Heinz Bude und Karin Wieland hatten im März 2021 in der Zeit bekannt gemacht, dass der Kunsthistoriker und Gründer der Documenta Werner Haftmann nicht nur in der NSDAP war, sondern auch 1933 in die SA eingetreten war. Heute beschreiben sie in der FAZ Haftmanns Modernitätsbegriff, der aus den dreißiger Jahren stammte, einer voraussetzungslosen Freiheit der Kunst huldigte, dabei aber auf Vorstellungen der totalitären Ideologien zurückgriff: "Die Generation Haftmann ist die junge Generation der Zwischenkriegszeit, welche die Jugendbewegung nur noch vom Hörensagen kennt und mit deren ethischem Idealismus nichts mehr anzufangen weiß. Man sucht nicht mehr das Andere der modernen Welt, sondern will sich der Modernität selbst verschreiben. Im Gefühl einer antiromantischen Romantik setzt die junge Intelligenz der 'Monumentalen Ordnung' der Dreißigerjahre (Franco Borsi) auf ein disruptives Freiheitsverständnis, das den linearen Fortschrittsglauben durch einen jetztzeitigen Aktivismus ersetzt. Freiheit ist dann das ontologische Prinzip einer in Bewegung geratenen Gesellschaft: schnell, direkt und kompromisslos. Die Generation Haftmann will die epochale Flucht nach vorn, wie sie von Weltanschauungseliten kommunistischer oder faschistischer Art propagiert wird."
Im Standardfreut sich Michael Wurmitzer über die erste große Retrospektive David Hockneys in Österreich, genauer: im Kunstforum Wien. "Das längst ikonische 'A Bigger Splash' fehlt zwar, dieses Gemälde von 1967, in dem David Hockney die erhitzt-lockere Stimmung des kalifornischen Sommers zwischen blauem Poolwasser, blauem Himmel, Palmen einfängt und in einer ungezügelt in die sonst so kontrollierten Farbflächen gesetzten weißen Gischt explodieren lässt. Doch fünf andere von etwa 120 Werken der morgen eröffnenden Hockney-Retrospektive Insights im Wiener Kunstforum decken jene Phase im Werk des britischen Malers ab. Die Lebensfreude der Westküste sieht man auch ihnen an: In Schlingerlinien und impressionistischen Flecken funkelt das Wasser in verschiedenen Blautönen, nackte bleiche Männerhintern stechen daraus hervor."
Weiteres: Shirin Friedhoff unterhält sich für monopol mit dem Fotografen Harald Hauswald, Ausstellung "Voll das Leben!" derzeit im c/o Berlin zu sehen ist. In der tazstellt Undine Weimar-Dittmar den Berliner Künstler Jens Ullrich vor, der die Motive seines Bandes "Bilder ohne Geld" zum Selberdrucken freigegeben hat. In der FAZ freut sich Hans-Christian Rößler, dass Gauguins"Mata Mua" ins Madrider Museum Thyssen-Bornemisza zurückkehrt.
Gerhard Richter: Selbstportrait, 1996. The Museum of Modern Art (MoMA), New York Heute wird Gerhard Richter neunzig Jahre alt. Er ist so groß, dass er nicht einmal gegen die Verfälschung seines Werkes oder die Ikonisierung seiner Person angeht, wie Stefan Trinks in der FAZ feststellt, um "Richters Zweifel-Malerei" umso mehr zu verehren, "die in ihrer grundsätzlichen Ambiguität die ganze Komplexität der Welt abbildet, nie aber erklärt oder gar abschließend klären will". In der FRahnt Ingeborg Ruthe, was diesen Maler der Unschärfe so groß gemacht hat: "Der Zeitgeschmack konnte ihn nicht verunsichern, der Kunstbetrieb nicht treiben und der Staat nicht einschüchtern. Auch nicht, als er verdrängte Nazivergangenheit, Hochrüstung und in den Neunzigern den von den USA unter Präsident Bush Senior begonnenen Irak-Krieg zum Bildthema machte. All diese Arbeiten bauen auf ein Archiv kollektiver Erinnerung auf. Und genau das macht diese merkwürdige Bildästhetik politisch." In der Welt bewundert Hans-Joachim Müller vor allem die seltene Klugheit, die Leben und Werk bei Richter verbindet: "Vielleicht ist das ja das Einzigartige an diesem inkommensurablen Werk: Es lässt nichts zu, keine Herz- oder Handarbeit, die nicht durch den Kopf ginge."
