Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.02.2023 - Bühne

Fünf Tage nach der Hundekot-Attacke des Ballettdirektors Marco Goecke auf eine Journalistin hat das Niedersächsische Staatstheater Hannover seinen Vertrag mit dem Choreografen "im gegenseitigen Einverständnis mit sofortiger Wirkung aufgelöst", melden der Tagesspiegel und andere Zeitungen. Zweifelhaft findet Jan Fischer in der nachtkritik allerdings die Begründung der Intendantin Laura Berman, die viel Verständnis für Goecke zeigte: "Hier wird ein eigenartiges Verständnis von Kunst und ihrer Autonomie sichtbar: Man möchte nur genehme Kritik lesen, die ins eigene Verständnis davon passt. ... Obendrein wird hier ein seltsames Selbstbild der Theaterleute sichtbar, die sich im Angesicht der Kritik als gänzlich ausgeliefert empfinden. Richtig ist, dass Kritik immer auf Respekt gegenüber den Macher*innen und ihren Werken gegründet sein und niemanden persönlich angreifen sollte. Allerdings gilt es auch, schlecht Gemachtes als solches zu benennen und vom Sockel seiner eigenen Bedeutsamkeit zu stoßen. Auch das ist Teil des Respekts. Gegenüber dem Mit-Publikum und den wertvollen Kunstwerken." Kritiken, erinnert Fischer, sind eben keine "Werbeveranstaltung für gestresste Ballettdirektoren oder verlängerte Arme der Theater-PR-Abteilungen".

Weiteres: Im Interview mit dem Standard spricht Autor Fiston Mwanza Mujila über sein Stück "Après les Alpes", das heute zusammen mit Jelineks Gebirgsdrama "In den Alpen" am Volkstheater Wien Premiere hat, und über Kolonialismus. Besprochen werden die Uraufführung von Anna Gschnitzer "Fanes" mit Musicbanda Franui und in der Regie von Cilli Drexel am Theater Bozen (nachtkritik), Peter Eötvös' Musiktheaterstück "Der goldene Drache" am Theater an der Wien (nmz) und Yalaz Çavuşoğlus "Ich chan es Zündhölzli azünde" im Schauspielhaus Zürich (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.02.2023 - Bühne

Der Berliner Volksbühne droht wieder mal eine Besetzung durch das "queerfeministische" Kollektiv "Staub zu Glitzer", berichtet Jakob Hayner in der Welt. "Erst waren es nur Gerüchte, inzwischen gibt es eine Internetseite für das Projekt: 611.200 Euro will das 'queerfeministische Künstler*innenkollektiv Staub zu Glitzer' per Crowdfunding eintreiben, um die Kosten einer polizeilichen Räumung aufzufangen. Stand Mittwochmorgen sind es allerdings nur sieben Unterstützer und 275 Euro. Doch es geht nicht allein ums Geld." Interessant wird die Sache, weil Intendant Rene Pollesch mal ein Fan des Kollektivs war, das schon Chris Dercon und Klaus Dörr zusetzte. Diesmal will er lieber die Polizei rufen. Eine Idee für ein neues Theater haben beide Seiten nicht. "Die politische Seite ist: Pollesch und 'Staub zu Glitzer' teilten die Vision einer radikaldemokratischen Volksbühne. Keine Intendanz, dafür Kollektiv oder Plattform. Pollesch kündigte eine 'totale Erneuerung des Theaters' an. Doch das wurde schwerer als gedacht. Statt die Probleme klar zu benennen, wurde sich durchgemogelt. Die radikalen Parolen blieben, doch es fehlt merklich die Überzeugung, mehr als ein paar Gesten guten Willens folgen zu lassen. Selbst jetzt heißt es, man freue sich auch über eine Opposition wie 'Staub zu Glitzer'. Schwer zu glauben."

Szene aus der "Götterdämmerung in Stuttgart. Foto: Matthias Baus


Judith von Sternburg durchleidet tapfer für die FR Marco Štormans Inszenierung der "Götterdämmerung" an der Staatsoper Stuttgart samt Winnetou, Karl May und den Illustrator Sascha Schneider: "Vieles bleibt rätselhaft, aber es ist nicht die Art von Rätsel, bei der man auf eine Lösung hofft und ihr entgegenbebt. Es gibt auch keine Lösung, aber ein schräges Happyend, bei dem zur nicht übermäßig zündenden Schlussmusik Siegfried und Brünnhilde auf einem Einhorn davonrollen. Hagen wird von der Weltesche erschlagen. Die obligatorischen niedlichen Kinder kommen auf die Bühne, suchen und finden den Ring, finden möglicherweise sogar viele Ringe, so dass wir noch kurz an der Ring-Parabel entlangstreifen könnten. Das klingt vielleicht übertrieben, aber selbst Hartgesottene können allmählich auf den Gedanken kommen, dass die 'Ring'-Produktion in die Krise geraten ist und dringend einen Impuls bräuchte."

