Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.08.2022 - Kunst

Szene aus dem Mysterienspiel von Hermann Nitsch. Bild: Hermann Nitsch GmbH / Foto Feyerl


"Im Mund hat man noch den Geschmack von Paprikahendl und anschließenden Marillenknödeln. Da steht man schon vor einem toten Schwein, das kopfüber an seinen Hinterbeinen hängt. In eine Seitenwunde dürfen Teilnehmende ein Gläschen Blut kippen." Standard-Kritikerin Katharina Rustler war am Wochenende auf Schloss Prinzendorf beim 6-Tage-Spiel des Orgien Mysterien Theaters des Ostern verstorbenen Hermann Nitsch: "In Prinzendorf ist Nitsch überall: In den Schwalbennestern, den Hollerbüschen, den Kletterrosen, dem alten Ziegelboden und dem vom Regen durchnässten Erdboden. Dieser vibriert teilweise unter den donnernden und wummernden Musikpassagen, die stellenweise zu ohrenbetäubendem Lärm anwächst. Und dieser wird selbst zur Leinwand, wenn den Gekreuzigten Blut an den Mund gereicht wird und an ihnen herab fließt. Wenn Fleisch in Schweinebäuche gestopft und mit literweise Blut bespritzt wird. Wenn Akteure Tomaten, Weintrauben und Innereien mit ihren Füßen zertreten und danach durch die Luft schleudern. Lungenflügel, Gedärme und Cherrytomaten landen vor einem am Boden. Begleitend wird von einem eigenen Kochteam bodenständige österreichische Hausmannskost gereicht. Viel Fleisch, viel Brot und - nicht zu vergessen - viel Wein."

Matrose im Ozeanischen Freudenhaus (Walter Busch, Tabea Blumenschein, Roller, Andreas Kellin), Foto: Ulrike Ottinger, Kreuzberg 1975. 


"Mensch, war die schön, diese kleine, wilde, sinnliche Szene-Queen - die Zeichnerin Tabea Blumenschein (1952-2020)!", staunt Ingeborg Ruthe in der FR über das It-Girl der Berliner Kunst- und Filmszene in den 70er und 80er Jahren angesichts einer Ausstellung von Blumenscheins Zeichnungen in der Berlinischen Galerie: "1977 und 1979 drehte Ottinger mit Blumenschein die avantgardistischen queer-feministischen Filme 'Madam X - Eine absolute Herrscherin', über die Abenteuer einer lesbischen Piratinnen-Gang, und 'Bildnis einer Trinkerin': Die blonde Tabea, genial, dreist, grandios obszön und schillernd in schmerzvoll-sarkastischer Schönheit abgestürzt ins Milieu. Fotos davon dominieren die linke Wand im Ausstellungssaal ... In den späten 80ern, längst getrennt von Ottinger, betrieb Blumenschein das Zeichnen von Porträts noch obsessiver. Jahre zuvor noch hat sie Ulrike Ottinger gezeichnet, mit silbergrauer Engelshaar-Perücke, Blumen und einem Engelchen auf der Stirn. Mit knalligem Gelb und Affenschädeldekor-Kleid zeigt sie sich nun als Punk. Die 'Red Queen' von 1989 zeigt eine exotische Frau, die auch ein verkleideter Mann sein könnte, den Kopfschmuck mit Totenkopf."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel denkt Rüdiger Schaper angesichts von Damien Hirsts Verbrennungsaktion über Geld und Markt nach. Hubert Spiegel freut sich in der FAZ über die Eröffnung des renovierten Musée de Cluny in Paris. Die Weigerung des neuen Interims-Geschäftsführers der Documenta, Alexander Farenholtz, die 1500 ausgestellten Werke auf Antisemitismus zu prüfen, "stößt in der Kulturszene und in der Politik auf Unverständnis", meldet der Tagesspiegel.

Besprochen werden zwei Ausstellungen der Hamburger Künstlerin Annika Kahrs am Baakenhafen und in der Kunsthalle Hamburg (taz) und die Liebermann-Schau "Künste in Sicht" in der Liebermann-Villa am Wannsee (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.07.2022 - Kunst

Waterpeople. © Speculative Tourism. Foto: Manifesta


Etwas fremd fühlt sich Laura Helena Wurth auf der Manifesta in Prishtina. Aber das geht in Ordnung, meint sie in der FAS. Man hat ja wirklich keine Ahnung vom Kosovo, oder wenn man für fast jedes Land ein Visum braucht, das nur selten gewährt wird, wie ihr Selma Selman bei der Eröffnungsperformance entgegenschleudert. "Und so ist eines der Hauptthemen der Menschen hier und deswegen auch dieser Biennale: Isolation. ... Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung sind unter 25 Jahre alt, der Kosovo hat die jüngste Bevölkerung Europas, und sie fühlen sich gefangen im eigenen Land. Die Manifesta will das ändern, will das Land durch Kultur öffnen und an eine international vernetzte Szene anschließen. Aber sie will auch die städtische Struktur vor Ort ändern. Das ist es, was die Manifesta von anderen Kunst-Biennalen unterscheidet: Die Kunst ist der Anlass, die eigentliche Arbeit liegt aber in der Stadtentwicklung und einer Bedarfsstudie, die der Manifesta vorausgeht."

