Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

3763 Presseschau-Absätze - Seite 130 von 377

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.04.2022 - Film



"Er hat die Erde vor einem todbringenden Asteroideneinschlag bewahrt, Terroristen unschädlich gemacht, Bomben entschärft und manch bösem Burschen vor dessen biologischem Ablaufdatum das Licht ausgeknipst", schreibt Karl Fluch im Standard im Nachruf zu Lebzeiten auf Bruce Willis. Der Schauspieler zieht sich wegen einer Aphasie aus der Öffentlichkeit zurück. Unter all den harten Männern des Actionkino hat er sich "eine Sonderstellung als Hollywoodstar erarbeitet", schreibt Anke Sterneborg auf ZeitOnline. "Weil er sich nie sonderlich ernst genommen hat, sein Machismo immer auch selbstironisch war und hinter jeder Kampfmaschine, die er spielte, auch ein kleiner Junge hervorblitzte, der einfach nur Spaß haben wollte." Was wird von Willis bleiben, fragt sich Tobias Kniebe in der SZ und ist sich sicher: "Dieses Gesicht, das man über all die Jahre so gern betrachtet hat, das einem dieses einzigartige Bruce-Willis-Filmgefühl gab, das man weder beschreiben noch richtig erklären kann. Jung, ironisch und schon fast unverschämt siegesgewiss in der Fernsehserie 'Das Model und der Schnüffler'; ein großes Deadpan-Komikergesicht bei Blake Edwards, in 'Blind Date'; das Einer-gegen-die-Übermacht-Gesicht aus 'Stirb langsam', wenn er - 'Yippee-ki-yay, motherfucker!' - sein Schicksal noch einmal dreht; oder dieser heilig-komische Ernst im Gesicht des Boxers aus 'Pulp Fiction', als es um die Uhr des Vaters geht und auf welch verschlungenen Wegen sie den Vietnamkrieg überstanden hat."

Nachklapp zur Oscar-Verleihung: Ein Trend zeichnet sich bei den großen Filmpreisen ab, kommentiert ein vom Oscar-Gewinner "Coda" ziemlich hingerissener Thomas Hummitzsch in seinem Intellectures-Blog. "Es sind junge Regisseurinnen, die auf den großen Bühnen der Filmwelt triumphieren. Und nein, es hat in Cannes, Venedig und Berlin nicht an großen Namen gemangelt. ... Diese jungen Regisseurinnen haben den (meist) männlichen Dinos ihrer Zunft den Rang abgelaufen. Sie alle haben in ihren Filmen Menschen in den Blick genommen, die marginalisiert, übersehen, ignoriert und diskriminiert werden. Ihre Triumphe zeigen, dass das Kino der alten weißen Männer tot ist."

Rüdiger Suchsland von Artechock glaubt, dass eine flapsige Bemerkung von Jane Campion gegenüber zwei schwarzen Frauen "Power of the Dog" um den Oscarregen gebracht hat, mit dem im Vorfeld gerechnet wurde (als beste Regisseurin wurde Campion freilich dennoch ausgezeichnet). So "gewann das läppische Feelgood-Movie gegen das komplexe Drama. Und Apple gewann gegen Netflix. Das ist vielleicht das Unsympathischste an der ganzen Oscar-Chose des letzten Wochenendes: Es war ein Wettbewerb zwischen Streaming-Diensten und zwischen Filmen, die für den Handy-Bildschirm gemacht waren, nicht für die Kinoleinwand."

Weitere Artikel: Rüdiger Suchsland setzt in seiner Artechock-Glosse wenig Hoffnungen auf die nächste Novelle des Filmförderungsgesetzes: "Die Lage ist immer noch deprimierend. Verbände verfolgen ihre Partikularinteressen; der Blick auf das Ganze des deutschen Films fehlt." Auf Artechock berichtet Sedat Aslan über die Tagung "Sehen und gesehen werden" über Diversität im Film. Dunja Bialas berichtet auf Artechock vom Ukraine-Schwerpunkt beim Filmfestival Vilnius.

