Zwar haben ihm die Gerichte bislang Recht gegeben, doch auf eine weitere Eskalation im juristischen Streit um seinen Roman "Innerstädtischer Tod", in dem der Galerist JohannKönig seine Persönlichkeitsrechte verletzt sehen will, legt ChristophPeters keinerlei Wert, verrät der Schriftsteller Gerrit Bartels im Tagesspiegel-Gespräch: Er wäre "froh, wenn das jetzt vorbei wäre. Was ich mir dagegen gut vorstellen könnte: mich mit Herrn König mal in der Galerie zusammenzusetzen, einen sachkundigen Moderator dazuzunehmen und gemeinsam zu reden, ohne Juristen, in aller Ruhe. Es war nicht meine Absicht, ihn zu verletzen. Ich kenne den Mann nicht. Ich habe mit ihm keine Rechnungen offen" und er "ist nicht das Vorbild meiner Romanfigur gewesen".
Kevin Gensheimer bittetMichelHouellebecq in der Berliner Zeitung trotz seiner in "Vernichten" geäußerten Ankündigung, sich vom Schreiben zurückzuziehen, doch bitte zum Schreibtisch zurückzukehren: "Ihre Expertise wäre heute gefragter denn je. Denn der liberale Westen steht vor dem wohl größten Umbruch seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Während sich Feuilletonisten tagtäglich den Kopf darüber zerbrechen, wie dieser ganze Schlamassel wohl enden wird, haben Sie bestimmt längst die Antwort darauf. ... Bitte schreiben Sie wieder, Herr Houellebecq. Wir brauchen Ihren Pessimismus."
Außerdem: In seiner Kurzgeschichte "Roosevelt nach der Inauguration" hat WilliamS. Burroughs den Irrsinn der zweiten Amtszeit Trumps geradezu gespenstisch prophezeit, schreibt Boris Pofalla in der Welt anlässlich einer dem Schriftsteller gewidmeten Ausstellung in London. Ronald Pohl schreibt im Standard einen Nachruf auf die SchriftstellerinBarbaraFrischmuth.
Besprochen werden unter anderem Antje Rávik Strubels "Der Einfluss der Fasane" (FR), Mascha Kalékos "Ich tat die Augen auf und sah das Helle" (NZZ), Urszula Honeks "Die weißen Nächte" (online nachgereicht von der taz), Aria Abers "Good Girl" (online nachgereicht von der Welt), Takis Würgers "Für Polina" (Zeit), neue Kinderbücher (Zeit), JorgeComensals "Diese brennende Leere" (FAZ) und KatharinaKöllers "Wild wuchern" (SZ).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Nadine A. Brügger kommt in ihrer NZZ-Nachbetrachtung zur LeipzigerBuchmesse nochmal auf die Auszeichnung für KristineBilkaus"Halbinsel" zu sprechen, respektive auf das bas erstaunte Echo in den Feuilletons (unser Resümee). "Gut sei dieser Roman, so der zumeist männliche Tenor an den Apéro-Stehtischchen, aber nicht gut genug, um mit Haas' experimentellem und Krachts eskapistischem Roman mithalten zu können. Das ist allerdings falsch: Bilkau kann mit ihrer ruhigen Erzählstimme und dieser ihr eigenen, wahnsinnig präzisen Sprache literarisch durchaus mithalten. Zudem bestärkt Leipzig mit allen vergebenen Auszeichnungen das eigene Selbstverständnis, als Publikumsmesse die Kunst der Literatur mit den Themen und Problemen der Gegenwart zu verknüpfen. Bilkau, die aus Alltäglichkeit mittels Erzählkunst etwas Allgemeingültiges herauszuschälen vermag, passt zu diesem Literaturverständnis." Auch tazlerin Julia Hubernagel ist in ihrem Resümee der Buchmesse unzufrieden mit dem Urteil ihrer Kollegen aus den benachbarten Feuilletons.
Viel wurde auf den Leipziger Messe-Bühnen und in Gesprächen - auch befeuert durch die Verleihung des Preises zur Europäischen Verständigung an Alhierd Bacharevič für "Europas Hunde" - über die Übergriffe totalitärer Regime auf die Literatur diskutiert. "Die politischen Auspizien, unter denen die Leipziger Buchmesse durchgeführt wurde, sind so rabenschwarz, dass die Aufregerthemen vergangener Jahre, allen voran die Präsenz der nun abgewanderten rechten Verlage, im Rückblick als weit weniger gravierend erscheinen", schreibt Tilman Spreckelsen in der FAZ. "Autoren aus Belarus, der Ukraine, Polen, der Republik Moldau oder Georgien berichteten vom allgegenwärtigen russischen Einfluss in ihren Ländern und von einem Leben in Angst, die kürzlich bei Rowohlt erschienene Anthologie 'Nein!' versammelt 'Stimmen aus Russland gegen den Krieg' mit sehr anschaulichen Zeugnissen von Unterdrückung, und ein tschechischer Intellektueller erzählte von seiner Sorge, dass Böhmen eines Tages, metaphorisch gesprochen, tatsächlich am Meer liegen könne, dann nämlich, wenn sich die Grenze zwischen den totalitär und den demokratisch regierten Staaten weiter nach Westen verschiebe."
