Aus der Ausstellung "A place of our own". Foto: Iris Hassid. Ein "Stück Hoffung", findet SZ-Kritikerin Kathrin Cahlweit in der Ausstellung "A place of our own", die das Jüdische Museum Hohenems zeigt. Angesichts der aktuellen Entwicklungen ist diese aber auch gleichzeitig "schon jetzt ein Relikt": Die israelische Fotografin Iris Hassid hat vier junge Palästinenserinnen aus Tel Aviv durch ihren Alltag begleitet, so Cahlweit, schaut ihnen "beim Erwachsenwerden zu", beim "Feiern, Chillen, Reden, Shoppen. Beim Träumen und Trauern." Ein sehr privater Einblick in ihr Leben und gleichzeitig ein Zeugnis aus "einer Gesellschaft, in der die Entfremdung immer weiter voranschreite", stellt Cahlweit fest. Vor allem eindrucksvoll findet sie die Kommentare der Frauen, die die Bilder ergänzen: "Sie erzählen von Zurückweisung, Hass und Verlorenheit. Und zugleich von einem kämpferischen Selbstbewusstsein. Samar, Majdoleen, Aya und Saja begeben sich inmitten eines überwiegend jüdischen Umfelds nicht in die Isolation, sie wollen Teil einer großen Community sein: als Palästinenserinnen, als Araberinnen, als Israelinnen." Ob eine so vertraute Zusammenarbeit nach den jüngsten Ereignissen noch möglich wäre, weiß die Kritikerin nicht.
Weiteres: FAZ-Kritiker Benjamin Paul sieht sich die Skulpturen der iranisch-deutschen Künstlerin Nairy Baghramian in der Fassade des Metropolitan Museum of Art genau an und versucht, deren "Anti-Ästhetik" zu ergründen. In der FAS lässt sich Susanne Kippenberger von Museumswärter Patrick Bringley durch das Metropolitan Museum führen.
Besprochen wird die Ausstellung "Zoom auf Van Eyck. Meisterwerke im Detail" in der Berliner Gemäldegalerie (tsp).
Sarah Alberti (monopol) trifft sich mit der Fotografin Margret Hoppe, um mit ihr über ihre im Entstehen begriffene Serie von Porträts von Alleinerziehenden zu sprechen. Als selbst alleinerziehende Mutter ist es ihr ein Anliegen, das Thema auch künstlerisch dem Schweigen zu entziehen: "In meinem persönlichen Umfeld gibt es viele alleinerziehende Eltern. Auch über den Kindergarten meines Sohnes und andere Eltern habe ich Kontakt zu Alleinerziehenden bekommen, die sich meiner Anfrage gegenüber fast immer sehr offen gezeigt haben. Über das Netzwerk 'Mehr Mütter für die Kunst' habe ich einen Aufruf gestartet. Daraufhin haben sich binnen kürzester Zeit etwa 15 Familien gemeldet. Auch andere haben offensichtlich das Bedürfnis, das Thema öffentlich zu machen und ins gesellschaftliche Bewusstsein zu rücken. Immerhin 18 Prozent der Familien in Deutschland sind alleinerziehend, sprich das Kind oder die Kinder leben nur mit einem Elternteil zusammen. Gemeint sind explizit Familien, bei denen die Kinder von nur einem Elternteil betreut werden und der andere Elternteil - anders als etwa beim Wechselmodell - abwesend ist. Der Titel der Serie ist daher auch 'Mono-Eltern'. Im Griechischen bedeutet 'mono' so viel wie 'allein' oder 'einzig'. Im Französischen sagt man 'monoparental' zu Alleinerziehenden. Und es erinnert an den Klang einer Musikanlage. Eben nur Mono, nicht Stereo."
Besprochen werden: Die Doppelausstellung zu Franziskus von Assisi und Kiki Smith im Diözesanmuseum Freising (SZ) und die Retrospektive mit Gemälden von Nicolas de Stael im Musée d'Art Moderne in Paris (Welt).