Besprochen werden Juho Kuosmannens "Abteil Nr. 6" (Artechock, critic.de, unsere Kritik), Audrey Diwans "Das Ereignis" nach Annie Ernauxs gleichnamigem Roman (SZ, Intellectures, Artechock, critic.de, mehr dazu hier und dort), Asghar Farhadis "A Hero" (critic.de, Welt, Standard, unsere Kritik), die zweite Staffel der Netflix-Serie "Bridgerton" (NZZ), der Marvel-Vampir-Superheldenfilm "Morbius" mit Jared Leto (Presse) und Jerry Rothwells "Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann" (Artechock).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.03.2022 - Film

Melancholisch, der vertanen Chancen wegen: "Abteil Nr. 6"

Eine Finnin, eine Russe, eine Fahrt in einem Zug - das reicht dem finnischen Regisseur Juho Kuosmanen um die Filmkritik mit "Abteil Nr. 6" komplett zu verzaubern. Ein "in seiner faszinierenden Unscheinbarkeit reich orchestriertes Zweipersonenstück" sah FR-Kritiker Daniel Kothenschulte. "Die wunderbar gespielten Figuren überraschen, aber sie verbiegen sich dabei nicht. Was vor allem nostalgisch stimmt, ist die damalige politisch-kulturelle Reise, die heute auf gespenstische Weise historisch wirkt: die Hoffnung, dass ein Eiserner Vorhang, wenn erst einmal zertrümmert, nie wieder errichtet werden würde." Der Film spielt 1997, dem Jahr als Russland der NATO-Osterweiterung zustimmte und Finnland sich aus einer Wirtschaftskrise berappelte, schreibt Katrin Doerksen im Perlentaucher: "So manifestiert sich subtil, was in 'Abteil Nr. 6' nie artikuliert wird, jedoch immer als melancholische Grundstimmung in der Luft hängt: Der Film konserviert einen spezifischen Zeitpunkt in der jüngeren Geschichte; einen Moment, in dem plötzlich vieles möglich schien, von dem wir heute in unseren finsteren Momenten annehmen müssen, dass er nicht viel mehr war als eine vertane Chance." Ebenfalls sehr angetan von diesem Film sind Arabella Wintermayr in der taz, Gunda Bartels im Tagesspiegel und Barbara Schweizerhof (Freitag).

Unscheinbare Filmkunst: "A Hero" von Asghar Farhadi

Für "A Hero - Die verlorene Ehre des Herrn Soltani" erhielt Asghar Farhadi 2021 den Großen Jurypreis in Cannes, jetzt läuft er bei uns im Kino. Erzählt wird von Rahim Soltani, bei dem es gerade alles andere als rund läuft - bis er auf eine Tasche mit Münzen stößt, die ihm einen Ausweg bieten. Der iranische Regisseur spitzt das "moralische Dilemma" des Films meisterlich zu, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Die Kritik an den sozialen Medien, die laut Farhadi in seinem Land immer stärker als gesellschaftlicher Pranger fungieren, ist in "A Hero" dabei nur ein Nebeneffekt seines Moralstücks. In einem Land, das die Moral qua Religion sozusagen konstitutionell verankert hat, werden die Handlungsspielräume für alle Beteiligten immer kleiner. Bei Farhadi kommt niemand gut weg, trotzdem verliert 'A Hero' nie seinen Humanismus."

Philipp Stadelmaier von der SZ ist sich nach diesem Film sicher: "Zwischen dem Heroischen und Alltäglichen, der Monumentalität von Weltzeitaltern und dem Anstreichen von Wänden, liegt auch das Geheimnis der enormen und dabei doch fast unscheinbaren Filmkunst von Asghar Farhadi." Perlentaucher Michael Kienzl hingegen fühlte sich von Farhadi und dessen "sehr kalkulierten Mitteln" mitunter durchschaubar manipuliert. Doch "die Sogkraft, die dieses nuanciert inszenierte Eskalations- und Schauspielerkino entwickelt, lässt sich nicht leugnen."

