Zum Rücktritt des wissenschaftlichen Beirats der Bührle-Sammlung im Kunsthaus Zürich, die aus den Schlagzeilen nicht rauskommt (unsere Resümees hier und hier), und der Neustrukturierung der Sammlung hält Brita Sachs in der FAZ fest: "Immerhin, Bührle wird jetzt weit kritischer beurteilt als zuvor. Wandtexte schildern einzelne Biographien von Sammlern, Opfern des NS-Regimes." Die Forderungen des Beirats sieht sie aber nicht umgesetzt: "Er hatte mehr Raum gewünscht für die Darlegung der engen Verflechtung vom Schicksal der verfolgten, enteigneten, ermordeten Menschen mit ihren Kunstwerken, die noch bedenkenlos gehandelt wurden, als ihre Herkunft längst kein Geheimnis mehr war." Auch die SZ ist mit einer gespannten Isabel Pfaff bei der Neupräsentation der Sammlung zugegen: "Sie eliminiert jegliche Zweifel über die schwere Belastung dieser Sammlung - und erzeugt vielleicht gerade damit den Wunsch nach einem radikaleren Ansatz. Einer Ausstellung etwa, in der es in mehr als nur einem Raum um die jüdischen Vorbesitzerinnen und -besitzer geht." Vorbei ist die Auseinandersetzung sicher nicht: "Der nächste Knall: Er kommt bestimmt."
Um die Kunst selbst geht es dabei höchstens peripher, ärgert sich Thomas Ribi in der NZZ über die Konturlosigkeit des Ganzen: "Die neue Ausstellung nimmt die Kritik auf, die an der alten zu Recht geübt wurde, wirkt dabei allerdings mehr beflissen als souverän. Und ein wenig hilflos. Immer schön kritisch sein und nur ja keine Fehler machen, scheint das oberste Gebot gewesen zu sein. Es wimmelt von Texttafeln und Videos, der Name Bührle wird kein einziges Mal genannt, ohne dass betont wird, was für eine problematische Persönlichkeit er gewesen sei. Wer sich für Kunst interessiert, findet nur ganz vereinzelt Hinweise auf Besonderheiten einzelner Bilder. Dass es bei dem Ganzen auch um Kunst gehen könnte, will man offensichtlich nicht zu stark betonen." Sein Kollege Philipp Meier kann die Kritik des Beirats nicht so recht nachvollziehen: "Die Neupräsentation gibt den jüdischen Vorbesitzern der zahlreichen Werke in der Sammlung Bührle ein Gesicht. Den Gemälden mit den umstrittenen Provenienzen gilt besondere Aufmerksamkeit. Damit ist vieles anders als zuvor. Das Kunsthaus hat einen Paradigmenwechsel vollzogen. Die neue Schau feiert nicht den Sammler, sondern erzählt die zum Teil tragischen Geschichten hinter den Gemälden."
Die tazdruckt einen Aufruf der Freien Akademie der Künste Hamburg gegen jeden Antisemitismus, verfasst von Wolfgang Hegewald: "Wer sich, wie wir, nicht vorstellen mag, dass abermals Jüdinnen und Juden aus Sorge um ihr Leben unser Land verlassen, muss dies jetzt laut bekennen, mit allen Mitteln, über die er verfügt - mit Aufmerksamkeit und Zivilcourage, Takt und Empathie, öffentliche Rede und Begegnungen, um das Repertoire anzudeuten. 'Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen', das Diktum von Dietrich Bonhoeffer klingt bestürzend aktuell. Jetzt ist nicht die Zeit für künstlerische Selbstgenügsamkeit."
