Trotz russischer Propaganda wächst der Protest auch unter russischen Kulturschaffenden, meldet Sonja Zekri in der SZ. Die Moskauer "Garasch" teilte beispielsweise mit, ihre Arbeit "bis zum Ende der menschlichen und politischen Tragödie" einzustellen. Ganz geheuer sind Zekri die Bekenntnisse nicht: "Man kann das als Krokodilstränen abtun, als späte Reue von Kulturschaffenden, die Putin nicht verhindert und es sich oft ganz gemütlich eingerichtet haben. Und natürlich spricht hier der westlich orientierte, mobile, urbane Teil der Gesellschaft, Künstlerinnen und Künstler, die Forschenden, die in Jahrzehnten Beziehungen zu westlichen Universitäten, Theatern und Museen aufgebaut haben und neben allem Entsetzen über Russlands Angriff auf das Nachbarland auch ganz direkt getroffen sind. Wer in der Provinz wohnt und nie die Möglichkeit hatte, nach London oder Paris zu reisen, wer außer den staatlichen Medien wenig mitbekommt, der sieht keinen Grund für Empörung."
Für Hyperallergic hat Hakim Bishara Stimmen aus der ukrainischen und der russischen Kunstszenegesammelt. Ukrainische Museen bemühen sich, ihre Sammlungen vor drohenden Angriffen zu schützen. "Aleksandra Kovalchuk, Direktorin des Odessa Fine Arts Museum, sagte der New York Times, dass Mitarbeiter Kunst im Keller 'versteckten' und 'versuchten, Sicherheit zu gewährleisten', wobei sie das Wort 'Stacheldraht' erwähnte."
Die Zeit hat ihre Besprechung zur Ausstellung "Walk!" in der Frankfurter Schirn online nachgereicht, in der Hanno Rauterberg noch einmal an die Bedeutung des Gehens, vor allem die politische erinnert wird: "Hiwa K zum Beispiel wanderte die Fluchtroute nach, die ihn einst aus dem Irak nach Griechenland und Italien führte. Milica Tomić war zwei Monate in der Belgrader Innenstadt unterwegs, sie besuchte die Schauplätze des bewaffneten Aufstands gegen die einstige Nazi-Besetzung, immer dabei, für alle sichtbar, eine Kalaschnikow - ohne dass irgendwer davon Notiz genommen hätte. Hier ist der Raum, den die walking artists für sich gewinnen, nicht bloß ein Raum der Selbsterkundung; er wird als Träger der Erinnerungen, als Ort des gesellschaftlichen Handelns begriffen."
Nach dem Guardian (Unser Resümee) berichtet heute Katrin Gänsler, die Westafrika-Korrespondentin der taz, von der Feststimmung in Cotonou, wo die 26 restituierten Statuen, Schemel und Zepter neben Arbeiten zeitgenössischer afrikanischer Künstler im Palais de la Marina in Cotonou in der Ausstellung "Kunst in Benin gestern und heute: Von der Restitution bis zur Offenbarung" gezeigt werden. "Mit den Objekten kommen Stolz und Geschichte zurück", sagt etwa Marie-Cecile Zinsou von der Stiftung Zinsou in Cotonou. Ganz glücklich ist Gänsler aber dann doch nicht: "Was allerdings wenig thematisiert wird, ist die afrikanische Beteiligung am Sklavenhandel. Sklav*innen bescherten afrikanischen Herrschern Waffen aus Europa, die für die Expansion benötigt wurden. Die Könige beteiligten sich aktiv daran."
