Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2023 - Film

Bemüht sich, krumm in der Landschaft herumzustehen: Thomas Schubert in "Roter Himmel"

Die Begeisterung der Filmkritiker für Christian Petzolds "Roter Himmel" (unser erstes Resümee) hält an: Die Sommerkomödie über einen für die Kunst leidenden Nörgler von einem Schriftsteller, während rings um ihn herum die Menschen den Urlaub genießen, überzeugt Barbara Schweizerhof von der taz: "Thomas Schubert bringt das Unbehagen von Leon großartig zum Ausdruck. Nicht nur in der Mimik, dem immer etwas gequälten Gesichtsausdruck, der zu sagen scheint: 'Ich bemühe mich doch!', sondern in der ganzen Körpersprache, dem stets etwas krummen Herumstehen in der Landschaft. ... Dabei dosiert Schubert sein Abbild von Miesepetrigkeit so präzis, dass er doch nie ganz zur Witzfigur wird." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte stellt fest: "In einer Atmosphäre flirrender Sinnlichkeit gibt Petzold der Sprache, diesem angeblich unfilmischen Mittel, ein ungewöhnliches Gewicht." Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek sah einen "Film der einseitigen, der unverbindlichen, der verdeckten Beziehungen und von daher ziemlich Rohmer - aber Petzold wäre nicht der Deutsche, der er eben auch ist, wüchse aus dem Unverbindlichen nicht das Bedrohliche." Perlentaucher Patrick Holzapfel erlebte bei der Berlinale-Premiere eine Befreiung des Regisseurs "von den großen Auteurgesten": Petzold wendet sich hin "zur reinen, ausgestellt naiven Freude am Kino".

Weitere Artikel: Katharina Rustler porträtiert im Standard die Schauspielerin Thea Ehre, die bessere Bedingungen für Transmenschen in der Branche fordert. Netflix hört auf - allerdings nur mit dem DVD-Versand, mit dem das Unternehmen einst am Markt in Erscheinung getreten ist und den es bisher auch tatsächlich nicht aufgegeben hatte, melden Christian Meier (Welt) und David Steinitz (SZ). Das Kino würdigt derzeit mit Vorliebe nostalgisch aufgeladenes Plastikspielzeug, seufzt Pascal Blum im Tagesanzeiger. In der FAZ gratuliert Michael Hanfeld dem Schauspieler Claus Theo Gärtner zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden May Spils' derzeit im Streamingprogramm der Deutschen Kinemathek gezeigtes Debüt "Das Portrait" von 1966 (Perlentaucher), Sam Mendes' Melodram "Empire of Light" (Tsp, FAZ, SZ), Brandon Cronenbergs Science-Fiction-Horrorfilm "Infinity Pool" (ZeitOnline, SZ), die letzte Staffel der HBO-Serie "Succession" (Jungle World, TA), Tarik Salehs "Die Kairo-Verschwörung" (Standard), die Münchner Ausstellung über 100 Jahre Disney (FR), die DVD-Ausgabe von Mary Nighys "Alice, Darling" (taz), Kyle Marvins "Brady's Ladies" (FR) und die auf Sky gezeigte Serie "A Town Called Malice" (FAZ). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.04.2023 - Film

Locker machen, der Wald brennt: "Roter Himmel" von Christian Petzold

Die Filmkritik feiert Christian Petzolds "Roter Himmel", in dem ein verschroben-verkniffener Schriftsteller in der Sommerfrische an der Ostseeküste (unter den Eindrücken eines nahenden Waldbrandes) lernt, dass er sich auch mal locker machen muss. Thomas Schubert spielt ihn, ein Neuzugang in der Petzold-Factory und eine Entdeckung, findet Susan Vahabzadeh in der SZ: "Es ist ein schöner Balanceakt, den er hier hinbekommt - er nervt, aber nie so sehr, dass man nicht mehr wissen wollen würde, wie er denn nun aus dieser Geschichte herauskommt. Wie ein tapsiger Welpe, der Porzellan zerschlägt." Der Film selbst "ist wunderbar leichtfüßig erzählt, kaum ein anderer deutscher Filmemacher kann so genau seine Figuren zeichnen, mit seinen Bildern so präzise Emotionen schaffen wie Christian Petzold".