Außerdem zur Buchmesse: Als Warnung kann man auch die Romane und Erzählungen des 2007 estnischen SchriftstellersJaanKroos lesen, empfiehlt Roger Abrahams in der Welt. Auf der Lit.Cologne derweil, die am Wochenende ebenfalls zu Ende ging, konnte man sich "ein wenig von der Krisengegenwart erholen", resümiert Oliver Jungen in der FAZ. "Platz für ernste Themen war aber doch". Für Zeit Onlinesammeln Alexander Cammann, David Hugendick, Dr. Peter Neumann und Adam Soboczynski vermischte Eindrücke.
Weitere Artikel: Christoph Amend und Jochen Wegner plaudern für Zeit Online mit der Bestseller-AutorinCorneliaFunke. Matthias Heine (Welt) stößt beim amüsierten Blättern in AnnettevonDroste-Hülshoffs Literaturbetriebssatire "Perdu!" aus dem Jahr 1840 auf einige Parallelen zur Gegenwart. Besprochen werden unter anderem WolfgangBenz' "Exil. Geschichte einer Vertreibung 1933-1945" (online nachgereicht von der Welt), JohannesGroschupfs Krimi "Skin City" (Tsp) und die deutsche Erstausgabe von JuriFelsens bereits 1930 verfasstem Roman "Getäuscht" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Tom Schulz über IngeMüllers "Unterm Schutt III":
"Als ich Wasser holte fiel ein Haus auf mich Wir haben das Haus getragen ..."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Jens Uthoff spricht in der taz mit SerhijZhadan nicht nur über dessen Erfahrungen als Soldat in der ukrainischen Armee, sondern auch über dessen neuen Geschichtenband "Keiner wird um etwas bitten". Es war ihm "wichtig, diese Erfahrung festzuhalten - die Erfahrung des ersten Kriegsjahrs. Für mich geht es in diesem Buch um die Geschichten und Stimmen, deren Zeuge ich geworden bin, die ich persönlich gehört habe. Es sind Geschichten über den Raum zwischen Krieg und zivilem Leben, über das Leben in den ukrainischen Städten in Frontnähe." Im Schreiben "hat sich alles verändert - der Ton, der Stil, die Figuren, der Rhythmus. Der Krieg bricht die Sprache. Er vereinfacht sie, macht sie farblos. Das ist ein schwieriger psychologischer Prozess. Ich habe noch keine Vorstellung davon, wie ich nach dem Krieg schreiben werde."
Die Jungle World widmet zur Leipziger Buchmesse einen Schwerpunkt der Manga- und Anime-Literatur: Rein wirtschaftlich haben die japanischen Comics die amerikanischen und frankobelgischen Comics auch in Deutschland längst weit überholt und bescherten den darauf spezialisierten hiesigen Verlagen in den letzten Jahren sensationelle Wachstumsquoten. Sven Jachmann erzählt diese Erfolgsgeschichte nach: "Während sich der US-Markt auf alterndeSuperhelden-Fanboys einschoss und man in Europa hauptsächlich damit beschäftigt war, dem Comic als Kunst zu Reputation zu verhelfen und ihn in den Kulturbetrieb zu überführen, geriet der Lesernachwuchs völlig aus dem Blick. ... Die Ausdifferenzierung des Manga nach Geschlecht, Alter und Gattungsvorlieben ist im westlichen Kulturkreis ohne Beispiel - darum finden sich Serien mit Protagonistinnen, die eigentlich nur in der Küche stehen, oder in einer Tour Flipper spielenden Jungs -, und es verdankt sich dieser lebensweltlichen Fixierung, dass feministische und queere Sujets öfter vertreten sind als in europäischen oder US-amerikanischen Comics. ... Grundsätzlich hat der große Erfolg der Manga hierzulande dafür gesorgt (wie auch die Graphic Novel, diese allerdings nicht als Massenphänomen), dass der Comic nicht mehr, wie es bis tief in die Neunziger weitestgehend der Fall war, ein bloßer Tummelplatz für Hetero-Männer ist."
Was allerdings offenbar nicht heißt, dass im Manga ein feministisches Arkadien ausgebrochen wäre: Linn Vertein spricht mit der Journalistin Chermaine Lee über sexistischeDarstellungen im Manga und insbesondere, wie minderjährige Figuren darin oft stark sexualisiert werden. Sie denkt, "dass in den Gesellschaften Ostasiens eine Menge sexistischer Bräuche und Mentalitäten noch sehr verwurzelt sind und dass diese sich in vermeintlich harmlosen Cartoons stark ausdrücken". Aber "ich glaube nicht, dass das Genre selbst das Problem ist, sondern vielmehr der Sexismus der japanischen Gesellschaft. Und die Experten, mit denen ich gesprochen habe, sehen Anlass, auf Veränderung zu hoffen, weil immer mehr Frauen als Autorinnen im Manga und Anime mitmischen."
