9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Internet

1327 Presseschau-Absätze - Seite 44 von 133

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2019 - Internet

Der Spruch "Das Internet vergisst nie", ist falsch, schreibt Hagen Terschüren bei Dlf Kultur in einem Artikel über das Internet der Neunziger. Er hat mit dem Internetforscher und Künstler Olia Lialina gesprochen, der das Archiv der alten Geocities-Plattform vor dem Verschwinden rettete: "Das Kunstprojekt 'One Terabyte of Kilobyte Age Photo Op' postet bis heute alle 20 Minuten einen Screenshot aus dem restaurierten Geocities-Archiv. In Lialinas Augen spiegeln diese Bilder etwas wider, das wir in den Zeiten des Hochglanzwebs aus Vorlagen und superleichten Seitengeneratoren nicht mehr haben: komplette Freiheit."

Rechtsextremistische Positionen gedeihen in den sozialen Medien besonders gut, bemerkt Bernd Graff in der SZ. Warum das so ist, hat er aus einer Studie von Maik Fielitz und Holger Marcks vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik erfahren. So erklärt ihm Maik Fielitz: "Faschistische Weltanschauungen bauen die Kulisse einer außerordentlichen Gefährdung auf, um illiberale Maßnahmen dagegen rechtfertigen zu können. Befördert und verstärkt werden Gefühle von Auslöschung und Verrat ('Umvolkung', 'Volksverräter'), auf die man bedrohungsadäquat reagieren muss." Und Holger Marcks führt aus: "Dazu betreiben extremistische Organisationen 'Frame Amplification': Man fokussiert ein Thema, Flüchtlinge, Negativmeldungen werden wie aus einem digitalen Zettelkasten heraus wieder und wieder über die Community gestreut, oft von Fake-Accounts aus, die angeblich sogar von geläuterten Anhängern anderen Parteien stammen. Maßnahmen gegen Flüchtlinge erscheinen nun fast wie Notwehr."

Der Internetkritiker Evgeny Morozov, eigentlich ein Guru des deutschen Feuiletons, hat in der New Republic die Zusammenarbeit von edge.org mit dem Milliardär Jeffrey Epstein gegeißelt (unser Resümee) - bisher ohne viel Resonanz hierzulande (für Frank Schirrmacher war edge.org der Hort der "Dritten Kultur", auch SZ-Feuilletonchef Andrain Kreye ist mit dem Institut verbunden). Im New Yorker geißelt nun Ronan Farrow, der die Harvey-Weinstein-Affäre lancierte, die Zusammenarbeit des noch renommierteren Media Lab des MIT mit Epstein, der wegen des Missbrauchs minderjähriger Mädchen ins Gefängnis kam und sich dort erhängte: "Aktuelle und ehemalige Dozenten und Mitarbeiter des Medienlabors berichten von einem Muster, mit dem Epsteins Engagement für die Institution bemäntelt wurde. Signe Swenson, eine ehemalige Entwicklungsassistentin und Koordinatorin am Labor, erzählt mir, dass sie 2016 teilweise wegen ihres Unbehagens über die Zusammenarbeit des Labors mit Epstein zurückgetreten sei. Sie sagte, die Leitung des Labors habe bereits in den ersten Gesprächen mit ihr deutlich gemacht, dass Epsteins Spenden geheim gehalten werden müssten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2019 - Internet

Mit Entsetzen musste die Journalistikprofessorin Marlis Prinzing feststellen, dass es so etwas wie eine Öffentlichkeit gibt. Gegen den "Rezo-Effekt" fordert sie nun laut Rupert Sommer  bei kress.de einen "Digitalrat": "Der 'Rezo-Effekt' mache 'unübersehbar, wie Einzelne wirkmächtig über digitale Quasi-Fernsehkanäle Botschaften verbreiten können', erklärt Prinzing. Auch wer Rezos Aussagen zur Klimapolitik teile, müsse sich vor Augen halten, dass es die Gesellschaft 'mit einem bedrohlichen gesellschaftlichen Phänomen' zu tun habe. 'Stellen wir uns vor, extremistisch orientierte Führungsfiguren würden ihre Themen ähnlich verbreiten, Polit-Influencer gegen Polit-Influencer auftreten und jenseits aller Parteien und Parlamente schauen, wer mehr Follower, mehr Leute hinter sich versammelt.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2019 - Internet

