Szene aus "Eduardo e Cristina". Foto: Rossini Festival
Jedes Jahr im August verwandelt sich Pesaro ins "piccola Bayreuth sull'Adriatico", freut sich Michael Stallknecht, der dort das Rossini-Festival für die SZ besucht hat. Drei Opern werden jährlich gespielt, 2023 ist zum ersten Mal überhaupt "Eduardo e Cristina" dabei, ein Stück, das nicht nur stimmlich herausfordert: "Die schwedische Königstochter Cristina hat heimlich ein Kind vom Feldherrn Eduardo, das sie vor König Carlo, ihrem Vater, verheimlicht. Als die Sache auffliegt, verurteilt der Vater die gesamte Familie zum Tod. Zum Glück für alle Beteiligten greifen am Schluss die Russen an, Eduardo schlägt den Angriff zurück und rettet damit nicht nur seiner Familie das Leben", beschreibt Stallknecht den Inhalt der Oper, die Rossini unter dem Effizienzdruck seiner aufsteigenden Karriere geschrieben hatte. "Dass die Oper über größere Strecken ein Selbstplagiat ist, hört man: Die Musik scheint manchmal neben sich zu stehen, nicht wirklich zur dramatischen Situation zu passen." Immerhin: Mit der Aufführung aller Rossini-Werke entsteht eine historisch-kritische Edition, die helfen wird, auch andere Stücke von Rossini auf die Bühne zu holen als die altbekannten, hofft Stallknecht.
Besprochen werden außerdem Gisèle Viennes "Extra Life" auf der Ruhrtriennale (nachtkritik), Massenets "Werther" bei den Bregenzer Festspielen (nmz) und Verdis "Falstaff" in Salzburg (nmz).
Szene aus "Der kaukasische Kreidekreis". Bild: Monika Rittershaus Mehr als hundert Jahre nach ihrer Gründung findet bei den Salzburger Festspielen erstmals inklusives Theater statt: Helgard Haug inszeniert gemeinsam mit der Gruppe Hora, bestehend aus Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, den "Kaukasischen Kreidekreis" nach Bertolt Brecht. Laut SZ-Kritiker Egbert Tholl "verzettelt" sich der Abend gelegentlich, aber der "ästhetische und emotionale Genuss" überwiegt, meint er: "Wenn man bei der Salzburger Aufführung erlebt, wie Simone Gisler in einem mehr oder weniger freien Extempore die Hochzeit der Grusche mit dem Soldaten Simon imaginiert, herbeifantasiert, in ihrer Erzählung, ihrem Spiel Realität werden lässt, dann glaubt man ihr sofort, dass sie Recht hat, wenn sie sich selbst als die schönste Braut der Welt bezeichnet." "Auch diese Schauspieler sind jetzt Salzburger Festspiele", freut sich Manuel Brug in der Welt nach einem witzigen und bewegenden Abend: "Sogar mit einer Diversitäts-Barbie wird agiert. Und am Ende steht dann plötzlich die von Robin Gilly gestellte Frage, ob die Grusche wohl auch ein Kind genommen hätte, 'das so aussieht wie ich?' Da schluckt aber keiner mehr, da lächelt man eher vergnügt, so charmant haben die Darsteller einen längst umwickelt."