Die Darstellungen in der algerischen Broschüre "Présence des Femmes" sind nicht antisemitisch, meint Alexander Farenholtz, Interims-Geschäftsführer der Documenta, im Interview mit dem Tagesspiegel. Oder vielmehr: sie sind "strafrechtlich nicht relevant. Es wurde auch auf Antisemitismus-Themen überprüft und man ist damals zu dem Ergebnis gekommen, dass man es wieder in die Ausstellung einbringen kann. Vor allem, weil das Material dokumentarischen Charakter hat, es stammt aus den 1980ern und adressiert einen Konflikt der Zivilbevölkerung mit dem Militär." Doch seien "handwerkliche Fehler passiert. Man hat die Beschwerdeführerin nicht über den Umgang mit der Beschwerde auf dem Laufenden gehalten. Das führt dazu, dass sie ihre Beschwerde, bei einem erneuten Besuch, bei dem sich aus ihrer Sicht nichts verändert hatte, an eine andere Stelle weitergegeben hat. Der zweite Fehler war, dass die künstlerische Leitung der Documenta nicht aktiv entschieden hat, ob für diese Broschüre in der Ausstellung eine Kontextualisierung notwendig ist - oder eben nicht. Man hat sie einfach wieder hineingelegt." Jetzt wolle man sie kontextualisieren.

Antisemitisch? Zeichnung des palästinensischen Karikaturisten Naji al-Ali


Die Bilder in der algerischen Mappe sind nicht antisemitisch, betrachtet man sie im Kontext, meint auch Joseph Croitoru in der Berliner Zeitung. So kritisierte etwa der palästinensische politische Karikaturist Naji al-Ali häufig die "in seinen Augen viel zu passive Haltung der arabischen Regime gegenüber der palästinensischen Sache. Dies ist nun auch das Thema einer seiner in dem algerischen Heft enthaltenen Karikaturen. In der Mitte erscheint eine traditionell gekleidete robuste Frau, die einem sich krümmenden israelischen Soldaten kräftig in den Unterleib tritt. ... Rechts im Hintergrund sind zwei Fußpaare zu sehen, die auf einen Geschlechtsakt hindeuten. Die beiden mittleren Füße tragen Davidsterne, auf den äußeren steht auf Arabisch: 'Die unterwürfigen Regime'. Anders als in den kursierenden, voreiligen Interpretationen behauptet, geht es hier keineswegs um die Vergewaltigung einer Araberin durch einen Israeli. Vielmehr geißelte al-Ali so die Tatenlosigkeit der arabischen Regime, die die Palästinenser nicht nur im Stich ließen, sondern sich Israel - im übertragenen Sinne - sogar hingäben. Nicht zuletzt die starke Präsenz der Frauenfigur im Bild, die hier als Symbol für Palästina fungiert, dürfte seinerzeit das ARFA-Kollektiv inspiriert haben, die Karikatur in seine Materialsammlung mit aufzunehmen."

Weiteres: Auf Zeit online beschreibt Dirk Peitz in einem epischen (zahlbaren) Artikel den Stand der Antisemitismusdiskussion in Deutschland anhand des Umgangs mit der Documenta-Kuratorin Autorin Emily Dische-Becker. Mehr dazu, wenn auch deutlich polemischer, im Verfasssungsblog. In der FAZ bewundert Andreas Platthaus den bengalischen Tiger Pascha, der für das Museum Wiesbaden präpariert wurde. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Design & Dynastie. 250 Jahre Hofleben Oranien-Nassau" im Stadtschloss Fulda (Tsp), Patricia Wallers Ausstellung "Verlorenes Paradies" in der Berliner Galerie Deschler (BlZ) und die Foto-Ausstellung "Unverschämte Schönheit" in den Kölner Kunsträumen der Michael Horbach Stiftung (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.07.2022 - Kunst

Mehr antisemitische Bilder wurden auf der Documenta entdeckt, das bestätigt jetzt auch die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen (Rias Hessen), meldet die Zeit. Laut Projektleiterin Susanne Urban handelt es sich dabei "um Darstellungen in einer Broschüre mit dem Titel 'Présence des Femmes', die 1988 in Algier erschienen ist. Die darin enthaltenen Zeichnungen des syrischen Künstlers Burhan Karkoutly zeigten teils antisemitische Stereotype und das Land Palästina, versehen mit Einordnungen, die dem Staat Israel seine Legitimität absprächen, sagte sie." Ausgestellt wurde die Broschüre von der Initiative "Archive der Frauenkämpfe in Algerien", was Israel damit zu tun hat, wird nicht klar. Eine "komplette Sichtung und Überprüfung aller Ausstellungsstücke auf antisemitische Inhalte", wie sie der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, fordert, "lehnte die documenta ab", lesen wir.

FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai hat deshalb "einen vorläufigen Stopp der Veranstaltung gefordert", lesen wir in einem weiteren Bericht der Zeit. "'Es kann nicht sein, dass die Ausstellung weiterhin finanzielle Mittel aus dem Bundeshaushalt erhält, geöffnet ist und Besucher empfängt, während diese ungeheuerlichen Vorgänge nicht restlos aufgeklärt und unterbunden sind', sagte Djir-Sarai. Antisemitismus sei 'Hass und kann daher nie und in keiner Weise die Freiheit der Kunst in Anspruch nehmen'."