Ein Film "wie eine Komödie nach Eric Rohmer", schreibt Gunda Bartels im Tagesspiegel: "Der Wind am Strand, das Sirren der Mücken und Summen der Fliegen: 'Roter Himmel' ist auch eine Sinfonie der Sommerklänge. Und ein Kaleidoskop aus verstohlenen Fensterblicken (Kamera: Hans Fromm), mit denen Leon die Unbeschwerten beargwöhnt, die nicht unter dem Druck stehen, sich als Schriftsteller beweisen zu müssen." Dlf Kultur hat ausführlich mit Petzold gesprochen. Auch die englischsprachige Filmpresse hat bei Petzold nachgefragt: Große Gespräche über seinen Film bringen Film Comment und Cinema-Scope. Außerdem spricht Petzold in der ersten Stunde dieser "Langen Nacht" beim Dlf Kultur ausführlich über Hitchcock.

David Steinitz nimmt den Kinostart des Films nochmal zum Anlass, um auf das peinliche Versagen der Deutschen Filmakademie hinzuweisen, die für die Vergabe des Deutschen Filmpreises zuständig ist - und "Roter Himmel" nicht einmal für die Vorauswahl qualifizierte, mutmaßlich weil Petzold kein Akademiemitglied ist. Ärgerlich wird dies vor allem, weil der private Verbund erhebliche Beträge aus Steuermitteln zu verschenken hat und schon eine Nominierung Vorteile bei der Förderung weiterer Filme schafft. Da stellt sich "die Frage, warum die diesjährige Spielfilmjury nicht nur eine Handvoll Filme, sondern 40 Prozent eines Jahrgangs preiswürdiger findet als das bereits hymnisch rezensierte Werk eines der wichtigsten deutschen Filmemacher" und auch "ob das Blödheit oder Absicht ist". Immerhin fällt auf, dass sowohl Publikumsfilme als auch Kritiker-Erfolge "es beim Filmpreis oft besonders schwer haben, während das Mittelmaß die Preise unter sich aufteilt".

Außerdem: Georg Seeßlen erklärt im epischen ZeitOnline-Essay den Disney-Konzern, der in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert, zu einer Religion. Im Tagesspiegel empfiehlt Christiane Peitz das Ukrainian Film Festival in Berlin. Besprochen wird die von Arte online gestellte Doku "Die Zukunft in unseren Händen" über die Arbeit von Hebammen (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2023 - Film

Wahre Schönheit kommt von innen: Brandon Cronenbergs "Infinity Pool"

Es liegt ja in der Familie: Auch Brandon Cronenberg, Sohn von Körperdichter David Cronenberg, zeigt in seinen Filmen fiesen Bodyhorror, der tief vordringt ins Gewebe von Körper und Geist. Jetzt kommt sein dritter Film "Infinity Pool" ins Kino und handelt von einem Luxus-Resort in einem Entwicklungsland, wo die Dekadenz der Gäste irgendwann seltsame Blüten treibt, als sie darauf stoßen, dass man hier seinen eigenen Körper klonen und damit allerlei Unsinn anstellen kann. "Cronenberg tippt etliche Gedanken mit philosophischem Potential an, um dann zügig den nächsten 'What the fuck?'-Moment draufzusetzen", schreibt Simon Rayß im Tagesspiegel. "Zu den bizarren Höhepunkten gehören unter anderem ein Wrestling-Kampf mit einem nackten Alter Ego sowie eine Orgie im Drogenrausch mit albtraumhaft mutierenden Geschlechtsteilen." Mit dem Kameramann Karim Hussain findet Cronenberg "faszinierend-obszöne Bilder: ein Kaleidoskop aus Farben, Formen, Überblendungen und Strobo-Geflacker, um der zunehmenden Enthemmung eine visuelle Form zu geben. Man muss sich auf diesen Bilderrausch schon einlassen wollen, die philosophischen Fragen allein tragen die Handlung nicht."

Außerdem: Im Tagesspiegel empfiehlt Claudia Lenssen dem Berliner Publikum die auf mehrere Kinos verteilte Retrospektive Claudia von Alemann der Deutschen Kinemathek: Wiederzuentdecken sind Filme, "die für ihr lebenslanges Interesse an den ungelösten Fragen weiblicher Emanzipation stehen und Claudia von Alemann zu einer der bedeutendsten Regisseurinnen des feministischen Films machen". Michael Ranze verneigt sich im Filmdienst vor Lindsay Anderson, der dieser Tage 100 Jahre alt geworden wäre.
 
