Sabine Seifert berichtet für die taz von der Problematik, mit der sich die Karl-May-Szene konfrontiert sieht: Stereotype Darstellungen und Diskussionen um kulturelle Aneignung werfen viele Fragen auf. Ein Anfang ist gemacht, findet Seifert: "Fragen stellen, sich beraten lassen. Das heißt aber, dem Rat auch zu folgen. Fronten und Empfindlichkeiten klären. Das Karl-May-Museum und die kleinste der Karl-May-Bühnen haben Bereitschaft signalisiert. Aber reicht die Bereitschaft, Karl May zu entrümpeln, um seine Geschichten mit Respekt für das Schicksal der First Nations auf die Bühne und unter die Leute zu bringen?"
Sollen die Theater ihre Ferien flexibler gestalten?, fragt Christiane Lutz in der SZ im Gespräch mit Akteuren des Theaterbetriebs: "Ist es eigentlich sinnvoll, dass alle Stadt-, Staatstheater und alle Opernhäuser in einem Bundesland gleichzeitig sechs lange Wochen am Stück Sommerpause machen? Vorhang runter, wir sehen uns im Herbst, Tschü-hüss? Oder andersrum gefragt: Wäre es nicht eine gute Idee, die Theater und Opern auch im Sommer spielen zu lassen? Um auch den Urlaubern in der Stadt was zu bieten? Und: Gehört es nicht zur Aufgabe der Theater zu spielen?", fasst sie die Position Olaf Zimmermanns zusammen, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, der daran erinnert, dass deutsche Theater immerhin in hohem Maße subventioniert werden. Ob das Angebot gerade von TouristInnen dann wirklich wahrgenommen wird, stellt die stellvertretende Intendantin des Münchner Residenztheaters, Ingrid Trobitz, in Frage: "Bei 38 Grad geht doch keiner ins Theater, es sei denn, er sucht die Klimatisierung."
Der Tagesspiegel hat eine kleine Umfrage zum Thema gemacht. Die straffen Zeitpläne des Theaters erlauben außer einer größeren Sommerpause kaum Zeit für Erholung, hält beispielsweise Christiane Peitz fest: "Auch zwischen den Jahren und rund um Ostern wird nicht pausiert. Die Freizeit der anderen ist die Hochzeit der Künste: Wer wollte ihnen da die etwas längere Pause verübeln, bis Ende August mindestens der Probenbetrieb wieder losgeht?" Rüdiger Schaper plädiert hingegen für versetzte Ferien: "Immer mehr Berliner bleiben im Sommer in der Stadt, und das wird weiter zunehmen. Wer kann, geht angenehmerweise im Winter oder in der Vorsaison auf Reisen. Was spricht dagegen, dass die Opern versetzt Ferien machen? Dass die Schauspielhäuser sich abwechseln und auch mal zu anderer Zeit pausieren?"
Von der Zusammenarbeit kleiner und großer Tanzkompanien im Rahmen der Initiative "Tanzland" der Bundeskulturstiftung berichtet Dorion Weickmann in der SZ. Sie ist von dem Projekt restlos überzeugt, wie auch der Dirigent Marcus Bosch, den sie zitiert: "Jedes Projekt, das Tanz zu den Menschen bringt, ist ein Gewinn. Wir müssen rausgehen! Nicht nur angesichts einer nachwachsenden Generation, die nicht mehr ohne Weiteres die heiligen Hallen eines Theaters betritt."
Besprochen werden das Lettische Lieder- und Tanzfest in Riga (Welt) und aus Bayreuth "Tannhäuser", der "Fliegende Holländer" (FAZ) sowie der "Ring des Nibelungen" (Standard).