Angeregt flaniert Gunda Bartels für den Tagesspiegel durch die Ausstellung "Grünzeug - Pflanzen in der Fotografie der Gegenwart" in der Berlinischen Galerie, die sechs Künstlern gewidmet ist, die im Bereich Naturfotografie arbeiten. Die Bilder ziehen einen in den Bann, freut sich Bartels, und lustig sind sie oft obendrein. Über Falk Haberkorns Foto 'Schonung #2' schreibt sie zum Beispiel: "Es stammt von 2003 und zeigt eine Kiefernmonokultur in silbrigem Schwarzweiß. Baumplantagen wie diese sind geheimnislos, in ihrer Monotonie ein Symbol der vom Menschen nach Profitkriterien gestalteten Natur. Der dunkle Tann der deutschen Romantik, die den Wald zu einem Topos der Märchen und Mythen adelte, scheint in solchen Schonungen ebenso weit entfernt wie Rotkäppchen und der böse Wolf. Nicht so bei Haberkorn, wo zwischen staksigen Stämmen mit rauer Borke Myriaden aufeinandergetürmter Nadeln auf dem Waldboden ruhen, und sich zwischen den Bäumen ein Pfad auftut, der ins Schwarz des Bildhintergrunds führt. Dieser fotorealistische und trotzdem verrätselte Wald ist eine Lockung und eine Warnung zugleich."
Non-Fungible Tokens, kurz NFTs waren noch vor zwei Jahren der große Hype der Kunstbranche, erinnert uns Caroline Schluge im Standard, manche Digitalkünstler setzten zweistellige Millionensummen mit einzelnen Werken um und auch viele große Kunstinstitutionen sprangen auf den Zug auf. Momentan freilich herrscht Flaute auf dem Markt: "Ende September ging ein Raunen durch die Kunst- und Kryptowelt - eine Studie von Dapp Gambl, einer Gemeinschaft von Blockchain-Experten, sah knapp 95 Prozent der NFT-Sammlungen als wertlos an. In Zahlen bedeutete das: Exakt 69.795 der insgesamt 73.257 Sammlungen, die der Verband analysierte, haben mittlerweile eine Marktkapitalisierung von null Ether beziehungsweise null Euro erreicht. Rund 23 Millionen Menschen bleiben der Studie zufolge auf nunmehr wertlosen Investments sitzen." Die digitalen Klimt-Schnipsel, die das Wiener Belvedere nach wie vor für 1850 Euro (pro Schnipsel) anbietet, sind auf Webbörsen keine 40 Cent mehr wert.
Weitere Artikel: Die Kyiv-Biennale kann aufgrund des russischen Angriffskriegs nicht komplett in der Ukraine stattfinden und reist nun durch mehrere europäischen Städte. Im Standardbespricht Katharina Rustler die Wiener Station der Schau, die im Augarten Contemporary gezeigt wird. Das British Museum hat 350 gestohlene Werke der Schmuck- und Glaskunst wiedererlangt, weißZeit Online. Für Monopolunterhält sich Clara Westerndorff mit der Kuratorin Julia Meer über Diversity in der Museumswelt und feministische Kunst.
Besprochen werden die Ausstellung "Grete Ring. Kunsthändlerin der Moderne" in der Berliner Liebermann Villa (taz Berlin) und die der Verbindung von Mode und Kunst gewidmetete Schau "Between Sky and Heart" in den Florenzer Uffizien (Monopol)
Der Goslaer Kaiserring, eine der wichtigsten Preise im Bereich der zeitgenössischen Kunst, geht, wie Dorothea Zwirner in der FAZ berichtet, dieses Jahr an zwei Russen - die beide seit langem in Deutschland leben. Yuri Albert und Vadim Zakharov haben eine gemeinsame Vergangenheit an der Moskauer Kunsthochschule und hatten schon in der Sowjetzeit außerhalb des offiziellen Kunstbetrieb eine eigene künstlerische Praxis etabliert. Eine mit dem Preis verbundene Doppelschau im Goslaer Mönchehaus Museum zeigt jedoch auch die Unterschiede zwischen den beiden. Zhakarov hat sich zum Archivisten seiner selbst wie auch seiner Kollegen entwickelt: "Unter seiner Regie ließ sich 'Die Geschichte der russischen Kunst' (2003) in einer Installation aus fünf begehbaren Aktenordnern zusammenfassen, die genau wie das 'Adorno-Monument' (2003) in Frankfurt und das 'Ideologische Defilee nach Me-Ti, Buch der Wendungen von Bertolt Brecht' (2013) seine bühnenhafte Inszenierungskunst zeigen." Albert hingegen arbeitet spielerisch und selbstreflexiv: "Im ständigen Zwiespalt zwischen 'echter' und moderner Kunst hat er mit seiner 'Elitär-demokratischen Kunst' ein paradoxes Programm entwickelt, in dem er das Problem des Nichtverstehens zeitgenössischer Kunst mit vergleichbaren Spezialschriften wie der Brailleschrift, dem Flaggenalphabet und der Stenographie vor Augen führt. In seiner 'Moskauer Abstimmung' (2009) können die Besucher selbst votieren, ob sie das, was sie gerade sehen, wirklich für Kunst halten."
