Götz Valien, "Paris Bar" (Variante 3), 1993-2010, Acryl auf Baumwolle, 211 x 381 cm - korrigierte Version von "Paris Bar" (Variante 1), 1992; Copyright: Götz Valien. Foto: Reinhard Görner Für einen der "spannendsten Kunststreitfälle" der jüngsten Zeit hält Nicola Kuhn im Tagesspiegel den Urheberrechtsstreit um Martin Kippenbergers "Paris Bar"-Bilder: Kippenberger hatte zwei Gemälde in den Neunzigern bei einer Agentur für Kinoplakate in Auftrag gegeben, der Maler Götz Valien, der die Gemälde damals anfertigte, stellt aktuell eine dritte Version im Haus am Lützowplatz aus. Dort trafen nun die gegnerischen Anwälte aufeinander, schreibt Kuhn: Valiens Anwalt "Peter Raue erklärte, für Konzeptkunst gäbe es beim Urheberrecht eine Lücke, die Idee sei kein geschütztes Gut. Friederike von Brühl hielt dagegen, Valien habe bis auf geringe Abweichungen präzise nach der Vorlage gemalt, sei mithin nur 'Gehilfe', dem keine Urheberrechte zustehen. Ansonsten besäßen auch Architekten an ihren Bauten kein geistiges Eigentum, sondern müssten es sich mit den Maurern, Dachdeckern und Elektrikern teilen."
Außerdem: Im taz-Gespräch mit Falk Schreiber erklärt Brigitte Kölle, Leiterin der Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle, welche Neuzugänge sie sich für die Sammlung wünschen würde. In der FRspricht Sandra Danicke mit dem portugiesischen Künstler Carlos Bunga über seine Installation "I Always Tried to Imagine My Home" in der Rotunde der Schirn Kunsthalle. In der Berliner Zeitungfreut sich Ingeborg Ruthe, dass Max Beckmanns Gemälde "Badende mit grüner Kabine und Schiffern mit roten Hosen" für 2.305.000 Euro vom Kunstmuseum Den Haag ersteigert wurde. In der FAZ gratuliert Freddy Langner dem Fotografen Duane Michals zum Neunzigsten.
Besprochen werden die große GeorgieO'Keeffe-Ausstellung in der Baseler Fondation Beyeler, die laut Bernhard Schulz in der Welt anhand von selten gezeigten Werken mit vielen Klischees aufräumt, außerdem die BBC-Doku "Survivors: Portraits of the Holocaust", die zeigt, wie Künstlerinnen und Künstler siebe Holocaust-Überlebende porträtierten (SZ), die Ausstellung "Anita Suhr - verfolgt, gebrochen und dennoch Kunst" der die NS-verfolgte Widerständlerin und Malerin im Hamburger Forum Alstertal (taz) und die Mary Warburg Ausstellung "Auf Augenblicke frei und glücklich", die derzeit im Hamburger Ernst-Barlach-Haus zu sehen ist (FAZ).
Bild: James Gregory Atkinson - 6 Friedberg Chicago, 2021. Grafik: Marcus Alasovic Studio In ein "Archiv des Gegenwissens" blickt Gürsoy Doğtaş (SZ) in der Ausstellung "6 Friedberg-Chicago" im Dortmunder Kunstverein, wo der Künstler James Gregory Atkinson 150 Jahre afrodeutsche Geschichte und Rassismus in Filmen und Zeitkapseln beleuchtet: "Aus der Perspektive der weißen Mehrheitsgesellschaft verdichtet das Archiv Vergangenheit in afrodeutsche Erinnerung. (…) Dennoch versteht sich das Archiv nicht als ein Depot für Erinnerungen, sondern als einen Ort, an dem komplizierte und sich zuweilen widersprechende Historien aufgezeichnet werden. Beispielsweise erfahren die afroamerikanischen GIs Rassismus nicht allein im nachkriegsdeutschen Alltag, sondern auch in ihren Kasernen. 'Das US-Militär hatte den institutionellen sowie gelebten JimCrow-Rassismus in eben das Land transferiert, dem es die Demokratie beibringen wollte,' bringen es Maria Höhn und Martin Klimke in ihrem Buch 'Ein Hauch von Freiheit?' auf den Punkt."
