Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

3734 Presseschau-Absätze - Seite 83 von 374

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.09.2023 - Bühne

Erfand Bertolt Brecht wirklich zwischen 1925 und 1928 in der Spichernstraße 16 in Berlin-Wilmersdorf das episch-dokumentarische Drama? Der Literaturwissenschaftler Detlev Schöttker hat in der FAZ ("Bilder und Zeiten") seine Zweifel. Immerhin gab es da auch noch Alfons Paquet: "Paquet veröffentlichte nach literarischen Texten und Reisereportagen zwei Stücke, die 1924 und 1926 in Inszenierungen von Erwin Piscator mit großem Erfolg an der Volksbühne am Bülowplatz, dem heutigen Rosa-Luxemburg-Platz, gezeigt wurden. In 'Fahnen' behandelte er einen mehrtägigen Streik der Fabrikarbeiter in Chicago im Jahr 1886 für die Absenkung der täglichen Arbeitszeit. 1904 hatte er die Weltausstellung im vierhundert Kilometer von Chicago entfernten St. Louis besucht, kannte also den modernen Kapitalismus aus eigener Anschauung. In 'Sturmflut' wiederum, das in St. Petersburg spielt, verarbeitete er Ereignisse der russischen Oktoberrevolution, die er kannte, weil er 1918 als Presseberichterstatter in Moskau gewesen war. ... Beide genannten Stücke lagen 1926 auch in Buchform vor und nahmen in Vorspanntexten die Theorie des epischen Dramas vorweg, was von Brecht und seinen Anhängern indes mit keinem Wort erwähnt wird."

Szene aus Molières "Der Geizige" in Frankfurt. Foto: Thomas Aurin


Die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik hat am Schauspiel Frankfurt Molières "Der Geizige" inszeniert. Irgend einen höheren Sinn konnte sie dem Stück nicht abgewinnen, da sind sich Martin Thomas Pesl (nachtkritik), Simon Strauß (FAZ) und Judith von Sternburg (FR) einig. Aber während sich erstere einfach nur gründlich gelangweilt haben, versucht Sternburg der Sache doch noch etwas abzugewinnen - die zwei jungen Paare beispielsweise, die dem geizigen Harpagon eine Heirat abtrotzen wollen: Ihnen "gelingt es, vom Thema Geiz loszukommen und als eigentlichen Gruselkern des Stücks den Alptraum der Unfreiheit in einer patriarchalen, absolutistischen, wirtschaftlich abhängigen Struktur freizulegen".

Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Dominique Zieglers "Choc! Die Süssigkeit der Götter" am Theater Biel-Solothurn (nachtkritik) und Sibylle Bergs "Es kann doch nur noch besser werden" am Berliner Ensemble (nachtkritik, SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.09.2023 - Bühne

Szene aus "Don Giovanni aux enfers" in Straßburg. Foto © Klara Beck


Wie geht es nach seiner Höllenfahrt eigentlich weiter für Don Giovanni? Das fragte sich der dänische Komponist Simon Steen-Andersen. Das Ergebnis, die Oper "Don Giovanni aux enfers", kann man an der Opéra national du Rhin in Straßburg betrachten. Für nmz-Kritiker Joachim Lange ein Riesenspaß: Steen-Andersen "geht gleich zu einem adaptierten Readymade-Verfahren über und zitiert und collagiert, was das Zeug hält ... Da finden sich Passagen von Monteverdi, Gluck, Rameau, Berlioz, Boito aber auch aus Verdis, Wagner, Gounod, Puccini und für Polystophélès aus Rubinsteins 'Dämon'. Und dann bricht natürlich auch Offenbachs Unterwelt Cancan aus. Es ist allemal ein Augenzwinkern dabei, wenn Don Giovanni diversen 'Kollegen' begegnet, ob sie nun Faust, Macbeth oder Jago heißen. Eine musikalisch interpretatorische Meisterleistung ist die Umkehrung von Don Giovannis Avancen, in denen er diesmal zum Objekt der übergriffigen Begierde der Frauen wird und schließlich zur Strafe splitterfasernackt vor den Zuschauern auf dem Prospekt im Hintergrund singen muss."