Weiteres: Georg Kasch lobt in der nachtkritik queeres Theater. Besprochen wird Kathrin Mayrs Inszenierung von Bölls "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" an der Berliner Vagantenbühne (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.02.2023 - Bühne

Die Wellen, die der Eklat von Hannover geschlagen hat, ebben allmählich ab: Der Standard meldet, dass sich Hannovers suspendierter Ballettchef Marco Goecke nach seinen ersten flapsigen Worten inzwischen etwas ernsthafter bei der attackierten Kritikerin Wiebke Hüster entschuldigt hat. FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube findet Goeckes Entschuldigung für seinen angriff auf Hüster (die laut Wikipedia Kaubes Frau ist) nicht glaubhaft. In der FR bedauert Sylvia Staude, dass und wie Marco Goecke seine Karriere selbst zerstört hat. In der NZZ sinniert Paul Jandl über Narzissmus, Kränkung und all die anderen unguten Dynamiken, die immer am Theater walten: "Der Regisseur versucht mit seiner Arbeit Darsteller und Publikum zu manipulieren. Dafür muss er zwar ein Menschenkenner sein, ist aber vor seinen eigenen blinden Flecken nicht geschützt. Eine toxische Mischung, die im Fall Goecke gerade öffentlich sichtbar wird. Was im Inneren der Theater geschieht, bleibt oft unsichtbar, hat aber die gleichen Quellen. Demütigungen sind an der Tagesordnung, und wer die Geschichten über die alten Recken der Regie kennt, hat auch die Blaupause für das, was sich heute noch tut. Peter Zadek hat seine Schauspieler bei der Arbeit so sehr erniedrigt, dass dem Burgtheater-Ensemblemitglied Ignaz Kirchner einmal der Kragen platzte: 'Ich bin so froh, dass ich mit dir als Regisseur arbeiten darf. Wenn du nicht Regisseur wärst, dann wärst du vielleicht Psychiater. Und das wäre furchtbar. Deine Patienten würden jeden Tag Elektroschocks kriegen.'"

FAZ-Kritikerin Irene Bazinger besucht die Proben zu Jonathan Meeses neuem Stück an der Volksbühne: Die Suche nach der "Monosau" führt sie natürlich zu der einzelnen Kraft, um die sich alles dreht und die auch die Sonne sein könnte, aber wohl eher nicht ist: "Vibrierend von mimetischer Energie steigt Martin Wuttke später mit einem wirren Monolog hinaus auf den Laufsteg. Er verehrt Meese, und Meese verehrt ihn, und Grenzen interessieren beide nicht."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.02.2023 - Bühne

Der Eklat von Hannover schlägt seine Wellen. Die Oper Hannover hat Ballettchef Marco Goecke nach der Hundekot-Attacke auf die FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster erst einmal suspendiert. "Dass jemand, der Menschen mit Scheiße beschmiert, um sich zu rächen, von einer Staatsoper weiter geduldet werden kann, war kaum vorstellbar", hält Benno Schirrmeister in der taz fest, der dies allerdings auch bedauert, weil er Goeckes Arbeiten - im Gegensatz zu Hüster - "immer gut, oft sensationell" fand: "Offenkundig, dass Hüster Goeckes Ideen und Stil abgelehnt hat. Immer wieder. Wer ihre Kritiken von Goeckes Arbeiten liest, wird verstehen, dass sie als persönliche Angriffe interpretiert werden können: Was der Wert einer Kritik ist, die mechanisch eine Ablehnung wiederholt, darüber hätte man vor dem Attentat diskutieren können. Und sich fragen, ob in den Verrissen ein echter Vernichtungswille mitschwingt. So hat Goecke ihn verwirklicht: Der Mann hat sich selbst zerstört."