Weitere Artikel: Der niederländische Kunstdetektiv Arthur Brand hat nach einem Van-Gogh-Gemälde sechs weitere gestohlene Kunstwerke ausfindig gemacht, meldet die FR. Im Standardschreibt Katharina Rustler über den Trend zu Themenausstellungen.
Besprochen werden die Schau "Cindy Sherman - Anti Fashion" in den Hamburger Deichtorhallen (taz) und die Ausstellung "Velvet Terrorism - Pussy Riot's Russia" im Louisiana Museum, Dänermark (monopol).
Bonaventura Berlinghieris Franziskustafel von 1235. Bild: Raffaello Bencini/ArchiviAlinari, Florenz Schon zu Lebzeiten faszinierte der Heilige Franziskus von Assisi seine Zeitgenossen, und viele hundert Jahre später sind seine Ideen immer noch aktuell, staunt FAZ-Kritiker Stefan Trinks. Genau wie seine Repräsentationen in der Kunst, die das Diözesanmuseum Freising in einer Sonderausstellung zeigt, wie Trinks freudig feststellt: "Ohne Probleme hätte man auch die berühmte Franziskustafel von Bonaventura Berlinghieri an den Anfang der Ausstellung stellen können, die, wenngleich bald 800 Jahre alt, an quasimoderner Pop-Art-Stilistik und inhaltlicher Aktualität nichts missen lässt...Der Heilige steht wie in einem Bild Warhols in der Mitte im so grauen wie rauen Habit als Denkmal seiner selbst. Seine Rechte vollführt einen Grußgestus für alle ihm Gegenübertretenden, zugleich zeigt er damit aber eines der fünf Stigmata vor, die ihm auf der obersten der ihn comicstriphaft links und rechts begleitenden Nebenszenen von einem kreuzförmigen Seraphim beigebracht wurden."
Besprochen werden die Ausstellung "Geburtstagsgäste Monet bis Van Gogh" zum 200-Jährigen Bestehen des Kunstvereins Bremen (taz), die Ausstellung "Luc Tuymans - Edith Clever" an der Akademie der Künste in Berlin (taz) und die Virtual-Reality-Ausstellung "Unleashed Utopias" im Haus am Lützowplatz Berlin (taz).
Wie Gemälde aus der Neuen Sachlichkeit, dem Surrealismus der Symbolismus erscheinen Ursula Scheer (FAZ) die Werke des rumänischen Künstlers Victor Man. Auch Verweise auf die Vorrenaissance klingen in den Werken an, die nun unter dem Titel "Linien des Lebens" in der Galerie der Alten Meister im Frankfurter Städel ausgestellt sind: "So ergeben sich interessante Blickwechsel zwischen um 1500 von Wolfgang Beuer oder dem Meister der Stalburg-Bildnisse Verewigten und Victor Mans Selbstbildnis 'Self With Father' von 2017, in das sich als geisterhafter Schattenriss das Profil des Künstlers schiebt. Gemeinsam ist den Bildern die unnahbare Ausstrahlung, ein Ernst, den Man zur existenzialistischen Melancholie steigert. Wo in der alten Kunst mittelalterlicher Goldgrund strahlt, setzt Man in seiner seegrün verschatteten, von Ikonen beeinflussten Malerei fast grelle Farbakzente: Im Bild des Vaters ist es eine fluoreszierend wirkende blaue Linie am Haaransatz; in anderen Arbeiten leuchten Haut oder Stoff unwirklich gelb auf, glühen Haare in Rot oder durchbohrt der Schimmer weißer Perlen das Dunkel." "Alles wirkt unheimlich stimmig, kostbar, seltsam und schräg", schreibt Boris Pofalla in der Welt: "Aber fordert diese Kunst einen wirklich heraus? Geht sie Risiken ein? Keins der Gemälde tritt in den Dialog mit der Gegenwartskunst ein, oder überhaupt mit der Gegenwart. Das unterscheidet ihn von den zitierten Meistern."