Im taz-Gespräch erzählt Farhadi, warum er für diesen Film, nachdem sein vorangegangener Film in Spanien entstanden war, nun wieder in den Iran zurückgekehrt ist, wo sich Filmemachern erhebliche Hindernisse entgegen stellen: "Der Iran ist meine Heimat, dort lade ich meine kreativen Batterien wieder auf. Ich bin dort aufgewachsen, kenne die Menschen und ihre Mentalität, bin mit den Städten und Landschaften vertraut. Das macht das Arbeiten dort in vielerlei Hinsicht für mich entspannter und unkomplizierter. Natürlich gibt es auch Schwierigkeiten, schließlich ist es kein Geheimnis, dass es nicht immer einfach ist als Künstler im Iran. Aber solange es mir weiterhin gelingt, mich diesen Schwierigkeiten zu stellen und ich dort arbeiten kann, werde ich es auch weiterhin tun."

Weitere Artikel: Herwig G. Höller und Christian Schachinger werfen für den Standard einen Blick in die russischen Kriegsfilme der letzten Jahre, die vom russischen Staatsapparat gezielt finanziert wurden. Im Filmfilter denkt Benjamin Moldenhauer über die Faszinationskraft des Actionkinos von Michael Bay nach. Lisa Oppermann berichtet in der SZ von einer Tagung zu Diversität im Film. Daniel Haas erklärt uns in der NZZ anhand des Schauspiels von Jared Leto, was es mit Method Acting auf sich hat. Die Agenturen melden, dass die Academy ein Disziplinarverfahren gegen Will Smith eingeleitet hat und dass Will Smith sich nach seiner Ohrfeige trotz Aufruf weigerte, die Veranstaltung zu verlassen. Außerdem melden die Agenturen, dass Bruce Willis sich wegen gesundheitlicher Probleme vom Schauspiel zurückzieht - Gerüchte, dass bei ihm Demenz diagnostiziert wurde, häuften sich in letzter Zeit. Nun wurde bestätigt, dass er an Aphasie leidet.

Besprochen werden Audrey Diwans "Das Ereignis" (FR, taz, Freitag, Intellectures, mehr dazu bereits hier und dort). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich diese Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.03.2022 - Film


In der FAZ feiert Andreas Kilb in einer sehr schönen Besprechung Audrey Diwans Verfilmung von Annie Ernaux' Abtreibungserzählung "Das Ereignis", wobei er falschen Parallelen entschieden vorbaut: "'Das Ereignis' ist aber kein Nouvelle-Vague-Nachzügler, es steht in der Tradition eines Bresson oder Pialat. Schlimme Dinge mit schönen Frauen, so könnte man das Prinzip dieses Wahrheitskinos zusammenfassen. Die Schönheit ist sein Messer, um unsere ermüdete Urteilskraft aufzuwecken... Von Sartre, über den sie mit ihren Freundinnen spricht, kennt Anne vielleicht nur ein paar Zeilen, doch das Entscheidende hat sie verstanden: 'Der Mensch ist zuerst ein Entwurf.' Sie lebt diesen Satz. Auch darin liegt ein Unterschied zur Nouvelle Vague, die um die Abgründe immer diskutierend herumgetanzt ist. In 'Das Ereignis' sieht man nicht nur Tinte und Zigarettenrauch, sondern auch das Blut." Mehr bereits hier und in der NZZ.

In der NZZ kommentiert Andreas Scheiner Will Smiths Ohrfeige, mit der der Schauspieler auch Hollywoods Selbstverständnis als einem Hort des zivilisierenden Fortschritts ins Gesicht geschlagen hat. Melchior Poppe sammelt in der NZZ dazu passend die fünf kuriosesten Zwischenfälle aus der Geschichte der Oscars.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.03.2022 - Film

Katerstimmung nach der Oscarverleihung: Dass Will Smiths Ohrfeige (unser erstes Resümee) so geschichtsträchtig wie verwerflich und Ausdruck toxischer Gockelei war, darüber sind sich im wesentlichen alle (und seit gestern Abend auch Will Smith selbst) einig - wie auch darüber, dass mit dem "besten Film"-Oscar für Siân Heders "Coda", einer Gehörlosen-Tragikomödie, die ausschließlich auf AppleTV+ vor bislang kaum einem Publikum läuft, der falsche Film ausgezeichnet wurde. "Coda" mag ein "Triumph für die Teilhabe und Repräsentanz von Menschen mit Handicap" sein, urteilt Jenni Zylka in der taz, aber "konventionell und schlicht ist er dennoch". Sympathisch, aber handzahm findet den Film auch NZZ-Kritiker Andreas Scheiner: "Ein richtiger Fernsehfilm." Für Hanns-Georg Rodek von der Welt ist "Coda" im Grunde auch nur gutgemeinter Zeitvertreib: "Dramaturgisch ist die Geschichte vollkommen vorhersehbar", die Filmemacherin "erzählt die Geschichte ohne inszenatorischen Ehrgeiz".

