Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

3734 Presseschau-Absätze - Seite 88 von 374

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.07.2023 - Bühne

In der FAZ berichtet Kerstin Holm von der Aufführung des russischen Propaganda-Musicals "Gang ins Feuer". Verfasst vom Schriftsteller Alexander Prochanow, dem Gründer des nationalistischen Think Tanks Isborsk Klub, "verfolgt die Aufführung vor allem didaktische Ziele und will den Bühnennachwuchs aufs staatspatriotische Gleis lenken. Der militärische Konflikt wird märchenhaft nebulös als globaler Kampf zwischen dunklen und lichten Mächten beschworen - unter Ausblendung der russischen Kriegsschuld und russischer Kriegsverbrechen." Ebenfalls in der FAZ unterhält sich Achim Heidenreich mit dem Direktor der Meininger Museen Phillip Adlung über die glorreiche Vergangenheit der Meininger Theater-und Orchesterkultur und Adlungs Pläne für ein "bedeutendes theaterhistorisches Museum".

Besprochen wird Jay Scheibs Inszenierung von Wagners "Parsifal" bei den Bayreuther Festspielen (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.07.2023 - Bühne

Welt-Kritikerin Charlotte Szász ist ganz aufgewühlt nach Frank Castorfs "Medea"-Inszenierung im Amphitheater von Epidauros. Voller Widersprüche und gerade deshalb großartig ist diese Aufführung, schwärmt Szász. Castorf inszeniert den antiken Mythos als unbequeme Parabel auf das Scheitern des Westens. Medeas Wut richtet sich hier nicht nur gegen Jason, sondern vor allem gegen den Staat, der ihr das Recht auf Integration verweigert: "Dieser Konflikt wird im Stück auf die internationale Staatengemeinschaft übertragen. In einer Art Kinderspiel nehmen die Schauspieler die Rollen verschiedener Länder an: Deutschland, USA und Israel auf der einen, Russland, China und die Türkei auf der anderen Seite. Sie erklären sich gegenseitig den Krieg. Das CocaColaSchild über der Bühne ist im Verfall begriffen. Medea, die aus der fernen Kaukasusregion nach Griechenland kommt, steht hier für den Konflikt zwischen 'Barbarei' und dem rationalen Fortschritt der westlichen Vernunft."

"Jedermann" mit Michael Maertens in der Titelrolle. Foto: Salzburger Festspiele/Matthias Horn


Bei Michael Sturmingers diesjähriger Inszenierung von Hugo von Hoffmansthals "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen gab es Proteste der "Letzten Generation", berichten die Kritiker. Die passten allerdings so gut in die Aufführung, die Sturminger dieses Mal in einem dystopischen Endzeit-Kosmos angesiedelt hat, dass sich Nachtkritiker Reinhard Kriechbaum erstmal fragte, ob sie nicht Teil der Inszenierung seien. Vor allem die Darsteller überzeugen ihn, allen voran Michael Maertens in der Rolle des Jedermann, aber er auch der diesjährigen Lesart des Stücks bescheinigt er "Klugheit und Nachhaltigkeit". Taz-Kritiker Joachim Lange sieht eine Inszenierung, die es "in sich hat". Weniger begeistert ist SZ-Kritikerin Christine Dössel, die die Dramaturgie ein wenig "plump" findet. Weitere Besprechungen in FAZ und Standard.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.07.2023 - Bühne

Besprochen werden: Lotte de Beers Inzenierung von Guiseppe Verdis Oper "Ernani" bei den Bregenzer Festspielen (FAZ), Sarah Groß' Inszenierung von Molières "Der Geizige" an der Frankfurter Volksbühne (FR) und das von Gregor Bloéb inszenierte Stück "7 Todsünden" zum Auftakt der Tiroler Volksfestspiele (nachtkritik).
Stichwörter: Bloeb,gregor, Moliere

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.07.2023 - Bühne

"Ernani" bei den Bregenzer Festspielen. Foto: Karl Forster.