Außerdem: Nadine A. Brügger spricht für die NZZ mit dem SchriftstellerColumMcCann über dessen neuen, in der FRbesprochenen Roman "Twist". Frauke Steffens berichtet in der FAS von ihrem Besuch in der New Yorker Stadtbibliothek, wo der Nachlass von JoanDidion der Öffentlichkeit zugänglich ist. Tobias Rüther und Tania Martini sammeln für die FAS Eindrücke von der LeipzigerBuchmesse. Jens Uthoff berichtet in der taz von diversen Diskussionspanels auf der Buchmesse. Nina Apin resümiert für die taz philosophische Debatten bei der Buchmesse. Für die Lange Nacht im Dlf Kulturspricht Hans Dieter Heimendahl auf der Leipziger Buchmesse mit zahlreichen norwegischenSchriftstellerinnenundSchriftstellern. Dorothea Westhphal spricht im Dlf Kultur auf der Leipziger Buchmesse mit ArnoFrank und dem Historiker OliverHilmes über deren neue Bücher zur NS-Zeit. Richard Kämmerlings spaziert für die WamS mit dem SchriftstellerRomanEhrlich durch Berlin. Die NZZdokumentiertAdolfMuschgs Dankesrede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Capodistria-Universität in Athen. Bernhard Heckler erzählt in der SZ von seinem Treffen mit der auf düstere Erotika spezialisierten Schriftstellerin D.C. Odesza, die damit den Geschmack eines insbesondere weiblichen Massenpublikums trifft. Thomas Ribi (NZZ) und Niklas Bender (FAZ) erinnern an GiacomoCasanova, der vor 300 Jahren geboren wurde.
Besprochen werden unter anderem YasminaRezas "Die Rückseite des Lesens" (taz), HelenaHegemanns "Striker" (online nachgereicht von der taz), SophieHungers "Walzer für Niemand" (Standard), TomasEspedals "Lust" (online nachgereicht von der Welt), ArnoFranks "Ginsterburg" (Standard), LizMoores "Der Gott des Waldes" (online nachgereicht von der Welt), AndréeBlouins "My Country, Africa: Autobiography of the Black Pasionaria" (taz), neue Sachbücher (Freitag), KatharinaHagenas "Flusslinien" (FAZ), die deutsche Erstveröffentlichung von MaryShelleys "Mathilda" (FAS) und EmmanuelCarrères "Ich lebe und ihr seid tot" über den Science-Fiction-AutorPhilipK. Dick (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Boualem Sansal ist zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden (unser Resümee).
Der Staatsanwalt hatte eine zehnjährige Haftstrafe gefordert, hier hat das Gericht also milder geurteilt, erläutert Adlène Meddi in Le Point: "Was soll aus diesem Urteil gefolgert werden? Zunächst muss auf die Beschleunigung des Verfahrens eingegangen werden, um zu verstehen, was die algerischen Behörden vorhaben. In einer Erklärung gegenüber einem lokalen Medium zeigte sich der Präsident der Anwaltskammer von Algier, Mohamed Baghdadi, 'angenehm überrascht, da es eine Art Beruhigung gab, der Untersuchungsrichter hat die Fakten neu eingestuft und festgestellt, dass es sich um ein Vergehen handelt, nicht um eine Straftat'. Darum wurde das Verfahren gerichtlich herabgestuft. In seinen Augen und 'angesichts des Aufsehens, das dies ausgelöst hat, ist dies auch eine Möglichkeit, eine Beschleunigung und eine gewisse Entspannung zu ermöglichen'." Angeblich sei jetzt der Weg für eine Begnadigung durch den Präsidenten offen.
Plantu, der lange für Le Monde zeichnete, kommentiert:
Kein Anwalt, kein Publikum, keine Gerechtigkeit, keine Juden. Prima. Macht fünf Jahre Gefängnis. https://t.co/oPJd8BYtWx
Nils Minkmar schildert in der SZ den politischen Hintergrund der Verurteilung. Emmanuel Macron hatte die marokkanische Position zu Westsahara anerkannt. Aber zuvor hatte er viele Versöhnungssignale an die algerische Regierung gesendet und etwa die Kolonialherrschaft als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet. "Zu einer Entspannung führte das nicht, denn die regierenden Mächte Algeriens setzen ganz auf ihre eigene Mischung aus Repression, Ideologie und Ressentiment, um sich an der Macht zu halten. Sie stützen sich auf eine stille Koalition mit den Islamisten, die für Ruhe in der Zivilgesellschaft sorgen. Lockert man das brutale, aber für die Beteiligten sehr lukrative Konstrukt auch nur ein wenig, droht auch in Algerien ein Regimewechsel wie in Syrien."
Gibt es Chancen, dass nach dem Urteil eine "Begnadigung" kommt? Martina Meister verweist in der Welt auf intensive diplomatische Aktivitäten: "Unter anderem sei Macrons Beraterin für den Nahen Osten und Nordafrika nach Algier gereist. Sie bereite, so hieß es weiter, eine Reise von Außenminister Jean-Noël Barrot vor, die in der ersten Aprilwoche geplant sei. Frankreichs Außenminister werde dort seinen algerischen Amtskollegen Ahmed Attaf, womöglich auch Präsident Tebboune treffen." Bestellen Sie bei eichendorff21!Der LeipzigerBuchpreis wurde gestern unter raumklimatisch offenbar herausfordernden Bedingungen an KristineBilkau (für ihren Roman "Halbinsel"), IrinaRastorgueva (für ihr Sachbuch "Pop-up Propaganda") und ThomasWeiler (für seine Übersetzung des Bandes "Feuerdörfer. Wehrmachtsverbrechen in Belarus - Zeitzeugen berichten") vergeben. Das Buchmessen-Team der tazstellt die drei ausgezeichneten Bücher noch einmal genauer vor. Insbesondere der Preis für Bilkau überraschte manchen Kritiker: Dass der Preis schon an WolfHaas (für "Wackelkontakt") oder ChristianKracht (für "Air") gehen werde, galt offenbar als ausgemacht. "Die Bücher ihrer drei weiblichen Konkurrentinnen um den Preis, Kristine Bilkaus 'Halbinsel', CemileSahins'Kommando Ajax' und EstherDischereits'Ein Haufen Dollarscheine', erschienen vielen in der Glashalle des Messegeländes als kalter Kaffee", schreibt Andreas Platthaus in der FAZ. "Aber was braucht man bei großer Hitze nicht? Heiße Favoriten."
