Heute Abend wird der
Deutsche Filmpreis verliehen - die Debatten in der deutschen Filmbranche laufen derweil heiß. In der
FR kommt Daniel Kothenschulte erneut auf den Skandal zu sprechen, dass
Christian Petzolds auf der Berlinale prämierter, von der Filmkritik und vom Publikum gefeierter "Roter Himmel" nicht einmal für eine Nominierung vorausgewählt wurde - wohl auch, weil Petzold kein Akademie-Mitglied ist. Ohnehin steht das Verfahren seit vielen Jahren in der Kritik, dass hier Branchenmitglieder Branchenmitgliedern
aus Steuern finanzierte Preisgelder zuschanzen. Künftig soll das Verfahren wohl transparenter werden, aber für Kothenschulte führt kein Weg daran vorbei, dass "die Vergabe dieser wichtigen Fördermittel - immerhin 250.000 Euro nur für eine Nominierung zum Hauptpreis - wieder durch eine
unabhängige Jury erfolgen muss." Auch "sollte die Zeit reif sein, es vergleichbaren Instituten in den USA, Frankreich oder Spanien gleichzutun: Oscars, Césars oder Goyas - all diese renommierten Preise werden von den nationalen Akademien als undotierte Ehrenpreise vergeben. Was hindert die Filmakademie daran, den
Makel des Selbstbedienungsladens abzustreifen?"
Schier fassungslos
ist derweil Hanns-Georg Rodek in der
Welt: Die
Deutsche Kinemathek in Berlin verliert in anderthalb Jahren ihren Standort am Potsdamer Platz, was
seit zehn Jahren bekannt ist - doch wo die Reise 2025 hingeht, steht derzeit noch in den Sternen. "Es soll eine
Vorauswahlliste mit vier Standorten geben, alle innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings, alles existierende Bauten, aber selbst wenn diesen Sommer eine Entscheidung fiele, müssten diese erst
kinematheksgerecht umgebaut werden. Es wäre dann, sagt Kinematheksdirektor Rainer Rother, nur ein 'Zwischenquartier'", denn "die Kinemathek träumt von einem
neuen Filmhaus, nur 300 Meter Luftlinie von dem alten, auf dem Parkplatz des Martin-Gropius-Baus, des Ausstellungs-Tempels. Die Idee entstand Ende der Zehnerjahre, und fünf Jahre später steht immer noch der Platanenwald auf dem Parkplatz, und - befürchten Skeptiker - wird auch in
fünf Jahren noch dort stehen."
Derweil bedrängen die Filmproduzenten Claudia Roth, endlich die seit vielen Jahren ersehnte Reform der
Filmförderung auf den Weg zu bringen, berichtet Helmut Hartung in der
FAZ: "Die Förderung sei zu kleinteilig,
aufgesplittert in sich teilweise widersprechende Instrumente und ineffektiv. Ingo Fliess, unabhängiger Filmproduzent und Vorstandsmitglied des Produzentenverbands, ergänzt, es gehe darum, mit der Novelle des Filmförderungsgesetzes eine
regulatorische Innovation zu erreichen. Mit stärkeren Automatismen sollen Filme schneller, mit weniger Bürokratie und weniger Gremienvorbehalten finanziert werden. Die Filme könnten besser sein, wenn es in Deutschland eine schlankere und unkompliziertere Filmförderung gäbe. Um einen Arthouse-Kinofilm mit einem Budget von drei bis vier Millionen Euro zu finanzieren, benötige man zurzeit zwei Jahre oder länger. Dazu gehörten dann
zehn bis 15 Finanzierungspartner."
Und dann war ja auch noch die Sache mit
Til Schweiger. Im
SZ-Gespräch räumt
Constantin-Chef
Martin Moszkowicz durchaus Versäumnisse ein und beteuert: "Wir haben mit der Aufarbeitung begonnen und eine externe Kanzlei mit der Aufklärung aller Vorkommnisse beauftragt." In der Branche geht derweil die
nackte Angst um, schreibt Claudius Seidl in der
FAZ. Er hat sich im Betrieb umgehört und schlimme Geschichten gehört: "Die
Fernsehleute haben Angst vor der Willkür inkompetenter Vorgesetzter und vor dem nächsten Kostenkürzungskonzept der Intendanz. Die
Kinoleute haben Angst vor beidem: dass die Fernsehleute sich einmischen. Und fast noch mehr davor, dass das Fernsehen kein Geld in Spielfilme mehr investiert.
Regisseure haben Angst, das Budget zu sprengen, den Drehplan zu überziehen und vor lauter Druck schlampig zu inszenieren. Und
alle anderen, die Autoren und Kameraleute, die Schauspieler und Maskenbildner, sind Freiberufler, die fürchten, keine Engagements mehr zu bekommen, wenn sie erst einmal als Petzen oder Querulanten verrufen sind. Das ganze System ist
äußerst fragil."
Weitere Artikel: "Wir müssen erkennen, dass es keine Technologie ist, um die wir gebeten haben oder die wir brauchen",
sagt der Drehbuchautor
Anthony McCarten im
TA-Gespräch mit Blick auf die Fortschritte, die
Künstliche Intelligenz in den letzten Monaten gemacht hat: "Wir brauchen eine
Regulierung, und zwar schnell." Bert Rebhandl (
Standard), Annett Scheffel (
SZ) und Julia Lorenz (
Zeit) erzählen von ihren Begegnungen mit
Ari Aster, dessen Groteske "Beau is Afraid" (unser
Resümee) gerade in den Kinos gestartet ist.
Besprochen werden
İlker Çataks "Das Lehrerzimmer" (
Filmfilter, unsere
Kritik),
Léa Mysius' "The Five Devils" (
Filmfilter, unsere
Kritik) und
Davis Guggenheims auf
AppleTV+ gezeigter Dokumentarfilm über
Michael J.
Fox (
FAZ).