Stephan Enders besuchte für den Standard bei den Bregenzer Festspielen die Premiere von Giuseppe Verdis "Ernani" und war von der klamaukigen Inszenierung Lotte de Beers durchaus angetan. Das passt auch historisch, meint er: "Das Opernpublikum der Romantik war süchtig nach komplett unglaubwürdigen, abnormalen Schauerstücken. Der Handlungsgang des Ernani-Librettos erinnert an einen Slalomkurs in einer Geisterbahn: reichlich überraschende Wendungen, jeder gruselige Schicksalsschlag eine Bodenwelle, auf der es die Protagonisten aushebt. Kein Wunder, dass Lotte de Beer in ihrer Inszenierung auf physische Wucht setzt: Die unter den Chor gemischten Mitglieder der Stunt-Factory rangeln als Räuberbande miteinander und vermöbeln als Ritter des Königs auch Don Ruy Gomez de Silva, den Onkel und Galan Elviras, filmreif und blutreich. Ernani wird so zur Splatteroper. Und Action!" In der nmz rümpft Wolf-Dieter Peter die Nase über übergroße Pappkronen und übertriebenes Bücken der Diener: "Dutzende Regieeinfälle von ähnlichem Nicht-Niveau, das eben nicht an Samuel Becketts oder Jean-Paul Sartres absurde Bitterkeiten heranreichte, wären aufzählbar - passend zu de Beers Äußerung, dass sie Verdis Musik 'geil' fände."

Verdi, Wagner, Mozart - in der SZ klagt Reinhard J. Brembeck über das immer gleiche Repertoire bei Opernfestspielen: "Neues ist in der Oper fast nur als Neuinterpretation zu haben: Ein neuer Sänger, Dirigent, Regisseur interpretieren bekannte Werke neu. Aber in dieser verbreiteten Praxis ist Augenwischerei dabei. Denn selbst ein radikal anders gesungener, dirigierter, inszenierter Beethoven-'Fidelio' bleibt letztlich nur eine Emanation dieses Stücks. Das Neue ist bei diesem allüberall praktizierten Verfahren ein Secondhand-Neues." Man könnte ja auch mal eine Uraufführung wagen, schlägt er vor.

Und weiter geht es mit den Festpielen: Theaterregisseur Jay Scheib steht mit seiner "Parsifal"-Inszenierung in Bayreuth in der Kritik: Es gibt zwei Fassungen, für eine braucht man AR-Brillen, von denen es aber nicht genügend für alle Zuschauer gibt. Scheib erklärt die Notwendigkeit der Brille in der FR so: "Sie erweitert das bestehende Konzept um eine weitere Ebene. Eigentlich gibt es zwei Konzepte, also wäre es im Grunde notwendig, dass man unseren 'Parsifal' zweimal erlebt. Durch die Brille wird eine Menge an Ideen und Einflüssen hinzugefügt, die man sonst nicht sieht. Wir hatten uns überlegt, ob wir manche Dinge davon in ein für alle sichtbares Video-Design einbauen, aber die Bühne war nicht dafür geplant, also existiert dieser 'Parsifal' damit in unterschiedlichen Versionen." Kritikern empfiehlt er: "Denken Sie an Richard Wagner: 'Kinder, macht Neues.' Ich könnte mir vorstellen, dass er mit diesem 'Parsifal' zufrieden gewesen wäre."

Weiteres: In der NZZ erinnert Dieter Borchmeyer an die Wirkung, die Goethes "Götz von Berlichingen" bei seiner Uraufführung hatte: Seitdem darf man auf der Bühne sprechen, wie einem der Schnabel gewachsen ist. In der FAZ porträtiert Claudius Seidl die Kabarettistin Monika Gruber, die beim Publikum mit populistisch konservativer Agenda punktet. Besprochen werden Choreografien beim Impulstanz in Wien ("radikale Selbstentblößung, um der Gegenwart an die Wäsche zu gehen", erlebte Welt-Kritiker Jakob Hayner

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.07.2023 - Bühne

Erst kommt der Raum, dann der Text, erklärt Ersan Mondtag im Interview mit monopol seine Arbeit am Theater. Er sei "ein Bühnenbildner, der seine Räume inszeniert, kein Regisseur, der auch noch das Bühnenbild macht ... Meine Räume entstehen aus fantastischen Vorstellungen heraus. Ich baue keine Räume, die real sind. Ich entwickle architektonische Räume, gerade interessiert mich der Brutalismus sehr. Für 'Salome' von Oscar Wilde, einer Strauß-Oper, habe ich einen Raum gebaut, der sich dreht. Ich arbeite mit bestehenden Elementen, kreiere aber einen fantastischen Raum. Innen sieht es aus wie ein belarussischer Palast, dazu kommen aber christliche gefärbte Skulpturen in Überdimensionierung, umrahmt von einem brutalistischen Palast. Aus all diesen verschiedenen Formen entsteht etwas anderes, behauptet, eine Sandburg zu sein. In Wahrheit ist alles aus Holz gebaut. Ein Imitationsraum."