Nina Hoss als Dostojewski in Barbara Freys "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" in der Zeche Zollverein / Ruhrtriennale. Foto: Matthias Horn


Wow, Barbara Freys Abschiedsfeier von der Ruhrtriennale mit Dostojewskis "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" in der Zeche Zollverein ist rundum gelungen, freut sich in der SZ Alexander Menden. Schon der Ort passte: "Eine ölige Flüssigkeit tropft durch einen der viereckigen Betontrichter auf den senkrecht punktuell beleuchteten Boden. Ein Raum im Stockwerk darüber ist mit Mulch ausgelegt, der einen dumpfen Geruch verbreitet. Im nächsten Raum steht eine Räucherkerze, der darauffolgende ist mit Trockeneisnebel gefüllt und sanft von orangefarbenem Licht durchströmt. Was esoterisch und preziös sein könnte, schafft im Kontext der überdimensionierten Beton- und Backstein-Raumfluchten eine eigene, allenfalls etwas jenseitige Atmosphäre."
 
Auch Simon Strauß (FAZ) ist fasziniert, vor allem vom Spiel der Nina Hoss: "Vom ersten Satz an unterläuft Hoss den existenzialistischen Parlando-Ton der 1864 erstmals erschienenen Vorlage mit einer fast aufgekratzten Heiterkeit. ... Nur wenn sie schweigt und über einen klappernden Laufsteg ins Publikum hineinläuft, meint man, einen Hauch von Angst in ihren Augen zu sehen. Ansonsten aber argumentiert sie mit diebischer Freude gegen die allgemeinen Glücksvorstellungen. Wider die Herrschaft der Vernunft stellt sie den Erkenntnisgewinn durch Verzweiflung, macht selbst im Zahnschmerz einen Triumph des Wollens aus - 'denn man stöhnt ja dabei'. Der freie Wille gilt diesem Wesen mehr als alles andere, den evolutionären Vorteil des Menschen sieht es in seinem unbändigen Begehren."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel schreibt Christiane Peitz zum Tod des Wagnertenors Stephen Gould, in der FAZ schreibt Jan Brachmann.

Besprochen werden John Adams' Oppenheimer-Oper "Doctor Atomic" am Theater Bremen (taz), Elisabeth Gehrs' "Fasia - Das letzte Jahr", ein Stück über das Leben der afrodeutschen Aktivistin Fasia Jansen, an der Volksbühne Berlin (nachtkritik) und Christiane Rösingers "Die große Klassenrevue" im Berliner HAU1  (Tsp, taz),

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.09.2023 - Bühne

"Celine" tanzt. Foto: Ann Ray, Theatre La Colline


So kann man Identitätsfragen auch auf die Bühne bringen: mit Leichtigkeit, staunt FAZ-Kritiker Marc Zitzmann im Pariser Colline Theater, wo Yasmina Reza ihr neues Stück "James Brown benutzte Lockenwickler" inszeniert hat. Es geht um einen jungen Mann, Jacob, der sich so mit Celine Dion identifiziert, dass er glaubt sie zu sein. Seine Eltern bringen ihn in eine psychiatrische Klinik, wo er einen anderen jungen Mann trifft, Philippe, der - obwohl weiß - glaubt schwarz zu sein. "Das kleine Wunder: Die beiden haben einander gefunden. 'Céline' (ohne jede Schmiere, vielmehr mit leuchtender Ausgeglichenheit die Normalität des Anormalen vorlebend: Micha Lescot) weiß zu schätzen, dass der Student sie trotz ihres Ruhms wie einen gewöhnlichen Menschen behandelt. Philippe wiederum (zwischen kindischem Trotz und dünnhäutiger Haarspalterei: Alexandre Steiger) wird besänftigt durch den frankokanadischen Frohmut der 'Sängerin' und die Dämpfer, die diese immer wieder seinem Verfolgungswahn aufsetzt. Ein exotisches Bäumchen, das beide verbotenerweise in den Park pflanzen, versinnbildlicht - eine Spur zu vordergründig - die Identitäts- und auch Immigrationsproblematik, die dem Stück zugrunde liegt. Wird das krumme Gewächs in Frankreichs Erde gerade wachsen? Und was, wenn es sich um eine invasive Spezies handelt?"

