Der
Eklat von Hannover schlägt seine Wellen. Die Oper Hannover hat Ballettchef
Marco Goecke nach der Hundekot-Attacke auf die
FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster erst einmal suspendiert. "Dass jemand, der
Menschen mit Scheiße beschmiert, um sich zu rächen, von einer Staatsoper weiter geduldet werden kann, war kaum vorstellbar",
hält Benno Schirrmeister in der
taz fest, der dies allerdings auch bedauert, weil er Goeckes Arbeiten - im Gegensatz zu Hüster - "immer gut, oft sensationell" fand: "Offenkundig, dass Hüster Goeckes Ideen und Stil abgelehnt hat. Immer wieder. Wer ihre Kritiken von Goeckes Arbeiten liest, wird verstehen, dass sie als persönliche Angriffe interpretiert werden können: Was der Wert einer Kritik ist, die mechanisch eine Ablehnung wiederholt, darüber hätte man vor dem Attentat diskutieren können. Und sich fragen, ob in den Verrissen ein
echter Vernichtungswille mitschwingt. So hat Goecke ihn verwirklicht: Der Mann hat sich selbst zerstört."
In der
SZ fragt Christine Dössel, woher die spürbar gewachsene
Verachtung für die Kritik in der Kunstszene rühre, die auch von Regisseurinnen wie
Karin Beier geäußert wurde. Liegt es an der schwindenen Relevanz des Feuilletons? "Das geschwächte Renommee ist das eine - auf einen
schwachen Gegner blickt man herab und haut man leichter drauf -, die zunehmende Selbstdarstellung der Bühnen im Internet und in den digitalen Medien das andere. Die Dramaturgen stellen ihre Stückinformationen, Einführungsvorträge und Selbstwahrnehmungen online und kommunizieren direkt mit ihren Zuschauern - wer braucht noch Kritiker? Das auf Achtsamkeit und Diversität hohen Wert legende Gegenwartstheater tendiert ohnehin immer mehr Richtung
Befindlichkeitspflege und empfindet Kritik als
per se übergriffig. Also die negative. Denn gut besprochen,
vorgestellt und bejubelt werden wollen sie ja doch alle."
In der
NZZ bilanziert Paul Jandl das gereizte Verhältnis zwischen Kunst und Kritik von
Goethe ("Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent") bis
Käthe Dorsch ("Ich finde es an der Zeit, dass Sie etwas auf Ihr ungewaschenes Maul bekommen."). Im
Tagesspiegel zeigt sich Rüdiger Schaper im Nachhinein erleichtert, dass er selbst vor zwanzig Jahren von einem wütenden Schauspieler nur
mit Weißwein übergossen wurde: "Die Sitten werden härter."
Für
Standard-Kritiker Ronald Pohl
war der Kritiker stets der
arme Vetter am reich gedeckten Tisch der Künste: "Eine lächerliche, durchaus von Aggressionsbereitschaft kündende Tat wie der Hannoveraner Kotangriff belegt das
allseits schlechte Gewissen. Die Bühnen, an die gehätschelte Vorliebe für die eigenen Tics und Schrullen gewöhnt, sehen sich massiv mit Publikumsschwund konfrontiert." In der
Welt sieht Jan Küveler einen systemischen Gegensatz mit Versehrten auf beiden Seiten: "Im Gegensatz zur mehrheitlich
privatwirtschaftlich strukturierten Kritik, die in Zeiten umfassender Messbarkeit auch ihren
ökonomischen Wert beweisen soll, lassen es sich Regisseure, Schauspieler und Intendanten in
üppig subventionierten Blasen gut gehen. Dabei übertünchen sie den durchaus auch von ihnen selbst wahrgenommenen
gesellschaftlichen Bedeutungsverlust durch gegenseitige Lobhudelei und zunehmende Arroganz gegenüber den spärlicher werdenden Vertretern der zunehmend
desinteressierten Öffentlichkeit." Weitere Artikel in
Berliner Zeitung,
ZeitOnline und
Nachtkritik.
Besprochen werden
Schillers "Wilhelm Tell" in Düsseldorf (
SZ),
Brechts "Guter Mensch von Sezuan", mit dem das Nationaltheater Mannheim seine neue Spielstätte in einem alten Kino der US-Army eröffnet (
FAZ),
Thomas Arzts Stück "Wunsch und Widerstand" in Bregenz (
Standard) und der Tanzabend "Kosmos - schwerelos" in Mannheim (
FR).