"Bilkaus Mutter-Tochter-Roman auf jener Halbinsel im nordfriesischen Wattenmeer ist bei aller stofflichen Interessantheit (inklusive Climate-Fiction-Spuren) im Vergleich konventioneller, sprachlich formal", schreibt Gerrit Bartels im Tagesspiegel. "Trotzdem fand die Jury, dass unter dieser konventionellen Oberfläche 'Widerhaken' stecken würden und der Roman nur "scheinbar geradlinig" erzählt sei. Vielleicht konnte sie sich aber auch einfach nicht einigen."
Auch Alexander Cammann und Adam Soboczynski stutzen auf Zeit Online: Die Auszeichnung für Bilkau "muss man wirklich als große und seltsame Überraschung begreifen, denn die Konkurrenz" durch Haas und Kracht war "enorm. Beide Bücher sind Bestseller, und beide vereinen sich eigentlich widersprechende Vorzüge: Die Romane sind unterhaltsam, und sie sind experimentierfreudig, sie sind pures Lesevergnügen, und doch sind sie auf regelrecht manische Weise formbewusst. ... Es bleibt das große Geheimnis der Jury, weshalb sie den mit Abstand aufregendsten Büchern der Saison die Auszeichnung verweigert hat."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Marc Reichwein (Welt), Julia Haubernagel (taz) und Judith von Sternburg (FR) berichten von der Eröffnung der Leipziger Buchmesse und der Verleihung des Preises zur Europäischen Verständigung an den belarussischen Exil-SchriftstellerAlhierdBacharevič für den Roman "Europas Hunde" (mehr dazu bereits hier). David Hinzmann gibt auf FAZ.net einen Überblick über aktuelle Romane aus Norwegen, dem diesjährigen Gastland der Leipziger Buchmesse (hier unsere Buchnotizen zu Veröffentlichungen aus Norwegen). In der FAZgratuliert Paul Ingendaay dem SchriftstellerJulioLlamazares zum 70. Geburtstag. Ebenfalls in der FAZ gratuliert Wolfgang Matz dem SchriftstellerPierre Michon zum Achtzigsten. Und die PressegibtBuchtipps zum Frühling.
Besprochen werden unter anderem Helene Hegemanns "Striker" (Standard), Sophie Hungers "Walzer für Niemand" (NZZ), PatriciaHempels "Verlassene Nester" (online nachgereicht von der taz), JakobHeins "Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste" (online nachgereicht von der taz), BernhardMalkmus' "Himmelsstriche. Vom Leben der Vögel und Überleben der Menschen" (Freitag) und neue Sachbücher, darunter JulianBagginis "'Wie die Welt denkt'. Eine globale Geschichte der Philosophie" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Aktualisiert um 11 Uhr: Boualem Sansal ist zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden, berichtet unter anderen Le Parisien mit AFP. Das Gericht blieb somit unter den vom Staatsanwalt geforderten zehn Jahren. "Im Anschluss an diese Verurteilung appellierte sein französischer Anwalt an die Menschlichkeit des algerischen Präsidenten. 'Sein Alter und sein Gesundheitszustand machen jeden Tag im Gefängnis noch unmenschlicher. Ich appelliere an den algerischen Präsidenten: Die Justiz hat versagt, lassen Sie wenigstens die Menschlichkeit siegen', schrieb Maître Zimeray auf X, in Anspielung auf eine mögliche Begnadigung durch den Staatschef."
Französische Politiker werden versuchen, eine europäische Resolution gegen dieses Urteil zu erwirken, schreibt etwa die liberale Abgeordnete der Assemblée nationale Prisca Thévenot:
5 ans de prison pour Boualem Sansal.
Quand penser devient un crime, résister devient un devoir.@GabrielAttal l'a annoncé : une résolution européenne pour sa libération sera soumise au vote à l'Assemblée nationale.
Das Comité de soutien für Boualem Sansal fordert in einer ersten Erklärung "die bedingungslose und sofortige Freilassung von Boualem Sansal - wie in zwei Resolutionen des Europäischen Parlaments und des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten der Nationalversammlung gefordert - und setzt sich daher mehr denn je für ihn ein: Boualem Sansal muss bedingungslos und ohne Gegenleistungen freigelassen werden und natürlich die Erlaubnis erhalten, Algerien zu verlassen."
Trotz AfD-Erfolgen und dem verheerenden Siegeszug des disruptiven Rechtspopulismus in den USA, "bleibt die Kultur im Kern machtkritisch und selbstreflexiv, irgendwo struppig und antiautoritär", findet Dirk Knipphals in der taz anlässlich des Auftakts der Leipziger Buchmesse. "Was sich auch in den Diversitätssignalen bei den Kandidat*innen für den Leipziger Buchpreis widerspiegelt. Wird es so bleiben? Von selbst versteht sich das nicht. ... Die Leipziger Buchmesse zeigt, was auf dem Spiel steht: die emanzipativen Gehalte und schlicht auch der Spaß an einer lebendigen Debattenkultur. Die Verheißung ist, sich gar nicht erst in die Defensive bringen zu lassen, in der man eine kritische Kultur verteidigen muss. Man muss sie leben und tut das in Leipzig auch." Zum Auftakt der Leipziger Buchmesse bringt die taz heute auch ihre Literaturbeilage, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten, wo sie auch unsere Notizen zu den bisherigen Beilagen im Frühjahr finden.