Der Verlierer des Abends war das Kino, seufzt Daniel Kothenschulte in der FR: Die wichtigsten Goldjungen gingen an Filme, die kaum je einmal einen Kinosaal illuminiert haben. "Coda" überzeugt ihn auch nur halb: "Es ist ein sympathischer aber doch künstlerisch wenig origineller, ja formelhaft erzählter Coming-of-Age-Film, der vieles übertreibt und wo immer es geht auf höchste Emotionalisierung setzt. Wer das Kino liebt, musste erleben wie einer der besten Filme der Saison leer ausging: 'Licorice Pizza' unterlag sogar beim Drehbuch gegenüber Kenneth Branaghs 'Belfast'."

Für Susan Vahabzadeh von der SZ wäre allerdings auch Jane Campions "Power of the Dog" nicht unbedingt der bessere Film gewesen (korrigiert): "Welche Emotionen aber will Jane Campion eigentlich mit 'Power of the Dog' im Zuschauer auslösen? Bei ihr geht es darum, ob eine physische Reaktion - in diesem Film ist die Reaktion schlicht ein Mord - eine angemessene Reaktion auf verbale Diskriminierung ist. Und der Film lässt einen mit dem schalen Gefühl zurück, dass Jane Campion gar keine Lust hat, in dieser Frage Zweifel zu säen."

Mehr zu den Oscars: Anke Leweke würdigt auf ZeitOnline Jane Campion, deren "Power of the Dog" von zwölf Nominierungen zwar nur eine umsetzen konnte, diese ging dafür aber auch direkt an die Regisseurin. Berit Dießelkämper hat sich für das ZeitMagazin nach Smiths Ohrfeige die Diskussionen darüber auf Social Media angesehen. Richard Kämmerlings bringt in der Welt Notizen aus der Kulturgeschichte der Ohrfeige.

Weitere Artikel: Im taz-Interview klagt die Trans-Schauspielerin Adél Onodi, dass sie nur selten cis-Frauen spielen darf, aber umso häufiger schlecht geschriebene Trans-Rollen angeboten bekommt. Besprochen werden Michael Bays "Ambulance" (Filmfilter, unsere Kritik), Gaspar Noés Ende April bei uns startender "Vortex" mit Dario Argento (Cargo) sowie William Dubas' und János Keresztis ARD-Reportage "Heimreise in den Krieg" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2022 - Film

"Coda" gewinnt den Oscar für den "besten Film" (Apple)

Die Oscars sind vergeben - hier alle Auszeichnungen mit den Dankesreden auf einen Blick. Es war eine Erfolgsnacht für die Streamer (siehe dazu auch Andreas Busches Vorabbericht im Tagesspiegel): Die "Beste Regie" geht an Jane Campion für den auf Netflix gezeigten Anti-Western "Power of the Dog" (unsere Kritik), als bester Film wird die Apple-Produktion "Coda" (mehr dazu hier) ausgezeichnet, ein Remake des französischen Films "Verstehen Sie die Béliers?" von 2014, was in der Oscarnacht rätselhafterweise unerwähnt blieb. Die meisten Auszeichnungen (allerdings vorrangig in technischen Kategorien) gingen an Denis Villeneuves "Dune" (unsere Kritik). "Power of the Dog" ging mit Nominierungen im zweistelligen Favorit als haushoher Favorit in den Abend, es blieb allerdings bei der einen Auszeichnung für Campion, "Coda" hingegen schaffte es, alle drei Nominierungen erfolgreich umzusetzen. "Hollywood's paranoia towards Netflix has led to an Oscar for a movie that was never shown in cinemas all over the world", kommentiert dazu der Filmkritiker Patrick Wellinski entgeistert auf Twitter, dessen Live-Kommentierung der letzten Nacht ohnehin lesenswert ist. "Übrigens haben wir bei Apple wegen einem Screening von CODA bei der Oscarnacht angefragt und eine Absage kassiert, weil sie den Film nicht für Kinoscreenings freigeben", kommentiert ebenfalls auf Twitter das Wiener Gartenbaukino.