Im Standardvergeht Katharina Rustler fürs erste der Appetit auf Würste nach dem Besuch der Ausstellung "Subject" im Wiener Kleinen Haus der Kunst, wo Erwin Wurm derzeit überdimensionale Marmor-Würste ausstellt: "Alles ironisch natürlich! Nach den bekannten Gurkerl-Skulpturen vervollständigt er so seine Würstelstand-Speisekarte sowie das phallische Formen-Repertoire. Wurm bezeichnet die einfache Kombination aus Semmel und Würstel als wichtiges Gericht aus Kindheit und Studentenzeit. Außerdem versteht er sie als gesellschaftliches Sinnbild auch auf einer Metaebene: 'Es steht auch für eine bestimmte Kategorie an weißen Männern, die sich am Würstelstand über ihr Weltbild unterhalten - ein Weltbild, das von Enge, Vorurteilen und Intoleranz geprägt ist, von antifeministischer Haltung gar nicht zu sprechen', so die Erklärung im Pressetext. Wurst als toxisches Kulturgut?"
Weiteres: In der tazporträtiert Fabian Lehmann die Künstlerin Ute Reeh, die in einem Dorf in der Prignitz eine Lärmschutzwand aus Lehm zum Schutz vor der geplanten Autobahn bauen möchte. Im Tagesspiegelsammelt Birgit Rieger Stimmen aus der ukrainischen Kunstwelt. In der NZZblickt Philipp Meier auf so manche Perversion, die in Museumshops angeboten wird.
Besprochen werden die Ausstellung "Papier im Raum" im Berliner Haus des Papiers (Tagesspiegel), die Ausstellung "Höllenglanz und Sternenlicht. Dantes Göttliche Komödie in Moderne und Gegenwart" im Berliner Kupferstichkabinett (FAZ) und die Ausstellung "Dalí - Freud. Eine Obsession" im Unteren Belvedere in Wien (Welt).
Mit den Augen der Künstlerin Jenny Holzer schaut Alexandra Wach (FAZ) im Kunstmuseum Basel noch mal ganz neu auf Louise Bourgeois. Dort nämlich hat Holzer, die mit Bourgeois befreundet war, eine Hommage mit dem Titel "The Violence of Handwriting Across a Page" inszeniert: "Jenseits der omnipräsenten Textbilder begegnet man … Kissenstapeln mit Gobelinmustern und einem an die Künstlerin adressierten Briefumschlag mit dem Absender The White House Washington, dessen Rückseite die Zeichnung eines am Haken hängenden Penis offenbart. Da wäre auch noch eine klaustrophobische Landschaft mit eierförmigen Erhebungen, eine Art fleischige Tropfhöhle, die den vielsagenden Titel 'The Destruction of the Father' trägt. Außerdem hybride, im häuslichen Territorium gefangene Marmorskulpturen, genannt 'Femmes Maisons'. Sie sind alles andere als heimelig. Überhaupt die Frauen. Ihre malträtierten Körper bluten, beim Gebären und beim Sex. Wenn sie es nicht tun, fristen sie auf einem Felsen aus Holz das Dasein einer nackten Eremitin, wie in der souverän das bildhauerische Vokabular beherrschenden Skulptur 'Topiary' von 2005, die einem Miniaturfrauenkörper einen surrealen Zapfenkopf entwachsen lässt."
In der NZZatmet Thomas Ribi auf: Die Stiftung Bührle hat die Verträge öffentlich gemacht, in denen festgelegt wird, zu welchen Bedingungen die Kunstsammlung von Emil Georg Bührle als Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich gezeigt wird. (Unsere Resümees) Für Ribi ist das nicht weniger als ein "Paradigmenwechsel": Zum einen sei es nicht üblich, private Verträge öffentlich zu machen, zum anderen wird das Kunsthaus im neuen Vertrag verpflichtet, die Richtlinien der Washingtoner Konferenz von 1998 und der Erklärung von Theresienstadt (2009) anzuwenden: "Ein so klares Bekenntnis zu den heute geltenden Richtlinien im Umgang mit Raubkunst und Fluchtgut hatte man von der Stiftung Bührle bisher noch nicht gehört. Die Verantwortung für Abklärungen über die Herkunft von Bildern liegt nun in erster Linie beim Kunsthaus. Es wird sich der Aufgabe stellen müssen und kann sich nicht mehr darauf berufen, dass ihm die Hände gebunden seien. Die Stiftung kann nach wie vor eigene Provenienzforschung betreiben, aber sie kann das Kunsthaus nicht daran hindern, Untersuchungen anzustellen."
