ganzen Welt verzeichnen." Der Streit um den Nachlass von Franz West ist endgültig beendet, meldet Olga Kronsteiner im Standard: "Zuständig für den Nachlass ist die von West gegründete Stiftung. Die Kinder klagen jetzt auf den Pflichtteil, der Anspruch ist womöglich verjährt."
Besprochen wird die Anne-Witt-Ausstellung "Workers Forum" im Kunstverein Wolfsburg (taz), die Ausstellung "kontrastreich" mir Arbeiten des Berliner Zeichners Danja Akulin in der Galerie Poll (Blz) und Charlotte Mullins "Die Geschichte der Kunst. Neu erzählt" (Standard).
Die Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg widmet den avantgardistischen Malern Ernst Wilhelm Nay und André Masson eine Doppelausstellung unter dem Titel "Mythos und Massaker". Beide waren Protagonisten der von Hitlerdeutschland verteufelten künstlerischen Moderne des Zwanzigsten Jahrhunderts. Die direkte Gegenüberstellung offenbart jedoch auch Unterschiede, erläutert Ingeborg Ruthe in der FR: "Es ist die Stimmung, die bei aller Verwandtschaft von Masson und Nay den Unterschied macht. In 'Massacre' gingen die schlimmen Erinnerungen des Malers an die am eigenen Körper erlebten Gräuel des Ersten Weltkrieges (er wurde als Soldat schwer verletzt) ein. Er drückte das aus in spitzigen Gestaltzeichen, die aufeinander einstechen und in gewaltsamer Gier nacheinander greifen. Der vom deutschen Expressionismus geprägte Nay, der den Wehrdienst an der Ost-, später an der Westfront des Zweiten Weltkrieges heil überstanden hatte, schuf eine eher harmonische mythologische Gegenwelt zur Katastrophe. In seinem 'Tanz der Fischerinnen' (1950) scheinen Gewalt, Tod, Trauer, Zerstörung und Angst verjagt. Die Szene wird zur zukunftsfrohen Synthese von schablonenhaft organischen, fast floralen Formen. Dieses neu beginnende 'Wachstum' drängt förmlich wie eine mitreißende Melodie über den Bildrand hinaus, als handele es sich um den uferlosen Fluss des Lebens."
Das Neuköllner Kulturzentrum Oyoun, das insbesondere nach dem 7. Oktober in die Kritik geraten war, da es radikalen antizionistischen Stimmen wie der "Revolutionären Linken" oder, bereits im Mai 2022, "Palästina spricht" ein Forum geboten hatte, wehrt sich gegen das vom Berliner Senat beschlossene Auslaufen einer Projektförderung, das einer Schließung gleichkommt (unser Resümee). Helfen wird das kaum, vermutet Sebastian Leber, der im Tagesspiegel über die seit langem grassierende israelfeindliche Stimmung im Haus berichtet. Insbesondere die Geschäftsführerin Louna Sbou schuf, zitiert Leber seine Quellen, eine "Atmosphäre der Angst". Vor ihrer Zeit bei Oyoun war Sbou Kuratorin des Café Be'kech im Wedding, wo sie mit ihrer Position in Sachen Israel auch nicht hinter dem Berg hielt. "Bereits zu dieser Zeit wies Louna Sbou ihre Mitarbeiter an, israelische Lebensmittel konsequent zu boykottieren. Ihre Begründung: Weil das Café 'Unterdrückung, strukturellen Rassismus und jede Form von Diskriminierung' ablehne, kaufe oder unterstütze man keine Produkte des 'Apartheidstaats Israel'. Sbou untersagte ihren Mitarbeitern sogar, das Wort 'israelisch' zur Beschreibung von Speisen zu verwenden. Als eine Mitarbeiterin 'Israeli stuffed tomatoes' auf die Menütafel schrieb, wies Louna Sbou sie zurecht und erklärte, dies solle nicht wieder vorkommen. Man muss sich dies vor Augen halten: In einem Café, das offiziell alle Formen von Diskriminierung bekämpft, darf nicht einmal das Wort 'Israelisch' auf einer Speisekarte stehen."
