Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.07.2022 - Kunst

Von der in der Documenta-Debatte doch leicht ramponierten postkolonialen Fraktion wird ein Text des brasilianisch-jüdischen Kollektivs "Casa do Povo" bei e-flux.com viel retweetet. Die Künstler bestreiten, dass sie wegen ihrer jüdischen Herlkunft nicht von Ruangrupa eingeladen worden seien, ihre Teilnahme sei aus organisatorischen Gründen (Corona) letztlich nicht zustandegekommen. Und sie solidarisieren sich mit Ruangrupa und äußern ihr Befremden über die deutsche Diskussion: "Wir erleben eine äußerst beunruhigende Umkehrung antisemitischer Gewalt. Dieselben Strategien, die den Antisemitismus jahrzehntelang aufrechterhalten haben, werden in der öffentlichen Debatte eingesetzt, um Ruangrupa zu verurteilen. Anstelle von offenen Gesprächen wird die öffentliche Debatte von Denunziationen und Gerüchten gespeist. Anstatt die documenta fifteen als ein komplexes Gebilde von Werken, Dynamiken und Verantwortlichkeiten zu betrachten, leben das künstlerische Team und die KünstlerInnen unter Drohungen, Einschüchterungen und Zensur."

Vergangene Woche berichtete die SZ über ein geleaktes Video, in dem Emily Dische-Becker Documenta-Guides gegen Vorwürfe des Antisemitismus schulte. (Unser Resümee). Der SZ wurde im Anschluss vorgeworfen, der Bericht sei "diffamierend", in der taz beschuldigte Georg Diez die Zeitung, ein Leben durch einen "toxischen Kulturkampf" zu zerstören. (Unser Resümee) Für die FAZ hat sich Jürgen Kaube das nun auf archive.org veröffentlichte Video angesehen - und stellt fest: Der SZ ist kein Vorwurf zu machen: "Dische-Becker verteidigt die Möglichkeit, dass Antizionismus als Kampf gegen die Existenz des jüdischen Staats nicht antisemitisch sei. Schließlich gebe es auch orthodoxe jüdische Gegner Israels. Sie konstatiert sogar, dass es antisemitischen Zionismus gebe, ohne diese erstaunliche Behauptung zu belegen. Zusammen mit der manifesten Unwahrheit, der BDS-Anhänger Achille Mbembe sei von der Ruhrtriennale ausgeladen worden - eine Legende, die auch von der Anglistin Aleida Assmann im Merkur und Hanno Hauenstein von der Berliner Zeitung gepflegt wird -, gehört das zu den Belegen dafür, dass Dische-Becker die Diskussion ihres Themas parteiisch führt. Sie behauptet, das Diskussionsforum der Documenta zu Antisemitismus und Rassismus sei gescheitert, weil es in Deutschland nicht möglich sei, über diese Themen zu diskutieren."

Seltene Einblicke in das Leben in Nordkorea erhält Gunda Bartels (Tagesspiegel) mit den Fotografien von Andreas Taubert in der Ausstellung "Freiheit hinter Gittern" in der Fotogalerie Friedrichshain. Etwa zwanzig mal reiste Taubert nach Nordkorea, seine Fotos sind Auftragsarbeiten für den Stern oder den Spiegel, da individuelle Erkundungen des Landes nicht möglich sind, erklärt Bartels. "Das Foto eines maroden Sicherungskastens an einer Hauswand, das man schnell als Beleg für die bröckelnde Infrastruktur im Reich Kim Jong-uns nimmt, relativiert Taubert. 'Ich kann Ihnen auch Berlin in einer edlen Hochglanzversion oder in einer runtergerockten Nachkriegsversion fotografieren.' Wobei hier - anders als in Pjöngjang - kein Aufpasser an die Seite gestellt wird und keine missliebigen Motive gelöscht werden müssen, wie es Taubert passiert ist. Die einheimischen Begleiter seien aber auch nützlich, erzählt er. In Nordkorea herrsche durchaus eine Atmosphäre des Duckmäusertums und der gegenseitigen Beobachtung, wie sie für autoritäre Systeme typisch ist. Da funktioniert der Aufpasser als Beruhigungsfaktor für die Leute und als Türöffner sowieso."

Außerdem: 1,5 Millionen Menschen haben das Humboldt-Forum seit der Eröffnung vor einem Jahr besucht, das Haus ist zufrieden, meldet Birgit Rieger im Tagesspiegel. In der taz erinnert Isabella A. Calidart an den vor dreißig Jahren verstorbenen amerikanischen Underground-Künstler David Wojnarowicz.