Im FR-Gespräch mit Sandra Danicke erklärt Andreas Mühe, dessen aktuelle Ausstellung "Stories of Conflict" derzeit im Frankfurter Städel Museum zu sehen ist, was es mit seiner Serie "Biorobots I" auf sich hat: "Die Fragestellung war: Gibt es Helden in meinem Leben? Wenn ja, wer könnte das sein? Für mich sind es die sogenannten Biorobots. Menschen, die nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl aufgeräumt haben. Diese Helden kamen aus der kompletten Sowjetunion und sind dann wieder in ihre Dörfer zurück verschwunden und dort kläglich gestorben, über 500 000 Tote. Darüber spricht kein Mensch. Es gibt Bilder, die zeigen, wie sie versuchen, sich mit ein bisschen Blei auf den Köpfen zu schützen, was Schwachsinn war. Wann braucht man einen Helden in der Gesellschaft? Wenn die große Krise da ist. Wenn die 1986 da nicht aufgeräumt hätten, dann wäre das für ganz Europa viel schlimmer geworden." Im Monopol Magazinfasst Silke Hohmann die Ausstellung knapp zusammen.
Außerdem: Ende der Woche wird das Hundertwasser Art Centre with Wairau Maori Art Gallery in der neuseeländischen Küstenstadt Whangarei eröffnet, die Pläne stammen noch viom Künstler selbst, meldet der Standard. Besprochen wird die große GeorgiaO'Keeffe-Ausstellung in der Baseler Fondation Beyerle (taz).
Lydia Ourahmane: House of Hope Archives Claus Leggewie besucht für die taz im Frankfurter Portikus die Ausstellung der algerische Künstlerin Lydia Ourahmane, die sich in ihren Arbeiten mit dem Bürgerkrieg, mit Christen in Algerien oder mit Migranten befasst: "Mit der Arbeit 'In Absence of our Mothers' von 2018 dokumentiert sie die Geschichte ihres algerischen Großvaters, der sich alle sechsunddreißig Zähne ziehen ließ, um sich mit der so bewirkten Untauglichkeit dem Militärdienst für die französische Kolonialmacht zu entziehen. Lydia Ourahmane ließ sich einen aufbewahrten goldenen Backenzahn in den Mund einpflanzen. Dessen Wert entspräche exakt der Summe, die algerischen Bootsflüchtlingen für ihre Überfahrt nach Spanien abgeknöpft wird."
In der NZZgibt Philipp Meier einen groben Überblick über Zensur und Sittenwächterei, gegen die sich die Kunst seit der frühesten Höhlenmalerei von Lascaux behaupten muss, und erkennt: "Wer sich ermächtigen kann, Zensur auszuüben, der hat die Macht. Und genau darum geht es auch der heutigen Cancel-Culture. Auch sie zensuriert Kunst. Dabei gibt sie allerdings vor, nicht aus der Position der Macht, sondern der Ohnmacht zu handeln. Ihr Modus Operandi ist der Opferstatus."
Weiteres: In der SZschreibt Kito Nedo zum Tod der kubanischen Malerin Carmen Herrera.
Besprochen werden eine Louise-Bourgeois'-Ausstellung in der Londoner Hayward Gallery (Guardian), eine Ausstellung des Medienkünstlers Walid Raad im Frankfurter Mousonturm (FR), eine Schau des Malers Gerhard Hoehme in der Neue Galerie Gladbeck (FAZ), eine Hommage an den Berliner Maler Hermann Bachmann in der Galerie Parterre (Tsp).
In der Affäre um den Kulturmanager Walter Smerling, der vom Berliner Senat sogar noch Zuschüsse in Millionenhöhe für seine private "Kunsthalle Berlin" in den Hangars des Flughafens Tempelhof erhielt, gerät jetzt auch Kultursenator Klaus Lederer von der Linkspartei in die Kritik. Offenbar hat er dem In der FAZ wirft Niklas Maak ihm vor, sich aus der Verantwortung zu reden, wenn er meint, das Geld sei nicht aus seinem Haus gekommen und er leite ja keine "Kulturverhinderungsbehörde": "Hätte man von einem Kultursenator, der seine Arbeit ernst nimmt, nicht erwarten können, dass er dafür kämpft, eine derart üppige Summe an Steuergeldern nicht einfach an eine private Stiftung durchlaufen zu lassen, sondern sie anteilig den hoch kompetenten Kunstinstitutionen Berlins zur Verfügung zu stellen, die jeden 5.000-Euro-Zuschuss mit Unmengen an Antragsformularen erkämpfen müssen?... Das Grundproblem, das sich hier abzeichnet, liegt darin, dass Berlins Politik die Expertise ihrer Museumsleute und Kuratoren ignoriert und die Entscheidung darüber, was mit öffentlichen Mitteln gefördert und gezeigt wird, an Private delegiert."