In der SZ fragt Christine Dössel, woher die spürbar gewachsene Verachtung für die Kritik in der Kunstszene rühre, die auch von Regisseurinnen wie Karin Beier geäußert wurde. Liegt es an der schwindenen Relevanz des Feuilletons? "Das geschwächte Renommee ist das eine - auf einen schwachen Gegner blickt man herab und haut man leichter drauf -, die zunehmende Selbstdarstellung der Bühnen im Internet und in den digitalen Medien das andere. Die Dramaturgen stellen ihre Stückinformationen, Einführungsvorträge und Selbstwahrnehmungen online und kommunizieren direkt mit ihren Zuschauern - wer braucht noch Kritiker? Das auf Achtsamkeit und Diversität hohen Wert legende Gegenwartstheater tendiert ohnehin immer mehr Richtung Befindlichkeitspflege und empfindet Kritik als per se übergriffig. Also die negative. Denn gut besprochen, vorgestellt und bejubelt werden wollen sie ja doch alle."

In der NZZ bilanziert Paul Jandl das gereizte Verhältnis zwischen Kunst und Kritik von Goethe ("Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent") bis Käthe Dorsch ("Ich finde es an der Zeit, dass Sie etwas auf Ihr ungewaschenes Maul bekommen."). Im Tagesspiegel zeigt sich Rüdiger Schaper im Nachhinein erleichtert, dass er selbst vor zwanzig Jahren von einem wütenden Schauspieler nur mit Weißwein übergossen wurde: "Die Sitten werden härter."

Für Standard-Kritiker Ronald Pohl war der Kritiker stets der arme Vetter am reich gedeckten Tisch der Künste: "Eine lächerliche, durchaus von Aggressionsbereitschaft kündende Tat wie der Hannoveraner Kotangriff belegt das allseits schlechte Gewissen. Die Bühnen, an die gehätschelte Vorliebe für die eigenen Tics und Schrullen gewöhnt, sehen sich massiv mit Publikumsschwund konfrontiert." In der Welt sieht Jan Küveler einen systemischen Gegensatz mit Versehrten auf beiden Seiten: "Im Gegensatz zur mehrheitlich privatwirtschaftlich strukturierten Kritik, die in Zeiten umfassender Messbarkeit auch ihren ökonomischen Wert beweisen soll, lassen es sich Regisseure, Schauspieler und Intendanten in üppig subventionierten Blasen gut gehen. Dabei übertünchen sie den durchaus auch von ihnen selbst wahrgenommenen gesellschaftlichen Bedeutungsverlust durch gegenseitige Lobhudelei und zunehmende Arroganz gegenüber den spärlicher werdenden Vertretern der zunehmend desinteressierten Öffentlichkeit." Weitere Artikel in Berliner Zeitung, ZeitOnline und Nachtkritik.

Besprochen werden Schillers "Wilhelm Tell" in Düsseldorf (SZ), Brechts "Guter Mensch von Sezuan", mit dem das Nationaltheater Mannheim seine neue Spielstätte in einem alten Kino der US-Army eröffnet (FAZ), Thomas Arzts Stück "Wunsch und Widerstand" in Bregenz (Standard) und der Tanzabend  "Kosmos - schwerelos" in Mannheim (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.02.2023 - Bühne

Rieseneklat in Hannover. Wie die FAZ selbst berichtet, hat Ballettchef Marco Goecke die Tanzkritikerin Wiebke Hüster bei der Premiere des Balletts "Glaube, Liebe, Hoffnung" angegriffen und mit Hundedreck beworfen: "Offenbar provoziert durch ihre Rezension seines Den Haager Ballettabends 'In the Dutch Mountains', drohte er ihr zunächst ein 'Hausverbot' an und warf ihr vor, für Abonnementskündigungen in Hannover verantwortlich zu sein. Immer stärker außer Fassung geratend, wurde Goecke schließlich handgreiflich: Er zog eine Papiertüte mit Tierkot hervor und traktierte das Gesicht unserer Tanzkritikerin mit dem Inhalt. Danach konnte er durch das dicht besuchte Foyer ungehindert seiner Wege gehen." Die FAZ ist außer sich vor Wut: "Die bewusste Herabsetzung und Erniedrigung, die aus der vorbereiteten Exkrementen-Attacke hervorgeht, nehmen wir sehr ernst. Sie zeugt vom fatalen Selbstverständnis einer Persönlichkeit in hoch subventionierter Leitungsfunktion, die meint, über alle kritische Beurteilung erhaben zu sein und ihr gegenüber im Zweifelsfall auch Gewalt anwenden zu dürfen." Erinnerungen werden wach an die berühmte Spiralblock-Affäre, in der ein Schauspieler in Frankfurt dem Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier den Spiralblock entriss und hinterher Oberbürgermeisterin Petra Roth höchstselbst sich entschuldigen musste. Die FAZ erinnert auch daran, dass Karin Beier zuletzt erklärt hatte, Kritik klebe wie "Scheiße am Ärmel" (hier im DlfKultur).