Szene aus der "Götterdämmerung" in Bayreuth. Foto: Enrico Narwath
Valentin Schwarz hat noch mal an seiner Bayreuther Ring-Inszenierung gefeilt und das Ergebnis ist vielleicht manchmal etwas trivial, aber jetzt schlüssig, meint Jan Brachmann in der FAZ und antwortet Kritikern gleich auf den Vorwurf, es fehle dieser Inszenierung, die im hier und heute spielen könnte, alles Mythische. Zu fragen wäre doch: "Ist Wagner wirklich mythisch? ... Wie geht der Archaismus zusammen mit dem Parfüm Pariser Salons, das Wagner aus den Klavierstücken seines Schwiegervaters Franz Liszt importierte? Hat Wagner nicht ohnehin nur die Krise der spätbürgerlichen Familie zwischen Lustimperativen und Vertragswerken, zwischen Leistungsdruck und Krankheit, Kunstrausch und Erwerbsdruck mythisch überschminkt? Waren also die 'Buddenbrooks' nicht längst Oper, bevor sie Roman wurden?" Ein dickes Lob geht an den Dirigenten Pietari Inkinen und an die "außerordentlich schön" singenden Sänger.
In der tazgratuliert Joachim Lange Bayreuth-Chefin Katharina Wagner zu diesem Ring: "Künstlerisch riskiert Katharina Wagner eine Menge. Vom eigenwilligen Altstar (Frank Castorf) bis zum jungen, noch unbekannten Regietalent Valentin Schwarz. Dass das nicht jedem gefällt, ist klar", Lange gefiel es. "Nach dem Vorgänger-Ring von Castorf, der das Scheitern großer Utopien bildmächtig durchdekliniert hatte, bricht der Österreicher die Erzählung vom Untergang der Götterwelt beim Kampf um die Macht (für die der Ring steht) konsequent auf Menschenmaß herunter und macht daraus eine Art Familiensaga. Dabei kommen in der Ausstattung von Andrea Cozzi (Bühne) und Andy Besuch (Kostüme) zwar etliche Utensilien, die eigentlich wie der Ring (also das Gold) selbst dazugehören, abhanden. Dafür gibt es zusätzliches Personal und ein eigenes System von optischen Leitmotiven. ... Wer bereit ist, sich auf die Binnenlogik dieser Erzählung einzulassen, wird allemal spannend unterhalten."
Weiteres: Im van Magazin liefert Albrecht Selge Eindrücke aus Bayreuth. Frank Schlößer unterhält sich für die nachtkritik ausführlich mit dem Theatermacher Alejandro Quintana, der nach dem Putsch Pinochets in Chile vor fünfzig Jahren in die DDR flüchtete und dort das Teatro Lautaro in Rostock gründete. Besprochen werden noch der Salzburger "Jedermann" ("Michael Maertens ist der verhaltene Typus, womöglich sogar eine Spur befangen. Man kann das unjedermannisch und langweilig finden. Aber es hat auch etwas sehr Modernes, wie ihm eben doch nicht ganz entgangen ist, dass es auf der Welt Probleme gibt", meint in der FR Judith von Sternburg) und Dmitri Tcherniakovs Bayreuther Inszenierung des "Fliegenden Holländer" mit einem hinreißenden Michael Volle in der Hauptrolle ("Allein schon sein phänomenaler Auftrittsmonolog war atemberaubendes Wagnerglück pur!", ruft Joachim Lange in der nmz)
Jeanine De Bique als Teculihuatzin/Doña Luisa in "Indian Queen". Foto: Marco Borrelli. Ein musikalischer Triumph! Die Aufführung von Henry Purcells' letzter, unvollendeter Semi-Oper "The Indian Queen" wurde bei den Salzburger Festspielen vom Publikum euphorisch gefeiert und auch SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck ist entzückt. Zu sehen war die konzertante Fassung einer szenischen Ko-Produktion von Dirigent Teodor Currentzis und Peter Sellars, die die ursprüngliche Handlung mit einem Roman der Nicaraguanerin Rosario Aguilar überschrieben haben. Es geht um die verhängnisvolle Liebe einer Maya-Prinzessin zu einem spanischen Conquistador, lesen wir. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht Currentzis als exzentrischer "musikalischer Vorturner", so Brembeck: "Besonders der Chor begeistert mit romantischen Träumereien, packender Drastik. Natürlich ist diese Currentzis-Show eitel. Aber dieser Dirigent weiß seine Eitelkeit in den Dienst der Musik zu stellen. Der ganze Abend gelingt ihm eindringlich und zutiefst menschlich." Auch FR-Kritikerin Judith von Sternburg wird "restlos hineingezogen" in die Geschichte, was vor allem an der Protagonistin liegt: "Jeanine De Bique, eine dunkel timbrierte, den tiefen Ernst der Situation in Stimme und Spiel fassende Sopranistin, ist als Teculihuatzin der Dreh- und Angelpunkt, um sie herum ein so spielstarkes wie musikalisch starkes Ensemble." Aber: es ist auch ein Abend im "politischen Zwielicht", wie FAZ-Kritiker Jürgen Kersting betont. Politisch war Currentzis Engagement umstritten: Der Dirigent tritt parallel auch in Russland auf und hat sich bisher nie dezidiert kritisch zu Putins Regime geäußert.