Nina Hoss als Dostojewski in Barbara Freys "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" in der Zeche Zollverein / Ruhrtriennale. Foto: Matthias Horn


In der Zeche Zollverein sehnt sich nachtkritiker Martin Krumbholz nach einem Wodka, während er zuhört, wie Nina Hoss als Dostojewski zu beweisen sucht, "dass das Leben sinnlos ist (auch Beckett hat Dostojewski gelesen), und das auf höchstem intellektuellen Niveau. Man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass es ihm gelingt."

Weitere Artikel: Wiebke Hüster berichtet in der FAZ von einer BBC-Dokumentation über Missstände an Englands großen Ballettschulen: "In der Hauptsache geht es bei den Gemeinheiten und Herabsetzungen um das Körpergewicht und Aussehen der jungen Tänzer. Körperliche Veränderungen, die oft mit Beginn der Pubertät einsetzen, werden nicht willkommen geheißen oder wenigstens toleriert, sondern geächtet." Manuel Brug schreibt in der Welt den Nachruf auf den Heldentenor Stephen Gould.

Besprochen werden Lydia Steiers Inszenierung von Verdis "Don Carlos" am Grand Théâtre in Genf (NZZ), Hans Werner Henzes "Das Floß der Medusa" im Flughafen Tempelhof in Berlin (taz) und Benedikt von Peters Inszenierung der "Walküre" in Basel (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.09.2023 - Bühne


Szene aus "Anthropolis" am Schauspielhaus Hamburg


Viel vorgenommen hat sich das Schauspielhaus Hamburg: Karin Beier inszeniert Roland Schimmelpfennigs "Anthropolis", eine Adaption der "Bakchen" von Euripides, in fünf epischen Teilen. Zum Zeitgeist steht das Stück zumindest in mancher Hinsicht quer, meint Till Briegleb in der SZ: "In Karin Beiers auffällig un-woker Inszenierung von Schimmelpfennigs gemischtem Wein aus Antike und Gegenwart werden Männer tatsächlich von Männern gespielt, und die weibliche Hauptperson Agaue von Lina Beckmann. (...) Das Resümee des blutigen Endes, wo die mit Wahn geschlagene gläubige Mutter den ungläubigen eigenen Sohn zerreißt, ist eher klar fundamentalistisch wie in einem Taliban-Staat. Wer Gott spottet, hat sein Leben verwirkt. Obwohl wie in jeder guten 'Bakchen'-Inszenierung die Sympathien zwischen den beiden Vertretern des göttlichen und des rechtlichen Prinzips auch hier hin und her schwanken, rührt diese Adaption im Finale nicht wirklich an der Moral, dass Blasphemie eine Todsünde sei." Wie passt das nun zusammen? Nun ja, es geht laut Briegleb eben gerade darum, sich an die "Zivilisation maximaler Gleichzeitigkeit" zu gewöhnen.