Viel verschenktes Potential sieht Welt-Kritikerin Charlotte Szász in der Ausstellung "Women in Revolt" in der Londoner Tate Britain, die sich feministischer Kunst der Siebziger Jahre widmet. Sie zeigt "zum ersten Mal die Do-it-Yourself-Kunst und gesellschaftskritische Ästhetik von britischen Künstlerinnen" dieser Zeit. Starke Werke sieht die Kritikerin hier auf jeden Fall, beispielsweise von Nancy Willlis, die die Themen Behinderung und Feminismus verknüpft: Wegen ihrer Muskeldystrophie brach Willis auf ärztlichen Rat eine Schwangerschaft ab und ließ sich sterilisieren. Doch die Diagnose, sie habe eine geringere Lebenserwartung, stellt sich als falsch heraus, "weswegen sie ihr Leben lang das verlorene Kind betrauerte und ein Gemälde anfertigte, das die Erfahrung verarbeitet: Es heißt 'Selfportrait With a Lost Baby' und zeigt das Kind im Kleinkindalter." Leider, ärgert sich Szász, lädt die Kuration der Ausstellung weder zur Identifikation noch zum Nachdenken ein: die provokante Seite der Werke geht hinter Glas verloren, die Beschreibungen beschäftigen sich kaum mit der Kunst selbst, sondern vorwiegend mit dem Lebensweg ihrer Schöpferinnen.
Weitere Artikel: In Monopoldenkt Maja Goertz über Glitzerkunst nach. Ebenfalls in Monopolzeichnet Lisa-Marie Berndt nach, wie der amerikanische Künstler Alex Israel in einer Videoinstallation eine KI zum Kurator kürt.
Besprochen werden die Ausstellung "Leidenschaftlich figurativ - die Sammlung Fritz P. Mayer" in der Kunsthalle Jesuitenkirche, Aschaffenburg (FAZ), die Schau "Rodrigo Hernández: stars around this beautiful moon hide back their luminous form" im Berliner Chert-Lüdde (taz) und Frank Maier-Solgks Buch "Green Fields" über Skulpturen im öffentlichen Raum.
Rudolf Levy, Blick auf die Bucht von Rapallo. 1933. Privatsammlung. Foto: Electa Archiv/Serge Alain Domingie. Ganz warm wird FAZ-Kritiker Stefan Trinks in der Ausstellung "Magier der Farben" in der Pfalzgalerie Kaiserslautern, so sehr "glühen" die Farben auf den Bildern des jüdisch-deutschen Künstlers Rudolf Levy. Man würde kaum auf die Idee kommen, dass sich hinter dieser Pracht eine düstere Geschichte verbirgt, so Trinks. Levy wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet, nachdem er sich im Exil in Florenz für einige Zeit versteckt gehalten hatte, weiß Trinks. Doch die Dunkelheit hat es nicht in seine Bilder geschafft, erkennt er: "Ein 1933 entstandenes, freudvoll farbiges Bild könnte noch die Unvorhersehbarkeit des ganzen Grauens für sich reklamieren, doch halten Levys Bilder an ihrer französisch-italienischen, sprich mediterranen Palette zehn Exiljahre lang fest. Noch sein 'Atelierstillleben vor geöffneter Balkontür im Florentiner Palazzo Guadagni' von 1943 öffnet den Blick aus seinem Mal-Versteck aus leuchtend grünen Balkontürläden auf eine himmelblaue Unbegrenztheit, während ein kobaltblauer Tisch mit oranger Decke und gelbgrünen Zitronen im Rot eines Matisse-Teppichs buchstäblich schwebt, indem die Verbindung der Tischbeine zur Platte durch je einen frechen roten Pinselstrich gekappt ist."
Tazler Jochen Becker sieht bei Bologna zwei Ausstellungen, die ganz unterschiedliche Ideen von Fotografie zeigen und einen "gewissen Vorgeschmack darauf geben könnten, was einmal im geplanten Deutschen Fotoinstitut" in Düsseldorf gezeigt werden wird. In "Visual Spaces of Today" im MAST wird in einer großen Werkschau Andreas Gursky ausgestellt, die Collezione Maramotti zeigt Giulia Andreani: "Die opulenten Tafelbilder von Andreas Gursky erinnern an die Maschinen-Nähe des Fotografischen, die Grauzonen von Giulia Andreani hingegen zeigen, wie verstreut Bildquellen sein können."
Besprochen werden die Ausstellung "Sieh Dir die Menschen an! Das neusachliche Typenporträt in der Weimarer Zeit" im Kunstmuseum Stuttgart (tsp) und die Ausstellung "101 Nudes" von Jimmy de Sana in der Galerie Meyer Riegger in Berlin (tsp).
Alphi-11, 2022.Oil, acrylic spray and silkscreen ink on canvas.Signed and dated verso. 280 x 200 cm. 110.2 x 78.7 inches. B-LYENIRCE-.23-0008. Foto: Galerie Capitain Petzel.