Besprochen wird die Ausstellung "printing futures - art for tomorrow" im Kunsthaus Göttingen (taz)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.07.2022 - Kunst

Ottilie W. Roederstein: Selbstbildnis mit roter Mütze, 1894. Bild: Städel Museum

FR
-Kritikerin Judith von Sternburg lässt sich vom Frankfurter Städel gern bekannt machen mit der Malerin Ottilie Roederstein, für die am Ende des 19. Jahrhunderts die Kunst nicht zu trennen war von einem Lebensentwurf: "Interessant, dass im Städel gleich ein Zuschauer sagt, sie sehe so missmutig aus. Sie malt sich, wie sich Maler malen. Oft mit Pinsel, manchmal mit Mantel, mit Hut, die Haare später grau, die Gesichtszüge ohne Gefälligkeiten. Sie ist nicht das Modell, sie ist die Künstlerin. Sie ist eine Künstlerin, die ihre Bilder verkaufen will, und ihre Bilder will sie verkaufen, damit sie davon leben, ihren Beruf weiterhin ausüben und unverheiratet bleiben kann. Das gelingt ihr so gut, dass einem das Herz höher schlägt, und wie wird es erst den Zeitgenossinnen gegangen sein, die ebenfalls über ein anderes Leben nachdachten." In der FAZ weiß auch Rose-Maria Gropp das Interesse des Städels an Roederstein zu schätzen, auch wenn sie in ihrer Malerei einen eher "konventionellen Stil, mit ein wenig Impressionismus darin" sieht.

Sehr aufschlussreich findet Philipp Meier in der NZZ die Ausstellung "Wege der Kunst" im Zürcher Museum Rietberg, die nachverfolgt, wie religiöse oder rituelle Objekte in Kunstwerke für europäische Museen transformiert wurden. Meier erklärt es am Beispiel der auf Sockeln montierten Buddhaköpfe: "Man ist sich kaum bewusst, dass man es bei diesen Köpfen mit abgeschlagenen Fragmenten ganzer Skulpturen zu tun hat. Und sie werden präsentiert ähnlich wie westliche Büsten von Dichtern und Denkern, wo der Kopf die ganze Person repräsentiert. Diese Tradition geht einerseits auf die Herrscherporträts des alten Rom zurück, anderseits auf die Renaissance, als mit der Rezeption der Antike griechische Kopf- und Figurenfragmente gesammelt wurden. Mit dem aufkommenden Interesse am Buddhismus im 19. Jahrhundert kamen rasch Buddha-Köpfe auf den Markt. Chinesische Plünderer von verlassenen buddhistischen Höhlen und Grotten schleusten solche Fragmente in den internationalen Kunstmarkt, der die Nachfrage von Sammlern und Museen bediente."

Weiteres: Body-Awareness gibt es nicht nur bei Lizzo, sondern auch bei Maria Lassnig, die in Ausstellungen, Literatur und Film gerade sehr gefeiert wird, wie Thomas Mießgang in der Zeit bemerkt. In der Welt schöpft Borid Pofalla mit dem neuen Geschäftsführer Alexander Vahrenholz wieder Hoffnung für die Documenta. Kerstin Stremmel schreibt in der NZZ zum Tod des Pop-Art-Künstlers Claes Oldenburg, in der FR Harry Nutt, in der FAZ Stefan Trinks.

Besprochen werden die Hommage auf den vor 175 geborenen Max Liebermann in der Alten Nationalgalerie Berlin (Berliner Zeitung, Tsp) und die Ausstellung "Zoopolis" über Tiere in der Stadt im Kunstraum Innsbruck (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.07.2022 - Kunst

In der FR möchte Hans Eichel, Hessens früherer SPD-Ministerpräsident, die Diskussion um den Antisemitismus auf der Documenta endlich beendet oder zumindest in eine andere Richtung gedreht sehen. Alle Beteiligten hätten sich schließlich dafür entschuldigt. Vielleicht könnte sich im Gegenzug mal Deutschland entschuldigen? "'Wir bedauern, dass unser Land diese Diktatur unterstützt hat, unser Kanzler, damals Helmut Kohl, Suharto als Freund betrachtete.' Doch diese Erwiderung sucht man in dieser Debatte bei Politikern und in den deutschen Feuilletons durchweg vergeblich. Chance vertan." Ebenfalls in der FR meldet Lisa Berins, dass Alexander Farenholtz die Interimsleitung auf der documena fifteen übernehmen soll.