Für die Welt unterhält sich Jakob Hayner mit dem Dramatiker Oliver Bukowski. Sein neues Stück, das am 21.10. am Jungen Theater Göttingen uraufgeführt wird, trägt einen eher überraschenden Namen: "Gewaltdarstellungen, Alkohol- und Drogenkonsum, Schimpfwörter, sexuelle Inhalte". Im Gespräch geht es um Erwartbares - Triggerwarnungen, West vs. Ost -, aber auch um die Frage, warum im Gegenwartstheater derzeit so wenig Gegenwart steckt. Bukowski: "Warum gerade so wenig zu Lockdown oder Krieg auf der Bühne? Aufgabe der Bühne ist es nicht, Tagespolitik zu illustrieren, aber diesmal ist es wirklich seltsam. Dabei hätten wir hier nicht einmal abstrakt groß- oder parteienpolitisch langweilen müssen. Corona und Ukraine schlagen durch bis in die elementarsten Beziehungen. Freundschaften enden, Familien streiten bis in den Hass, Paare trennen sich. Keine Ahnung, warum eine solch historische Ausnahmesituation mit so vielen, ganz privat erfahrbaren Konsequenzen so wenig auf den Bühnen und in den Texten vorkommt."

Weitere Artikel: Wie Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung berichtet, sind die Kudammbühnen im Berliner Westen akut gefährdet. Die Komödie am Kurfürstendamm ist bedroht, weiß die nachtkritik.

Besprochen werden Nicolas Stemanns Brecht-Inszenerierung "Das Leben des Galilei" (FAZ, SZ), Die Castorf-Inszenierung "Boris Godunow" an der Staatsoper Hamburg (FAZ, Welt), die Performance "Selfie & Ich" am Ballhaus Ost (Tagesspiegel), Gaetano Donizettis Grand Opéra "Les martyrs" im Theater an der Wien (Standard), das Boulevardstück "Was war und was ist" an den Hamburger Kammerspielen (Welt), Alexander Eisenachs Inszenierung "Weltall, Erde, Mensch" am Deutschen Theater (Welt) und die Richard-Strauss-Inszenierung "Die Frau ohne Schatten" an der Oper Köln (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.09.2023 - Bühne

Szene aus "Doctor Atomic". Foto: Theater Bremen.

nmz-Kritikerin Ute Schalz-Laurenze bleibt glatt die Luft weg bei Frank Hilbrichs Inszenierung von John Adams Oper "Doctor Atomic" am Theater Bremen. Die 2005 enstandene Oper behandelt den Kernspaltungsversuch der Amerikaner im Jahr 1945 in Los Alamos. Die Zuschauer verfolgen die Konferenzen der Wissenschaftler und Politiker, mit dabei der "kettenrauchende Robert Oppenheimer" und der "brutal durchgreifende General Leslie Groove" hinter einem Glaskasten in Zeitlupe. Klingt langweilig? Ist es aber überhaupt nicht, jubelt die Kritikerin: "Die Protagonisten wirken, ausgestattet mit Fantasieklamotten und Haarskulpturen, wie Wachsfiguren, wie Marionetten, von fremder Hand geführte Geister, die Gewaltiges tun, aber eigentlich nicht mehr wissen, was sie tun. Und auch nicht wissen, dass sie gerade zu Ungeheuern werden Es ist atemberaubend, wie sich ihre unbewältigbaren Spannungen und Nöte auf die ZuschauerInnen zu übertragen scheinen." Auch über die Musik kann Schalz-Laurenze nur staunen: "Trotz ihrer stilistischen Verortung in der harmlosen Minimal Music, der eher spätromantischen sinfonischen Wucht und virtuosen, ganz in der Operntradition verwurzelten Gesangslinien ist sie handwerklich natürlich enorm gekonnt."

Weitere Artikel: Nora Hertlein-Hull ist die neue Leiterin des Berliner Theatertreffens, melden die Feuilletons. Nachtkritiker Georg Kasch plädiert dafür, die Schuld für das Scheitern des Dreiergespanns nicht ausschließlich bei den dreien zu suchen, deren Verträge jetzt nicht verlängert wurden: "Warum schickt man ohne Not ein solches Team ins Rennen, ohne das Konzept auf Praxistauglichkeit (und offenbar auch: Finanzierbarkeit) abgeklopft zu haben? Hätte es nicht Möglichkeiten gegeben, die (verbliebenen) Leiterinnen zu schützen?"