Im Alter von 96 Jahren ist die Operndiva Renata Scotto gestorben. In der Welt erinnert Manuel Brug an die "flammende Aura der italienischen Primadonna alter Schule", deren "herber und prickelnder, anregender und verstörender" aceto balsamico nicht immer gern für Studioaufnahmen genommen wurde: "Die Scotto, die irgendwann auch, mit schönem Erfolg, Regie zu führen begann, war ein Bühnenbiest, selbst im Alter noch in so untypischen Rollen wie der Strauss'schen 'Rosenkavalier' Marschallin, die sie etwa in Catania in sehr viel Geheimnis und weibliche Magie kleidete oder auch als dessen 'Elektra'-Klytemnästra, die klassische Abschiedsrunden-Partie einst bühnenbebender Soprane oder Mezzos." In der SZ schreibt Wolfgang Schreiber. Wir hören noch einmal rein:
Weitere Artikel: In einem großen Zeit-Interview spricht der Theaterregisseur Robert Wilson darüber, wie er mit 27 Jahren einen taubstummen, schwarzen Jungen adoptierte, über die Ignoranz seines Vaters und den Einfluss des japanischen Theaters auf seine Arbeit. Sir John Eliot Gardiner wird Hector Berlioz' vierstündige Oper "Les Troyens" Ende August bei den Salzburger Festspielen und Anfang September beim Musikfest Berlin dirigieren: In der FAZspricht Gardiner über die Herausforderung, Berlioz zu dirigieren und die Abneigung der Franzosen gegenüber der Musik von Berlioz: "Seine Zeitgenossen fanden den heftigen Ausdruck seiner Fantasie unverständlich; Wagners 'Tannhäuser', in Paris kurz vor 'Les Troyens' aufgeführt, und Verdis 'Rigoletto' waren mehr nach ihrem Geschmack." Im Tagesspiegel kann sich Christiane Tewinkel trotz allen Pomps der Faszination der Bayreuther Festspiele nicht entziehen: "Soziales wird an diesem Ort konsequent abgedrängt. … Kein Opernhaus, eher eine Art Klangkloster, und nirgends lässt sich eine Akustik erleben wie genau hier."
Besprochen werden Georges Aperghis' uraufgeführtes Musiktheater "Die Erdfabrik" bei der Ruhrtriennale (FAZ) und Christoph Marthalers Inszenierung von Verdis "Falstaff" sowie Bohuslav Martinus "Griechische Passion" bei den Salzburger Festspielen (NZZ).
Bohuslav Martinus' "The Greek Passion" bei den Salzburger Festspielen. Foto: Monika Rittershaus
Anders als seine Kollegen von der FR und Welt (unser Resumee) ist Egbert Tholl in der SZ nicht allzu angetan von Simon Stones Inszenierung von Bohuslav Martinus' Oper "The Greek Passion" bei den Salzburger Festspielen. Das Flüchtlingsthema ist wichtig, konzediert er, und gesangstechnisch ist das natürlich auf "Festivaltopniveau"; die Inszenierung ist für Tolls Geschmack jedoch deutlich zu simpel gestrickt. Gut, Martinu "war nie Avantgarde, aber einer, der unmittelbar verstanden werden wollte. Genau das tritt nun in Salzburg zu Tage: Text, Musik und auch die Umsetzung der Oper tragen keinerlei Rätsel, keine über den Moment hinausweisende Idee in sich. Das Publikum ist begeistert", seufzt der Rezensent und blickt nach oben. Von dort "kommt mal ein Wasserfall, fallen pittoreske Papierschnipsel, von unten fahren Hubpodien Teile des Personals inklusive leuchtendem Kreuz nach oben, einmal ploppt ein riesiger Aufblas-Christus auf, da hat man dann endgültig zu viel von der bildlichen Simplizität. Am Ende verlässt die bunte Schar der Geflüchteten die Bühne, die (nicht mehr völlig einheitlich) graue Dorfgemeinschaft bleibt zurück, so einfach kann die Deutung der Welt manchmal sein."
Dorothea Marcus berichtet in der nachtkritik von der Pressekonferenz, auf der Kay Voges als neuer Intendant des Kölner Schauspiels vorgestellt wurde. Mit der Wahl kann sie leben, aber die Auswahlprozedur lässt doch arg zu wünschen übrig, findet sie: "Denn Voges ist eben doch auch wieder jener genialische männliche Künstlertypus, der am Ende gewinnt, weil er als einfachste und naheliegendste Lösung mit der größten Strahlkraft erscheint. 'Es gebe keine geeigneten Frauen im Bewerberfeld', sagte Kulturdezernent Stefan Charles kürzlich noch auf einer Podiumsdiskussion - was definitiv nicht stimmt, ich weiß von mindestens vier spannenden Bewerberinnen. Am ärgerlichsten an dieser Wahl ist nicht, was am Ende herausgekommen ist - Kay Voges ist eine sehr gute Wahl (übrigens soll er vor vier Jahren auch schon im Schlussrennen um die Intendanz gewesen sein). Doch warum sollte das Verfahrengeheim gehalten werden wie eine Papstwahl? Warum war die Findungskommission, die sich auf öffentlichen Druck outete - Topgirls wie Karin Beier vom Hamburger Schauspielhaus und Kathrin Mädler vom Theater Oberhausen sowie erfahrene Strippenzieher wie Ulrich Khuon können nicht irren - so gar nicht divers besetzt?"