"Was unterscheidet die documenta in Kassel eigentlich noch vom antisemitischen Karikaturenwettbewerb in Teheran, den die iranischen Mullahs regelmäßig ausrichten?", fragt in der Jüdischen Allgemeinen Philipp Peyman Engel. "Die bittere Antwort: offenkundig nicht mehr viel." Engel macht dafür auch den neuen documenta-Interimschef Alexander Farenholtz verantwortlich, der eine Überprüfung der Kunstwerke ablehnt und die documenta "auf einem hervorragenden Kurs" sieht. Aber "Nein, das ist sie nicht", bescheidet ihm Engel. "Zumindest nicht in der jüdischen Gemeinschaft. Die documenta ist moralisch bankrott. Es ist mehr als fraglich, ob das Konzept Weltkunstausstellung Kassel nach diesem Scheitern vor aller Welt jemals wieder funktionieren kann. Der nun einzige richtige Schritt wäre es, die documenta 15, die als antisemitische 'documenta der Schande' in die Geschichte eingehen wird, endlich zu beenden."

Tatsächlich hatte die Documenta die Broschüre bereits überprüft, war aber zu dem Schluss gelangt, dass sie israelkritisch, aber nicht antisemitisch sei. Im Tagesspiegel findet es Birgit Rieger "völlig unverständlich, dass die Documenta ihre Untersuchungsergebnisse zur Broschüre jetzt erst jetzt der Öffentlichkeit mitteilt, nachdem sie sich erneut mit Kritik konfrontiert sieht. ... Das Kuratorenteam Ruangrupa hat oft betont, die Documenta solle ein Ort des Lernens sein. Das Fridericianum heißt sogar 'Fridscul', in Anlehnung an Runagrupas in Indonesien gegründete Gudskul. Eigentlich könnten die Besucher ja tatsächlich etwas lernen. Zum Beispiel, wie antisemitische Stereotype aussehen, wie man sie erkennt und wie sich Kritik an der israelischen Politik davon unterscheidet. Wer Ruangrupa als Kuratorenkollektiv ernst nimmt, muss davon ausgehen, dass es bewusst entschieden hat, den Israel-Palästina-Konflikt auf der Documenta in den Fokus zu rücken. Dafür nehmen sie auch judenfeindliche Darstellungen in Kauf."

"Das Ausmaß an Inkompetenz, Überforderung und Verwirrtheit ist überwältigend - und man fragt sich: Wo haben die Leitung und die Öffentlichkeitsabteilung der Documenta eigentlich die vergangenen Monate verbracht? Und was tun diese Leute im Hauptberuf?", schreibt Claudius Seidl in der FAZ. Er sieht das ganze Konzept dieser Documenta gescheitert: "Das Problem ist nicht, dass das hegemoniale westliche Kunstsystem infrage gestellt wird. Das Problem ist, dass es ersetzt wird von wohlmeinender Indifferenz. Am vergangenen Sonntag riefen beim Christopher Street Day auch deutsche Demonstranten 'From the river to the sea, Palestine will be free', und auf dem palästinensischen Banner stand, 'Trans-Hass und Homo-Hass' seien 'Produkte des Kolonialismus'. Wenn man aber etwas lernen kann auf dieser Documenta mit ihren antisemitischen Bildern, dann ist es, dass es um Palästina nicht geht: Kein Problem Indonesiens würde verschwinden, wenn Israel verschwände. Keiner algerischen Frau wird ihre Emanzipation von der israelischen Armee streitig gemacht."

In der Welt sieht Boris Pofalla das Antisemitismusproblem der Documenta als direkte Konsequenz einer Einstellung, die schon die Kampagne "GG 5.3. Weltoffenheit" prägte, die den Bundestagsbeschluss zum BdS kritisiert hatte. Sie "offenbart, wie auch die Documenta fifteen, ein gewandeltes Verhältnis von Teilen des deutschen Kulturbetriebs zur parlamentarischen Demokratie. Diese allmähliche Verschiebung von einem pragmatischen, der Öffentlichkeit dienenden Selbstverständnis hin zu einem neofeudalen Selbstbild ist ein wichtiger Grund dafür, dass diese Documenta werden konnte, was sie geworden ist... Kunstfreiheit, das betrifft die 'Initiative Weltoffenheit' und die Documenta gleichermaßen, ist die Freiheit, Kunst zu machen und auszustellen, nicht aber, in einem bestimmten Rahmen ausgestellt zu werden. Wer mit öffentlicher Unterstützung und in öffentlichen Häusern auftritt, entscheiden die Leitungen der jeweiligen Institutionen. Man darf erwarten, dass sie diese Entscheidung selbstständig treffen und verantworten können und dass sie Maßstäbe haben, die ihnen ein solches Urteil auch erlauben. Stattdessen wünschen sich die gut dotierten und praktisch unkündbaren Großkopferten des Betriebs einen Freibrief der Politik, der sie von jeder Verantwortung entbindet."

Ruangrupa hat unterdessen auf e-flux.com einen offenen Brief an den Aufsichtsrat der Documenta publiziert, auf das Stefan Laurin bei den Ruhrbaronen verweist: "Wir möchten Sie daran erinnern, dass wir im vergangenen Mai versucht haben, mit dem Forum 'Wir müssen reden! Kunst, Freiheit und Solidarität' im vergangenen Mai versucht haben, einen Dialog zu beginnen, wobei wir einen ehrenwerten, aber vergeblichen Versuch unternommen haben, eine gute Antwort auf eine schlechte Frage zu formulieren. Wir möchten Sie auch daran erinnern, dass der Dialog nach intensiven Gesprächen mit den Forumsteilnehmern, bei denen deutlich wurde, dass eine freie und produktive Diskussion unmöglich war, eingestellt wurde." Die Gruppe beklagt auch, dass sie Opfer des Rassismus geworden sei und der Aufsichtsrat dies ignoriert habe.