Der "Bitterfelder Weg" hatte in der bildenden Kunst durchschlagenderen Erfolg als in der Literatur, lässt sich im Tagesspiegel bei einem rundum zufriedenen Bernhard Schulz lesen, der die Ausstellung "Aufbau. Arbeit. Sehnsucht. - Bitterfelder Wege" in der Bitterfelder Musik-Galerie an der Goitzsche besucht hat. "Zu sehen ist ein Querschnitt durch die im Umfeld des hiesigen Kombinats entstandene Kunst von den Aufbaujahren bis zum Ende der DDR", erfahren wir, "es lässt sich verfolgen, wie die theoretischen Vorgaben der Partei in konkrete Szenen übersetzt wurden. Am eindrücklichsten gelingt dies dem Bitterfelder Maler Walter Dötsch in dem Triptychon von 1971/72, 'Ein Tag aus dem Leben der Martha Gellert'. Sie ist die idealtypische Werktätige der DDR, die neben ihrem Arbeitsalltag - auf der breiten Mitteltafel gefeiert - in der Kindererziehung sowie als Amateurkünstlerin tätig ist. Die vermeintliche Emanzipation der Frau erweist sich als Dreifachbelastung, die eine stets gut gelaunte Heldin ganz selbstverständlich meistert." Dem Kritiker wird klar: "Das Widerständige der Bilder besteht darin, dass sie bei aller ideologischen Folgsamkeit eben doch verraten, wie es um die Wirklichkeit beschaffen war. Für die Feierabendkünstler der 'Zirkel' waren es jedoch Hoffnungszeichen eines besseren Lebens, einerlei, was der 'Bitterfelder Weg' vorgab."
Besprochen werden: Die Kyiv-Biennale (mnp), Katharina Grosses Ausstellung "Warum Drei Töne Kein Dreieck Bilden" in der Albertina (Standard), "Bruno Pélassy and the Order of the Starfish" im Haus am Wannsee (FR) und William Turners "Three Horizons" im Münchner Lenbachhaus (ZEIT).
Begeistert schreibt Gabi Czöppan im Tagesspiegel über die William-Turner-Ausstellung im Münchner Lenbachhaus. Der Brite Turner war ein Besessner, fast schon ein Extremsportler der Kunst: "Er ließ Farben auf der Leinwand explodieren, er malte den Himmel über Venedig und den Smog über London. Als 1834 das englische Parlamentsgebäude brannte, verfolgte er das Feuer begierig von einem Boot auf der Themse aus und skizzierte es. Er ließ sich im Sturm an einen Schiffsmast fesseln, um die Naturgewalt des Meeres zu erleben. Ihn faszinierten Lawinenabgänge, untergehende Kriegsschiffe und Wetterphänomene. William Turner war ein Maler von Katastrophen und des Klimawandels, als noch niemand das Wort kannte." Nicht nur seine Motive, auch seine Technik waren revolutionär: "Er malte wie ein Berserker, nicht wie ein nobles Akademiemitglied. Seine Farben rührte er mit Sahne, Schokolade, Eigelb und Johannisbeergelee an. Die Leinwände traktierte er mit Pinselstielen, Messern und bloßen Fingern. 'Seifenlauge' schimpften Kritiker. Eine Karikatur zeigte ihn, wie er die Leinwand mit einem Wischmopp bearbeitet. Sein Spitzname lautete 'Over-Turner'."
Höchste Zeit, dass der türkisch-französische Künstler Sarkis endlich auch in Deutschland vorgestellt wird, ruft Carmela Thiele in der taz. Die "7 Tage, 7 Nächte" in der Kunsthalle Baden-Baden ist einzigartig, den Sarkis konzipiert jede Ausstellung neu, so Thiele: "Er verwebt Aspekte der Malerei, der Skulptur, der Fotografie und der Musik. Das Bühnenhafte seiner mit Verweisen und Doppeldeutigkeiten gespickten Installationen gibt den Betrachtern Rätsel auf. Sie werden in ein Labyrinth von Bildern und Gedanken verstrickt, auch um die Frage, was Kunst leisten kann." In seinen Werken sucht Sarkis die Heilung, auch von historischen Traumata wie dem Völkermord an den Armeniern, dem seine Eltern 1915 entkommen sind, so Thiele. In seiner Installation "verbindet er eine inhaltliche und eine konzeptuelle Ebene miteinander. Er verarbeitet die wieder aufgebrochene Wunde des tabuisierten Genozids, indem er den Begriff des Originals, eines Gemäldes etwa, infrage stellt. Der Prozess der Leidverarbeitung, den Besuch einer Therapeutin, im Atelier verbrachte Nächte und die Herstellung eines Bildes montiert er zu einem Tableau. Das sogenannte Original fällt auf den Status eines Relikts zurück."