Außerdem: Auf den Bilder und Zeiten Seiten der FAZ unternimmt Bernd Eilert einen Streifzug durch die letzten Bilder großer Maler. In der NZZporträtiert Philipp Meier die Künstlerin Zilla Leutenegger, die heute die NZZ als Kunstausgabe gestaltet hat. Ebenda spricht Birgit Schmid mit Leutenegger unter anderem über die Frage, ob zu viele Leute Kunst studieren.
Besprochen werden die Ausstellung "Ukrainian Dreamers. Charkiwer Schule der Fotografie" im Kunstmuseum Wolfsburg (taz).
Das jüdische und antisemitismuskritische Institut für Neue Soziale Praktik veranstaltet seit Dienstag den Kongress "Reclaim Kunstfreiheit. Antisemitismuskritik, Kunst und Kultur", berichtet Erica Zingher in der taz - ursprünglich als Reaktion auf die antisemitischen Vorfälle auf der Documenta fifteen geplant, gibt es jetzt noch aktuellere Bezüge: "Wie spricht man in diesen Tagen, in denen das wohl größte Pogrom gegen Juden seit der Shoa passiert, über Antisemitismus in Deutschland? Konkret im Kunst- und Kulturbetrieb? Ist das überhaupt möglich? Angebracht?" Die Bedeutung, die der Kongress hat, betont auch das Institut: "Es sind nicht zuletzt Menschen aus dem Kunst- und Kulturbetrieb, die aktuell die Morde an jüdischen Zivilisten als 'Freiheitskampf' oder legitimen 'Widerstand' feiern. Dass in Berlin-Neukölln Demonstranten die Terrorakte der Hamas bejubelten, 'Viva, viva, Palästina!' gerufen wurde, gefiel Reza Afisina und Iswanto Hartono, Ruangrupa-Mitglieder und ehemalige Documenta-Kuratoren" und noch einer Reihe anderer Künstler, die Zingher aufzählt. "Menschen wie die eben aufgezählten werden in Deutschland gefeiert; sie werden mit Preisen und Förderungen ausgezeichnet, erhalten Lehraufträge. Das überrascht nicht. Antisemitische Kritik an Israel gehört in der Szene zum guten Ton."
Der jüdische Medienkünstler und Kunstprofessor Michael Bielicky geißelt zornig im NZZ-Gespräch mit Andreas Scheiner die Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, die eine "woke", BDS-nahe Gegenwartskunst propagiere: "Ich bin extrem kritisch gegenüber dem Gestus der heutigen zeitgenössischen Kunst. Die Künstler denken oft, sie hätten nur Bedeutung, wenn ihre Kunst per se politisch sei. Das heißt, viele machen jetzt eine bewusste postkoloniale oder auch genderkritische Kunst. Und sie machen das auch, weil sie dafür Fördergelder bekommen, Unterstützung von den Museen. Es ist ein Missbrauch der Kunst. Ich kenne wirklich viele, die mitmachen, um weiterzukommen. Die sollten gar keine Kunst machen. Das sind kulturelle Umweltverschmutzer. Es kommt mir teilweise vor wie eine ideologische Gleichschaltung, wie Kunst im Kommunismus."
Kati Heck: Jungs III - Goldene Hand, 2022. Foto: Tim van Laere Gallery. Wer Antworten auf die Frage sucht, warum Otto Dix im NS in die innere Emigration gegangen ist, wird sie in den Hamburger Deichtorhallen wohl eher nicht finden, konstatiert Till Briegleb in der SZ zur Ausstellung "Dix und die Gegenwart". Auch die "positive Würdigung" von Dix' frühen Motiven findet Briegleb eher fragwürdig: "Alpenglühen wird zur Metapher für Krieg, Gewitterstimmung für das Unheil des Faschismus, ein verschneiter jüdischer Friedhof bringe 'den im Dritten Reich herrschenden Vernichtungswillen zum Ausdruck.' Vielleicht stimmen diese Interpretationen sogar, aber sie werden nirgends mit Selbstzeugnissen von Otto Dix in Verbindung gebracht, der bis zu seinem Tod 1969 ja durchaus freigiebig unangepasste Kommentare zur eigenen Biografie lieferte. Auch werden bei dieser Gelegenheit weder die Konflikte seines Opportunismus beleuchtet, noch im Archivstudium herausgearbeitet, welche Beziehungen und persönlichen Motive Dix das Überleben im NS-Staat ermöglicht haben." Wie das Schaffen Dix' aber mit Kunstwerken und Performances etwa von Marina Abramovic, Yael Batana und Paula Rego konstratiert wird, sagt ihm durchaus zu, so "ist dieses generationenüberspannende Kunstgespräch darüber, wie man den Krieg und seine Vorzeichen in einer eskalierenden Gesellschaft darstellt, leider hochaktuell."