In der Zeit hatte Hanno Rauterberg schon zu Jahresbeginn einige hübsch pointierte Aussagen von Richter zusammengestellt: "Kritisch war meine Kunst nie. Die sogenannte gesellschaftskritische Kunst mag zwar gut gemeint sein, aber sie ist keine Kunst." Oder: "Rebellentum widerspricht meinem Temperament." Und "Ich finde manche Amateurfotos besser als den besten Cézanne."
Außerdem: Peter Richter gibt in der SZ einen Überblick über die anstehenden Feierlichkeiten. Im Tspgratuliert sein Biograf Jürgen Schreiber.
Ruth Wolf-Rehfeldt: Still Leben I, 1979. In der FRfeiert Ingeborg Ruthe die Berliner KünstlerinRuth Wolf-Rehfeldt, die heute neunzig Jahre als wird und in diesem Jahr den Hannah-Höch-Preis erhält: "Ihre ungewöhnlichen Schreibmaschinengrafiken macht sie seit den 1970er Jahren. Angefangen hat es zunächst mit ihrem Brotberuf als Schreibkraft, dann als Büroleiterin in einem Ost-Berliner Betrieb. Ihre Fantasie ließ sie aus langweiligen Buchstaben und Zahlen grafische Bilder 'schreiben'. Daheim am Küchentisch tippte sie auf ihrer 'Erika', Bestseller unter den Schreibmaschinen in der DDR, aus A-Z, Nullen, Kommas und Pluszeichen serielle Muster und Ornamente. Unter ihren Händen wurden die schwarzen und roten Zeichen zu Schmetterlingen, Wellen, fließenden Strukturen und kunstvoll gewobene Poesie. Das Blatt 'Concrete Shoe' (siebziger Jahre) zeigt Heerscharen von Cs, Os und Ns, die sich diszipliniert zu einem klobigen Damenschuh mit hohem Absatz formen. Dies kann ebenso als ironisches Beispiel konkreter Poesie gelesen werden wie auch als Symbol für die Enge im Mauerland. Und die Sehnsucht, diese zu überwinden."
Besprochen werden die Eröffnung der Nicola Erni Collection als Museum für Modefotografie im schweizerischen Steinhausen (NZZ), Vincent van Goghs Selbstporträts in der Courtauld Gallery in London (Observer) und die Ausstellung "BioMedien" im ZKM Karlsruhe (FAZ).
Franz Zelger liest für die NZZ bei der französischen Historikerin Annie Cohen-Solal nach, wie die Pariser Polizei jahrzehntelang Pablo Picasso hinterherschnüffelte und drangsalierte: "Als ihm 1958 der damalige Kabinettschef und spätere Staatspräsident Georges Pompidou die französische Staatsbürgerschaft antrug, reagierte er nicht einmal, und er refüsierte selbst den Verdienstorden der Ehrenlegion, die höchste Auszeichnung des Landes."
Besprochen werden die Schau "Renoir, Monet, Gaugin" in Essen, die zum hundertjährigen Bestehen des Folkwang Museums die beiden großen Sammlungen Kōjirō Matsukatas und Karl Ernst Osthaus' präsentiert (SZ, FAZ), die Ausstellung "Boga njet!" in der Kreuzberger Thomaskirche mit antireligiösen Plakate aus der Sowjetunion (taz) und Florian Bachmaiers Fotoband "Im Limbo" mit Bildern aus der Ukraine (Tsp).