Weitere Artikel: Rüdiger Schaper freut sich im Tagesspiegel über den Erfolg des Berliner Festivals "Tanz im August". Bernd Noack resümiert in der NZZ leicht deprimiert die Salzburger Festspiele. Elena Philipp schreibt anlässlich des Berlin Circus Festivals in der nachtkritik zum Status quo des zeitgenössischen Zirkus. Besprochen wird der Debütroman der Schauspielerin Valery Tscheplanowa, "Das Pferd im Brunnen" (nachtkritik).
Szene aus "The Greek Passion" bei den Salzburger Festspielen. Foto: Monika Rittershaus
Simon Stones Inszenierung von Bohuslav Martinus' Oper "The Greek Passion" ist die "Oper der Stunde" und der Höhepunkt der Salzburger Festspiele, jubelt FR-Kritikerin Judith von Sternburg. Martinu verfasste das Libretto zusammen mit dem griechischen Romanautor Nikos Kazantzakis in den fünfziger Jahren: Gerade hat der Priester Gregoris in einem verschlafenen Dorf die Rollen für das Passionsspiel vergeben, da taucht ein Flüchtlingstrek auf, der um Hilfe bittet. Ursprünglich ging es hier um Migrationswellen während des Griechisch-Türkischen Krieges, so die Kritikerin, aber der Konflikt, den die Ankunft der Geflüchteten auslöst, ist natürlich brandaktuell und wie dem Salzburger Publikum hier "das Unrecht unterlassener Hilfeleistung entgegengedonnert wurde" beeindruckt Sternburg sehr: "Diese Oper ist durch die erforderlichen Chormassen, durch die Landschaften, die man sich dabei vorstellt, aber auch durch die Musik eine echte Breitwandoper. An Korngold und gar an Hollywood zu denken, ist nicht abwegig. Eine ideale Bühne dafür bietet die Felsenreitschule, für die der Regisseur Simon Stone einfache, große Bilder findet...Sich abgrundtief zu schämen und begeistert zu applaudieren, bietet sich sehr selten so unpeinlich zur selben Zeit an." Dieser Abend wirkt lange nach, findet auch Welt-kritiker Manuel Brug, und ist musikalisch höchst interessant: "Eine moderne Passion; manchmal eher als folkloristisches Getümmel zwischen der kantigen Tragödie, die die Partitur harsch meißelt. Da gibt es Fetzen von Strawinsky, Anklänge an Orff, auch Messiaen, gregorianische Mystik, Impressionismus, Einfachheit und Komplexität. Scheinbar Leichtes, Klares kippt in sanften Übergängen immer wieder in harmonisch Überraschendes." Anja-Rosa Thöming beklagt in der FAZ hingegen das sterile Bühnenbild und die "Erwartbarkeit vieler Bilder". Regine Müller bespricht das Stück in der taz.
FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster hat mit Trajal Harrells Performance "The Romeo" beim Festival Tanz im August eine "herrlich intellektuelle" Choreografie erlebt: "Sie ist wie eine Illustration, ein Tanz kluger Thesen, meditativ, zurückhaltend, insistent in der ritualhaften Wiederholung einiger Motive."
Szene aus "Falstaff" bei den Salzburger Festspielen. Ziemlich sauer war das Publikum nach Christoph Marthalers Inszenierung von Verdis Oper "Falstaff" bei den Salzburger-Festspielen. Marthaler lehnt das Stück an ein Filmprojekt von Orson Welles an und lässt auf der Bühne ein Filmteam auftreten unter der Regie eines dickbäuchigen, zigarrerauchenden Falstaff alias Welles. Es wird dann noch ziemlich kompliziert, meint Egberth Tholl in der SZ, musikalisch ist die Inszenierung aber durchaus gelungen, "gerade der Schluss des zweiten Akts - jene Szene, in der sich der auf Freiersfüßen befindliche Falstaff in einem Korb versteckt und schließlich in der Themse landet - wird bei Marthaler zur perfekten Umsetzung der Musik. Bei Verdi plappern alle in höchster Verwirrung wie wild drauflos, die Worte haben keine Bedeutung mehr, werden zur Musik, hier auf der Bühne bricht das totale Chaos aus, die Ebenen verschwimmen." Vielleicht ist das alles eine "Spur überinszeniert", gibt Anja Rosa-Thöning in der FAZ zu, aber für "die Offenheit gegenüber neuen Gedanken auf Basis des Werkes" ist sie dankbar. Judith von Sternburg kann den Frust des Publikums schon verstehen: "Alle sind betrogen, aber nicht nur von ihren Eitelkeiten, ihren Dummheiten und von einander, wie es im Text steht, sondern auch von einer überkomplizierten Regieidee, durch die sich das Regieteam passenderweise selbst betrogen hat."