Besprochen werden Valentin Schwarz' Inszenierung von Wagners "Walküre" in Bayreuth (SZ) sowie Karin Henkels Adaption von Michael Hanekes Film "Amour" und Ulrich Rasches Inszenierung von Lessings "Nathan der Weise" bei den Salzburger Festspielen (Welt).
Liebe (Amour) 2023: Christian Löber, Katharina Bach, André Jung. Foto: Matthias Horn. Alle haben Karin Henkels Adaption von Michael Hanekes oscarprämiertem Kammerspiel "Amour" bei den Salzburger Festspielen gesehen. Die Meinungen gehen auseinander: Diese "intime Bild-Etüde" über Sterbehilfe für die Bühne zu adaptieren war ein Wagnis, meinen Simon Strauß und Jürgen Kesting in der FAZ, aber es hat sich gelohnt. Henkel und Dramaturg Tobias Schuster versuchen nicht, die ganz private Perspektive des Films auf ein alterndes Ehepaar, Georges und Anne, nachzuahmen, sondern weichen an vielen Stellen vom Original ab, so die Kritiker. Als sich Annes Gesundheitszustand nach einem Schlaganfall rapide verschlechtert, muss Georges sich bald mit ihrem Wunsch zu Sterben auseinandersetzen. Besonders beeindruckt sind die Kritiker von Henkels Idee, im Stück Betroffene mit ähnlichen Erfahrungen zu Wort kommen zu lassen: "Was man aus guten Gründen mit Skepsis erwartet, das menschelnde Vorzeigen von 'echten Geschichten', bleibt aus. Stattdessen inszeniert Henkel deren Auftritt sehr bedacht als kurzes, einschneidendes Intermezzo...Jede und jeder kommt kurz zu Wort und beginnt, eine Erfahrung mit Krankheit oder Tod zu schildern. Meist sind es nur ein paar Sätze, dann übernimmt einer der Darsteller und liest einen Text über die von ihnen erfahrenen Schicksalsschläge vor, während im Hintergrund auf einer Leinwand Fotografien eingeblendet werden, die sie in ihrem früheren Leben zeigen." Auch Standard-Kritikerin Margarete Affenzeller hat eine gelungene Inszenierung über "die Unerbittlichkeit des biologischen Endes und das Ringen um Souveränität als menschliches Individuum" erlebt. Ganz anders sieht es Christine Dössel in der SZ und beklagt eine zu abstrakte Inszenierung mit teils veralteten performerischen Mitteln. Weitere Kritiken in taz,Tagesspiegel und nachtkritik.
Weitere Artikel: Wiebke Hüster lobt in der FAZ die persönlichen Performances von Trajal Harrell und Olivier Dubois beim Impulstanz-Festival in Wien und begrüßt ein neues Genre: die Autobiochoreographie. Welt-Kritiker Peter Huth verteidigt die Festspiele Bayreuth gegen Pauschalkritik.