Weiteres: Die Camaro-Stiftung zeigt Alexander Camaros berühmten Bilderzyklus "Das Hölzerne Theater" aus der Nachkriegszeit, erfahren wir von Katrin Bettina Müller aus der taz. Das "Museum der Dinge" muss übergangsmäßig umziehen, meldet Tilman Baumgärtel ebenfalls in der taz. Die Realisierung eines geplanten Neubaus in der Karl-Marx-Allee ist unsicher.
Besprochen werden die Ausstellung "Geniale Frauen. Künstlerinnen und ihre Weggefährten" im Bucerius Kunst Forum Hamburg (taz), die Retrospektive des koreanischen Künstlers Lee Ufan im Hamburger Bahnhof (tsp) und die Ausstellung "William Turner. Three Horizons" im Lenbachhaus München (SZ).
Bestellen Sie bei eichendorff21!FAZ-Kritiker Freddy Langer besucht die Messe "Books on Photography" in Bristol und macht mehr als eine großartige Entdeckung. Die Bildband-Branche ist eine "so winzige Nische des Buchmarkts, dass sie bestenfalls vergleichbar ist mit jener der Lyrik", stellt er fest: "Während die Bildbände ein paar weniger Stars aus Mode- und Aktfotografie weltweit fünf- oder gar sechsstellige Auflagen erreichen mögen, kommt der Rest der Fotografen kaum je über eine als magisch erachtete Grenze von achthundert verkauften Exemplaren hinaus, oft sind es erheblich weniger." Für die Fotografen, die ihre Bände oft selbst produzieren sind die Messen daher sehr wichtig, so Langer, der beim Stöbern zum Beispiel auf Alice Bruce Bildreportage "I burn but I'm not consumed" stößt, in der sie sich "mit den Gepflogenheiten Donald Trumps beschäftigt, mit denen er bei der Planung seines 'Greatest Golf Course in the World' an der Küste bei Aberdeen die Grenze zur Ungeheuerlichkeit mehr als einmal überschritt. Für die dramatische Landschaft und ihren ebenso dramatischen Umbau wählte sie einen nüchternen Blick in jenem Stil, der zurückgeht auf die völlig romantikfreie Darstellung von Topographie aus den späten Sechzigerjahren. Die betroffenen Bewohner der Region hingegen inszenierte sie nach Motiven der Kunstgeschichte..."
Im Tagesspiegel-Interview unterhält sich Museumsleiter Alistair Hudson mit Katrin Sohns über seine Zukunftspläne für das ZKM in Karlsruhe. Das Konzept "Ausstellung" findet er eher altmodisch, sagt er, vielmehr schwebt ihm eine Art Laboratorium vor: "Das ZKM ist kein Museum, keine Galerie, das Gebäude selbst ist nicht wirklich für Ausstellungen geeignet, es ist ein riesiger Industriebau. Genau deswegen eignet er sich als Produktionszentrum für Experimente und Innovation und um Menschen zusammenzubringen." Hier sieht er auch eine Chance, einen Umgang mit Technik zu finden, die der stattfindenden politischen Polarisierung entgegen wirken kann: "In der technologischen Arena geht es nur um die Zukunft... In der Technologie haben wir die Chance, die Zukunft zu manipulieren. Das ist für mich ein viel produktiveres Arbeiten...wenn wir uns mehr auf die technologischen Werkzeuge konzentrieren, die wir benutzen, können wir vielleicht auch hier einen anderen Weg einschlagen."