Diese Haltung wurde auch bei der Pressekonferenz der Buchmesse gestern morgen reichlich beschworen, berichtet Gerrit Bartels im Tagesspiegel, der von den entsprechenden Ansagen allerdings nicht ganz so überzeugt ist: das Buch als Retter der Demokratie? "Nun haben die Entwicklungen in der Welt leider auch das Gegenteil bewiesen: Bücher haben bislang wenig ausrichten können gegen den globalen Siegeszug der Autokraten." Und auch "die von Kraus vom Cleff erwähnte disruptive Zeit, in der wir leben, mit ihrem Tempo und ihren Turbulenzen, scheint die Leipziger Buchmesse nicht so recht abgebildet zu bekommen." Bei der Eröffnungsveranstaltung der Buchmesse gab es zunächst mal wieder das übliche, Zeit und Nerven fressende Einerlei von der typischen "Phalanx der Grußredner", gähnt Andreas Platthaus in der FAZ, "und doch wurde es die beste Leipziger aller Eröffnungsfeiern". So etwa wegen "SieglindeGeiselsLaudatio auf AlhierdBacharevič als diesjährigen Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäische Verständigung - ein Genuss an unprätentiöser Bewunderung." Auch Bacharevičs darauf folgender Vortrag "ließ den Atem stocken. Einerseits ob der Schonungslosigkeit, mit der er sprach: 'Zwischen unserer freien Welt und dem Russischen Reich steht heute nur die ukrainische Armee' - wieder Szenenapplaus (und das in Sachsen). Und dann wegen des Realismus seiner Ausführungen: 'Literatur ist immer gefährdet.' Aber ein Autor wie Bacharevič lässt sich davon nicht unterkriegen. Das war aus jedem Satz des im Berliner Exil lebenden Schriftstellers hörbar." In der SZ resümiert Bernhard Heckler den Abend.
Weitere Artikel: Yannic Walter sorgt sich in der taz um den Stand der Kurzgeschichte hierzulande: Anders als in den USA fristet die kurze Form hierzulande im Diskurs eher eine Nischendasein als Spielwiese für angehende Autoren und Sprachexperimente voller "stilistischer Idiosynkrasien und Hermetik. ... Doch in einer Welt, in der die großen Erzählstränge der politischen Zeitgeschichte sich schon anfühlen wie Fiktion und immer neue, bedrohliche Wendungen nehmen, erscheint das realistische, splitterhafteErzählen so zeitgemäß wie selten zuvor." Yi Ling Pan berichtet in der taz von der Berliner Lesung der drei Preisträger des Lyrikwettbewerbs Literarischer März. Andreas Platthaus liest für FAZ.netSethsComic-Hommage an den New Yorker aus Anlass zu dessen hundertjährigem Bestehen.
Besprochen werden unter anderem ChimamandaNgoziAdichies "Dream Count" (taz), Serhij Zhadans Erzählungsband "Keiner wird um etwas bitten" (taz), Helene Hegemanns "Striker" (Welt), Roberto Savianos "Treue. Liebe, Begehren und Verrat - die Frauen in der Mafia" (NZZ), Kurt Prödels "Klapper" (online nachgereicht von der FAS), Louise Pennys Krimi "Der graue Wolf" (FR), Karl Ove Knausgårds "Die Schule der Nacht" (Zeit), IngeborgArvolas "Der Aufbruch" (FAZ) und AriaAbers "Good Girl" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Claus Leggewie will in einer Intervention für den PerlentaucherAnzeichen erkennen, dass Boualem Sansal freikommen könnte. Zwar wäre das Regime "durchaus fähig, Sansal im Gefängnis schmoren (und sterben) zu lassen, wie es auch andere Oppositionelle, namentlich kritische Journalisten drangsaliert. Wieso also kann man optimistisch sein? Spekulativ: Weil die Härte der Sanktion - zehn Jahre Knast - auf einen möglichen 'Deal' hindeutet, der auf die Verurteilung Begnadigung und Abschiebung folgen lässt. Und noch mehr, weil sich der algerische Staatspräsident Tebboune so eingelassen hat, dass er Frankreich tadelt, aber auch einen Deal auf Augenhöhe mit seinem Amtskollegen Macron anvisiert."
"In Leipzig wird ein Bücherfest gefeiert, in Dar El Beida ein Fanal inszeniert", kommentiert Andreas Platthaus in der FAZ den Prozess in Algerien, und zwar "gegen einen weltoffenen Schriftsteller, der die Missstände in seinem Land zu offen benannt hat, als dass ihm das daheim verziehen würde." Der Protest gegen Sansals Gefangennahme hält zwar an und wird wohl auch auf der Leipziger Buchmesse zu hören sein, doch "die algerische Regierung interessiert sich nicht für die Welt. Die Missachtung individueller Rechte, allen voran derer auf freie Meinungsäußerung und Wissenschaftsausübung, zugunsten eines behaupteten Mehrheitswillens ist ein bewährtes und derzeit das probateste Mittel bei der Abwicklungdessen, wasbürgerlicheFreiheitausmacht. ... Im repressiven Umgang mit Büchern hat man einen Indikator für Tyrannei. Fantasie und Faktentreue sind ihr gleichermaßen unerträglich."
