Mehr antisemitische Bilder wurden auf der
Documenta entdeckt, das bestätigt jetzt auch die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen (Rias Hessen),
meldet die
Zeit. Laut Projektleiterin Susanne Urban handelt es sich dabei "um Darstellungen in einer Broschüre mit dem Titel 'Présence des Femmes', die
1988 in Algier erschienen ist. Die darin enthaltenen Zeichnungen des syrischen Künstlers Burhan Karkoutly zeigten teils
antisemitische Stereotype und das Land Palästina, versehen mit Einordnungen, die dem Staat Israel seine Legitimität absprächen, sagte sie." Ausgestellt wurde die Broschüre von der Initiative "Archive der
Frauenkämpfe in Algerien", was Israel damit zu tun hat, wird nicht klar. Eine "komplette Sichtung und Überprüfung aller Ausstellungsstücke auf antisemitische Inhalte", wie sie der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, fordert, "lehnte die documenta ab", lesen wir.
FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai hat deshalb "einen
vorläufigen Stopp der Veranstaltung gefordert", lesen wir in einem weiteren
Bericht der
Zeit. "'Es kann nicht sein, dass die Ausstellung weiterhin
finanzielle Mittel aus dem Bundeshaushalt erhält, geöffnet ist und Besucher empfängt, während diese ungeheuerlichen Vorgänge nicht restlos aufgeklärt und unterbunden sind', sagte Djir-Sarai. Antisemitismus sei '
Hass und kann daher nie und in keiner Weise die Freiheit der Kunst in Anspruch nehmen'."
"Was unterscheidet die documenta in Kassel eigentlich noch vom
antisemitischen Karikaturenwettbewerb in Teheran, den die iranischen Mullahs regelmäßig ausrichten?",
fragt in der
Jüdischen Allgemeinen Philipp Peyman Engel. "Die bittere Antwort: offenkundig nicht mehr viel." Engel macht dafür auch den neuen documenta-Interimschef
Alexander Farenholtz verantwortlich, der eine Überprüfung der Kunstwerke ablehnt und die documenta "auf einem hervorragenden Kurs" sieht. Aber "Nein, das ist sie nicht", bescheidet ihm Engel. "Zumindest nicht in der jüdischen Gemeinschaft. Die documenta ist
moralisch bankrott. Es ist mehr als fraglich, ob das Konzept Weltkunstausstellung Kassel nach diesem Scheitern vor aller Welt jemals wieder funktionieren kann. Der nun einzige richtige Schritt wäre es, die documenta 15, die als antisemitische 'documenta der Schande' in die Geschichte eingehen wird, endlich zu beenden."
Tatsächlich hatte die Documenta die Broschüre bereits überprüft, war aber zu dem Schluss gelangt, dass sie
israelkritisch,
aber nicht antisemitisch sei. Im
Tagesspiegel findet es Birgit Rieger "völlig unverständlich, dass die Documenta ihre Untersuchungsergebnisse zur Broschüre jetzt erst jetzt der Öffentlichkeit mitteilt, nachdem sie sich erneut mit Kritik konfrontiert sieht. ... Das Kuratorenteam Ruangrupa hat oft betont, die Documenta solle ein
Ort des Lernens sein. Das Fridericianum heißt sogar 'Fridscul', in Anlehnung an Runagrupas in Indonesien gegründete Gudskul. Eigentlich könnten die Besucher ja tatsächlich etwas lernen. Zum Beispiel, wie antisemitische Stereotype aussehen, wie man sie erkennt und wie sich Kritik an der israelischen Politik davon
unterscheidet. Wer Ruangrupa als Kuratorenkollektiv ernst nimmt, muss davon ausgehen, dass es
bewusst entschieden hat, den Israel-Palästina-Konflikt auf der Documenta in den Fokus zu rücken. Dafür nehmen sie auch judenfeindliche Darstellungen in Kauf."