In der SZsieht Peter Richter hier eher das Problem einer anderen Partei: "Es fällt auf, dass es meist sozialdemokratische Politiker sind und meistens Kunst, bei der man innerlich Gerhard Schröder leise 'doll' sagen hört: wuchtig und staatstragend daherkommende Großformate von etablierten Männern wie Kiefer, Baselitz, Lüpertz oder jetzt halt deren französischem Äquivalent Venet. Man könnte davon ausgehend nun Überlegungen über kulturelle Minderwertigkeitskomplexe mancher an die Macht gekommener Sozialdemokraten anstellen. Und über das Wort Großmannsucht. Jedenfalls geht es fast immer um Größe - und fast nur um Männer."
In der FAZ schreibt Verena Lueken einen Nachruf auf die Malerin Carmen Herrera, die im Alter von 106 Jahren in New York gestorben und den Großteil ihres Lebens, nun ja, nicht durch Ruhm abgelenkt wurde: "So konnte sie fast siebzig Jahre lang ungestört arbeiten, während rechts und links neben ihr Künstler wie Barnett Newman und Mark Rothko etwa oder Ellsworth Kelly ausgestellt und berühmt wurden und ihre Sammler fanden. Carmen Herrera nicht. Als die New York Times eine Lobrede auf sie mit der Schlagzeile 'The New Hot Thing in Painting' druckte, war Carmen Herrera bereits 94."
Der Guardianentdeckt die Plakatkunst Klaus Staecks. Katrin Bettina Müller besucht in der taz die Ausstellung zu Gerhard Richters Künstlerbüchern in der Neuen Nationalgalerie in Berlin (taz). Für die FAZ wirft Marco Stahlhut einen Blick in das Tumurun-Museum auf Java, ein Kunstmuseum des indonesischen Textilproduzenten Lukimento.
Davon, wie das Mémorial ACTe Museum in Guadeloupe historische Exponate der Sklavereigeschichte und zeitgenössische Kunst miteinander in Beziehung setzt und dabei zeigt, wie Geschichte die Gegenwart "aktiv formt", kann das Berliner Humboldt Forum lernen, meint Laura Helena Wurth (FAS) nach einem Besuch in der Karibik, wo sie auch mit der "grausamen Logistik des Sklavenhandels konfrontiert" wird: "Da sieht man gezeichnete Pläne davon, wie die Menschen gelagert wurden, um möglichst viele in einem Schiff transportieren zu können. Wie Löffel hat man sie im Bauch des Schiffs nebeneinandergelegt, mit weniger als einem Meter Platz über ihren Köpfen. ... Morgens bekamen sie eine Portion Getreidebrei und wurden mit Seewasser überschüttet, nachmittags mussten sie tanzen, damit sie beweglich blieben. Tote und Sterbende warf man über Bord. Das Werk von Abdoulaye Konaté, einem Künstler aus Mali, aus dem Jahr 2011, das neben diesen Plänen zu finden ist, zeigt einen großen Teppich, auf dem die Umrisse liegender Menschen - mit viel Abstand zueinander - sichtbar sind. Die Umrisse sind bunt und aus verschiedenen traditionellen Stoffen zusammengesetzt. Im Gegensatz zu den Transportzeichnungen, bei denen die Menschen durch kleine, schwarze, aneinandergereihte Strichmännchen dargestellt sind, haben sie hier Platz, sind bunt und strahlen."
Bild: Annemarie Heise: Sich kämmendes Mädchen, um 1922.Endlich präsentiert das Leipziger Museum der Bildenden Künste in der aktuellen Ausstellung "Bilderkosmos Leipzig" aus dem Bestand der letzten 120 Jahre auch bisher vernachlässigte oder nie gezeigte DDR-Kunst, freut sich Sarah Alberti in der taz: "Vier Räume zum Alltag in der DDR bilden das jetzige Kernstück der Präsentation. Eindrücklich darunter die Bilder der Reinigungskraft 'Frida G.' (1977) von Monika Geilsdorf oder Ulrich Hachullas 'Erster Rentnertag' (1976/77), die die zeitlose Frage der Identifikation mit der eigenen Arbeit thematisieren. Ein anderer Raum widmet sich versteckten Freiheitsallegorien. Neben dem berühmten 'Hinter den Sieben Berge' (1973) von Mattheuer (...) hängen traurig schauende 'Spielende Kinder' (1981) von Gudrun Pontius - der Vater abgewandt, womöglich schon geflüchtet in den Westen."
