FAZ-Kritiker Wolfgang Sandner taucht bei Claude Débussys Oper "Pélleas et Mélisande" am Müpa in Budapest in die "tief verborgenen Schichten des menschlichen Wesens, vielleicht auch seines Unwesens" ein. Denn das Seelische teilt sich hier laut Sandner durch die Musik mit. Der Dirigent Iván Fischer übernahm nicht nur die musikalische Leitung, sondern auch die Inszenierung und findet eine überraschende Lösung für die Umsetzung, staunt er: "Es gibt keine Trennung zwischen einem (hier ohnehin nicht vorhandenen) Orchestergraben und der Bühne. Die Musiker sind Teil der Szene, fügen sich komplett ins Einheitsbühnenbild von Andrea Tocchio, einen spärlich erleuchteten Zauberwald... All die lauernden, einstweilen an die Kette gelegten, sich zu bösem Gift der Eifersucht entwickelnden und dann wieder die Kapriolen von schüchterner Annäherung, Liebe, emotionalem Verstehen ausleuchtenden Orchesterklänge tönen aus dem wild wuchernden Unterholz, als sei der Wald tatsächlich zu so etwas wie der natürlichen Erscheinung des menschlichen Seelenlebens mutiert."
In einigen Tagen soll Anna Netrebko an der Berliner Staatsoper auftreten. Dagegen zirkulieren Petitionen, und es wird wohl Demos vor der Oper geben. Die Osteuropaexpertin Franziska Davies hat bemerkt, dass die Staatsoper die Bio Netrebkos nach Kritik geändert hat und postet es auf Twitter.
Weitere Artikel: Im Tagesspiegelteilt Ute Büsing Eindrücke vom "Draama Festival" und dem "Estonian Contemporary Performing Arts Showcase" in Estland.
Besprochen werden Lilja Rupprechts Adaption von Rainer Werner Fassbinders "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" am Akademietheater in Wien und David Böschs Inszenierung von Henryk Ibsens "Die Stützen der Gesellschaft" am Theater in der Josefstadt (FAZ), Iván Fischers Inszenierung von Claude Debussys Oper "Pelléas et Mélisande" am Müpa in Budapest (FAZ), Boris Charmatz Choreografie "Liberté cathédrale" am Tanztheater Wuppertal (FAZ), Johannes Maria Stauds Inszenierung von "missing in cantu" und Amir Reza Koohestanis Inszenierung von "Dantons Tod reloaded" beides im Rahmen des Kunstfest Weimar (SZ), Christopher Rüpings Adaption von Benjamin von Stuckrad-Barres Roman "Noch wach?" am Thalia Theater in Hamburg (Welt) und Marie Gottschalks Inszenierung von Uta Bierbaums Jugendstück "Hasen-Blues. Stopp" am Staatstheater Darmstadt (FR) und Adrian Figueroas Inszenierung von Wolfgang Herrndorfs "Arbeit und Struktur" am Düsseldorfer Schauspielhaus (SZ).
Szene aus "Noch wach?" am Thalia Theater. Foto: Krafft Angerer.
Von einem Hotelpool in Hollywood geht es in Christopher Rüpings Adaption von Benjamin von Stuckrad-Barres Schlüsselroman "Noch wach?" in ein Schloss nach Transsilvanien, verrät FAZ-Kritikerin Julia Encke. Dass der Regisseur in seiner Inszenierung am Thalia-Theater den Chef eines Medienkonzerns, der in einen MeToo-Skandal verwickelt wird, als Dracula, und seine Mitarbeiter ebenfalls als Blutsauger darstellt, findet die Kritikerin passend. Besonders gefällt ihr eine Szene, die die Männerfreundschaft des Medienmoguls mit dem Erzähler als entrückten Tanz inszeniert: "Der Schauspieler Hans Löw, großartig in der Rolle des Senderchefs, zieht seinen Dracula-Umhang aus, entschlüpft dem Konzernchefhabitus und beginnt, zögerlich erst, zu tanzen. Macht sich locker. Geht aus sich heraus, exaltiert. Hier, zusammen mit dem Erzähler, der in den Rückblende-Szenen noch sein Freund ist, kann er das. Und dieser Freund, den Nils Kahnwald als Stuckrad-Alter-Ego spielt, der viel kleiner ist als Löw, sehr dünn und zappelig, wirft sich ihm tanzend in die Arme wie ein Kind. Hier sind beide Kinder, selbstvergessen, libidinös verbunden. Es ist ein Akt der Weltflucht, Regression und Ekstase, in der das Schloss im Hintergrund kein Medienhaus mehr darstellt, sondern eher eine Mischung aus Großgrundbesitzervilla und Technoclub. Bis irgendwann Schluss ist." Taz-Kritikerin Katrin Ullman sieht es ein wenig anders: Dafür, dass hier der sehr reale Skandal um den ehemaligen Bild-Chefredakteur Julian Reichelt verhandelt wird, dem Mitarbeiterinnen sexuelle Belästigung vorwarfen, kommen die Frauen in diesem Stück erstaunlich wenig zu Wort, meint sie. Ähnlich sieht es Christiane Lutz in der SZ, nur "am Ende kurz bevor im Finale die Frauen den Sender stürmen (Spoiler: ganz anders als im Roman), Pflanzen, Bürobedarf, Kuscheltiere und ein Feldbett aus den Fenstern schmeißen, entsteht etwas, das dem ganzen Roman fehlt: Wut. Und Bitterkeit."