Weiteres: Der britische Künstler Damien Hirst will den Teil seiner Kunstwerke verbrennen, die er als NFTs verkauft hat, berichtet Alexander Menden in der SZ.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.07.2022 - Kunst

Wasserpistolen, gesammelt von der Kuratorin Bice Curiger, Museum für Gestaltung Zürich, Designsammlung, 2022, Foto: Museum für Gestaltung Zürich, ZHdK, Umberto Romito und Ivan Šuta


Dass Sammeln eine Leidenschaft ist, weiß man ja. Für manche wird es geradezu zum Lebensinhalt, lernt NZZ-Kritiker Philipp Meier in der Ausstellung "Collectomania - Universen des Sammelns", die das Zürcher Museum für Gestaltung kuratiert hat. Und sammeln kann man wirklich alles: Verlorene Autoschlüssel, Fliegerbomben, Tretautos, Orangenpapier. Oder Wasserpistolen, die Bice Curiger in den italienischen "tabacchi" gefunden hat: "Angefangen hatte es mit einem Modell, das eine Meerjungfrau darstellte, billiger Plastik-Trash 'made in Hong Kong'. Bice Curiger faszinierte die Kreativität, Ironie und Phantasie 'am Rand des guten Geschmacks', wie sie sagt, die hinter solchen Produkten steckt. Sie glaubte da eine Art blinden Fleck in Kultur und Ästhetik entdeckt zu haben, und mehr noch als das Sammeln als Besitz selber war der Beweggrund für ihre Sammlung das Anliegen, auch einmal so etwas zu würdigen. Das tut man jetzt."

Jonathan Fischer (SZ) bewundert Street Art in Dakar, die er als Feier des Kollektivs und des Respekts vor den Älteren erfährt: "Angefangen hatte alles Ende der Achtzigerjahre", lässt er sich von dem Sprayer Docta erzählen, als Hip-Hop und Graffiti die amerikanische Kultur eroberten. "Aber die Kollegen aus dem Westen einfach so kopieren? Oder gar den eigenen Namen preisen? 'Dieses Ego-Ding funktionierte nicht für uns. Stattdessen passten wir uns an die senegalesische Realität an.' Sein erstes Graffiti hat Docta 1987 an das Haus seiner Großmutter in Guediaweye gemalt. Ein Bezirkskomitee spendierte den Jugendlichen die Farben, unter der Voraussetzung, 'dass unsere Fresken ehrenwerte Personen, also einen verdienten Sportler oder einen respektierten Älteren abbilden'. Docta wählte seinen Großvater. Er war einer der Intellektuellen des Viertels, verteilte Bücher an die Kinder und forderte sie auf, das Gelesene zu diskutieren. Der Sprüher säuberte erst einmal die Wand, entfernte Unrat. Das habe etwas mit Respekt zu tun. Respekt vor den Älteren. Respekt vor Tradition und Religion. In der Folge adoptierten die Bewohner des Viertels das Werk."

Matthias Grünewald, Gekreuzigter Jesus, Detail. Isenheimer Altar. Foto: The Yorck Project / Wikipedia


In der Zeit feiert Jörg Scheller die Restaurierung des Isenheimer Altars in Colmar. Wunderbar kann man jetzt wieder erkennen, wie Matthias Grünewald "die Heilsgeschichte vom Kopf auf die Füße" stellte, freut er sich: "Der Körper von Grünewalds Gekreuzigtem ist nicht mehr evident fit und lebendig, sondern evident tot, übersät mit Wunden, ja bereits im Verwesungszustand begriffen. Dieses Bild kann man geradezu riechen. In anderen Szenen hingegen, etwa dem Gesang der Engel, gibt sich Grünewald als Popkünstler avant la lettre zu erkennen und exzelliert lustvoll in so knalligen wie im Detail nuancierten Farbeffekten. Jesu Menschwerdung vollzieht sich als sinnliches, herrlich verspultes Spektakel - ein grummeliger Luzifer mit ungesunder Gesichtsfarbe spielt im Pfauenkostüm die Gambe, Engel in kiwi-, melonen- und cremeschnittenfarbenen Gewändern flirren um das Wundergeschehen herum, Maria und Jesus sind von Aureolen umwölbt, die jeden Vaporwave-Internet-Artist vor Neid erblassen lassen müssten. Grünewald war mit hoher Wahrscheinlichkeit von frühen lutherischen Predigten beeinflusst und entsprechend bemüht, die Heilsgeschichte auch ästhetisch zu reformieren, das heißt: unmittelbar erlebbar zu machen."