Claes Oldenburgs Skulptur "Giant Pool Balls" von 1977 in Münster. Foto: Erich ferdinand, Wikimedia, CC 2.0

Claes Oldenburg
ist tot. Georg Imdahl schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Pop-Art-Bildhauer, der mit seinem Riesenskulturen unseren Alltag monumentalisierte. Wie Martha Schwendener in der New York Times dankbar festhält, befreite Oldenburg die Kunst in Amerikas öffentlichem Raum von "Stieren, Griechen und vielen nackten Weibern". ArtForum bringt eine legendäre Eloge auf Oldenburg, in der Barbara Rose bereits 1967 schrieb: "Oldenburg ist der einzige Künstler der Pop-Art, der maßgeblich die Geschichte der Form mitgestaltete."

Weiteres: Ingeborg Ruthe stellt in der Berliner Zeitung die serbische Künstlerin Ana Prvacki vor, die als Artist in Residence im Berliner Gropiusbau eine neue Bienenart erfand. Anlässlich eines Festivals zu lateinamerikanischer Fotografie in der Bronx bringt der Guardian eine tolle Bilderstrecke.

Besprochen werden die große Schau zu den Düsseldorfer Fotografen Bernd & Hilla Becher im Metropolitan Museum of Art in New York (SZ) und Porträts der Sammlung Klewan im Leopold Museum Wien (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.07.2022 - Kunst

Überfällig findet die Zeitungen den Rücktritt der Documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann, ausreichend aber nicht. Im Tagesspiegel wagt Christiane Peitz nicht zu entscheiden, ob Schormann aus Sturheit oder Überforderung nicht gehandelt hat, fest steht für sie jedoch: "Schormanns (Nicht-)Krisenmanagement hat erheblich dazu beigetragen, dass der Weltruf und -ruhm der Documenta von Tag zu Tag mehr Schaden nahm."  In der Berliner Zeitung bringt Harry Nutt nach dem endlosen Gezerre kaum noch die Kraft für den Seufzer der Erleichterung auf: "In einer kaum mehr zu entwirrenden Kette des kommunikativen Versagens hatte Schormann am Mittwoch noch eine Art Befreiungsschlag versucht. Vergeblich. Ihre Erklärung inklusive einer fahrigen Chronologie der Ereignisse mündete in halbherzigen Entschuldigungen und der Formulierung von Gegenvorwürfen, vorgetragen in der verstörend selbstgewissen Haltung, im Grunde alles richtig gemacht zu haben. Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte es Kulturstaatsministerin Claudia Roth gedämmert haben, wie gefährlich ihr das Wegducken Schormanns vor administrativer Verantwortung werden kann. Erstaunen, Befremden, wechselseitige Bezichtigungen der Lüge - aus dem Bemühen um Aufklärung war eine erbärmliche Schlammschlacht geworden."

Indem sie sich weigerte, Verantwortung auszuüben, habe sie Ruangrupa in die Falle laufen lassen, kommentiert in der SZ Jörg Häntzschel: "Dass Schormann ihre Nicht-Aufsicht wieder und wieder mit der 'Kunstfreiheit' rechtfertigte, ist Heuchelei. Kunst ist kein Spiel von Autisten, sondern hat sehr viel mit Kommunikation zu tun, das gilt nirgends mehr als auf der documenta fifteen. Doch Kommunikation ist nur möglich, wenn man sich auf sein Gegenüber einstellt." In der taz sieht Klaus Hillenbrand auch den Aufsichtsrat in der Pflicht: "Von einer Entschuldigung ist da nicht die Rede, nur von 'tiefer Betroffenheit', antisemitische Bildmotive zur Schau gestellt zu haben." In der NZZ schreibt Alexander Kissler: "Im Knäuel des Scheiterns gibt es viele Fäden, längst nicht alle sind entwirrt." In der Welt glaubt Swantje Karich gar nicht mehr an eine ausreichende Aufarbeitung.

Die FAZ beschuldigt unterdessen die Documenta-Beraterin Emily Dische Becker, "jahrelang" für die libanesische Zeitung Al Akhbar gearbeitet zu haben, die zu einem Sprachrohr der Hizbollah wurde. In einem zweiten Text führt Lena Bopp die Vorwürfe aus und beruft sich auf archivierte Webseiten des englischsprachigen Portals: "Kurioserweise sind Texte von Emily Dische-Becker für Al Akhbar im Internet kaum zu finden."  In einem ausführlichen Tweet widerspricht Dische-Becker diesen Anschuldigungen: Sie habe 2005 einen einzigen Artikel beigetragen und sich lange schon von dem Blatt distanziert.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.07.2022 - Kunst

