Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.05.2023 - Film

Hollywoods Drehbuchautoren streiken mal wieder. Wer sich an den letzten großen Streik (2007) erinnert, weiß: Die können hartnäckig sein. 100 Tage dauerte der Arbeitskampf damals und legte zig Serienproduktionen lahm und sorgte für erhebliche Verzögerungen im Kino-Produktionsplan. Die Gewerkschaft der Autoren "kritisiert, das Aufkommen von Streamingdiensten und die damit verbundene Explosion von Produktionen hätten die Arbeitsumstände der Autoren erodieren lassen", berichtet Corina Gall in der NZZ: "Früher wurden Autoren in der Regel für eine ganze Staffel einer Serie angestellt, die mehr als zwanzig Episoden umfasste. Die Produzenten entlöhnten die Autoren für das Skript, aber zahlten auch einen zusätzlichen Lohn, wenn die Serie erneut ausgestrahlt wurde. Heute ist das anders. Die Produzenten geben pro Staffel weniger Folgen in Auftrag. Die Praxis der zusätzlichen Zahlungen haben sie mehrheitlich eingestellt. Dies, obwohl Serien jahrelang auf den Streamingplattformen bleiben. Autoren profitieren bei den teilweise großen Erfolgen der Serien nicht mit."

Außerdem geht es um Künstliche Intelligenz, schreibt Susanz Vahabzadeh in der SZ: "Die Autoren verlangen strenge Regeln, die Gewerkschaft soll verhindern, dass ganze Serien-Folgen oder Filme von einem Programm generiert und dann von einem Autor nur noch ein bisschen poliert werden. Was passiert, fragt einer der Gewerkschaftsvertreter in der New York Times, wenn jemand alle Drehbücher von Nora Ephron, die beispielsweise 'Harry und Sally' geschrieben hat und 'Schlaflos in Seattle', in eine künstliche Intelligenz füttert und sie ihren Stil imitieren lässt und das Publikum mit der recycelten Ephron zufrieden ist? Bis zu den nächsten Tarifverhandlungen 2026 ist das bestimmt schon geschehen. Dieser große Autorenstreik von Hollywood wäre dann der letzte seiner Art."

Außerdem: Unter den Überlebenden und Hinterbliebenen der Grenfell-Tower-Katastrophe regt sich enormer Unmut darüber, dass die BBC den Fall in Form einer Doku-Serie aufbereiten will, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ: Einerseits wird Heischen mit Sensationen vorgeworfen, andererseits, dass den Leuten ihre Geschichte geraubt werde, andere kritisieren wiederum, dass sie nicht angehört wurden. Martina Knoben (SZ) und Chris Schinke (taz) geben Tipps zum heute beginnenden Dok.Fest München. Michael Ranze (FAZ) und Magnus Klaue (Welt) resümieren die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, wo sich ein Schwerpunkt mit in Games-Umgebungen produzierten Kurzfilmen befasste. Besprochen werden die DVD-Ausgabe von Giuseppe Tornatores Porträtfilm "Ennio" über Ennio Morricone (Intellectures), Lee Cronins Splattersause "Evil Dead Rise" (Presse), James Gunns "Guardians of the Galaxy Vol. 3" (Tsp) und die Serie "White House Plumbers" über den Watergate-Skandal (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.05.2023 - Film

Lukas Kapeller erkundigt sich für den Standard, wie das österreichische Zentralarchiv mit einem Bestand von etwa 600.000 Filmrollen die Filmgeschichte in die Zukunft retten will. Dies ist eine erhebliche "Herausforderung. Manche Archivare sprechen gar vom 'digitalen Dilemma'. Die Digitalisierung mache das Filmemachen einfacher und die Werke dem Publikum leichter zugänglich, aber die Archivierung schwieriger, heißt es." Die meisten Filminstitutionen nutzen LTO-Bänder zur digitalen Sicherung. Das "ist ein Magnetband, das zahlreiche Vorteile bietet. Denn LTOs wurden bei ihrer Entwicklung um die Jahrtausendwende nicht als Produkt eines einzigen Produzenten geplant. Die Hersteller, unter anderem IBM, haben sich verpflichtet, alle zwei Jahre eine neue LTO-Generation auf dem Stand der Technik anzubieten. LTO-Bänder gelten daher als anschlussfähig, als beständig (bis zu 30 Jahre) und als ein Trägermedium, das offen für freie Software ist. ... Obwohl LTO-Bänder vermutlich rund 30 Jahre lang halten können, übertrage das Filmmuseum seine digital gespeicherten Filme 'spätestens alle fünf Jahre auf einen neuen Datenträger', erzählt Filmmuseumsdirektor Michael Loebenstein."