Friedl Dicker-Brandeis, Das Verhör, 1934. Kunstsammlung und Archiv, Universität für Angewandte Kunst Wien. Foto: Manuel Carreon Lopez
Im Lentos Kunstmuseum in Linz ist derzeit ein Multitalent zu entdecken: die Bauhaus-Künstlerin Friedl Dicker-Brandeis mit ihren Möbeln, Bildern, Architekturentwürfen, Spielzeugen und Plakaten, lobt im Standard Katharina Rustler. Ausgestellt werden jedoch auch die Bilder von Kindern im KZ Theresienstadt, denen sie Zeichenunterricht gegeben hatte, bevor sie in Auschwitz ermordet wurde. "Dicker-Brandeis versuchte als von den Nazis eingesetzte Kunstpädagogin in ihrem Vortrag auf die psychische Belastung der inhaftierten Kinder aufmerksam zu machen. Die letzten Zeichnungen vor ihrem Tod zeigen ihre eigene innere Emigration: Die Wirklichkeit löste sich peu à peu auf, ihre Welt wurde zu fleckigen Umrissen. Ein naives Kindergesicht blickt in eine Zukunft, die es nicht mehr gab. Von diesem grotesken Ende spannt die von Brigitte Reutner-Doneus kuratierte Ausstellung einen beinahe poetischen Bogen zum Anfang - und zum Anfang von Dicker-Brandeis. Denn die Techniken und Zeichenübungen, die die Künstlerin den Kindern in Theresienstadt beigebracht hatte, waren jene, die sie etwa 25 Jahre früher an der Schule von Johannes Itten selbst erlernt hatte."
In der FAZ schließt sich Niklas Maak der Kritik (mehr hier) an dem Kulturmanager Walter Smerling an, der im stillgelegten Berliner Flughafen Tempelhof in zwei Hangars seine private "Kunsthalle Berlin" eingerichtet hat. Erst hieß es, er komme für den Unterhalt der Hangars auf. Tatsächlich überlässt die rot-rot-grün regierte Stadt sie ihm kostenlos und zahlt dazu noch fünfzig Prozent der Unterhaltskosten. Das sind etwa 100.000 Euro im Monat, wie Maak empört feststellt: "Das ist eine enorme Summe, die den jährlichen Kunstankaufsetat etwa der Berliner Nationalgalerie bei Weitem übersteigt. Wie ist es möglich, dass die Stadt, statt etwa mit einer Erhöhung des Ankaufsetats die Kunstszene zu fördern, dieses Geld lieber einer privaten Initiative gibt? Wie kann es sein, dass immer behauptet wird, nur Private könnten sich den Betrieb der Hallen von Tempelhof leisten - und dann kann die Stadt plötzlich doch die Hälfte übernehmen ... Der Fall ist ein Beispiel für eine besonders krasse Form der Selbstaufgabe von Kultur- und Stadtpolitik, für die Kapitulation der Politik vor prestigeträchtigen Rundum-Sorglos-Paketen privater Akteure."
Weiteres: Die Zeit hat Hanno Rauterbergs Artikel über das Unsichtbare in der Kunst und den unsichtbaren Künstler Moritz Kraus online nachgereicht. FAZ-Autor Marco Stahlhut lernt von Yunus Erlangga alias Joen einiges über den politisch-künstlerischen Eiertanz, den ein Karikaturist in Indonesien beherrschen muss. Besprochen wird außerdem eine Ausstellung des Naturfotografen Fred Koch in der Berliner Alfred Ehrhardt Stiftung (FR).