Szene aus "Doktormutter Faust". Foto: Birgit Hupfeld Einen "aberwitzigen Remix der Faust-Bausteine" bekommtNachtkritikerin Dorothea Marcus mit Selen Karas "kon-genialer" Inszenierung "Doktormutter Faust" am Schauspiel Essen zu sehen. Im Stück, geschrieben von Fatma Aydemir, ist Margarete Faust Professorin für Gender-Studies und geht eine verhängnisvolle Affäre mit einem ihrer Studenten ein. Da werden die goetheschen Machtverhältnisse schön über den Haufen geworfen und gleichzeitig, so lässig wie komplex, "Identitäts- und Machtdiskurse der Gegenwart" thematisiert, lobt Marcus: "Und ist nicht letztlich doch manches erlaubt im Namen der Liebe? Eine sinnliche Walpurgisnacht lang, mit wollüstigem Trance-Techno grundiert, scheint alles gut zu sein. Mit seligem Lächeln und nackter Brust schaukelt die Professorin in der Ursuppe, abwechselnd mit Karim, es haucht und atmet, nackt, seufzend und singend treiben die Schauspieler durch den Kunsteisnebel der Lüste. Schön ist das gemacht und könnte besser jene Grauzonen nicht ausdrücken, die hier verhandelt werden."
Besprochen werden außerdem Juan Mayorgas Stück "Der Junge aus der letzten Reihe" inszeniert von Christiane Jatahy am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik), ebenfalls dort: Nicolas Stemanns Inszenierung von Brechts "Das Leben des Galilei" (nachtkritik, NZZ), Daniela Löfflers Inszenierung von Frank Wedekinds Stück "Lulu" am Staatsschauspiel Dresden (nachtkritik), Julian Chavaz Inszenierung von Paul Abrahams Operette "Blume von Hawaii" an der Oper Magdeburg (nmz), Carsten Kirchmeiers Inszenierung von Jonathan Larsons musikalischem Theaterstück "tick, tick...Boom!" am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen (nmz), Julien Gosselins Inszenierung von "Extinction" an der Berliner Volksbühne (taz), David Böschs Inszenierung von Henrik Ibsens "Die Stützen der Gesellschaft" am Theater in der Josefstadt in Wien (Standard), Claudia Bauers Adaption von Ingeborg Bachmanns Roman "Malina" am Volkstheater in Wien (Standard) und Max Emanuel Cencics Inszenierung von Georg Friedrich Händels Oper "Flavio, Re de' Longobardi" Bayreuth Baroque Festival (FAZ).