Hannah Höch war weit mehr als nur Dadaistin, lernt Christian Schröder im Tagesspiegel in der Ausstellung "Abermillionen Anschauungen" im Berliner Bröhan-Museum, das vor allem das surrealistische, expressionistische und konstruktivistische Werk der Avantgarde-Künstlerin würdigt: "Manche ihrer Werke wirken wie Science-Fiction. Die 'Symbolische Landschaft III' (1930) zeigt eine lebensfeindliche, rot glühende Wüste, in der stachelige Pflanzen aufragen. Im Vordergrund liegt eine puppenhafte Frau, deren Bauch zwei Babys entsteigen. Das Gemälde erinnert an die wuchernden Phantasielandschaften von Max Ernst. Höch sieht in ihm einen 'Seelenverwandten', schreibt ihm in einem Brief, dass der Surrealismus für sie 'der Faden' geworden sei, 'der allein durch alle Wirrnisse hielt'."
Außerdem: In der Berliner Zeitunggratuliert Ingeborg Ruthe dem Maler Konrad Knebel zum Neunzigsten. In der FRberichtet Ingeborg Ruthe vom Rechtsstreit um Alfons Muchas "Slawisches Epos", das bis zum Jahr 2026 ein Museum in Prag bekommen soll. Besprochen werden die Ausstellung "New Normals" mit Werken von Konstantin Grcic im Berliner Haus am Waldsee (FAZ) und die Ausstellung "100 Jahre Paul Flora. Von bitterbös bis augenzwinkernd" im Karikaturenmuseum in Krems an der Donau (FAZ).
Ida Maly: Patientin im Feldhof in Graz. 1930Im Standardannonciert Katharina Rustler eine eindringliche Ausstellung im Lentos Museum in Linz zum Werk der österreichischerin Malerin Ida Maly, die 1928 in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen und 1941 in der NS-Tötungsanstalt Schloss Hartheim in Oberösterreich im Alter von 46 Jahren ermordet wurde. Auch in der Psychiatrie malte sie noch: "Fahriger und linearer wurden ihre Zeichnungen, oft sind es Porträts anderer Patientinnen. Immer mehr lösen sich die Formen auf, die Personen zerfallen zu Fragmenten, die Gesichter wachsen zu doppeldeutigen Fratzen, Texte klagen ihre Situation an. Wie düstere Prophezeiungen berichten Malys Bilder von den Gräueln der NS-Euthanasie an Psychiatrieinsassen."
Besprochen werden die Ausstellung "Impressionismus" in der Hamburger Kunsthalle (taz), Rabih Mroues Ausstellung "Under the Carpet" im KW Institute for Contemporary (taz), die Ausstellung "Walk!" in der Frankfurter Schirn (Zeit), die Ausstellungen "Auf Linie" und "Gegen den Strich" über NS-Kunstdenkmäler im Wien Museum (Standard), die Gabriele-Münter-Ausstellung "Pionierin der Moderne" im Zentrum Paul Klee in Bern (NZZ) und die Hannah-Höch-Ausstellung im Berliner Bröhan Museum (Tagesspiegel).