Der estnische Komponist JüriReinvereerzählt in der FAZ von einer Posse in seiner Heimat: Dort wurde letzten Herbst bei einem Essaywettbewerb im zur Zukunft Estlands ein Beitrag einer vorgeblich 19-jährigen Autorin namens Nora Maria London prämiert - dass der Text wahrscheinlichvon einer KI geschrieben sein könnte, dämmerte manchen erst im Nachhinein. Tatsächlich gab sich nun der über 30-jährige Schriftsteller KaurRiismaa als eigentlicher Autor zu erkennen, "der auf diese Weise seinem Frust über die politische Bevorzugung von Genres und Gender Luft machte und das Preisgeld einstrich. ... Die beliebte Fernsehsendung, in der er auftrat und das Geheimnis hinter der erfundenen Autorin lüftete, versuchte, den Skandal kühl zu rationalisieren. ... Dass die Sorge um Estlands geistiges Überleben von einer neunzehnjährigen Frau vorgetragen wurde, die nicht existiert; dass die Jury nur auf die spektakuläre Preisentscheidung schaute, ohne tiefer in die Materie einzusteigen; dass das prämierte Werk wahrscheinlich mit wesentlicher Hilfe von Künstlicher Intelligenz geschrieben worden war - all das wurde höflich verschwiegen. Ingmar Bergman sagte einmal, dass das Interesse des Menschen am Menschen ewig wäre und deshalb immer Hoffnung für die Kunst bestehe. Unsere Zeit hat begonnen, diesen Glauben zu erschüttern."
Weitere Artikel: Hannes Hintermeier erinnert in der FAZ an den Schriftsteller und Journalist HugoBettauer, der vor 100 Jahren von einem Nationalsozialisten ermordet wurde. SchriftstellerinTeresaPräauer ist in ihrer SZ-Glosse reichlich genervt von der Geplauder-Inflation im Netz, "diesem Abklatsch der Idee von Meinungsvielfalt und Beteiligung".
Besprochen werden unter anderem Helene Hegemanns "Striker" (FAZ), Antje Rávik Strubels "Der Einfluss der Fasane" (DlfKultur), Christoph Heins "Das Narrenschiff" (Welt), Yasmina Rezas "Die Rückseite des Lebens" (TA), Thomas Manns "Deutsche Hörer" mit seinen BBC-Reden von 1933 bis 1945 (FR), Carmen-FrancescaBancius "Mutters Tag" (Tell), Katharina Geisers "Die Wünsche gehören uns" (NZZ), JakobHeins "Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste" (FR), FarukŠehićs "Von der Una" (FAZ) und MartinMosebachs "Die Richtige" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Eric Amblers 1938 veröffentlichter Roman "Anlass zur Unruhe" lässt Wolfgang Matz in der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" geradezu frösteln: Vieles von dem, was der Autor über die Dreißiger schreibt, ähnelt in manchem unseren Zwanzigern. "Während Ambler 1937 und 1938 schreibt, weiß er noch nichts vom Schicksal der Trümmerlandschaft Europa in den Vierzigern, vom neuen Weltkrieg, vom millionenfachen Mord; er schreibt ganz aus der Perspektive des Augenblicks und erkennt jetzt schon die Zeichen des Späteren. 'Anlass zur Unruhe' ist nicht der Roman eines Nachgeborenen, der die Vergangenheit, den Weg ins Unheil rekonstruiert, weil er das blutige Ende kennt; lesen muss man ihn unbedingt als Warnung eines unmittelbaren Zeitgenossen, der illusionslos das Unheil analysiert, das vor Europas Türe steht." Bei Kaliber 38finden wir Thomas Wörtches Nachwort zu einer Neuausgabe von 2012 dokumentiert.
Weiteres: Die FAZstellt die fünf wichtigsten Romane aus ihrer Literaturbeilage zur Leipziger Buchmesse vor. Besprochen werden unter anderem SerhijZhadans Erzählungsband "Keiner wird um etwas bitten" (online nachgereicht von der LitWelt), der Debütroman "Image" der auf Social Media populären Meme-Künstlerin Sveamaus (Standard), NatashaBrowns "Von allgemeiner Gültigkeit" (Freitag), MargeryAllinghams Krimi "Campion. Tödliches Erbe" (FR), NicolasMathieus "Jede Sekunde" (NZZ), GeorgiDemidows "Zwei Staatsanwälte" (NZZ), neue Lyrikveröffentlichungen, darunter "Brüchige Stücke" von NancyCampbell (Freitag), und PatriciaF. Blumes "Die Geschichte der Leipziger Buchmesse in der DDR" (FAZ).