Die fetten Jahre sind vorbei, sagt Rüdiger Sturm in der Welt mit Blick auf den Zerfleischungskampf, in dem sich die Streamingdienste derzeit befinden: Die Zahl der Neuproduktionen sinkt, was beim Publikum nicht ausreichend ankommt, wird rigoros abgesetzt, der Druck, tatsächlich Geld zu verdienen, steigt immer mehr - und statt auf Mut zum Experiment setzen die Streamer immer mehr auf stromlinienförmige Blockbusterware. "Überhaupt scheinen die Grenzen zwischen Streamern und Kinolandschaft zu verschwimmen. Letztere hat nach den dürren Jahren der Pandemie wieder zu florieren begonnen. Die US-Filmtheater konnten sich dank Filmen wie 'John Wick 4' im ersten Quartal 2023 über eine Zuwachsrate von 37 Prozent im Vergleich zu den ersten drei Monaten 2022 freuen - und glatte 589 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum von 2021. Der Analyst Eric Handler von Roth Capital Partners meint: 'Die Studios haben erkannt, dass ein exklusiver Kinostart die beste Methode ist, Profite zu maximieren.' Mit anderen Worten: Streaming ist nicht mehr der heilige Gral. Und dieser Weisheit folgen - mit Ausnahme von Netflix - nun auch die Streamer selbst, indem sie zunehmend auf große Kinoveröffentlichungen setzen, bevor sie die Filme auf ihren Plattformen abspielen." Susanne Gottlieb wundert sich im Standard dennoch, warum Disney einen Großteil seiner großen Produktion am Kino vorbei direkt im Streaming verramscht.

Außerdem: Das Kinoverleihfenster für staatlich geförderte Filme wird sich wohl von sechs auf vier Monaten verkürzen, hat Hanns-Georg Rodek von der Welt herausgefunden. Dlf Kultur nutzte das Feiertagsprogramm für ein knapp anderthalbstündiges Gespräch mit dem großen Georg Stefan Troller. Claudius Seidl (FAZ) und Hanns-Georg Rodek (Welt) schreiben Nachrufe auf Peter Lilienthal.

Und die Agenturen melden: Hollywoods Drehbuchautoren gehen in den Streik.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.04.2023 - Film

Eine Spiegel-Recherche von Maike Backhaus und Alexandra Rojkov belastet Til Schweiger mit heftigen Vorwürfen: Das Einmann-Filmstudio (Produktion, Drehbuch, Regie, Hauptrolle) neige nach Angaben diverser Crewmitglieder am Set zu erheblichem Alkoholkonsum und entsprechend jähzornigem Auftreten (angeblich sogar gegenüber Kinderdarstellern). Crew-Mitglieder behaupten, dass er einem Mitarbeiter bei einer Auseinandersetzung angeblich ins Gesicht geschlagen hat. Eine Statistin soll spontan zu einer Entblößung gedrängt worden sein, eine Mitarbeiterin habe sich bei einer waghalsigen Szene schwer verletzt. Daneben dehne er Arbeitszeiten so weit, "bis Crewmitglieder körperlich und psychisch am Ende seien und sich Unfälle am Set häuften. ... Mehrere Teammitglieder von 'Manta Manta 2' berichten, sie seien irgendwann so übermüdet gewesen, dass sie unaufmerksam wurden. Eine Mitarbeiterin habe einen Stromschlag bekommen, einmal habe sich an einem zwölf mal zwölf Meter großen Segel ein Knoten gelöst. Es sei nach Darstellung von Zeugen unkontrolliert über Hunderten Komparsen und Schauspielern hin und her geschwungen. Es sei Panik ausgebrochen. (...) 'Wenn sich nichts ändert, dann stirbt irgendwann jemand an seinem Set', warnt ein ehemaliges Crewmitglied."