Dem Internet Archive droht wegen angeblicher Urheberrechtsverstöße eine komplette Sperrung in Russland, berichtet Maria von Behring auf netzpolitik. Für die russische Regierung hätte das nur Vorteile: Der NGO zum Schutz der digitalen Rechte von Nutzer*innen "RosKomSvoboda" zufolge "sind das Internet Archive und seine Wayback Machine nicht nur eine wichtige Quelle für russische Journalist*innen, Forscher*innen und Politiker*innen, die dort auf gelöschte oder Zensur zum Opfer gefallene Seiten zugreifen können. Es diene auch vielen Schiedsgerichten als zuverlässige Beweisquelle im Streit um digitale Inhalte und würde nicht selten während einer Gerichtsverhandlung aufgerufen. Mit ihrer Anfrage auf eine komplette Sperrung würde AZAPI [die russische 'Organisation zum Schutz des digitalen Urheberrechts'] also mehr Schaden anrichten, als ihr bewusst sei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2019 - Internet

Eine brasilianische Forschergruppe hat herausgefunden, dass die Empfehlungsalgorithmen bei Youtube tatsächlich zur politischen Radikalisierung beitragen (wobei nur die Radikalisierung auf der politischen Rechten untersucht wurde). Leonhard Dobusch resümiert die Studie auf Netzpolitik, weist aber auch auf die schwierige Analysegrundlage hin, da sich die Personalisierung von Empfehlungen in Studien schwer erfassen lasse: "Zusammengefasst befeuern die Ergebnisse der Studie von Ribeiro und Kollegen Diskussionen über unbeabsichtigte Effekte von Empfehlungsalgorithmen auf großen Online-Plattformen. Hinzu kommt, dass die Effekte bei Berücksichtigung von Empfehlungspersonalisierung eher noch stärker ausfallen dürften. Umso wichtiger ist deshalb die Frage, wie alternative Empfehlungsmechanismen gestaltet werden könnten, egal ob man diese dann als 'demokratische Algorithmen' bezeichnen möchte oder nicht."

Twitters vielfach herbeigewünschte "Richtlinie zur Integrität von Wahlen" hat ein kleines Problem: Sie versteht Satire nicht. Opfer des stumpfsinnigen Algorithmus wurde auch der Schriftsteller Tom Hillenbrand, dessen Account seit hundert Tagen gesperrt ist, worüber er sich im Interview mit der SZ aufregt: "Ich habe eine Reihe von satirischen Tweets abgesetzt: AfD-Wähler sollen ihre Wahlzettel unterschreiben und aufessen, FDP-Wähler ihre Stimme verkaufen, Grünen-Wähler mit ihrer Häkelgruppe über ihre Wahlabsichten reden und so weiter. Ein Klischee pro Partei, mittelmäßig originell, ganz bewusst mit Holzhammer-Ironie. Ich wollte Twitter testen." Nun, das ist ja gelungen. Vielleicht würde ein subtilerer Humor weiter tragen?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2019 - Internet

Twitter hat gestern bekanntgegeben, bezahlte chinesische Regierungspropaganda sowie alle Anzeigen von Staatsmedien zu sperren (unser Resümee). Zuvor half Twitter der chinesischen Regierung, ihr Bild von der Verfolgung der Uiguren zu verbreiten, schreibt Ryan Gallagher bei The Intercept: "Eine Überprüfung der Twitter-Werbungen zwischen Juni und August dieses Jahres ergab, dass der Social-Media-Riese mehr als fünfzig englischsprachige Tweets der Global Times, eines chinesischen Staatsmediums, gebracht hat. Mehrere der Tweets verschleiern bewusst die Wahrheit über die Situation in Xinjiang und greifen Kritiker des herrschenden Regimes der Kommunistischen Partei des Landes an."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2019 - Internet

Soziale Netze wie Youtube, Twitter oder Facebook werden immer mehr zu politische Zensurinstanzen. Erste Opfer der Abschaltung von Werbemöglichkeiten auf Youtube sind Rechtsextremisten wie Milo Yiannopoulos oder Antisemiten wie Louis Farrakhan, schreibt Niall Ferguson in der NZZ (die seine Kolumne aus der online nicht zugänglichen Sunday Times übernimmt). "Die Leute, die ich bisher genannt habe, dürften dem Leser ziemlich egal sein. Wahrscheinlich ist es ihm auch egal, wenn ich erzähle, dass in Interviews, die meine Frau Ayaan Hirsi Ali und ich (für die Online-Kanäle von Dennis Prager und Dave Rubin) führten, von Youtube der Geldhahn abgedreht wurde - das heißt, Werbespots wurden nicht mit ihnen verknüpft, weshalb Prager und Rubin dafür kein Geld bekamen. Dabei geht es nicht darum, wer zensiert oder um Geld gebracht wird. Es geht darum, dass so große und allgegenwärtige Firmen wie Google und Facebook nicht über diese Art von Macht verfügen sollten."