Besprochen werden Krzysztof Warlikowski Inszenierung von Verdis Oper "Macbeth" bei den Salzburger Festspielen.
Szene aus "Tannhäuser" bei den Bayreuther Festspielen. Foto: Enrico Nawrath. Ein "szenisches Wunder" jubelt SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck bei den Bayreuther Festspielen auch im vierten Jahr von Tobias Kratzers "Tannhäuser"-Inszenierung. Die größte Sensation ist diesmal aber die Orchesterführung von Natalie Stutzmann, ruft der euphorische Kritiker: "Von Anfang an macht Stutzmann im 'Tannhäuser' ihre ästhetische Position klar. Sie liebt wunderschöne und immer flexible Linien, sie atmet mit jeder Stimme, sie achtet auf jedes Detail, sie meidet trotz zügiger Tempi alles Rigide. Die warm klingenden Streicher liegen ihr besonders am Herzen, die Bläser domestiziert sie, verlangt ihnen Mystisches und Herbes ab, lässt sie leuchten. Sodann bevorzugt Stutzmann das Leise, sie lässt das Orchester immer wieder Kammermusik machen. So gerät auch das Septett der Männerheldensänger, gern als Brüllorgie von Alpha-Egos aufgeführt, als ein feines sommerliches Stimmengespinst." Auch Joachim Lange ist in der nmzrundum glücklich mit dieser Inszenierung und hebt besonder die gesangliche Leistung von Klaus Florian Vogt als Tannhäuser hervor.
Szene aus "Nathan der Weise" mit Valerie Tscheplanowa. Foto: Monika Rittershaus. Uneinig sind sich die Kritiker bei Ulrich Rasches Inszenierung von Lessings "Nathan der Weise" bei den Salzburger Festspielen. Egbert Tholl bewundert in der SZ die kurzfristig eingesprungene Valerie Tscheplanowa in der Titelrolle, die mit einem einzigen "Nein" den Facettenreichtum der Hauptfigur aufblitzen lässt: "Sie erzählt mit dem Klang des einen Worts - ein Klang schillernd wie ein bunter Opal am Grunde eines glitzernden Bachs - von Nathans Selbstbewusstsein und seinem Stolz, seiner Bescheidenheit und dem Wissen um die eigene Klugheit, mischt als Farbe ein wenig Angst hinein, ein Lauern und Zögern, ein bisschen List." Einen "imposanten Abend" hat FR-Kritikerin Judith von Sternburg erlebt. Dabei nimmt Rasches Inszenierung dem Stück zwischenmenschliche Töne, zum Blühen kommen stattdessen "die klügsten Thesen der Neuzeit", die dem Publikum "entgegengerufen, entgegengeschrien" wurden.
In der FAZ ist Simon Strauß voll des Lobs für Tscheplanowas "Nathan", die Inszenierung hinterlässt bei ihm jedoch einen bestenfalls zwiespältigen Eindruck: Einerseits werde Lessings Stück "mit viel technischem und musikalischem Aufwand zur monumentalen Parabel auf den menschlichen Hass aufgedonnert. Wird nicht nur die unübersichtliche Handlung des Dialogstückes vergegenwärtigt, sondern auch noch der verkappte Antisemitismus mancher Aufklärer mit eingeschobenen Zitaten angeprangert. Andererseits bietet die Inszenierung zu wenig sinnliche Haltepunkte, um dem rhythmisch vorgetragenen Text über die lange Strecke zu folgen." Ähnlich geht es nachtkritikerin Gabi Hift, die die "monotone, extrem verlangsamte Sprechweise" beklagt: Über vier Stunden sei das "extrem anstrengend und teilweise quälend".
Besprochen wird außerdem Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Verdis "Macbeth" (FR, FAZ, tsp, NZZ).