Besprochen werden Sam Mendes' "Empire of Light" über die Thatcher-Ära (Zeit), die Netflix-Serie "Beef" (NZZ) und die zweite Staffel der Serie "Para - Wir sind King" über coole junge Frauen aus dem Berliner Wedding (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2023 - Film

Die Soziologie der Körpersprache: "The Good Mothers" auf Disney+

Tazler Ambros Waibel ist hin und weg von der auf Disney+ gezeigten Mafiaserie "The Good Mothers", die auch schon auf der Berlinale ausgezeichnet wurde: "Die Tristesse eines zentralen Ortes der 'Ndrangheta wie dem in der Ebene von Gioia Tauro gelegenen Rosarno, die Geducktheit der Menschen und die Brutalität, der Hass auf die Frauen und der Rassismus des mafiösen Milieus" wurden seiner Ansicht nach noch nie "so eindrücklich und realistisch" gezeigt. Zu erleben "ist ein großes Kunstwerk". Insbesondere die Schauspielerinnen Valentina Bellè, Micaela Ramazzotti, Gaia Girace und Simona Distefano "spielen in einer anderen Liga der Intensität, der soziologischen Recherche der Körpersprache".

Besprochen werden Makoto Shinkais Animationsfilm "Suzume" (Standard, unsere Kritik), die neue Staffel von "The Marvelous Mrs. Maisel" (Welt), Anna Wingers Netflix-Serie "Transatlantic" (Tsp) und Elizabeth Banks' Trashfilm "Cocaine Bear" (online nachgereicht von der FAZ, NZZ, unsere Kritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.04.2023 - Film

Antipatriachaler Protest: "Mi país imaginario" von Patricio Guzmán

SZ-Kritiker Philipp Stadelmaier verlässt nach Patricio Guzmáns Dokumentarfilm "Mi país imaginario" den Kinosaal mit gereckter Faust: Der Film zeige, "dass kollektive Anstrengungen die Dinge zum Besseren verändern können". Es geht um politische Aufstände in Chile im Allgemeinen und um jenen im Jahr 2019 im Besonderen. Zu Beginn hagelt es Steine auf Polizisten und "auch die Bilder dieses Films funktionieren wie Steine, aber eher wie solche, mit denen man ein neues, imaginäres Land aufbauen kann." Zu Wort kommen übrigens nur Frauen, da diese es "sind, die diese antipatriarchale Revolte vorangetrieben, ihr eine Stimme gegeben haben. Etwa mit dem viral gegangenen Sprechgesang des Theaterkollektivs Las Tesis, in dem der Unterdrückungsstaat als vergewaltigender Mann identifiziert wird: 'El violador eres tú.' Tausende Frauen singen das, erheben synchron ihre Arme, als Symbol gegen die Staatsmacht. Wenn man das sieht, hat man nur einen Wunsch: mit auf die Straßen zu gehen und das Patriarchat in Schutt und Asche zu legen. Die Leinwand steht in Flammen."

Erst "Air" (über Sneakers aus den Achtzigern), dann "Super Mario Bros" (über eine Videospielfigur aus den Achtzigern) im Kino, außerdem "Tetris" auf AppleTV+ (über ein Game aus den Achtzigern) und demnächst "Barbie" (über ein Spielzeug aus den Achtzigern): "Als hätten sich die Studios zu einer Warenfetischismus-Offensive verabredet, erzählen sie plötzlich Geschichten über die unwiderstehliche Sexiness von Produkten", schreibt Peter Praschl in der Welt und sehnt sich nach den Zeiten, als Hollywood in seinen Kinobiografien noch von Bürgerrechtlern erzählte. "Gemeinsam ist diesen Filmen das umstandslose Einverstandensein mit dem Kapitalismus.(...) Konsumismus, Plastikmüll, die Arbeitsbedingungen in den Sweatshops einer globalisierten Ökonomie, der Irrsinn, der darin steckt, dass ein Schuh ein Glücksversprechen ist - all das wird von den neuen Produktfilmen nicht thematisiert. Vorbei die Zeiten, in denen die Unterhaltungsindustrie sich ein Vergnügen daraus gemacht hat, gierige Wall-Street-Banker, lebensgefährliche Tabak- und Pharmaproduzenten, zugekokste Manager oder betrügerische Hochstapler vorzuführen. Jetzt, mitten in der Inflation, ist der Kapitalismus wieder gut. Weil seine Waren Gefühlspflaster sind."