Bild: "Fath ʿAli Shah Qajar", Mihr ʿAli zugeschrieben; Teheran, um 1805, Geschenk von Fath ʿAli Shah an Napoleon I., Louvre, Dépôt du Musée de Versailles, Paris, MV6358 Sehr "klug" findet Thomas Ribi in der NZZ die Sonderausstellung "Im Namen des Bildes" im Museum Rietberg in Zürich, die den Paradoxen des Bilderverbots im Christentum und im Islam anhand von Werken aus dem mittelalterlichen Europa, aus Byzanz, Persien, dem Osmanischen Reich und den Mogulreichen auf den Grund geht. "Der Verzicht auf Bilder ist im Islam keineswegs absolut. Auch wenn islamistische Gruppierungen heute Menschen töten dafür: Der Prophet wurde immer wieder dargestellt, gerade in religiösen Kreisen. In der Ausstellung ist ein wunderbares Bild aus dem 16. Jahrhundert zu sehen, das zeigt, wie Mohammed einen Kranken heilt. Der Weg der Christen zum Bild wiederum ist alles andere als geradlinig. Immerhin sahen sie sich einem Verbot gegenüber, das nicht nur Gottesdarstellungen untersagte, sondern Bilder von allem, 'was oben im Himmel, was unten auf der Erde oder was im Wasser oder unter der Erde ist'. Eine Zeichnung des Matterhorns wäre also bereits ein Frevel."
In der SZ zeichnet Peter Richter das ganze Verwirrspiel um verschiedene Versionen von Martin Kippenbergers Gemälde "Paris Bar" nach: Kippenberger gab zwei Versionen des Werks bei dem Plakatmaler Götz Valien in Auftrag, dieser möchte nun eine dritte Neufassung in einer eigenen Ausstellung zeigen, was wiederum bei Kippenbergers Galeristin und Nachlassverwalterin Gisela Capitain auf wenig Gegenliebe stößt: "Einen Auftrag zu wiederholen, der vor über 30 Jahren von einem Künstler an die Firma Werner Werbung ging, und den Herr Valien lediglich ausgeführt hat, ist dann eben das, was es ist: die Wiederholung der Ideen und Konzepte eines Anderen."
Besprochen wird die Ausstellung "Margaret und Christine Wertheim: Wert und Wandel der Korallen" im Museum Frieder Burda (monopol, FAZ).
Bild: Margaret und Christine Wertheim. Detail of Baden-Baden Satellite Reef. Museum Frieder Burda In der Welt ist Hans-Joachim Müller schier überwältigt von der anmutigen "Wunderwelt" aus gehäkelten "tentakelförmigen" Spiralen und Stulpen und "kakteenähnlichen Phallusgebilden", die die Künstlerinnen Margaret und Christine Wertheim derzeit in der Ausstellung "Wert und Wandel der Korallen im Museum Frieder Burda in Baden-Baden präsentieren. Und doch steckt mehr in der "verschwenderischen Sinnlichkeit", ahnt er: "Auch ohne, dass man auf die Fährte gesetzt würde, assoziiert man mit den farbkräftigen Gebilden still wuchernde Korallenriffe, wie man sie von Unterwasseraufnahmen kennt. Jene unendlichen Meeresarchitekturen, nun massiv gefährdet durch die Verschmutzung und Vermüllung der Ozeane. Ein Skandal, für den das koloristisch üppige Weichbild der Wertheim-Riffs fast zu schön erscheint. Weshalb die Künstlerinnen auch eine Anzahl monströser Gebilde beigesellt haben, deren toxisch weißbleiche oder schwarzdunkle Flechthaut den Todeszustand der versteinerten Wassertiere indizieren."
Dass die Verkündigung der an der kommenden 59. Biennale in Venedig teilnehmenden KünstlerInnen gestreamt wurde, kann Nicola Kuhn im Tagesspiegelverkraften. Endlich findet die Biennale wieder statt, jubelt sie, unter dem Motto "The Milk of Dreams", vor allem mit Künstlerinnen besetzt und kuratiert von Cecilia Alemani: Sie "knüpft diesmal gezielt an historische Positionen an und landet doch immer wieder in der Gegenwart und der existenziellen Bedrohung nicht erst seit dem Auftauchen eines Virus. So stellt sie als Ausgangsfragen: Welche Überlebenschancen hat die Menschheit? Wie würde der Planet ohne sie aussehen?" Das Monopol-Magazin hat sämtliche TeilnehmerInnen gelistet.