Szene aus der "Hochzeit des Figaro" in Salzburg. Foto: SF/Matthias Horn
Auch in Salzburg haben jetzt die Festspiele begonnen. Die Eröffnungsinszenierung bot Martin Kušej, der Mozarts "Hochzeit des Figaro" ins Mafiamilieu versetzte, wie Judith von Sternburg in der FRachselzuckend zur Kenntnis nimmt. Aber die Musik! "So ausbalanciert wird man 'Le nozze di Figaro', wenn überhaupt, selten auf der Bühne hören, mit einem so homogenen Ensemble solcher Klasse, mit einem so präzisen Mozart-Klang. Dem weichen, perfekt konturierten Grundklang der Wiener Philharmoniker gibt die minuziöse Ton-für-Ton-Arbeit des französischen Dirigenten Raphaël Pichon eine untergründige Aggressivität bei, auch einen in der Süße verborgenen Ernst auf Leben und Tod. Und während auf der Bühne Blut fließt und Regisseur Martin Kušej auf eine verblüffend altmodisch derbe Art versucht, dem Publikum vor den Latz zu knallen, wie problematisch der gesellschaftliche Status quo im 'Figaro' ist, 1786 uraufgeführt, bietet die Musik die aufregend subversive Lesart davon."
Auch FAZ-Kritiker Jürgen Kesting kann mit Kušejs Inszenierung nichts anfangen, zumal sie sich nur selten mit der Musik deckt. "Umso versöhnlicher, dass sich Mozarts Musikgestalten nicht einfach zu unbedarften Typen dekonstruieren lassen. Diese Gestalten bekommen insbesondere bei den Protagonistinnen ein fein gezeichnetes Profil, geschärft durch die Führung des französischen Dirigenten Raphaël Pichon. Er sichert dem Klang der Wiener Philharmoniker, nach einem Kaltstart in der Ouvertüre, ein klares, markantes Relief. Sein Gespür für die Begleitung der Sänger - für die Entwicklung und dramatische Spannung der Arien - ist rundum überzeugend." In der NZZstöhnt Christian Wildhagen: "Vermutlich ist Mozarts geheimnisvollste Opernfigur noch nie so lieblos behandelt worden." SZ-Kritiker Egbert Tholl immerhin in den ersten zwei Akten mafiamäßig mit: "Zu Beginn hängen Susanna und Figaro an einer sehr schönen Bar herum, er misst nicht die Größe des Zimmers aus, sondern zählt die Drinks. Sabine Devieilhe ist so zart wie durchsetzungsfähig, wird als Susanna immer betörender, Krzysztof Bączyk hingegen ist ein richtiger Lackl, Handlanger vom Boss, nicht gefeit gegen Eifersucht, ausgerüstet mit einem hochinteressanten Timbre. Neben den beiden großen Arien der Gräfin die schönste Szene: Jene, in der herauskommt, dass Figaro der Sohn von Marcellina und Bartolo ist. Das mafiöse Personal hängt an der schönen Bar, alle sind besoffen oder auf Koks oder beides, die Geschichte Figaros ist erst ein Witz, so wie man halt Witze erzählt unter groben Kerlen und Kerlinnen, dann sickert Erkenntnis ein, Devieilhe allein schon spielt das großartig - die Szene ist ein kleines Meisterwerk der schauspielerischen Wahrheit auf der Opernbühne." In der nmzschreibt Roland H. Dippel.
Weiteres: In der Berliner Zeitunggratuliert Michaela Schlagenwerth der Company Sasha Waltz & Guests zum 30-jährigen Jubiläum. Besprochen werden die Choreografie "The Two Pop(e)s" des Kollektivs Toxic Dreams beim ImPulsTanz Wien (nachtkritik) und das Musiktheaterstück "The Faggots and Their Friends Between Revolutions" von Ted Huffman und Philip Venables bei den Bregenzer Festspielen (nachtkritik) sowie die Wiederaufnahmen von "Rheingold" und "Walküre" in Bayreuth (nmz).