Außerdem: In seiner wöchentlichen Artechock-Kolumne ärgert sich Rüdiger Suchsland unter anderem darüber, dass sich Claudia Roth ihren Trip zu den Oscars zunächst von Netflix bezahlen ließ (bevor sie den Betrag aus eigenen Mitteln rückerstattete) und dass deutsche Filmproduzenten an Roths Vorschlägen zur Reform der deutschen Filmförderung zunächst im Stillen mitgeschrieben haben, um unmittelbar nach der Veröffentlichung Roths Papier in höchsten Tönen zu lobpreisen: "Eigenlob stinkt." Die scheidenden Diagonale-Intendanten Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber blicken im Filmdienst-Gespräch auf ihre Zeit als Festivalleiter zurück und auf die sich verändernde Filmfestival-Landschaft.  Andreas Scheiner blickt für die NZZ auf die zahlreichen Eskapaden von und Skandale um Gérard Depardieu - aktuell werfen ihm zahlreiche Frauen vor, an Filmsets anzüglich zu sein und rumzutatschen. In seiner Serienkolumne für die Zeit fragt sich Matthias Kalle, warum ausgerechnet im so glücklichen Skandinavien so düstere Serien entstehen. Im Filmdienst führt Thomas Klein durch die Geschichte der "Drei Musketiere"-Verfilmungen.

Besprochen werden Makoto Shinkais Animationsfilm "Suzume" (Filmdienst, mehr dazu hier) und Adrian Goigingers Historiendrama "Der Fuchs" (Tsp, Filmdienst).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.04.2023 - Film

Da kommt was auf uns zu: "Asteroid City" von Wes Anderson läuft ebenfalls in Cannes

Cannes hat seinen Wettbewerb bekannt gegeben - und wenn man die letzten Jahre schon dachte, dass das Filmfestival unmöglich noch mehr große Namen in einen Jahrgang packen kann, setzt es in diesem Jahr sogar noch einen drauf: Daniel Kothenschultes "cinephile Erwartungen" sind jedenfalls "gekitzelt", gesteht der Kritiker in der FR. Die Croisette bleibt auch weiterhin "das globale Zentrum der Filmkunstwelt", staunt Tobias Kniebe in der SZ. Aber was läuft? Neue Filme von unter anderem diesen: "Wenders. McQueen. Kitano. Kaurismäki. Anderson. Kore-eda. Moretti. Bellocchio. Haynes. Loach. Almodovar" und der neue Scorsese läuft außer Konkurrenz - bei diesem "Überfluss", dem sich dann noch Heerscharen Stars von vor der Kamera anschließen, muss sich Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek erst einmal hinsetzen, damit es ihn nicht umwirft. Nur neue Impulse vermisst er: Viele dieser Meister sind - "das bringen Meisterschaft und Bekanntheitsgrad mit sich - bereits in ihren Siebzigern oder Achtzigern. Unter den 19 Wettbewerbsregisseuren gibt es nur zwei Cannes-Neulinge, die Tunesierin Kaouther Ben Hania und die Senegalesin Ramata-Toulaye Sy. Es gibt, um diese Abfragen auch gleich zu erledigen, sechs Frauen im Wettbewerb, einen Film aus dem Iran und keinen aus der Ukraine oder Russland."

Ob es an Iris Knobloch, der neuen Präsidentin des Festivals, liegt, dass das deutsche Kino in Cannes in diesem Jahr zumindest ein klein wenig präsenter ist? Neben Wenders' "Perfect Days" läuft jedenfalls noch ein Dokumentarfilm von Wang Bing über Anselm Kiefer an der Croisette und die Schauspielerin Sandra Hüller tritt in gleich zwei Wettbewerbsfilmen auf, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel, dem ein frischer Wind allerdings auch ziemlich auffällig fehlt: Zwar sind in diesem Jahr erneut zwei Blockbuster im Programm, doch "möchte man daraus eine neue Politik von Thierry Frémaux ableiten, dann die, dass Hollywood in Cannes, wie schon im Vorjahr mit 'Top Gun' und 'Elvis', nur noch für den Glamour gebraucht wird, während der Autorenfilmer Todd Haynes im Wettbewerb läuft. Und Netflix weiter außen vor bleibt. Ob man so aber 2023 ein Filmfestival modernisiert?"