Um die Welt ging allerdings eh ein anderer Moment: Nachdem Chris Rock das Publikum in typischer Oscar-Manier aufs Korn genommen hatte, stürmte Will Smith - der später als "bester Hauptdarsteller" ausgezeichnet wurde (siehe dazu Adrian Daubs Vorabporträt auf ZeitOnline) - die Bühne und ohrfeigte den Comedian vor Live-Kameras, weil er meinte, seine Frau, die Schauspielerin Jada Pinkett Smith, vor den (allerdings auch ziemlich giftigen) Frotzeleien in Schutz nehmen zu müssen.



Ein vorab verabredeter Gag? Offenbar nicht, wie der Hollywood Reporter berichtet und auch Variety nahelegt. Auch in der "Highlights 2022"-Sektion taucht der Moment nicht auf, was ebenfalls für eine Entgleisung spricht. Von einem "toxischen Gewaltakt" spricht Patrick Wellinski auf Twitter. In seiner unter Tränen gehaltenen Dankesrede für seinen Oscar spricht Smith davon, dass auch der von ihm im Sportdrama "King Richard" verkörperte Richard Smith "ein furchtloser Verteidiger seiner Familie war" und dass "Liebe einen verrückte Dinge tun" lasse. "Selten zuvor hat sich die Scheinheiligkeit Hollywoods derart frappant offenbart", kommentiert Peter Huber in der Presse. "Smith stellte sich als Kämpfer für die Liebe dar, obwohl er nur Minuten zuvor gewalttätig geworden war."

Im Vorfeld heiß diskutiert war die Tatsache, dass einige Auszeichnungen vorab stattfanden und aus der TV-Gala ausgelagert wurden. "Kompakter, dramaturgisch geglückter erschien der Abend dadurch nicht, die Veranstaltung wirkte vielmehr zerhackt und ratlos, ein seltsames Potpourri aus müden Witzen und bemühten Einlagen", schreibt Dominik Kamalzadeh im Standard.

Weitere Artikel: Im Standard sprechen der Regisseur Ulrich Seidl und der Schauspieler Michael Thomas über ihren neuen Film "Rimini". Für ZeitOnline berichtet Dirk Peitz von seiner Zoom-Begegnung mit dem Filmemacher Mike Mills, dessen "Come On, Come On" eben in den hiesigen Kinos angelaufen ist (mehr dazu hier). Die FAZ hat Marc Zitzmanns Empfehlung für den cinephilen Streamingdienst La Cinetek online nachgereicht. Andreas Scheiner berichtet in der NZZ von der Vergabe des Schweizer Filmpreises, bei der Elie Grappes "Olga" als Vorab-Favorit den Abend abräumte.

Besprochen werden Alina Gorlovas ukrainischer Dokumentarfilm "This Rain Will Never Stop" (taz, mehr dazu bereits hier und dort) und die auf AppleTV gezeigte, koreanische Serie "Pachinko" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.03.2022 - Film

Juliane Liebert porträtiert für die SZ die in Kiew lebende Dokumentarfilmemacherin Alina Gorlova, deren aktueller Film "This Rain Will Never Stop" über einen Syrer in der Ukraine gerade in den Kinos läuft (unser Resümee). Aus ihrem Land fliehen möchte sie nicht: "Ich möchte zeigen, dass ich keine Angst habe", sagt sie. "Ich möchte zeigen, dass es in dieser Stadt viele Menschen gibt, die Russland hier überhaupt nicht sehen wollen. Außerdem wollen wir den anderen helfen, den Zivilisten und unserem Militär." Und der Produzent ihres Films, Maksym Nakonechnyi, ergänzt: "Wenn wir jetzt fliehen und nicht so viel tun, wie wir können, um das zu stoppen, was jetzt gerade passiert, wird es keinen sicheren Ort geben. Es wird uns verfolgen, wohin auch immer wir gehen." Und einen Linktipp nehmen wir aus dem Gespräch mit: Die Streamingplattform Takflix zeigt ukrainisches Kino.