Weitere Artikel: Die Feuilletons melden, dass Kay Voges der neue Intendant am Schauspiel Köln wird. SZ-Kritiker Dorion Weickmann hat in der ersten Woche des "Tanz im August"-Festival in Berlin ein "herrliches Utopia der Multikulturalität" erlebt. Till Briegleb teilt dort seine Eindrücke vom internationalen Sommerfestival-Kampnagel. In der FAZ berichtet Patrick Bahners über die Ambitionen des Kölner Kulturdezernenten Stefan Charles.
Besprochen werden Georges Aperghis' instrumentales Theaterstück "Die Erdfabrik" bei der Ruhrtriennale (SZ).
Szene aus Shakespeares "Sommernachtstraum" in der Inszenierung von Barbara Frey. Foto: Matthias Horn
Die Ruhrtriennale hat begonnen. Eröffnet wurde sie in diesem Jahr mit Barbara Freys Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum". Sehr traditionell, findet Regine Müller in der taz. Da wollte die Ruhrtriennale doch eigentlich weg von? Nun also eine Shakespeare-Komödie. Frey hat das Stück stark gekürzt, so Müller, "sodass ihr Zeit bleibt, das Tempo rauszunehmen aus der Komödie, gespielt wird durchweg bedächtig, fast wie in Zeitlupe, aus dem Witz wird Nachdenklichkeit und zarte Ironie. Frey zeichnet eine gebremste, beinahe apathische Gesellschaft, alle Figuren haben etwas sanft Lächerliches, Unbeholfenes, und endlich ist das Stück im Stück - die berühmte Handwerkerszene - einmal kein lauter Klamauk, sondern eine ernsthafte Reflexion über das Theater selbst. Und ganz beiläufig von frappierender Aktualität, denn wenn die Laiendarsteller bei Shakespeare darüber sinnieren, ob dem Publikum ein Löwe zuzumuten sei und man nicht doch besser vorher ansagen solle, dass nun gleich ein Löwe auftrete, dieser aber in Wahrheit ein Schauspieler sei, dann erledigt Shakespeare vor 400 Jahren die heutige Diskussion über Triggerwarnungen lässig mit links."
In der FAZ fragt sich Patrick Bahners zwar auch, ob man nicht mit den Industrieruinen hätte arbeiten können, statt einfach eine Drehbühne in eine Halle zu setzen, aber die Inszenierung hat ihn dann doch fasziniert: "Welchen Reim soll man sich darauf machen, dass in dieser Komödie die natürliche Welt der Menschen von einer übernatürlichen Welt der Feen verdoppelt wird, sodass den Hochzeitsvorbereitungen von Theseus und Hippolyta die Eheprobleme der Luftspielleiter Oberon und Titania entsprechen? Barbara Frey präpariert an der konventionellen Apparatur zur Perpetuierung sozialer Härten das Sanfte heraus und am absurden Theater der sogenannten Rüpel das Zarte. Das kann man so verstehen, dass die unvollkommenen Arrangements der sozialen Wirklichkeit die Gegenwelt schon enthalten, deren Lebendigkeit man sich zu Shakespeares Zeiten im Rückgriff auf sagenhafte Geschichten des Volksglaubens herbeiträumen konnte." Der fünfte Akt verhagelt SZ-Kritiker Egbert Tholl zwar die Gesamtwirkung, aber davor ist es wirklich ganz zauberhaft, besonders Oliver Nägeles Zettel, versichert er: "Also, Zettel hat seinen Traum, der keiner war, sondern zauberische Realität, und er denkt darüber nach, dass der Mensch ein Esel sei, wenn er sich einfallen ließe, diesen Traum zu verstehen. ... Wäre danach die Aufführung zu Ende, man schwebte hinaus in einem wundervollen Zustand".