"Schweigers Verhalten sind an seinen Sets Dutzende Menschen ausgesetzt", schreiben Aurelie von Blazekovic und David Steinitz in der SZ, die sich ihrerseits nach der Spiegel-Recherche umgehört haben. "An Sets, die über die Jahre mit Steuergeldern in Millionenhöhe durch die Bundes- und Landesförderungen mitfinanziert wurden. Was jetzt publik wird, hätte die Constantin unter Martin Moszkowicz, die von Schweiger stattdessen finanziell gut profitierte, schon lange umtreiben müssen. Sie hätte Schweiger vor sich selbst schützen müssen - und sie hätte die Menschen schützen müssen, die ihm in ihrer Arbeit ausgesetzt sind."

Außerdem: In einem verpaywallten Gespräch mit der NOZ kritisiert der Filmemacher Edward Berger ("Im Westen nichts Neues") das mutlose Filmproduktionssystem der Öffentlich-Rechtlichen, wie die SZ zitiert. Thomas Ribi widmet sich in der NZZ der Frage, ob man Kleopatra in einem Netflix-Dokudrama nun wirklich mit einer Schwarzen besetzen sollte oder nicht. Fritz Göttler schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Regisseur Peter Lilienthal, der seinerzeit den Jungen Deutschen Film mitbegründete.

Besprochen werden Bettina Blümners Kuba-Urlaubsfilm "Vamos a la playa" (online nachgereicht von der FAZ), Darren Aronofskys "The Whale" (Jungle World, unsere Kritik), die Mini-Serie "Dead Ringers" nach dem 80s-Horrorklassiker von David Cronenberg (Tsp) und die Serie "Alaska Daily" (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.04.2023 - Film

Glauben Sie dieser Frau? Isabelle Huppert ist "Die Gewerkschafterin"


In Jean-Paul Salomés "Die Gewerkschafterin" spielt Isabelle Huppert die Whistleblowerin Maureen Kearney, die in Frankreich 2012 einige Hinterzimmerdeals aufdeckte und darüber Opfer eines Vergewaltigungsanschlags wurde, dem eine Drangsalierung durch die Polizei folgte. "Huppert spielt den Prozess, in dem diese einst so entschlossene Frau langsam an den Fragen und Unterstellungen zerbricht, absolut fantastisch", schreibt Maja Beckers auf ZeitOnline. "Oder ist es der Prozess, in dem sich eine Heldin als Betrügerin entpuppt? Lügt sie oder lügt sie nicht? Huppert bringt genau die Ambivalenz mit, die ein Politthriller braucht." Doch leider bleibt es bei diesem Kippspiel: "Nach etwa einem Drittel kippt der Politthriller ins Psychodrama und kreist einzig um die Frage: Glaubt jemand dieser Frau?" Es ist wie es ist, "Salomé ist kein Könner wie Chabrol", seufzt auch Andreas Kilb in der FAZ. "Statt seine Inszenierung auf den Ton einzustimmen, den seine Hauptdarstellerin vorgibt, erzählt er die Geschichte mal als staatskapitalistischen Industriekrimi, mal als Familiendrama und verliert dabei die Essenz des Stoffs, den Kampf Maureen Kearneys gegen die Männermacht der Apparate, immer wieder aus den Augen."