Besprochen werden die Renaissance-Ausstellung "Venezia 500" in der Alten Pinakothek in München (FAZ) und die Ausstellung "Turner. Three Horizons" im Lenbachhaus München (SZ).
Dass die postkoloniale Linke so anfällig ist für Antisemitismus, erklärt sich der jüdische Künstler Leon Kahane mit deren Abwertung von Aufklärung und Moderne. "Ich sage ganz bewusst Antimoderne und meine nicht den kritischen Ansatz, dass man mit Mitteln der Aufklärung die Schuldzusammenhänge der Moderne aufklärt. Sondern ich meine die Abwicklung der Aufklärung. Am Ende dessen steht dann nicht eine bessere Welt, sondern nur noch Autoritarismus. Wenn man eine Antimoderne mit modernen Mitteln erwirken will, dann ist man bei der Hamas", erläutert Kahane im Interview mit der taz. Auch die Vorliebe für identitäre Kunst spiegele diese Haltung wieder: "Oft wird das Indigene zum Gegenstand von Projektionen. Das geht einher mit der Überhöhung einer Idee von Ursprünglichkeit und Authentizität. Sehr viel wird über die Kategorie des 'Volks' verhandelt. Anstelle des Individuums tritt das Kollektiv: Wir sind, was wir sind, und das ist ungebrochen und unhinterfragbar. Ich glaube, das ist das, was gerade Deutsche attraktiv finden am Postkolonialismus, weil sie sozusagen ein Verantwortungsverhältnis nach außen verschieben."
Die Künstlerin Hito Steyerl kritisiert im Interview mit Spon scharf einen im amerikanischen Kunstmagazin Artforum veröffentlichten offenen Brief, den "Tausende Künstler" unterschrieben haben, den sie jedoch total einseitig pro-palästinensisch findet, zumal er die Mordorgie der Hamas am 7. Oktober nicht einmal erwähnt: "Momentan gibt es eine Kunstmarktposition, eine progressiv-universalistische Strömung und eine wie Slavoj Žižek richtig sagt: identitäre Pseudo-Linke. Von denen halten einige die Hamas für eine dekoloniale Befreiungsbewegung. Genau wie Erdoğan." Sie hat jedoch die Hoffnung, dass wir "einen Punkt erreicht haben wie viele linke Bewegungen Mitte der Siebzigerjahre. Damals mündeten antiimperialistische Bestrebungen teils in der Bewunderung von Diktaturen oder mittlerweile islamistischen Stasi-Söldnern. Das brachte einige dann doch irgendwann dazu, umzudenken. Diese Prozesse erschöpfen sich also zwangsläufig irgendwann, weil sie zu gewalttätig und zu korrupt werden. Das wird in diesem Falle leider noch eine Weile dauern." Hier Steyerls Gegen-Brief.
Willi Winkler (SZ) hat in der Peggy Guggenheim Collection in Venedig viel Spaß mit dem "großen Kunstzerstörer Marcel Duchamp", dessen Frechheit und Ehrlichkeit er einfach bewundern muss: "'Sobald ein Gegenstand von mir als ein Kunstwerk angeschaut wird, kann er als solches überhaupt garnicht mehr fungieren', referierte Walter Benjamin Duchamp in einer Notiz, die diesmal nicht erfunden ist. Die Kunst ist also, weniger kompliziert gesagt, gar keine Kunst mehr, wenn sie einmal auf dem Markt ist. Benjamin hielt 'Duchamps' (wie er ihn schrieb) für 'eine der interessantesten Erscheinungen der französischen Avantgarde', sah in ihm einen verwandten 'Eigenbrötler' und folgte ihm, wo Duchamp nicht-beglaubigten Werken, die sich im Abfall fanden oder dem Verrosten und Einstauben ausgeliefert waren, einen eigenen Kunstwert zuerkannte. ... Die Konzeptkunst verdankt Duchamp alles. Souverän pfiff er auf das Leiden mit der Kunst und verabschiedete den Künstler als Sisyphus, als Schmerzensmann und -frau. Genial seine Steigerung des Kunstwerks zum Kunstwert, denn der Kunstmarkt war masochistisch genug, sich die Kopie der Kopie als Originalkunst verkaufen zu lassen."