Weitere Artikel: Auf der documenta sind weitere antisemitische Werke aufgetaucht, meldet der Tagesspiegel. Bei der Art Biesenthal wurde das Kunstwerk zweier Bildhauer, einer Israeli, zerstört, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden die Ausstellung "Spheres of Interest" in der Ifa-Galerie Berlin (Tsp) und eine Ausstellung der Videokünstlerin Eli Cortiñas und des Malers João Gabriel im Kunstverein Braunschweig (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.07.2022 - Kunst

Berührt kommt taz-Kritikerin Dorothea Marcus aus der Ausstellung "Syrien - Gegen das Vergessen" im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum, für die der syrische Archäologe und Kurator Jabbar Abdullah Sehnsucht und Wissen, Politik und Erinnerung zusammengtragen habe: "Er will ein Syrien zeigen, das in westlichen Medien nicht mehr vorkommt, ein Land mit jahrtausendealter Geschichte, lebendigen Städten, zeitgenössischer Kunst. Wir sehen Teppiche, Kleidung, Kaffeemühlen, Spieltische. Wir erfahren in Videos, von syrischen Künstlern vor Ort gedreht, wie das Sakla-Kinderspiel der fünf Steine funktioniert. Wie köstlich syrisches Frühstück ist, der Alltag mit Tieren auf dem Dorf verläuft, dass das wunderschöne Café al-Quisla im ehemaligen jüdischen Viertel von Damaskus heute noch vor Leben vibriert."

Besprochen werden die Ausstellung zur Plakatkunst "We want you!" im Essener Folkwang Museum (FAZ), Ausstellungen der beiden italienischen Künstler Fortunato Depero im Mart in Rovereto und Daniele Lievi im MuSa in Salò (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.07.2022 - Kunst

Ergun Çağatay: Mitglieder der Jugendgang "36Boys" in Berlin-Kreuzberg. Bild: Museum Europäischer Kulturen


Im Tagesspiegel kann Anastasia Trenkler eine Ausstellung des türkisch-deutschen Fotografen Ergun Çagatay empfehlen, die das Museum Europäischer Kulturen in Dahlem zeigt: Bilder aus der Hamburger Ausländerbehörde, von Arbeiterinnen bei Ford in Köln, Hochzeitsgesellschaften. Sein Herz aber gehörte den 36 Boys, die Ende der achtziger Jahre Kreuzberg unsicher machten, wie Trenkler den Fotografen zitiert: "'Sie taten mir einfach leid. Diesem Land war es nicht gelungen, ihnen ein anständiges Leben zu ermöglichen. Sie arbeiteten hart - und blieben Menschen zweiter Klasse. Unter den 36 Boys war nur ein einziger, der aufs Gymnasium ging. Aufgabe der Politik wäre es, den Menschen die Gelegenheit zu bieten, zu zeigen, was in ihnen steckt."

Thomas Ribi schäumt in der NZZ noch immer vor Wut beim Rekapitulieren des Documenta-Debakels. Gescheitert sieht er die Kuntschau auch in dem Versuch, in der historischen Erinnerung Kolonialverbrechen neben den Holocaust zu stellen. Das habe auch sein Gutes: "Man kann die 'Documenta fifteen' als eine Art Massentest für das Experiment verstehen, die deutsche Erinnerungskultur auf eine neue Grundlage zu stellen. Das ist nicht gelungen. Es gab einen Aufschrei in der Öffentlichkeit, und vielleicht müsste man der Documenta dafür sogar dankbar sein. Sie hat auf die schmerzende Stelle gedrückt und den Reizpunkt gefunden." Im Welt-Interview mit Boris Pofalla betont der neue Documenta-Geschäftsführer Alexander Farenholtz, dass er erst einmal wieder alle Beteiligten miteinander ins Gespräch bringen will.

Im Standard moniert Ivona Jelcic, dass sich die Tiroler Landesregierung bei Kunstprojekten oder Stellenbesetzung einfach über Jury-Entscheidungen hingwesetzt.

Besprochen werden die Schau "Cranach der Wilde" im Kunsthistorischen Museum in Wien (SZ), Bill Violas Videos in Museum der Moderne in Salzburg (Standard), eine Ausstellung zu Bernardo Bellotto in der Galerie Alte Meister in Dresden (FAZ) und die Sibylle-Bergemann-Schau in der Berlinischen Galerie (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.07.2022 - Kunst

Louise Bourgeois, Spider, 1997. Foto: Erika Ede

Was die französisch-amerikanische Künstlerin Louise Bourgeois so groß gemacht hat, kann FR-Kritikerin Ingeborg Ruthe in der "exzellenten" Ausstellung im Berliner Gropiusbau sehen: Sie hat alle Trends und Weltanschauungen an sich vorbeiziehen lassen. Die Schau beschränkt sich auf das Spätwerk, das von ihren textilen Arbeiten bestimmt ist, von Nadeln und Stoffen, wie Ruthe erklärt, die vor der berühmten Spinne erschauerte: "Die riesigen eisernen Spinnenbeine, aufgestellt rings um eine der käfigartigen runden 'Cells', bespannt mit bizarr gemusterten Tapisserie-Fetzen. Welch ein Urmutter-Symbol, webend, beschützend und gefährlich zugleich. Etliche solcher klaustrophobisch gefängnisartigen Eisenkäfige sind im Museum niedergegangen wie Raumschiffe vom Planeten der Frauen. Obsessiv wuchern Gebilde aus Baumwoll-, Seide-, Jute-, Tüll-Gespinsten an Ketten. Alles in diesen Zellen gleicht malträtierten weiblichen Körperteilen."