Die Arbeiten eines Multitalents schaut sich Jens Müller für den Tagesspiegel in der Galerie Capitain Petzel in Berlin an. Die Künstlerin Leyla Yenirce kann eigentlich alles: Filme machen, Musicals schreiben und eben Kunst, meint der Kritiker. Und so beschränke sie sich auch auf der Leinwand nicht auf eine Technik: "Sie kombiniert Ölfarbe und gesprühte Acrylfarbe mit Siebdruck, der immer wieder ein dem Internet entnommenes Motiv zeigt: eine Gruppe mit Kalaschnikows bewaffneter Frauen einer sogenannten Frauenverteidigungseinheit der kurdisch-syrischen Miliz YPG. Auch die Konstruktionszeichnung für so ein Sturmgewehr findet sich auf einem der Bilder." Ein zeitgeschichtlicher Bezug auf Leyla Yenirces kurdisch-jesidische Herkunft, kombiniert mit wild aufgetragenen Farbschichten "aufeinander, übereinander, sich in mehreren Schichten überlagernd, überflutend. In Grün und in Grau und in Blau, aber auch in Rosa und in Rot" - interessant, meint der Kritiker, die dringende Frage "nach der Politisierung der Künstlerin" kann ihm diese Ausstellung allerdings nicht beantworten.
Damit Erben von NS-Raubkunst es in Zukunft leichter haben, gestohlene Werke von Museen zurückzuerhalten, plant Kulturstaatsministerin Claudia Roth Reformen, berichtet Klaus Hillenbrand in der taz. Bisher müssen für eine Untersuchung durch die Historische Kommission beide Seiten dem Verfahren zustimmen, was beispielsweise im Falle des Picasso-Gemäldes "Madame Soler", im Moment im Besitz der Staatsgemäldesammlung Bayern, nicht der Fall. Das soll sich ändern - es ist aber kompliziert, meint Hillenbrand: "Unter die geplanten Reformen fällt, dass vom Bund geförderte Sammlungen schon ab Januar 2024 der Regelung unterliegen, einer Untersuchung auf NS-Raubkunst durch die Historische Kommission zustimmen zu müssen. 'Ich fürchte, dass Bayern dann keine Förderanträge mehr stellt', meinte dazu Gilbert Lupfer vom Deutschen Zentrum Kulturverluste, das Provenienzforschungen fördert. Die Regelung liefe dann ins Leere."
Besprochen werden die Ausstellung "Kafka: 1924." im Museum Villa Stuck (tsp) und die Ausstellung "Spirit and Invention: Drawings by the Tiepolo" in der Morgan Library & Museum in New York (FAZ), die Ausstellung "Chagall, Matisse, Miró. Made in Paris." im Museum Folkwang in Essen (FAZ).
Seine Begegnung mit sechsunddreißig "urigen Gesellen" beschreibt Kritiker Stefan Trinks in Bilder und Zeiten der FAZ. Die trifft er auf den Fotos von Ingar Krauss, "Chronist des ostdeutschen Oderbruchs", der gerne diejenigen ins Licht rücken möchte, die sonst eher abseits stehen. Nicht nur "menschlichen Wildgewächsen" blickt der Fotograf dabei ganz genau ins Gesicht, nein, auch die Flora dieses Landstrichs hat seine Aufmerksamkeit verdient: Er porträtiert "daher die eigenwilligen Physiognomien der Rüben, denn während ihr Primärerzeugnis Zucker in immer gleicher Kristallform homogenisiert ist und in Sekundenschnelle im Mahlstrom des Weihnachtsplätzchenteigs aufgeht, verleiht er den Pflanzen Individualität, indem er sie durch seine 'Close-ups' auf das Wesentliche ihrer Erscheinungsform reduziert - bei natürlichem Licht, vor nicht ablenkendem dunklen Hintergrund, fotografiert in kontrastreichem Schwarz-Weiß. Diese Nobilitierung durch eine aufwendige und sorgfältige 'Porträtgalerie' für eine sonst kaum beachtete Pflanze - im Lateinischen heißt die gemeine Rübe nur 'Beta Vulgaris' - erinnert an die Typologien der neusachlichen Fotografie der Zwanzigerjahre, etwa bei August Sander."