Szene aus "Der Garten der Lüste" bei der Ruhrtriennale. Foto: Katrin Ribbe Ruhrtriennale 2023 Eine außergewöhnliche Wirkung hinterlässt Philippe Quesnes Inszenierung von "Der Garten der Lüste" bei Nachtkritiker Gerhard Preußer. Eine Gruppe Bustouristen strandet in der Wüste - so alltäglich beginnt das Stück, meint Preußer, aber "schon am Anfang schimmert durch, hier geht es um mehr, um alles, um die Menschheit, nein, um das Universum". Es formt sich dann eine hippiemäßige, künstlerische Gemeinschaft, so der Kritiker, man zitiert Georges Perec und singt gemeinsam. Es geht aber immer auch um Spiritualität, nicht umsonst ist das Stück an Hieronymus Boschs gleichnamiges Tryptichon angelehnt- und um ein großes Ei: "Und folglich ist die Menschheit erlösungsbedürftig. Das Ei wird gekippt, alle sehen in die Höhlung hinein, genau wie eine kleine Menschengruppe auf Hieronymus Boschs Bild. Ein Wummern und Dröhnen hebt an, am Himmel des Prospekts erscheint ein Dreieck, wird immer größer, füllt die ganze Fläche. Alle starren es begeistert an, als wäre es die göttliche Trinität - und es verschwindet. Ob das Erlösung war oder Untergang? Quesne erreicht eine emotionale Öffnung. Man wird nicht fokussiert, sondern durchlässig für Stimmungen. Die Gelassenheit und Sorgfalt so verschiedener Bühnenaktionen und Texte führt zu einer ratlosen, kühlen Heiterkeit, die zu den seltenen Theaterwirkungen gehört." SZ-Kritiker Till Briegleb freut sich darüber, wie hier ein "anderes Modell von Zivilisation" vorgeführt wird, "eine freundliche Alternative zu allen bequemen Gewissheiten über Wohlstand, Waren- und Anspruchsdenken".
In der Welt am Sonntag verteidigt Elmar Krekeler das viel kritisierte Engagement (unser Resümee) Anna Netrebkos an der Berliner Staatsoper. Die russische Sängerin habe in puncto Russlandkritik getan was sie konnte, meint Krekeler. Indem sie sich gegen den Ukraine-Krieg ausgesprochen habe, sei sie schließlich auch in Russland zur "Persona non grata" geworden: "Mehr an Abbitte kann Anna Netrebko, mehr kann ein russischer Musiker Sportler, Intellektueller gegenwärtig kaum tun. Die Zeit fordert den Spagat. Anna Netrebko hat ihn - man mag ihre Divenhaftigkeit nicht mögen und verdächtig finden - prinzipiell erstaunlich aufrecht bewältigt."
Weiteres: In der NZZporträtiert Bernd Noack den Regisseur Max Reinhardt. SZ-Kritiker Egbert Tholl besucht eine Ausstellung in Salzburg zu dessen 150. Geburtstag und ist besonders beeindruckt von der virtuellen Rekreation von Reinhardts "Faust-Stadt". Die Komödie "Extrawurst", geschrieben von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob, war dieses Jahr das beliebteste Theaterstück der Deutschen, verrät Vasco Boenisch in der FAS, auf Platz zwei folgt "Maria Stuart". In der FAZ schildert Lothar Sickel die historischen Umstände der Uraufführung von Alfred Neumeyers Stück "Die Herde sucht" im Jahre 1931, die einen Skandal auslöste.
Besprochen werden Steffen Wilhelms Inszenierung von Derek Benfields Komödie "Love Jogging" an der Komödie Frankfurt (FR), Julien Gosselins Inszenierung "Extinction" an der Berliner Volksbühne mit Texten von Thomas Bernhard, Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal (FAZ) und Antú Romero Nunes' Inszenierung von "Antigone" am Theater Basel (nachtkritik),
Besprochen werden Marc Sinans "Kriegsweihe" und "Kill Krieg" (nmz) sowie Amir Reza Koohestanis Inszenierung von Dantons Tod Reloaded, beide beim Kunstfest Weimar (nachtkritik).
Bild: Matthias Horn Rainer Werner Fassbinders "Die bitteren Tränen der Petra Kant" so beschwingt, fast humorvoll auf die Bühne zu bringen, das muss man erstmal schaffen, stauntNachtkritikerin Andrea Heinz über Lilja RupprechtsInszenierung am Wiener Akademietheater: Hauptdarstellerin Dörte Lyssewski ist das "Kraftzentrum. Ihre Petra von Kant oszilliert geschmeidig von souverän zu abgebrüht, von einer herrisch ihre Dienerin Marlene (Annamária Láng) herumkommandierenden Chefin zu einer unsicheren und abhängigen Künstlerin, die gefallen möchte. Nina Siewert ist als Karin Thimm der perfekte Gegenpol: Jung und aus zerrütteten Familienverhältnissen (der trinkende Vater hat die Mutter erstochen und sich dann erhängt), ist sie sprunghaft und leichtsinnig, lässt sich von der rasch und heftig verliebten Petra aushalten und kehrt bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit zu ihrem Ehemann zurück."