Nicht nur auf der Documenta, sondern im gesamten Kunstbetrieb hat Israel die USA als imperialistischer Hauptgegner abgelöst, glaubt Claudius Seidl in der FAZ und sieht anti-israelische Diskurskunst und BDS-Sympathien überhand nehmen: "Aus der Sicht des sogenannten globalen Südens ist die Gleichsetzung Israels mit einer Kolonie und der Palästinenser mit einem gemarterten, gefolterten, seiner Kultur und Traditionen beraubten, unterdrückten Volk zwar falsch, womöglich aber gerade noch verständlich." Aber was bringt den europäischen und amerikanischen Kunstbetrieb dazu, sich dem anzuschlißen, fragt Seidl: "Ist das der Konformismus und Opportunismus eines Kunstmilieus, das, schon mangels eigener Substanz, sich eben der geistig-politischen Richtung anschließt, die es für die dominante hält? Ist es der Reflex einer antiimperialistischen Linken, die ohne das scharf konturierte Feindbild Israel die Übersicht verlöre? Oder sind es die Restbestände eines einheimischen Antisemitismus, der in den vergangenen Jahrzehnten nur eingeschlafen, aber nicht verschwunden war?"

In der FR weiß Lisa Berins auch nicht recht weiter mit der Documenta: "Kulturstaatsministerin Claudia Roth klopft schon seit einiger Zeit an die Tür. Sie hat einen Fünf-Punkte-Plan ausgearbeitet, der im Kern eine grundlegende Strukturreform vorsieht und mehr Einfluss des Bundes bei Entscheidungen fordert. Im Notfall könnte auch der Geldhahn zugedreht werden. Der Bund fördert die Ausstellung nach wie vor mit 3,5 Millionen Euro, hatte sich mit der Bundeskulturstiftung aber 2018 aus dem Aufsichtsrat der Documenta zurückgezogen ... Die Idee, dass der Bund in Zukunft stärker mitmischen könnte, war bisher nicht nach dem Geschmack des Kasseler Oberbürgermeisters und Documenta-Aufsichtsratsvorsitzenden Christian Geselle (SPD). "

Sollte auch wiederentdeckt werden: Marietta Robusti, Tintorettos Tochter: Selbstbildnis, um 1580 / Uffizien.

Schön, dass der Kunstbetrieb sich wieder für die Werke von Frauen interessiert, meint Sarah Pines in der NZZ, aber warum eigentlich nur für feministische Kunst? Seltsamerweise gibt es mindestens genauso viele Künstlerinnen - in der Gegenwart wie aus der Vergangenheit -, die überhaupt keine Aufmerksamkeit finden. Sie stauben weiterhin vor sich hin, weil sie anders als etwa Frida Kahlo oder Louise Bourgeois keine 'feministische' Kunst gemacht haben. Was ist mit dieser grauen, unbekannten, unbeliebten Masse übersehener Frauen? Sie schaffen keine 'weibliche Kunst' im Sinn von Peniskunst und tigern damit nicht laut und herrisch durch die Kunst- und Intellektuellenszenen."

Besprochen wird eine Ausstellung der norwegischen Künstlerin Lene Berg in der Kunsthalle Bergen (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.07.2022 - Kunst

Nun reagiert auch Claudia Roth "befremdet" auf Sabine Schormanns Statements, ihre Aussagen zu den Abläufen der vergangenen Monate seien "so nicht zutreffend", meldet unter anderem der Tagesspiegel: "Eine lückenlose Aufklärung, wie es zur Aufstellung eines eindeutig antisemitischen Kunstwerks bei der Documenta kommen konnte, stehe weiter aus, teilte ein Sprecher Roths mit, und ebenso, die Konsequenzen aus diesem Skandal zu ziehen. Es sei 'zunehmend fraglich, ob die Generaldirektorin das leisten kann oder will'. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass auch Roth Schormann nicht mehr für tragbar hält." "Zuletzt konnte man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass Schormann nur noch im Amt gehalten wurde, um als Schutzschirm für höherrangige Politikerinnen und Politiker zu fungieren", meint Harry Nutt in der Berliner Zeitung, dem aber auch Roths "Machtwort" zu spät kommt.

Wir sind also auf "Rosenkrieg-Niveau" angekommen, kommentiert Swantje Karich in der Welt, dabei sei der Dialog wichtiger denn je: "Denn diese Debatte wirkt zersetzend auf den gesamten deutschen Kunstbetrieb - auch für die Museen und ihre Direktoren, die seit Beginn der Diskussion beharrlich schweigen, obwohl wir wissen, dass sie das Thema der antiisraelischen Boykottbewegung BDS und der vielen Unterstützer in ihrem Alltag beschäftigt. Diejenigen Direktoren, die eine klare Agenda haben, die die Initiative GG 5.3 Weltoffenheit unterschrieben haben, wie der Leiter des Humboldt Forum in Berlin Hartmut Dorgerloh oder Johannes Ebert vom Goethe Institut, aber auch jene, die sich Sorgen machen, wenn sie die BDS-Unterstützerin Angela Davis in Dresden ausstellen. BDS ist zum Alltagsthema in deutschen Museen geworden."