Guardian-Kritiker Jonathan Jones bewundert Ai Weiwei nach wie vor für dessen Mut. Aber ob Ai auch ein guter Künstler ist, findet Jones spätestens nach Besuch der in Cambridge gezeigten Ausstellung "The Liberty of Doubt", in der Ai etwa anhand von marmornen Toilettenhaltern über Handwerk und Fälschung nachdenkt, fraglich: "Eine traurige Möglichkeit ist, dass Ai Weiwei jetzt das gleiche Problem hat wie die regimekritischen Schriftsteller, die in den 1970er oder 80er Jahren aus dem kommunistischen Europa geflohen sind. Die wahre Bedeutung und Kraft seiner Kunst lag in der Tapferkeit seines Widerstands gegen Chinas diktatorischen Staat. Im Exil ist er hilflos. Ein Teil der Kunst hier trübt seine zuvor klare Haltung für Freiheit, indem sie impliziert, dass Demokratie genauso unfrei sei wie ein totalitärer Staat."
Weiteres: Wie hoch ist eigentlich das Budget der Documenta 15, wollte Marcus Woeller in der WamS wissen, immerhin wird die Hälfte des Budgets aus Steuergeldern finanziert. Aber die Verantwortlichen schweigen lieber: "Nach den Erfahrungen 2017 ist diese Intransparenz beunruhigend: Wer sein Budget nicht offenlegt, kann später nicht dafür belangt werden, es überzogen zu haben. Man kann diese Art der Öffentlichkeitsarbeit nur als bewusste Verschleierung interpretieren und eben nicht als verantwortlichen Umgang mit Steuergeldern." Ebenfalls in der WamS porträtiert Gesine Borcherdt den Künstler Julius von Bismarck, der für sein neues Projekt einen Spiegel ins All schießen will, um visuelle Informationen einzufangen. Als "Sensation" feiert Andreas Platthaus in der FAZ die Ausstellung "Sauve qui peut" in der Pariser Repräsentanz der New Yorker Galerie David Zwirner - nicht nur wegen der gezeigten Werke von Robert Crumb, seiner Frau Aline und der Tochter Sophie, sondern weil die Crumbs höchstpersönlich anwesend waren. Besprochen wird die Ausstellung "Beziehungsstatus: Offen. Kunst und Literatur am Bodensee" im Zeppelinmuseum Friedrichshafen (FAZ).
Das Untere Belvedere in Wien hat seinen Umbau beendet und mit einer Salvador-Dali-Schau wiedereröffnet. Welchen Einfluss hatte Freud auf das Werk Dalis? Diese Frage soll das Frühwerk Dalis beantworten. Der Besucher bekommt dafür nicht allzu viel an die Hand, findet FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier, andererseits lassen Dalis Bilder unendliche Assoziationsmöglichkeiten offen: "'Das düstere Spiel' von 1929, das aus einer Schweizer Privatsammlung stammt, bringt die Zutaten von Dalís Freud-Begeisterung anschaulich auf den Punkt. Es spiegelt ein von Neurosen und Phobien überlagertes Unterbewusstes. Da ist die überdimensionale Hand einer androgynen Statue mit voller Brust, die gleichsam nach dem Betrachter zu greifen scheint - sie wird als Masturbationsphantasie gedeutet. Die Heuschrecke auf dem Mund, ein Insekt, das Dalí seit Kindheitstagen Schrecken einjagte. Eine nackte Frau in Rückenansicht, die sich in ein blaues Schnittbild innerer Organe auflöst, in das ein phallischer Kopf stößt, darüber ein Traumwirbel mit Vogelkopf, Hüten, Steinen, Schnecken, Vulven. Unten rechts der Künstler selbst in einer Kastrationsszene als Figur mit Kot auf der Hose - das ging selbst den Surrealisten damals zu weit."