Welt-Kritiker Marcus Woeller lässt sich vom prachtvollen Anblick der Bernstein-Artefakte verführen, die die Galerie Kugel in Paris in der Ausstellung "Amber" zeigt. Viele von diesen Stücken aus dem Kunsthandwerk hat man zuvor noch nie gesehen, so Moeller. Nach Ovids "Metamorphosen" entstand der Bernstein durch die bitteren Tränen der Heliaden, erinnert Woeller. Göttlich ist auf jeden Fall, was man so alles aus ihm gemacht hat: "Eine aufgeklappte Schatulle zieht die Blicke der Besucher besonders in ihren Bann. So strahlend muss man sich das Bernsteinzimmer vorstellen, im kleinen Maßstab. Der 26 mal 39 Zentimeter messende Kasten ist komplett aus zugeschnittenen Bernsteinen zusammengesetzt. Die Wände zieren Spiralsäulen, barocke Kartuschen und Elfenbeinreliefs, der Deckel beinhaltet ein zweites Kästchen auf dem Figurengruppen sitzen. Die Schatulle wird dem Danziger Meister Michel Redlin zugeschrieben und auf das Jahr 1680 datiert."
Besrochen wird die Ausstellung "Karin Kneffel. Face of A Woman, Head of A Child" im Museum Kurhaus Kleve (FAZ).
Maria Lassnig: Illusion von der versäumten Mutterschaft, 1998. Bild: Roland Krauss/Maria Lassnig Foundation. Dass es für Frauen in der Kunst nicht unbedingt leicht ist, kann FAZ-Kritikerin Katinka Fischer eindrucksvoll in der Kunsthalle Mannheim sehen, die mit der Schau "Hoover Hager Lassnig" Werke von drei stilistisch sehr unterschiedlichen, aber thematisch verwandten Künstlerinnen zeigt. Maria Lassnig hat sich noch mit fast 80 Jahren mit dem Thema Mutterschaft auseinandergesetzt: "Der vermeintliche Säugling ist allerdings ein kleines Männchen, das Anzug trägt, Geheimratsecken hat und in Wahrheit einen einstigen Liebhaber der Malerin darstellt. In dem anderen Werk erscheint sie als hockende grüne Gestalt mit gnomenhaft verzerrten Gesichtszügen, und man weiß nicht, ob das abstrakte Objekt, das zwischen ihren Schenkeln schwebt, aus ihr herauskommt oder dorthin zurückwill. Mit einem Neugeborenen hat es jedenfalls nur die blassrosa Farbe gemein. Beide Male drückt die Darstellung des eigenen Ichs auch die Trauer der Braut und Mutter aus, die die international erfolgreiche Künstlerin nie gewesen ist." Die Werke von Maria Lassnig, Nan Hoover und Anneliese Hager aber "verbindet mehr als nur biografische Analogien. Das eigene Ich ist bei ihnen weder Studienobjekt noch Denkmal, sondern Symbol für einen harten, am Ende aber erfolgreich ausgefochtenen Kampf."
Harald Schulz, Mistral, 1998
Den Mistral-Wind an der Côte d'Azur konnte Harald Schulz als DDR-Künstler erst nach der Wende kennenlernen, trotzdem wirkt sein gleichnamiges Bild, das in der Ausstellung "Brennen musst du, wenn du atmen willst" in der Galerie Art Cru hängt, auf Ingeborg Ruthe (FR) "so, als käme dieser unbändig tosende Wind ganz tief aus ihm selber, als habe er all die Landschaften, wechselnden Wetterlagen in sich. Als wäre er mit seinen Farbtöpfen im Sturzflug auf die Leinwände aufgetroffen und hätte dann mit Pinseln, Spachteln und beiden Händen in einem dionysischen und zugleich existenziellen körperlichen Akt alle Lust und allen Schmerz des Daseins, alle Schönheit, aber auch Vergänglichkeit des Irdischen auf die Bildgründe gepackt." Schulz war während seines Studiums an der Kunsthochschule Weißensee "der einzige Student der Institution, der ein Studium in Abstrakter Malerei absolvieren durfte. Obwohl er damit überhaupt nicht den ideologischen Erwartungen der Kulturpolitik der Honecker-Ära entsprach", erzählt Ruthe noch.