Emily Dische-Becker wiederum hatte Schormanns Aussage widersprochen, sie sei mit einer umfassenden Beratung der Documenta zum Antisemitismus beauftragt worden. Offensichtlich gab sie aber ein Online-Seminar, um Documenta-Guides darin zu schulen, wie sie auf Fragen zu Antisemitismus reagieren können, weiß Moritz Baumstieger, der für die SZ ein geleaktes Video gesichtet hat: "Dabei scheint Dische-Beckers Aufgabe nicht gewesen zu sein, über Antisemitismus aufzuklären oder den Unterschied zwischen 'Legitimer Israelkritik' und 'israelbezogenem Antisemitismus' aufzuzeigen. Sondern den Guides einen Leitfaden dafür zu geben, wie sie Antisemitismusvorwürfe beiseiteräumen können. 'Ich weiß, es gibt kontroverse Begriffe, die von einigen der Künstler verwendet werden. Einer davon ist Siedlungskolonialismus', erklärt sie im Seminar. 'Ich weiß, dass in den deutschen Medien schon der Begriff 'Siedlerkolonialismus' in Bezug auf Israel als antisemitisch erachtet wird.' Dann erklärt sie, dass der Begriff auch auf Kanada, Australien, die USA anwendbar ist, dass er nicht automatisch impliziere, dass so entstandene Staaten nicht auch demokratisch sein können. Sie erwähnt nicht, dass es einen Grund dafür gibt, dass der Terminus 'Siedlungskolonialismus' als antisemitisch eingestuft wird - zum Beispiel, weil er impliziert, dass es keine Jahrtausende jüdischen Lebens um Jerusalem gegeben habe, worin sich das Beispiel Israel dann doch ein wenig von Australien unterscheidet."

Sascha Wiederhold, Jazz-Symphonie, 1927. Silard Isaak Collection, Nachlass Carl Laszlo, © Rechtsnachfolger Sascha Wiederhold, Foto: Thomas Bruns

Wie konnte dieser Maler vergessen werden, fragt sich Ingeborg Ruthe, die mit Sascha Wiederhold in der Neuen Nationalgalerie einen der "spannendsten" Künstler der Zwanzigerjahre entdeckt. Anklänge an Braque, Malewitsch und Delaunay sieht sie etwa in dem gigantischen Werk "Die Jazzsymphonie":  "Diese aus der Schweizer Isaak Collection im Nachlass des Wiederhold-Sammlers und Holocaust-Überlebenden Carl Laszlo geliehene orgiastische Reminiszenz auf eine Berliner Party der Novembergruppe 1927 gleicht dem, was heute, 100 Jahre später, als 'Berlin Babylon' beschrieben wird: knallbunte Clowns-Figurinen, delirierende Punkte und Scheiben, Zahlen, Stifte, Violinen, kreiselnde Blüteninstrumente, Treppen, Kegel, Wellen. Und immer wieder taucht die Form des Buchstabens C auf - das kyrillische Zeichen für Sascha. Dazwischen vollführen bewimperte Glotzaugen einen konstruktivistischen 'Tanz auf dem Vulkan'. Alles scheint miteinander verschachtelt, verwoben, vernäht wie bei einer riesigen Patchwork-Collage. Dada-Hut-Masken, wie einst Hugo Ball sie trug, und ein fast psychedelischer Konstruktivismus verschmelzen zu einem aller Gewissheiten entledigten Zeitbild im Schleudergang, hinterlassen von einem Maler der 'untergegangenen Generation'."

Außerdem: In der NZZ erzählt Philipp Meier die Geschichte der 25 mutmaßlich gefälschten Werke von Jean-Michel Basquiat, die sogar im Orlando Museum of Art in Florida ausgestellt wurden und schließlich vom FBI beschlagnahmt wurden. Besprochen wird das Kunstfestival "Osten" in Bitterfeld (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.07.2022 - Kunst