"Das
Ausmaß an Inkompetenz, Überforderung und Verwirrtheit ist überwältigend - und man fragt sich: Wo haben die Leitung und die Öffentlichkeitsabteilung der Documenta eigentlich die vergangenen Monate verbracht? Und was tun diese Leute im Hauptberuf?", schreibt Claudius Seidl in der
FAZ. Er sieht das ganze Konzept dieser Documenta gescheitert: "Das Problem ist nicht, dass das hegemoniale westliche Kunstsystem infrage gestellt wird. Das Problem ist, dass es ersetzt wird von
wohlmeinender Indifferenz. Am vergangenen Sonntag riefen beim
Christopher Street Day auch deutsche Demonstranten 'From the river to the sea, Palestine will be free', und auf dem palästinensischen Banner stand, 'Trans-Hass und Homo-Hass' seien 'Produkte des Kolonialismus'. Wenn man aber etwas lernen kann auf dieser Documenta mit ihren antisemitischen Bildern, dann ist es, dass es um Palästina nicht geht:
Kein Problem Indonesiens würde verschwinden, wenn Israel verschwände.
Keiner algerischen Frau wird ihre Emanzipation von der israelischen Armee streitig gemacht."
In der
Welt sieht Boris Pofalla das Antisemitismusproblem der Documenta als direkte Konsequenz einer Einstellung, die schon die Kampagne "GG 5.3.
Weltoffenheit" prägte, die den Bundestagsbeschluss zum BdS kritisiert hatte. Sie "offenbart, wie auch die Documenta fifteen, ein gewandeltes Verhältnis von Teilen des deutschen Kulturbetriebs zur
parlamentarischen Demokratie. Diese allmähliche Verschiebung von einem pragmatischen, der Öffentlichkeit dienenden Selbstverständnis hin zu einem
neofeudalen Selbstbild ist ein wichtiger Grund dafür, dass diese Documenta werden konnte, was sie geworden ist... Kunstfreiheit, das betrifft die 'Initiative Weltoffenheit' und die Documenta gleichermaßen, ist die Freiheit, Kunst zu machen und auszustellen, nicht aber, in einem bestimmten Rahmen ausgestellt zu werden. Wer mit öffentlicher Unterstützung und in öffentlichen Häusern auftritt, entscheiden die Leitungen der jeweiligen Institutionen. Man darf erwarten, dass sie diese Entscheidung selbstständig treffen und verantworten können und dass sie Maßstäbe haben, die ihnen ein solches Urteil auch erlauben. Stattdessen wünschen sich die gut dotierten und
praktisch unkündbaren Großkopferten des Betriebs einen
Freibrief der Politik, der sie von jeder Verantwortung entbindet."
Ruangrupa hat unterdessen auf
e-flux.com einen
offenen Brief an den Aufsichtsrat der Documenta publiziert, auf das Stefan Laurin bei den
Ruhrbaronen verweist: "Wir möchten Sie daran erinnern, dass wir im vergangenen Mai versucht haben, mit dem
Forum '
Wir müssen reden! Kunst, Freiheit und Solidarität' im vergangenen Mai versucht haben, einen Dialog zu beginnen, wobei wir einen ehrenwerten, aber vergeblichen Versuch unternommen haben, eine
gute Antwort auf eine schlechte Frage zu formulieren. Wir möchten Sie auch daran erinnern, dass der Dialog nach intensiven Gesprächen mit den Forumsteilnehmern, bei denen deutlich wurde, dass eine freie und produktive Diskussion unmöglich war, eingestellt wurde." Die Gruppe beklagt auch, dass sie
Opfer des Rassismus geworden sei und der Aufsichtsrat dies ignoriert habe.
Weiteres: Der britische Künstler
Damien Hirst will den Teil seiner Kunstwerke verbrennen, die er als NFTs verkauft hat, berichtet Alexander Menden in der
SZ.