Besprochen werden Alexander Eisenachs Inszenierung von "Weltall Erde Mensch" am Deutschen Theater Berlin (SZ, FAZ, taz, FR), Christiane Mudras mobiles Theaterstück "Selfie und Ich", das vom investigativen Theater in Berliner Privatwohnungen gespielt wird (taz), Frank Castorfs Inszenierung von Modest Mussorgskys Oper "Boris Godunow" an der Hamburgischen Staatsoper (Welt), Henriette Hörnigk Inszenierung von Richard Wagners Oper "Lohengrin" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Holger Potockis Inszenierung von Giacommo Puccinis Oper "Turandot" am Landestheater Detmold (nmz). András Dömötörs Inszenierung von Suzie Millers Monolog "Prima Facie" am Deutschen Theater Berlin (nachtkritik, SZ, FAZ, BlZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.09.2023 - Bühne

Szene aus "Museum of Uncounted Voices". Foto: Viktoria Nazarova.

FAZ
-Kritikerin Kerstin Holm verfolgt gebannt, wie in Marina Davydovas theatraler Installation "Museum of Uncounted Voices" im Theater Freiburg, die "Geister von Staaten, aber auch von Verfolgten temperamentvoll auf der Bühne streiten". Die Exilrussin Davydova setzt sich mit der Geschichte der Sowjetunion auseinander, so Holm, dafür erweckt sie auf der Bühne einen Museumsraum zum Leben, in dem sich die Stimmen unterschiedlicher Länder über die "richtige Version" der Historie streiten und dabei versuchen, die Schauspielerin Marina Weiß zu belehren. Davydova, die als Kind aus Aserbaidschan nach Moskau, dann nach dem russischen Angriff auf die Ukraine wegen Drohungen auch von dort fliehen musste, verhandelt hier auch ihre eigene Geschichte, weiß Holm: "'Davydovas 'Museum' zerlegt die Gewissheiten, Gruppenansprüche aufgrund von einstiger Größe, aber auch der Opferstatus infolge Gruppenzugehörigkeit werden desavouiert. Authentisch erscheint allein das Einzelschicksal, wie die monologische Schlussszene unter dem Titel 'Person' anhand der Biographie der Autorin vorführt. Weis rekapituliert Davydovas späten Besuch in Baku, wo sie ihre Geburtsurkunde erneuern will, wo der Friedhof, auf dem ihre Eltern lagen, zerstört ist und wo die Behörden die Halbarmenierin nicht kennen wollen."

Anna Netrebko hatte am Freitag abend ihren ersten Auftritt als Lady Macbeth an der Berliner Staatsoper: SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber fand sie stellenweise "seltsam blass" und kann sich auch nicht von der Frage lösen, ob die Staatsoper wirklich auf dieser Besetzung bestehen musste. Auf Zeit online hat Dirk Peitz Verständnis für die Demonstranten vor der Tür: "Doch ändert auch das nichts daran, dass an diesem Abend in Berlin eine Frau eine Gesangsdarbietung vollführt hat, wie man sie selten zu Gehör bekommt. Die Kunst, so kann man es ebenfalls sehen, steht in einer derartigen Perfektion auch immer für sich." Mehr dazu in der Berliner Zeitung und der NZZ.

Besprochen werden Kay Voges Inszenierung von "Gameshow für Österreich" am Volkstheater Wien (SZ), Olivia Hirsts und David Byrnes Stück "The Vanishing Room" am English Theatre Frankfurt (FR), Kristo Šagors Adaption von George Orwells Roman "1984" inszeniert von Jörg Wesemüller am Staatstheater Darmstadt (FR), Clemens Bechtels und David Gieselmanns Stück "Das Ministerium" am Staatstheater Wiesbden (FR), Alexander Eisenachs Inszenierung von "Weltall Erde Mensch" am Deutschen Theater Berlin (tsp, BlZ, nachtkritik), Frank Castorfs Inszenierung von  Modest Mussorgskys Oper "Boris Godunow" an der Hamburgischen Staatsoper (taz, nachtkritik), Stefan Ottenis Inszenierung von "Give Peace a chance" nach Friedrich Schillers Stück "Wallenstein" am Theater Münster (nachtkritik), Robert Pienz Inszenierung von Michael Köhlmeiers Neufassung von "Antigone" am Schauspielhaus Salzburg (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.09.2023 - Bühne