Außerdem: Torsten Groß (ZeitOnline) und Andreas Busche (Tsp) berichten von Quentin Tarantinos Berliner Lesung aus seinem Buch "Cinema Speculation". In der NZZ gratuliert Andreas Scheiner Netflix - der Streamer hat ja bekanntlich als DVD-Versand begonnen - zum 25-jährigen Bestehen.

Besprochen werden Léa Mysius' "The Five Devils" (Artechock, unsere Kritik), Patricio Guzmáns Dokumentarfilm "Mi país imaginario - Das Land meiner Träume" über politische Aufstände in Chile (Jungle World, taz), Emily Atefs "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" (Artechock), Makoto Schinkais Animationsfilm "Suzume" (Artechock, critic.de, mehr dazu hier), Adrian Goigingers "Der Fuchs" (Artechock), Axel Ross Perrys auf Mubi gezeigter "Queen of Earth" (critic.de), Elizabeth Banks' "Cocaine Bear" (ZeitOnline, unsere Kritik), Amina Handkes "Mein Satz", eine Verfilmung des Stücks "Kaspar" ihres Vaters (Standard), Martin Bourboulons Neuauflage von "Die drei Musketiere" (Standard, Presse), die Netflix-Serie "Beef" (Freitag), die ZDFneo-Serie "I don't work here" (taz) und eine Ausstellung in der Kleinen Olympiahalle München über 100 Jahre Disney (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.04.2023 - Film

Revolution mit ungewissem Ausgang: die Reporterin Jocelyne Saab

Valerie Dirk empfiehlt im Standard die Schau "Permissible Dreams" des Österreichischen Filmmuseums mit Dokumentarfilmen arabischer Feministinnen, bei der sich einige Entdeckungen machen lassen. Darunter die Reportagen der Libanesin Jocelyne Saab, die das urbane Ägypten und Beirut zeigen. "Ihr Blick auf den Status quo revolutionärer Umbrüche, ohne deren Ausgang zu kennen, macht Saabs Reportagen sehenswert. Denn hätte die überzeugte Feministin das repressive Ende der iranischen Revolution gekannt, hätte sie diese wohl weniger wohlwollend als in 'Iran: L'Utopie en marche' porträtiert. In der Reportage von 1980 spricht Saab mit iranischen Revolutionären, aber auch mit jenen, die den Umbrüchen kritisch oder ohnmächtig gegenüberstehen. Darunter sind junge Studentinnen mit offenem Haar und westlicher Kleidung, aber auch Heroinabhängige in den Drogenvierteln der Großstadt, die sich, seitdem Vergnügungen und Alkohol verboten sind, in heruntergekommenen Baracken und auf offener Straße berauschen. Damit setzt Saab dann doch noch dem gängigen Propagandanarrativ, der Westen sei ein amoralischer Drogenpfuhl, einen anderen Blick auf die iranische Revolution entgegen."

Feuriger als David Lynch: "The Five Devils"

Mit ihrem zweiten Film "The Five Devils" über ein junges Mädchen, dessen Geruchssinn geradezu überbordende sinnliche Welten eröffnet, braut Léa Mysius "eine feurige Hexensuppe zusammen, aus Bosheit und Wahn, Begehren, Zauber und Liebesrausch", schreibt Thekla Dannenberg im Perlentaucher. "Dabei greift sie zu allem, was die Mystery an Genre-Elementen hergibt: Time-Loop, Teenager-Drama und Teufelskräfte. Nicht alles bleibt subtil, manches gerät konventionell, auch wenn der Film visuell sehr sorgfältig gestaltet ist. Doch in manchen Passagen entwickelt der Filme eine magische Kraft, die an David Lynch heranreicht, nur eben feuriger." Das Kino hat mit Gerüchen aus naheliegenden Gründen oft ein Problem, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel und lobt daher Mysius' Film umso mehr: Deren Kino hat "die seltene Qualität, seine Zustände zu wechseln. ... Metaphysisch ist das Kino Léa Mysius deswegen noch lange nicht, sondern im Gegenteil tief in einem Naturalismus verankert." Dem Film und seiner Macherin "gelingt es, dem Dunklen sein Dasein zu gönnen, das Sphärische von Poesie aufrechtzuerhalten und gleichsam eine sehr weltliche Erzählung zu transportieren", hält tazlerin Arabella Wintermayer fest.