In der tazverurteilt Ronald Berg den Aufruf zum Boykott der neuen Kunsthalle Berlin im Flughafen Tempelhof, der vor allem den ausstellenden Künstler Bernar Venet treffe. "Ob die Interessen der zum Boykott aufrufenden Berliner KünstlerInnen sozusagen mehr allgemeinnützig sind als die von Leuten mit Geld und guten Kontakten, wie sie in dem Verein von Smerling versammelt sind, darüber ließe sich vielleicht streiten. Ein Gesprächsangebot von Smerling aber haben die KünstlerInnen jedenfalls bis jetzt ignoriert. (…) Ein Aufruf zum Boykott, der zuerst Künstler wie Venet trifft, spricht weniger für den Hang zur Kultur als für den Drang nach Publicity in eigenem Interesse - mithin genau das, was man dem Projekt Kunsthalle vorwirft."
Außerdem: In der FAZ berichtet Victor Sattler von den Bedrohungen des Zwickauer Kunstvereins durch Rechtsradikale und Querdenker. Besprochen werden die Ausstellung "Von Menzel bis Monet. Die Hamburger Sammlung Wolffson" in der Hamburger Kunsthalle (taz) und die Ausstellung "Dürer's Journeys. Travels of a Renaissance Artist" in der Londoner National Gallery (SZ).
"Geld regiert die Welt", muss Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung nach Eröffnung der privaten Kunsthalle auf dem Flughafen Tempelhof seufzen, aber auch mit Blick auf Paris: Dort muss die Künstlerschaft nach fünfzig Jahren das Ende der Kunstmesse Fiac verkraften: "An ihrer Stelle hält ab 2024, nach der Sanierung des Grand Palais, die Art Basel alljährlich Hof in den Heiligen Hallen. Die Strippen für den Millionen-Deal hat der in Berlin schmählich gescheiterte Kunstmanager Chris Dercon, seit 2018 Direktor des Grand Palais, gezogen."
Weiteres: Auf Monopolbekennt der Fotograf Alexander Gehring seiner anhaltende Liebe zur analogen Technik und dem Zauber der Dunkelkammer. Im Standard-Interview spricht Direktor Matti Bunzl über die Zukunft des Wien-Museums. Im Tagesspiegelfreut sich Nicola Kuhn, dass das kleine George-Grosz-Museum in einer Fünfzigerjahre-Tankstelle in der Berliner Bülowstraße unterkommt.
Besprochen werden die Ausstellung "Missing Stories" im Willy-Brandt-Haus, für die KünstlerInnen den Spuren von NS-Zwangsarbeitern auf dem Westbalkan folgen (taz) und eine "elektrisierend intime" Schau mit Vincent van Goghs Selbstporträts in der Londoner Courtauld Gallery (Guardian).
Ragnar Axelsson "Ingelfieldfjord, Greenland, 1987" Cornelia Ganitta verliert sich auf Monopol in den Bildern des isländischen Fotografen Ragnar Axelsson, der seit vierzig Jahren das Leben in der Arktis dokumentiert und dem das Münchner Kunstfoyer eine Ausstellung widmet: "Man muss wohl ein Kind des Nordens sein, um sich so tief und einfühlsam auf die Menschen und Landschaften rund um die Arktis einzulassen, wie Ragnar Axelsson (geboren 1958) es tut. Von klein auf hat der Isländer und fotografische Autodidakt mit der ihm anvertrauten Leica in der Hand intuitiv einen ästhetischen Sinn für das entwickelt, was ihn umgibt. 'Es gehörte viel Vertrauen dazu, einem Kind eine Kamera zu leihen, die so teuer war wie ein Auto. Ich durfte meinen Vater nicht enttäuschen', erklärt er in seinem neuen Buch 'Where The World is Melting' (Wo die Welt schmilzt)."