In der SZ kann Jörg Häntzschel über Sabine Schormanns fünf Seiten langes Statement nur den Kopf schütteln: Wenn also nur alle "Fairness, Solidarität und Vertrauen" mitbringen, lasse sich die Documenta "erfolgreich zum Abschluss bringen"?! Schuld sind in jedem Fall die anderen: "Namentlich erwähnt sie unter anderem Emily Dische-Becker von Forensic Architecture und Anselm Franke, Kurator am Haus der Kulturen der Welt: Ihre Aufgaben, so Schormann: 'umfassende Beratung zu… Fragen mit Bezug zu Antisemitismus und dem israelisch-palästinensischen Verhältnis'. Das, so liest man es, waren also die Leute, die die antisemitische Kunst durchgewunken haben. Dabei waren die beiden lediglich engagiert worden, die Gesprächsreihe 'We Need to Talk' zu organisieren. Beide sagen gegenüber der SZ, sie hätten vor der Eröffnung kein einziges Kunstwerk gesehen und seit dem 11. Juni nicht mehr mit Schormann gesprochen. Schon im Mai, als Dische-Becker und Franke den Katalogtext zu den Filmen der Gruppe Subversive Film gelesen hatten, rieten die beiden ihr dazu, eingehend prüfen zu lassen, ob es dort um die Verherrlichung von Anschlägen gegen Zivilisten gehe, und die Filme kuratorisch einzuordnen. Sie winkte ab." Und noch eine Frage stellt sich nicht nur Häntzschel: Wo ist Schormann? Niemand hatte in den vergangenen Wochen Kontakt mit ihr.

Keiner will's gewesen sein, "also hat sich ein seit zwanzig Jahren bekanntes und hundert Quadratmeter großes Malwerk antisemitischer Bauart offenbar selbst in Kassel aufgehängt", ärgert sich Gerhard Matzig ebenfalls in der SZ. Kassel ist "zum Hotspot bürokratischer Wagenburgmentalität" geworden, fährt er fort und fordert: Schließt diese "israelfeindliche Agitprop-Veranstaltung".

Währenddessen ist Meron Mendel "erschüttert", dass Schormann "Unwahrheiten verbreite", berichtet Birgit Rieger im Tagesspiegel: "Mendel wirft der Documenta-Leitung vor, diese schirme die Kuratorengruppe Ruangrupa paternalistisch ab. Ruangrupa sei etwa zur ersten Antisemitismus-Diskussion am 29. Juni zunächst gar nicht eingeladen gewesen. Schormann schreibt in ihrem Statement, 'ganz im Gegenteil: Wir haben diese Einladung aus freien Stücken selbst ausgesprochen und Ruangrupa ist dieser auch unmittelbar nachgekommen'. Mendel entgegnet in einem Statement an den Tagesspiegel: 'Die Leiterin der Kommunikation in der Bildungsstätte Anne Frank, Eva Berendsen, und ich haben in mehreren Telefonaten zwischen dem 22. und 24. Juni versucht, dass Ruangrupa eingeladen wird. Diese Bitte wurde von der Documenta-Leitung immer wieder mit diversen Erklärungen abgelehnt, bis wir schließlich schriftlich mit der Absage der Veranstaltung drohen mussten.'"

Bestens gelaunt kommt hingegen Till Briegleb (SZ) aus der großen Doppelretrospektive in Hannover in Sprengelmuseum und Kunstverein zum 75. Geburtstag von Christiane Möbus, die mit ihren Installationen Witz und Zuversicht versprüht: "Eine ganze Giraffe schwebt an Seilen von der Decke. Ein riesiger Alligator tauscht den Moder einer Uferzone mit einem Stapel Überseekoffer als Thron. Elf Krähen tummeln sich zwischen elf rosa Sandsteinmurmeln. Und ein wacher Gamsbock hängt mit den Hörnern in einer Wand aus Ytong-Steinen so selbstverständlich wie ein Anzug im Schrank. In den meisten großen Installationen von Christiane Möbus erzählt mumifizierte Natur schöne Märchen des Absurden, und die Titel werben um Zuneigung wie eine hungrige Katze, die sich an den Beinen ihrer Halter reibt."

Außerdem: Das Charlottenburger Berggruen-Museum soll bis 2025 komplett saniert werden, veranschlagt sind 22 Millionen Euro, die Kunstwerke der Sammlung sollen zwischenzeitlich auf Tournee gehen, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung.