Ebenfalls in der SZ zerbricht sich Tobias Kniebe den Kopf darüber, ob bei der Oscarverleihung in der Nacht von Sonntag auf Montag Statements zum Ukrainekrieg oder gar eine Schalte zu Selenskij statthaft wären oder nicht. Beim Irakkrieg 2003 war die Veranstaltung - inklusive Michael Moores "Shame on You"-Ansprache an Bush - ziemlich angespannt. "Eine ähnlich kraftvolle Verdammung von Putin in diesem Jahr wäre mindestens genauso richtig und wichtig, aber eben nicht dasselbe. Weil im Westen nahezu universaler Konsens, weil schon millionenfach vorher ausgesprochen, weil einfach das Offensichtliche. Viele Stars könnten schon deshalb davor zurückscheuen, es noch einmal zu sagen. Gut wäre da schon eine besondere Idee. Wie etwa Arnold Schwarzenegger sie hatte, der seine enorme Popularität in Russland dafür genutzt hat, ein Video direkt für die Russen aufzuzeichnen - die Wahrheit über den Krieg, aber clever eingehüllt in eine Botschaft der Liebe für das Land und seine Menschen."

Weitere Artikel: Im Standard führt Dominik Kamalzadeh durch die Filmografie des Regisseurs Mike Mills, dessen aktueller Film "Come On, Come On" in der Jungle World besprochen wird (mehr dazu bereits hier). Für die NZZ hat sich Andreas Scheiner mit dem Actionregisseur Michael Bay getroffen, dessen neuer Reißer "Ambulance" in der SZ besprochen wird (unsere Kritik hier). Daniel-C. Schmidt wirft für ZeitOnline vor der Oscarverleihung einen Blick in die Geschichte des Method-Acting. Bei den Filmfestspielen in Cannes übernimmt mit Iris Knobloch, die zuvor lange für WarnerMedia arbeitete, erstmals eine Frau den Posten des Präsidenten, berichtet Tim Caspar Boehme in der taz. In der FAZ gratuliert Claudius Seidl dem Schauspieler Michael York zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Zaida Bergroths Biopic "Tove" über die Künstlerin Tove Jansson (SZ, unsere Kritik hier), das auf Disney+ gezeigte Biopic "The Eyes of Tammy Faye" mit Jessica Chastain als Fernsehpredigerin (Presse) und die zweite Staffel der Netflix-Serie "Bridgerton" (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2022 - Film

"In welcher Zeit leben wir eigentlich", ärgert sich Dunja Bialas auf Artechock nach diversen überschwänglichen Boykottaktionen der Festivalbranche und nach dem Rausschmiss Sergei Loznitsas aus der Ukrainischen Filmakademie, die ihm Verrat an der Nation vorwarf, weil er sich mit russischen Filmemachern, die gegen den Krieg sind, solidarisierte. Rasch werde "sichtbar, wie sich die Pauschal-Boykotte russischen Filmschaffens in Symbolpolitik und Lippenbekenntnissen verlieren." Das Filmfestival Vilnius, das russische Filme aus dem Programm genommen hat, schreibt in einer Pressemitteilung unter anderen: "'Films inspire us to define the difference between good and evil.' Filme als moralisches Instrument der Unterscheidung von Gut und Böse? Gerade die Dialektik, die Dekonstruktion und das Schwebende, wie bei Loznitsa, machen doch die große Kunst aus, und das Uneindeutige und Denkanstößige."

Außerdem: Cosima Lutz (Welt) und Mariam Schaghaghi (FAZ) sprechen mit Joaquin Phoenix über seinen neuen, auf Artechock besprochenen Film "Come on, Come on" (mehr dazu bereits hier). Sedat Aslan wirft für Artechock einen Blick ins Programm der Türkischen Filmtage in München. Auf Artechock gratuliert Rüdiger Suchsland Michael Haneke zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Benny Chans auf BluRay veröffentlichter Actionfilm "Raging Fire" (critic.de), Alina Gorlovas Dokumentarfilm "This Rain Will Never Stop" über einen geflüchteten Syrer in der Ukraine (Artechock, Tsp, mehr dazu hier), Zaida Bergroths Biopic "Tove" über Tove Janson (Artechock, Tsp, FAZ, unsere Kritik hier), die zweite Staffel von "Euphoria" (FAZ, Freitag), die zweite Staffel der Netflix-Serie "Bridgerton" (Presse) und Michael Bays "Ambulance" (FAZ, unsere Kritik hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.03.2022 - Film