Katharina Grosse, "Warum drei Töne kein Dreieck bilden", 2023, Albertina Wien. Foto: Sandro E.E. Zanzinger
Katharina Grosse erobert sich ihre Ausstellungsräume mit ihren raumgreifenden Farbinstallationen, so auch bei ihrer Ausstellung "Warum drei Töne kein Dreieck bilden" in der Wiener Albertina, berichtet Nicola Kuhn im Tagesspiegel: "Der komplett weiße Raum - der dunkle Boden wurde eigens mit weißer Kunststofffolie bedeckt - flimmert in Gelb, Rot, Grün, Violett, das in weiten Bahnen mit der an einem verlängerten Arm befestigten Spritzpistole auf riesige Leinwände gesprayt wurde. Die farbigen Streifen setzen sich über den Bildrand hinaus auf einer ebenfalls weißen Folie fort, die an den Wänden den Untergrund bildet. Keine Grenze nirgends." Eigentlich toll, findet Kuhn, sie wird aber den galligen Geschmack davon nicht los, dass Grosse den viel diskutierten offenen Brief unterschrieben hat, "der am 19. Oktober in Artforum und auf der Plattform e-flux 'die Befreiung Palästinas' forderte, aber keine Worte für die Opfer der Hamas fand." So bleibt für die Kritikerin nicht nur Farbspektakel, sondern auch "eine sehr konkrete Turbulenz, welche gerade die gesamte Kunstwelt erfasst und ihre eigentlich durch Freiheit und Toleranz charakterisierten Räume zunehmend verkleinert".
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Unextractable" in der Kunsthalle Mainz, die sich afrikanischer Kunst widmet, die als Reaktion auf den Kolonialismus entstanden ist (FAZ), die Schau "Un naranja que se oscurece" von Manuel Romero in der Galerie Filiale (FAZ) und die Kunst-und-Dinner-Experience "The Glow" von Stephan Hentschel und Ralf Schmerberg in der Berliner Mahalla (Berliner Zeitung).
Am heutigen Donnerstag lädt das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Berlin zum 25-jährigen Jubiläum der Washingtoner Erklärung ein, aber noch immer hängt in deutschen Museen und in privaten Villen Raubgut, konstatiert Tobias Timm, der in der Zeit nicht viel Grund zum Feiern sieht. Denn "die Washingtoner Erklärung war rechtlich nie bindend. Private Sammler müssen Naziraubkunst in Deutschland wegen der hier geltenden Verjährungsfristen nicht herausgeben. Selbst dann nicht, wenn ihre Eltern oder Großeltern beim Kunstkauf bewusst die Not jüdischer Menschen ausgenutzt haben. In Deutschland sollte eine 'Handreichung' der Bundesregierung dafür sorgen, dass sich zumindest die öffentlichen Museen an die Washingtoner Vereinbarung halten. Doch weigern sich manche große Museen - wie etwa die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen im Fall des Picasso-Gemäldes Madame Soler - noch immer, zumindest die Beratende Kommission NS-Raubgut anzurufen. Diese Kommission gibt in strittigen Fällen eine Empfehlung ab, auch die ist bisher allerdings rechtlich nicht bindend. Und nur wenn beide Seiten, Anspruchsteller und Museen, zustimmen, darf die Kommission überhaupt beraten. In den vergangenen 20 Jahren hat sie gerade einmal 23 Fälle entscheiden können." "Dürftig" nennt auch Nicola Kuhn im Tagesspiegel das Ergebnis der letzten 25 Jahre.
Statt Fakten Bekenntnisse, statt politischer Perspektiven persönliche Verantwortung - nie war der Kulturkampf im progressiven Lager größer als mit Blick auf den Nahostkonflikt, meint Hanno Rauterberg angesichts aberkannter Preise oder abgesagter Ausstellungen in der Zeit: "Insbesondere im kulturellen Milieu, das jetzt die Nahost-Debatten in offenen Briefen vorantreibt, gibt es eine erkennbare Neigung, das eigene Leben als permanente Gewissensprüfung zu verstehen: Die MeToo-, die Gender-, die Rassismus-, auch die Klimadiskussionen, sie alle tendieren dazu, das Private zu politisieren." Dabei braucht es "die Kultur als Freiraum, für das Unentschiedene und auch fürs Unentscheidbare. Museen, Theater, Bibliotheken müssen auch scharfe Gegensätze ertragen, im Rahmen einer allein juristisch, nicht staatlich eingegrenzten Meinungs- und Kunstfreiheit. Wenn aber ein Metadiskurs wie der über den Nahostkonflikt primär von einem Drang zur Ambiguitätsreduktion getrieben wird, lässt das für alle anderen Fragen, auch für die ästhetischen Diskurse, nichts Gutes hoffen."