Jakob Hayner empfiehlt in der Welt neues deutsches Theater in Essen, angeregt durch die neue Doppelspitze des Schauspiels, Selen Kara und Christina Zintl: "Das Erstaunliche ist, dass sich in Essen eine neue Intendanz nicht mit großem Diversitätsgeschrei in der Kultur- und Positionierungskämpfe dieser Zeit wirft, sondern eine neue Idee des Gemeinsamen in der Unterschiedlichkeit beschwört. 'Wir möchten ein neues gesellschaftliches 'Wir' befördern, indem wir Vielheit als Selbstverständlichkeit behandeln und ein Theater für alle bieten', fassen Kara und Zintl ihre Idee für das 'Neue Deutsche Theater' zusammen. Das ist zwar keine ganz neue Botschaft, aber ein neuer Ton. Ist das 'Neue Deutsche Theater' ein Zeichen, dass sich die Zeit der identitätspolitischen Zuspitzungen und Polarisierungen gen Ende neigt? Und dass betonte Wokeness zwar im Feuilleton noch goutiert wird, aber mehr Publikum abschreckt als anzieht?"

Weitere Artikel: Rund 150 Demonstranten protestierten gestern vor der Staatsoper in Berlin gegen den Auftritt Anna Netrebkos, meldet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel. Laut Michael Meier (Berliner Zeitung) waren es mehrere hundert Demonstranten, die nichts daran änderten, dass Netrebko im Saal "eine künstlerische Weltklasseleistung hinlegte. Minutenlange, einhellige Standing Ovations für die Sängerin". Torben Ibs war für die taz dabei, als die Münsteraner Tanztheater-Company Bodytalk das Tanzfestival in Seoul mit "Koreality - (K)eine Geisterbeschwörung" eröffnete.

Besprochen werden die Uraufführung von Lutz Hübners und Sarah Nemitz' Stück "Was war und was wird" an den Hamburger Kammerspielen (nachtkritik) und Stina Werenfels' Bühnenadaption von Annie Ernaux' Erinnerungen an den Berner Bühnen (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.09.2023 - Bühne

Heute Abend soll Anna Netrebko in der Berliner Staatsoper auftreten. Sergey Lagodinsky, Mitglied des Europäischen Parlaments, und Oleksii Makeiev, Botschafter der Ukraine in Deutschland, begründen in der Berliner Morgenpost, warum Protest gegen diesen Auftritt richtig sei. Die Russen müssten endlich lernen, sich mit der Geschichte des Imperialismus ihres eigenen Landes auseinanderzusetzen. Lippenbekenntnisse gegen den Krieg reichten nicht aus: "Kritische russische Stimmen ihrer Kulturrepräsentanten zu diesem Aggressionskrieg sind rar. Die meisten, die protestieren, tun das mit den Füßen, nicht mit der Stimme. Die Minderheit, die ihre Stimme erhebt, erhebt sie gegen den Krieg, nicht gegen die imperiale Kultur. Die Wenigen, die gegen die imperiale Kultur protestieren, meinen damit die käuflichen Propagandakollegen, nicht den Imperialismus, den die gesamte russische Kultur mit ihrer Haltung und ihren Narrativen seit Jahrhunderten atmet. Lermontow, Puschkin, Tjutschew, die Liste kann und muss fortgesetzt werden." Makeiev wirft der Intendanz "culture as usual" vor, schreibt der Tagesspiegel: "Es tut mir leid, dass die Oper statt unserer Argumente lieber die Sopranstimme von Frau Netrebko hört."