Außerdem: Elmer Krekeler spricht in der Welt mit dem Schauspieler Mehmet Kurtulus. Die Presse plaudert mit Tyron Ricketts, der in der Disney-Serie "Sam - ein Sachse" Samuel Meffire (hier im großen Gespräch mit Dlf Kultur) spielt, der Sachsens erster schwarzer Polizist gewesen ist, bevor er selbst in die Kriminalität abgerutscht ist. Catherine Corsinis kurzzeitig wegen mehrerer, teils sehr diffuser MeToo-Vorwürfe aus dem Cannes-Programm geflogener Film "Le Retour" wird nun doch im Mai an der Croisette laufen, meldet Niklas Bender in der FAZ.

Besprochen werden das auf Paramount+ gezeigte Remake des 80s-Horror-Reißers "Hellraiser" (taz), die auf AmazonPrime gezeigte Actionserie "Citadel" (Tsp) und die auf AppleTV+ gezeigte Serie "The Big Door Prize" (TA).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.04.2023 - Film

Weiche Seele in einem extremen Körper: "The Whale"

Darren Aronofskys "The Whale" über einen schwer adipösen, homosexuellen Mann kurz vor dem körperlichen wie biografischen Zusammenbruch beschäftigt die Filmkritik weiter (unser erstes Resümee). Das Kammerstück gibt  "in seiner konzentrierten, entfärbten Gleichförmigkeit Raum gibt zum Nachdenken, zum Abschweifen", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher. Da kommt man dann auch auf ungewöhnliche Assoziationen: "Tatsächlich erinnern sowohl der exakt definierte Schauplatz als auch das Figurenensemble an klassische Sitcoms. Die Verbindung von szenischem Minimalismus im klassischen 4:3-Format, teils absurd überzeichneten Figuren und einem dezent ins wahnwitzige abgleitenden Plot (sowie außerdem die Obsession mit Sprache, insbesondere in Form ominöser, mit Bedeutung überfrachteter Essays) ist nicht ganz weit weg von einer Serie wie 'Seinfeld'. Tatsächlich ist 'The Whale' letztlich genau wie 'Seinfeld' die Chronik einer Selbsteinschließung."

Dass der Film sich ein bisschen sehr an der Fettleibigkeit und damit einhergehenden Vorurteilen weidet, muss Cosima Lutz von der Welt erst einmal verkraften. "Es schadet nicht, sich zu vergegenwärtigen, dass dicke Charaktere in der Vergangenheit vor allem der Belustigung des Publikums dienten." Der Regisseur entscheidet sich jedoch "klar für die Drastik. Auf den Problemkörper des Protagonisten starrt 'The Whale' von der ersten Masturbationsszene an wie auf ein groteskes Ungeheuer", um dann aber doch darin auf "eine weiche Seele, irgendwo tief drin in einem extremen Männerkörper" zu stoßen. Diese Empathiemaschine bleibe aber äußerlich: Aronofskys "Problem ist, dass er diese Thematik nur benutzt, um in seiner letztlich reaktionären Story des sich selbst bestrafenden schwulen Eigenbrötlers dick aufzutragen." Außerdem besprechen Katja Nicodemus (Zeit), Sandra Kegel (FAZ), Daniel Kothenschulte (FR) und Arabella Wintermayr (taz) den Film.

Sehr berechtigt findet es Andreas Busche vom Tagesspiegel, dass der Verein Schwarze Filmschaffende e.V. in einem an zahlreiche Kultureinrichtungen geschickten Offenen Brief gegen Lars Kraumes "Der vermessene Mensch", der aus weißer Perspektive vom Genozid an den Herero erzählt (unsere Resümees hier und dort), protestieren: Sie wollen unter anderem von der Kulturstaatsministerin Claudia Roth und der Berlinale wissen, "warum der Bund mit seinem Bekenntnis gegen Diskriminierung in jeglicher Form einen Film fördert, der rassistische und koloniale Stereotype verbreite, dieser bei einem Internationalen Filmfestival läuft, das ebenfalls mit Steuergeldern finanziert wird, und er der Akademie sogar noch als preiswürdig erscheint. Das war ein angemessen klarer Tonfall, den man innerhalb der kuscheligen deutschen Branche nicht gewohnt ist. Eben weil diese, trotz zahlreicher Reformankündigungen, immer noch so homogen ist, dass niemandem auffällt, wie problematisch die sogenannte Erinnerungskultur in 'Der vermessene Mensch' eigentlich ist. Ein Film, der künftig, so steht zu befürchten, im Schulunterricht gezeigt wird."