Außerdem: Nach Recherchen der französischen Website Mediapart (leider verpaywallt) werden Gérard Depardieu von zahlreichen Frauen "sexuelle Gesten und Worte von unterschiedlicher Schwere" auf Filmsets vorgeworfen, berichtet Marc Zitzmann in der FAZ: Der Schauspieler verbreite damit beim Dreh "eine stark sexualisierte Atmosphäre". Valerie Dirk versucht sich im Standard an einer Erklärung dafür, warum der neue "Super Mario Bros"-Film (unsere Kritik) derzeit alle Kassenrekorde bricht.

Besprochen werden Makoto Shinkais Animationsfilm "Suzume" (FR, taz, SZ, unsere Kritik), Elizabeth Banks' Tierhorror-Drogen-Groteske "Cocaine Bear" (Perlentaucher, Standard), Alex Gibneys auf AppleTV+ gezeigter Porträtfilm "Boom Boom - The World vs. Boris Becker" (FR), Adrian Goigingers "Der Fuchs" (Welt), Christian Carions "Im Taxi mit Madeleine" mit Dany Boon und Line Renaud (Freitag), Achmed Abdel-Salams "Heimsuchung" (Standard), Martin Bourboulos filmische Neuauflage der "drei Musketiere" (taz) und die dritte Staffel von "Die Connors" (taz). Außerdem verrät die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.04.2023 - Film

Rettet mit belebtem Stuhl die Welt: Suzume

Makoto Shinkais neuer Animationsfilm "Suzume" begeistert mit Jens Balzer und Dietmar Dath die beiden Anime-Spezialisten der Feuilletons. Die Geschichte um ein junges Mädchen, das sich gemeinsam mit einem belebten Stuhl daran macht, die Welt vor dem Untergang zu retten, schafft auch Raum für melancholische Zwischentöne, denn "Shinkai ist ein Meister des Lichts", schreibt Balzer in der Zeit, "wie kein anderer Zeichentrickfilmer der Gegenwart vermag er seinen Bildern mit Farben und Schatten eine Aura des Lebens zu stiften - und eine Aura des Todes. Wie kein anderer malt er Welten im Niedergang, der entschwindenden Erinnerung, der entweichenden Kraft; und dann bringt er seine Panoramen plötzlich zum Beben: mit den Erschütterungen einer berstenden Erde, aber auch mit den Zeichen einer erwachenden Zukunft." Shinkai löst sich mit diesem Film zusehends davon, die eigene Erfolgsformel (wie er es nach dem Hit "Your Name" mit "Weathering with You" getan hatte) einfach erneut umzusetzen, schreibt Dath in der FAZ. "Technik ist Shinkai stets Zündvorrichtung für Seelisches", führt er außerdem aus. Bei dem japanischen Filmemacher "werden selbst Requisiten tiefenlaunisch, seine Fahrräder etwa, die von vorn zu Strichen zusammengedrückt scheinen und dennoch Masse, Gewicht, Geltung haben."

Sexualität zwischen weiblicher Selbstbestimmung und Bemächtigung: Emily Atefs "Irgendwann werden wir uns alles erzählen"

Emily Atef bringt mit "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" Daniela Kriens gleichnamigen Wenderoman auf die Leinwand: Im brütenden Sommer 1990 geht es im thüringischen Grenzland um eine Amour Fou zwischen einer jungen Frau und einem deutlich älteren Bauer. "Weil Atef die Geschichte fast gänzlich aus Marias Perspektive erzählt, bleibt ein wichtiger Aspekt von Kriens Geschichte erhalten", schreibt Kathleen Hildebrand in der SZ: "Dass auch eine sehr junge Frau eine selbstbestimmte Sexualität haben kann. Dass nicht jeder Sex zwischen einer jungen Frau und einem deutlich älteren Mann von vornherein missbräuchlich ist. ... Die nervöse Spannung zwischen den beiden rührt dann auch weniger von dem Altersunterschied her als vielmehr von einer flirrenden Uneindeutigkeit in ihrer Beziehung - über der stets die schwierige, zugleich lustvolle und angsterfüllte Annäherung zwischen Ost und West steht: Verlieben sich da zwei gegen alle Vernunft und wollen zusammen sein? Oder testen sie nur die Grenzen des anderen aus?"