Kerstin Holm spricht sich in der FAZ allerdings gegen einen Boykott aus: "Dass Ukrainer auf Auftritte russischer Stars allergisch reagieren, ist verständlich. Doch Auftritte der Sängerin mit der Begründung zu verbieten, dass ihre Antikriegsposition nicht scharf genug formuliert ist, wäre ungerecht und für die Ukraine ohne Nutzen. Es wirkt vielmehr wie eine Ersatzhandlung für die Tatsache, dass von ukrainischen Frontkämpfern dringend benötigtes Militärgerät von den Verbündeten stets spät und in zu geringem Umfang geliefert wird."

Michael Maier führt für die Berliner Zeitung ein nicht gerade hart nachfragendes Interview mit dem Intendanten der Staatsoper, Matthias Schulz, der erklärt: "Netrebko hat eindeutig Stellung bezogen und auch entsprechend gehandelt: Sie tritt nicht mehr in Russland auf. Sie wird Teil einer künstlerisch herausragenden Aufführung von Verdis 'Macbeth' sein. Wir sollten in dieser Diskussion einander gut zuhören, um den Standpunkt des anderen nachvollziehen zu können. Die Künstlerin hat jedenfalls eine faire Behandlung verdient."

"Was bringt westliche Choreografen dazu, sich vor den Karren des russischen Aggressors spannen zu lassen?", fragt sich Wiebke Hüster in der FAZ. Zwei Ballette von Marco Goecke und Nacho Duato sollen im Juli 2024 im Moskauer Stanislawski-Ballett aufgeführt werden, alles deutet darauf hin, dass die Verträge dafür nach Kriegsbeginn geschlossen wurden. Im Gespräch mit dem früheren Ballettdirektor Laurent Hilaire erkundigt sich Hüster nach den Gründen: "Das Hauptargument sind die Tänzer in Russland. Sie leiden darunter, das ist richtig. Es ist hart und schwierig, sich von ihnen abzuwenden. Aber das schlimmste Leid ist auf der Seite derjenigen, die überfallen wurden." Sie insistiert: "Und darum noch einmal: Mit einem solchen Aggressor schließt man keine Verträge, und man nimmt kein Geld von ihm, und man gibt den eigenen Namen nicht für seine Zwecke her."

Marianna Simnett: Gorgon. Foto: Katja Illner

Berliner-Zeitung-Kritiker Stefan Hochgesand kommt merklich angeregt aus Marianna Simnetts KI-Oper "Gorgon" im Berliner HAU. "Auf einer Leinwand sehen wir Gorgon: ein Mischwesen, in dem sich visuell das Gesicht der Künstlerin Marianna Simnett mit Elementen einer Spinne verwebt, die ihrerseits - beliebtes Spinnen-Täuschungsmanöver! - eine Ameise zu sein vorgibt: durch eine geschickt die Wahrnehmung manipulierende Haltung ihres Spinnenkörpers. Auch diese Bewegtbilder sind KI-kreiert. Wir befinden uns damit sehr tief im uncanny valley, dem unheimlichen Tal des Gerade-nicht-mehr-Menschlichen." Im Tagesspiegel stellt sich Sarah Johanna Theurer hingegen eher Fragen zum Mehrwert der KI: "Marianna Simnett ist eine großartige Videokünstlerin, aber für Gorgon hat sie den theatralen Raum der Theatertradition gewählt. Vielleicht sollten wir uns angesichts der rasanten Entwicklung der KI-Technologie doch hin und wieder fragen, ob das jetzt wirklich alles so neu und anders ist."