Twitter gibt in seinem Unternehmensblog bekannt, dass es Hunderte von Konten aus Festlandchina sperrt: "Alles in allem versuchten diese Konten willentlich und gezielt, politische Zwietracht in Hongkong zu säen und die Legitimität und politischen Positionen der Protestbewegung zu untergraben." Dieser Beschluss reicht aber über China hinaus, wie das Unternehmen in einem zweiten Post erklärt: "Heute geben wir eine Veränderung unserer Anzeigenpolitik gegenüber Staatsmedien bekannt. Künftig werden wir keine Werbung von staaatlich kontrollierten Medien mehr akzeptieren. Alle betroffenen Konten können weiterhin Twitter für das öffentliche Gerpäch nutzen - aber nicht unsere Werbeprodukte. Dies ist ein globaler Beschluss und betritt unsere gesamte Geschäftstätigkeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2019 - Internet

Sozialistische Planwirtschaft ist heute machbar, weil erstmals die nötigen Daten zur Verfügung stehen - davon ist der chinesische Unternehmer und Alibaba-Chef Jack Ma überzeugt, und die neue Linke in den USA ebenfalls, erzählt der Politikwissenschaftler Adrian Lobe in der NZZ. "Viel interessanter als die ökonomisch relevante Frage, ob durch Big-Data-Analysen eine effektivere Ressourcenallokation möglich wäre, ist der Umstand, dass durch die Ankunft einer neuen Technologie, in diesem Fall KI, Ideologien umcodiert werden. Positionen, die man einst in marxistisch-leninistischen Zirkeln ventilierte, werden nun ausgerechnet durch die Innovationen des Datenkapitalismus validiert - und schließen an das Geschäftsgebaren der Tech-Konzerne an. Macht uns der Computer zu Kommunisten? Besteht der soziale Egalitarismus darin, dass jeder Mensch aus Datenpaketen besteht?"

Michael Meyer-Resende von der NGO "Democracy Reporting International" schreibt in der FAZ einen leicht einschläfernden Artikel über netzpolitische Fragen, der in der Forderung nach einer "gut ausgestatteten Regulierungsbehörde" für die Internetöffentlichkeit kulminiert: "Bisher gibt es keine staatliche oder nicht-staatliche Institution, die sich auf Augenhöhe mit den großen Technologiekonzernen auseinandersetzen könnte."

Auch Facebook hat Nutzer abgehört und Audio-Aufnahmen transkribiert, angeblich um seine Spracherkennungssoftware zu verbessern, berichtet Sarah Frier bei Bloomberg (Facebook reiht sich damit hinter Google, Amazon und Apple ein, unser Resümee). "Der Social-Media-Riese, der gerade einen fünf-Milliarden-Dollar-Vergleich mit der U.S. Federal Trade Commission nach einer Untersuchung seiner Datenschutzpraktiken abgeschlossen hat, leugnete lange Zeit, dass er Aufnahmen von Nutzern sammelt, um die Anzeige von Werbung zu verbessern oder zu bestimmen, was die Leute in ihren Nachrichtenfeeds sehen. Mark Zuckerberg verneinte dies direkt vor Abgeordneten des Kongresses. 'Sie sprechen über diese  Verschwörungstheorie, dass wir uns anhören, was auf Ihrem Mikrofon vor sich geht und das für Werbezwecke verwenden', sagte Zuckerberg im April 2018 zu U.S. Senator Gary Peters. 'Das machen wir nicht.'"

Dazu passt der Vice-Bericht, dass die Gesichtserkennungssoftware, die Amazon der amerikanischen Polizei andient, nun Emotionen wie "Angst" erkennen können soll.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.08.2019 - Internet

Youtube war ein Hauptfaktor für den Erfolg der Rechtsextremisten in Brasilien, behaupten Max Fisher und Amanda Taub in der New York Times unter Bezug auf mehrere Studien von Medienwissenschaftlern. Der Empfehlungsalgorithmus des Dienstes erzeuge eine Art Strudel in Richtung von Veschwörungstheorien. Eine Forschergruppe programmierte einen Server, "um einen populären Youtube-Kanal oder Suchbegriff einzugeben, dann die Empfehlungen von Youtube zu öffnen und dann darauf folgenden Empfehlungen zu folgen und so weiter. Die Forscher wiederholten dies Tausende von Malen um nachzuvollziehen, wie die Nutzer sich von einem Video zum anderen bewegten. Sie fanden heraus, dass die Empfehlungen von Youtube oft rechtsgerichteten verschwörungstheoretischen Videos galten, nachdem Nutzer ein Video über Politik oder sogar ein Unterhaltungsvideo angesehen hatten."