Das Vorurteil, dass sich afrikanische Länder nicht um restituierte Werke kümmern können, sieht Joshua Surtees im Guardian in der Ausstellung "Art of Yesterday and Today, from Restitution to Revelation" im Palais de la Marina in Cotonou, Benin umfassend widerlegt. Die Ausstellung setzt an Benin zurückgegebene Beutekunst mit Werken von 34 zeitgenössischen Künstlern des Landes in Beziehung. Zu sehen sind Artefakte aus jener Epoche, als König Ghezo das damalige Dahomey-Königreich regierte: "Diese lebensgroßen Statuen, die einst in Paris aufbewahrt wurden, zeigen Ghezo und seine Erben Glele und Béhanzin. Eines zeigt einen Mann mit dem Gefieder eines Vogels, das nächste einen Löwenkopf auf menschlichen Beinen und das dritte einen Mann mit dem Körper eines Hais. Diese spiegeln die Vorstellung wider, dass diesen Männern übernatürliche Kräfte zugeschrieben wurden. Unter der Herrschaft von Dahomey-Kämpfern, die gegen die Franzosen kämpften, befanden sich auch weibliche Krieger, Amazonen genannt. Ishola Akpo, eine aufstrebende Benin-Künstlerin, beschloss, Bilder dieser Soldaten und der Königinnen, die über sie herrschten, nachzubilden, indem sie Frauen aus Nordbenin verwendete, die in majestätische Kleidung gekleidet und Waffen hielten. 'Das Projekt untersucht die Erinnerungen vergessener, vernachlässigter und ausgelöschter vorkolonialer afrikanischer Königinnen', sagt Akpo."
Bild: Charles Ray: "Boy". 1992. Whitney Museum of American Art Hinter der Schönheit und dem Zauber der Skulpturen des amerikanischen Bildhauers Charles Ray, dessen Arbeiten in Ausstellung "Figure Ground" nun endlich im Whitney Museum gezeigt werden, lauert immer auch das Verstörende, erkennt Hannes Stein in der Welt: "Nehmen wir etwa die Statue eines Jungen mit rötlichem Haar und zartrosa Haut. Er trägt kurze blaue Hosen mit Hosenträgern, ein weißes Hemd, weiße Kniestrümpfe, schwarze Schuhe; er sieht also aus, als sei er geradewegs aus den Fünfzigerjahren in unsere Gegenwart gestolpert. Mit der rechten Hand scheint er nach oben zu zielen - Daumen und Zeigefinger bilden eine Pistole -, die Linke hängt schlaff herunter. Und etwas mit dieser Figur stimmt nicht. Erstens ist sie zu groß, vielleicht 170 Zentimeter vom Scheitel bis zur Sohle. Zweitens ist da der Gesichtsausdruck: ein gespenstisches leeres, ein ganz und gar unmenschliches Lächeln. Dieser Junge stammt nicht nur aus den Fünfzigerjahren, sondern auch aus einem Horrorfilm, den man sich lieber nicht in allzu drastischen Bildern ausmalt."
Außerdem: Im Tagesspiegelschreibt Nicola Kuhn zum Tod des Konzeptkünstlers Nikolaus Lang. Besprochen werden die Ausstellung "Viva Venezia! Die Erfindung Venedigs im 19. Jahrhundert" im Wiener Belvedere (Standard) und die Ausstellung "Walid Raad - We Lived So Well Together" in der Kunsthalle Mainz (FAZ).
Weiteres: Ronald Berg greift in der taz den Streit über Walter Smerling großzügig subventionierte Pseudo-Kunsthalle auf, der sich zu einer grundsätzlichen Kritik an der Berliner Senatspolitik der Standortförderung auswächst.
Besprochen werden die Ausstellung "Walk!" in der Frankfurter Schirn (FAZ), die Konzeptschau "Futura" in der Hamburger Kunsthalle, mit der Bogomir Ecker die Besucher "im buddhistischen Sinne" zur Ruhe kommen lassen möchte (SZ), die Schau "Environmental Hangover" des brasilianisch-schweizerischen Künstlers Pedro Wirz in der Kunsthalle Basel (NZZ) und Alea Horsts Fotoband "Manchmal male ich ein Haus für uns" über Kinder in Flüchtlingslagern (taz).