Außerdem: Für den Standard wirft Bert Rebhandl einen Blick ins Programm des Linzer Festivals "Crossing Europe", das sich in diesem Jahr besonders mit der Ukraine befasst. Dass Cathérine Corsinis "Le retour" im Mai in Cannes laufen soll, sorgt in Frankreich für erhitztes Debattenaufkommen, meldet Hanns-Georg Rodek in der Welt: Die Regisseurin soll am Set ungeheuer gewütet haben, hinter den Kulissen soll es sexuelle Übergriffe gegeben haben und eine minderjährige Schauspielerin soll vor der Kamera eine seitens des Drehbuchs nicht vorgesehene Masturbation simuliert haben müssen. Philipp Stadelmaier versenkt sich mit einem Programmschwerpunkt der aktuell laufenden Kurzfilmtage Oberhausen in Filmwelten, die in den Umgebungen von Computerspielen erstellt wurden.

Besprochen werden Jean-Paul Salomés "Die Gewerkschafterin" mit Isabelle Huppert (Tsp, FAZ), Bobby Farrellys Komödie "Champions" (Perlentaucher, Standard), Rian Johnsons Krimiserie "Poker Face" (taz, Presse, mehr dazu bereits hier), Constantin Wulffs Dokumentarfilm "Für die Vielen" über die Arbeiterkammer Wien (taz), die auf Disney+ gezeigte Serie "Sam - Ein Sachse" über Samuel Meffire, den ersten schwarzen Polizisten Sachsens (FR, FAZ, ZeitOnline), Bettina Blümners Roadmovie "Vamos a la playa" (Tsp) und die fünfte Folge der letzten Staffel von "Succession" (TA). Außerdem verraten uns die SZ-Filmkritiker, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.04.2023 - Film

Was für eine gute Nachrichte: Jafar Panahi darf Iran verlassen, meldet seine Ehefrau Tahereh Saeedi auf Instagram. "Wir werden jetzt ein paar Tage reisen."
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Im Standard spricht Valerie Dirk mit Darren Aronofsky über dessen Kammerstück "The Whale" (unser Resümee) und insbesondere über den Schauspieler Brendan Fraser, dem er damit zum künstlerischen Comeback verholfen hat. Besprochen werden Christian Petzolds "Roter Himmel" (Jungle World, unsere Kritik hier) und Sam Mendes' "Empire of Light" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.04.2023 - Film

Es sieht ganz danach aus, als würden Hollywoods Drehbuchautoren ab 1. Mai in einen unbefristeten Streik eintreten, schreibt Claudius Seidl in der FAZ, der auch weiß, dass hinter den Kulissen bereits regste Betriebsamkeit ausgebrochen ist, da die kurzfristige (Talk-Shows), mittelfristige (Serien) und langfristige Produktion (Filme) akut gefährdet ist. "Die Krise hat damit angefangen, dass die Leute an der Wall Street sich daran zu stören begannen, dass die großen Streamingdienste (und jedes Filmstudio hat, weit über seine Verhältnisse, ins Streaming investiert) gigantische Verluste machen. Lange Zeit hat das keinen gestört, weil es nicht um Gewinne, sondern ums Wachstum ging. Sehr bald wird es aber Wachstum nur noch als Nullsummenspiel geben, indem also ein Dienst dem anderen die Abonnenten abschwatzt. ... Die Produktionsfirmen müssen also die Kosten senken, drastisch sogar - sie entlassen Leute, sie drücken auf Gehälter und Honorare. Und die Autoren, die schon vom Boom der Serien kaum profitiert haben, sollen jetzt auch noch für die Krise der Firmen büßen. Dabei hatte es, als vor fünfzehn, zwanzig Jahren die große Zeit der Serien anfing, so ausgesehen, als ob das herrliche Zeiten für Autoren würden."