Etüde über Körperlichkeit: Audrey Diwans "Das Ereignis"

Das französische Kino hat wieder einen hervorragenden Lauf, freut sich Katja Nicodemus in der Zeit: Mit Céline Sciammas "Petite Maman" (mehr dazu bereits hier), Audrey Diwans Venedig-Gewinner "Das Ereignis" (mehr dazu hier, dort und hier), nach Annie Ernauxs gleichnamigen Roman und Jacques Audiards "Wo in Paris die Sonne aufgeht", die alle in kurzer Folge in die Kinos kommen, kann man sich auch bei uns davon einen Eindruck verschaffen. Diwans Abtreibungsdrama etwa "ist ein sinnlicher Film, eine Etüde über Körperlichkeit. Er zeigt junge Frauen, die ihre Sexualität nicht leben dürfen, während alles darum kreist. ... Im Film wie im Buch verwandeln sich Ohnmacht und Einsamkeit in einen gefahrvollen Weg der Selbstbestimmung. In beiden wird die sechzig Jahre zurückliegende Gegenwärtigkeit zum erschütternd durchlebten Hier und Jetzt. Und es ist ja auch unglaublich, dass das alles noch gar nicht lange her ist."

Wenn der Onkel mit dem Neffen einmal ausgeht... (Julieta Cervantes)

Aus der aktuellen Startwoche breit besprochen wird Mike Mills' schwarzweißes Generationendrama "Come on, Come on" mit Joaquin Phoenix als Onkel, der sich seinem Neffen annähert. Dieser Film "ist so leise und zart, dass man wohl brüllen müsste, wie großartig er ist, damit er nicht untergeht im Getöse der Zeit", schreit Susan Vahabzadeh in der SZ. Ein "subtiles, sanftes Roadmovie" sah Freitag-Kritikerin Dobrila Kontić und gab sich dessen "wohltuenden Mäandern" trotz kleinerer Kritikpunkte gerne hin. Das Kino suche derzeit "die emotional unverstellte Auseinandersetzung mit sich selbst und anderen", fällt Presse-Kritiker Andrey Arnold auf - und "Come On, Come On" ist nun der "liebliche Hipster-Beitrag zum Leinwandtrend". Immerhin: "Den potenziell hohen Kitschfaktor des Plots dampft Mills mit seinem gewohnt feinsinnigen, anheimelnd poetischen Stil auf ein erträgliches Maß ein."

Ja, sicher, Joaquin Phoenix, toller Schauspieler, schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. Aber die Sensation des Film ist der Kinderschauspieler Woody Norman als Neffe Jesse. "Und was die Kunst der Komödie betrifft, entsteht in der Verbindung aus schwarz-weißer Großstadtfotografie und hinreißenden Dialogen eine Art Neuerfindung des Woody-Allen-Prinzips für die Gegenwart: geistreich und voller Leben, aber frei von Egozentrik und Außenseiterromantik." Weitere Besprechungen in taz und Tagesspiegel.

Außerdem: Michael Pilz erinnert in der Welt an die Odessa-Szenen in Sergei Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin". Besprochen werden Zaida Bergroths Biopic "Tove" über die Mumins-Schöpferin Tove Jansson (Perlentaucher, taz), Michael Bays Actionreißer "Ambulance" (Perlentaucher, FR, taz, Standard, Tsp), eine Ausstellung in der Cinémathèque Française über Romy Schneider (SZ), Alireza Golafshans deutsche Partykomödie "JGA" (SZ, ZeitOnline), Oliver Krachts "Trümmermädchen" (Freitag) und Silvina Landsmanns Dokumentarfilm "The Good Soldier" über israelische Soldaten (SZ). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich diese Woche wirklich lohnen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.03.2022 - Film

Gegen den Krieg, ohne Krieg zu zeigen: "Alina Horlowas "This Rain Will Never Stop"