Im SZ-Interview mit Jörg Häntzschel erklärt der neue Documenta-Geschäftsführer Alexander Farenholtz, wie er sich seine Aufgabe vorstellt, welche Freiheiten er Ruangrupa lassen möchte und wie er die Aufregung besänftigen möchte. Es wird schwierig: "Dieses hochgradig politisierte Thema Antisemitismus ist viel größer als die Documenta. Gibt es in bestimmten Kulturmilieus eine Nähe zu BDS? Wie wäre das zu erklären? Wie sieht es aus mit der Repräsentation von jüdischen israelischen Künstlern auf großen Ausstellungen? Das hat insgesamt eine Dimension, die weit über das hinausgeht, was die Documenta betrifft. Vielleicht hat ein Ministerium oder eine Stadtverwaltung nicht die richtigen Leute dafür, aber sie haben die Ressourcen, sich ein solches Expertengremium zusammenzubauen. Es wird aber nicht als Kontroll- oder Entscheidungs-, sondern als Beratungsinstanz für die Kuratoren fungieren."

Dirk A. Moses möchte mit dem Historiker Jeffrey Hadler zwischen "Anti-Israelismus" und "wirklichem Antisemitismus" unterscheiden, auch bei der doumenta fifteen. Das Werk "People's Justice" von Taring Padi, das er bei geschichtedergegenwart.ch in den Kontext der Dekolonisierung stellt, kann er allerdings nicht vom Vorwurf des Antisemitismus freisprechen. Anderes die Kunstwerke des palästinensischen Künstlers Mahommed Al Hawajri: "Al Hawajris Kunst greift weder das jüdische 'Wesen' an noch konzeptualisiert sie es als Abstraktion - sie wendet sich allein gegen das israelische Militär. Während die 'jüdischen' Figuren in 'People's Justice' eine Abstraktion darstellen, repräsentieren die Israelis in der Serie 'Guernica Gaza' einen militarisierten Staat, der palästinensische Gebiete besetzt und die Palästinenser:innen langsam von ihnen vertreibt, sie buchstäblich bombardiert. Anstatt mit paranoiden Symbolen, Vereinfachungen und jüdischen Stereotypen zu arbeiten, bezieht sich Al Hawajris Bilderserie auf konkrete Interaktionen zwischen Israelis und Palästinenser:innen. Es gibt keinen Judenhass in diesen Bildern."

Besprochen werden die Ausstellung "Die Frauen der Boheme 1890-1920" in der Münchner Monacensia (FAZ) und Wenke Seemanns Ausstellung "Utopie auf Platte" in der Kunsthalle Rostock (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.07.2022 - Kunst

"Für Russland sind die gefährlichsten Menschen in der Ukraine momentan die Kulturleute", sagt die ukrainische Kunstwissenschaftlerin Yulia Berdiiarova im taz-Gespräch mit Dorothea Marcus, in dem sie von Zerstörung und Diebstahl ukrainischer Kunstwerke in den besetzten Gebieten berichtet. "Ich kenne so viele traurige Geschichten. Leute, die direkt aus Schulen gekidnappt wurden. Schulen, die in Gefängnisse verwandelt wurden. Bücher aus den Bibliotheken, über ukrainische Identität und Geschichte, die verbrannt wurden. Sie versuchen, die Geschichtsschreibung zu verändern. In neuen russischen Geschichtsbüchern kann man die Information über die Kiewer Rus nicht mehr finden. Sie nennen es nur noch Rus. Dabei hat alles auf der Kiewer Rus begonnen. Kiew war die älteste Stadt Osteuropas, der Beginn der slawischen Zivilisation. Ukrainer in den besetzten Gebieten leben in einer Art '1984'-Dystopie, in diesem surrealen Horror-Orwell-Universum, dort, wo Russen ihre Flaggen pflanzen und meinen, sie würden für immer dort bleiben."

Es werde kein generelles "Screening" der Werke auf der Documenta durch das neu berufene Expertengremium, sondern nur "punktuelle" Empfehlungen geben, beschwichtigt der neue Geschäftsführer, Alexander Farenholtz nach einem anonymen Brief von Documenta-KünstlerInnen, berichtet Jörg Häntzschel in der SZ: "Ein solches Gremium schaffe eine Atmosphäre der 'Einschüchterung, des Misstrauens und der Zensur'. Eine 'Überprüfung' der Kunstwerke lehne man ab, das Ergebnis werde man nicht akzeptieren, schreiben sie. 'Wir kommen aus vielen Ländern, in denen wir mit Zensurgremien und Unterdrückung konfrontiert sind und uns auch weigern, sie zu befolgen. Zensurgremien entziehen dem Publikum die Verantwortung, sich zu engagieren, zu lernen und zu verlernen.' Wer die Autoren des Briefs sind und ob darunter auch Mitglieder von Ruangrupa sind, ist nicht klar." Im Welt-Gespräch mit Boris Pofalla versichert Farenholtz zudem, dass auch das Gremium genau überprüft werde: "Jeder Name, der in diesem Zusammenhang fällt, wird natürlich auch wieder kritisch betrachtet werden."

Indes knüpft mit der Sparkassen-Finanzgruppe ein Hauptförderer Bedingungen an die weitere Förderung der Schau, meldet ZeitOnline mit dpa: "Die Ereignisse der letzten Wochen hätten der documenta und ihren Förderern erheblich geschadet, teilte der DSGV mit. Antisemitische Darstellungen seien inakzeptabel.'"