Nan Goldin in "All the Beauty and the Bloodshed"

Laura Poitras' beim Filmfestival Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneter Porträtfilm "All the Beauty and the Bloodshed" über die Künstlerin und Aktivistin Nan Goldin startet zwar erst im Mai in den Kinos. In der SZ ärgert sich Catrin Lorch dennoch schon jetzt über diesen Film, der seine dokumentarische Form eher heuchelt, da er in engster Zusammenarbeit und Absprache mit Goldin entstanden ist, die sich in den letzten Jahren auch deshalb einen Ruf erarbeitet hat, da sie unermüdlich die Verstrickungen der US-Pharmaindustrie (insbesondere jenes Teils, der mit seinen Schmerzmitteln Millionen von Menschen in die Sucht und viele in den Tod getrieben hat) mit dem Kunstbetrieb aufdeckt. "Dass es im Rausch des Erzählens gerade nicht um die Sache selbst geht - also beispielsweise die Verflechtungen zwischen Kapital, Pharma-Industrie, Philanthropie, öffentlicher Bildung oder staatlicher Kunstförderung -, übersieht man fast. Zitate der Gegenseite, belastbare Statistiken, eine Analyse des amerikanischen Gesundheitssystems beispielsweise würde den Flow nur unterbrechen. Dass der Film aber auch andere Proteste ausblendet - beispielsweise die Aktivisten, die lange vor Goldin schon Kunstereignisse und Institutionen wie die Tate für ihre Kooperation mit BP oder Shell attackierten -, ist unverzeihlich und verstößt gegen jedes journalistische oder dokumentarische Ethos."

Brendan Fraser in "The Whale"

Drastik-Meister Darren Aronofsky hat mal wieder zugeschlagen: Das Kammerstück "The Whale" handelt von einem schwer fettleibigen Literaturprofessor, der sich seine Wohnung nach einem Schicksalsschlag zu einem Gefängnis erfressen hat und nun seinem Tod entgegen sieht. Für den Hauptdarsteller Brendan Fraser, der in den Neunzigern als Blockbuster-Mime reüssierte, ist es das künstlerische Comeback, das die Academy kürzlich mit einem Oscar würdigte. "Aronofsky war immer schon ein gewiefter Manipulator", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel und fühlt sich ein bisschen zu sehr an der Nase durch die Manege gezogen: "Je mehr Personen sich in dem kleinen Apartment drängen, desto mehr kippt das Drama in eine Soap Opera: Es wird geschrien, geheult und gekotzt. Auch eine Form der Katharsis." SZ-Kritiker David Steinitz muss bedauernd feststellen, dass Aronofsky wenig getan hat, um die Bühnenherkunft des Stücks zu kaschieren: "Seine Protagonisten gehen ständig mäßig motiviert wie von einer Bühne auf und ab." Und "irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass der oscargekrönte Regisseur Darren Aronofsky seinen Zuschauern zeigen will, dass auch sehr dicke Menschen ... tief in ihren schwer geschädigten Herzen gute Leute sind. Dass man also, bitteschön, nicht nur nach dem Äußeren urteilen soll, so abstoßend es auch wirken mag. Schön. Und richtig. Nur warum ergötzt der Regisseur sich dann zwei Stunden in Detailaufnahmen der ganzen Adipositaskatastrophe?"

FAZ-Kritikerin Sandra Kegel muss ihren Kollegen widersprechen: "So wie die great american novel 'Moby Dick' von sehr viel mehr handelt als nur von Walfang, puzzelt 'The Whale' mit seinen thematischen Versatzstücken über Familie, Religion und einem versagenden Bildungssystem zuletzt das Porträt der abgehängten amerikanischen Provinz der Gegenwart zusammen.  Zweifellos ist 'The Whale' ein Drahtseilakt" doch "liefert Aronofsky tatsächlich eine ergreifende Reflexion über Schuld, Sexualität und Scham, ein Drama, das eine Selbstzerstörung ausbreitet, die keine Erlösung findet, unabhängig davon, wie sehr wir uns nach Mitgefühl sehnen."