"Für Sigmund Freud selbst war das alles völlig uninteressant", erklärt Almuth Spiegler in der SZ, "überhaupt verstand er nicht, warum diese Surrealisten ihn auf ihren Schild hoben, was für Kunst sie aus der Psychoanalyse gewinnen wollten. An Breton schrieb er noch versöhnlich: 'Vielleicht brauch ich, der ich der Kunst so fern stehe, es gar nicht zu begreifen.' Was wohl vor allem höflich sein sollte, denn Freud liebte es, die Alten Meister zu analysieren, den Moses des Michelangelo, Anna Selbdritt von Leonardo. Die Produktion der Surrealisten schien ihm wohl so langweilig wie künstlerisch fragwürdig, das Unbewusste allzu vordergründig." Nach einem Besuch Dalis soll er seine Meinung allerdings geändert haben.
In einem etwas mäandernden Text für 54books fragt sich die Kunsthistorikerin Christina Dongowski, warum Museen den politisch-esoterischen Kontext von Joseph Beuys' Arbeiten nie thematisieren - die Nähe zu heutigen, anthroposophisch geprägten Querdenkern sei manifest -, um dann doch wieder erleichtert abzuwinken: "Eigentlich ist es auch ganz gut, dass es nicht zur großen Beuys-Debatte gekommen ist. Denn die Sache mit Beuys und der Verankerung seiner künstlerischen Praxis im von esoterischen, okkulten und spiritistischen Lehren und Weltanschauungen geprägten Strang der Moderne ist sehr komplex. Das Problem Beuys ist zu interessant, um für eine deutsche Feuilleton-Debatte verheizt zu werden."
Weitere Artikel: Jo Seuß besucht für die taz das neue Zukunftsmuseum Nürnberg, kommt aber nicht so richtig in Stimmung: "Die Frage, wie kreativ KI sein kann, wird hier eindrucksvoll beantwortet. Ansonsten wird KI eher unkritisch als ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten inszeniert." Ingo Arend besucht für die SZ auf Sri Lanka die Berliner Kuratorin Natasha Ginwala, die gerade das siebte Colomboscope-Kunstfestival kuratiert hat. Laut Arend "ein interkultureller Kreuzungspunkt der unterschiedlichsten Positionen, fernab der üblichen Verdächtigen der westlichen Kunstszene".
Heinz Bude und Karin Wieland hatten im März 2021 in der Zeit bekannt gemacht, dass der Kunsthistoriker und Gründer der Documenta Werner Haftmann nicht nur in der NSDAP war, sondern auch 1933 in die SA eingetreten war. Heute beschreiben sie in der FAZ Haftmanns Modernitätsbegriff, der aus den dreißiger Jahren stammte, einer voraussetzungslosen Freiheit der Kunst huldigte, dabei aber auf Vorstellungen der totalitären Ideologien zurückgriff: "Die Generation Haftmann ist die junge Generation der Zwischenkriegszeit, welche die Jugendbewegung nur noch vom Hörensagen kennt und mit deren ethischem Idealismus nichts mehr anzufangen weiß. Man sucht nicht mehr das Andere der modernen Welt, sondern will sich der Modernität selbst verschreiben. Im Gefühl einer antiromantischen Romantik setzt die junge Intelligenz der 'Monumentalen Ordnung' der Dreißigerjahre (Franco Borsi) auf ein disruptives Freiheitsverständnis, das den linearen Fortschrittsglauben durch einen jetztzeitigen Aktivismus ersetzt. Freiheit ist dann das ontologische Prinzip einer in Bewegung geratenen Gesellschaft: schnell, direkt und kompromisslos. Die Generation Haftmann will die epochale Flucht nach vorn, wie sie von Weltanschauungseliten kommunistischer oder faschistischer Art propagiert wird."
Im Standardfreut sich Michael Wurmitzer über die erste große Retrospektive David Hockneys in Österreich, genauer: im Kunstforum Wien. "Das längst ikonische 'A Bigger Splash' fehlt zwar, dieses Gemälde von 1967, in dem David Hockney die erhitzt-lockere Stimmung des kalifornischen Sommers zwischen blauem Poolwasser, blauem Himmel, Palmen einfängt und in einer ungezügelt in die sonst so kontrollierten Farbflächen gesetzten weißen Gischt explodieren lässt. Doch fünf andere von etwa 120 Werken der morgen eröffnenden Hockney-Retrospektive Insights im Wiener Kunstforum decken jene Phase im Werk des britischen Malers ab. Die Lebensfreude der Westküste sieht man auch ihnen an: In Schlingerlinien und impressionistischen Flecken funkelt das Wasser in verschiedenen Blautönen, nackte bleiche Männerhintern stechen daraus hervor."