Das Rheingold. Bild: Bayreuther Festspiele. Aufgewärmt schmeckt vielleicht doch nur Gulasch, denkt sich Udo Bartelt im Tagesspiegel bei Valentin Schwarz' "Rheingold"-Inszenierung, der Vorgeschichte des Wagnerschen "Rings", bei den Bayreuther Festspielen, die in diesem Jahr zum zweiten Mal auf dem Plan steht, allerdings zum ersten Mal mit Pietari Inkinen am Dirigierpult. Wirklich besser macht er die Sache aber auch nicht, "gedeckelt und mehltauig" klingt Wagners Musik in den Ohren des Rezensenten, der schließlich resümiert: "Viel war darüber zu lesen, dass die gewaltsamen Verstrickungen innerhalb einer Familie im Mittelpunkt stehen, der 'Ring' als Netflix-Soap war das Schlagwort - wobei 'Netflix' einfach heutiger klingt, solche Sendungen prägen seit Jahrzehnten das TV-Programm. Sollte das Konzept also tatsächlich eine Soap-'Opera' sein, schrumpft es auf der realen Bühne zur Miniatur. Schon der große Strom selbst, auf dessen Grund Alberich der Liebe entsagt und den Rheintöchtern (Evelin Novak, Stephanie Houtzeel, Simone Schröder) das Gold raubt, mutiert zum schmalen, schalen Planschbecken. Die Götter versammeln sich in einem Penthouse oder Bungalow, das mondän wirken soll, dafür aber viel zu eng und wuselig geraten ist - und zusätzlich von herumstehendem, oft funktionslosem Personal verstopft wird. So schrumpft der Mythos zum alles- und nichtssagenden Wimmelbild."
Auch SZ-Kritiker Wolfgang Schmidt ist noch nicht recht überzeugt von der Inszenierung: "Am Ende, nach zweieinhalb szenisch durchwachsenen Stunden 'Rheingold', die Götter landen zermürbt in Walhall, obsiegt die Resilienz der Wagnerianer. Sie schalten vom lautstarken Beifall für die Sänger noch nicht auf Protest für die Taten des jungen Regisseurs Valentin Schwarz. Der wird erst nach der 'Götterdämmerung' vor den Vorhang treten und erfahren, ob die massive Zurückweisung aus dem Vorjahr Bestand hat." Immerhin: Dirigent Pietari Inkinens Musizierstil imponiert ihm durch "scharfe Akkuratesse ... Statt Rausch die bebende Ernüchterung." Und Jan Brachmann (FAZ) macht einfach die Augen zu und genießt: "Pietari Inkinen tut offenbar alles, damit die Singenden atmen und ihre Stimmen bis in die letzte Reihe des Parketts projizieren können. Und er tut noch mehr: Er sorgt klanglich für jene plastische Evidenz, an der es der Szene oft mangelt. Man hört im Orchester die Wasserspritzer, wenn die Rheintöchter planschen; man hört das Rheingold durch die Wogen strahlen wie Licht durch ein vielschichtiges Gewirk. Noch bevor Fasolt und Freia sich als Figuren einander zuwenden, kann man den Blick der Liebe in der solistischen Oboe bereits - pardon, man muss es so sagen - mit den Ohren sehen."