Besprochen wird die Sascha-Wiederhold-Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie in Berlin (taz, Tagesspiegel)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.07.2022 - Kunst

Milton Avery: Little Fox River, 1942. Bild: Royal Academy


Die Royal Academy in London widmet dem amerikanischen Maler Milton Avery eine große Schau, im Guardian betrachtet Jonathan Jones voller Begeisterung Averys Landschaften und Porträts, durch die bereits die Abstraktion hervorschimmert: "Avery hat nie den gleichen Sprung zur reinen Abstraktion gemacht wie Mark Rothko, Barnett Newman oder Jackson Pollock, aber diese brillante Ausstellung beweist, dass er das auch nicht nötig hatte. Dieser eigenwillige, experimentierfreudige amerikanische Träumer nahm die poetische Verwendung von Farben bereits Jahre zuvor vorweg, und zwar in Gemälden, in denen die Abstraktion in der Natur selbst versteckt ist. Die amerikanische Natur mag tatsächlich abstrakter sein als die beschaulichen Felder und kleinen Hügel, die wir in Europa haben. Die schiere Größe des nordamerikanischen Kontinents war sogar noch beängstigender, weil es keine lange Geschichte von Landschaftsmalern wie Claude gab, die sie vertraut gemacht hätten. Als Avery begann, Neuengland zu malen, wo er in einer Arbeiterfamilie aufwuchs, konnte man das Meer und die Wälder noch als neu für die Kunst betrachten, als Terra incognita."

Für die SZ besichtigt Cornelius Pollmer in Halle-Neustadt Josep Renaus Großmosaik "Einheit der Arbeiterklasse und Gründung der DDR", das bis Ende des Jahres restauriert sein soll: "Am schlimmsten hat es, kein Witz, Karl Marx getroffen... Der große Marx nämlich überragt sogar das Dach des Plattenbaus und, auch hier grüßt spät die DDR, wer den Kopf rausstreckt, bekommt natürlich schnell mal Probleme. Über die Dachkante konnte Wasser leicht in die Scherbenmasse eindringen, es gab Frostsprengungen, Salz lagerte sich ein und drängte seinerseits an die Oberfläche."

Außerdem: "Mindestens 84 Teilnehmer der diesjährigen Documenta fifteen Aufrufe zum Israel-Boykott unterschrieben", berichtet Frederik Schindler in der Welt. Besprochen werden die Ausstellung "Die neue Nähe" mit intimen Bildern des Malers Tim Eitel im Bremer Paula-Modersohn-Becker-Museum (SZ) und die Skulpturen des britischen Bildhauers Tony Cragg in der Albertina (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.07.2022 - Kunst

In der FAZ resümiert Stefan Trinks die bisherigen Skandale der Documenta-Geschichte, von den NS-Verstrickungen des Kurators Werner Haftmann über Harald Szeemanns unverstandene Avantgarde-Schau bis zu Adam Szymczyk Finanzdebakel. Doch all diese Skandale verblassen seiner Ansicht nach gegenüber dem Vorwurf, "im Herzen Kassels antisemitische Hetzbilder gezeigt" zu haben. Und wie Trinks genüsslich anmerkt: "Bemerkenswert bleibt auch, dass der sich deutlich abzeichnende Skandal lange Zeit von manchen Medien heruntergeschrieben wurde. In der Süddeutschen etwa schrieb Jörg Häntzschel noch am 18. Februar, also einen ganzen Monat nach dem Beginn kritischer Berichte über die Documenta und die Versäumnisse ihrer Leitung: 'Der erwähnte Pseudoskandal um die Documenta hätte leicht aus dem Ruder laufen können, die Künstler drohten Schaden zu nehmen. Doch Roth gelang es, die haltlosen Vorwürfe mit Gesprächen vom Tisch zu räumen.'"

Im Tagesspiegel recherchiert Caroline Fetscher zu den Mitgliedern der Documenta-Findungskommission, die das Kuratorenkollektiv Ruangrupa ausgewählt hatten, und stößt bei einigen auf israelkritische Positionen. Doch selbst diejenigen, die sie freisprechen muss, will sie nicht aus der Verantwortung entlassen: "Ihre Stellungnahmen zum Eklat um das drei Tage nach der Eröffnung abgebaute antisemitische Werk 'People's Justice' auf dem Friedrichsplatz sucht man derzeit vergebens. Die Gesamtzusammensetzung der Kommission lässt sie sich als weiteres Symptom für den Grad an Akzeptanz lesen, den die BDS-Bewegung und die 'antikoloniale Israelkritik' im Lauf der vergangenen Jahre in der Kunstwelt erlangt hat, in den Ländern des Südens ebenso wie in der westlichen Welt."

Ebenfalls im Tsp berichtet Birgit Rieger, wie sich die Diskussion um die Documenta und die Konferenz "Hijacking Memory" in Berlin hochschaukelt: "Daniel Botman, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, hatte vergangene Woche im Kulturausschuss das Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW), das Einstein Forum und das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU als antisemitisch und BDS-nah kritisiert."