"Die Figuren werden plastisch genug, doch ist mit ihnen nichts anzufangen", meint hingegen Margarete Affenzeller im Standard: "Die Inszenierung findet keinen Weg, für den Stoff einzustehen. Das Aussperren jeder Gegenwart hat eben seinen Preis. Alles wirkt wie ein Gruß aus den 1970ern, fehlt nur noch der Flokati."
Weitere Artikel: Die Zeit eröffnet ihr Feuilleton heute mit einem von Moritz von Uslar protokollierten Text, in dem Florentina Holzinger etwas widerwillig von einem "Eklat" erzählt, der sich vor einigen Wochen im ICE von Hamburg nach Berlin abgespielt hat: Holzinger und ihre Gruppe hatten einen Sitzplatz für eine Harfe reserviert, Mitreisenden protestierten im überfüllten Zug, es kam zur "Eskalation" mit einem Zugbegleiter, schließlich musste der Zug in Uelzen zwischenhalten und die Bundespolizei schritt ein. Ebenfalls in der Zeit liefert Christina Rietz Eindrücke vom Kunstfest Weimar. Und Peter Kümmel porträtiert den Regisseur Julien Gosselin, dessen Stück "Extinction", ein Mix aus Texten von Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Thomas Bernhard die neue Spielzeit an der Berliner Volksbühne eröffnet.
In Wien ist der Prozess gegen den ehemaligen Burgtheaterschauspieler Florian Teichtmeister zuende gegangen - mit einer Bewährungsstrafe wegen Besitz und Herstellung von Kinderpornografie (unser Resümee). In der FAZ meint Stephan Löwenstein, es sei während des Prozesses unmöglich gewesen "zu vergessen, dass der Mann, der da vor Gericht eine Art Lebensbeichte ablegt, einer der begabtesten Schauspieler des Wiener Burgtheaters war." Die Verhandlung wirkte auf Löwenstein wie eine Bühnenvorführung: "Spricht so ein reumütig Geständiger, der reinen Tisch macht und alles dafür tun will, dass es nie wieder mit ihm so weit kommt? Oder spielt ein Mime die Rolle seines Lebens? Oder beides? Teichtmeister spricht ohne Theatralik. Auch äußerlich tritt er unglamourös auf: Der Schnurrbart ist abrasiert, der gedeckte Dreiteiler passt bis hin zum schmal gefalteten weißen Einstecktuch, die Hände hat er aneinandergelegt vor sich auf dem Tisch. Seine Taten passen überwiegend zu den Aussagen. Bis auf den Umstand, dass er nach seiner Entdeckung noch ein Jahr lang öffentlich die Maske der Normalität zu wahren versucht hatte."
Auch Cathrin Kahlweit beschreibt in der SZ Teichtmeisters Verhalten vor Gericht im Stil einer Bühnenrezension: "Der Angeklagte betritt den Großen Schwurgerichtssaal in einem dunkelgrauen Anzug mit passender Weste und eisgrauer Krawatte und setzt sich an den Tisch in der Mitte des Raumes. Er verschränkt die Hände wie zum Gebet, schaut auf die Tischplatte, stellt die Beine breit auseinander und zieht zugleich die Hacken hoch - eine Haltung, die Demut und höchste Anspannung zugleich signalisiert. Während der drei Stunden, die der Prozess am Dienstagmorgen im Landesgericht für Strafsachen in Wien gegen den bekannten Theater- und Filmschauspieler dauern wird, verändert Teichtmeister seine Haltung höchstens minimal. Manchmal deutet er ein kleines Nicken an, wenn seine zwei Verteidiger anmerken, dass er bereue, etwa."
Für den Tagesspiegelberichtet Joachim Huber, für die NZZ Daniel Imwinkelried.
Im Standardinterviewt Ronald Pohl eine ehemalige Kollegin Löwensteins, den Burgtheater-Star Dörte Lyssewski. Um den Prozess geht es freilich nicht, sondern zum Beispiel ums Gendern (nicht ihr Ding), aber auch um die Frage, warum es das Theater eventuell schwerer hat als andere Künste, nach Corona sein Publikum wiederzugewinnen: "Wir müssen auf der Bühne bar bezahlen, wir haben nicht die Musik, sondern nur uns selbst, die Beteiligten, die Handlung. Der Zuschauer besitzt ein Anrecht auf das Ereignis. Wenn wir dieses über Bord werfen, weil wir meinen, anderen Künsten hinterherhecheln zu müssen, werden wir scheitern."