"Vertrauen ins Unheil" hat Tiago Rodrigues, Leiter des Theaterfestivals Avignon, resümiert Joseph Hanimann die diesjährigen Festspiele in der FAZ. Und dennoch ist er von dessen Stückauswahl überzeugt: "Wobei das Tragische vielgestaltig daherkommt. Menschenschicksale verklumpen sich mit der Klimakrise, humanitäre Aktionen sind nur noch ein Nebeneffekt allgemeiner Barbarei, ökologisches Artensterben reimt sich auf kapitalistisch postkoloniale Kulturauslöschung. Und selbst die Narren verlassen vorzeitig die Bühne. Trotz eines so beklemmenden Fazits wirkt das Ergebnis in Avignon eher beflügelnd. Denn das Theater fuchtelt nicht mehr nur mit finsterem 'No Future', sondern spornt an zu Einspruch, Differenzierung, dokumentarischer Sachlichkeit, mitunter sogar zur politischen Aktion. Und das dramatische Repertoire, das in den vergangenen Jahrzehnten 'postdramatisch' verscheucht wurde, drängt durch die Hintertür wieder herein."
Weiteres: Auch Albrecht Selge war für das Van-Magazine in Bayreuth und setzt sich anlässlich der "Parsifal"-Inszenierung von Jay Scheib mit den Möglichkeiten und Beschränkungen von Augmented Reality bei Wagner auseinander. Der Standard hörte die "eklektische Rede" des Physikers Anton Zeilinger zur Eröffnung der Festspiele in Salzburg. Roland Müller porträtiert in der Zeit den Schauspieler André Jung. Christine Dössel unterhält sich für die SZ mit der Schauspielerin Valery Tscheplanowa, die bei den Salzburger Festspielen in Lessings "Nathan der Weise" einspringt, um den Nathan zu spielen. Besprochen wird "Vatermal", der erste Roman des Theatermachers Necati Öziri (nachtkritik).
Wow, zehn Kritiken zum Bayreuther "Parsifal"! Was eine Virtuality Brille PR-technisch so alles leistet. Aber bringt es auch was künstlerisch? Am Anfang war's ein bisschen fad, meintnachtkritiker Georg Kasch. Ziemlich statisch, wenn auch mit erstklassigen Sängern und sehr schönen Kostümen von Meetje Nielsens, in denen "die Zaubermädchen, die Parsifal in Klingsors Garten um den Finger wickeln sollen, wie Manga-Hippies im psychodelisch aufgejazzten Paradies" wirken. "Sieht man sich die Sache aber durch die AR-Brille an, dann sausen plötzlich noch tausend Dinge durch den Raum zwischen Sitzplatz und Bühne ... Vor allem aber werden Symbole, die im Text oder auf der Bühne eine Rolle spielen, bilderbuchartig illustriert und vervielfacht. So erweisen sich die AR-Brillen, die im Vorfeld der Premiere für so viel Wirbel sorgten, eher wie ein freidrehendes Assoziationsketten-Gimmick als ein notwendiger Bestandteil der Inszenierung." Und immerhin hat der amerikanische Regisseur auch eine inhaltliche Idee für seine Inszenierung: "Bei Scheib ist der Gral, nach dessen Kraft die Ritter mit aller Macht vor der Kulisse einer Mine gieren (der Chor singt das umwerfend!), kein Gefäß, sondern eine Art Kristall aus Lithium und Kobalt, den Parsifal am Ende zerschmettert und so die Menschen erlöst. Und zwar in Partnerschaft mit Kundry, die hier keine reuige Sünderin ist, sondern eine wissende, erwachsene Frau mit Ecken, Kanten und selbstbewusstem Begehren. Das ist zwar kaum vom Textbuch gedeckt (und auch nicht immer durch die ziemlich statische Figurenführung), passt aber doch sehr schön zur alles verklärenden Musik."