Kerstin Decker lobt den Film im Tagesspiegel "für seinen abwesenden Erklärungsdrang": Die Regisseurin "macht Filme aus Atmosphären". Die Sexualität des Bauern "ist hart, sie ist Angriff, Bemächtigung, nichts weiter. Und dem liefert sich diese sensible junge Frau aus? Regisseurin und Darsteller wagen eine - gelingende - Gratwanderung, denn das sind beileibe keine kinoalltäglichen Beischlafszenen; und der Zuschauer ist kaum gestimmt, sich unversehens in einer Studie über sexuelle Hörigkeit wiederzufinden. Dazu ist das, was sonst noch geschieht, viel zu wesentlich." FAS-Kritiker Peter Körte hingegen ist ratlos - und dies vor allem über sich selbst, was den schwelgenden Tonfall des Films betrifft: "Einer schwärmerischen 17-Jährigen mögen lyrisches und reales Ich ganz von selbst verschmelzen; beim Zusehen geht das nahtlos in Kitsch über. Es ist auch nicht zwingend oder stilsicher, wenn auf die großen Gefühle ständig Bilder weiter Himmel folgen, mit dramatischen Wolken und starken Farben, oder Ähren im Wind in Großaufnahme. Als Metapher für Seelenlandschaften ist das ziemlich verbraucht. ... Und dennoch verfehlt dieses konventionelle Aufgebot erzählerischer Mittel seine Wirkung nicht. Warum das so ist, bleibt ungleich interessanter als die Frage, wie der Film denn nun ist."

Außerdem: Hanns-Georg Rodek spricht in der Welt mit Tarik Saleh, dem Regisseur des Thrillers "Die Kairo-Verschwörung". Marian Wilhelm wirft für den Standard einen Blick ins Programm des Wiener Pornfilmfestivals.

Besprochen werden Michael Biedowiczs beim Filmfestival "Achtung Berlin" gezeigte Doku "Alles anders machen" über die Ost-taz, die 1990 drei Monate lang erschien (Tsp), Ben Afflecks "Air" (NZZ, unsere Kritik), Lars Kraumes "Der vermessene Mensch" (NZZ), die Netflix-Serie "Transatlantic" (taz), die dritte Episode der letzten Staffel der HBO-Serie "Succession" (TA), die auf AppleTV+ gezeigte Serie "Extrapolation" über den Kampf gegen den Klimawandel (TA), Léa Mysius' "The Five Devils" (SZ) und Elizabeth Banks' Groteske "Cocaine Bear" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.04.2023 - Film

Im November läuft das Urheberrecht für Micky Maus aus - zumindest, was Micky Maus in der Darstellung seines ersten Auftritts im Cartoon-Klassiker "Steamboat Willie" (noch ohne Handschuhe!) betrifft, schreibt Anna Sophie Kühne in der FAS. Für den Disney-Konzern ist das eine Herausforderung - und für Leute, die an Micky Maus nun Geld verdienen wollen, ohne an Disney Geld zu bezahlen, ein Risiko. Denn "das Lizenzgeschäft wirft Milliarden ab, die Produkte verschaffen Disney auf der ganzen Welt Bekanntheit - ohne dass das Unternehmen eine einzige Puppe, ein einziges Raumschiff oder Plüschtier selbst herstellen müsste. ... Weil für Disney daran so viel Geld hängt, wird der Konzern mit allen Mitteln versuchen, seinen markenrechtlichen Anspruch an Micky-Maus-Merchandising auch in Zukunft durchzusetzen. Die genauen Regeln sind kompliziert. Eine 'Trademark' zum Beispiel kann, anders als das Urheberrecht, auf unbestimmte Zeit gelten. Eine Abbildung aus 'Steamboat Willie' auf einem T-Shirt könnte trotzdem erlaubt sein. Auch die Verwendung des Namens Micky Maus ist juristisch unter Umständen möglich, ohne dass Disney dafür Geld verlangen kann. Nur müssen sich die Hersteller dann vermutlich auf einen langen und teuren Rechtsstreit mit Disney gefasst machen." Hier Micky Maus' erster Auftritt im November 1928:



Außerdem: Die oscarprämierte Multiverse-Groteske "Everything Everywhere All at Once" lässt Bert Rebhandl in einem Standard-Essay neu über Jesu Auferstehung nachdenken. Besprochen werden Elizabeth Banks' Groteske "Cocaine Bear" (Tsp), die Netflix-Serie "Transatlantic" über Mary Jayne Golds Rettung von 2000 Jüdinnen und Juden vor dem Holocaust (NZZ, Welt), Tarik Salehs "Die Kairo-Verschwörung" (online nachgereicht von der FAZ), Léa Mysius' "The Five Devils" (FAS), die Netflix-Serie "Beef" (FAZ), der auf Disney+ gezeigte Papstfilm "Amen" (FAZ), die Sky-Serie "Tender Hearts" (taz) und eine Sky-Doku über den Anschlag auf den BVB vor sechs Jahren (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.04.2023 - Film