Besprochen werden die Ausstellungen "Holbein und die Renaissance im Norden" im Frankfurter Städel Museum (Welt), Benoît Piérons "Monstera deliciosa" im Wiener Mumok (Standard), Laila Bachtiars Zeichnungen im Museum Gugging in Klosterneuburg bei Wien (Standard), eine Schau mit der Zeichnungssammlung von Jasper Johns im Kunstmuseum Basel (FAZ) und eine Fotoausstellung des Magnum-Fotografen Ernst Scheidegger zu dessen 100. Geburtstag im Kunsthaus Zürich (NZZ)
In der Welt ist Mirna Funk fassungslos von der Begründung, mit der der Kunstverein München an der Künstlerin Noor Abuarafeh festhält, deren Solo-Ausstellung dort gerade zu sehen ist. Und das, obwohl Abuarafeh "in ihren Instagram-Storys nicht nur die Vergewaltigungen an jüdischen Frauen und Kindern öffentlich bestritt, sondern auch Posts der antisemitischen Vereinigungen Samidoun und BDS teilte". Dem Kunstverein war das ein bisschen peinlich, aber das war's auch, staunt Funk: "'Im Zusammenhang mit der Zuspitzung im Nahen Osten', heißt es dort verharmlosend, als sei das Massaker an 1.500 Israelis nur die bedauernswerte 'Zuspitzung' eines Konflikts, 'teilte Abuarafeh über Instagram Stories in den letzten Tagen die Posts anderer, die sich teilweise nicht von der Gewalt der Hamas abgrenzen.' Im Ernst? 'Teilweise nicht abgrenzen'? Das ist eine geradezu groteske Untertreibung, ja sogar eine Verschleierung der Tatsachen". Für Funk symptomatisch für einen zutiefst antisemitisch geprägten Kunstbetrieb, so fordert sie: "Wir werden in den nächsten Jahren eine echte Ent-Hamasifizierung brauchen - so ähnlich, wie die Institutionen nach 1945 in Deutschland ent-nazifiziert werden mussten. Wer sich heute schützend vor Massaker-Befürworter und Vergewaltigungs-Leugner schmeißt, dem kann man für die Zukunft nur viel Glück wünschen. Das gilt für die Kunstwelt und jeden Einzelnen."
Wieviel Äußerung kann man von den Institutionen jetzt erwarten, fragt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel: "Soll sich jede Bühne, jedes Museum jetzt öffentlich äußern, und ohne 'Aber' und 'Wenn'? Von Menschen, die sich sonst immer zu Wort melden und moralische Instanz sein wollen, darf man jetzt schon etwas erwarten", meint er und verweist auf das Gorki, dessen Statement er vorbildlich findet.
War der Bauhauskünstler Lyonel Feininger mindestens so sehr Romantiker, ein Bruder im Geiste Caspar David Friedrichs, wie Avantgardist, fragt sich Stefan Trinks in der FAZ angesichts einer monumentalen Feiniger-Ausstellung in der Frankfurter Schirn Kunsthalle. Der Kritiker sieht jedenfalls manche unvermuteten Gemeinsamkeiten: "Überragend in dieser Sektion sind die 'Dünen am Abend' von 1918, in denen wie bei Friedrichs 'Mönch am Meer' eine winzige Figur in Rot, Grün und Lila der unendlichen Weite der Sandberge, des Himmels und des Wassers rechts gegenübersteht. Alle Bewegung scheint eingefroren, wie bei Friedrich ist das Querformat in Schichten gegliedert, wobei sich bei Feininger die Sphären überlagern. Wer von dieser ungeheuren Größe und Leere der Natur nicht überwältigt wird, muss schon sehr abgebrüht sein."