Alina Horlowas essayistischer Dokumentarfilm "This Rain Will Never Stop" befasst sich mit der Lebensrealität in der Ostukraine, schreibt Katharina Böhm auf ZeitOnline - ein Antikriegsfilm ohne Krieg zu zeigen. "Vielmehr beschreibt die 1992 in Saporischschja geborene Regisseurin, was das Leben der Menschen nach einem akuten Kriegszustand bestimmt", und "erzählt behutsam und geduldig von kleinen, alltäglichen Szenen im besetzten Gebiet, wie sie sich in Fotos oder Nachrichtenclips kaum auszudrücken vermögen. ... Ob Vyacheslav Tsvetkovs Kamera einem alten Mann bei der Fütterung seiner Zicklein folgt oder dem Bau eines Panzers: Die schwarz-weißen Aufnahmen verbreiten eine geradezu friedliche Atmosphäre. Es sind fast ausschließlich die Hintergrundgeräusche, die den Eindruck ländlicher Idylle stören: das Echo von Detonationen, das Anklingen von Gleichschritt. Erst allmählich wachsen die nummerierten Studien aus Landschaftsansichten, feierlichen Militärparaden und Alltagsszenen zusammen."
 
"Nationalismus ist noch immer das Gift hinter allen Kriegen gewesen; ihn ausgerechnet von Künstlerinnen und Künstlern einzufordern, ist beunruhigend", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR zum Rauswurf Sergei Loznitsas aus der Ukrainischen Filmakademie, in deren Augen sich der Filmemacher zu wenig zu seinem Land bekannte, weil er Solidarität mit jenen russischen Kollegen forderte, die sich gegen den Krieg in der Ukraine aussprechen. Dabei "sind für Loznitsas Kunst die Zwischentöne entscheidend. Viele seiner Dokumentarfilme, besonders eindrucksvoll 'Maidan' (2014), führen die filmische Beobachtung an jenen Punkt, an dem sich das Zufällige schon allein durch die Ausdauer des Betrachtens zum historischen Tableau verdichtet. Seine Spielfilme nehmen gern dieses Stilmittel der langen Einstellungen auf und lenken dabei den Zufall noch ein Stückchen weiter - in die Richtung eines Realismus des Absurden."

Außerdem: Die FR plaudert mit Filmkomponist Hans Zimmer, der bei der Verleihung am am kommenden Wochenenden auf einen Oscar hoffen darf. Christian Schröder schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf die Schauspielerin Eva-Ingeborg Scholz. Andreas Kilb (FAZ), Andreas Busche (Tsp) und Philipp Stadelmaier (SZ) gratulieren Michael Haneke zum 80. Geburtstag. Besprochen wird die Netflix-Serie "The Andy Warhol Diaries" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.03.2022 - Film

Sergei Loznitsa reagiert auf seinen Rauswurf aus der Ukrainischen Filmakademie (unser Resümee), berichtet Tobias Kniebe in der SZ: Der Filmemacher "empört sich darüber, "dass der Begriff 'Kosmopolit' in seiner Heimat nun wieder als Schimpfwort verwendet werde - das sei ein Rückfall in die schlimmsten Zeiten des späten, antisemitischen Stalinismus. Was propagiere die ukrainische Filmakademie denn jetzt, fragt er und antwortet: 'Nicht eine zivilisierte Haltung, nicht den Wunsch, alle zurechnungsfähigen und freiheitsliebenden Menschen im Kampf gegen die russische Aggression zu vereinigen, nicht die internationale Anstrengung aller demokratischen Länder, diesen Krieg zu gewinnen - sondern 'nationale Identität'. Unglücklicherweise ist dies Nazitum. Ein Geschenk für die Propaganda des Kremls.'

Weitere Artikel: Andreas Busche porträtiert im Tagesspiegel den Filmrestaurator Martin Koerber, der nach 35 Jahren in seiner Tätigkeit in den Ruhestand geht. In der taz spricht der israelische Filmemacher Nadav Lapid über seinen Film "Aheds Knie" (mehr dazu hier). Im Tagesanzeiger gratuliert Hans Jürg Zinsli Will Smith schon einmal vorab zur Auszeichnung mit dem Oscar, den der Schauspieler Zinsli zufolge quasi schon in der Tasche hat.

Besprochen werden Mike Mills' "Come on, come on" mit Joaquin Phoenix (online nachgereicht von der FAS) und die Netflix-Serie "Inventing Anna" (FR).