In der FAZ brerichtet Frauke Steffen, dass das Orlando Museum of Art in Florida angeblich 25 verschollene Werke des New Yorker Künstlers Jean-Michel Basquiats aufgetan haben will. Unter anderem die New York Times hat Zweifel an der Echtheit angemeldet. Ingo Arend schreibt in der taz einen Nachruf auf den amerikanischen Künstler und Fotografen Dan Graham. Kartin Bettina Müller besucht für die taz die Ausstellung der Dada-Künstlerin Hannah Höch im Berliner Bröhan-Museum.
Iiu Susiraja, Broom, 2010. Aus der Serie "Good Behavior," 2008-10
Alex Jovanovich stellt in Artforum die finnische Fotografin und Videokünstlerin Iiu Susiraja vor, die in ihren Bildern ihr massives Übergewicht ins Zentrum stellt. "Sie ist riesig und ungemein seltsam - sie überwältigt, verunsichert, belebt. Sie kaut auf der Landschaft herum (fat joke beabsichtigt) und setzt ihren Körper ein, als wäre er eine Waffe. Ihr Körper ist, wie der meine, definitiv ein fremdes Wesen: etwas, das viele wahrscheinlich nur anstarren, nach Kräften zu ignorieren versuchen oder rücksichtslos pathologisieren. Doch sie präsentiert ihn uns ohne eine Spur von Hemmung, Scham oder überflüssiger Verschönerung. 'Wenn sich eine dicke Person in einem künstlerischen Kontext schlecht verhält, dann verhält sie sich doppelt schlecht. Fett zu sein ist an sich schon eine Übertretung. . . . Die bloße Existenz einer fettleibigen Person ist ein Fehlverhalten', sagte Susiraja einmal in einem Interview. Die von ihr erwähnte Unanständigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Selbstdarstellung. Dies ist zum Teil auf ihr Talent zurückzuführen, alltägliche Gegenstände - Lebensmittel, Spielzeug, Damenschuhe, langweilige Unterwäsche - in unheimliche und sogar seltsam viszerale Requisiten zu verwandeln."
Auch in der Schau über die Welt von Stonehenge zu sehen: Die mindestens mindestens 3700 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra. Foto: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták.
Einfach großartig findet FAZ-Kritikerin Gina Thomas die Schau "Die Welt von Stonehenge" im British Museum, die ihr eindrücklich belegt, dass schon vor 5000 Jahren die Lebenswelten der Europäer durch Zuwanderung und Austausch einem ständigen Wandel unterworfen waren: "Die Schau setzt bei der Mittelsteinzeit an, rund fünftausend Jahre bevor die ersten Steine auf der Hochebene von Salisbury errichtet wurden. Damals war England noch mit dem Kontinent verbunden. Zur Einführung wird der Übergang der nomadischen Jäger und Sammler zu sesshaften Ackerbauern mit zunehmend gehobenen materiellen Ansprüchen erläutert. Eine Installation mit zahlreichen an einer Platte montierten Beilköpfen veranschaulicht den Verfeinerungsprozess unter dem Einfluss von Zuwanderern, die ihr Können in das rückständige Land mitbrachten. Am Anfang dieser Zeit lag Britannien in seiner Entwicklung ein Jahrtausend hinter der kontinentalen Bevölkerung zurück. Die in der Nähe von Stonehenge ausgegrabenen Überreste eines auf etwa 3900 vor Christus datierten Festmahles werden als Wendepunkt präsentiert."