Besprochen werden unter anderem AnnieErnauxs "Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus" (Standard), KarlOveKnausgårds "Die Schule der Nacht" (Standard), YasminaRezas "Die Rückseite des Lebens" (FR), MartinMosebachs "Der Richtige" (Standard), die ursprünglich in den Siebzigern von EdithAnderson herausgegebene, jetzt neue aufgelegte "Blitz aus heiterm Himmel" (JungleWorld), AndreasMaiers "Der Teufel" (Standard), AriaAbers "Good Girl" (Freitag), Lisa-ViktoriaNiederbergers Essay "Dunkelheit" (Standard), Bernhard Robbens Neuübersetzung von F. ScottFitzgeralds "Der große Gatsby" (online nachgereicht von der FAZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter TobiasWagners "Death in Brachstedt" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Dieter M. Gräf über ThomasKlings "geschrebertes idyll. für mike feser":
"seit acht gekokelt ('lüftchn wi ausm ei gepellt'); zur erdbeerbowle kommen kellergeister, brigitte- leckerbissn reingezogn ..."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Am 27. März beginnt die LeipzigerBuchmesse. Zu deren Auftakt erhält AlhierdBacharevič für "Europas Hunde" den Preis für Europäische Verständigung. Der bis ins Jahr 2050 reichende Roman handelt davon, wie Belarus von Russland geschluckt wird. "Es ist ein Buch über das, was mich immer aufgeregt, interessiert und infiziert hat", sagt der belarussische Schriftsteller im Gespräch für "Bilder und Zeiten" der FAZ gegenüber Sieglinde Geisel. "Die Idee des russischen Staats ist imperialistisch, anders kann dieses Land nicht existieren. Ein Imperium kann nie frei und demokratisch sein, es kennt keine Grenzen: Sein Ziel ist es, immer weitere Länder zu erobern. Den Belarussen und den Ukrainern war das schon in den Neunzigerjahren klar, ebenso den Litauern, Letten, Esten und Georgiern. Als Putin an die Macht kam, schaffte er es, viele westliche Politiker einzuschläfern. Doch die Künstler müssen immer wach sein, das ist eine ihrer Superkräfte - immer unruhig zu sein, nicht zu schlafen, wenn die Katastrophe näher rückt, ihre ersten Zeichen zu spüren und abzufangen. ... Für die Belarussen ist ihre Sprache Schatz und Schmerz zugleich. Seit Jahrhunderten lebt Belarus im Schatten des russischen Imperiums, unsere Sprache bewahrt uns vor der Auflösung im Sud der aggressiven 'brüderlichen Liebe' des Nachbarreichs."
"Vielleicht sollte 'Europas Hunde' Pflichtlektüre werden für Westeuropäer, von denen immer noch manche PutinsUkraine-Lügen glauben oder sich Illusionen über Russland machen", schreibt Jens Uthoff in seinem taz-Porträt des Schriftstellers.
Das Gastland der Leipziger Buchmesse ist in diesem Jahr Norwegen (hier unsere Rezensionsnotizen zur norwegischen Literatur). Gerade einmal 5,5MillionenMenschen leben in diesem Land, aber gefühlt ist jeder zweite davon ein namhafter Autor, staunen die Literaturkritiker. Woran liegt's? Alex Rühle referiert in der SZ die Eckdaten der norwegischen Literaturförderung, die wir auch schon an dieser Stelle resümiert haben: Sagenhafte Ankaufgarantien durch staatliche Bibliotheken, sowie ein aufwändiges Programm zur Übersetzung norwegischer Literatur in andere Sprachen. Hinzu "kommt ein Stipendiensystem, so üppig, wie es das vielleicht sonst nur in der Schweiz gibt, das ganze Land schwimmt ja förmlich im Ölgeld."
Es hat aber vielleicht auch mit dem Land an sich zu tun, schlägt Jette Wiese in der taz vor: So wenig Menschen in so viel leerer Natur und nichts als Fjorde, angesichts derer man schwermütig übers Leben brüten kann. Aber dafür ballt sich die Kultur auch in engster Nachbarschaft, "auf einer Handvoll Kulturorte vor allem in der Hauptstadt Oslo und in Bergen an der Westküste. In Bergen bildet die Skrivekunstakademiet seit 1985 junge Autor:innen aus. Knausgård war Ende der Achtzigerjahre selbst einer ihrer Schüler und lernte unter anderem bei JonFosse, dessen mystisches, melancholisches Werk 2023 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde." Dort in Bergen, im zentral gelegenen und "berühmten Café Opera, "kann es sehr gut passieren, dass früher oder später namhafte Autor:innen wie TomasEspedal vorbeischauen. In Bergen, wie in der norwegischen Literaturszene überhaupt, liegt vieles sehr nah beieinander."
Rühle und Wiese unterstreichen im übrigen beide mit Nachdruck, dass die norwegische Literatur bei weitem nicht nur aus grübelnden, sich marternden Männern besteht. Darum geht es auch Carsten Hueck in seinem Literaturfeature für Dlf Kultur: Darin stellt er norwegischeSchriftstellerinnen vor.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Fridtjof Küchemann unternimmt für die FAZ Streifzüge durch die norwegische Gegenwartsliteratur und verneigt sich dabei insbesondere vor VigdisHjorth, die präzise "den zwischenmenschlichen Schrecken bloßzulegen und in Worte zu fassen vermag", und vor dem jungen AutorOliverLovrenski, der gerade seinen Roman "bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann" veröffentlicht hat: "Der Sound, die Lässigkeit, die Gewaltbereitschaft und Zärtlichkeit der Sprache" - all das steche im Kontext norwegischer Literatur heraus.