Besprochen werden Brigitte Fassbaenders Inszenierung der "Götterdämmerung" bei den Festspielen in Erl (nmz) sowie Brett Deans "Hamlet" und Händels "Semele" bei den Münchner Opernfestspielen (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.07.2023 - Bühne

Szene aus der Oper "Der fliegende Holländer". Foto: Via Baltic Opera Festival

Welt-Kritiker Manuel Brug begibt sich tief in die polnischen Wälder, um Tomasz Koniecznys Inszenierung von Wagners "Der fliegende Holländer" zu sehen. Mit dem neuen Baltic-Opera-Festival will Konieczny die Waldoper Zoppot wiederbeleben, die auf eine bewegte musikalische Geschichte zurückblickt, lesen wir. Die Waldoper gibt es seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Später eigneten sich die Nazis den Ort als "Bayreuth des Nordens" an, um ihren Wagner-Kult zu betreiben. Brug sieht eine gelungene Aufführung, die sich optisch zurückhält, um dem uralten Wald ringsum seinen Platz in der Inszenierung einzuräumen: "Konieczny selbst hatte ein minimalistisches szenisches Konzept mit hellen Kostümen und sechs fahrbaren, durchlöcherten schrägen Wänden erstellt: Die waren Schiff und Webstuhl und gute Akustikstütze. Boris Kudlička, weltweit gefragter Opernbühnenbildner, vor allem mit Polens berühmtestem Regisseur Mariusz Treliński, hat sie entworfen. In einer Riesenholzwanne fuhr der wackere Chor herum... Daland saß im Rollstuhl oder wie Onkel Dagobert auf seinem Vermögen in Form eines riesigen, gleißend angestrahlten Goldbarrens. Senta brachte auf einem Leiterwagen kleine Püppchen und eine große Holländerpuppe mit; am Ende schnitt sie sich als Selbstopfer die Kehle durch. Und immer wieder säuselten dahinter, weiß, grün oder liebesrosa angestrahlt, die Blätter der eindrücklichen Waldkulisse." Auch Tagesspiegel-Kritikerin Regine Müller freut sich über die "Wiederbelebung eines einzigartigen Orts".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.07.2023 - Bühne

FAZ-Kritiker Boris Motzki erinnert an die Uraufführung von Arthur Schnitzlers "Komödie der Verführung" vor hundert Jahren und wünscht sich zu diesem Anlass "etwas mehr Märchenluft" in der heutigen Theaterwelt. Die Choreografin und Tänzerin Simone Forti hat bei der Tanz-Biennale in Venedig den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk gewonnen, freut sich Sandra Luzina im Tagesspiegel. Nachtkritikerin Esther Boldt teilt ihre Eindrücke vom Festival Theater der Welt. In der taz resümiert Joachim Lange die Auftaktproduktionen vom Festival d'Aix-en-Provence.

Besprochen werden: Das neue Stück der Needcompany "Billy's Joy" (eine Kompilation aus Shakespeare Komödien) beim Wiener Festival Impuls-Tanz im Akademietheater (SZ), Carolina Bianchis Lecture-Performance "Die Braut und Goodnight Cinderella" vom Festival Theater der Welt (FR), Moritz Franz Beichels Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" bei den Salzkammergut Festwochen in Gmunden (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.07.2023 - Bühne

Szene aus Händels "Semele" an der Bayerischen Staatsoper. Foto: Monika Rittershaus


Ein Liebesstreit unter griechischen Göttern - das klingt nicht wie ein Stoff, aus dem Theaterereignisse des 21. Jahrhunderts gemacht sind, dachten sich die Kritiker, als sie sich auf den Weg ins Münchner Prinzregententheater machten, um Händels Semi-Opera "Semele" zu sehen. Und dann wurde die Aufführung zu dem Ereignis der Münchner Opernfestspiele: Regisseur Claus Guth hat das ganze einfach als "Girlie-Macho-Story" um eine junge Influenzerin erzählt, berichtet in der nmz ein hingerissener Wolf-Dieter Peter, dem es besonders das Finale angetan hat: "In einem schwarzen Irrgarten steigert sich Semele trotz der von Juno automatenhaft gesteuerten, eindringlich Warnungen singenden Schwester Ino von Nadezhda Karyazina in eine selbstzerstörerische Fixierung von 'Jupiter unbedingt als Mensch' - und da gelang Brenda Rae bewundernswert Anrührendes: dass fabelhafter barocker Ziergesang - lange vor allen medizinischen Erkenntnissen zu 'Schizophrenie', 'Borderline' oder 'manischer Destruktion' - vorführen kann, wie harmonische Gesangslinien zerfallen in Koloratur, virtuose Tonsprünge, fast schon 'unmenschliche' Ton-Läufe als Ausdruck eines zerfallenden, in 'Wahnsinn' verlöschenden Ichs - Felsensteins Ideal des 'Singen-müssenden-Menschen' war faszinierend zu erleben."