Weiteres: Für den Tagesspiegelwirft Rolf Brockschmidt noch einen Blick auf die Mschatta-Fassade, die ganz legal ins Berliner Museum für Islamische Kunst gekommen sei, wie er betont, und die vor ihrer Restaurierung mit einer Installation von Ali Kaaf gewürdigt wird. Katharina Rustler schreibt im Standard zum Tod der Künstlerin und österreichsichen Staatspreisträgerin Brigitte Kowanz.
Besprochen werden die Francis-Bacon-Schau "Man and Beast" in der Royal Academy in London (Observer, NYTimes), die Georgia-O'Keeffe-Ausstellung in der Fondation Beyerle bei Basel (Zeit).
Yazan Khalili: Apartheid Monochromes, 2017 In der FAZ blickt Josesph Croitoru näher auf die Arbeiten des palästinensischen Architekten und Fotografen Yazan Khalili, der mit seinem zur Documenta eingeladenen Künstlerkollektivs The Question of Funding ins Kreuzfeuer der Kritik geraten ist. Croitoru sieht hier einen Künstler, der hier nicht nur die israelische Besatzung in den Blick nimmt, sondern auch selbstkritisch palästinensische Opfernarrative: "Selbst dort, wo Khalili wie in 'Apartheid Monochromes' von 2017 israelische Besatzungspraktiken verurteilt, fehlt Selbstkritik nicht. Die sechs monochromen Tafeln spielen auf die verschiedenfarbigen Personalausweise an, die Palästinenser seit 1967 je nach Wohnregion von Israel erhielten. Als 'Apartheid' geißelt Khalili hier nicht nur die israelische Kontrolle, sondern auch die Spaltung und Hierarchisierung, zu der diese 'Farbenpolitik' in der palästinensischen Gesellschaft führte. Das Einbeziehen der Farbe Grün ist kritischer Kommentar zum - wenn auch von Israel diktierten - Vorgehen der Palästinensischen Autonomiebehörde: Ihre Ausweise sind grün, ausgerechnet jene Farbe, so Khalili, welche die Israelis früher für Häftlingsausweise verwendet hätten." (In der FR sehen der israelische Botschafter Schimon Stein und der Historiker Moshe Zimmermann Deutschland im Kampf gegen den Antisemitismus ganz auf dem Holzweg, mehr dazu in 9Punkt.)
Auch mit dem neuesten Versuch, Berlin eine Kunsthalle zu geben, wird SZ-Kritiker Peter Richter nicht glücklich. Kurator Walter Smerling, der den Hangar 3 des Flughafen Tempelhofs bespielt und sich vor allem aufs "Amalgamieren von Großkünstlern, Großsponsoren, Großsammlern und Kunstgroßhändlern" verstehe, wie Richter weiß, habe den Kunstbetrieb eher verstört als beglückt: "So kursierte unter Berliner Kunstbetriebsangehörigen in den letzten Tagen ein Internet-Aufruf zum Boykott der 'Kunsthalle Berlin': 'Statt als Initiative betrachtet werden zu können, die im Interesse der Kunst-Community Berlins im weiteren Sinne liegt', müsse diese neue 'Kunsthalle' als 'zynisches, neoliberales Vehikel' bezeichnet werden, 'das wesentlich dazu dient, Status und Privatvermögen derer zu steigern, die damit zu tun haben.' Bei solchen Anlässen zeigt sich natürlich auch die zunehmend unversöhnlichere Spaltung der Kunstwelt in ein marktbasiertes und ein eher an kulturalistischen Fragen und öffentlichen Töpfen orientiertes Lager. Dort kursierte daher zusätzlich die Frage, welchem "alten, weißen Mann" Smerling den Teppich hier nun als Erstem ausrollen werde: Lüpertz? Baselitz? Den Liköraquarellen von Udo Lindenberg?"