Weitere Artikel: In der FRunterhält sich Sylvia Staude mit Thorsten Teubl, Tanzdirektor am Staatstheater Kassel.
Iwona Uberman fasst in der Nachtkritik die schwierige Situation zusammen, in der sich polnische Theater seit dem Beginn der PiS-Regierung befinden: "Es nicht nur der ökonomische Druck und die Einmischungsversuche seitens der Regierenden, die dem polnischen Theater aktuell zusetzen. Ein großes Problem sind politische Ränke sowie lokale 'Machtwort'-Entscheidungen. Im heutigen angeheizten politischen Klima mit seiner enormen Polarisierung ist oft ein kurzfristiges politisches Partei-Interesse (oder sogar ein privates) wichtiger als gemeinwohlorientiertes Handeln. Das in seiner Struktur komplizierte politisch-administrative System, in dem die Kompetenzen zwischen Woiwodschaft-Behörden, Selbstverwaltungsbehörden (Marschallamt) und Stadt- (oder Gemeinde-)Behörden nicht immer klar abgegrenzt sind, erfordert Kooperationswillen. Wenn dieser fehlt, bleibt nur langwieriges Prozessieren vor Gericht. Dabei kann es Kollateralschäden geben."
Weiteres: In der FRschreibt Sylvia Staude einen Nachruf auf den Schauspieler und Regisseur Claus Helmer. Besprochen werden Johannes Maria Stauds und Thomas Köcks Inszenierung "missing in cantu" beim Kunstfest Weimar (taz, FAZ) und Mina Salehpours Inszenierung von Bahram Beyzaies Stück "Yazdgerds Tod" am Schauspiel Köln (SZ).
Elmira Bahrami in "Yazdgerds Tod". Foto: Andreas Schlager. Einen "tiefgründigen Kommentar zur iranischen Gegenwart" hat Nachtkritikerin Dorothea Marcus am Schauspiel Köln mit der Erstaufführung des Stücks "Yazdgerds Tod" von Bahram Beyzaie (dem "persischen Shakespeare") gesehen. Erstmal scheint das Stück von 1979 gar nicht so viel mit der aktuellen Situation zu tun zu haben, so die Kritikerin, doch in der Inszenierung von Mina Salehpour wird die Legende um Yazdgerd III., den letzten König des Sassanidenreichs, zu einer hervorragend gespielten Parabel auf patriarchale Machtstrukturen. Yazdgerd flieht vor den arabischen Invasoren und stirbt im Jahr 651 im Hause eines Müllers, hier setzt die Handlung des Stücks ein. Als Soldaten ins Haus der Müllersfamilie kommen und sie des Königsmordes bezichtigen, werden unterschiedliche Varianten des Tatherganges durchgespielt: "Fließend gehen die Szenenvarianten ineinander über. Die Müllersfrau, gespielt von Elmira Bahrami, verwandelt sich, persisch sprechend, in den König, hat eine Vision von seiner Verfolgungsjagd in der Wüste, wird, von den anderen getragen, zur entrückten Seherin. Die Tochter, Rebecca Lindauer, verwandelt sich beeindruckend vom still und passiv vergewaltigten Opfer in den dreisten, lauten Ursupator, der die Familie auf die Probe stellt, auf einmal die Müllersfrau verführt: Macht, besonders die patriarchale, ist eben willkürlich gesetzt und verteilt, und eben auch einfach nur Behauptung. In vielen Sprachen sprechen die Schauspieler, Persisch, Englisch, Schwedisch, Französisch, wie um zu zeigen, dass die Geschichte von universeller Bedeutung ist - und doch austauschbar, lediglich bedeutsam in der Kraft der Setzung."
SZ-Kritiker Martin Krumbholz ist ziemlich begeistert von Evgeni Titovs Version von Shakespeares Richard III. am Düsseldorfer Schauspielhaus. Die Inszenierung ist "konservativ" ("Keine Fremdtexte, keine Mikrofone, (fast) kein Video, keine ahistorischen Kostüme, und das Bühnenbild ist ein richtiges Bühnenbild"), aber dafür umso wirkungsvoller: "In diesem scheinbar traditionellen Ambiente erspielt der Zeitgeistkiller Titov einen durchweg spannenden Horrortrip, der zudem schlüssig durchdacht ist. Die Männer? Längst vergessen. Die Frauen? Heftige Rivalitäten auch unter ihnen. Und das nützt Richard natürlich schamlos aus; sein Helfershelfer Hastings, im Original noch männlicher Art, hat kurzerhand einen Geschlechterwechsel erfahren (Blanka Winkler)." Patrick Bahners bespricht das Stück in der FAZ.