Die Staatsoper Hannover hat sich bereits bei Hüster entschuldigt, versichert in ihrer Pressemitteilung aber auch, "ein offener Ort des respektvollen Miteinanders und Austausches" zu sein. Und: "Wir sind der Meinung, dass nun Ruhe und Sorgfalt geboten sind. Wir werden die arbeitsrechtlichen Schritte gegenüber Ballettdirektor Marco Goecke prüfen, gemeinsam beraten und dann in dieser internen Personalsache agieren."

Hebbels "Nibelungen". Foto: Candy Welz / Nationaltheater Weimar


So einen Theaterabend hat Nachtkritiker Matthias Schmidt lange nicht erlebt wie Hasko Webers Inszenierung von Friedrich Hebbels Trauerspiel der "Nibelungen" am Nationaltheater Weimar. Hochkonzentriert und komplex: "Schritt für Schritt macht er diese Geschichte nachvollziehbar, nichts lenkt von ihr ab. Keine vordergründigen Aktualisierungen, keine Fremdtexte, keine Videoschnipsel, keine Kampf-Choreografien. Perfekte drei Stunden, die den Regisseur kaum spüren lassen, die weder in den eigenen Ideen schwelgen noch plakativ mit einer Botschaft wedeln. In denen das Ensemble souverän arbeitet. Auf den ersten Blick ist alles ganz der Stoff. Auf den zweiten, man muss es nur bemerken wollen, betont Hasko Weber sehr wohl genau die Momente daraus, die ins Heute weisen. Nichts wird ausgesprochen, aber alles gesagt. In einem Raum, der ausgestorben schien: zwischen den Zeilen. Ein Hochgenuss zu erleben, dass er noch lebt und nicht mit dem DDR-Theater untergegangen ist."

Weiteres: Am Schauspiel Leipzig hat es gekracht, nachdem Intendant Enrico Lübbe einer Schauspielerin den Vertrag nicht verlängert hatte, berichtet Christiane Lutz in der SZ. Es gab Belegschaftsversammlungen, Hausverbote und Kündigungen. In einem zweiten Text betont Peter Laudenbach das gute Recht einer Intendanz, nicht mehr mit KünstlerInnen zusammenarbeiten zu wollen, aber auch die Brutalität einer Praxis, die auf Jahresverträge setzt, um Festanstellungen zu verhindern.

Besprochen werden Roger Vontobels Inszenierung von Schillers "Wilhelm Tell" in Düsseldorf (die Nachtkritiker Sascha Westphal zufolge vor allem Tells Hybris herausarbeitet), Charlotte Sprengers Inszenierung von Bertolt Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" am Nationaltheater Mannheim (SZ), Benjamin Brittens Oper "Sommernachtstraum" im Stadttheater Gießen (FR) und Thomas Arzts Stück "Wunsch und Widerstand" über den Juristen und Holocaust-Überlebenden Max Riccabona am Vorarlberger Landestheater (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.02.2023 - Bühne

Im großen SZ-Gespräch mit Christine Dössel überlegt Harald Schmidt, der aktuell mit seinem Programm "Spielzeitanalyse" im Stuttgarter Schauspiel zu sehen ist, wie sich die Theater wieder füllen könnten: "Ich bin da wirklich unsentimental und würde sagen: Machen wir Broadway, machen wir Westend. Es heißt nicht von ungefähr 'Show-Business': Ich muss die Plätze verkaufen, sonst ist die Bude dicht. Das habe ich oft am Theater erlebt: 20 Prozent Platzausnutzung, und man sagte, wir sind zu radikal für diese Spießer. Dabei war es einfach nur stinklangweilig. Die viel beschimpften Abonnenten kommen ja meistens sogar noch. Aber die will man nicht mehr. Frage ich immer: Habt ihr denn neue?"

Außerdem: Berlin will Gesellschafterin der Berliner-Ensemble-gGmbH werden, meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung: "Der bisherige Alleingesellschafter war seit seiner Amtsübernahme 2017 Oliver Reese. Diesem wird das eingelegte Stammkapital von 50.000 Euro ausgezahlt, das er sich nach eigenen Angaben zur Hälfte von seinem Vater geborgt hatte, um es Claus Peymann, dem Vorgänger im Intendanten-Amt, überweisen zu können."