Auch Alexander Menden (SZ) lernt, dass "die Vorstellung von abgekapselt lebenden bronzezeitlichen Gemeinschaften längst überholt ist. Doch wie rege die Güter und Menschenbewegungen tatsächlich waren, lässt sich immer besser nachvollziehen. In einem Grab bei Stonehenge wurden Dolche aus Frankreich gefunden, deren Knauf mit winzigen Goldnägeln besetzt ist. Bei deren Anbringung wurde eine Technik verwendet, die man auch an Artefakten aus dem griechischen Mykene gefunden hat." Klar ist aber auch, dass der Austausch nicht immer friedlich war, wie man am Grab des "Amesbury Archer" sehen könne, einem Einwanderer, der von Pfeilen getötet wurde. Immerhin: "Was die Beisetzung des 'Amesbury Archer' mit vielen Grabbeigaben in direkter Nähe von Stonehenge auf jeden Fall anzuzeigen scheint, ist ein gewisser spiritueller Respekt der eingewanderten Kulturen vor dem, was sie vorfanden. Die Ehrfurcht vor Bauwerken, die zu diesem Zeitpunkt schon sehr alt waren, ist offenkundig."
Großartig ist auch die Schau "Edvard Munch. Im Dialog" mit Tracey Emin, Andy Warhol, Jasper Johns, Georg Baselitz, Miriam Cahn, Peter Doig und Marlene Dumas in der Wiener Albertina, schwärmt Katharina Rustler im Standard: "Obwohl die Auseinandersetzung so unterschiedlich ausfällt - sei diese motivisch, formal oder thematisch -, eint sie alle doch ein gewichtiges Merkmal, das sie auch mit ihrem Idol verbindet: die Expression des Seelenlebens, das Herausstülpen des Innersten, die schier explodierenden Emotionen, die Expression von Leid, Einsamkeit, Krankheit. Willkommen im Club der Seelen!"
Weiteres: Nicola Kuhn informiert im Tagesspiegel über jüngste Wendungen im Streit um die Urheberrechte an den "Paris Bar"-Bildern von Martin Kippenberger. Donna Schoens stellt in Monopol das Kunst-Kollektiv DIS vor, das gerade auf der Biennale in Genf ausstellt. In der FAZ freut sich Stefan Trinks über den Ankauf von Jan Toorops"Hetäre" oder "Venus der See" (um 1890) durch die Alte Nationalgalerie Berlin. Besprochen wird eine Ausstellung Katrin von Maltzahns im Art Space in Berlin (Tsp).
Götz Valien, "Paris Bar" (Variante 3), 1993-2010, Acryl auf Baumwolle, 211 x 381 cm - korrigierte Version von "Paris Bar" (Variante 1), 1992; Copyright: Götz Valien. Foto: Reinhard Görner Für einen der "spannendsten Kunststreitfälle" der jüngsten Zeit hält Nicola Kuhn im Tagesspiegel den Urheberrechtsstreit um Martin Kippenbergers "Paris Bar"-Bilder: Kippenberger hatte zwei Gemälde in den Neunzigern bei einer Agentur für Kinoplakate in Auftrag gegeben, der Maler Götz Valien, der die Gemälde damals anfertigte, stellt aktuell eine dritte Version im Haus am Lützowplatz aus. Dort trafen nun die gegnerischen Anwälte aufeinander, schreibt Kuhn: Valiens Anwalt "Peter Raue erklärte, für Konzeptkunst gäbe es beim Urheberrecht eine Lücke, die Idee sei kein geschütztes Gut. Friederike von Brühl hielt dagegen, Valien habe bis auf geringe Abweichungen präzise nach der Vorlage gemalt, sei mithin nur 'Gehilfe', dem keine Urheberrechte zustehen. Ansonsten besäßen auch Architekten an ihren Bauten kein geistiges Eigentum, sondern müssten es sich mit den Maurern, Dachdeckern und Elektrikern teilen."
Außerdem: Im taz-Gespräch mit Falk Schreiber erklärt Brigitte Kölle, Leiterin der Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle, welche Neuzugänge sie sich für die Sammlung wünschen würde. In der FRspricht Sandra Danicke mit dem portugiesischen Künstler Carlos Bunga über seine Installation "I Always Tried to Imagine My Home" in der Rotunde der Schirn Kunsthalle. In der Berliner Zeitungfreut sich Ingeborg Ruthe, dass Max Beckmanns Gemälde "Badende mit grüner Kabine und Schiffern mit roten Hosen" für 2.305.000 Euro vom Kunstmuseum Den Haag ersteigert wurde. In der FAZ gratuliert Freddy Langner dem Fotografen Duane Michals zum Neunzigsten.