Dass das Internet vielleicht doch zu etwas gut ist, denkt man hingegen, wenn man Bülent Mumays FAZ-Bericht über die drohende Schließung des türkischen Netzes durch Tayyip Erdogan liest: "Ankara kontrolliert zwar die Mainstreammedien, hat aber gemerkt, dass sich das Publikum Informationen aus dem Internet holt. Bei den letzten Wahlen etwa führten die Kandidaten der Opposition ihren Wahlkampf notgedrungen über das Internet, weil sie an Fernsehauftritten gehindert wurden. Die Zuschauerzahlen der Fernsehnachrichten sind eingebrochen; der Sender beIN, den Erdogan an seine Freunde in Qatar verkauft hat, steht vor der Pleite, weil ihm die Abonnenten davonliefen. Videos unabhängiger Journalisten dagegen, die alternative Medieninhalte produzieren, stehen ganz oben auf der Liste digitaler Plattformen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2019 - Internet

"Liberale Zeitgenossen sind zu einem Minimum an Aufklärungsoptimismus verpflichtet", ruft im Tagesspiegel der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, der das gerade bei Journalisten so beliebte Beschwören von Filterblasen im Netz, Manipulation durch Algorithmen und überhaupt der Gefährlichkeit des Internets für den Einzelnen nicht mehr hören kann: "Es handelt sich um ein Paradebeispiel der gegenwärtig verbreiteten Verführungs- und Manipulationsphantasien, die mal von übermächtigen Frames, dann vom raffinierten Mikrotargeting, schließlich, wie in diesem Fall, von allgegenwärtigen Algorithmen handeln. Ich kann diesen Quatsch freihändig formulierender Apokalyptiker zunehmend weniger ertragen und würde sagen: Solche Theorien sind tatsächlich ein Symptom, und zwar für die Arroganz, den Antiliberalismus und den Aufklärungspessimismus ihrer Vertreter, die das potenziell mündige Subjekt und das eigenständige Individuum in ihren Großthesen vorschnell verabschieden."

Fake News kommen in der jüngeren Generation genauso gut an wie in der älteren, meint Alexander Schmid grundpessimistisch in der NZZ. Er widerspricht dem Unternehmer Simon Ingold, der dort vor ein paar Wochen erklärt hatte, die Jugend setze auf "radikale Authentizität". Als sei nicht gerade die Fake, höhnt Schmid und empfiehlt die Rückkehr zu den Alt-Medien. "Wer sich lieber 'on demand' unterhalten lässt, als sich über institutionalisierte Medien zu informieren, ist zwar einfach zu empören, aber schwer zu engagieren. Das Resultat sind aufgebrachte, leichtflüchtige Kollektive statt soziale Korrektive. Dies ist auch ein Erklärungsansatz dafür, warum in Zeiten von Genderdiskurs, Black Lives Matter und Occupy Wall Street eine Nation, die den Anspruch hat, eine vorbildliche Demokratie zu sein, einen Präsidenten wählt, der sich lieber fortlaufend dem Vorwurf der Misogynie, des Rassismus und des Nepotismus aussetzt, als an Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu arbeiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2019 - Internet

Facebook zeigt sich in mehreren Äußerung Mark Zuckerbergs und anderer Repräsentanten offen für RegulierungChristopher Wimmer vermutet in der taz, dass der Konzern damit Schlimmerem zuvorkommen will, denn Regulierung wird kommen: "Das US-Justizministerium will Facebook, Amazon und andere daraufhin überprüfen, ob sie den Wettbewerb verzerren. Manche erkennen dahinter einen Angriff Donald Trumps, dem der politische Einfluss von Tech-CEOs wie Amazon-Chef Jeff Bezos nicht schmeckt. Aus dem linken US-Spektrum wird derweil gefordert, Konzerne wie Facebook zu zerschlagen, da sie eine Monopolstellung innehätten. Präsidentschaftskandidatin Elisabeth Warren ist eine prominente Stimme, die dies fordert. Und auch bei der Europäischen Union steht Regulierung auf der To-do-Liste."