Besprochen werden Katja Langenbachs Inszenierung von Henrik Ibsens "Die Stützen der Gesellschaft" am Theater Luzern (nachtkritik), Josua Rösings Inszenierung von Heiner Müllers "Wolokolamsker Chaussee I - V (nachtkritik), Reinhard Fries' Inszenierung von Ödön von Horvaths "Kasimir und Karoline" am Theater Hof in Berlin (nachtkritik), Samuel Feldhandlers Tanzstück "Georges tremble" im Tanzquartier Wien (Standard), das Stück "Lying to Myself in Bed" vom Duo neco_nart in den Landungsbrücken Frankfurt (FR), Christiane Jatahys "Depois do silêncio (Nach der Stille)" nach dem Erstlingswerk des brasilianischen Schriftstellers Itamar Vieira Júnior in der Zürcher Schiffbau-Box (NZZ), Bernhard Langs Oper "Hiob" nach Joseph Roth am Klagenfurter Stadttheater (FAZ) und Marco Goeckes Ballettabend "In the Dutch Mountains" mit dem Nederlands Dans Theater (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.02.2023 - Bühne

Peter von Becker schreibt im Tagesspiegel zum 80. Geburtstag des Theatermachers Frank-Patrick Steckel. Robert Matthies unterhält sich für die taz mit Festivalleiterin Stephanie Wedekind über die 38. Göttinger Figurentheatertage.

Besprochen werden die Uraufführung von Ivana Sokolas "Pirsch" am Deutschen Theater in Göttingen (taz), die Performance "Oder doch?" der Berliner Kompanie Raum 305 beim Figurentheater-Festival "Imaginale" in Stuttgart (nachtkritik) und Dragana Buluts Performance  "Beyond Love" im Hebbel am Ufer (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.02.2023 - Bühne

In der nachtkritik beschreibt Martin Thomas Pesl das neue Besetzungskarusell in Wien. In der taz kritisiert Caspar Shaller die Nichtverlängerung des Vertrags von Benjamin von Blomberg und Nicolas Stemann am Schauspielhaus Zürich als "groben Schnitzer". Im Van Magazin beschreibt Merle Krafeld in einem sehr ausführlichen Artikel Audiodeskription als neue Kunstform für die Bühne. Und in der Zeit erinnern sich Sven-Eric Bechtolf, Daniel Barenboim und Claus Peymann an den verstorbenen Theatermann Jürgen Flimm.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.02.2023 - Bühne

Man könne Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg nicht vorwerfen, in Zürich nur "wokes" Theater gemacht zu haben, befindet Jakob Hayner in der Welt (siehe unser gestriges Efeu), Stücke und Regiestile waren durchaus vielseitig. Dennoch haben sie eine Atmosphäre geschaffen, in der man sich von oben herab zur Wokeness verdonnert fühlte: "Das große Problem ist, wie kommuniziert wurde. Menschen reagieren allergisch auf bevormundende Sprache. Es braucht keine Triggerwarnung vor 'Wilhelm Tell'. Dass dort 'Gewalt und Waffen' vorkommen, weiß man und will nicht wie ein Kind behandelt werden. Ein kürzlich anberaumter 'Publikumsgipfel' zeigte die Entfremdung zwischen Publikum und Theater. Die Pressemitteilung zum Ende der Intendanz ist auch verunglückte Kommunikation. Dort heißt es: 'Die Öffnung des Theaters rund um die Themen Diversität und Inklusion, Nachhaltigkeit sowie die Erweiterung eines entschieden künstlerischen Theaterbegriffs sind in unseren Augen alternativlos.' Das sagen die Theatermacher, die zahlreiche wütende Abende gegen das neoliberale Managementunwort 'alternativlos' gemacht haben."