Auch Reinhard J. Brembeck ist in der SZ hin und weg von den Sängern ebenso wie von der Inszenierung: "Während Orliński und Spyres, aber auch der von Gianluca Capuano flüssig angeleitete Chor sowie das Orchester der Bayerischen Staatsoper mit Vorliebe auf Handfestes und Publikumsüberwältigung setzen, gibt sich Brenda Rae verhalten, dezent, leise. Der Kontrast zu den Haudraufmännern ist enorm. Erst nach und nach setzen sich die leisen und oft mit halsbrecherischer bis atemloser Rasanz gesungenen Töne Brenda Raes durch, das überwältigt das zuletzt tobende Publikum. Bei Claus Guth, diesem immer in psychologischen Dimensionen denkenden Regisseur, ist Semele als Einzige zerrissen zwischen der ganz in Weiß und Überschwang gehaltenen Menschenwelt und den sexuellen Abgründen, für die die ganz in Schwarz gehaltene Welt Jupiters steht." In der FAZ verteilt Christian Gohlke vorsichtig dosiertes Lob.

Weitere Artikel: Der Münchner Theaterregisseur Jan-Christoph Gockel erzählt in der SZ vom seinem Besuch beim Podil-Theater Kiew. In der FAZ freut sich Wiebke Hüster über den Goldenen Löwen für die Choreografin Simone Forti bei der Biennale Danza in Venedig.

Besprochen werden Giovanni Paisiellos Oper "La Molinara" in Rheinsberg (Tsp), der erste Teil von Carolina Bianchis "Cadela Força"-Trilogie (nachtkritik) und Satoko Ishiharas Puppentheater "Yoroboshi" (FR), beide beim Theater der Welt in Frankfurt und Christian Stückls Inszenierung von Shakespeaers "Julius Caesar"  am Passionstheater (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.07.2023 - Bühne

Szene aus dem Musical "1989". Foto: Juliusz-Słowacki-Theater, Krakau.

Ein "großer Wurf" ist dem Autorentrio Mirosław Wlekły, Marcin Napiórkowski und Katarzyna Szyngiera mit dem Musical "1989" gelungen, jubelt Gerhard Gnauck in der FAZ. Diese Koproduktion des Krakauer Słowacki-Theaters und des Danziger Shakespeare-Theaters erzählt die Geschichte der "Solidarność"-Bewegung. Die Protagonisten sind die Aktivisten der Bewegung, so der Kritiker, allen voran Lech Wałęsa und Jacek Kuroń. Außerdem gibt es hier aber auch eine Menge Frauenpower, freut sich Gnauck: "Die Frauen erheben ihre Stimme der Besonnenheit. Aber als das Regime es dem inhaftierten Kuroń verweigert, seine im Sterben liegende Frau ein letztes Mal zu sehen, packt sie der Zorn. Sie präsentieren sich mit einem wilden Tanz: als Töchter nicht verbrannter Hexen, als Amazonen, 'die Hitler und Stalin nicht unterkriegen konnten', als 'die Kraft, die Mauern zum Einsturz bringt'. Die Frauenszenen erhalten den stärksten Beifall."

Wiebke Hüster schreibt in der FAZ einen Nachtrag zu ihrem Artikel über den Direktor des Hamburger Balletts John Neumeier. (Unser Resümee) Dieser veröffentlichte nun eine Stellungnahme, in der er russischen Quellen widerspricht, die berichteten, er habe die Lizenz für sein Ballett "Die Kameliendame" am Bolschoi-Ballett verlängert. Wie es zukünftig für das Theater weitergehen soll, steht in den Sternen, so Hüster: "Bald aber ist in Moskau kein internationales Repertoire mehr vorhanden und alles zerstört, was in den letzten zwei, drei Jahrzehnten aufgebaut wurde. Sollte sich das Bolschoi entschließen, Werke ohne Lizenz zu spielen, also geistiges Eigentum zu stehlen oder wie das Marijnsky-Ballett im Fall Alexei Ratmanskys Werke ohne Nennung des Autors aufzuführen, muss es sich überlegen, wie die Zukunft der größten Ballettcompany der Welt nach Kriegsende wohl aussehen wird. Wie sollte sich eine erneute Zusammenarbeit nach solchen Vertrauensbrüchen gestalten?"