Außerdem: Silvia Hallensleben resümiert in der taz das "Internationale Frauen Film Fest" in Dortmund. Besprochen wird Ari Asters Groteske "Beau is Afraid" mit Joaquin Phoenix (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.04.2023 - Film

Einmal Retro bitte: "Poker Face"

Horizontales (also staffelweises) Erzählen ist ja sowas von gestern, beziehungsweise in diesem Fall gerade nicht: Die von Rian Johnson kreierte Krimi-Serie "Poker Face" rund um eine übernatürlich begabte Ermittlerin kehrt zum bewährten "Fall der Woche"-Modus der Siebzigerjahre zurück, schreibt Daniel Gerhardt auf ZeitOnline mit spürbarer Begeisterung für diese liebevoll ausstaffierte "Hommage an retroseliges Gewohnheitsfernsehen" und dieses "perfekt durchkomponierte Liebhaberprojekt." Wer heute eine Serie in diesem Erzählmodus sieht, erlebz dabei "eine Fernsehserie über das Fernsehgucken. Alles, was dem Publikum früher Geborgenheit hätte vermitteln sollen - die abgeschlossenen Folgen, die klare Täterschaft, die heldenhafte Heldin -, könnte bei anspruchsvollen Gegenwartszuschauern eher Nervosität auslösen. Müssten die Figuren nicht abgründiger sein? Sollten unter den tatsächlichen Falltüren von Poker Face nicht auch ein paar metaphorische warten?"

Außerdem: Marc Hairapetian spricht für die FR mit Geraldine Chaplin über ihre Rolle in Robert Schwentkes "Seneca". Wilfried Hippen empfiehlt in der taz die 20. Dokumentarfilmwoche in Hamburg. Besprochen wird Elisa Amorusos und Julian Jarrolds auf Disney+ gezeigte Mafiaserie "The Good Mothers" (NZZ, mehr dazu bereits hier).

Und ein interessantes Archivfundstück: Der Filmkritiker André Malberg bringt auf Facebook einen Artikel von Klaus Lemke aus dem Jahr 1965, in dem der ewige Independentfilmer zwischen Hoffnung und Skepsis auf die Anfänge der deutschen Filmförderung blickt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2023 - Film

Der filmische Nachwuchs in Deutschland sieht angesichts eines zusehends geriatrischen und experimentierunwilligen Betriebs seine Felle davon schwimmen. Eine beeindruckend große Zahl hat jedenfalls den "Appell des jungen deutschen Films" unter der Überschrift "Angst essen Kino auf" unterzeichnet: "Wir lieben das Kino", doch "ihr, die Ihr die Weichen stellt in unserer Branche - macht es uns schier unmöglich, für dieses Kino zu kämpfen." Denn "in Deutschland wagt man nichts, was sich nicht bereits bewährt hat. ... Statt zu sehen, dass Erfolg nur mit Risikobereitschaft, mit Neuem, Nie-Dagewesenem, Originellem kommt, setzt Ihr auf Remakes, Sequels, Romanadaptionen, Schenkelklopfer-Komödien und natürlich: bekannte Gesichter und Namen." Insbesondere die große Machtstellung der Fernsehsender steht in der Kritik: Dieses "muss wieder mutiger werden, und das Kino als Kino respektieren. Es kann nicht sein, dass Kinofilme 'fernsehkonform' gemacht werden, damit sie, wenn überhaupt, zu später Stunde über die kleinen Bildschirme laufen dürfen."