Roman Pyatkovka: Witches' Sabbath, 1988. Rechte: Roman Pyatkovka. "Fahren Sie nach Wolfsburg!", ruft der völlig hingerissene Lennart Laberenz im monopol ob der beeindruckenden Ausstellung "Ukrainian Dreamers. Charkiwer Schule der Fotografie" im Kunstmuseum Wolfsburg. Die Sammlung gehört Sergiy Lebedynskyy, der sie nach Kriegsausbruch nach Deutschland gebracht hat - zum Glück, findet Laberenz: "Bedrückende Bilder, die uns zurück zum Anfang führen, zu den furchtbaren Umständen des Krieges und der glücklichen Fügung, dass die Bilder deshalb nun in Deutschland ausgestellt werden. In ihrer Mitte steht ein Mann, der in der Hängung auf eine Art fortlaufende Kaskade von Zerstörung und Gewalt und auf dazwischengedrängten Alltag blickt. Die Abzüge sind auf sowjetisches Fotopapier gedruckt, dessen Alter die Fehlfunktionen unberechenbar mitliefert. Der Mann schaut also auf den alles entbeinenden Krieg in der Stadt. Man kann ihn auch allein betrachten, er steht da, nur mit einer Trainingshose bekleidet. Der ganze Körper Ohnmacht, Entsetzen, Fassungslosigkeit."
Weiteres: Die SZ unterhält sich mit Marat Guelman, einem russischen Propagandisten, der jetzt in Berlin mit Kunst handelt. Die Print-Welt erscheint heute als von Anselm Kiefer gestaltete Künstlerausgabe, mehr dazu hier. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Paradise. Performance. Replica. Slovenian Photographic Art" im Fotografie Forum Frankfurt und die VR-Ausstellung "Unleashed Utopias" im Haus am Lützowplatz (tsp).
Orhan Pamuk: "Eva und der Garten". Das Museum der Unschuld. Bild: Emre Dorter Im Jahr 2008 erschien Orhan Pamuks Roman "Das Museum der Unschuld" hierzulande, vier Jahre später eröffnete Pamuk das Istanbuler Museum of Innocence, in dem er die 83 Kapitel des Romans in Objekten nachstellte. Unter dem Titel "Der Trost der Dinge" präsentieren nun die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 41 von Pamuk eigens dafür nachgebaute Kabinette. Taz-Kritiker Ingo Ahrend ist hingerissen, nicht nur wenn er über die 4.213 Zigarettenstummel, die Pamuks Figur Füsun einst rauchte, stolpert. "Pamuks Museum ist das spannende Projekt einer Übersetzung des Textuellen ins Bildliche. Und das Prinzip der Dioramen, mit dem er das 'Museum der Unschuld' gestaltete, hat Pamuk auch für seinen Dialog mit den 'Alten Meistern' der Dresdner Sammlungen angewandt. In 19 neuen Kabinetten hat der Autor einzelne Bilder, die ihn inspirierten, mit Versatzstücken aus der islamischen Bildwelt kombiniert. Das Ganze ist eine Liebeserklärung an den Dadaismus und den Surrealismus geworden. Die Kabinette ähneln Traumlandschaften, Nonsenscollagen oder den mittelalterlichen Wunderkammern."
SZ-Kritiker Till Briegleb lernt eine Menge über "manipulative Farbgestaltung" in der großen Kapwani Kiwanga-Retrospektive "The Length of the Horizon" im Kunstmuseum Wolfsburg. Ein bestimmtes Blau lässt die Venen verschwinden, ein Effekt, der dazu genutzt wird, Drogensüchtige aus Nischen zu vertreiben. Das Baker-Miller-Pink wiederum hat als Wandfarbe in amerikanischen Gefängnissen angeblich dazu geführt, dass aggressive "Macho-Männer" friedlicher werden, erklärt Briegleb. Kiwangas Arbeiten zeugen von "feinem Gespür für ungleiche Machtverhältnisse in Geschichte und Gegenwart". Sie bearbeitet "so komplexe Themengebiete wie den Sklavenhandel, die globale Ökonomie, staatliche Repräsentation oder Symbole der Abschottung. Dabei ist sie immer auf der Suche nach Methoden, wie brutale Konflikte als Kunstwerke symbolisiert werden können, ohne explizit zu schocken. Etwa mit Blumenarrangements, die sie nach historischen Fotos von Reden zur Unabhängigkeit afrikanischer Länder komponiert - und dann in den Ausstellungen verwelken lässt wie die demokratischen Hoffnungen der Sechziger, die sich in den seltensten Fällen erfüllten."