Weiteres: Nach Protesten russischsprachiger Bürger wurde in Israel ein Gastspiel des Lenkom-Theaters aus Moskau abgesagt, meldet die FAZ, einige der Schauspieler hatten sich für Russlands Krieg gegen die Ukraine ausgesprochen. Besprochen werden Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Leos Janaceks Oper "Aus einem Totenhaus" bei der Ruhrtriennale (Welt, taz) und Anatol Preisslers Inszenierung von Anton Tschechovs "Onkel Wanja" im Schlosspark Theater Berlin (tsp) sowie Johannes Maria Stauds und Thomas Köcks Inszenierung "missing in cantu (eure paläste sind leer)" beim Kunstfest Weimar (nmz).
Szene aus "Aus einem Totenhaus", Ruhrtriennale 2023. Foto: Volker Beushausen.
Zwischendurch bekommt SZ-Kritiker Egbert Tholl sogar Angst: Dmitri Tcherniakov hat Leoš Janáčeks Oper "Aus einem Totenhaus" bei der Ruhrtriennale dem Thema entsprechend wuchtig und düster inszeniert. Janáčeks verfasste das Libretto nach Fjodor Dostojewskis Aufzeichnungen seiner Zeit im sibirischen Straflager. Mit gigantischen Stahlgerüsten hat Tcherniakov hier einen Gefängnishof errichtet, so der Kritiker, aus dem es auch als Zuschauer kein Entkommen gibt: "Wählt man einen Platz im Hof, wird man Teil der Schar der Gefangenen, wird von Ordnern herumgescheucht, um Platz für diese wüste Meute zu machen. Alles wilde Kerle, abenteuerlich, nicht nur die vielen Solisten, auch die Mitglieder des Chors der Janáček-Oper in Brno. Dampfende, flackernde, teils irre Gestalten, die raufen, sich wirklich prügeln, unendlichen Unfug veranstalten, schreien, natürlich auch singen, einem sehr nahekommen."
Auch FAZ-Kritiker Patrick Bahners ist schwer beeindruckt. Die Kraft der Inszenierung rührt für ihn auch daher, dass in diesem wüsten Kosmos kein Funken Humanismus übrig bleibt: "Den Sängern des Chors kommen die Zuschauer unheimlich nahe. Aber auch dieses Schwelgen in physiognomischer Individualität ist kein Ausbruch aus dem Totenhaus, dessen Name sagt, dass der Mensch dort ganz und gar Material ist. Bei Tcherniakov bleibt der entlassene Häftling am Ende sitzen. Die erdrückende Wucht dieser Darstellung einer totalen Institution entsteht daraus, dass sie kein humanistisches Manifest sein will."
Weitere Artikel: Die Online-Petition gegen Anna Netrebkos Auftritt an der Staatsoper Berlin haben mittlerweile 30 000 Menschen unterzeichnet, berichtet Reinhard J. Brembeck in der SZ. In der FAZ resümiert Salomé Meier das Theaterspektakel Zürich.
Christiane Lutz berichtet in der SZ von einer Beauvoir-Lesung bei den Salzburger Festspielen. Die Staatsoper Berlin will nach einem Gespräch mit Anna Netrebko trotz einer Petition an der Mitwirkung der Sopranistin in Verdis "Macbeth" festhalten, meldet Michael Maier in der Berliner Zeitung: "Sie habe 'sowohl durch ihr Statement als auch durch ihr Handeln seit Kriegsausbruch eine klare Position eingenommen und sich distanziert'", erklärte demnach Intendant Matthias Schulz. (Unser Resümee zur Kritik an Netrebko.)
Besprochen werden eine kurze Performance von Florentina Holzinger auf dem Parkplatz am Berliner Olympiastadion (taz), hansjannas Stück "Bauchgefühl", aufgeführt von dem inklusiven Thikwa-Ensemble Berlin (nachtkritik) und Ulrike Schwabs Inszenierung der Strauss-Oper "Frau ohne Schatten" in der Neuköllner Oper (nmz).