"Die Documenta ist in die Arena umstrittener Schlagworte geraten", seufzt dagegen in der Berliner Zeitung Harry Nutt und plädiert für verbale Abrüstung: "Wie selbst das Bemühen um Vermittlung in rhetorischen Überbietungsversuchen mündet, zeigte unlängst eine Bemerkung Meron Mendels, mit der der Direktor des Bildungszentrums Anne Frank seine Dienste als Documenta-Berater quittierte. Er warf der Documenta-Leitung nicht weniger als eine neokoloniale Haltung vor. Würde es nicht reichen, diese endlich für ihren Dilettantismus und ihr Ungeschick zur Rechenschaft zu ziehen? Die Zukunft des Kasseler Kulturtankers dürfte nun davon abhängen, inwieweit es gelingen wird, sich aus der Kampfzone identitätspolitisch aufgeladener Ideologien herauszuarbeiten."

Besprochen werden die Ausstellung "Welt aus den Fugen" im Kunst Museum Winterthur (NZZ), die Sammlung der Bundesbank im Frankfurter Museum Giersch (FR) und die Fotografien von Sibylle Bergemann in der Berlinischen Galerie (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.07.2022 - Kunst

Melati Suryodarmo: Head Piece, 1997. Bild: Bonnefantenmuseum

Nachdrücklich empfehlen kann Sandra Danicke in der FR eine Schau der indonesischen Performancekünstlerin Melati Suryodarmo im Maastrichter Bonnefantenmuseum: "Gerade jetzt, wo zeitgenössische Künstler aus Indonesien unter dem Generalverdacht einer antisemitischen Gesinnung stehen, zeigt Suryodarmo, wie fantastisch beides zusammengehen kann: die Kultur und Geschichte Indonesiens und eine zeitgemäße europäische Kunstauffassung. Der Buttertanz zum Beispiel ist unmittelbar zu verstehen. Ein Mensch lässt sich nicht unterkriegen, fällt, steht auf, ist stark, selbstbewusst - und vor allem eindeutig eine Frau. Dass die Künstlerin sich auf die Bewegungen des traditionellen Pakarenatanzes der in Südsulawesi lebenden Bugis bezieht, dass der Trommelschlag von einer schamanistischen Trance-Zeremonie stammt, verleiht der Arbeit eine zusätzliche Bedeutungsebene. Aber das Wichtigste - und das gilt für alle ihre Arbeiten - ist, dass sie starke, eindrückliche Bilder schafft. Bilder, die im Kopf bleiben, dort nachhallen. Bilder, die berühren, ganz gleich, wo man herkommt."

Leitungskollektive sind im Kulturbetrieb gerade en vogue. In der SZ geißeln Peter Laudenbach, Kai Matthiesen und Judith Muster die anarchische Geste des Kontrollverzichts als einen "Spaß unter ein paar Hochprivilegierten und Hochsubventionierten", der wie im Fall der Documenta zum Organisationsversagen führe. Und: "Die künstlerische Leitung der Documenta einem Kuratoren-Kollektiv anzuvertrauen, lag im Kulturbetriebs-Trend, ebenso Ruangrupas Weigerung, Kontrollfunktionen zu übernehmen. Zumindest an der Oberfläche soll Macht im Betrieb abgebaut oder wenigstens kaschiert werden. Um Machtasymmetrien zu korrigieren, werden derzeit allerorten, besonders gerne in hoch subventionierten Theaterhäusern, Leitungskollektive ausgerufen und gefordert. An der Berliner Volksbühne ist die angeblich kollektive Intendanz nicht mehr als eine Phrase. Die beiden Schauspieler, die das Haus informal mitleiten, sind nicht etwa vom Ensemble gewählt, es sind alte Freunde des Intendanten: Das ausgerufene Kollektiv geht nahtlos ins Theaterfeudalsystem über, in dem die Nähe zum Mächtigen über Privilegien entscheidet."

In der NZZ attackiert Claudia Schwartz nicht nur Kulturstaatsministerin Claudia Roth, die sie verantwortlich macht für die "peinlich-uneinsichtige Vorstellung einer deutschen Politik- und Kulturelite". Schwartz wünscht sich wieder mehr Strenge: "Roths Vorgängerin Monika Grütters (CDU), die dem Amt nach einigen farblosen Protagonisten endlich zur Wahrnehmung verholfen hat, wurde nachgesagt, mit eiserner Hand zu teilen und zu herrschen. Vielleicht wissen wir jetzt ja, warum."

Besprochen werden die große Piet-Mondrian-Schau in der Fondation Beyeler (die NZZ-Kritiker Philipp Meier den Mitbegründer der Abstraktion auch als Landschaftsmaler zeigt), Arthur Jafas Ausstellung "Live Evil" im Luma Arles (taz), die Ausstellung des ukrainischen Künstlers Fedir Tetyanych "Everywhere Is My Endless Body in der Berliner Galerie CCA (taz).