Weiteres: Shirin Friedhoff unterhält sich für monopol mit dem Fotografen Harald Hauswald, Ausstellung "Voll das Leben!" derzeit im c/o Berlin zu sehen ist. In der tazstellt Undine Weimar-Dittmar den Berliner Künstler Jens Ullrich vor, der die Motive seines Bandes "Bilder ohne Geld" zum Selberdrucken freigegeben hat. In der FAZ freut sich Hans-Christian Rößler, dass Gauguins"Mata Mua" ins Madrider Museum Thyssen-Bornemisza zurückkehrt.
Gerhard Richter: Selbstportrait, 1996. The Museum of Modern Art (MoMA), New York Heute wird Gerhard Richter neunzig Jahre alt. Er ist so groß, dass er nicht einmal gegen die Verfälschung seines Werkes oder die Ikonisierung seiner Person angeht, wie Stefan Trinks in der FAZ feststellt, um "Richters Zweifel-Malerei" umso mehr zu verehren, "die in ihrer grundsätzlichen Ambiguität die ganze Komplexität der Welt abbildet, nie aber erklärt oder gar abschließend klären will". In der FRahnt Ingeborg Ruthe, was diesen Maler der Unschärfe so groß gemacht hat: "Der Zeitgeschmack konnte ihn nicht verunsichern, der Kunstbetrieb nicht treiben und der Staat nicht einschüchtern. Auch nicht, als er verdrängte Nazivergangenheit, Hochrüstung und in den Neunzigern den von den USA unter Präsident Bush Senior begonnenen Irak-Krieg zum Bildthema machte. All diese Arbeiten bauen auf ein Archiv kollektiver Erinnerung auf. Und genau das macht diese merkwürdige Bildästhetik politisch." In der Welt bewundert Hans-Joachim Müller vor allem die seltene Klugheit, die Leben und Werk bei Richter verbindet: "Vielleicht ist das ja das Einzigartige an diesem inkommensurablen Werk: Es lässt nichts zu, keine Herz- oder Handarbeit, die nicht durch den Kopf ginge."
In der Zeit hatte Hanno Rauterberg schon zu Jahresbeginn einige hübsch pointierte Aussagen von Richter zusammengestellt: "Kritisch war meine Kunst nie. Die sogenannte gesellschaftskritische Kunst mag zwar gut gemeint sein, aber sie ist keine Kunst." Oder: "Rebellentum widerspricht meinem Temperament." Und "Ich finde manche Amateurfotos besser als den besten Cézanne."
Außerdem: Peter Richter gibt in der SZ einen Überblick über die anstehenden Feierlichkeiten. Im Tspgratuliert sein Biograf Jürgen Schreiber.
Ruth Wolf-Rehfeldt: Still Leben I, 1979. In der FRfeiert Ingeborg Ruthe die Berliner KünstlerinRuth Wolf-Rehfeldt, die heute neunzig Jahre als wird und in diesem Jahr den Hannah-Höch-Preis erhält: "Ihre ungewöhnlichen Schreibmaschinengrafiken macht sie seit den 1970er Jahren. Angefangen hat es zunächst mit ihrem Brotberuf als Schreibkraft, dann als Büroleiterin in einem Ost-Berliner Betrieb. Ihre Fantasie ließ sie aus langweiligen Buchstaben und Zahlen grafische Bilder 'schreiben'. Daheim am Küchentisch tippte sie auf ihrer 'Erika', Bestseller unter den Schreibmaschinen in der DDR, aus A-Z, Nullen, Kommas und Pluszeichen serielle Muster und Ornamente. Unter ihren Händen wurden die schwarzen und roten Zeichen zu Schmetterlingen, Wellen, fließenden Strukturen und kunstvoll gewobene Poesie. Das Blatt 'Concrete Shoe' (siebziger Jahre) zeigt Heerscharen von Cs, Os und Ns, die sich diszipliniert zu einem klobigen Damenschuh mit hohem Absatz formen. Dies kann ebenso als ironisches Beispiel konkreter Poesie gelesen werden wie auch als Symbol für die Enge im Mauerland. Und die Sehnsucht, diese zu überwinden."
Besprochen werden die Eröffnung der Nicola Erni Collection als Museum für Modefotografie im schweizerischen Steinhausen (NZZ), Vincent van Goghs Selbstporträts in der Courtauld Gallery in London (Observer) und die Ausstellung "BioMedien" im ZKM Karlsruhe (FAZ).
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