Besprochen wird außerdem Barrie Koskys Inszenierung des "Rheingolds" in London (Welt)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.09.2023 - Bühne

Szene aus Händels "Flavio"


Die Wagner-Festspiele in Bayreuth sind zu Ende. Es beginnt das Festival Bayreuth Baroque, im Markgräflichen Opernhaus. Eröffnet wurde mit Händels "Flavio", eine "anti-heroische Komödie mit tragischen Untertönen", wie Welt-Kritiker Manuel Brug beim Händel-Forscher Winton Dean gelesen hat. Egal, Brug ist hin und weg, denn Intendant und Regisseur Max Emanuel Cencic "dreht das verhältnismäßig kurze Werk vollends in Richtung Sittenkomödie. Die jakobitische Comedy of Manners bekommt hier sogar frivole Züge à la Feydeau verpasst. Wohlwissend um die klatschfreudige Londoner Gesellschaft der Händel-Ära, sucht und findet die Regie Bezüge zu den zügellosen Monarchen Charles II. und James II., dem Politstreit zwischen konservativ katholischen Torys und liberal protestantischen Whigs sowie dem auch in Scribes 'Das Glas Wasser' porträtierten Viscount Bolingbroke. Und setzt auf saftige Farce und freche Satire, auf Mord, Peitschen auf Damenhintern, Kunstbrüste und stolze Erektionen." Im Graben spornt Benjamin Bayl das Orchester zu Höchstleistungen an, dass "der ganze alte Holzkasten swingt, singt und kräftig lacht".

Besprochen werden außerdem Eslon Hindundus' namibische Oper "Chief Hijangua" in Berlin (taz), Barrie Koskys Inszenierung von Wagners "Rheingold" an der Londoner Covent-Garden-Oper (FAZ) sowie der Saisonauftakt am Theater Magdeburg mit Martin Sperrs "Jagdszenen" und der Uraufführung von Saša Stanišić "Wolf" ("Wer sich fragt, was ein Stadttheater heute zu sagen hat: In Magdeburg findet er Antworten", versichert in der FAZ Christoph Weissermel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.09.2023 - Bühne

Cassandra, Théâtre de la Monnaie, Brüssel. Foto: Karl Forster


"Taugt 'Cassandra'", nämlich Bernard Foccroulles im Brüsseler Théâtre de la Monnaie uraufgeführte Klimaoper "als Beispiel für eine neue Zeitgenossenschaft" der Kunstform? Fragt Holger Noltze in der FAZ, und die Antwort lautet klar: ja. Es geht unter anderem um die Polkappenforscherin Sandra, die außerdem Komikerin ist sowie um einen Eisberg namens "Bach". Nicht zu leugnen, dass das auf den ersten Blick etwas überspannt anmutet. Dennoch: "Die Regisseurin Marie-Ève Signeyrole erzählt Sandras Geschichte stimmig, um einen multifunktionalen Riesenblock herum, der ein Berg aus Eis oder auch Büchern sein kann, oder eine Struktur von Bienenwaben, oder eine Unterwasserwelt. Gleich das erste Bild zeigt eindrucksvoll, wie Cassandra vergeblich warnt und Troja krachend stürzt." Am Ende geht es auch noch den Insekten an den Kragen: "Den Bienen, die weniger werden, gilt die besondere Liebe des Komponisten: gleich drei Intermezzi sind ihnen gewidmet, zuerst als lustiges Schwarmballett, am Ende nur noch als trauriges Summen; wir begreifen: Eine Welt ohne Bienen ist so wenig denkbar wie eine ohne Bach."

Weiteres: Das Theaterhaus Jena nimmt sich des Hundekotskandals um Marco Goecke in einem Bühnenstück an, weiß Jakob Hayner in der Welt. Davon wird noch zu berichten sein - Premiere ist Ende Oktober. Rainer Stamm freut sich in der FAZ über den Fund eines tanzhistorisch wichtigen Briefs der Bauhausbelegschaft, die Schlemmers "Triadisches Ballett" zu sich einluden. Pitt von Bebenburg trifft sich für die FR mit Christoph Dittrich, dem Generalintentdant des Städtischen Theaters Chemnitz und spricht mit ihm über das Jahr 2025, das Chemnitz als Europäische Kulturhauptstadt begehen wird. Passt jedes Theater überall hin? Nein, meint Wolfgang Behrens in der nachtkritik. Besprochen wird die Ring-Inszenierung am Theater Basel (SZ).