Außerdem: Auch das Kölner Museum Ludwig widmet seine aktuelle Retrospektive einer türkischen Künstlerin, der hierzulande wenig bekannten Bildhauerin Füsun Onur. Einige von Onurs Arbeiten mussten rekonstruiert werden, da die Künstlerin manche Arbeit im Laufe der Jahre im Bosporus verschwinden ließ, weiß FAZ-Kritiker Georg Imdahl.
Im Tagesspiegelrekonstruiert Katrin Sohns den jüngsten Vorfall um Kuratoren der documenta 15, die auch ein Jahr nach ihrer Austragung für Schlagzeilen sorgt. Am Montag war bekannt geworden, dass Reza Afisina und Iswanto Hartono, beide Teil des indonesischen Kuratorenteams, ein Video geliket hatten, das feiernde Hamasfans auf der Berliner Sonnenanllee zeigt. "Wie die Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA) berichtet, wurde Jonas Dörge vom Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus auf die Likes aufmerksam und informierte den Hamburger Antisemitismusbeauftragten Stefan Hensel. Dieser zeigte sich im Gespräch mit dem NDR geschockt, dass die beiden Videos geliked haben, in denen auf deutschen Straßen Süßigkeiten ausgegeben worden sind, um Terroristen der Hamas zu feiern, die israelische Zivilisten abgeschlachtet haben. Für ihn zeige dies, dass der Kulturbetrieb, aber auch insbesondere die Hochschule für bildende Künste und ihr Präsident, Martin Köttering, nicht verstanden haben, wie Antisemitismus wirke." Auch der weitere Verlauf der Geschichte kommt einem aus dem letzten Jahr bekannt vor: "Inzwischen haben sich Afisina und Hartono öffentlich geäußert und ihre likes zurückgenommen. Wie die HNA berichtet, seien sie der Annahme gewesen, mit ihren Likes auf ein Video von einer Demo in Neukölln Ende September reagiert zu haben. Dies sei ein Fehler gewesen, so Afisina und Hartono. Sie distanzierten sich zudem von jeder Form der Gewalt."
Emilie Charmy's painting of the writer Colette, c1920. Photograph: A Ricci/Galerie Bernard Bouche Amy Fleming stellt im Guardian die Gruppe Aware (Archives of Women Artists, Research and Exhibitions) vor, die den Beitrag von Frauen zur Kunstgeschichte (wieder) sichtbar machen möchte. Unter anderem ist es der Gruppe gelungen, auf der Londoner Kunstmesse "Frieze Masters" eine neue Sektion namens "Modern Women" zu etablieren, die sich Künstlerinnen widmet, die zwischen 1880 und 1980 aktiv waren. Ein Abschnitt der Ausstellung widmet sich der weiblichen Wiederaneignung des Aktbilds: "'Nach dem Ersten Weltkrieg gab es viele Künstlerinnen in Paris, London und Berlin, die nackte Porträtbilder komplett anders malten', so Kuratorin und Aware-Chefin Camille Morineau. Viele waren lesbisch oder bisexuell, 'und sie objektifizierten den weiblichen Körper nicht'. Zum Beispiel ein träumerisches Porträt der auf dem Bauch liegenden Schriftstellerin Colette, wie eine Katze, die ihre Belohnung erhalten hat. Gemalt hat es Émilie Charmy - 'vermutlich Colettes Liebhaberin' -, die Teil der Fauvisten um Matisse war. Morineau beschreibt Charmy's Aktbilder als "sehr freizügig, mit masturbierenden Frauen - ein erotischer lesbischer Blick."
Weiteres: Für den Tagesspiegelunterhalten sich Katrin Sohns und Birgit Rieger mit Emma Enderby, die ab Mai 2024 das Berliner KW Institute for Contemporary Art leiten wird. Besprochen werden eine Hiroshi-Sugimoto-Schau in der Londoner Hayward Gallery (Guardian) und die Ausstellung "Nicole Eisenman: What Happened" in der Londoner Whitechapel Gallery (Guardian).
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