Szene aus "3000 Nights", einer der "Palestinian Stories" bei Netflix


Die Netflix-Reihe "Palestinian Stories" präsentiert laut eigener Auskunft "herzliche, humorvolle und fesselnde Filme" aus Palästina, aber bei all den antijüdischen Klischees, die in den Filmen geballt werden, vergeht tazler Chris Schinke das Lachen nach Strich und Faden. Darin J. Sallams Debütfilm "Farha" etwa zeigt Soldaten des israelischen Militärs "als Herrenmenschen in Nazimanier, als perfide Kindsmörder - gewalttätig, rachsüchtig, verlogen". Weitere "einschlägige antijüdische Zerrbilder" zeige auch Mai Masris "3000 Nights", in dem eine junge, schwangere Palästinenserin in einem israelischen Gefängnis landet. "Die Wärterinnen der Einrichtung - gezeichnet werden sie von Masri durchwegs als sadistische Bestien - quälen mit Hingabe die arabischen Insassinnen, in der Mehrzahl junge, unschuldige Frauen." Und "während eines Gefängnisaufstands leitet das israelische Militär einen chemischen Kampfstoff in das Gebäude. Leblose Körper säumen die Gänge und Zellenböden. In einem Dialog fällt folgender Satz: 'Gas? - Habt ihr nichts aus der Geschichte gelernt?!'"

Szene aus "Transatlantic"


Auch mit der Serie "Transatlantic" über die von den USA aus finanzierte Aktion, die seinerzeit Hannah Arendt, André Breton und andere vor den Nazis rettete, beweist Netflix kein glückliches Händchen, wenn man Noemi Ehrat von ZeitOnline glauben kann. Bereits mit "Unorthodox" habe die Produzentin Anna Winger einen realen Fluchtstoff für Netflix gnadenlos verkitscht und poliert. In "Transatlantic" nun "bleiben nicht nur jegliche menschliche Ambivalenzen und Ambiguitäten auf der Strecke; die Serie läuft auch Gefahr, die Bedrohung des Faschismus nicht ernst zu nehmen. Es fehlt eben die besondere, beklemmende Stimmung, die 'Casablanca' zu einem großartigen Film machte. Ob Netflix mit dieser aufgerüschten Feel-Good-Dramedy der tatsächlichen Heldenhaftigkeit Golds, Frys und der anderen gerecht wird, bleibt mehr als fraglich." Anna Vollmer von der FAZ hatte an dieser Darstellung von NS-Geschichte allerdings ihren Spaß: "Transatlantic" ist eine "unterhaltsame, im besten Sinne massentaugliche Serie".

Weitere Artikel: In der NZZ verneigt sich Claudia Schwartz vor der HBO-Serie "Succession", die mit der aktuellen vierten Staffen zu Ende geht. Nora Moschuering wirft für Artechock einen Blick auf die Dokumentarfilme des Monats. Esther Buss empfiehlt im Tagesspiegel die Mubi-Retrospektive mit Filmen der 2020 gestorbenen Regisseurin Joan Micklin Silver. Rüdiger Suchsland macht sich auf Artechock anlässlich des letzten Diagonale-Jahrgangs von Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber philosophische Gedanken über das Aufhören. In der FAZ gratuliert Claudius Seidl Heiner Lauterbach zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Alex Gibneys Apple-Doku "Boom! Boom! The World vs. Boris Becker" (FR), Tarik Salehs Thriller "Die Kairo-Verschwörung" (ZeitOnline, Artechock), Ben Afflecks "Air" (Presse, Artechock, unsere Kritik), Robert Schwentkes "Seneca" mit John Malkovich (Standard), die Games-Verfilmung "Super Mario Bros" (Artechock, unsere Kritik), der Horrorfilm "The Pope's Exorcist" mit Russell Crowe (taz), der ARD-Film "Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster" mit Iris Berben (FAZ) und die Netflix-Doku "How I'm Feeling Now" über ein Tourette-Schicksal (Presse).