Besprochen werden Meiro Koizumi Inszenierung von "Prometheus Bound" im Rahmen des Festivals Theater der Welt (FR) und Gianluca Falaschis Inszenierung von Nicola Antonio Porporas Oper "L'Angelica" am Staatstheater Mainz (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.07.2023 - Bühne

Opéra de quat'sous. Foto: Jean-Louis Fernandez.

Gleich zwei Inszenierungen beim Festival d'Aix-en-Provence hat sich Anja-Rosa Thöming für die FAZ angesehen: Thomas Ostermeiers Inszenierung der "Dreigroschenoper" konnte sie nicht ganz überzeugen, "man ahnt das Potential der Typen, doch die Regie meint immer wieder, mit Varieté-Gags wie Gesicht-in-Sahnetorte nachhelfen zu sollen. Da kann auch der musikalische Leiter Maxime Pascal mit dem Ensemble Le Balcon nicht helfen." Deutlich besser sieht es mit "The Faggots and their Friends between Revolutions" von Philip Venables und Ted Huffman aus: "Wie das Wort 'queer' wird auch 'faggots' (Schwuchteln) umgedeutet in eine positive Selbstbezeichnung: 'Nous le disons avec amour' (Huffman). Alle fünfzehn Darstellerinnen und Darsteller, Musikerinnen und Musiker, binäre und nicht binäre, blicken mit einer ungewohnten Offenheit ins Publikum, jedoch nicht aufgesetzt, sondern um Kontakt herzustellen. Und das Publikum spielt mit, reagiert, ist geradezu verzaubert."

"Zur Inkubationskapsel" werden Frankfurt am Main und Offenbach während des Festivals "Theater der Welt", auf dem sich Shirin Sojitrawalla für die taz umschaut. "Dazu muss man wissen, dass die diesjährige Festivalleiterin Chiaki Soma den Inkubationismus als Festivalanker ausgeworfen hat. Der Begriff bezieht sich zum einen auf das Ausbrüten von Eiern und meint zum anderen die Phase bis zum Ausbruch einer Krankheit. Für Soma sind das Momente der Ungewissheit, aus denen Neues entstehen kann. ... Inkubationismus ist für mich gleichbedeutend mit einer positiven Einstellung gegenüber einem Leben in Ungewissheit.'" Virtuelle Realitäten spielen bei vielen Inszenierungen eine wichtige Rolle: "Meiro Koizumi arbeitet für 'Prometheus Unbound' mit VR-Brillen. Mit dem schweren Ding auf dem Nasenrücken wandelt man in einem Raum umher; zuerst bleibt alles im Rahmen, ein paar Quadrate und andere Figuren fliegen durch die Luft, was zu Effekten führt, die man aus 3D-Filmen kennt. Mit einem Mal aber verliert man den Boden unter den Füßen und muss kurz nach Luft schnappen, weil man nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Ein gigantisches Gefühl, gleichzeitig furchterregend."

Weitere Artikel: Dem Schauspieler Florian Teichtmeister droht eine weitaus schwerere Anklage als zunächst angenommen, berichtet Cathrin Kahlweit in der SZ, es wird ihm nun nicht mehr  der Besitz, sondern auch die Bearbeitung von Kinderpornographie angelastet: "Der 43-Jährige soll nicht nur weit mehr als zunächst bekannt, nämlich 76 000 Dateien auf Smartphones, Laptops, einem Desktop, drei externen Festplatten, einem USB-Stick und drei Speicherkarten gesammelt, sondern etwa die Hälfte davon auch vervielfältigt, bearbeitet, verändert und zu Collagen oder Videos umgestaltet haben." Der Choreograf des Hamburger Balletts, John Neumeier, zieht seine "Kameliendame" jetzt doch vom Moskauer Bolschoi-Ballett ab, berichtet Dorion Weickmann in der SZ, Grund dafür ist der Ukraine-Krieg; ein weit davor geschlossener Vertrag läuft jetzt aus.

Besprochen werden Rudi Stephans Oper "Die ersten Menschen" in der Inszenierung von Tobias Kratzer in der Oper Frankfurt (Welt), "Chornobyldorf" von Roman Grygoriv und Illia Razumeiko beim Theater der Welt (FR) und Koleka Putumas "Hullo, Bu-Bye, Koko, Come In" ebenfalls beim Theater der Welt (FR).