Auch Lisa Berins feiert in der FR diese Ausstellung, die ein klares Zentrum aufweist: "Gelmeroda, ein Herzstück im Werk Feiningers, ist in der Ausstellung auch physisch als solches inszeniert: Man betritt es als eigenes kleines Abteil in der Mitte des ersten Raums. Gleich fünf bedeutende Gemälde aus der Gelmeroda-Serie hängen dort nebeneinander, sie wurden unter anderem aus New York - aus dem Whitney Museum und dem Guggenheim Museum - eingeflogen. Im Vergleich miteinander sieht man, wie individuell jedes dieser Werke ist: in der Bildkomposition, der Farbigkeit. Die Dorfkirche ist in diesen Werken zur Kathedrale überhöht."
Giovanni Bellini: Malinconia. Bild: Gallerie dell'Academia di Venezia. "Schönheit ist immer auch das, was man nicht hat. Die Venezianer kurz nach 1500 lebten in der vielleicht prächtigsten Stadt des Abendlandes, einem einzigen Kunstwerk, auf Holzpfählen über der Lagune schwebend", schreibt Kia Vahland in der SZ nach dem Besuch der Ausstellung "Venezia 500" in der Alten Pinakothek, die sie zum Träumen und Flanieren einlädt. "Alles viel zu friedlich, zu freundlich, gesprenkelt höchstens mit ein paar Seufzern Melancholie? Ja, warum denn nicht? Venedig war damals keine heile Welt; die Republik befand sich in einem Krieg mit den Großmächten; die Nahrungszufuhr aus dem Hinterland war zwischenzeitlich unterbrochen, die Pest kam. Das wussten auch die Strumpfhosenträger. Wegen all des Unheils aber aufgeben oder verhärten? Bloß nicht. Da lieber Giorgiones Jungs, Bellinis Heiligen, Tizians Frauen und den anderen venezianischen Träumern einen Besuch abstatten zum Krafttanken. In dieser Zusammenstellung sieht man die alte Freundestruppe selten."
Schon wieder Aufruhr im Kunsthaus Zürich, ärgert sich die NZZ. Eigentlich sollte in einer neuen Ausstellung die schwierige Provenienz der Kunstwerke näher beleuchtet werden und dabei der Schwerpunkt auf die jüdischen Sammler gelegt werden. Das scheint nicht geklappt zu haben, der wissenschaftliche Beirat ist geschlossen zurückgetreten. "Laut dem Bericht des Deutschlandfunks und Quellen der NZZ soll ein erneut falsch gelegter Fokus Grund für den Rücktritt des wissenschaftlichen Gremiums sein. Wieder blicke die Ausstellung vor allem auf Bührle statt auf die Opfer des NS-Regimes. Die Begleittexte zur Ausstellung sollen dem wissenschaftlichen Gremium erst in der zweiten Oktoberwoche zur Beurteilung vorgelegt worden sein. Die Kritik des Beirats, dass die Präsentation wieder an den verfolgten, enteigneten und ermordeten Sammlern vorbeischaue, scheint nun nicht mehr Eingang in die Ausstellung finden zu können."
Weiteres: Alexander Diehl gratuliert in der taz dem Kunsthaus Hamburg zum Sechzigsten. Besprochen werden die Damien-Hirst-Schau im Münchner MUCA (FAZ), die Ausstellungen "Ari-Arirang" mit koreanischer Kunst im Berliner Humboldt Forum (Tsp), "Kindheit im Wandel" im Romantik-Museum in Frankfurt (FR), "Bruno Pélassy and the Order of the Starfish" im Berliner Haus am Waldsee (BlZ) und die "Goldrausch"-Herbstausstellung in der Berliner Galerie Weißer Elefant (BlZ).