Weiteres: Die Welt bringt Erinnerungen an Jürgen Flimm, den Anfang machen Michael Frank und Hartmut Palmer.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.02.2023 - Bühne

Ein Skandal sei es nicht, das Zürich seinen Schauspielhaus-Intendanten Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg den Vertrag nicht verlängert, hält Peter Laudenbach in der SZ fest, erinnert aber auch daran, dass schon Christoph Marthaler und Peter Stein aus Zürich verjagt wurden: "Der Vorwurf der NZZ, Stemann und von Blomberg hätten das Theater ideologisiert ('Die Botschaft stand zu oft über der künstlerischen Umsetzung'), klingt dabei selbst etwas ideologisch. Es wirkt, als sei das Theater Opfer eines Stellvertreterkrieges zwischen einer identitätspolitischen Linken und Freunden tradierter Privilegien geworden. Mit ihrer etwas penetranten politischen Selbstpositionierung haben die Intendanten das ihre zu diesen Grabenkämpfen beigetragen." In der Nachtkritik räumt Valeria Heintges ein, dass Steman und Blomberg nicht nur mit Diversität und Peppigkeit das Publikum vor den Kopf gestoßen haben: "Auch Freunde guten Schauspielertheaters in großen Inszenierungen kamen immer weniger auf ihre Kosten. Halb coronabedingt, halb aus Überzeugung gab es kaum noch Arbeiten mit großer Besetzung. Im Gegenteil: Co-Intendant Stemann verfolgte seine Linie, große Werke wie 'Besuch der alten Dame' oder 'Ödipus' auf zwei Schauspieler:innen einzudampfen. Das Ergebnis überzeugte ästhetisch. Aber insgesamt war das Angebot unausgewogen, zu viel Anspruch, zu viel Moral, zu wenig Humor und Lust am Sprechtheater."

Powersoran: Inga Kalnas in Donizettis "Roberto Devereux. Foto: T+T Fotografie / Oper Zürich

Wohlgefallen findet bei NZZ-Kritiker Christian Wildhagen ganz eindeutig Donizettis Tudor-Oper "Roberto Devereux", die David Alden in Zürich ziemlich vom Ende her als packendes Drama einer alternden Königin Elisabeth I. erzähle: "Wieder einmal hat die Queen einen ihrer Günstlinge der Staatsräson opfern müssen - business as usual, denkt man noch, während das Orchestervorspiel mit bittersüßer Ironie eine Variation über 'God save our gracious Queen' anklingen lässt. Doch zack! Da fahren schon wieder diese Axtschläge dazwischen, von der Philharmonia Zürich unter dem Dirigenten Enrique Mazzola messerscharf exekutiert. Plötzlich ahnt man: Das Leben dieser Königin muss ein einziger Kampf, ein Schlachten und fortwährendes Intrigieren gewesen sein. Das letzte Opfer in dieser langen Reihe gibt ihr nun den Rest. " In der FAZ ist Werner Grimmel hingerissen von den beiden Hauptpartien: "Inga Kalnas warm grundierter Powersopran verfügt über alle Farben für Elisabettas emotionale Achterbahnfahrt. Selbst dort, wo sie ihre Wut herausschreit und Prozessakten dazu theatralisch auf den Boden knallt, bleibt sie dem Ideal des Singens verpflichtet. Messerscharf treffen ihre Spitzentöne. Gehässigkeit schafft sich Luft in erdig tiefen, fast ordinär ausartenden Passagen. Doch auch Verletztheit vermag Kalna anrührend leise zu artikulieren. Als selbstherrlicher Titelheld Roberto beeindruckt Stephen Costello mit geschmeidig stabilem Tenor - ein windiger Hasardeur, der seinen Einfluss überschätzt und sich am Ende verzockt. Mit souverän dosierter Dynamik und betörenden Kantilenen weiß er Elisabettas Vertraute Sara zu verführen.

Weiteres: Der Standard resümiert ein Interview des Senders Ö1, in dem Burgtheater-Chef Martin Kusej sein Agieren im Fall Florian Teichtmeister erklärt. In der Berliner Zeitung fragt Ulrich Seidler, wer sich solchen Quatsch ausdenkt: Ein Kulturzentrum im niederländischen Groningen hat die Aufführung von Samuel Becketts "Warten auf Godot" untersagt, weil zum Casting nur Männer eingeladen wurden. Im Streit um die Auftritte von putinnahen KünstlerInnen wie Anna Netrebko zeigt sich Harry Nutt genervt von wohlfeilen Phrasen über die verbindende Kraft der Kultur (oder des Sports). Michael Bartsch erzählt in der taz, wie die migrantischen Bürgerbühne "Thespis" in Bautzen mit ukrainischen Kindern arbeitet.

Besprochen werden die feministisch grundierte "Woyzeck"-Inszenierung von Kollektiv Glossy Pain am Theater an der Ruhr (SZ) und Verdis "La Traviata" in Darmstadt (FR).