Besprochen werden die große GeorgieO'Keeffe-Ausstellung in der Baseler Fondation Beyeler, die laut Bernhard Schulz in der Welt anhand von selten gezeigten Werken mit vielen Klischees aufräumt, außerdem die BBC-Doku "Survivors: Portraits of the Holocaust", die zeigt, wie Künstlerinnen und Künstler siebe Holocaust-Überlebende porträtierten (SZ), die Ausstellung "Anita Suhr - verfolgt, gebrochen und dennoch Kunst" der die NS-verfolgte Widerständlerin und Malerin im Hamburger Forum Alstertal (taz) und die Mary Warburg Ausstellung "Auf Augenblicke frei und glücklich", die derzeit im Hamburger Ernst-Barlach-Haus zu sehen ist (FAZ).
Bild: James Gregory Atkinson - 6 Friedberg Chicago, 2021. Grafik: Marcus Alasovic Studio In ein "Archiv des Gegenwissens" blickt Gürsoy Doğtaş (SZ) in der Ausstellung "6 Friedberg-Chicago" im Dortmunder Kunstverein, wo der Künstler James Gregory Atkinson 150 Jahre afrodeutsche Geschichte und Rassismus in Filmen und Zeitkapseln beleuchtet: "Aus der Perspektive der weißen Mehrheitsgesellschaft verdichtet das Archiv Vergangenheit in afrodeutsche Erinnerung. (…) Dennoch versteht sich das Archiv nicht als ein Depot für Erinnerungen, sondern als einen Ort, an dem komplizierte und sich zuweilen widersprechende Historien aufgezeichnet werden. Beispielsweise erfahren die afroamerikanischen GIs Rassismus nicht allein im nachkriegsdeutschen Alltag, sondern auch in ihren Kasernen. 'Das US-Militär hatte den institutionellen sowie gelebten JimCrow-Rassismus in eben das Land transferiert, dem es die Demokratie beibringen wollte,' bringen es Maria Höhn und Martin Klimke in ihrem Buch 'Ein Hauch von Freiheit?' auf den Punkt."
Im FR-Gespräch mit Sandra Danicke erklärt Andreas Mühe, dessen aktuelle Ausstellung "Stories of Conflict" derzeit im Frankfurter Städel Museum zu sehen ist, was es mit seiner Serie "Biorobots I" auf sich hat: "Die Fragestellung war: Gibt es Helden in meinem Leben? Wenn ja, wer könnte das sein? Für mich sind es die sogenannten Biorobots. Menschen, die nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl aufgeräumt haben. Diese Helden kamen aus der kompletten Sowjetunion und sind dann wieder in ihre Dörfer zurück verschwunden und dort kläglich gestorben, über 500 000 Tote. Darüber spricht kein Mensch. Es gibt Bilder, die zeigen, wie sie versuchen, sich mit ein bisschen Blei auf den Köpfen zu schützen, was Schwachsinn war. Wann braucht man einen Helden in der Gesellschaft? Wenn die große Krise da ist. Wenn die 1986 da nicht aufgeräumt hätten, dann wäre das für ganz Europa viel schlimmer geworden." Im Monopol Magazinfasst Silke Hohmann die Ausstellung knapp zusammen.
Außerdem: Ende der Woche wird das Hundertwasser Art Centre with Wairau Maori Art Gallery in der neuseeländischen Küstenstadt Whangarei eröffnet, die Pläne stammen noch viom Künstler selbst, meldet der Standard. Besprochen wird die große GeorgiaO'Keeffe-Ausstellung in der Baseler Fondation Beyerle (taz).
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