Weiteres: Jakob Hayner unterhält sich für die Welt mit dem Schauspieler Jens Harzer, der Energiesparen im Theater für keine gute Sache hält: "Die Kirche muss offen bleiben, und das ewige Licht muss brennen." Simon Strauß schreibt in der FAZ zum 80. Geburtstag des Theatermachers Wolfgang Engel. Besprochen wird außerdem die Uraufführung der Choreografie "Age of Content" von "(La) Horde" & Ballet National de Marseille beim Tanz auf Kampnagel, bei der sich FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster gründlich gelangweilt hat.
Der Frage, warum Intimitätskoordinatoren an Theatern eine gute Idee sein könnten, geht Dorion Weickmann für die SZ nach. Die Koordinatoren arbeiten zu Fragen wie: "Wie lassen sich intime, sexualitätsbezogene oder konfliktlastige Momente innerhalb einer Inszenierung so gestalten, dass die Beteiligten einvernehmlich agieren und niemand etwas tut, was ihm oder ihr widerstrebt?" Kritik, diese Sicherheiten könnten zu Lasten von Spontanität und kreativem Geist gehen, weiß Weickmann im Gespräch mit verschiedenen Akteuren wie dem Koordinator Florian Federl zu entkräftigen: "'Wichtig ist, dass die Beteiligten wissen, was sie tun, warum sie es tun und worauf sie sich einlassen. ... Wieso sollen ausgerechnet Tänzer, die doch ständig und ausschließlich mit dem Körper sprechen, nicht von sich aus in der Lage sein, Grenzen zu ziehen? Die wichtigste Antwort liegt in der Ausbildung, die vielfach strikt hierarchisch organisiert und leistungstechnisch orientiert ist. Wer als Teenie nicht lernt, den Mund aufzumachen, wird ihn auch später kaum aufkriegen. Hier schaffen Intimitätskoordinatoren Abhilfe."
(La)Horde: Age of Content. Bild: Blandine Soulage. Ob das Choreografen-Trio (La)Horde einen Intimitätsbeauftragten beschäftigt, wissen wir nicht. Nachtkritiker Michael Laages sah dessen Choreografie "Age of Content" beim Internationalen Sommerfestival Kampnagel jedenfalls mit gemischten Gefühlen. Ein Auto und sein Kampf mit den Figuren nimmt eine prominente Rolle auf der Bühne ein: Da es "die Wimmelwesen höchstpersönlich von sich runter werfen kann, ist bald schon nicht mehr auszumachen, wer hier die Oberhand behalten wird: Maschine oder Mensch. ... Das Schönste, was zu hoffen bleibt, wäre wohl Liebe: um die geht's im zweigeteilten Finale. Erst probiert ein einzelnes Paar möglichst phantasievolle erotische Stellungen aus - und das angedeutete Gelecke, Gefummel und Gerammel nimmt schon ziemlich explizite Formen an. Jeder ist mit jeder und jedem zugange". Es ist aber nicht der Sex auf der Bühne, der ihn stört, sondern "dass 'Age of Content' eher montiert wirkt und als Gesamt-Dramaturgie nicht überzeugt - wie überall und immer wieder auch an den Stadt- und Staatstheatern, wenn mal wieder drei Choreografinnen und Choreografen einen Ballett-Abend gemeinsam verantworten". Das Finale allerdings war toll, meint er.
Mehr Spaß hatte Tagesspiegel-Kritikerin Sandra Luzina bei der Eröffnungsvorstellung des Berliner Festivals Tanz im August im HAU: Gegeben wurde "Carcaça" in der Inszenierung von Marco da Silva Ferreira, einem Choreografen des "Urban Dance", der sich fragt, was heute noch Volkstanz ist: "Er verbindet Streetdance und Clubbing mit Schrittmustern, die man von folkloristischen Tänzen kennt. Dabei fokussiert er sich auf die Fußarbeit. Die Tänzer:innen treten zunächst in schwarzen Trikots mit Cut outs auf. Später schlüpfen einige der Männer und Frauen in Röcke mit bunten Ethno-Mustern. ... Das ist streckenweise mitreißend, eine Demonstration von Lebensfreude. Nur leider ist die Guckkastenbühne des Hebbel-Theaters denkbar ungeeignet für das Stück."
Weiteres: Gina Thomas hat sich für die FAZ Händels "Semele" und Strauss' "Ariadne" beim Opernfestival Glyndebourne angeschaut.