Für die Welt hat Swantje Karich mit den Juristen Gunda Trepp und Pascal Decker über den Antisemitismus-Skandal und die juristischen Folgen gesprochen. "BDS ist nicht harmlos, sie boykottiert unterschiedslos alle Israelis", sagt Trepp: "Es geht ihr in erster Linie um das Rückkehrrecht aller Flüchtlinge nach Israel, heute rund 5,6 Millionen Menschen. Omar Barghouti, einer der BDS-Gründer, sagt ganz offen, dass es dann keinen jüdischen Staat mehr geben werde. Das spricht den Juden das Recht auf ein eigenes Land ab - und ist ohne Frage antisemitisch." Der BDS-Beschluss des Bundestags reiche aber nicht aus für rechtliche Folgen, ergänzt Decker: Es handele sich "um einen 'schlichten', nicht um einen 'echten' Beschluss; er hat daher nur empfehlenden Charakter und bindet die Verwaltung nicht. Ob ein entsprechendes verbindliches Gesetz verfassungsmäßig wäre, ist tatsächlich umstritten." Auch die Strafanzeigen gegen das Banner von Taring Padi werden aufgrund der "delegierten Verantwortlichkeit" scheitern, meint er.

Außerdem: Als eine der "wichtigsten Fotografieausstellungen des Jahres" empfiehlt Niklas Maak in der FAS die Ausstellung "Working Together. Louis Draper and the Kamoinge Workshop" im Getty Center in Los Angeles. Die NZZ taucht mit Fotografien von Slim Aarons ab in die Welt der Reichen und Schönen. Besprochen werden die Gastausstellung "Opera Opera. Allegro man non troppo" des römischen Kunstmuseums Maxxi im Berliner Palais Populaire (Monopol-Magazin), die Installation "Apis Gropius" der Künstlerin Ana Prvacki im Berliner Gropius-Bau (Tagesspiegel) und die Rebecca-Warren-Ausstellung "The New Voyager" im Wiener Belvedere 21 (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.07.2022 - Kunst

Bild: Madame de Beauvoir's painting - part in the series Rewriting History, by Fabiola Jean-Louis

Vorbildlich erscheint Carmela Thiele in der taz die neue Präsentation des Tropenmuseums in Amsterdam, das sich mit der Ausstellung "Unser koloniales Erbe" der Debatte stellt, dabei "kritisch und optimistisch" auf die Gegenwart blickt und weniger auf ethnologische Objekte als auf zeitgenössische Kunst setzt: "Ein Beispiel für das Finetuning der Inszenierung: Im Auftrag des Tropenmuseums schuf die südafrikanische Künstlerin Marlene Dumas ein für sie typisches Tableau einzelner aquarellierter Porträts. Ihre 'Coloured Drawings' stellen unterschiedliche Personen und mit ihnen die Nuancen verschiedener Hautfarben dar. Nur wenige Schritte weiter im Themenbereich 'Rassismus' liegt dann Gustav Fritschs 'Haut-Farben-Tafel' in einer Vitrine. Das Dokument ist Zeugnis der um 1900 zu Hochform aufgelaufenen Rassenkunde. Für Wayne Modest schließt sich an dieser Gegenüberstellung von ethnografischen Artefakten und zeitgenössische Kunst noch eine andere Frage an: 'Emanzipiert uns die Sprache des Multikulturellen, die Sprache der Diversität, von den Fragen der Rasse, von den Fragen der Vergangenheit, oder aber stellt sie ähnliche Kategorisierungen auf?'"

Robert Colescott, "Shirley Temple Black and Bill Robinson White" (1980). Portland Art Museum, Oregon. Collection of Arlene and Harold Schnitzer (© 2022 The Robert H. Colescott Separate Property Trust / Artists Rights Society (ARS), New York)

Noch immer wird John Yau (Hyperallergic) beim Anblick der Werke des amerikanischen Malers Robert Colescott unbehaglich zumute: Humorvoll, mitunter auch taktlos und vulgär führte Colescott dem weißen Amerika dessen Stereotype von Schwarzen vor Augen: Rassismus ist überall, so die Botschaft, die Yau nun auch im New Yorker New Museum in der Ausstellung "Art and Race Matters" erkennt: "In 'Shirley Temple Black and Bill Robinson White' aus dem Jahr 1980 nutzte Colescott den Ehenamen des Kinderstars, um einen Perspektivwechsel vorzunehmen: Indem er sie als junges schwarzes Mädchen und den schwarzen Stepptänzer und Schauspieler Bill 'Bojangles' Robinson als Weißen darstellte, zeigte er die glückliche Unterwürfigkeit, die dieser in Filmen projizierte. Colescotts Darstellung von Robinson als weißer Mann in blauem Overall und rotem Hemd, der einen Eimer Himbeeren in der Hand hält und zu einem lächelnden schwarzen Mädchen mit übertrieben roten Lippen singt, das ihn mit großen Augen anschaut, ist herrlich lächerlich. Die bühnenähnliche Kulisse mit dem rosafarbenen und blauen Himmel und den blauen Baumstämmen, die den Hintergrund bilden, zeugt von der meisterhaften Verwendung der Farben durch den Künstler."