In seinem taz-Vorabtext zur Leipziger Buchmesse kommt Dirk Knipphals nochmal auf unsere große Kritikerumfrage anlässlich unseres 25-jährigen Jubiläums zu sprechen (hier alle Beiträge samt unseren Schlussbetrachtungen). Dass die meistgenannten Autorinnen und Autoren schwer auf einen Nenner zu bringen sind, diesen Befund teilt er. Aber eine Gemeinsamkeit sieht Knipphals doch: Alle von ihnen sind hochdekoriert und verkaufen gut. "In diesen Fällen sind sich Literaturkritik und Literaturkäufer*innen also durchaus einig, was man ruhig einmal festhalten kann. ... Es lohnt sich unbedingt, die von den 28 Kritiker*innen eingeschickten Begründungen ihrer jeweiligen Auswahl im Ganzen zu lesen. Warum wird das nicht häufiger gemacht? Über die Literatur der sechziger, siebziger, achtziger und auch noch neunziger Jahre gibt es Sammelbände, in den nuller Jahren hörte das auf. Warum eigentlich? Aus einem, so ist zu vermuten, banalen Grund: weil niemand die nötigen Texte dafür bezahlt. Die Produktion von Text wird in unserer Gesellschaft sowieso leider schlecht honoriert, und wenn noch dazu der Text kein aktuelles Produkt thematisiert, kann man ihn gleich unter Liebhaberei abbuchen."
Außerdem bringen SZ, WamS, FAZ und FAS heute ihre Beilagen zur Buchmesse. Deren Auswertungen finden Sie in den kommenden Tagen an dieser Stelle.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Katrin Gottschalk spricht in der taz mit der SchriftstellerinAnnet Gröschner über deren neuen Roman "Schwebende Lasten" (hier unser Resümee eines weiteren Gesprächs mit ihr). Werner von Koppenfels erinnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ an den vor 400 Jahren gestorbenen DichterGiambattistaMarino, Katharina Borchardt in der NZZ an den philippinischen SchriftstellerJoséRizal. Und die JungleWorldmeldet, dass der Schriftsteller DejanAtanacković bei den Massenprotesten in Serbien festgenommen wurde.
Besprochen werden unter anderem YasminaRezas "Die Rückseite des Lebens" (FAZ), MonikaRincks Lyrikband "Höllenfahrt & Entenstaat" (Intellectures), JonasLüschers "Verzauberte Vorbestimmung" (Freitag), HorstBieneks Tagebücher von 1951 bis 1990 (FAZ), Chimamanda Ngozi Adichies "Dream Count" (FAZ) und HeleneHegemanns "Striker" (SZ).
Gestern wurde bekannt, dass der Prozess gegen Boualem Sansal in Algerien eröffnet wurde. Der Staatsanwalt, berichten die Medien, fordert zehn Jahre Haft gegen den Schriftsteller. In Le Mondeschafft es Simon Roger, zumindest indirekt vom ersten Prozesstag zu berichten: "Einem ortsansässigen Journalisten zufolge, der der Verhandlung beiwohnte, erschien Boualem Sansal, 80 Jahre alt und an Prostatakrebs erkrankt - für den er im Gefängnispavillon des Universitätsklinikums Mustapha-Pacha in Algier behandelt wird -, 'in guter Verfassung, mit kurz geschnittenem Haar'. Er habe sich entschieden, sich selbst zu verteidigen, obwohl ihm von der algerischen Justiz ein Pflichtverteidiger zugewiesen worden sei. 'Ich wollte nichts gegen mein Land unternehmen, ich habe nur eine Meinung geäußert, wie jeder algerische Bürger', rechtfertigte sich der Autor auf Französisch." Sansal hat sich offenbar entschieden, ganz auf Anwälte zu verzichten, nachdem sein französischer Anwalt François Zimeray nach wie vor kein Visum für Algerien bekommen hat - Zimeray schreibt in einer Erklärung über einen "im Geheimen abgehaltenen Fantomprozess, ohne Verteidigung, der mit der Idee der Gerechtigkeit unvereinbar ist". Der Le Monde-Journalist möchte übrigens die Strafforderung des Staatsanwalts als eine "Geste der Beschwichtigung" interpretiert wissen, da noch weit schlimmere Strafen gegen Sansal verhängt werden könnten.
Am Rande des EU-Gipfels hat sich gestern Abend lautLe Point auch Emmanuel Macron zu Sansal geäußert: "Unser Wunsch ist es, dass Boualem Sansal behandelt werden kann, freigelassen wird und dorthin gehen kann, wo er hin will. Ich wünsche mir, dass wir eine schnelle Lösung für diese Situation finden, die eine Frage der Menschlichkeit und der Würde für alle Seiten ist. Das ist auch für Algerien sehr wichtig." Übrigens wusste nicht einmal Macron, dass überhaupt eine Prozesseröffnung gegen Sansal angesetzt war, sagt Noëlle Lenoir, Vorsitzende des französischen Unterstützungskomitees für Sansal in einem Radio-Interview von heute früh.
Weiteres: Das Oberlandesgericht Hamburg hat die Beschwerde des Galeristen Johann König in der Auseinandersetzung um Christoph Peters' Roman "Innerstädtischer Tod" abgelehnt, meldet Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Mathias Mayer legt uns in der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" Ludwig Marcuses Platon-Studie "Der Philosoph und der Diktator" ans Herz. In der FAZschreibt Patrick Bahners zum 90. Geburtstag des C.H.-Beck-Lektors Ernst-Peter Wieckenberg. Doris Kraus und Mirjam Marits stellen in der Presseneue Krimis aus Norwegen vor.
Besprochen werden Christoph Heins "Das Narrenschiff" (online nachgereicht von der FAZ), Dagmar Leupolds Lyrikband "Small Talk" (FR) und Ismail Kadares "Der Anruf" (SZ).