Siegfried Unseld war
NSDAP-
Mitglied. 1942 ist der spätere
Suhrkamp-Verleger im Alter von 18 Jahren in die Partei eingetreten. Das ergab ein Zufallsfund des Historikers
Thomas Gruber, dem bei Recherchen im Bundesarchiv zu einem anderen Thema Unselds Mitgliedskarte quasi in die Hände fiel. Bisherigen Unseld-Biografen "scheint die Karte nicht aufgefallen zu sein", obwohl sie "leicht zu finden" wäre und Unseld selbst zumindest in dunklen Anspielungen von einem "Bruch" mit dem Regime im Jahr 1944 sprach, schreibt Gruber in der
Zeit. Aber wie ist der Fund einzuschätzen? Das Klischeebild vom
Parteieintritt unter Zwang mag, wie in früheren Debatten um NS-Mitgliedschaften, für das Jahr 1944 unter Umständen sogar Geltung haben, "aber
kaum für 1942", als man in der Partei noch "
Überzeugte" aufnehmen wollte. "Für Unseld im September 1942, knapp zweieinhalb Jahre vor Kriegsende, bedürfte es schon eines besonders plausiblen Grunds, warum ihm die Aufnahme (selbst wenn nicht von ihm beantragt) unbekannt und er bis Kriegsende eine bloße Karteileiche geblieben sein sollte. Versetzen wir uns dafür nur in die alltägliche Parteibürokratie des Jahres 1942. Ein Mitglied hat Mitgliedsbeiträge zu zahlen. Zwar werden beglichene Beiträge nicht in der Mitgliedskarte erfasst. Nicht gezahlte führen hingegen auf Dauer zur Streichung des Mitglieds - was sehr wohl in der Karte verzeichnet wäre."
Diese "Entdeckung berührt die
Grundfesten, auf denen das Land seit Jahrzehnten intellektuell und moralisch agiert", kommentiert Alexander Cammann ebenfalls in der
Zeit. Bloß eine Jugendsünde eines Jungen, der in eine "nationalsozialistisch engagierte Familie" hineingeboren war? Vielleicht schon, "zum Fall Unseld wird die Angelegenheit jedoch durch sein
lebenslanges Beschweigen. ... Ausgerechnet ein in der Aufklärung über die NS-Zeit derart engagierter Verleger agierte hinsichtlich der eigenen Biografie wie der
normale Durchschnittsdeutsche. ... Ein Verschweigen brachte jedenfalls für Unseld
Karrierevorteile nach 1945, zumal dramatische Kriegserlebnissse wie bei so vielen einiges überdecken konnten. ... Die beispiellose Energie, mit der Unseld sein Leben dem Verlag gewidmet hatte, speist sich also womöglich aus einer Art geheimem Schuldmotor, wie man ihn bei gar nicht wenigen erfolgreichen deutschen Karrieren nach 1945 beobachten kann: auch ein Versuch der Wiedergutmachung eigener Irrtümer, Unterlassungen und Taten, nachdem man noch mal davongekommen war."
All die großen Namen, die Unseld bei Suhrkamp versammelt hat, "sie alle hatten eines gemein",
kommentiert Andreas Platthaus in der
FAZ: "Sie standen durch ihre Werke für ein
politisch geläutertes,
antifaschistisches Deutschland, ... also genau das Gegenteil des Nationalsozialismus." Aber "hätten all die Autoren einem Verlag die Treue gehalten, von dem bekannt geworden wäre, dass sein Chef NSDAP-Mitglied war?" Für "bezeichnend" hält es Platthaus jedenfalls, "dass
nie jemand bei diesem im 'Dritten Reich' jungen Mann
auf die Idee gekommen ist, dass der sich intensiver auf die damals herrschende Ideologie eingelassen haben könnte als nur durch Dienst in der Wehrmacht." Das mit dem "Fall Unseld" wird sich erst noch zeigen müssen,
findet Gerrit Bartels diesbezüglich eher skeptisch im
Tagesspiegel. Dass Unseld als Jugendlicher in einem vom Nationalsozialismus sehr geprägten Umfeld aufwuchs, war ja eh schon allgemein bekannt. "Wie sehr Unseld aber in Ulm erst auf dem Blauring-Realgymnasium und dann an der Hans-Schemm-Oberschule ideologisch bearbeitet worden ist, wie viel Einfluss die NS-treuen und antisemitischen Eltern auf seine politisch-geistige Entwicklung hatten, danach ist von den fünfziger Jahren bis zu seinem Tod
nie gefragt worden."
Weitere Artikel: Horst H. Kruse unternimmt in der
FAZ Archiv-Tiefenbohrungen, um herauszufinden, wie
F.
Scott Fitzgerald wohl die wertschätzende Anrede "Old Sport" zugeflogen ist, die er mit seinem vor hundert Jahren erschienenen Roman "The Great Gatsby" endgültig popularisierte. Nach einem Vorab-Auszug im Literaturmagazin
Glitter freut sich Andreas Platthaus in seiner Online-Comickolumne bei der
FAZ auf
Joris Bas Backers Comic "Falsch gestorben".
Besprochen werden unter anderem
Tomasz Rozyckis "Die Glühbirnendiebe" (
NZZ),
Olivier Schrauwens Comic "Sonntag" (
Tsp),
Axel Hutters "Sprachanalyse und Metaphysik" (
FR),
Friedl Benedikts "'Warte im Schnee vor deiner Tür'. Tagebücher und Skizzen für Elias Canetti" (
FAZ) und
Hubert Winkels' "Die Hände zum Himmel" (
Zeit). Mehr
in unserer Bücherschau um 14 Uhr.