Woran liegt's, dass heute alle verrückt nach Caspar David Friedrich sind, dem neurotischen Kauz und Frömmler, der im 19. Jahrhundert fast vergessen schien, fragt in der ZeitFlorian Illies, dessen Buch "Zauber der Stille" diese Woche erscheint. Wir "werden zur Ergriffenheit verführt. So kann man fast körperlich die schmerzhafte Diskrepanz erleben zwischen den zauberhaft stillen Landschaften Friedrichs vom Anfang des 19. Jahrhunderts - und den verstörend lauten, gefährdeten Landschaften im Zeitalter des Klimawandels am Anfang des 21. Jahrhunderts. Friedrich erreicht auf doppelte Weise unsere tiefsten Gefühle - er erinnert uns einerseits schwermütig und mahnend an die heile Natur der vorindustriellen Landschaft. Und andererseits sind gerade seine Himmelsdarstellungen zu einem globalen Symbol für das geworden, was wir Sehnsucht nennen."
Besprochen werden die Ausstellung "Herausragend" in der Hamburger Kunsthalle, die Reliefs von Rodin bis Taeuber-Arp präsentiert (Tagesspiegel), die Ausstellung "2000er. Bye-Bye Zuversicht" im Wien Museum Musa (Standard) und die Art Basel in Paris (NZZ).
Besprochen werden Susanna Fanzuns Filmdoku "I Giacometti" (NZZ), Augmented Reality im Tiergarten (Welt), sowie die Ausstellungen "In anderen Räumen" und "WangShui. Toleranzfenster" im Münchner Haus der Kunst (Tsp), "Bruno Pélassy and the Order of the Starfish" im Berliner Haus am Waldsee (Tsp), "Amedeo Modigliani. Un peintre et son marchand" im Pariser Musée de l'Orangerie (NZZ) und Victor Man im Frankfurter Städel (FR).
Weiteres: Tilman Baumgärtel stellt in der taz den Grafiker Jesse Simon vor, der besondere Seiten des Berliner Stadtbildes auf seinen Fotos festhält, die in den Bänden "Berlin Typography" und "Plattenbau Berlin", sowie in den sozialen Medien und hier zu sehen sind.
Besprochen werden die Ausstellung "Dieric Bouts - Bildermacher" im Museum Leuven (FAZ), die Ausstellung "From Texture To Temptation" mit Werken von Silke Radenhausen in der Stadtgalerie Kiel (taz) und die Ausstellung "Niko Pirosmani" in der Fondation Beyeler (NZZ).
Auch in der Kunstszene gibt es einiges aufzuarbeiten, meint Eugen El in der Jüdischen Allgemeinen anlässlich des Hamas-Terrors. Ob es dazu kommt, erscheint ihm allerdings fraglich, denn diese Szene ist von antiisraelischen Diskursen beherrscht - andere gibt es dort eigentlich kaum noch, konstatiert er. Wenn, dann gibt es Aufrufe wie im Artforum, unterzeichnet von Künstlern wie Katharina Grosse, die ihre "Solidarität mit dem palästinensischen Volk" erklären. "Viel folgenreicher ist die schleichende Institutionalisierung des Israelhasses im Kunstbetrieb, die etwa in der von der Kulturstiftung des Bundes geförderten und von Kader Attia kuratierten 'Berlin Biennale' 2022 ihren von der Öffentlichkeit fast vollständig ignorierten Ausdruck fand." Es gab im Artforum aber auch eine Antwort auf den Aufruf - unterzeichnet von genau, äh, drei Personen.
Weitere Artikel: In der Berliner Zeitungberichten Chiara Maria Leister und Franz Becchi, wie der letzte Besuchertag im Pergamonmuseum vor der (sehr) langen Sanierungspause ablief. Die Agenturen melden, dass der Caspar-David-Friedrich Preis 2023 an die Berliner Künstlerin Isabell Alexandra Meldner ging.
Besprochen werden die Ausstellung "Home Street Home" der Fotografin Debora Ruppert im Paul Löbe Haus Berlin (taz) und die Ausstellung "Kapwani Kiwanga. Die Länge des Horizonts" im Kunstmuseum Wolfsburg (taz).
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