Welt-Kritiker Manuel Brug reibt sich die Augen: Ein Klassik-Festival auf Mallorca, nur einige Minuten vom Ballerman entfernt? Das Cap Rocat Festival fand diesen August zum dritten Mal statt, so Brug, und startete mit einem Knall: Pietro Mascagnis "vollsaftiger" Oper "Cavalleria Rusticana", iszeniert von Ilias Tzempetonidis, mit hochkarätiger Besetzung und mit Mallorca-Flair: "Auch 'nur' konzertant, aber mit großen dramatischen Gesten und auswendig singend, zeigten die zwar in Málaga residierende, aber sich in Spanien vokal rar machende Elina Garanca (als Santuzza), der sein auf Anhieb überzeugendes Rollendebüt gebende Michael Fabiano (als Turiddu), Luca Salsi als Alfio und Maria Agrest in der fünf-Minuten-Rolle der Lola, wie italienische Oper lodern kann. Zwar saßen das engagierte Orquesta Sinfónica de las Islas Baleares, die Noten von Brisen geschüttelt, sowie der ordentliche, extra zusammengestellte 47-köpfige Chor auf luxuriösem Grund. Aber dahinter breiten sich Pinien, Macchia und Windmühlen aus, und übers Mittelmeer liegt der Handlungsort Sizilien, mit dem Mallorca viel gemeinsam hat."
Weitere Artikel: Im Standardporträtiert Margarethe von Affenzeller die Theatergruppe "Hora", die aus Schauspielern mit kognitiver Beeinträchtigung besteht.
Besprochen werden Roland Schwabs und Markus Poschners Inszenierung von "Tristan und Isolde" bei den Bayreuther Festspielen (nmz).
Anna Netrebko hat die New Yorker Metropolitan Oper wegen "Diskriminierung am Arbeitsplatz und Verleumdung" verklagt, melden die Feuilletons. Opernintendant Peter Gelb hatte ihr Engagement aufgekündigt, weil sich die Sängerin nicht entschieden genug von Putin distanziert habe. Gelb, berichtet Frauke Steffens in der FAZ, steht allerdings selbst im Fokus der Kritik: "Manche Beobachter kritisieren, dass auch die New Yorker Oper sich erst spät eindeutig von Putin distanziert habe - obwohl dessen Absichten bekannt gewesen seien. Hauptgeschäftsführer Gelb war tatsächlich kurz vor dem Überfall noch in Moskau. Ensembles der Metropolitan-Oper und des Bolschoi-Theaters probten damals gemeinsam für Richard Wagners 'Lohengrin'. Tage danach, als Putin seinen Angriffskrieg begonnen hatte, kündigte die Met das Kooperationsprojekt auf. Gelb verteidigte seine Reise später." Empathie für die Ukraine würde anders aussehen, meint Manuel Brug in der Welt: "anstatt sich zu ducken und abzuwarten, feiert sie scheinbar unbeeindruckt auf Instagram für ihre 722.000 Fans ihren immerwährenden Kaufrausch durch die Luxusboutiquen der Welt, garniert mit üppigen Fressgelagen und Party bis zum Umfallen."
Weitere Artikel: In der FAZ stellt Andreas Rossmann fest: die "Unabhängigkeit der öffentlichen Kultureinrichtungen in Italien ist bedroht." Die Regierung unter Giorgia Meloni besetzt wichtige Positionen im Kulturbereich zu ihren Gunsten. So sei auch die Neubesetzung der Opernintendanz am Teatro San Carlo in Neapel durch Carlo Fuortes, der zuvor wegen Konflikten mit der Regierung als Chef der Rundfunkanstalt RAI zurückgetreten war, ein "politischer Handstreich".
Besprochen wird Stephan Viziolis Inszenierung von Vivaldis Oper "L'Olimpiade" bei den Innsbrucker Festspielen (FAZ).
Weitere Artikel: Taz-Kritiker Uwe Mattheis resümiert das ImpulsTanz-Festival in Wien: Was viel der Performances verbindet ist ihre Nähe zum "posthumanistischen Zeitgeist".
Besprochen wird Markus Poschners und Roland Schwabs Inszenierung von Wagner "Tristan und Isolde" bei den Bayreuther Festspielen (FAZ).
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