Außerdem: Alexandra Seitz würdigt in epdFilm den Schauspieler Thomas Schubert, der ihrer Ansicht nach für seine Leistung in Christian Petzolds "Roter Himmel" (besprochen im Filmdienst und auf Artechock, mehr dazu hier und dort) eigentlich den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leitung verdient hätte: "Sein miesepetriger Schreiberling ist eine Schau, eine mutige Darbietung von Schwäche, eine komplexe Erkundung erbarmungswürdiger Großkotzigkeit, die schon beim kleinsten Gegenwind eingeht." Barbara Schweizerhof widmet sich im Freitag dem Hype um die HBO-Serie "Succession", die mit ihrer vierten Staffel gerade zu Ende geht. Thomas Willmann spricht für Artechock mit Brandon Cronenberg über dessen neuen Horrorfilm "Infinity Pool". Die taz spricht mit Michael Biedowicz, der mit "Alles anders machen" einen Dokumentarfilm über die in der Wendezeit wenige Monate lang erschienene Ost-taz gedreht hat. Thomas Klein hat für den Filmdienst mit den Intimitätskoordinatoren Franzy Deutscher und Florian Federl gesprochen. Thomas Meder befasst sich für epdFilm mit dem Verhältnis zwischen Film und Malerei. Joachim Huber wundert sich im Tagesspiegel, dass die Produktionsfirma von "Weißensee" die Erfolgsserie zwar fortsetzen will, die ARD aber offenbar kein Interesse an Nachschub hat.

Besprochen werden Sam Mendes' "Empire of Light" (Artechock), Dexter Fletchers auf AppleTV+ gezeigter Film "Ghosted" (SZ), Kyle Marvins "Brady's Ladies" (Artechock), Christian Carions "Im Taxi mit Madeleine" (Artechock), Ruth Olshans "Himbeeren mit Senf" (Artechock) und Marion Ammichts von Arte online gestellter Film "Gundremmingen - eine deutsche Atomgeschichte aus der Provinz" (BLZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.04.2023 - Film

Die Zeit hat im Kulturbetrieb nachgefragt, wie es um Cancel-Culture-Sorgen und Diversitätsauflagen steht. Da gibt es mittlerweile viel zu bedenken und zu berücksichtigen, damit das Publikum gut erzogen wird, sagt der Regisseur Kai Wessel: "Schon lange soll in Fernsehfilmen kein Alkohol getrunken werden, im Auto muss man sich anschnallen, Zuschauer sollen nicht auf schlechte Gedanken gebracht werden. Wenn man als Drehbuchautor*in einen Stoff verkaufen will, dann ist man gut beraten, ein paar Namen reinzuschreiben, die nicht 'biodeutsch' sind. Die Redaktionen sind angewiesen, Stoffe divers zu entwickeln. Ich finde das großartig. Denn so können wir aus der alten Soße rauskommen. Nur das Zwangartige stört mich, die Einteilung von Menschen in Schubladen. Das engt künstlerische Freiheiten ein."

Außerdem: Im Standard spricht Nikolaus Geyrhalter über seinen (in Deutschland fürs Kino derzeit noch nicht angekündigten) Dokumentarfilm "Matter out of Place" über Müll. In seiner Tagesspiegel-Kolumne amüsiert sich Joachim Huber darüber, dass Netflix und Lacoste nun eine gemeinsame Modelinie herausgeben: "Wird Streaming noch mal schöner, wenn ich die 'Bridgerton'-Schnulze in Lacoste x Netflix-Socken (3er-Pack für 50 Euro) erlebe?" Andreas Rosenfelder (Welt) und Philipp Bovermann (SZ) staunen über den sensationellen Erfolg des "Super Mario Bros"-Films - dass die Kritik den Film "bislang ignoriert" habe, wie Rosenfelder behauptet, können wir allerdings nicht bestätigen.

Besprochen werden Christian Petzolds "Roter Himmel" (Zeit, online nachgereicht von der FAZ, mehr dazu bereits hier und dort), Sam Mendes' "Empire of Light" (Welt, NZZ, Jungle World), Lee Cronins Horrorfilm "Evil Dead Rise" (ZeitOnline), eine Kino-Neuauflage von Loriots Animationsfilmen (Tsp), Alice Birchs Serienadaption von David Cronenbergs Horrorklassiker "Dead Ringers" (Freitag) und die Serie "Wolf Pack" (FAZ).