Manuel Brug (Welt), hatte enormen Spaß an der Inszenierung, wenn sich auch VR-Bilder und reale Requisiten noch nicht so ganz verbinden wollen: "Auf der von Mimi Lien eingerichteten Bühne, die ein wenig an die kahle Kochplatte Neu-Bayreuths vor Rundhorizont erinnert, sind eine abstrakte, sich später als Leuchtturm erweisende Stahlsäule, schlanke Stelen, der Gralssee (morgens bei den Kindern eine Zinkwanne mit Bubblebadkugeln aus Plastik) für den taff sein Leid tragenden, kahlen Amfortas Derek Welton und ein mit einem Strahlenkranz verschlossenes Loch für die Chorauftritte auszumachen. Und Gralshüter Gurnemanz, der Sex hat! Nicht mit Kundry, aber offenbar mit einem anderen wilden Weib. Kommt erstere, reitet ein künstliches Pferd durchs Brillenbild, es flammt, es raucht. Und irgendwann schweben Schmetterlinge, tänzeln kunterbunte Irrlichter, rattern Paradiesklapperschlangen. ... Während wir über diese wirklichen Bilder rätseln, kommen wir mit dem virtuellen Überangebot der Zeichen kaum mehr nach." Jay Scheib "hat einen 'Parsifal'-Deutungsanfang gesetzt. Den gilt es jetzt, mit hoffentlich mehr AR-Brillen, im nächsten Jahr fortzuentwickeln. Ganz bayreuthwerkstattgemäß", resümiert Brug hoffnungsfroh.
Im Tagesspiegelerwartet sich auch Udo Badelt noch mehr von Technik und Regie. Außer dem Zaubergarten gabs auf der Bühne nämlich ziemlich viel Leere, moniert er, "als Gralsburg muss ein riesiger Neonröhren-Kranz genügen. Fast wirkt es so, als sei diese Nüchternheit Konzept, um der Augmented Reality einen möglichst großen Auftritt zu ermöglichen. Ungünstig, wenn man keine Brille hat. Auch nicht viel besser, wenn man eine hat. Im Grunde liefert Jay Scheib eine völlig konventionelle Inszenierung." Und doch, "eine Tür ist geöffnet, das Potential ist da. Aber man müsste es kreativer, intelligenter auch nutzen als das, was am Dienstagabend präsentiert worden ist. Guten Gesang wird hoffentlich keine AR, keine KI jemals ersetzen. "
Apropos Gesang: Elīna Garanča als Kundry und Andreas Schager als Parsifal lieferten in ihrem Duett im zweiten Aufzug eine "Sternstunde des Wagnergesangs", schwärmt in der nmz Joachim Lange. "Nicht nur dieses Großduett gelang ihnen phänomenal. Garanča sowieso und nach ihrem Wiener Kundrydebüt nicht überraschend. Aber auch Schager donnerte nicht einfach drauf los, bändigte seine Kraft durch Gestaltungswillen, bot sogar leise Töne." Der Gesang war auch für Helmut Mauro (SZ) "die eigentliche, stille Überraschung. Jede Rolle war top besetzt. Andreas Schager, ein stimmliches Kraftpaket, klingt mit etwas viel Vibrato zwar nicht mehr wie ein jugendlicher Held, aber er füllt, auch darstellerisch, die Rolle perfekt aus. Desgleichen Georg Zeppenfeld als Gurnemanz, der in seinen weit ausholenden Monologen ebenso forsch angreifen wie nachdenklich erzählen kann. Derek Welton als verwundeter Amfortas beeindruckt durch Klarheit und Präsenz, und am beeindruckendsten ist wohl das Debüt der Elīna Garanča als Kundry." In der FAZ lobt Jan Brachmann die Inszenierung als "bildtechnisch avantgardistisch, aber zugleich auch thesenstark". Weitere Kritiken in der FR, der NZZ, Zeit und der taz.
Besprochen wird außerdem ein Stück über queeres Leben, das Noémi Ola Berkowitz für das polnischen Theater TR Warszawa mitgeschrieben und inszeniert hat: "niedoskonała utopia / an imperfect utopia" an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik).
Besprochen werden Jay Scheibs Inszenierung von Wagners "Parsifal" bei den Bayreuther Festspielen (nachtkritik) und Michael Sturmingers Inszenierung von "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen (Welt). Andreas Homokis Inszenierung von Puccinis "Madame Butterfly" und Lotte de Beers Inszenierung von Verdis "Ernani bei den Bregenzer Festspielen (NZZ).
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