Außerdem: Meron Mendel möchte die Documenta auch unter neuen Leitung nicht wieder beraten, meldet unter anderem der Tagesspiegel. In der taz schreibt Ulf Erdmann Ziegler zum Tod von Claes Oldenbourg. In der FAZ ist Georg Imdahl guter Dinge, dass das Museum Morsbroich in Leverkusen, das kurz vor der Schließung stand, dank der Pläne des neuen Direktors Jörg van den Berg das Gröbste hinter sich hat.

Besprochen werden die Aernout-Mik-Ausstellung in der Frankfurter Schirn (SZ), die Installation "Diversion" von Asad Raza im Frankfurter Portikus (FR) und die Installation "Apis Gropius" der Künstlerin Ana Prvacki im Berliner Gropius-Bau (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.07.2022 - Kunst

Von der in der Documenta-Debatte doch leicht ramponierten postkolonialen Fraktion wird ein Text des brasilianisch-jüdischen Kollektivs "Casa do Povo" bei e-flux.com viel retweetet. Die Künstler bestreiten, dass sie wegen ihrer jüdischen Herlkunft nicht von Ruangrupa eingeladen worden seien, ihre Teilnahme sei aus organisatorischen Gründen (Corona) letztlich nicht zustandegekommen. Und sie solidarisieren sich mit Ruangrupa und äußern ihr Befremden über die deutsche Diskussion: "Wir erleben eine äußerst beunruhigende Umkehrung antisemitischer Gewalt. Dieselben Strategien, die den Antisemitismus jahrzehntelang aufrechterhalten haben, werden in der öffentlichen Debatte eingesetzt, um Ruangrupa zu verurteilen. Anstelle von offenen Gesprächen wird die öffentliche Debatte von Denunziationen und Gerüchten gespeist. Anstatt die documenta fifteen als ein komplexes Gebilde von Werken, Dynamiken und Verantwortlichkeiten zu betrachten, leben das künstlerische Team und die KünstlerInnen unter Drohungen, Einschüchterungen und Zensur."

Vergangene Woche berichtete die SZ über ein geleaktes Video, in dem Emily Dische-Becker Documenta-Guides gegen Vorwürfe des Antisemitismus schulte. (Unser Resümee). Der SZ wurde im Anschluss vorgeworfen, der Bericht sei "diffamierend", in der taz beschuldigte Georg Diez die Zeitung, ein Leben durch einen "toxischen Kulturkampf" zu zerstören. (Unser Resümee) Für die FAZ hat sich Jürgen Kaube das nun auf archive.org veröffentlichte Video angesehen - und stellt fest: Der SZ ist kein Vorwurf zu machen: "Dische-Becker verteidigt die Möglichkeit, dass Antizionismus als Kampf gegen die Existenz des jüdischen Staats nicht antisemitisch sei. Schließlich gebe es auch orthodoxe jüdische Gegner Israels. Sie konstatiert sogar, dass es antisemitischen Zionismus gebe, ohne diese erstaunliche Behauptung zu belegen. Zusammen mit der manifesten Unwahrheit, der BDS-Anhänger Achille Mbembe sei von der Ruhrtriennale ausgeladen worden - eine Legende, die auch von der Anglistin Aleida Assmann im Merkur und Hanno Hauenstein von der Berliner Zeitung gepflegt wird -, gehört das zu den Belegen dafür, dass Dische-Becker die Diskussion ihres Themas parteiisch führt. Sie behauptet, das Diskussionsforum der Documenta zu Antisemitismus und Rassismus sei gescheitert, weil es in Deutschland nicht möglich sei, über diese Themen zu diskutieren."

Seltene Einblicke in das Leben in Nordkorea erhält Gunda Bartels (Tagesspiegel) mit den Fotografien von Andreas Taubert in der Ausstellung "Freiheit hinter Gittern" in der Fotogalerie Friedrichshain. Etwa zwanzig mal reiste Taubert nach Nordkorea, seine Fotos sind Auftragsarbeiten für den Stern oder den Spiegel, da individuelle Erkundungen des Landes nicht möglich sind, erklärt Bartels. "Das Foto eines maroden Sicherungskastens an einer Hauswand, das man schnell als Beleg für die bröckelnde Infrastruktur im Reich Kim Jong-uns nimmt, relativiert Taubert. 'Ich kann Ihnen auch Berlin in einer edlen Hochglanzversion oder in einer runtergerockten Nachkriegsversion fotografieren.' Wobei hier - anders als in Pjöngjang - kein Aufpasser an die Seite gestellt wird und keine missliebigen Motive gelöscht werden müssen, wie es Taubert passiert ist. Die einheimischen Begleiter seien aber auch nützlich, erzählt er. In Nordkorea herrsche durchaus eine Atmosphäre des Duckmäusertums und der gegenseitigen Beobachtung, wie sie für autoritäre Systeme typisch ist. Da funktioniert der Aufpasser als Beruhigungsfaktor für die Leute und als Türöffner sowieso."

Außerdem: 1,5 Millionen Menschen haben das Humboldt-Forum seit der Eröffnung vor einem Jahr besucht, das Haus ist zufrieden, meldet Birgit Rieger im Tagesspiegel. In der taz erinnert Isabella A. Calidart an den vor dreißig Jahren verstorbenen amerikanischen Underground-Künstler David Wojnarowicz.

Besprochen wird die Ausstellung "printing futures - art for tomorrow" im Kunsthaus Göttingen (taz)