Außerdem: In der Berliner Zeitungfragt Ingeborg Ruthe, weshalb Turner-Preisträger Jesse Darling zwar eine palästinensische Flagge hervorzog, aber kein einziges Wort über die Verbrechen der Hamas-Terroristen gegen Israel und die eigene Bevölkerung verlor: "Warum nur ist auch derart engagierte Kunst auf einem Auge blind?" In der FAZ kommentiert Eva Lapido: "Die Tatsache, dass Jesse Darling nicht allen als Favorit galt und dass die Times seine Installation als mit Abstand schwächsten Beitrag 'ohne visuelle Wirkung' bezeichnet hat, hilft dem Ruf des Preises gewiss nicht." Für den Guardian hat Charlotte Higgins mit Darling gesprochen. Auf Hyperallergicporträtiert Mekka Boyle den in Jerusalem lebenden 76-jährigen palästinensischen Künstler Sliman Mansour, der die Geschichte der Palästinenser in Gemälden und Skulpturen festhält.
Teresa Feodorowna Ries: "Hexe bei der Walpurgisnacht", 1895. Foto: Birgit und Peter Kainz, Wien Museum Olga Kronsteiner und Katharina Rustler rekonstruieren im Standard den Lebensweg der Künstlerin Teresa Feodorowna Ries, deren Statue "Hexe bei der Toilette für die Walpurgisnacht" demnächst im Wien-Museum ausgestellt wird. Ihr "jedwedem Klischee von lieblicher Weiblichkeit" trotzendes Werk brachte ihr nicht nur Bewunderung ein: "Eine Künstlerin, die in der 'männlichen' Disziplin ihr Talent unter Beweis stellte, galt manchen, aber bei weitem nicht allen Zeitgenossen als Affront. 'Als ich am Firnistage in die Ausstellungshalle kam, wurde ich gleich beim Eingang von Kollegen stürmisch begrüßt', erinnerte sie sich in ihrer 1928 publizierten Autobiografie. 'Irgendjemand nannte dabei laut meinen Namen, und im selben Moment erscholl von der Stiege, die in den Saal hinaufführte, eine donnernde Stimme: 'Das ist die Ries?! Man sollte ihr den Eintritt verbieten. Wie kann sie sich unterstehen, aus einem edlen Marmor eine so scheußliche Fratze zu machen?!''"
Der in Berlin lebende britische Künstler Jesse Darling wurde mit dem Turner-Preis ausgezeichnet, meldet Lanre Bakare im Guardian: Nach der Preisverleihung "zog Darling eine palästinensische Flagge aus seiner Tasche. Als wir ihn später fragten, warum, erklärte er: 'Weil dort ein Genozid geschieht und ich wollte dazu etwas in der BBC sagen.'"
Weitere Artikel: Rose-Maria Gropp bespricht in der FAZUwe Flecklers Roman "Im Schatten der Blauen Pferde", der sich um das berühmte verschollene Gemälde Franz Marcs ("Turm der blauen Pferde") annimmt. In England heißt, weil sonst die Etikette verletzt wäre, die Queen's Gallery nun King's Gallery, weiß unter anderem Monopol. Der Kunstsammler Rafael Jablonka hat die in seinem Besitz befindlichen Werke aus der Wiener Albertina abgezogen, berichtet der Standard. Caspar David Friedrichs Skizzenbuch wurde in die offizielle Liste der national wertvollen Kulturgüter aufgenommen und kann deshalb nicht außerhalb Deutschlands verkauft werden, meldet Annegret Erhard in der Welt. Emil Noldes Gemälde "Palmen" wird versteigert, weiß Marcus Woeller, ebenfalls in der Welt.
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Sebastian M. Spitra: Kolonialismus und Recht Rechtsordnungen stehen heute unter Druck. Die globalen Krisen der Gegenwart bilden schwerwiegende Herausforderungen für eine normenbasierte Ordnung der Welt mit einer langen…
Amos Oz, Fania Oz-Salzberger: Worte Herausgegeben von Fania Oz-Salzberger und Gafnit Lasri Kokia. Mit einem Vorwort bon Fania Oz-Salzberger. Aus dem Hebräischen von Jan Eike Dunkhase. "Die Rechnung ist noch…
Yevgenia Belorusets: Zündhölzer Mit einem Nachwort von Katja Petrowskaja. Aus dem Russischen von Claudia Dathe. Ein Keller in den von Russland besetzten Gebieten in der Ukraine. Von irgendwoher tönen Stimmen…
Linea Maja Ernst: Fast Abend, immer noch hell Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. An der Uni waren Sylvia und ihre Freunde unzertrennlich, jetzt haben sie Jobs, Beziehungen, manche sogar Kinder. Doch eine Sommerwoche…
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